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Die Mondmarie

Otto Julius Bierbaum: Die Mondmarie - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudentenbeichten
authorOtto Julius Bierbaum
year1990
publisherNicolaische Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
isbn3-87584-318-5
titleDie Mondmarie
pages61-66
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Otto Julius Bierbaum

Die Mondmarie

Der Doktor, der Amtsrichter, der Redakteur und der Major saßen beieinander in ihrem »abonnierten Zimmer«. Es war der »Tag ohne den Pastor«, der Sonnabend.

»Einmal in der Woche, schwerebrett, muß man doch ein vernünftiges Wort reden dürfen«, hatte der Doktor gesagt, und so hatte man den »Tag ohne den Pastor« eingerichtet. Während Hochwürden Ewald drüben in seinem Zimmer auf und ab memorierte (man sah zuweilen seinen Schatten hinter dem grünen Rouleau), saßen hier im »goldenen Fässel«, dem Honoratiorengasthaus der schlesischen Kreisstadt F., seine bösen Freunde und sprachen von der Welt und ihrer Lust. Aber nicht im Tone des Wüstenpredigers.

Gestatten Sie, verehrteste Leserin, daß ich Ihnen die Herrschaften vorstelle.

Hier Herr Doktor Rudolf Windler. Sehr viel Frauenpraxis. Viel angeschwemmte Höflichkeit, aber ein böses Maul im engeren Kreise. Er reitet gerne auf dem Borstenthiere in's Reich der eindeutigsten Zweideutigkeit.

Daneben Herr Dr. Georg Holinger, Amtsrichter. Jurist wider Willen, daher ein saures Hirn. Aber ein freier, scharfer Kopf und eine vornehme Seele. Er hört mehr zu, als daß er selber spricht.

Drüben Major Wendsattel. Ein kleiner, fester Kerl, soldatisch stramm äußerlich und innerlich. Aber er hält es nicht für Officierspflicht, in allen nicht militärischen Dingen borniert zu sein. Er ist sogar Abonnement einer literarischen Zeitschrift, weshalb die Lieutenants im Stillen »Witze« über ihn machen. Und neben ihm schließlich: Herr Redakteur Gerwender. Nicht einmal Doktor. Ja, gesteh ich's nur offen: nicht einmal Redakteur. Man nennt ihn nur so, damit er wenigstens eine Art von Titel habe. In Wahrheit ist er blos – Dichter. Schreibt Romane. Der Teufel weiß, was für welche. Lebt in der guten Stadt F. wie ein Fremdling. Der Herr Amtsrichter hat ihn als ehemaligen Universitätskameraden am »akademischen Tische« eingeführt, aber nur für den »Tag ohne den Pastor«. Denn Gerwender ist ein böser Christ, der nicht einmal pro forma in die Kirche geht. Zur Literatur von F. kann er nicht gerechnet werden, denn er schreibt weder am »Kreisblatt« mit, das von einem Buchbinder redigiert wird, noch gehört er dem »poetischen Kränzchen« an, das unter der Leitung des Herrn Schulrektors »ausgewählte Stücke der besten Classiker mit vertheilten Rollen« liest.

Also diese Herrschaften saßen im »goldenen Fässel« beieinander, tranken dickes Kulmbacher Bier und rauchten Zigarren. Der geizige Doktor Windler so schauderhafte, daß selbst die gupferne Germania mit dem drohend erhobenen Schwerte ein Gesicht schnitt. Vielleicht schnitt sie's auch ohne diese Zigarren, gleichviel, aber es sah gräßlich aus, wie sie die Oberlippe rümpfte.

Der Amtsrichter, der für die Kreisstadt F. vielzuviel Geschmack hatte, wollte schon längst diese Gypsheroin abschaffen lassen, aber das hätte einen unpatriotischen Eindruck gemacht. Auch hätte dann das Pendant zu dem großen Bierkruge gefehlt, der die Form des Niederwalddenkmals hatte, weshalb man nicht aus ihm trinken konnte.

Der »Redakteur« litt besonders unter des sparsamen Mediziners Kreisstadtzigarren. Er bot ihm also eine der seinen an. Dabei sagte er: »S' ist eine Oestreicher, Regalia Favorita heißt sie feierlich und offiziell. Ich nenne sie »Mond-Marie«.

»Mond... wie?« fragte der Amtsrichter.

»Mond-Marie, – ja. So'n Einfall. Zur Erinnerung an eine merkwürdige Geschichte, die ich mal erlebt habe. Oder auch nicht merkwürdig. Nur eigen. Ganz eigen. Wenigstens für mich.«

»Also dann los mit der Geschichte!« kommandierte der Major.

»Ja, wenn es Sie nicht langweilt? Mir machts schon Spaß, sie zu erzählen. Ich wühle gerne in alten Schatullen. Es war in Salzburg.«

»Oh, Peterskeller!« himmelte der Doktor, und auf seiner dicken Unterlippe lagerte es wie ein öliger Glanz tokayriger Erinnerung.

»In der That: Peterskeller! Dort hub's an. Ich war von Wien gekommen. Eine Ferienreise. Irgend jemand muß mir damals Geld gepumpt haben. Ich war nämlich noch Student.«

Der Amtsrichter grinste.

»Du nicht, Verehrtester. – Also ich war in Wien gewesen, wo mir die oberste Gallerie des Burgtheaters außerordentlich gut gefallen hatte. Da waren nämlich so saubere Hascherln von Mädeln...«

»Bitte keine realistische Lyrik, Hermann!« rächte sich der Amtsrichter.

»Fällt mir nicht ein. Aber ich muß doch erzählen, wieso ich nach Salzburg kam, aus welchem Milieu und in welchem Stimmungszustande.«

Der Major: »Ganz recht. Sie hätten das von Wien ruhig ausmalen können.«

»Nein, nein. Wehe dem, der Misogynen Aergerniß gibt! Ich fange also mit Salzburg an. Denken Sie: es regnete nicht! Drei Tage lang. Ich war selig dort!«

»Im Peterskeller?« witzelte der Mediziner.

»Nein, auf dem Gaisberge, bei den Kapuzinern und auf dem Festungsberge. Nichts Schöneres habe ich noch gesehen als von da oben, nicht weit von der Feste Salzburg, von einem Aussichtspunkte herunter; ich weiß nimmer, wie er heißt. Es ist mir nur ein Vers in der Erinnerung geblieben, der dort irgendwo angeschrieben stand:

»Die Kellnerin, die gute Seel',
Tränkt wie Rebekka die Kameel.«

Es ist nämlich eine Restauration dabei, und ich erinnere mich eines österreichischen Feldwebels, der dort mit Stolz erklärte, in der »blauen Gans« geboren zu sein, worüber alle lachten.«

»Zur Sache, wenn's beliebt«, rief der Amtsrichter.

»Ja doch! Aber ich komme nicht los von da oben, wenn ich daran denke. Links sieht man da den Gaisberg mit seiner vasallisch zu ihm aufblickenden Umgebung, und die Salzach silbert an seinen Füßen und wirft ihre Wellen in dies Sonnengold und es ist ein Glänzen in der Schönheit der Natur. Und gleich, nahe daran, die alte Stadt, ein paar Dutzend goldener Kreuze aufreckend aus ihrem Gassendunkel in den strahlenden Himmel, schattengeborgen im Schutze der alten erzbischöflichen Zwingfeste mit ihren Türmen, Giebeln, Erkern, Thoren, Zinnen. Wie ein grauer, breiter Mauerschild hebt sich diese Bergfeste aus dem Gewinkel des zusammengebrochenen Ortes. Aber grün umbucht von unten auf, und dahinter, über ihr, weit, wunderherrlich weit, im weißblauen Schimmer, schroffig, zackenscharf das Gebirg. Rechts aber, über durchleuchtetem Baumgrün nähere Berge, und wendet man sich um, geht der Blick in hügelwelliges Land, das flach sich in Ebene dehnt... Aber das läßt sich ja nicht schildern.«

Der Amtsrichter: »So schildere es auch nicht.«

Der Doktor: »Ja, und wann kommen Sie eigentlich in den Peterskeller?«

Der Major: »Den Herren Zivilisten scheint es schlechterdings unmöglich zu sein, ihren Zungen mal auf ein paar Minuten »Stillgestanden« zu kommandieren. Lassen Sie unserm Dichter nur seinen Stimmungsanlauf nehmen.«

Der Doktor: »Ja aber die Mondmarie? Die Zigarre ist übrigens gut.«

»Ja... die Mondmarie... Also kurz! Aber fast... ich weiß nicht... Sie dürfen sich auf nichts spannendes gefaßt machen. Es ist ein ganz simples Abenteuer. Ein bischen abenteuerlich schon. Aber ich weiß nicht, ob ich das so herausbringen kann, denn vielleicht ist das Abenteuerliche in der Geschichte blos für mich enthalten. Wissen Sie: persönliche Stimmungssache.

Ich sagte schon, daß ich damals noch Student war. Dreiundzwanzig Jahre. Keine Sorgen auf dem Buckel. Alleweit fidel. Ich konnte stundenlang unterm blauen Himmel wandern und nichts thun; nichts, nichts, als an ein paar Reimen lecken, die mir durch den Sinn flogen und mir süßer schienen als aller Honig des Hymettos, den uns ehedem unser Conrektor so verzückt gepriesen, als hätte er ihn selbst gekostet. Ich dichtete den ganzen Tag und schrieb kein Wort. Ich sah in den Himmel und guckte dabei in mein Herz. Ich konnte mein Gesicht in die Halme der Juliwiese vergraben und den Erdboden küssen und dabei rufen: Ich liebe Dich! Liebe Dich! Liebe Dich!«

»Wen denn?« fragte der Doktor.

»Ein bloßer Mädchenname machte mich innerlich stammeln vor Seligkeit, und ich habe damals viele Bäume umarmt. Ach, und in die Sonne war ich verliebt! Du! Du! Du!!! habe ich zu ihr hinauf geschrieen. He, Du Goldene Du!... Ach! – Aber wenn es regnete, ging ich gerne trinken. Dann guckte ich ins Glas und war ganz stille. Nur die Verse rumorten. Und dann schrieb ich mir auf, was hängen geblieben war aus den goldenen Tagen. Es stieg aus mir heraus und ließ sich nochmals genießen, indem es geboren wurde zum Gedicht.«

»Poesie ist also gleich Genußwiederkäuen?« fragte der Amtsrichter.

»Wenn Du es rauhbeinig ausdrücken willst: ja. Bei mir wenigstens. Aber... also... Ja so denn! Es war so ein Regentag gekommen. Um fünf Uhr nachmittags hatte es angefangen. Ganz leise. In Spritzern wie von ungefähr. Dann waren seidene Fäden draus geworden. Dann schleierte es hellgrau herunter. Und ich ging in den Peterskeller. Der Doktor mag erzählen, wie heimlich schön es da unten ist. Nein? Sie wollen nicht?«

Und der Doktor: »Nee. Erzählen Sie nur weiter.«

»Gut. Aber vom Peterskeller kann ich nicht viel sagen. Ich saß und saß und trank und trank. Ruster Ausbruch. Er ist dort nicht so medizinal, so dick und rekonvaleszentenweinmäßig, sondern schier leicht und linde. Mir kam er ganz ungefährlich vor, wie ein biederes Weinchen, in dessen Seele keine Fallen liegen. Ich gab mich seiner Liebenswürdigkeit furchtlos und treu hin. Gell, du bist nicht schlimm, sagte ich zu ihm. Und er erwiderte: »I bewahre, nimm mich nur Bruder, nimm mich an Dein Herz. Ich kenne keine Tücken.« Und ich nahm ihn an mein Herz, ach, so häufig und, ach, so andauernd. Es war ein Seelenbund.«

»Verflucht«, sagte der Major, »und wir müssen Culmbacher trinken.«

»Aber der Bursche war perfid. Gemütlich war er in mich hineingekrochen, ließ sichs wohl sein in traulichem Gespräche mit meiner Seele, karessierte sie, wie ein Student seine Sonntagnachmittagsliebste, und schau da: hopp, hopp, puff – mit einem Male hatte er sie unter und war Herr und Gebieter, zügellos, brutal. Sie sagte nicht mehr maff.

In diesem Zustande befand ich mich, als ich vor dem Peterskeller stand. Weiß nicht, wie ich herausgekommen bin. Weiß auch weiterhin fast nichts mehr. Nur dies: ganz dunkel war die Nacht, wie feuchter schwarzer Sammet. Das Wasser lief kluckernd mir zu Füßen in tausend Rinnsalen. Ich fühlte vorübergehend Lust, mich direkt in eine Pfütze zu legen. Dann sah ich ein Licht. Da oben, links Gaslaterne? hin! Es war ein Weg zwischen zwei Gartenmauern. Ich lehnte mich an eine und griff in dichtes Rankenwerk. Da streift etwas an mir vorbei, schiebt mich fast auf die Seite. Na? Es kommt zurück, und eine Hand faßt die meine. Und nun: schwarz, schwarz, schwarz alles. Ein Schlund hat mich verschluckt. Ich weiß nichts mehr. Gar... nichts

Der Major, der Amtsrichter unisono: »Na?... und?... was?«

»Der Ruster war auf meiner Seele zum Teufel geritten, und der Teufel nur weiß, was mit ihr geschehen.«

Der Amtsrichter: »Halt uns nicht zum Narren! Was war's!?«

»Weiß ichs?! Am nächsten Morgen, nein: am nächsten Nachmittag, so etwa um vier Uhr erwachte ich. Bei Gott: in einem Bette. Aber wo denn? Wo? Was ist das für ein Zimmer? Was sind das für grüne Vorhänge da? Ja,... ich... was ist denn eigentlich... alle Wetter, habe ich denn den Verstand verloren? Was war denn gestern... Gestern?... Da klimpert mich das Salzburger Glockenspiel ins Bewußtsein. Richtig! Salzburg! Ja freilich! Das ist ja mein Zimmer im europäischen Hof. Aber gestern, gestern? Was war denn? Ich blicke um mich: mein Gott! Da liegen meine Sachen, wie aus einer Lehmgrube gezogen, dick bedreckt, wirr in der Stube herum. Wenn ich nur wüßte, was gestern... Mein Kopf ist leer und dumpf. Ich klingle den Hausknecht herauf. Er kommt und lächelt ganz sonderbar.

Ich blicke nur fragend auf meine Kleider.

Und nun erzählt er mir: Früh um drei Uhr habe ich ihn herausgeklingelt, er hat das Thor geöffnet, und ich bin ihm wortlos an die Brust gesunken. Dann hat er mich in mein Zimmer getragen. Weiter wußte er nichts zu melden, las meine Kleider auf und ging.

Noch immer hatte ich keine Ahnung. Ich machte die Augen zu und fragte höflich, aber dringend in mich hinein: »Bitte: was ist geschehen! Nu, wirds bald!?! Was war los! Gestern! G.e.s.t.e.r.n!« Keine Antwort. Ich mache die Augen wieder auf. Halloh! Da liegt meine Brieftasche. Wie in einer Eingebung greife ich darnach, mache sie auf, blättere sie um, nach dem Geldfache zu, – da: Zeus Kronion mit tausend Blitzen, schreckende Helle einen Augenblick, und ich sehe folgendes Bild: ein offenes Fenster, ich in einem Lehnsessel, vor mir ein junges Weib im Unterrock- das Hemd ist ihr über die rechte Brust heruntergefallen, und ich sehe auf dieser Brust in einem grausilbernen Zwielichte ein kleines, braunes Muttermal in der Form eines schmalen Halbmondes, und im selben Momente rufe ich aus: Mondmarie!... Mausehaken!... Aber pardautz war es auch vorbei mit aller Helligkeit. Dunkelste Dunkelnacht. Nur, wie im Dämmer, das Gesicht eines kleinen Mädchens Es verschwindet, ich sehe nach... Weit zurück, weit, weit ja, du lieber Gott: da bin ich ja in meinem Institute... Mondmarie!... Mausehaken... ! ? Ah, ah, ah so! So! So! Ist das denn möglich? Ist das denn ? Aber freilich! freilich!«

Der Major: »Entschuldigen Sie! Es ist unmöglich zu verstehen, wo das hinauswill! Was heißt das: Mondmarie! Mausehaken!«

»Lassen Sie mich nur! Lassen Sie mich! Ich muß erzählen, wie ich es damals empfand und sah, aus Nebeln heraus und dann heller, und dann klar. Also das kleine Mädchen... Richtig! Richtig! Die Marie vom alten Doktor Rannert! Freilich! Freilich! Und so war die Geschichte gewesen: Wir hatten, der dicke Hofmann, Kapellmeister Mehlers, Otto und ich, eine Woche Ferienabzug bekommen im Institute, irgend welcher Dummheiten wegen. Wir waren damals etwa 10 Jahre alt. Es war im Juli und sehr heiß. Da waren wir, weil es wenig Aussicht gab, herunter gekrochen in den Baderaum, hatten das große Bassin voll Wasser gelassen, und nun die Sachen aus und hupp hinein. Das Bassin, für warme Winterbäder berechnet, lag im Souterrain. Das Licht kam durch Milchglasfenster. Daß die im Sommer auf waren, hatten wir gar nicht bemerkt. Und nun unser Schreck, wie wir so herumplätschern und auf einmal ruft jemand durchs Fenster herunter. He, ihr, was macht ihr denn da? –

Der dicke Hofmann tauchte vor Schreck gleich unter, Mehlers Otto und ich aber ließen wenigstens die Köpfe noch an der Luft und starrten in tausend Ängsten nach oben. Ach, da stand ja Doktor Rannerts Marie oben!? »Fort!« rief ich. »Fort! Daß 's niemand merkt! Wir dürfen ja nicht!« Sie aber (sie sprach richtiges Dresdnerisch): »Derf ich e bisl 'runter gomm zu eich??«

»Duuuu?« sagte der emporgetauchte dicke Hofmann. »E Määdchen?!«

Und sie: »Neja, warum denn nich? Ich gomme!« Und richtig, da war sie auch schon.

Wir saßen zusammengekauert alle drei auf dem Boden des Bassins und kicherten sie an. Sie machte aber ein ganz ernsthaftes Gesicht und sah uns der Reihe nach an mit einem wunderlichen, oder soll ich sagen; wißbegierigen, besser noch: wißgelüstigen Blicke. Dann sagte sie plötzlich: »Darf 'ch mich auch ausziehn?«

»Neja, wenn du willst«, kicherte der kühne Otto. Darauf sie: »Abers Fenster mißt'r zumachen.«

Sofort kletterte ich hinauf und schob das Klappfenster in die Höhe. Wie ich wieder herunter kam, sah ich, daß sie keinen Blick von meinen Bewegungen ließ. Ich schämte mich augenblicklich und platschte ins Wasser.

»Bist Du aber dumm!« sagte Marie.

Und nun zog sie sich langsam aus.

Wir wunderten uns, daß sie sich gar nicht schämte und wagten fast nicht, sie anzusehn. Je mehr sie ihre Kleider von sich legte, um so unbehaglicher wurde speziell mir. Dagegen war der dicke Hofmann mit einemmale sehr kouragirt worden, und während die beiden andern beklemmt abwärts sahen, rief er aus: »Jetzt is se fiserfasernackch«, und wie wir aufblickten – wahrhaftig, da kam Kaunerts Marie ganz nackt, auf uns zu bis an den Rand des Bassins.

»Nu gomme ich rein, ja?«

»Komm' nur«, sagte der dicke Hofmann und stand aus dem Wasser auf und ging ihr entgegen. Herrgott wie funkelten da ihre Augen!

Und wie sie einen Fuß hob, ins Bassin hineinzusteigen, und sich überbeugte, da war der dicke Hofmann bei ihr und nahm sie bei der Hand. Es sah ganz feierlich aus.

Plötzlich lachte er, tippte ihr auf die linke Brust und sagte: »Guck e'mal, was se da für'n Mond hat!«

Sie lächelte fast wie wenn ihr das gefiele und sagte: »Das is e Muttermal. Das hat meine Mutter gerade dort auch.«

Wir aber, mutig geworden, umringten sie und betrachteten das »Wundermal«, wie wir verstanden hatten, und Mehners Otto war es, der das Wort wählte: De Mondmarie.

Dann tummelten wir uns samtviert im Wasser und waren sehr vergnügt. Die Mondmarie war ausgelassen wie ein junger Spatz und wünschte nur immer und immer wieder, wir sollten sie »schubbsen« oder tragen. Dann wurde sie mit einemmale still, schämte sich, zog sich eilends an und ging unter unzähligen Bitten, ja niemand was zu sagen.

Es hat sie auch niemand von uns verraten, nur heimlich und geheimnisvoll unter uns nannten wir sie Mondmarie.

Im Institute aber kam ein anderer Name für sie auf.

Es war ein paar Jahre später, daß häufig Schüler bestohlen wurden. Nur Kleinigkeiten, Näschereien oder kleine Schmuckstücke und dergleichen. Und bei Doktor Rannerts Marie waren durch ein Dienstmädchen die Sachen gefunden worden. Wie sie es gemacht hatte, blieb unentdeckt, denn sie gestand nichts. Aber sie erhielt den sächsischen Spitznamen »Mausehaken« dafür.

Ihr Vater that sie fort. Erst als sie 16 Jahre alt geworden war, kam sie wieder, wurde aber selten gesehen, denn sie war fast immer in einem Kindergarten als Aufseherin beschäftigt.

Sie war ein hübsches Mädchen geworden, von geschmeidiger Figur; ihr Gesicht war durchsichtig blaß, und ganz sonderbar: Die Sommersprossen darauf gaben ihr einen besonderen Reiz.

Wir drei von »damals« waren allesamt in sie verliebt, aber sie hat uns gar nicht beachtet, obwohl sie sich eines jeden von uns genau erinnerte. Das konnten wir, so dumm unsere 16 Jahre auch waren, doch aus ihren Blicken sehen. Das waren schnelle Gleiteblicke, in denen etwas Listiges steckte.

Der dicke Hofmann war besonders verliebt und zwar, wie ich mir jetzt sage, seine Verliebtheit hatte schon einen Stich über das hinaus, was man den Sechzehnjährigen als Schülerliebe hingehen läßt. Er malte verdächtig oft kleine Halbmonde. In allen Grammatiken und im Cornelius Nepos, Cäsar und Xenophon waren diese Monde zu sehen. Sogar an die Wandtafel hat er in der Zerstreuung einmal einen Mond gemalt, aber gleich wieder verwischt.

Da geschah etwas, das das ganze Institut, wenigstens die Oberklassen, in Aufregung brachte: Doktor Rannerts Marie, der »Mausehaken« war »durch«, mit einem neunzehnjährigen Schüler der ersten Klasse, einem Serben Namens Wiokovitsch durch. Und dem armen Alten, den wir den »Rumpelkäfer« nannten (ich weiß wirklich nicht warum), hatte sie richtig ein paar 100 M. mitgenommen. Er starb bald darauf aus Gram über sein Kind.

Von dem hat Niemand mehr was gehört.«

»Und sie glauben also, daß diese ›Mondmarie‹...«

»Ich weiß nur, was ich Ihnen erzählte. Dieses plötzliche Aufflammen jenes Bildes, als ich meine leere Brieftasche sah, jener Ausruf von mir, der mir ganz unbewußt auf die Lippen kam... wie war das Alles zu erklären, wenn nicht alles Reflexbild eines wirklichen Geschehnisses, von dem mir die Betrunkenheit im übrigen alle Erinnerung genommen hatte?

Die Mondmarie hatte mir übrigens gerade noch Geld genug für eine Regalia favorita im Beutel gelassen, und dieser Hochherzigkeit zu Ehren habe ich dann die Zigarre auf ihren Namen getauft...«

»Die Zigarre ist gut«, sagte der Doktor.

»Das Mädel weniger«, meinte der Major.

Der Amtsrichter aber sprach: »Ja, wenn die Mädeln ›Wißgelüstig‹ sind...«








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