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Die Monikins

James Fenimore Cooper: Die Monikins - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Monikins
year1835
publisherJ. D. Sauerländer
translatorCarl Friedrich Meurer
seriesCooper's sämmtliche Werke
addressFrankfurt
senderwww.gasl.org,www.gaga.net
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20050816
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Zehntes Kapitel.

Viel Unterhandlung, worin Menschenwitz gänzlich zu Schanden wird und menschlicher Scharfsinn sich als eine Eigenschaft von sehr secondärem Rang dargestellt.

Herr Poke hörte auf meine Erzählung von allem, was sich zugetragen, mit einem sehr ruhigen Ernst. Er versicherte mich, er habe soviel Scharfsinn unter den Robben und Seehunden getroffen, und so viele Thiere gekannt, die Menschenverstand und so viele Menschen, die thierische Dummheit zu besitzen geschienen, daß es ihm gar nicht schwer falle, jedes Wort, was ich ihm gesagt, zu glauben. Er drückte auch seine Freude darüber aus, eine Vorlesung über Naturphilosophie und Staatsökonomie von den Lippen eines Affen zu hören, obgleich er zu verstehen gab, daß dabei gerade nicht die Erwartung zum Grund liege, etwas zu lernen; denn in seinem Lande würden alle diese Sachen ziemlich allgemein in den Distriktschulen gelehrt, und die Kinder sogar, die auf den Straßen von Stonington herumliefen, wüßten mehr davon als die ältesten Leute in andern Ländern. Doch möge ein Affe neue Idee'n haben, und er seiner Seits sei willens, zu hören, was jeder zu sagen hätte; denn wenn man in dieser Welt nicht selbst ein Wort mitspräche, könne man sicher sein, niemand sonst werde sich die Mühe geben, für einen zu reden.

Als ich aber die näheren Bestimmungen des Programms über die künftige Zusammenkunft erwähnte, und ihm mittheilte, wie man erwarte, daß aus Ehrerbietung vor den Damen die Zuhörer nur in die reine Natur gekleidet erscheinen würden, fürchtete ich sehr, mein Freund möchte sich erzürnen, daß er einen Anfall von Schlag bekäme. Der rauhe alte Robbenjäger schwur einige schreckliche Flüche und versicherte, nicht um aller Monikins-Philosophie oder hochgeborner Affenweibchen willen, womit man einen Schiffraum anfüllen könnte, werde er sich jemals selbst zum Affen machen, indem er in einem solchen Zustand erschiene; er erklärte sich sehr leicht, er habe ein Mal einen Mann gekannt, der sich unterstanden, auf solche Art die Rolle eines Thiers zu spielen, und das erste, was der arme Teufel verspürt, seien große Klauen und ein Schweif gewesen, die mit einem Male ihm gewachsen; – ein Fall, den er immer als gerechte Strafe betrachtet, wenn man sich zu mehr machen wolle, als die Vorsehung bestimmt habe, wenn nur des Menschen Ohren nackt wären, könne er ebenso gut hören, als wenn der ganze Leib nackt sei; er beklage sich nicht, daß die Monikins nur in ihr Fell gekleidet gingen, und sie sollten daher auch nicht sich um seine Kleider kümmern; er würde sich die ganze Zeit über kratzen und nur an die armselige Figur denken, die er mache; hätte dann auch nichts, wo er seinen Tabak hinbrächte, würde leicht taub, wenn es ihn fröre, er wolle verdammt sein, wenn er so etwas thäte, Menschennatur und Affennatur sei nicht dasselbe, und man könne nicht erwarten, daß Menschen und Affen derselben Mode folgten, die Zusammenkunft würde das Ansehn einer Boxparthie, statt einer philosophischen Vorlesung haben, er hätte nie so was in Stonington gehört, er würde sich beschämt fühlen, wenn er so in Gegenwart von Damen sich bloß sähe, ein Schiff fahre immer besser, unter einiger Leinwand, als unter nackten Stangen, man könne ihn wohl bis auf sein Hemd und seine Hosen herabbringen, aber diese aufzugeben, da könnte er ebenso gut daran denken, den Hauptanker am Bogen des Schiffs abzuhauen, während es an einem dem Wind entgegengesetzten Ufer läge; Fleisch und Blut wären Fleisch und Blut, und liebten es bequem zu haben; er würde die ganze Zeit über denken, es solle an's Schwimmen gehen, und sich nach einem zum Untertauchen geeigneten Ort umsehen; – diese und viele andre ähnliche Einwürfe machte er; sie sind in der Menge von Dingen von größrem Interesse, die meine Zeit beschäftigt haben, meinem Gedächtniß entfallen. Ich habe häufig zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß wenn der Mensch keinen guten triftigen Grund für seine Entschließung hat, es nichts leichtes ist, ihn davon abzubringen; daß aber der, welcher sehr viele hat, sie gewöhnlich, im Streit der Ansichten, von geringerem Belang hält. So war es mit Kapitain Poke bei dieser Gelegenheit. Ich beraubte ihn glücklich seiner Kleidungsstücke, eins nach dem andern, bis ich ihn bis auf's Hemd gebracht, wo er denn gleich einem stattlichen Schiff, das durch den geringsten Windhauch in seinen gewöhnlichen Gang gebracht wird, »stack und hing« und dadurch zeigte, es würde eines stärkeren Stoßes bedürfen, um ihn noch weiter herunterzubringen. Ein glücklicher Einfall befreite uns alle aus der Verlegenheit. Unter meinen Sachen befanden sich ein Paar gute, weite Büffelhäute, und auf mein Hindeuten, den Kapitain Poke in die weiten Falten eines derselben einzuhüllen, stimmte der Philosoph Doktor Raisono freudig bei, indem er bemerkte, alles von natürlicher, einfacher Bildung sei den Monikins-Sinnen genehm, sie hätten nur gegen die Mißstände der Kunst einige Einwendungen, da sie sie als ebenso viele Vergehungen gegen die Vorsehung ansähen. Auf diese Erklärung hin, wagte ich zu verstehen zu geben, daß, da ich noch in der Kindheit der neuen Civilisation begriffen, es meinen alten Gewohnheiten sehr angemessen sein würde, wenn man mir erlauben könnte, auch von der einen der Häute Gebrauch zu machen, während Herr Poke die andere einnähme. Nicht die geringste Einwendung wurde gemacht, und Maßregeln sogleich getroffen, um uns in den Stand zu setzen, in guter Gesellschaft zu erscheinen.

Bald nachher erhielt ich von Dr. Raisono das Protocoll der Bedingungen, die die herannahende Zusammenkunft regeln sollten. Dieß Document war aus Ehrfurcht gegen die Alten lateinisch geschrieben, und wie ich nachher erfuhr, von Lord Chatterino aufgesetzt worden, der zu Hause vor dem Vorfall, der ihn ach! in Menschenhänden gebracht, eine Erziehung für die diplomatische Laufbahn erhalten hatte. Ich übersetze es frei, zum Besten der Damen, die gewöhnlich ihre eignen Zungen am meisten lieben, und sie allen andern vorziehen.

Protocoll einer zwischen Sir John Goldenkalb, Baronet, von Householder-Hall in dem Königreich Großbritanien und Nro. 22,817 braun-Stubenfarbe oder Socrates Raisono, vieler gelehrten Gesellschaften Mitglied und Prof. der Probabilitäten auf der Universität Monikinia, im Königreich Springloch, statt habenden Zusammenkunft.

Die kontrahirenden Theile kommen überein, wie folgt, nämlich:

Art. 1. Es soll eine Zusammenkunft statt haben.

Art. 2. Besagte Zusammenkunft soll eine friedliche, nicht zu kriegerisch feindlichen Zwecken sein.

Art. 3. Besagte Zusammenkunft soll logisch, explanatorisch und discursorisch sein.

Art. 4. Während derselben soll Dr. Raisono das Vorrecht haben, am meisten zu sprechen, und Sir John Goldenkalb das am meisten zu hören.

Art. 5. Sir John Goldenkalb hat das Vorrecht, Fragen vorzulegen, und Dr. Raisono das, sie zu beantworten.

Art. 6. Gehörige Rücksicht soll sowohl auf menschliche als monikin'sche Vorurtheile und Gefühle genommen werden.

Art. 7. Dr. Raisono und alle Monikins, die ihn begleiten, sollen ihre Felle glätten, und ihr natürliches Gewand überhaupt so ordnen, wie es Sir John Goldenkalb und seinem Freunde am angenehmsten sein mag.

Art. 8. Sir John Goldenkalb und sein Begleiter sollen in Büffelhäuten erscheinen, und kein andres Gewand tragen, um sich Dr. Raisono und seinen Freunden angenehm und gefällig zu bezeigen.

Art. 9. Die Bedingungen dieses Protocolls sollen gehalten werden.

Art. 10. Jeder zweifelhafte Ausdruck in diesem Protocoll soll so viel als möglich zu Gunsten beider Theile ausgelegt werden.

Art. 11. Kein Vorrecht, weder zu Nachtheil der menschlichen noch der Monikins-Sprache soll durch den Gebrauch der lateinischen bei dieser Gelegenheit begründet werden.

Erfreut über diesen Beweis von Aufmerksamkeit von Seiten Lords Chatterino, ließ ich sogleich eine Charte für den jungen Herrn zurück, und machte mich dann mit erhöhtem Eifer ernsthaft an die Vorbereitungen, um auch die geringste Bedingung des Vertrags zu erfüllen. Capitain Poke war bald bereit, und ich muß gestehen, er sah eher einem Vierfüßler auf den Hinterbeinen, als einem menschlichen Wesen, in seinem neuen Anzug ähnlich. Was mein eignes Aussehen anlangte, hoffe ich, es war meiner Stellung, meinem Charakter angepaßt.

Zur festgesetzten Zeit versammelten sich die beiden Theile, und Lord Chatterino erschien mit einer Abschrift des Protocolls in der Hand. Dieß Document wurde von dem jüngeren Herrn auf eine sehr deutliche Weise verlesen, worauf dann eine Stille folgte, die zu Bemerkungen aufzufordern schien. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber ich hörte noch nie die bestimmten Clauseln eines Handels, ohne eine Neigung in mir zu verspüren, nach den schwachen Seiten darin zu spähen. Ich fing an einzusehen, daß die Discussion zu Beweisen, die Beweise zu Vergleichungen zwischen den zwei Species führen könnten, und so regte sich etwas in mir wie ein esprit de corps; es fiel mir ein, man könne wohl die Schicklichkeit in Frage stellen, daß Dr. Raisono mit drei Beiständen erschien, während ich nur einen hatte. So wurde denn dieser Einwand meiner Seits, ich hoffe, auf bescheidne und verträgliche Weise aufgestellt. In Erwiedrung bemerkte Mylord Chatterino, daß zwar allerdings das Protokoll in allgemeinen Ausdrücken von gegenseitigen Beiständen spräche, »wenn aber Sir John Goldenkalb sich die Mühe geben wolle, im Dokument selbst nachzusehen, werde er finden, daß die Beistände des Dr. Raisono im Plural erwähnt worden, während von dem des Sir John nur im Singular gesprochen würde.«

»Ganz wahr, Mylord, aber Sie werden mir doch die Bemerkung erlauben, daß zwei Monikins ganz vollständig die Bedingungen zu Gunsten Dr. Raisano's erfüllen würden, während er hier mit dreien erscheint; es müssen offenbar dieser Mehrheit einige Schranken gesetzt werden, sonst könnte der Doktor das Recht haben, die Versammlung in Begleitung aller Einwohner von Springhoch zu besuchen.«

»Der Einwurf ist sehr scharfsinnig und macht den diplomatischen Fähigkeiten Sir John Goldenkalb's alle Ehre, aber unter den Monikins werden zwei Weibchen nur Einem Männchen vor dem Gesetz gleich geachtet. So sind in Fällen, welche zwei Zeugen erheischen, wie in Uebertragung von liegenden Gründen zwei männliche Monikins hinreichend, während vier weibliche Unterschriften vonnöthen sein würden, um dem Dokument Gültigkeit zu verschaffen. In gerichtlichem Sinne ist also Dr. Raisono nur von zwei Monikins begleitet.«

Capitain Poke bemerkte hierbei, daß diese Vorkehrung in dem Gesetze von Springhoch sehr gut wäre, denn er hätte oft Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß die Weiber immer die Hälfte der Zeit über nicht wüßten, was sie thäten, und er glaube, im Allgemeinen brauchten sie mehr Ballast als die Männer.

»Diese Entgegnung würde den Fall hinlänglich entscheiden,« erwiederte ich, »wenn das Protocoll nur ein Monikins-Document und diese Versammlung nur eine Monikins-Versammlung wäre. Aber die Thatsachen sind offenbar anders. Das Document ist in dem den Gelehrten gemeinsamen Verständigungsmittel abgefaßt, und ich ergreife gerne diese Gelegenheit, hinzuzufügen, daß ich mich nicht erinnere, eine bessere Probe moderner Latinität gesehen zu haben.«

»Es ist nicht zu läugnen, Sir John,« entgegnete Lord Chatterino, indem er zur Anerkennung des Compliments mit dem Schwanz wedelte, »daß das Protokoll in einer Sprache geschrieben ist, die jetzt Gemeingut geworden; aber das bloße Verständigungsmittel ist bei solchen Gelegenheiten nicht von großer Wichtigkeit, wenn es nur in Hinsicht der contrahirenden Theile neutral ist; ausserdem enthält für diesen besondern Fall Art. 11. des Protocolls eine Clausel, daß keinerlei Folgen aus dem Gebrauch der lateinischen Sprache gezogen werden sollen; eine Clausel, die beide Theile in Besitz ihrer ursprünglichen Rechte läßt. Nun da die Vorlesung eine Monikins-Vorlesung, von einem Monikins-Philosophen auf Monikinschem Grund und Boden ist, behaupte ich unmaßgeblich, daß es sich auch geziemt, daß sie im Allgemeinen nach Monikinschen Principien gehalten werde.«

»Was den Monikinschen Grund und Boden betrifft, glaube ich doch den Herrn erinnern zu müssen, daß die contrahirenden Theile in diesem Augenblick auf neutralem Gebiet sich befinden, und daß, wenn einer Territorial-Jurisdiction oder die Rechte der Flagge in Anspruch nehmen kann, diese offenbar den Menschen gehören, da der Miether dieses Zimmers ein Mensch ist, den locus in quo inne hat, und pro hac vice der Suzerain ist.«

»Ihr Scharfsinn, Sir John, ist weit über meine Meinung hinausgegangen, und ich bitte, meine Vertheidigung ändern zu dürfen. Alles, was ich sagen will, ist, daß die Hauptbetrachtung bei dieser Versammlung, die Monikins Interessen sind, daß wir ein Monikins-Thema vorschlagen, erklären, besprechen, erläutern, ausschmücken – daß das Accessorische der Hauptsache untergeordnet sein muß, daß das Geringere im Größeren untergehen muß, und daß folglich – –«

»Sie werden verzeihen, Mylord, aber ich behaupte –«

»O, Sir John, ich vertraue Ihrem gesunden Menschenverstand, daß Sie mich entschuldigen – –«

»Ein Wort, Herr Chatterino, bitte, um – –«

»Tausend, sehr gerne, Sir John, aber – –«

»Mylord Chatterino!«

»Sir John Goldenkalb!«

Nun begannen wir beide zugleich zu reden, der edle junge Monikin richtete nach und nach seine Beobachtungen nur an Mademoiselle Vigilanza Lynx, welche, wie ich später erfuhr, eine herrliche Zuhörerin war, und ich meinerseits, nachdem ich von Auge zu Auge gewandert, kam zu einer Rede, die ich einzig an den Verstand des Capitain Noah Poke hielt. Mein Zuhörer suchte ein Ohr ganz vom Büffelfell frei zu bekommen und nickte Beifall zu allem, was von mir kam, mit einem gewissen patriotischen Menschen- und Stammverwandtschafts-Geist. Wir hätten vielleicht in dieser getrennten Weise bis jetzt fortgesprochen, wenn nicht die liebenswürdige Chatterissa vorgetreten wäre, und mit dem Takt und der Zartheit, die ihr Geschlecht auszeichnet, ihre kleine Patsche auf den Mund des jungen Herrn gelegt und so seine Mundfertigkeit gehemmt hätte. Wenn ein Pferd weggerennt ist, bleibt es gewöhnlich, nachdem es durch Gassen, Thore und Schranken durch ist, in dem Augenblick plötzlich stehen, wo es im offnen Feld Herr seiner Bewegungen wird. So auch ich; ich befand mich nicht sobald im alleinigen Besitz des Streitpunkts, als ich augenblicklich stille schwieg. Dr. Raisono benutzte die Pause, um den Vorschlag zu machen, daß der Vorgang zwischen mir und Lord Chatterino schon augenscheinlich ein Bruch des Vertrags wäre, er und Herr Poke sich zurückziehe, und versuchen wollten, über ein ganz neues Programm der Verhandlungen übereinzukommen. Dieser glückliche Gedanke stellte augenscheinlich den Frieden wieder her, und während der Abwesenheit der zwei Vermittler benutzte ich die Gelegenheit, mit der liebenswürdigen Chatterissa und ihrem weiblichen Mentor näher bekannt zu werden. Lord Chatterino, der alle diplomatische Grazie besaß, – der von einer heißen und heftigen Verhandlung sogleich zu der süßesten und gewinnendsten Höflichkeit zurückkommen konnte, war der eifrigste, meine Wünsche zu unterstützen. Er vermochte seine reizende Herrin die Rückhaltung einer kurzen Bekanntschaft bei Seite zu sehen, und mit einem Mal in ein freies, freundliches Gespräch sich einzulassen.

Einige Zeit verfloß, ehe die Bevollmächtigten zurückkehrten, denn es scheint eine konstitutionelle Eigenthümlichkeit, oder, wie er es selbst nachher ausdrückte, ein Stoningtoner Grundsatz in Capitain Poke gewesen zu sein, wonach er in einem Handel sich für verpflichtet hielt, jeden Punkt zu bestreiten, der von der Gegenparthei kam. Diese Schwierigkeit wäre wahrscheinlich unübersteiglich gewesen, hätte nicht glücklicher Weise Dr. Raisono den aufrichtigen und freimüthigen Vorschlag gethan, seinem Collegen ganz allein immer den zweiten Artikel ohne Vorbehalt zu überlassen, sich aber dasselbe Recht für die übrige Hälfte ganz ebenso ausbedungen. Noah, nachdem er sich wohl versichert, daß der Philosoph kein Rechtsgelehrter sei, gab seine Beistimmung; und das ein Mal in diesem Geist des Nachgebens begonnene Geschäft ward bald zu Stande gebracht. Ich würde diesen glücklichen Ausweg bei allen Verhandlungen über schwierige und verworrene Verträge empfehlen, da er jeden Theil seine Absicht erreichen läßt, und wahrscheinlich nicht mehr schwache Seiten für nachfolgende Streitigkeiten darbietet, als jede andre bisher befolgte Methode. Das neue Dokument lautete, wie folgt und war in duplo englisch und im Monikin'schen ausgestellt. Man wird sehen, daß die Halsstarrigkeit des einen ihm so ziemlich den Anschein einer Capitulation gab.

Protokoll für eine Zusammenkunft u.s.w. u.s.w.

Die contrahirenden Theile kommen überein, wie folgt, nämlich:

Art. 1. Es soll eine Zusammenkunft sein.

Art. 2. Zugegeben; vorausgesetzt, daß beide Partheien kommen und gehen können, wie's ihnen beliebt.

Art. 3. Die besagte Zusammenkunft wird im Allgemeinen über philosophische und liberale Grundsätze geführt.

Art. 4. Zugegeben; vorausgesetzt, daß Tabak nach Belieben geraucht werden kann.

Art. 5. Jeder Theil soll das Vorrecht haben, Fragen vorzulegen und jeder Theil das Vorrecht, sie zu beantworten.

Art. 6. Zugegeben; vorausgesetzt, das niemand zu hören und zu sprechen braucht, er sei denn dazu geneigt.

Art. 7. Der Anzug aller Gegenwärtigen soll den abstrakten Regeln der Schicklichkeit und des Anstands angemessen sein.

Art. 8. Zugegeben; vorausgesetzt, daß die Büffelhäute von Zeit zu Zeit nach dem Stand des Wetters gelüftet werden mögen.

Art. 9. Die Bestimmungen dieses Protokolls sollen streng geachtet werden.

Art. 10. Zugegeben; vorausgesetzt, daß die Rechtsgelehrten keinen Vortheil davon ziehen.

Lord Chatterino und ich stürzten auf die gegenseitigen Dokumente wie zwei Habichte, eifrigst nach Blößen oder den Mitteln schauend, die vorher ausgesprochenen Ansichten zu unterstützen, die wir beide zu vertheidigen so viel Geschick gezeigt hatten.

»Ei, Mylord, da ist bei dieser Zusammenkunft von dem Erscheinen von Monikins überhaupt gar keine Rede!«

»Die Allgemeinheit der Ausdrücke läßt schließen, daß alle kommen und gehen können, denen es beliebt!«

»Bitte um Verzeihung, Mylord, Art. 8. enthält eine direkte Hinweisung auf Büffelhäute im Plural, und unter Umständen, woraus sich durch richtige Folgerung ergibt, daß man beabsichtigte, mehr als ein Träger der besagten Büffelhäute werde bei besagter Zusammenkunft zugegen sein.«

»Vollkommen recht, Sir John, aber Sie werden mir die Bemerkung erlauben, daß nach Art. 1. bedungen wird, es solle eine Zusammenkunft sein, und nach Art. 3. ist ferner übereingekommen, daß die besagte Zusammenkunft über philosophische und liberale Grundsätze geführt werden soll. Nun braucht aber kaum, mein guter Sir John, erst dargethan zu werden, daß es die äußerste Illiberalität sein würde, dem einen Theil ein Privilegium zu verweigern, was der andere genösse!«

»Ganz recht, Mylord, wenn es eine Sache bloßer Höflichkeit wäre, aber legale Auslegungen müssen auf legale Grundsätze sich stützen, sonst sind wir alle, Juristen und Diplomaten, der Fluth eines unbegrenzten Oceans von Vermuthungen Preis gegeben.»

»Und doch bestimmt Art. 10. ausdrücklich, daß die Rechtsgelehrten keinen Vortheil daraus ziehen sollen. Betrachten wir Art. 3. und 10. genau und in Verbindung, so sehen wir, daß es die Absicht der Vermittler war, den Mantel der Liberalität, von allen Spitzfindigkeiten und Kniffen blos legaler Praktiker entfernt, über die ganze Verhandlung zu werfen. Erlauben Sie mir, um, was ich jetzt vorgebracht, zu erhärten, an die Stimmen derer zu appelliren, die eben die Bedingungen entwarfen, über welche wir jetzt streiten. Dachten Sie, Sir,« fuhr Mylord Chatterino, zu Kapitain Poke gewandt, mit Kraft und Würde fort, »dachten Sie, Sir, als Sie diesen berühmten Artikel 10. aufsetzten, je daran, Sie stellten eine Autorität auf, von der die Rechtsgelehrten Vortheil ziehen könnten?«

Ein tiefes und sehr lautes »Nein« war die feste Antwort des Herrn Poke.

Mylord Chatterino, dann mit gleicher Grazie zu dem Doktor gewandt, nachdem er zuerst diplomatisch dreimal mit seinem Schweif gewedelt, fuhr fort:

»Und Sie, Sir, als Sie Art. 3. aufstellten, glaubten Sie, daß Sie illiberale Grundsätze unterstützten und verbreiteten?«

Auf die Frage folgte eine schnelle Verneinung, worauf denn der edle Jüngling inne hielt und mich ansah, als wenn er vollständig triumphirt hätte.

»Vollkommen beredt, ganz überzeugend, unwiderleglich beweiskräftig, unläugbar wahr, Mylord,« fiel ich ein, »aber es muß mir vergönnt seyn, zu bemerken, daß die Kraft aller Gesetze von ihrem Erlaß abhängt; nun fließt aber der Erlaß, oder im Fall eines Vertrags die Kraft der festgesetzten Bedingungen, nicht aus der Absicht des einen Theils, der zufällig ein Gesetz oder eine Clausel aufgestellt haben mag, sondern aus der Beistimmung aller legalen Deputirten. Im gegenwärtigen Fall sind zwei Unterhändler, ich bitte nun um Erlaubniß, ihnen einige Fragen vorzulegen, indem ich die Ordnung Ihrer eignen herumkehre, und dann möchte der Erfolg vielleicht eine Spur geben, zu dem wahren quo animo zu gelangen.«

Mich zum Philosophen wendend, fuhr ich fort: »Vermeinten Sie, Sir, als Sie Ihre Beistimmung zu Art. 10. gaben, alle Gerechtigkeit zu Boden zu werfen, Unterdrückung aufzufordern, und der Gewaltthätigkeit zum Schaden des Rechts beizustehen?«

Die Antwort war ein feierliches und ich zweifle nicht sehr gewissenhaftes »Nein!«

»Und Sie, Sir,« zu Kapitain Poke gewandt, »standen Sie bei Ihrer Beistimmung zu Art. 3. im mindesten in der Meinung, daß möglicher Weise die Feinde der Menschheit Ihre Beistimmung zu Mitteln verkehren könnten, um festzustellen, die Büffelhäuteträger stünden nicht auf gleichem Fuß mit den besten Monikins des Landes!«

»Verdammt will ich sein, wenn ich's that!«

»Aber, Sir John Goldenkalb, die Sokratische Methode des Untersuchens – –«

»Wurde zuerst von Ihnen angewandt, Mylord –«

»Ei, mein Herr« – –

»Erlauben Sie« – –

»Sir John« – –

»Mylord« – –

Hier trat die liebliche Chatterissa wieder vor, und durch eine zweite Vermittlung ihres graziösen Takts zu rechter Zeit verhinderte sie glücklich die Antwort.

Das Gleichniß von dem weggelaufenen Pferd ward noch ein Mal dargestellt, und ich kam wieder zur Ruhe.

Lord Chatterino schlug jetzt sehr galant vor, die ganze Sache solle mit unbegrenzter Vollmacht den Damen überlassen bleiben. Ich konnte mich nicht weigern, und die Bevollmächtigten zogen sich, von einem Murren von Seiten Kapitain Pokes begleitet, zurück. Dieser erklärte sehr offen heraus, die Weiber verursachten mehr Streit als alle übrigen, und nach dem wenigen, was er gesehen, erwarte er, es werde auch so mit den Monikins-Weibchen kommen.

Die Frauen besitzen sicherlich eine Leichtigkeit der Zufriedenstellung, die unserm Theil der Schöpfung verweigert ist. In einer unglaublich kurzen Zeit kehrten die Bevollmächtigten mit folgendem Programm zurück.

Protokoll zu einer Unterredung u. s. w.

Die contrahirenden Theile kommen überein, wie folgt: nämlich:

Art. 1. Es soll eine freundschaftliche, logische, philosophische, ethische, liberale, generelle und controversielle Zusammenkunft sein.

Art. 2. Die Zusammenkunft soll freundschaftlich sein.

Art. 3. Die Zusammenkunft soll generell sein.

Art. 4. Die Zusammenkunft soll logisch sein.

Art. 5. Die Zusammenkunft soll ethisch sein.

Art. 6. Die Zusammenkunft soll philosophisch sein.

Art. 7. Die Zusammenkunft soll liberal sein.

Art. 8. Die Zusammenkunft soll controversiell sein.

Art. 9. Die Zusammenkunft soll controversiell, liberal, philosophisch, ethisch, logisch, generell und freundschaftlich sein.

Art. 10. Die Zusammenkunft soll sein, wie besonders bestimmt worden.

Die Katze springt nicht mit mehr Gier auf die Maus, als Lord Chatterino und ich auf das dritte Protokoll stürzten, indem wir neuen Grund für den Beweis suchten, den jeder für den seinen angenommen.

»Auguste, cher Auguste« rief die liebliche Chatterissa, im schönsten französischen Dialekt, den ich je gehört. »Pour moi! Mir zu Lieb'!«

»A moi! Monseigneur!« schrie ich und schwang meine Abschrift des Protokolls. »Nur heran!«

Ich wurde in der Mitte meiner Streitlust durch ein Zupfen an der Büffelhaut aufgehalten, und als ich einen Blick hinter mich warf, sah ich Kapitain Poke winken und andre Zeichen machen, als wünschte er mir etwas in's Geheim zu sagen.

»Ich denke, Sir John,« bemerkte der würdige Robbenjäger, »wenn wir anders diesen Handel zu einem Bruch wollen kommen lassen, ist es wohl jetzt die rechte Zeit. Die Damen sind schlau gewesen; aber es müßte der Teufel sein, wenn wir nicht zwei Weiber überseglen könnten, ehe alles vorüber ist. In Stonington, wenn wir's für das Beste halten, Vorschläge anzunehmen, ei, da machen wir erst Einwände und erheben einen Sturm im Anfang, aber gegen das Ende werden wir freundlicher, sanfter und weicher, sonst käme auch der ganze Handel in Verfall. Der stärkste Wind wird zuletzt sich ausblasen; vertraut Euch mir, ich mache den besten Beweis zu Schanden, den der beste Monikin von ihnen allen vorbringen kann.«

»Die Sache wird ernsthaft, Noah, und ich bin voll esprit de corps: Fühlt Ihr Euch nicht nach und nach als Mensch?«

»Gütiger, aber büffelmäßiger als sonst etwas. Laßt sie fortfahren, Sir John, und wenn die Zeit kommt, wollen wir sie von hinten angreifen oder haltet mich für einen Stümper.«

Der Kapitain nickte pfiffig, und ich sah, es war einiger Verstand in seiner Ansicht.

Als ich zu unsern Freunden oder Verbündeten wieder zurückkam, ich weiß kaum, wie ich sie nennen soll, fand ich, daß die liebliche Chatterissa gleichfalls die diplomatische Hitze ihres Liebhabers wieder beruhigt hatte, und so traten wir auf dem besten Fuße wieder zusammen. Das Protokoll wurde durch Zuruf angenommen, und Vorkehrung sogleich zur Vorlesung Doktor Raisono's getroffen.

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