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Die mohamedanisch-arabische Kulturperiode

August Bebel: Die mohamedanisch-arabische Kulturperiode - Kapitel 9
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authorAugust Bebel
titleDie mohamedanisch-arabische Kulturperiode
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firstpub1883
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Schluß.

Wenn der vorhergehende Abschnitt die Folgen der Araberherrschaft in Spanien behandelte, könnte jezt ein Abschnitt folgen, der die Wirkungen ihrer Herrschaft über Sizilien schildert. Allein dies würde vielfach nur eine Wiederholung sein. Sizilien wurde bekanntlich 272 vor unserer Zeit eine römische Provinz, nachdem es zuvor unter griechischer Herrschaft gestanden. Sizilien galt als die Kornkammer Roms. Aber während des Verfalls des römischen Reiches brachten Kriege und Aufstände das ehemals so reiche Land herunter. 476 kam es unter ostgotische, 550 unter byzantinische Herrschaft und diese wurde in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts von jener der Araber verdrängt. Deren Herrschaft, die bis gegen Ende des 11. Jahrhunderts währte, wo die Normannen Besiz von der Insel nahmen, hatte auf den materiellen und geistigen Aufschwung von Sizilien genau dieselbe Wirkung als auf Spanien. Ackerbau, Gewerbe, Handel und Verkehr, Bildungs- und Städtewesen erreichten eine Höhe wie kaum zuvor, nie nachher. Die Einwirkung dieses Zustands auf das Sizilien gegenüberliegende Italien, diese alte Kulturland, war von den segensreichsten Folgen. Die Blütezeit, die in Italien in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts begann und von Italien nach Deutschland, Frankreich, England übertragen wurde und als das Zeitalter der Renaissance (Wiedergeburt) bezeichnet wird, was das Resultat jener Einwirkung.

Zu jener Zeit war in Europa die Literatur der Alten nahezu unbekannt, und wenn sich ja in die dunklen Gewölbe irgend eines christlichen Klosters eine Schrift der Alten verirrt hatte, so ward sie entweder nicht gelesen, oder, wenn gelesen, verborgen gehalten. Dagegen wuchs die Zahl der kirchenväterlichen Abhandlungen und heiligen Legenden ins ungemessene, und zählte man deren nicht weniger als 25 000 verschiedene.

Gegen die alten heidnischen Schriften und Werke war das Christentum vom Anfang seines Bestehens an in der feindlichsten Weise vorgegangen. Entsprungen aus einer von jüdischem Fanatismus belebten, der strengsten Askese sich widmenden Sekte; an die jüdisch-patriotischen Traditionen und den Römern feindlichen Instinkte appellirend, hatte es in den unter der Römerherrschaft bedrückten Massen seine Hauptverbreitung erlangt. Die römische Zivilisation verachtend, weil es in den Trägern dieser Zivilisation seine Feinde sah, die in wüsten Ausschweifungen verpraßten, was die Millionen Unterdrückter aus aller Herren Länder mühselig erzeugt, trat es, sobald es größere Ausbreitung und Macht erlangt hatte, wie gegen die heidnischen Götter, so auch gegen den römischen Staat, seine Geseze und seine Machthaber feindlich und gewalttätig auf.

Die Verbreitung des Christentums nahm gewaltig zu unter den Millionen und aber Millionen, die unter der römischen Gewaltherrschaft seufzten, namentlich als es durch den Einfluß des durch neuplatonische philosophische Ideen angekränkelten Paulus seinen spezifisch jüdisch-nationalen Karakter abstreifte und als international auftrat. Die Ideen und Lehren des Christentums wurden lange nicht blos als religiöse, sondern als eminent soziale und politische von der Masse aufgefaßt; es erschien als die Fahne, um die sich alle Armen und Elenden schaarten, um sich aus der römischen Sklaverei zu befreien. Die Armen sind gar arg betrogen worden.

Mit ihrem Wachstum an Zahl wuchs den Christen natürlich auch der Mut. Die Führer reizten ihre Anhänger in den Heeren zur Verweigerung des Gehorsams auf, zettelten Aufstände und Verschwörungen an; sie beschimpften die alten Götter, stürmten die Tempel, zerstörten und schändeten sie, oder zerschlugen die Bildwerke und Statuen, ohne Rücksicht auf deren künstlerischen Wert.

Sie wurden als Hochverräter und Tempelschänder gewaltsam verfolgt. Aber ihre Begeisterung ließ sie alle Verfolgungen, auch die härtesten standhaft ertragen; sie wurden Märtyrer ihrer Ueberzeugungen und das schaffte ihnen immer neuen Anhang. Die Jämmerlichkeit der Zeiten, der Verfall des Reichs, verbunden mit ihrem Eifer, brachten auch viele der geringen und manchen angesehenen Römer, namentlich viele römische Frauen, auf ihre Seite; sie wurden eine große einflußreiche Macht.

Der oströmische Kaiser Konstantin begriff dies; um sie als Werkzeuge seiner Macht benuzen zu können, trat er zum Christentum über. Obgleich ein rücksichtsloser Despot und großer Verbrecher, brachte ihm diese kluge Tat den Namen der Große ein. Aber das Christentum selbst fing an sich zu spalten. Ob der Sohn mit Gottvater gleich oder nachgeboren sei, ob die Maria als Jungfrau geboren habe, der heilige Geist als dritter im Bunde Vater und Sohn gleich und alle drei wieder als eine zu erachten seien, das waren die Kardinalsfragen, über die sich die Parteien in die Haare gerieten und schließlich mit Fäusten und Schwertern bekämpften.

Ueber diesen inneren Kämpfen vergaß man aber nicht die Zerstörung des Heidentums. Nachdem man die Staatsgewalt auf der Seite hatte, konnte sie noch weit wirksamer betrieben werden. Was von heidnischen Tempeln und Bildsäulen übrig blieb, ward in christliche verwandelt und wie die Bildsäulen, heiter genug, mit Namen christlicher Heiliger und Märtyrer belegt. Man fing also an praktisch zu werden. Dagegen fanden die heidnischen Schriften keine Gnade und wetteiferten Kirchenväter und Bischöfe in Verfluchung derselben und in Anordnungen, sie zu zerstören und zu verbrennen und, so weit man dies nicht erreichen konnte, ihr Studium zu verbieten. So gingen große Schäze der späteren Kultur verloren. Daneben betrieb man die gewaltsame Bekehrung und die ebenso gewaltsame Vertilgung der Nichtbekehrten. Die einst Unterdrückten wurden Unterdrücker und Verfolger.

Da der Hinweis auf ältere Taten und frühere glorreiche historische Vorgänge bei jedem Bekehrungswerk immer eine wichtige Rolle spielt, so begannen die christlichen Schriftsteller – fast ohne Ausnahme Geistliche – die Urkunden und geschichtlichen Vorgänge früherer Zeiten systematisch zu fälschen, indem man sie mit den Taten der Apostel und ersten Christen, der Heiligen und Kirchenväter in Uebereinstimmung brachte, oder als deren Taten und Anordnungen geschehen ließ.

Das wurde z. B. vom heiligen Eusebius ganz offen eingestanden. Solche Praktiken wurden bei allen Völkern, die später dem Christentum erobert wurden, angewandt; so bei den Galliern, den Wallisern, des Angelsachsen, den Irländern, den Slaven und Finnen. Märtyrer- und Heiligen-Geschichten, die Erzählung und Beschreibung von Erscheinungen, Träumen und seltsamen Zeichen nahm dafür eine immer größere Ausdehnung an und trugen dazu bei, die unwissenden Völker zu erschrecken und in Angst zu halten, um sie um so besser in der Gewalt zu haben.

Wären uns nicht einige Bruchstücke alter römischer Schriftsteller über die früheren Zustände unserer Vorfahren und einiger nordischer Völker erhalten geblieben, wir lebten darüber in dickster Unwissenheit, da die zahllosen christlichen Missionäre und Mönche hierüber nicht das geringste aufgezeichnet und niedergeschrieben haben. Daher ist es gekommen, daß die frühere Geschichte der meisten europäischen Völker für uns in vollständiges Dunkel gehüllt ist und die geringen Ueberreste aller Literatur verdanken wir dem Zufall oder den Arabern. Befahl doch ums Jahr 600 Pabst Gregor der Große (!), alle noch vorhandenen Schriften des Cicero, Livius und Tacitus zu verbrennen. Der heilige Laktantius und der heilige Augustinus – lezterer wohl nach Paulus das größte Kirchenlicht – verspotteten die Lehre des Ptolemäus von der Kugelgestalt der Erde und lehrten, sie sei eine Scheibe, und Sonne, Mond und Sterne am Gewölbe des Himmels befestigt. Und nach mehr als tausend Jahren später galten die Lehren von Kopernikus, Galilei und Newton als Kezereien.

Nach all diesen dargelegten Tatsachen leuchtet ein, welch eine große Bedeutung die arabisch-mohammedanische Kulturperiode für die gesammte Menschheitsentwickelung hat. Ohne diese Kulturepoche wäre das ganze lange Mittelalter eine ungeheure Geistesöde, ein kaum zu überwindender Rückschlag in die Barbarei geworden.

Die Ursachen, die den Zerfall der mohammedanisch-arabischen Kultur herbeiführten, sind zur Genüge erörtert worden. Die schließlichen Spaltungen und inneren Kriege hatten große Länderverwüstungen, häufige Hungersnöte und pestartige Krankheiten im Gefolge. Ganze Ländergebiete wurden menschenleer; eine wirkliche Kultur ist aber ohne eine dichte Bevölkerung unmöglich. Eine solche Bevölkerung muß aber auch Initiative, Tatkraft und Einsicht besizen, um schädliche Einflüsse zu beseitigen, günstige ausnuzen zu können, dazu sind aber weder die klimatischen Einflüsse des Orients, noch die Jahrtausende langen Sitten und Gewohnheiten der Asiaten geschaffen. Das Volk, das jene Eigenschaften besaß, wurde von den ungünstigen Einwirkungen überwunden, so war der Verfall naturgemäß.

Das Reich und seine Kultur zerfiel, aber was es einst geschaffen, kam den europäischen Völkern, die nunmehr die Führung im Kampfe für den menschlichen Fortschritt übernahmen, zu Gute.

Das Schlußresultat dieser Darlegungen ist:

Die mohammedanisch-arabische Kulturperiode ist das Verbindungsglied zwischen der untergegangenen griechisch-römischen und der alten Kultur überhaupt, und der seit dem Renaissancezeitalter aufgeblühten europäischen Kultur. Die leztere hätte ohne dieses Bindglied schwerlich ihre heutige Höhe erreicht. Das Christentum stand dieser ganzen Kultur-Entwickelung feindlich gegenüber.

Und so kann man denn mit Fug und Recht sagen: die moderne Kultur ist eine antichristliche Kultur. Darin stimmen die vorgeschrittensten Geister unserer Zeit mit den rückständigsten überein.

Les extrême se touchent. Die Extreme berühren sich, weil sie – nichts zu vertuschen haben.

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