Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Die Monikins

James Fenimore Cooper: Die Monikins - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Monikins
year1835
publisherJ. D. Sauerländer
translatorCarl Friedrich Meurer
seriesCooper's sämmtliche Werke
addressFrankfurt
senderwww.gasl.org,www.gaga.net
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20050816
projectid99fcb211
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.

Anfang der Wunder, die in Betracht ihrer Wahrheit um so ausserordentlicher sind.

Ich darf sagen, mein Haupt lag eine volle Stunde auf dem Kissen, ehe mir der Schlaf die Augen schloß. Während dieser Zeit hatte ich hinlängliche Gelegenheit, die Thätigkeit desselben kennen zu lernen, was man »geschäftige Gedanken« nennt. Meine Seele war fieberisch, glühend, ruhlos; sie wanderten über ein weites Feld; es begriff Anna mit ihrer Schönheit, ihrer milden Wahrheit, ihrer weiblichen Sanftheit und ihrer weiblichen Grausamkeit; es begriff Capitain Poke und seine besondern Ansichten, die liebliche Familie der Vierfüßler und ihr verwundetes Gefühl, und dann die Vortrefflichkeit des gesellschaftlichen Anhaltspunkts-Systems; kurz, den größten Theil dessen, was ich während der letzten vier und zwanzig Stunden gesehen und gehört. Als der Schlaf langsam kam, überraschte er mich gerade in dem Augenblick, wo ich bei mir schwur, meine herzlose Geliebte zu vergessen, und den übrigen Theil meines Lebens der Verbreitung der Lehre von dem »expandirenden-superhumanen-generalisirenden-Affektionsprinzip« zu widmen, um gänzlich auszuschließen alle engherzige und selbstische Absichten, dazu mich verbindend mit Capitain Poke, der einen großen Theil dieser Erde und ihrer Bewohner gesehen, ohne sein Mitgefühl zu Gunsten eines Ortes oder einer Person zu beschränken, Stonington und ihn selbst natürlich ausgenommen.

Es war heller Tag, als ich am folgenden Morgen erwachte. Mein Geist war durch den Schlaf beruhigt, meine Nerven waren besänftigt worden durch die balsamische Frische der Atmosphäre. Es schien, mein Diener war hereingekommen und hatte die Morgenluft zugelassen, sich aber dann wie gewöhnlich wieder zurückgezogen, um das Zeichen der Schelle zu erwarten, bevor er wieder einzutreten wagte. Ich lag viele Minuten in köstlicher Ruhe, im Genuß des periodischen Zurückkehrens zu Leben und Vernunft, die mit sich brachten die Vergnügungen des Gedankens und seine zehen Tausend liebliche, sich anschließende Bilder. Das entzückende Träumen indeß, worin ich unmerklich versank, wurde bald durch leise, lispelnde und, wie ich glaubte, klägliche Stimmen, nicht weit von meinem Bett entfernt, aufgehalten und gestört. Ich richtete mich auf, ich lauschte aufmerksam und mit vielem Staunen, denn es war nicht leicht sich zu denken, woher diese Töne, so ungewöhnlich zu dieser Stelle und Stunde, kommen könnten. Die Unterredung war ernst und selbst lebhaft, aber sie ward so leise geführt, daß sie ohne die tiefe Stille im Hotel gänzlich unhörbar gewesen. Gelegentlich traf ein Wort mein Ohr, aber ich vermochte ganz und gar nicht auch nur zu bestimmen in welcher Sprache. Daß es in keiner der fünf großen europäischen Sprachen war, wußte ich sicher, denn alle diese sprach oder las ich, und es fanden sich ganz besondre Töne und Inflexionen, die mich auf den Gedanken brachten, es schmecke nach der ältern von den beiden Classischen. Freilich ist die Aussprache dieser beiden, während sie selbst das Schibboleth der Gelehrsamkeit sind, ein strittiger Punkt, da der Ton der Vokale bei jeder Nation anders bestimmt ist; das lateinische Wort dux z. B. wird Docks in England, Duk's in Italien und Dükes in Frankreich; doch ist, ich weiß nicht welche, Feinheit in dem Ohrengeschmack eines wahren Gelehrten, die ihn selten irre führen wird, wenn seine Ohren von Worten begrüßt werden, die Demosthenes oder Cicero (Tschitschero, Zizero oder Kikero, wie es dem Leser gefällt,) gebraucht haben. Im gegenwärtigen Fall hörte ich genau das Wort: »Meibomeinosfoskomeiton,« welches sicher ein Zeitwort im Dual und in der zweiten Person von einer griechischen Wurzel war, obwohl von einer Bedeutung, die ich für den Augenblick nicht herausbringen konnte; über allen Zweifel aber wird jeder Gelehrte anerkennen, daß sie eine starke Aehnlichkeit mit einem wohlbekannten Vers im Homer hat. Wenn ich wegen der Silben in Verlegenheit war, die mich manchmal erreichten, ward ich nicht weniger verwirrt von den verschiedenen Intonationen der Stimmen der Sprechenden.

Während man leicht wahrnehmen konnte, daß sie von verschiednem Geschlechte waren, hatten sie doch keine besondre Aehnlichkeit mit dem verschluckenden Gelispel der Engländer, der großen Monotonie der Franzosen, dem schallenden Wohllaut der Spanier, der geräuschvollen Melodie der Italiener, der ohrzerreißenden Octaven der Deutschen, oder der wallenden hals-über-kopf Aussprache der Landsleute meines intimen Bekannten Capitain Noah Poke. Von allen lebenden Sprachen, von denen ich einige Kenntniß hatte, kam die Aehnlichkeit der Dänischen und Schwedischen näher als irgend einer andern, aber ich zweifelte sehr, und beanstande es jetzt noch, ob wirklich selbst in diesen Sprachen so ein Wort zu finden ist wie: »Meibomeinosfoskomeiton.« Ich konnte die Zweifel nicht länger ertragen. Die classischen und gelehrten Bedenklichkeiten, die mich besessen, wurden ausserordentlich peinlich; ich stand mit der größten Vorsicht auf, um die Sprechenden nicht zu stören, und wollte dem allen durch den einfachen und natürlichen Proceß wirklichen Beobachtens ein Ende machen.

Die Stimmen kamen von dem Vorzimmer, dessen Thüre etwas offen war; ich warf einen Schlafrock über, fuhr in die Pantoffeln hinein, und auf den Zehen mich der Oeffnung nähernd; richtete ich mein Auge so, daß ich die Personen überschauen konnte, die noch ernstlich im anstoßenden Zimmer mit einander sprachen. Alles Erstaunen verschwand, sobald ich die vier Affen in einer Ecke des Zimmers gruppirt fand, wo sie eine lebhafte Unterredung miteinander pflogen, in der die zwei ältesten (ein Männchen und ein Weibchen) die Hauptsprecher waren. Man konnte nicht erwarten, daß selbst ein Graduirter von Oxford, wenn auch zu einer Sekte gehörig, die wegen ihrer classischen Studien so sehr zum Sprüchwort geworden ist, daß Viele von ihnen nichts weiter wissen, – daß selbst einer von ihnen bei'm ersten Anhören, über die Analogie und den Charakter einer Sprache hätte entscheiden mögen, die selbst in jenem alten Sitz der Gelehrsamkeit so wenig angebaut ist. Obwohl jetzt auf der Spur zur Wurzel des Dialekts der Sprechenden, fand ich es doch ganz unmöglich, eine nützliche Kenntniß von dem, was eigentlich unter ihnen vorgehe, zu erhalten. Da sie aber meine Gäste waren, und möglicher Weise etwas nöthig haben konnten, was ihren gewohnten Bedürfnissen abginge, oder vielleicht unter noch schwereren Verlegenheiten litten, hielt ich es für meine Pflicht, die gewöhnlichen gesellschaftlichen Gebräuche bei Seite zu setzen, und mit einem Male, was in meiner Macht stünde, anzubieten, selbst auf die Gefahr hin, in Umstände mich einzudrängen, die sie vielleicht geheim zu halten hätten wünschen mögen. Indem ich daher die Vorsicht gebrauchte, etwas Lärm zu verursachen, als das beste Mittel meine Annäherung bekannt zu machen, öffnete ich leise die Thür und stellte mich ihnen vor. Erst war ich in Verlegenheit, wie ich die Fremden anreden sollte, aber in der Voraussetzung, Leute, die eine so schwer auszusprechende und so reiche Sprache redeten, wie die eben gehörte, mußten, gleich denen die von Slavischer Wurzel abgeleitete Dialekte sprächen, alle andre inne haben, und in der Erinnerung, daß das Französische das Unterhaltungsmittel unter allen gebildeten Leuten sei, beschloß ich zu jener Sprache meine Zuflucht zu nehmen.

»Messieurs et Mesdames,« sagte ich und verbeugte mich grüßend, »mille pardons pour cette intrusion peu convenable,« aber da ich in einer andern Sprache schreibe, werde ich wohl im Fortgang der Erzählung die Reden übersetzen müssen, obwohl ich nur ungern den Vortheil aufgebe, sie hier buchstäblich mitzutheilen, und in der eigentlichen Sprache, in der sie gehalten wurden.

»Meine Herrn und Damen,« sagte ich, und verbeugte mich grüßend, »ich bitte tausend Mal um Verzeihung für dieses unschickliche Eindringen in Ihre Zurückgezogenheit, aber da ich etwas von dem, was, wie ich sehr fürchte, nur zu begründete Klagen über die falsche Stellung sind, in welcher Sie sich befinden, mit anhörte, und als der Besitzer dieses Zimmers und in diesem Sinne als Ihr Wirth habe ich's gewagt, in keiner andern Absicht als mit dem Wunsche mich zu nähern, Sie möchten mich zum Vertrauten all Ihrer Noth machen, damit ich ihr, wo möglich, sobald als die Umstände es einiger Maßen erlauben mögen, abhelfen könne.«

Die Fremden waren natürlich ein wenig erstaunt über mein unerwartetes Erscheinen, und überlegten, was ich eben gesagt. Ich bemerkte, daß die beiden Damen selbst offenbar in einiger Weise betrübt darüber waren, da die jüngere in mädchenhafter Bescheidenheit den Kopf zur Seite kehrte, während die ältere, eine dummartig aussehende Person, die Augen auf den Boden warf, aber ihre Selbstbeherrschung und ihren Ernst besser zu behaupten vermochte; der ältere der beiden Herrn trat mir nach einem Augenblick Zauderns mit würdevoller Haltung entgegen, und meinen Gruß erwiedernd, indem er mit seltner Grazie und vielem Decorum mit dem Schweif wedelte, antwortete er mir, wie folgt. Ich darf wohl hierbei behaupten, daß er das Französische fast eben so gut wie ein Engländer sprach, der lange genug auf dem Continent gelebt, um sich einzubilden, er könne in den Provinzen reisen, ohne als Fremder entdeckt zu werden. Uebrigens war sein Accent ein wenig Russich und seine Aussprache lispelnd und harmonisch. Die Frauenzimmer, besonders in dem tiefern Schlüssel ihrer Stimmen, brachten Töne, nicht unähnlich dem Seufzen der Aeols-Harfe, hervor. Es war in der That ein Vergnügen sie zu hören, aber ich habe immer zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß in jedem Lande, nur eins ausgenommen, das ich nicht nennen will, die Sprache bei dem sanftern Geschlecht neue Reize annimmt und dem Ohr lieblicher erscheint.

»Sir«, sagte der Fremde, nachdem er mit dem Schwanz ausgewedelt hatte, »ich würde meinen Gefühlen und dem Monikins-Charakter im Allgemeinen groß Unrecht thun, wenn ich nicht einen kleinen Theil von der Dankbarkeit ausdrückte, den ich bei dieser Gelegenheit fühle. Verlassene, hauslose, beschimpfte Wanderer und Gefangne, sehen wir endlich, daß das Schicksal einen Strahl des Glücks über unsre traurige Lage geworfen hat, und die Hoffnung beginnt wieder durch die Wolken der Trübsal wie ein vorübergleitender Blick der Sonne zu scheinen. Bis von meinem Schweif an, Sir, in meinem und dieser herrlichen und klugen Matrone Namen, so wie auch in dem der zwei edlen, jugendlichen Liebenden danke ich Ihnen; ja verehrtes und menschliches Wesen von dem »genus: homo, species: Anglicus,« wir alle legen dir unsere schweif-gefühltste Anerkennung deiner Güte dar!«

Hier schwenkte die ganze Gesellschaft mit vieler Grazie den erwähnten Schmuck über ihre Häupter, berührte ihre zurückgebognen Stirnen mit den Zehen und verbeugte sich. Ich würde in diesem Augenblick zehen tausend Pfund darum gegeben haben, wenn ich rechte Actien in Schweifen gehabt, um ihre Art Höflichkeit nachmachen zu können; aber bloß, kahl und verlassen wie ich war, mußte ich mit einem erniedrigenden Gefühl mein Haupt ein wenig auf eine Schulter neigen, und als Erwiederung ihrer mehr ausgesuchten Höflichkeit, den gewöhnlichen englischen Knix machen.

»Wenn ich blos sagen wollte, Herr,« fuhr ich fort, als die eröffnenden Grüße gehörig ausgetauscht waren, »daß ich über diese zufällige Zusammenkunft erfreut bin, würde das Wort, mein Entzücken auszudrücken, sehr unzureichend sein. Betrachten Sie dieß Hotel wie Ihr eignes, seine Diener wie die Ihrigen, seine Vorräthe als Ihre Vorräthe, und seinen scheinbaren Inhaber als Ihren ergebensten Diener und Freund. Ich bin außerordentlich durch die Unwürdigkeiten beleidigt worden, denen Sie bis jetzt ausgesetzt gewesen, und verspreche Ihnen jetzt Freiheit, Güte und alle jene Aufmerksamkeiten, zu welchen Sie augenscheinlich durch Geburt, Erziehung und die Zartheit Ihrer Gefühle berechtigt sind. Ich wünsche mir tausendfach Glück, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Mein größtes Verlangen ist immer gewesen, mein Mitgefühl anzuregen, aber bis auf diesen Tag haben verschiedne Zufälle den Anbau dieser himmelgebornen Eigenschaft größtentheils auf mein eignes Geschlecht beschränkt; doch blicke ich jetzt vorwärts zu einer herrlichen Laufbahn neugeborner Interessen an der ganzen animalischen Schöpfung, – ich brauche kaum noch zu sagen, in's Besondere an den Vierfüßlern Ihrer eignen Familie.«

»Ob wir zu den Vierfüßlern gehören oder nicht, ist eine Frage, die unsre eignen Gelehrten sehr in Verlegenheit gebracht hat,« entgegnete der Fremde. »Es ist eine Zweideutigkeit in unsrer physischen Einrichtung, die diesen Punkt etwas zweifelhaft macht, und deswegen glaub' ich, ziehen die höheren Classen unsrer Naturphilosophen es vor, lieber der ganzen Monikins-Spezies mit all ihren Varietäten den Namen caudam jactans, Schweifschwinger, zu geben, indem sie die Benennung von dem edleren Theil der animalischen Bildung hernehmen. Ist dieß nicht die bessere Meinung daheim, Mylord Chafferim?« fragte er und wandte sich zum Jüngling, der ehrerbietig an seiner Seite stand.

»Dieß, glaube ich, mein theurer Doktor, war die letzte von der Academie angenommene Classification;« erwiederte der edle Jüngling, mit einer Schnelligkeit, welche ihn als wohl unterrichtet und verständig darstellte, und zu gleicher Zeit mit einer Rückhaltung in seiner Art und Weise, welche seiner Bescheidenheit und Erziehung gleich viele Ehre machte. »Die Frage, ob wir Zweifüßler sind oder nicht, hat die Schulen seit länger als drei Jahrhunderte in Bewegung gesetzt.«

»Die Nennung des Namens dieses Herrn,« fügte ich hastig hinzu, »erinnert mich, Sir, daß wir nur halb mit einander bekannt sind. Erlauben Sie mir, alle Ceremonie bei Seite zu setzen, und mich sogleich als Sir John Goldenkalb, Baronet, von Householder-Hall im Königreich Großbritannien bei Ihnen anzukündigen; als einen demüthigen Bewundrer der Vortrefflichkeit, wo immer, und unter welcher Form sie auch zu finden ist, und als Anhänger des Systems vom »gesellschaftlichen Anhaltspunkt.«

»Ich fühle mich glücklich zur Ehre dieser förmlichen Einführung zugelassen zu werden, Sir John. Dagegen bitte ich, werden Sie mir erlauben zu sagen, daß dieser junge Edelmann in unsrer eignen Sprache Nro. 6. purpurn, oder den Namen zu übersetzen, Mylord Chatterino ist. Diese junge Dame ist Nro. 4. violet, oder Milady Chatterissa, diese vortreffliche, kluge Matrone ist Nro. 4,626243, röthlich oder Mistreß Vigelanza Lynx, u]m ihren Namen auch in's Englische zu übertragen: und ich bin Nro. 22817, braun Stubenfarbe, oder der Raisono; um Ihnen eine buchstäbliche Erklärung meines Namens zu geben, nur ein ärmlicher Schüler der Philosophen unsres Geschlechts, ein Dr. der Philosophie und vieler gelehrten Gesellschaften Mitglied, der Reisegefährte dieses Erben eines der berühmtesten und ältesten Häuser der Insel Springhoch, von der Monikins-Section der Sterblichen.«

»Jede Sylbe, gelehrter Doktor Raisono, die von Ihren verehrten Lippen kommt, reizt nur meine Neugierde, und gibt neue Nahrung der Flamme des Verlangens, noch weiter in Ihre besondre Geschichte, Ihre künftigen Absichten, die Politik Ihres Geschlechts und in alle jene interessante Umstände zu dringen, die sich schnell einem Manne von Ihrer großen Fassungskraft und ausgedehnten Wissenschaft aufdringen werden. Ich fürchte für zudringlich gehalten zu werden, und doch, wenn Sie sich in meine Stelle sehen, hoffe ich, Sie werden ein so natürliches, brennendes Verlangen entschuldigen.«

»Entschuldigung ist unnöthig, Sir John, und nichts würde mir größere Freude machen, als alle und jede Fragen zu beantworten, die Sie an mich thun wollen.«

»Dann, Sir, alle unnöthige Umschweife abzuschneiden, lassen Sie mich Sie sogleich um eine Erklärung des Zahlensystems bitten, wonach Sie die Einzelnen benamen? Sie heißen Nro. 22,817, braun – Stubenfarbe – –.«

»Oder Dr. Raisono. Da Sie ein Engländer sind, werden Sie mich vielleicht besser verstehen, wenn ich mich auf eine bürgerliche Vorkehrung der neuen Londner Polizei beziehe. Sie werden bemerkt haben, daß die Leute Buchstaben in Roth und Weiß tragen, und Zahlen auf den Aufschlägen ihrer Röcke. Durch die Buchstaben kann der Fremde die Compagnie herausbringen, während die Zahl das Individuum bedeutet. Nun die Idee zu dieser Verbesserung kam zweifelsohne von unserm System her, wo die Gesellschaft der Harmonie und Subordination wegen in Kasten eingetheilt ist, und diese Kasten durch Nuancen von Farben bezeichnet werden, die ihren Stand und ihre Gewerbe andeuten. Der einzelne, wie bei der Polizei, wird durch die Zahl erkannt. Da unsre Sprache sehr sentenziös ist, ist sie im Stande die verwickeltste dieser Combinationen in sehr wenig Worten auszudrücken. Ich muß noch hinzufügen, daß zur Bezeichnung der Geschlechter kein weitrer Unterschied gemacht wird, nur daß jedes besonders gezählt wird, und jedes sein zu seiner Farbe gehöriges Gegenpaar von derselben Caste in dem andern Geschlecht hat. So sind Purpur und Violet beide adlig, das erste männlich, das andre weiblich, und röthlich ist das Gegenpart von Braun-Stubenfarbe.«

»Und – entschuldigen Sie mein natürliches Verlangen, mehr zu wissen, – tragen Sie in Ihrem Vaterland diese Zahlen und Farben auf Ihrer Kleidung?«

»Was Kleidung betrifft, Sir John, so sind die Monikins zu weit, geistig und physisch, um deren zu brauchen. In allen Fällen begegnen sich bekanntlich die Extreme. Der Wilde ist der Natur näher als die blos Civilisirten; und die Wesen, die über die Täuschungen des Mittelzustands hinaus sind, finden sich wieder näher den Gewohnheiten, Wünschen und Zwecken unsrer gemeinsamen Mutter. So wie der wahre Mann von Stand einfacher in seiner Haltung ist als der blose Nachahmer, wie Gewohnheiten und Moden in der Provinz übertriebener sind, als in gebildeten Hauptstädten, und der tiefe Philosoph weniger Ansprüche macht als der Anfänger, so lernt auch unser gemeinsames Geschlecht, so wie es der Erfüllung seiner Bestimmung und seinen höchsten Erstrebungen sich nähert, die Hochgeschätztesten Gebräuche des Mittelzustandes ablegen, und kehrt mit Eifer zur Natur wie zu einer ersten Liebe zurück. Aus diesem Grunde, Sir, trägt die Monikins-Familie nie Kleider.«

»Ich konnte jedoch nicht anders, ich mußte bemerken, daß die Damen, seitdem ich eingetreten, einige Verlegenheit gezeigt; wäre es möglich, daß ihr Zartgefühl über den Zustand meiner Toilette erschrocken?«

»Ueber die Toilette mehr selbst, als über den Zustand derselben, Sir John, wenn ich offen reden darf. Das weibliche Gemüth, auferzogen, wie es bei uns der Fall ist, von Kindheit an, in den Gebräuchen und Gewohnheiten der Natur, wird durch die geringste Abweichung von ihren Regeln unangenehm berührt. Sie werden dieß den Launen des schönen Geschlechts zu gut halten, denn ich glaube, in ihnen gleicht es sich ziemlich, es mag von einem Theil der Welt herkommen, woher es will.«

»Ich kann die anscheinende Unhöflichkeit nur durch meine Unwissenheit entschuldigen, Dr. Raisono. Ehe ich aber noch eine Frage thue, soll das Versehen gut gemacht werden. Ich muß, Herren und Damen, für einen Augenblick mich in mein Zimmer zurückziehen, und bitte Sie, bis ich zurückkomme, sich zu vergnügen, wie immer möglich. Nüsse sind, glaub' ich, in dieser Schublade, Zucker steht gewöhnlich auf dem Tisch und vielleicht könnten die Damen einige Unterhaltung finden, indem sie Uebungen an den Stühlen machten. In einem Augenblick werde ich wieder bei Ihnen sein.«

Hierauf zog ich mich in mein Schlafzimmer zurück, und legte den Schlafrock sowohl als das Hemd ab. Da mir jedoch einfiel, daß ich mir sehr leicht den Kopf verkältete, ging ich, Dr. Raisono zu bitten, ein wenig herein zu kommen. Als ich ihm meine Verlegenheit mittheilte, nahm dieser Herrliche es auf sich, die Damen vorzubereiten, den leichten Mißstand, daß ich nämlich noch eine Nachtmütze und Pantoffeln trug, zu übersehen.

»Die Damen würden sich nichts dabei denken,« bemerkte, um meine Betrübniß über Verwundung ihres Zartgefühls zu mindern, gutmüthig der Philosoph, »erschienen Sie selbst in einem Militair-Rock und Suwarow-Stiefeln, wenn man nur nicht glaubt, Sie wären von ihren Bekannten, und in ihrer unmittelbaren Gesellschaft. Ich denke, Sie müssen oft bemerkt haben, daß das schöne Geschlecht von Ihrer eignen Gattung oft ganz gleichgültig gegen Nuditäten ist (seine Vorurtheile sind nämlich nicht wie die unsern), welche auf der Straße erscheinen, während es sogleich aus dem Zimmer gestürzt wäre, wenn sie in der Person eines Bekannten zur Schau ausgestellt worden; diese conventionellen Ungleichheiten werden überall geduldet, weil sonst das Leben unerträglich würde.«

»Diese Unterscheidung ist zu vernünftig, Sir, um noch ein Wort der Erklärung zu bedürfen. Nun lassen Sie uns zurück zu den Damen gehen, da ich jetzt endlich einiger Maßen mich sehen lassen kann.»

Ich wurde für diese zarte Aufmerksamkeit durch ein billigendes Lächeln von der liebenswürdigen Chatterissa belohnt; und die gute Mad. Lynx warf nicht länger ihre Augen zu Boden, sondern richtete sie auf mich mit Blicken der Bewunderung und Dankbarkeit.

»Nun, da dieser kleine Zwischenfall weiter kein Hinderniß ist,« begann ich wieder, »so lassen Sie mich die Fragen fortsetzen, welche Sie bisher mit so viel Güte und so befriedigend beantwortet haben. Da Sie keine Kleider haben, wie wird dann jene Ähnlichkeit zwischen Ihrem Gebrauch und der neuen Londner Polizei ausgeführt?«

»Obgleich wir nicht bekleidet sind, hat uns doch die Natur, deren Gesetze nie ungestraft verletzt werden, sondern die eben so gütig als unbedingt gebietend ist, mit einer sanften Decke versehen, um die Stelle der Kleider, wo sie der Bequemlichkeit wegen nöthig werden, zu ersetzen. Wir haben Gewänder, die die Moden zu Schanden machen, keine Schneider brauchen und nie ihren Glanz verlieren. Aber es wäre unpassend ganz auf diese Art gekleidet zu sein; und deßwegen ist, wie Sie sehen, das Innere unsrer Hand ohne Handschuhe, und der Theil, worauf wir sitzen, unbedeckt gelassen, sehr wahrscheinlich, damit nicht durch zufällige und ungünstige Stellungen ein Mißstand entstehe. Dieß ist auch der Theil bei der Monikins-Art, der am besten geeignet ist, bemalt zu werden, und die Zahlen, wovon ich gesprochen, werden daher zu gewissen Zeiten von Staatswegen da angebracht. Unsre Buchstaben sind so klein, daß sie dem Menschenauge entgehen, aber wenn Sie dieses Opernperspectiv nehmen, zweifle ich nicht, werden Sie noch etwas von meiner Bezeichnung bei mir finden, obgleich, ach! ungewöhnliche Reibung, große Noth und ich darf wohl sagen, unverdiente Leiden mich hierin sowohl als in verschiedenen andern Stücken ganz entmonikint haben.«

Da Dr. Raisono die Güte hatte, sich umzudrehen und seinen Schweif wie ein Deutholz an einer schwarzen Tafel gebrauchte, gewahrte ich mit Hülfe des Glases sehr genau die besprochenen Figuren. Statt jedoch gemalt zu sein, wie er mich hatte vermuthen lassen, schienen sie unauslöschlich eingebrannt, wie wir gewöhnlich Pferde, Diebe und Neger brennen. Als ich es dem Philosophen bemerkte, erklärte er es mir mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit und Höflichkeit.

»Sie haben ganz Recht, Sir,« sagte er, »das Weglassen der Malerei geschah zur Vermeidung der Tautologie, die ein Fehler gegen die Einfachheit der Monikins- Sprache wäre, sowie auch gegen den Geschmack, und leicht bei unsern Ansichten die Regierung umstoßen könnte.«

»Tautologie!«

»Tautologie, Sir John; wenn Sie den Grund des Gemäldes untersuchen, werden Sie finden, daß er schon von einer düstern, dunklen Farbe ist; da dieß nun von einem betrachtenden, ernsten Charakter zeugt, hat man es in unsrer Academie »braun-Stubenfarbe«genannt, und es wäre offenbar unnöthig gewesen, dieselbe Farbe noch darauf zu bringen. Nein, Sir, wir vermeiden Wiederholungen selbst in unsern Gebeten, indem wir sie für Beweise eines unlogischen und unconsequenten Geistes halten.«

»Dieß System ist herrlich, ich sehe jeden Augenblick neue Schönheiten. Sie haben z. B. durch diese Art der Aufzählung den Vortheil, ihre Bekannten von hinten zu erkennen, ganz so als wenn Sie ihnen gegenüber stünden.«

»Diese Folgerung ist scharfsinnig und zeugt von einem thätigen, beobachtenden Geist, aber sie erreicht nicht ganz die Ursache unseres politico-numerischen-Identitäts-Systems, wovon wir sprechen. Die Zwecke hiervon sind von einer höheren und nützlicheren Art; auch erkennen wir unsre Freunde gewöhnlich nicht an ihrem Antlitz, welche höchstens nur falsche Signale sind, sondern an ihren Schweifen.«

»Das ist bewundernswerth; mit welcher Leichtigkeit können Sie dann einen Bekannten erkennen, der auf einem Baum sitzt; aber darf ich fragen, Dr. Raisono, welches so die eigentlichsten Vortheile Ihres Systems sind? Ich brenne vor Begierde.«

»Sie hängen mit Staatszwecken zusammen. Sie wissen, Sir, die Staatsgesellschaft ist der Regierungen wegen da, und Regierungen selbst hauptsächlich, um Contributionen und Taxen leichter einzutreiben. Durch dieß numerische System nun haben wir jede Gelegenheit die ganze Monikinsrasse bei den Steuerbüchern beizuziehn, wenn sie von Zeit zu Zeit nach ihrer Zahl aufgeschrieben werden. Die Idee war ein glücklicher Gedanke eines unsrer ausgezeichnetsten Statistiker, der durch die Erfindung großen Credit bei Hofe erlangte, und wirklich in Folge seines Scharfsinns in die Akademie aufgenommen wurde.«

»Doch muß man zugeben, mein theurer Doktor,« fiel Lord Chatterino, doch immer mit der Bescheidenheit, und ich darf hinzufügen, mit der Großmuth eines Jünglings ein, »daß es unter uns viele giebt, die leugnen, daß die Staatsgesellschaften der Regierungen wegen da sind, und behaupten die Regierungen seien wegen der Staatsgesellschaften gemacht, oder mit andern Worten für die Monikins.«

»Bloße Theoretiker, mein guter Lord; auch wird nach ihren Ansichten, selbst wenn sie wahr wären, nie verfahren; Praxis ist alles in der Politik, und Theorien sind von gar keinem Werth, nur in soweit sie die Praxis bestätigen.«

»Beide, Theorie und Praxis sind vollkommen!« schrie ich, »und ich zweifle nicht, daß die Eintheilung in Farben und Kasten die Obrigkeiten in den Stand setzt, bei den Auflagen mit »den Reichsten, den Purpurnen« zu beginnen.«

»Sir, Monikins-Weisheit legt nie den Grundstein oben hin; sie sucht den Grund des Gebäudes auf, und da Auflagen die Mauern der Staatsgesellschaft sind, fangen wir am Boden an. Wenn Sie uns besser kennen, Sir John Goldenkalb, werden Sie anfangen, die Schönheit und Wohlthätigkeit der ganzen Monikins-Oekonomie zu begreifen.«

Ich wieß nun auf den häufigen Gebrauch dieses Wortes Monikin hin, und meine Unwissenheit eingestehend, bat ich um eine Erklärung des Ausdrucks, sowie um eine allgemeinere Nachricht über den Ursprung, die Geschichte, Hoffnungen und Politik der interessanten Fremdlinge, wenn sie anders noch so genannt werden können, da sie mir schon so wohl bekannt waren. Doktor Raisono gab zu, daß das Verlangen natürlich und zu ehren wäre, aber er zeigte auch auf die Notwendigkeit hin, erst die animalischen Funktionen durch einige Nahrung zu unterstützen, besonders da die Damen den Abend vorher nur ein unbedeutendes Nachtessen gehabt, und auch er, obgleich Philosoph, mit weit mehr Eifer und Erfolg die verlangten Erklärungen geben würde, wenn er erst die geringe Bekanntschaft, die er schon mit einigem Eingemachten in einem der Schränke angeknüpft, weiter fortsetze, als er im jetzigen Zustand seines Appetits möglicher Weise könnte. Diese Hinweisung war so augenscheinlich, daß man nichts entgegnen konnte; indem ich daher meine Neugier unterdrückte, zog ich die Schelle, und ging in mein Schlafzimmer zurück, wo ich soviel von meiner Kleidung wieder anzog, als die Halbbildung des Menschen nöthig macht, und dann den Bedienten die geeigneten Befehle gab; jene wurden, beiläufig gesagt, unter dem Einflusse der gewöhnlichen und gemeinen Vorurtheile gelassen, wie sie fast allgemein von der menschlichen gegen die Monikins-Familie gehegt werden.

Ehe ich mich jedoch von meinem neuen Freunde, Doktor Raisono, trennte, nahm ich ihn bei Seite, und teilte ihm mit, daß ich einen Bekannten im Hotel hätte, einen Mann von besondrer Philosophie, aber nach Menschen-Art und der viel gereist wäre; ich bäte daher um Erlaubniß, ihn in's Geheimniß unsrer beabsichtigten Vorlesung über Monikins-Oekonomie einweihen und als Zuhörer mitbringen zu dürfen. Diese Bitte bewilligte Nro. 22,817, braun-Stubenfarbe oder Doktor Raisono sehr herzlich, gab aber auf zarte Art zugleich zu verstehen, wie er erwarte, dieser neue Zuhörer, der natürlich niemand anders als Kapitain Noah Poke war, werde es seiner Mannheit nicht für unwürdig halten, in soweit auf das Zartgefühl der Damen Rücksicht zu nehmen, daß er nur in den Gewändern jener anständigen und verehrungswerthen Schneiderin und Drappistin, der reinen Natur nämlich, erschiene. Diesen Wink billigte ich sogleich, worauf dann jeder, nach den gewöhnlichen Begrüßungen des Verbeugens und Schweifschwingens mit dem gegenseitigen Versprechen, pünktlich der Uebereinkunft nachzukommen, seines Wegs ging.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.