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Die Monikins

James Fenimore Cooper: Die Monikins - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Monikins
year1835
publisherJ. D. Sauerländer
translatorCarl Friedrich Meurer
seriesCooper's sämmtliche Werke
addressFrankfurt
senderwww.gasl.org,www.gaga.net
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20050816
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Zweites Kapitel.

Neue Lords. – Neue Gesetze. – Gyration, Rotation und noch eine Nation; auch eine Invitation.

Ich fühlte, meine Lage war nun ganz sonderbar. Freilich war meine Bescheidenheit ganz unerwartet durch die scharfsinnige Wendung geschont worden, die Doktor Raisono der Geschichte von unsrer Verbindung mit einander gegeben hatte; aber ich konnte nicht finden, daß ich irgend einen andern Vortheil dadurch erlangt hätte. Alle von meiner eignen Art hatten mich gewisser Maßen verstoßen, und ich war genöthigt, niedergeschlagen und gedemüthigt mich nach dem Wirthshaus zu wenden, wo das von Poke bestellte Gastmahl unserer wartete. Ich war auf den großen freien Platz gekommen, als ein Schlag auf mein Knie meine Aufmerksamkeit auf jemand neben mir zog. Der sich Aufdringende war ein Monikin, der alle physische Eigenthümlichkeiten eines Unterthans von Springhoch hatte, der sich jedoch von den meisten Einwohnern dieses Landes durch einen längern und weniger sorgfältig behandelten Wulst auf seinem Naturgewand, durch größere List im Ausdruck der Augen und des Mundes, durch ein geschäftiges Ansehn und, eine große Neuheit, durch einen gestutzten Schweif auszeichnete. Er war offenbar von dem am wenigsten begünstigten Wesen seiner Art begleitet, das ich jemals gesehen. Der Erstere redete mich an:

»Guten Morgen, Sir hohe Goldenkalb!« begann er mit einer Art Stoß, der, wie ich später erfuhr, ein diplomatischer Gruß sein sollte; »Ihr habt heute gerade nicht die beste Behandlung erfahren, und ich habe auf eine gute Gelegenheit gewartet, Euch mein Bedauern darüber zu bezeigen und meine Dienste anzubieten.«

»Sir, Ihr seid zu gütig; ich fühle mich etwas gekränkt, und muß sagen, Teilnahme ist meinem Gefühl sehr angenehm. Ihr müßt mir indeß erlauben, mein Erstaunen zu erkennen zu geben, daß Ihr mit meinem wahren Namen wie mit meinem Unglück bekannt seid.«

»Ei, Sir, die Wahrheit zu sagen, ich gehöre zu einem forschenden Volk. Die Bevölkerung ist in meinem Land sehr zerstreut, und so haben wir das Nachfragen uns angewöhnt, das bei einem solchen Zustand der Dinge sehr natürlich ist. Ich denke, Ihr müßt bemerkt haben, daß auf einer Landstraße Ihr selten an Einem ohne ein Nicken vorübergeht, während Ihr Tausenden in einer lebhaften Gasse ohne einen Blick begegnet. Diesen Grundsatz entwickeln wir weiter und lassen nur eine Thatsache aus Mangel an löblicher Neugier uns entwischen.«

»Ihr seid also kein Unterthan von Springhoch?«

»Gott bewahre! Nein. Herr, ich bin ein Bürger von Springniedrig, einer großen und glorreichen Republik, die drei Tagreisen zur See von dieser Insel liegt; eine ganz neue Nation, die alle Vortheile der Jugend und Kraft genießt, und ein wahres Wunder ist wegen der Kühnheit ihrer Begriffe, der Reinheit ihrer Einrichtungen und ihrer heiligen Achtung vor den Rechten der Monikins. Ich habe die Ehre, außerdem der außerordentliche Gesandte und bevollmächtigte Minister der Republik bei dem König von Springhoch zu sein, ein Volk, von dem wir ursprünglich abstammen, das wir aber auf der Laufbahn des Ruhms und Nutzens weit hinter uns gelassen. Ich muß Euch als Erwiedrung für den Vorzug, den ich in Hinsicht Eurer in diesem Punkt habe, mit meinem Namen bekannt machen.«

Hierauf legte mein neuer Bekannte mir eine von seinen Visitenkarten in die Hand, worauf stand, wie folgt:

»General – Kommodore – Richter – Kolonel, Volksvollmächtigter Minister der Republik Springniedrig bei Sr. Majestät dem König von Springhoch.«

»Herr,« sagte ich und nahm mit einer tiefen Verbeugung den Hut ab, »ich wußte nicht, mit wem ich die Ehre zu sprechen hatte. Ihr scheint eine große Menge von Aemtern und ohne Zweifel mit gleichem Geschick zu bekleiden.«

»Ja, Sir, ich glaube, ich bin in dem einen meiner Geschäfte so gut als in dem andern.«

»Ihr werdet mir jedoch die Bemerkung erlauben, General – Kom – Richter – ich weiß kaum, welcher dieser Titel am meisten nach Eurem Geschmack ist.«

»Nehmet, welchen Ihr wollt, Sir; ich begann mit General, war aber bis zum Kolonel herabgekommen, ehe ich die Heimath verließ. Volksfreund ist die einzige Benennung, woran ich halte. Nennt mich so, Sir, und dann mögt Ihr noch hinzufügen, was Euch beliebt.«

»Sir, Ihr seid zu gefällig. Darf ich fragen, ob Ihr in eigner Person wirklich alle diese verschiedenen Stellungen im Leben bekleidet habt?«

»Freilich, Sir; ich hoffe, Ihr haltet mich nicht für einen Betrüger.«

»Ich bin weit davon entfernt. Aber Richter und Kommodore zum Beispiel sind zwei Stände, deren Pflichten in Menschen-Angelegenheiten so gänzlich verschieden sind, daß ich selbst bei einem Monikin die Verbindung derselben ein wenig außerordentlich finde.«

»Gar nicht, Sir. Ich ward gehörig zu Beidem gewählt, diente meine Zeit darin aus und hab' für beide ehrenvolle Abschiede aufzuweisen.«

»Ihr müßt einige Schwierigkeit in der Ausübung so verschiedener Pflichten gefunden haben?«

»Ah, ich sehe. Ihr seid lang genug in Springhoch gewesen, um einige seiner Vorurtheile anzunehmen. Es ist ein in Vorurtheilen befangnes, trauriges Land. Ich selbst blieb mit meinem Fuß in einigen von ihnen stecken, sobald ich das Land berührte; ei, Sir, meine Karte ist eine Erklärung dessen, was wir in Springniedrig Rotation im Amt nennen.«

»Rotation im Amt?«

»Ja, Sir; es ist ein System, das wir für unsre eigne Bequemlichkeit erfanden, und das wahrscheinlich dauerhaft sein wird, da es auf ewigen Principien ruht.«

»Darf ich fragen, Kolonel, ob es einige Verwandtschaft mit dem socialen Anhaltspunkt-System hat.«

»Nicht im Geringsten. Dieses, wie ich's verstehe, ist ein stationäres, während das andre ein rotirendes ist. Nichts ist einfacher. Wir haben in Springniedrig zwei ungeheure Kasten von der Gestalt der Räder. In den einen werfen wir die Namen der Bürger, in den andern die der Aemter. Wir ziehen dann, wie bei einer Lotterie, und das gilt für ein Jahr.«

»Ich finde diesen rotirenden Plan außerordentlich einfach, – geht er so gut, als er es verspricht?«

»Mit der größten Vollkommenheit. Wir schmieren natürlich die Räder zu gewissen Zeiten.« »Und werden nicht manch Mal Betrügereien von denen begangen, die zur Ziehung der Zettel auserwählt werden?«

»O, sie werden ganz auf dieselbe Art gewählt.«

»Aber die, welche für sie die Zettel ziehen?«

»Alles rotirend; sie werden ganz auf dieselbe Art gezogen.«

»Aber es muß doch ein Anfang sein; die wieder, die ihre Zettel ziehen, können das Vertrauen hintergehen.«

»Unmöglich; sie sind immer die patriotischsten Patrioten des Landes; nein, nein, Sir, wir sind keine solche Gimpel, um der Bestechung freies Feld zu lassen. Alles kommt auf den Zufall an; der Zufall macht mich heute zum Kommodore, zum Richter morgen. Der Zufall macht die Lotteriejungen und die Patrioten. Man muß sehen, um zu verstehen, wie viel reiner unser Lotterie-Patriot ist, als einer, der dazu erzogen worden.«

»Ei, das schmeckt aber immer nach der Lehre von der Abstammung, die wenig besser, als Sache des Zufalls ist.«

»Es wäre freilich so, Sir, wenn dieser Zufall nicht in einem patriotischen System wurzelte. Unsre erprobten Patrioten sind unsre Bürgen gegen Mißbräuche.«

»Hm!« fiel der Begleiter des Kommodore Volksfreund mit einer seltsamen Vernehmbarkeit ein, als wolle er sich uns bemerkbar machen. »Sir John, ich bitte, meine große Vergessenheit zu entschuldigen, laßt mich meinen Mitbürger, Brigadier Geradaus, Euch vorstellen, einen Mann, der, wie Ihr, auf der Reise ist, und ein so vortrefflicher Bursche, wie nur immer im ganzen Monikin-Land zu finden.«

»Brigadier Geradaus, bitte um die Ehre Eurer Bekanntschaft; aber, ihr Herren, auch ich bin sehr unhöflich gewesen. Ein Banket, das hundert Promessen gekostet, wartet auf mich; und da einige der erwarteten Gäste nothwendig abwesend sein müssen, könnten wir, wenn Ihr mich mit Eurer angenehmen Gegenwart beehren wollt, eine angenehme Stunde in fernerm Besprechen dieser wichtigen Interessen zubringen.«

Da keiner der Fremden das Geringste gegen den Vorschlag einwendete, saßen wir alle bald gemächlich am Tisch. Der Kommodore, der wohl genährt schien, erwies dem Banket nur wenig Ehre, aber Geradaus griff es an mit Zähnen und Nägel, und ich hatte nicht sehr Ursache, Poke's Abwesenheit zu bedauern. Indeß stockte die Unterhaltung nicht.

»Ich denke, ich verstehe die äußeren Umrisse Eures Systems, Richter Volksfreund,« begann ich wieder, »nur den Theil ausgenommen, der sich auf die Patrioten bezieht. Dürft' ich noch um einige Belehrung über diesen besondern Punkt bitten?«

»Gewiß, Sir. Unser Staatsgebäude ist auf einen Wink von der Natur gegründet, eine Basis, wie Ihr zugeben werdet, breit genug, das Weltall zu tragen. Als Volk sind wir ein Schwarm, der früher von Springhoch ausging; und als wir uns frei und unabhängig sahen, machten wir uns alsbald daran, das Staatsgebäude nicht nur auf sichre Grundlage, sondern auch sichre Principien zu gründen. Da wir bemerkten, daß die Natur in Duplikaten verfährt, verfolgten wir den Wink als leitende Idee–«

»In Duplikaten, Kommodore?«

»Freilich, Sir John! Ein Monky hat zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenlöcher, zwei Lungen, zwei Arme, zwei Hände, zwei Beine, zwei Füße und so fort. Auf diesen Wink hin verordneten wir, daß in jedem Distrikt von Springniedrig zwei deutliche und getrennte Linien in der Idee gezogen werden sollten, die sich in rechten Winkeln durchschnitten. Diese hießen die politischen Landmarken des Landes, und man erwartete, jeder Bürger würde sich an einer oder der andern hin rangiren. All das müßt Ihr indeß nur als eine ideelle, nicht wirkliche Vorkehrung ansehen.«

»Ist die Verpflichtung dieser moralischen Vorkehrung gebietend?«

»Zwar nicht gesetzlich, aber wer sie nicht achtet, ist gleichsam aus der Mode und wird so allgemein für einen armen Teufel gehalten, daß der Gebrauch weit mehr, als Gesetzeskraft für sich hat. Erst wollte man es in die Konstitution aufnehmen. Aber einer unsrer erfahrensten Staatsmänner zeigte so klar, wir würden dadurch nicht nur das Wesen der Verpflichtung schwächen, sondern auch sehr wahrscheinlich eine Partei dagegen aufregen, daß die Idee wieder aufgegeben ward. In der That, wenn etwas, so scheint sowohl der Buchstab, als der Geist der Konstitution sich ein wenig dagegen aufzulehnen; aber da der Gebrauch gehörig durch Folgerung eingeführt worden, ist er jetzt Bein von unserm Bein und Fleisch von unserm Fleisch. Nun, Sir, nachdem diese beiden politischen Landmarken recht gezogen worden, muß es nun die erste Bemühung dessen, der für einen Patrioten gelten will, sein, eine Uebung darin zu erhalten, mit den Fußspitzen schnell und mit Leichtigkeit auf der Marke hinzugehn. Aber wenn ich meine Sätze durch einige Experimente erläutre, werdet Ihr Alles um so besser verstehn; denn obwohl freilich die wahren Evolutionen rein ideell sind, wie ich Euch schon zu sagen die Ehre gehabt habe, haben wir doch ein anschauliches Mittel angeordnet, das mit unsern Gewohnheiten sehr stimmt und womit der Neophyte immer anfängt.«

Hier nahm der Kommodore ein Stück Kreide und zog zwei sehr deutliche Linien mitten durch das Zimmer, die sich in rechten Winkeln durchkreuzten. Als dies geschehen, stellte er die Füße zusammen, und hieß mich dann untersuchen, ob es möglich wäre, etwas von den Dielen zwischen seinen äußersten Zehen und den Linien zu sehen. Nach einem genauen Blick mußte ich mit Nein antworten.

»Das nennen wir die Marke betreten; es ist sociale Stellung No. 1. Fast jeder Bürger wird darin auf der einen oder der andern Linie erfahren. Nachher beginnt, wer sein Glück weiter treiben will, seine Carriere mit dem großen rotatirenden Princip.«

»Verzeiht, Kommodore, wir nennen es rotirend.«

»Sir, das ist nicht ausdrucksvoll genug. Jetzt will ich Euch Stellung No. 2 zeigen.

Hier machte der Kommodore einen Sprung, und warf seinen Körper, wie ein Soldat es nennen würde, gerade rechtsum, und brachte zugleich seine Füße ganz auf die andre Seite der Linie, immer aber genau die Marke berührend.

»Sir,« sagte ich, »das war sehr brav; aber ist diese Evolution auch so nützlich, als sie geschickt ist?«

»Sie hat den Vortheil, daß sie die Fronte wechselt; ein Manöver, so nützlich in der Politik, als im Krieg.«

So zeigte er mir noch viele solcher Positionen, und ich äußerte meinen Beifall darüber, und fragte, ob Viele dieselbe Geschicklichkeit erlangten. Der Kommodore und Brigadier lachten über die Einfalt der Frage; der Erstere antwortete: »das Volk von Springniedrig sei so außerordentlich thätig und kühn, und beide Linien seien so geschickt geworden, daß auf's Kommando-Wort sie ihre Sprünge eben so sehr auf's Tempo und ganz so schnell machten, als ein Garde-Regiment die Patrontasche auf und zu klappte.«

»Wie, Sir,« rief ich voll Verwundrung aus, »die ganze Bevölkerung?«

»Allerdings, Sir, dann und wann findet sich ein Pfuscher, aber er wird alsbald weggebracht und zählt im Ganzen für nichts.«

»Aber bis jetzt, Kommodore, sind Eure Evolutionen viel zu allgemein, um die selt'ne Auswahl von Patrioten zuzulassen, da ja Patriotismus gewöhnlich ein Monopol ist.«

»Sehr wahr, Sir John! Ich will deßhalb ohne Weiteres zur Hauptsache übergehen. So weit ist es allerdings, wie Ihr sagt, Sache der ganzen Bevölkerung, da Wenige die Marke zu betreten oder die nöthigen Sprünge, wie Ihr es scharfsinnig genannt, zu machen sich weigern. Die Linien, wie Ihr bemerkt haben mögt, durchkreuzen sich in rechten Winkeln, und so ist natürlich einiges Drängen und manch Mal auch viel Zusammenstoßen an und nahe dem Punkt des Zusammentreffens der Linien. Wir nennen dann einen Monikin einen Patrioten, wenn er diese Evolution gerade an dieser Stelle ausführen kann.«

Hier warf der Kommodore seine Beine mit solcher Schnelligkeit in die Luft, daß ich nicht recht sagen konnte, was er machte, obgleich man deutlich sah, daß er nach dem rotirenden Princip verfuhr. Ich bemerkte, daß er mit selt'ner Genauigkeit an derselben Stelle wieder herunterkam, wo er vorher gestanden, und auf die Marke mit schöner Präcision trat.

»Das ist, was wir Gyration Nro. 3 oder Position Nro. 4 nennen. Wer das ausführen kann, wird als ein Adept in der Politik betrachtet, und nimmt seine Stellung unwandelbar nahe bei dem Feind ein oder bei dem Zusammentreffen der feindlichen Linien.«

»Wie, Sir, werden denn diese Linien, obgleich mit Bürgern desselben Landes besetzt, für feindlich gehalten?!«

»Sind Hunde und Katzen feindlich, Sir? Obgleich sie sich Gesicht gegen Gesicht gegenüber stehen, handeln sie doch nach denselben Grundsätzen oder dem rotirenden Impuls, und haben genau denselben Zweck im Auge, nämlich das allgemeine Beste, und sind also sociale, politische und, ich mögte fast sagen, moralische Antipoden von einander. Sie heirathen selten unter sich, und wollen häufig selbst nicht mit einander sprechen. Kurz, wie der Brigadier Euch sagen könnte, wenn er dazu geneigt wäre, sie sind Antagonisten, Leib und Seel, mit einem Wort: sie sind Feinde, Sir.«

»Das ist sehr seltsam für Bürger eines Staats.«

»So ist der Monikin-Charakter,« bemerkte Herr Geradaus, »gewiß sind die Menschen viel weiser.«

Da ich die Rede nicht gern von dem gegenwärtigen Gegenstand wegbringen wollte, nickte ich nur bei der Bemerkung, und bat den Richter, fortzufahren.

»O, Herr, Ihr könnt Euch leicht denken, begann er wieder, »daß die am Durchschneidungs-Punkt der beiden Linien keine Sinekuren haben; in Wahrheit, sie necken sich aus allen Kräften und der, welcher den meisten Erfindungsgeist in dieser hohen Eigenschaft zeigt, wird gewöhnlich für den tüchtigsten Burschen gehalten. Nun, Sir, niemand anders, als ein Patriot, könnte natürlicher Weise dies Alles ertragen, wenn er nicht seines Landes Bestes immer im Auge hätte, und dafür halten wir sie denn auch.«

»Aber die patriotischsten Patrioten, Kommodore?« – –

Der Gesandte in Springhoch führte einen sehr künstlichen Sprung aus, der ihn auf die Linie der Gegenkämpfer brachte, und sah dann mich an, als erwarte er Lob.

»Herrlich, Herr Richter! Ihr müßt auf diese Uebung großen Fleiß verwandt haben.«

»Ich habe dies Manöver, Sir John, fünf Mal im wirklichen Leben ausgeführt, und auf den jedesmaligen Erfolg gründet sich mein Anspruch auf den Titel des patriotischsten Patrioten. Ein einziger falscher Schritt hätte mich vernichtet; aber, wie Ihr sagt, Uebung macht vollkommen, und Vollkommenheit ist die Mutter des Erfolgs.«

»Und doch begreife ich nicht recht, wie ein so plötzliches Verlassen seiner eignen Seite, um auf diese schnelle Weise, Hals über Kopf, zur andern überzugehen, mit Recht einen Anspruch auf den so reinen Charakter eines Patrioten gibt.«

»Ei, Herr, ist nicht der, welcher sich vertheidigungslos gerade in die Mitte der feindlichen Reihen stürzt, der Held der Schlacht? Da nun dies ein politischer Wettstreit und kein feindlicher ist, einer, worin das Beßte des Landes allein berücksichtigt wird, muß offenbar der Monikin, der so die größte Hingebung für die Sache zeigt, der reinste Patriot sein. Auf meine Ehre, Sir, mein ganzer Anspruch ist nur auf dies besondre Verdienst gegründet.«

»Er hat Recht, Sir John, Ihr könnt jedes Wort glauben, was er sagt.« bemerkte der Brigadier nickend.

»Ich fange an, Euer System zu begreifen, das allerdings herrlich den Monikin'schen Gewohnheiten angepaßt ist, und einen edlen Wetteifer im Ueben des rotirenden Princips erregen muß. Aber, ich glaube, Ihr sagtet, Kolonel, das Volk von Springniedrig sei eine Kolonie von Springhoch?«

»Ganz so, Sir!«

»Wie kommt es aber denn, daß Ihr Euch das edle Glied stümpft, während die Einwohner jenes Landes es wie ihren Augapfel, ja als den Sitz der Vernunft selbst lieben?«

»Ihr meint unsre Schweife? Ei, Sir! die Natur hat diese Zierde mit sehr ungleicher Hand ausgetheilt, wie Ihr bemerken könnt, wenn Ihr dem Fenster hinausseht. Wir geben zu, daß der Schweif der Sitz der Vernunft, und die Enden der einsichtsvollste Theil sind; aber da die Regierungen angeordnet wurden, um diese natürlichen Ungleichheiten gleich zu machen, klagen wir sie als antirepublikanisch an. Das Gesetz verlangt daher, daß jeder Bürger, wenn er majorenn wird, nach einem in jedem Distrikt aufbewahrten Maas abgestümpft werde. Ohne solch ein Mittel könnte eine Aristokratie des Verstandes unter uns aufkommen, und alle unsre Freiheiten hätten ein Ende. Auch qualificirt es den Stimmberechtigten, und folglich streben wir alle darnach.«

Hier lehnte sich der Brigadier über den Tisch und lispelte: ein großer Patriot hätte einst bei einer sehr drängenden Gelegenheit einen Sprung von seiner auf die gegenkämpfende Linie gemacht, und da er alle die heiligen Principien mit sich genommen, für welche seine Partei viele Jahre wüthend gekämpft hätte, wäre er ohne Weiteres an seinem Schweif zurückgezogen worden, der unglücklicher Weise in den Bereich eines seiner ehemaligen Freunde gekommen, denen er den Rücken gewandt; so sei das Gesetz in Wahrheit zum Besten der Patrioten ergangen. Er fügte bei, das Gesetz erlaube einen längern Stumpf, als gewöhnlich getragen würde, aber man sehe es als einen Mangel an Erziehung an, einen Stumpf länger als zwei und dreiviertel Zoll in Gesellschaft zu haben, ja die meisten ihrer politischen Streblinge besonders begnügten sich mit ein und einviertel Zoll als Zeichen außerordentlicher Demuth.

Ich dankte Herrn Geradaus für seine klare und anschauliche Erklärung, und das Gespräch wurde fortgesetzt.

»Ich hatte gedacht, da Eure Institutionen auf Vernunft und Natur gegründet sind,« fuhr ich fort, »daß Ihr mehr geneigt sein würdet, dieses Glied zu pflegen, als zu verstümmeln, um so mehr, da ich höre, daß alle Monikins es für die wahre Quintessenz der Vernunft halten.«

»Freilich, Sir, wir pflegen unsre Schweife, aber nach dem vegetabilischen Grundsatz, wie der geschickte Gärtner die Zweige stümpft, damit sie kräftigere Schößlinge treiben. Freilich erwarten wir nicht, daß die Schweife selbst wieder treiben, aber wir sehen auf das Wachsthum der Vernunft darin und ihre allgemeinere Verbreitung in der Gesellschaft. Die Enden unsrer Schweife, sobald sie abgehauen sind, werden in die große intellektuelle Mühle geschickt, wo der Geist aus der Materie gezogen und der erstere auf Staatsrechnung den Herausgebern der täglichen Zeitungen verkauft wird. Das ist die Ursache, warum unsre Springniedrig-Journalisten so ausgezeichnet wegen ihres Scharfsinns und ihrer Fähigkeit sind; die Ursache, warum sie so treu die Höhe der Springniedrig-Bildung angeben.«

»Und auch die der Rechtlichkeit derselben, solltet Ihr hinzufügen,« murmelte der Brigadier.

»Ich sehe die Schönheit des Systems ein, Herr Richter. Diese Essenz der abgehauenen Schweife stellt die Höhe des Springniedrig-Gehirns dar, da sie ein Compositum von allen Schweifen des Landes ist; und da eine tägliche Zeitung an den allgemeinen Verstand einer Gemeinde sich richtet, so findet sich eine selt'ne Anpassung zwischen den Lesern und dem Gelesenen. Um mich jedoch vollständig über diesen Punkt zu belehren, werden sie mir die Frage erlauben, welche Wirkung dieses System auf die Gesammtheit des Springniedrig-Verstandes hat.«

»Eine wunderbare! Da wir ein Gemeinwesen sind, müssen wir eine Einheit des Gefühls in allen Hauptsachen haben, und indem wir so alle Extreme jeder einzelnen Vernunft zusammenkneten, erlangen wir, was man öffentliche Meinung nennt, die sich wieder durch die Journale ausspricht.«

»Und ein patriotischster Patriot wird immer zum Aufseher der Mühle erkoren,« fiel der Brigadier ein.

»Immer schöner! Ihr sendet alle feineren Theile eures besondern Verstandes zum Mahlen und Zusammenkneten; dies Compositum wird den Journalisten verkauft, die es wieder als die Ergebnisse der vereinten Weisheit des Landes aussprechen.«

»Und der öffentlichen Meinung; wir halten viel auf Vernunft in allen unsern Geschäften, und nennen uns immer das erleuchtetste Volk auf der Erde, aber wir sind dann auch wieder sehr gegen ein isolirtes Streben des Geistes, das beleidigend, antirepublikanisch, aristokratisch und gefährlich ist. Wir setzen unser ganzes Vertrauen auf diese Repräsentation des Verstandes, die ungemein, wie Sie einsehen müssen, mit dem Grundsatz unsrer Staatsgesellschaft harmonirt.«

»Wir sind auch ein Handelsvolk,« fiel der Brigadier ein, »und an die Assekuranzgesetze gewöhnt, lieben wir uns mit solchen Höheberechnungen zu beschäftigen.«

»Ganz recht, Bruder Geradaus; wir sind ganz besonders, gegen alle Ungleichheit; es ist fast eine eben so große Beleidigung von einem Monikin, wenn er mehr weiß, als seine Nachbarn, als wenn er nach seinen eignen Eingebungen verfährt. Nein, nein, wir sind gewiß, ein freies, unabhängiges Gemeinwesen, und unterwerfen jeden Bürger der öffentlichen Meinung in Allem, was er thut, sagt, denkt und wünscht.«

»Bitte, Herr! schicken die beiden großen politischen Linien ihre Schweife in dieselbe Mühle und bekennen sie sich zu denselben Gefühlen?«

»Nein, Herr! Wir haben zwei öffentliche Meinungen in Springniedrig.«

»Zwei öffentliche Meinungen?«

»Freilich, Herr! die horizontale und perpendikuläre.«

»Das zeigt von einer außerordentlichen Gedankenfruchtbarkeit, die ich fast für unmöglich hielte.«

Hier lachten der Kommodore und Brigadier sogleich beide, so laut sie konnten, und zwar mir grade in's Gesicht.

»O, Sir John! Ihr seid in der That der drolligste Bursche von der Welt, die seltsamste Frage, die ich je hörte.« Er rieb sich jetzt die Thränen des Lachens aus den Augen, worauf er dann besser fortfahren konnte. »Nur eine öffentliche Meinung, Himmel! das hätte ich nicht gedacht! Ich sagte Euch ja gleich Anfangs, mein guter Sir John, daß wir, einem Wink der Natur folgend, nach Duplikaten verfahren und nach dem rotirenden Princip. Nach dem einen haben wir immer zwei öffentliche Meinungen, und obgleich die großen politischen Landmarken in einem, so zu sagen, stationären Sinn gezogen sind, sind sie doch auch eigentlich rotirend. Die eine, die man als parallel mit dem Fundamental-Gesetz denkt, der constitutionelle Meridian des Landes, wird die horizontale genannt, und die andere die perpendikuläre. Nun, da nichts wirklich stationär im Springniedrig ist, wirken diese zwei großen Landmarken stets gleichförmig auf das rotirende Princip, und ändern periodisch ihre Stellen; die also, welche die respektiven Marken betreten, bekommen dadurch nothwendig neue Ansichten von den Dingen, wie sie ihren Gesichtspunkt ändern. Diese großen Umwälzungen gehen jedoch höchst langsam vor sich, und sind für die ganz unmerklich, die sie mitmachen, ganz wie die Umwälzungen unseres Planeten seinen Bewohnern.«

»Und die Gyrationen der Patrioten, von denen der Richter eben gesprochen,« fügte der Brigadier hinzu, »sind so ziemlich dieselben, wie in excentrischen Bewegungen die Kometen, die das Sonnensystem verschönern, ohne es durch ihren ungewissen Lauf zu stören.«

»Nein, Sir!« begann der Richter wieder, »wir wären übel daran, wenn wir nur hier öffentliche Meinung hätten. O, ich wüßte nicht, was aus den patriotischsten Patrioten in solch einem Falle werden würde.«

»Bitte, erlaubt mir die Frage! Da Ihr die Plätze verloos't, habt Ihr eben so viele Plätze als Bürger?«

»Freilich, Sir! Unsre Plätze zerfallen erstlich in die zwei großen Unterabtheilungen, die innern und äußern. Die, welche auf die Marke an der populärsten Seite treten, nehmen die ersten ein, und die aus der unpopulärsten natürlich alle übrigen. Die erstern jedoch, müßt Ihr wissen, sind die einzigen, bei denen es sich der Mühe lohnt – – –« Ich hätte gern die Unterhaltung fortgesetzt, die eine Fluth von Licht über meine politische Einsicht zu verbreiten versprach; aber grade jetzt erschien ein Bursche, dem Anscheine nach ein Bedienter, mit einem Paket an dem Ende seines Schweifs gebunden. Er wandte sich um und übergab seine Last mit tiefer Ehrfurcht, worauf er sich zurückzog. Ich fand, das Paket enthielt drei Schriften, mit folgenden Adressen:

»Sr. königl. Hoheit, Bob, Prinz von Wales u.s.w.«

»Mylord, Ober-Admiral Poke u.s.w.«

»Herren Goldenkalb, Schreiber u.s.w.«

Nach einer Entschuldigung gegen meine Gäste eröffnete ich eifrigst das Schreiben an mich. Es lautete so:

»Der hochedle Graf von Chatterino, aufwartender Kammerherr Sr. Majestät, benachrichtigt Herrn John Goldenkalb, Schreiber, daß ihm hiedurch aufgegeben wird, im Kabinet diesen Abend zu erscheinen, wo die Verlöbnißfeierlichkeiten zwischen Graf Chatterino und Lady Chatterissa, erster Ehrendame Ihrer Majestät der Königin, Statt finden werden.«

NB. »Die Herren erscheinen in voller Galla.«

Als ich den Inhalt meines Schreibens dem Richter mittheilte, sagte er mir, er wisse von der nahen Feierlichkeit, da auch er eine Einladung, in seinem officiellen Charakter zugegen zu sein, erhalten habe. Ich bat, als eine besondre Gunst, er möge, da England keine Gesandten zu Springhoch habe, in seiner Eigenschaft als fremder Minister mich vorstellen. Der Gesandte hatte nichts dagegen, und ich fragte nach dem nöthigen Costume; da, so viel ich gesehen, es zu Springhoch zur guten Sitte gehöre, nackt zu gehen. Der Gesandte hatte die Güte, mir zu bemerken, daß obwohl in Hinsicht bloßer Kleidung jede Bedeckung sowohl in Springhoch als Springniedrig außerordentlich anstößig wäre, doch im erstern Land sich Niemand, die fremden Minister allein ausgenommen, an den Hof begeben könnte, ohne einen Schweif. Da wir uns bald darüber verständigt hatten, trennten wir uns mit der Verabredung, daß ich, nebst meinen Gefährten, deren Interesse ich nicht vernachlässigt hatte, bereit sein sollte, zu einer bestimmten Stunde den Gesandten und den Brigadier zu begleiten.

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