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Die mohamedanisch-arabische Kulturperiode

August Bebel: Die mohamedanisch-arabische Kulturperiode - Kapitel 5
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authorAugust Bebel
titleDie mohamedanisch-arabische Kulturperiode
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IV. Soziale Entwickelung.

Die Araber waren, als sie ihre Eroberungen unter der Fahne des Islam begannen, ein echtes Naturvolk. Stolzen und unabhängigen aber auch herrschsüchtigen Sinnes, vermischten sie sich schwer mit den unterworfenen Völkerschaften. Derselbe Stolz, der die Angehörigen eines älteren oder berühmteren Stammes auf die jüngeren und weniger berühmten herabsehen ließ, bestimmte sie allesammt auf die unterworfenen Nationalitäten als Völker geringerer Qualität herabzublicken. Nur schwer konnte sich der Araber an die Lehre des Islam gewöhnen, der ihm gebot, auch in dem Besiegten den Gleichen anzuerkennen, wenn dieser denselben Glauben mit ihm teilte. Den Arabern erleichterte ihre Eroberungen neben ihrer vortrefflichen Heeresorganisation und Tapferkeit der Umstand wesentlich, daß auch außerhalb Arabiens schon früh und zu verschiedenen Zeiten arabische Stämme sich angesiedelt hatten, die ihren Stammesgenossen mit Sympatie entgegenkam und den Widerstand der Völker, unter denen sie lebten, schwächten. Solche Stämme, die sich wesentlich mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigten, gab es in Aegypten, Palästina, Mesopotamien und Irak.

Die Politiker der Omajjaden, dahingehend, in allen Provinzen des Reichs die Häuptlinge der Stämme zu Statthaltern und Unterstatthalter zu ernennen, gab demselben eine große Einheitlichkeit und Gleichmäßigkeit in der Organisation und Verwaltung. So wurden arabische Sprache und arabischer Geist im ganzen Reiche tonangebend; die naturwüchsige Kraft des neuen Volks übte den günstigsten Einfluß auf die zwar verweichlichten und niedergedrückten, aber vergleichsweise hoch entwickelten alten Kulturelemente, die in allen Provinzen des großen Reiches vorhanden waren. Elementares Kraftgefühl verband sich mit physisch geschwächten, in raffinirtem Sinnenreiz und in überfeinerter Kultur versunkenen Elementen. Anfangs behielt das Erstere die Oberhand und daraus entstand der großartige geistige und materielle Aufschwung auf allen Gebieten des Staats- und Gesellschaftswesens. Allmälig aber bekamen, begünstigt durch ein erschlaffendes Klima, die rasche Zunahme des Reichtums und die große Zahl fremder Frauen, die sinnlichen Begierden die Oberhand, und nun trat ebenso rasch der Zerfall ein, als früher der Aufschwung. Endlich verhinderten die unfreien sozialen Zustände ein Emporkommen der unteren Klassen, von denen unter anderen Verhältnissen allein eine Regeneration von Reich und Gesellschaft hätte ausgehen können. Das Kalifenreich ist einem glänzenden Kometen zu vergleichen, der plözlich am Himmel erscheint, in aufsteigender Bahn durch seinen intensiven Glanz alle Welt überrascht und blendet, dann aber rasch sich abwärts wendet und bald nur einen Dunstschweif hinterläßt.

Da die Araber als herrschenden Volk die Staatsgewalt besaßen, von ihnen die Begünstigung in vielen Dingen ausging, ihre Sprache die offizielle Verkehrssprache bildete, die höhere und freiere Stellung der Unterworfenen von der Annahme des Islam abhing, für dessen richtiges Verständnis wieder die Kenntnis der arabischen Sprache notwendig war, so fand leztere in allen Kreisen der Bevölkerung rasche Aufnahme. Und wie jedes rohe, aber geistig gut veranlagte Volk gierig ist, sich eine höhere Kultur anzueignen, um sich den von ihm Unterworfenen auch geistig ebenbürtig oder gar überlegen zu zeigen, so warfen sich jezt die Araber mit großer Energie auf alle Wissenszweige und es entstand jezt zwischen ihnen und den von ihnen Beherrschten ein Wettkampf, wie ihn die Welt kaum zum zweiten Male gesehen.

Es begannen grammatikalische, juristische, teologische, philosophische und naturwissenschaftliche Studien fast gleichzeitig an allen Enden des Reichs. Zahlreiche gelehrte Köpfe aus den beherrschten Völkern machten sich daran, die vorhandenen alten Schriften und Werke in die arabische Sprache zu übersezen, so daß diese in weniger als zwei Jahrhunderten einen geradezu staunenswerten literarischen Schaz zugeführt erhielt, und die leichte Zugänglichkeit dieser Bildungsmittel in der gleichen Sprache des ganzen Reichs erzielte die schönsten Erfolge. Sprachen, Sitten und Gewohnheiten begannen schon um diese Zeit sich im mohammedanischen Reich mit einer Gleichmäßigkeit über alle Nationalitäten und die verschiedenen Glaubensbekenner zu verbreiten, daß mehrmals die Kalifen verordneten, die ihrem Glauben treu gebliebenen Christen und Juden sollten besondere Kennzeichen an der Kleidung tragen, damit man sie von den wirklichen Moslimen unterscheiden könne.

So befruchtend und anregend wirkte auf die alten Kulturelemente der Umstand, daß ein mit neuen aber mit nicht gänzlich fremdartigen religiösen, politischen und sozialen Ideen erfülltes und von Begeisterung getragenes Volk auf die Weltbühne trat.

Die Unterdrückung hat nicht selten das Gute, daß sie noch nicht ganz erschlaffte Naturen anspornt, alle Hebel anzusezen, um sich aus der Unterdrückung zu befreien. Das war den Arabern gegenüber nur möglich, wenn man sich ihnen überlegen zeigte, durch eifrige Vermehrung und Anwendung des verschiedenen Wissens und wenn man durch höhere praktische Fertigkeiten sich ihnen unentbehrlich machte.

Beachtet man nun, daß die Zusammenfassung weiter Ländergebiete in ein einziges Reich den Wettkampf unter den verschiedenen Völkerschaften hervorrief, alle hemmenden Schranken zwischen ihnen beseitigt waren, nationale und religiöse Eigentümlichkeiten möglichst geschont wurden, der lastende Druck in vielen Fällen den unterworfenen Bevölkerungen nicht so schwer erscheinen mußte, als der früher den eigenen Regierungen erduldete, endlich daß die Kalifen zahlreiche Maßregeln ins Leben riefen, um Ackerbau und Gewerbe, Verkehr und Bildung zu heben, so hat man die Hauptursachen, die den großartigen geistigen und sozialen Aufschwung im Kalifenreich erklären.

Bei der außerordentlichen Fruchtbarkeit und der Mannigfaltigkeit der Bodenschäze (edle und unedle Metalle, edle Steine etc.), die große Gebiete des Morgenlandes auszeichnen, ist unter einer vernünftigen Staatsverwaltung rascher Zuwachs von Reichtum das sichere Resultat für die Herrschenden. Die leichte Gewinnung des Reichtums erleichterte seine Ausgabe für die verschiedensten Zwecke und wirkte anregend auf Handel, Künste und Gewerbe.

Selbstverständlich verlief diese Entwickelung nicht so glatt und es fehlte nicht an zahlreichen Ausschreitungen und an gewalttätiger Ausbeutung. Möglichst mühelos zu erwerben und zu genießen ist ein der Menschennatur tief eingeprägter Zug. Der Herrschende findet die Ausbeutung des Beherrschten so natürlich, daß er gar nicht begreift, daß es anders sein könne, und er ist leicht geneigt, selbst das durch Sitte und Gewohnheit bestimmte Maß zu überschreiten, wenn er glaubt, dies ohne Gefahr zu können. Liefert selbst die heutige Zeit fast jeden Tag uns solche Beispiele, so ist nicht zu verwundern, daß zu jenen Zeiten, unter weit rückständigeren Anschauungen, Raub- und Ausbeutungsakte noch weit öfter vorkamen. In Folge dessen entstanden zahlreiche Streitigkeiten und Aufstände der Klienten gegen die Beherrscher. Die christlichen Sekten im Libanon und Antilibanon, die Sekte der Kopten in Aegypten, die Berberstämme in Nordafrika machten verschiedentliche Empörungsversuche und manchmal kostete es Mühe, sie niederzuschlagen. Da nun die Sitte herrschte, daß gewaltsam Niedergeworfene Sklaven der Sieger wurden, kamen namentlich die durch ihre Schönheit sich auszeichnenden männlichen und weiblichen Berber zahlreich in die Sklaverei und füllten leztere die Harems der Reichen. Auch aus Spanien wurden eine Menge Sklaven eingeführt, die hoch im Preise standen und die man mit dem sechs- und achtfachen des Preises bezahlte, den man beispielsweise für türkische Sklaven gab. Das christliche Venedig wie überhaupt Italien beteiligten sich lebhaft an diesem Menschenhandel. Auch ist notorisch, daß selbst die römischen Päpste und Geistlichen dabei ihre Hand im Spiele hatten und an diesem schmuzigen Geschäft durch die Ungläubigen viel Geld verdienten, indem sie die Kinder ihrer Leibeigenen als Sklaven an die Araber verkauften. In Rom, dem Siz des Papstes, des Vaters der Christenheit, bestand sogar bis zum Jahre 748 ein offener Sklavenmarkt, er wurde damals unterdrückt, ohne daß deshalb der Menschenhandel aufhörte.

In jedem Lande bildet der Zustand des Ackerbaus einen Maßstab für die gesammte Kulturentwicklung. Der Ackerbau erlangte in den ersten zwei Jahrhunderten des Kalifenreichs einen bis dahin nicht gekannten Aufschwung. Man baute nicht nur die Artikel des gewöhnlichen Lebensunterhalts an, sondern hauptsächlich auch für das Gewerbe benötigte Produkte. Dahin gehörten zahlreiche Farbestoffe. Neben dem Flachs ward der Anbau der Baumwolle betrieben, die damals in Europa noch gänzlich unbekannt war. Ausgedehnte Maulbeerpflanzungen gaben die Nahrung für die Seidenraupenzucht, welche die Grundlage für eine sehr bedeutende und hochentwickelte Seidenfabrikation bildete.

Die Farbestoffe verdankten ihre Kultivirung dem Geschmack des Morgenländers an hellen, glänzenden und leuchtenden Farben, und die Farbestoffe wurden in großer Menge gebraucht, da der Kleiderluxus und die Freude an buntfarbigen Tüchern und Teppichen von jeher eine Leidenschaft der Orientalen ist. Die geschäzteste Farbe war der Saffran, dessen Kultur dementsprechende Ausdehnung hatte, ferner der Safflor und das Wars, dessen Heimat Südarabien ist. Sehr stark war auch der Bedarf an Krapp, dessen Anbau nebst jener des Saffrans auch in Spanien eingeführt wurde und von dort weiter in Europa eindrang. Ein sehr geschäztes Toilettenmittel ist im Orient die Henna, die man zum Färben des Haares und des Bartes, der Finger- und Fußzehennägel verwendet. Und da die Henna nach der abergläubischen Vorstellung der Orientalen gegen den sogenannten bösen Blick schüzen soll, verwendete man sie auch zum Färben von Pferden und Kameelen, die teilweise damit bestrichen wurden.

In der Gartenkultur erreichten die Araber eine erstaunliche Vervollkommnung. Obstbäume und Gemüse, Blumen und Zierstauden erlangten eine Mannigfaltigkeit und Pracht, die unter europäischem Himmel nur ganz ausnahmsweise zu erreichen ist. Die Schilderungen von Gärten der Großen, ihrem buntfarbigen Blumenflor und Duft, der Ueppigkeit der Zierstauden und Schlingpflanzen, der Fruchtbarkeit der Obstbäume und Reben, Resultate, die ganz wesentlich durch ein außerordentlich praktisch und sinnreich angelegtes Bewässerungssystem erzielt wurden, scheinen uns als Mährchen.

Eine sehr große Zahl von Obstbäumen, Blumen, Zierstauden und Nuzpflanzen verdankt das christliche Abendland den Mohammedanern, so unter anderem die Orange, Aprikose und Pfirsiche, die Myrthe, verschiedene Birnen-, Aepfel- und Traubensorten, den Olivenbaum, den Rhododendron und Granatapfelstrauch u. s. w. In der Kunst des Pfropfens und Pflanzens der Bäume, Sträucher und Blumen waren die Araber Meister und sind heute wohl kaum darin erreicht. Namentlich waren es Rosen, Mandelbäume und Reben, an denen sie ihre Kunst anwandten. So verstanden sie die heute noch unerreichte Kunst, den Trauben den Geschmack beliebiger Gewürze beizubringen. Die Zucht der Blumen in den prächtigsten und verschiedenartigsten Farben war ihnen sehr geläufig. In der Gemüsezucht verdankt Europa unter vielen anderen den Arabern den Anbau des Spargels.

Auch im Konserviren des Obstes und der Gemüse erreichten sie einen hohen Grad der Vollkommenheit und ist die Kenntnis dieser Kunst seitens der Europäer ebenfalls den Arabern geschuldet.

In diesen wie in vielen andern Dingen war für die spätere europäische Kultur von großer Wichtigkeit, daß die Araber Jahrhunderte lang in Spanien und auf Sicilien lebten und wirkten und durch die direkte Verbindung mit Angehörigen der verschiedensten europäischen Länder ihr Wissen, ihre Kenntnisse und ihre Einrichtungen erlernt und übertragen wurden. Kein Zweifel, daß auch die Kreuzzüge dazu beitrugen, die Kenntnis von morgenländischer Sitte und Kultur in Europa bekannt zu machen, allein diese hatten im Vergleich zu der Wirkung Jahrhunderte langer Herrschaft in den erwähnten südeuropäischen Ländern nur geringe Bedeutung. Zudem wurden diese Kriege durch fanatisirte Haufen geführt, die in der Zerstörung mohammedanischer Kultur ein wohltätiges, gottgefälliges Werk erblickten, und darum wohl ebenso wenig günstige und dauernde Einwirkung auf die Kämpfenden ausübten, wie auf die Jahrhunderte lang gegen die Araberherrschaft kämpfenden Spanier.

Dagegen fanden sich massenhaft abendländische Laien und Geistliche, Adlige und Fürsten an den maurischen Höfen und Bildungsstätten in den friedlichen Intervallen ein, welche die Herrschaft der Araber in Spanien und Sicilien genoß. Hier lernten sie eine im Vergleich zu der des Abendlandes hohe Civilisation kennen und schäzen. Diesem Einfluß verdankte auch der Kaiser Friedrich II., unzweifelhaft der gebildetste und freigeistigste Kaiser, den Deutschland bis auf Josef II. je besessen, seine hohe Bildung. Er ließ sich sogar, was damals für unerhört galt, zu einem friedlichen Verkehr mit dem Saracenen-Sultan herbei. Dies wie seine ganze unkirchliche Denk- und Lebensweise brachte ihn denn auch bei seinen beschränkten Zeitgenossen in üblen Geruch und zog ihm schließlich den Bannfluch des Papstes zu.

Ja es unterliegt keinem Zweifel, daß als nach fast tausendjähriger Herrschaft des Christentums Europa nach geistiger Erlösung rang, es die innige Berührung mit den arabischen Kulturbestrebungen in Italien und Spanien war, welche das Zeitalter der Wiedergeburt, die Renaissance, erstehen ließ und nach mancherlei Rückschlägen schließlich ganz Europa auf die Bahn des Fortschritts drängte. So war es nicht der Einfluß des Christentums, der sich in jener Zeit den menschlichen Fortschritten überall entgegenstemmte und sie mit Feuer und Schwert bekämpfte, sondern antichristlicher, heidnischer Einfluß, der den Aufschwung des Geisteslebens und die Aera der Reformen in Europa hervorrief.

Die Anregungen zu den großen Fortschritten in der Kunst des Ackerbaues verdankten die Araber wesentlich der sorgfältigen Beachtung der alten Literatur, die sie bei den unterjochten Völkern vorfanden und ins arabische übersezten; also auch hier ein bedeutendes Kulturzeichen.

In der Gewinnung und Zubereitung von wohlriechenden Wassern, Oelen und Balsamen, sowie dem Räucherwerk, machte das Arabertum ebenfalls große Fortschritte. Solche Erzeugnisse sind von uraltersher bei Männern und Frauen im Orient sehr beliebt. Da gab es neben Rosen-, Veilchen- und Levkoyenöl, Jasmin-, Citronen- und Weidenöl, Kandul- und Lilienöl u. s. w., Palmenblüten- und Mandelblüten-, Saffran- und Kaisumwasser und duzende andere wohlriechende Oele und Wasser.

Die Seidenzucht wurde vorzugsweise in Persien gepflegt. Die Anpflanzung der Baumwolle war zunächst in Südarabien heimisch, wohin sie wohl aus Indien gekommen war. Aus der Baumwolle wurden nicht nur Kleiderstoffe, sondern auch Papier verfertigt, was die Bücher- und Schriftenerzeugung sehr begünstigte, eine Wohltat, zu der Europa erst im 15. Jahrhundert gelangte. Sehr ausgedehnt war der Flachsbau und damit in Verbindung die Fabrikation der Leinenstoffe. Aus dem Hanf wurde das narkotische Gift, der Haschisch, gewonnen, der mehr als in Europa der Branntwein, auf die Kulturentwicklung verhängnisvoll einwirkte. Eng verbunden mit Ackerbau und Gartenkultur ist die Bienen- und die Geflügelzucht; auch auf diesen beiden Gebieten leisteten die Araber Vorzügliches.

Die Zubereitung der viele wohlriechenden Oele, Wasser, der Balsame, Pommades und Räucherstoffe, endlich der Farbstoffe gab einem größeren Teil der Bevölkerung eine bezügliche gewerbliche Beschäftigung. Dazu kam der Handel mit diesen Gegenständen im Inland und nach dem Ausland. Der Wäsche- und Kleiderluxus erforderte die verschiedensten gewerblichen Betätigungen, wie spinnen, weben, appretiren, nähen und schneidern. Der Kleiderluxus wurde besonders durch die Kalifen begünstigt, deren Gepflogenheit es war, Großen des Reichs, Dichtern, Sängern und Sängerinnen, Sklaven und Sklavinnen, oder wem immer sie eine Gunst bezeugen wollten, diese vorzugsweise durch die Schenkung von duzenden kostbarer Anzüge zu betätigen. Die Reichen und Vornehmen ahmten ihrerseits dieses Beispiel nach. Zu den Kleidern wurden enorme Mengen von Stoffen verbraucht, da Klima und Sitte dieselben möglichst weit und bauschig vorschrieben, wozu dann die Mode noch ungeheure Schleppen fügte, in die selbst die Beinkleider der Damen – die im Orient bezeichnender Weise die Frauen früher trugen als die Männer – endigten.

Eine echt semitisch-orientalische Sitte – durch die sich selbst noch die jüdischen Frauen unserer Zeit in Europa vor ihren christlichen Rivalinnen auszeichnen – ist die Liebhaberei für glänzenden Schmuck, die häufig in Ueberladung damit ausartet. Ringe und Reifen für Ohren, Finger und Fußzehen, Arme und Knöchel, Halsbänder, Stirnbänder und Diademe, alles aus den edelsten Metallen gefertigt und mit kostbaren Perlen und Edelsteinen besezt, besaß jede Frau von Stande, nicht minder die Lieblingssklavinnen, Sängerinnen und Gauklerinnen in Hülle und Fülle. Dazu kamen Gürtel, Kopftücher und Schleier, Pantoffeln und kostbare Kleiderstoffe mit Gold oder Silber, Perlen und Edelsteinen durchwirkt. Bei den Männern waren namentlich die Waffen und Waffengehänge, insbesondere bei dem nie fehlenden Schwert, das selbst der Prediger an der Seite trug, wenn er den Predigtstuhl betrat, aufs reichste geschmückt und ausgestattet.

Mit der Pracht der Kleidung und des Schmuckes rivalisirte die häusliche Einrichtung der Wohlhabenden und Vornehmen. Kostbare Teppiche mit den wundervollsten Arabesken, mit Jagd- oder Tierstücken, Städtebildern oder Naturszenerien durchwirkt, bedeckten die Fußböden der Gemächer; schwere seidene Vorhänge hingen an Türen und Fenstern; golddurchwirkte Stoffe bedeckten die Wände, wohingegen die Zimmerdecken mit farbenreichen Ornamenten und Malereien versehen waren. Die Ruhebetten und Möbel waren aus seltenem wohlriechenden Holze gefertigt, mit Perlmutter und Gold und Silber eingelegt und mit kostbaren Stoffen überzogen. Goldene und silberne Armleuchter, chinesische Vasen, Lack- und Glasgegenstände füllten die Zimmer, während Ampeln von edlem Metall oder Kristallglas von der Decke hingen. Die Höfe der Häuser waren mit Marmor und Mosaik gepflastert und mit künstlerisch geformten Springbrunnen versehen, die Kühlung verbreiteten und die hinter den Wohnungen sich hinziehenden prächtigen Gärten bewässern halfen. Säulenhallen und Laubgänge aus Ranken von Wein und üppigen Schlingpflanzen in Höfen und Gärten schüzten die verweichlichten Bewohner vor Sonne und Hize. Eine solche Lebensgestaltung mußte auf die verschiedensten Gewerbe- und Betätigungsarten anregend wirken.

Eigentümlich jedem Volke von eigenartiger Kultur ist ein besonderer Baustil. Auch diesen entwickelten die Araber bei dem Bau zahlreicher, reich und glänzend eingerichteter Moscheen und bei den Ansprüchen, die Fürsten, Vornehme und Reiche an den Bau und die Ausstattung ihrer Paläste und Privatwohnungen stellten. Die Grundformen ihres Baustils entnahmen sie teils den Byzantinern, teils den Indern, entwickelten sie aber selbständig weiter. In der Anwendung und Ausschmückung des Bogens erlangten sie eine besondere Meisterschaft; sie wendeten hauptsächlich den Hufeisen-, Spiz- und Kielbogen an mit vielfach verschlungenen Linien. Sie erfanden ferner eigentümlich geformte Wölbungen, nischenartige Gewölbeklippen, die, in der Perspektive konsolenartig vortretend, sich zu einem bunt bewegten Ganzen zusammenschlossen. Daneben fand der Säulenbau die verschiedenartigste und meisterliche Anwendung. Endlich ist jene eigentümlich geartete, seltsam verschlungene, eine unerschöpfliche Menge der verschiedensten Formen bildende Ornamentik, die Arabesken, ihr Geistesprodukt, das von ihnen den Namen trägt.

So entstanden neben den verschiedensten Handelsgeschäften aller Art die Gewerbe der Weber, Schneider, Gerber, Färber, Sattler, Seidenweber, Teppichwirker, Glasmacher, Schmiede, Waffenverfertiger, Töpfer, Wollkrämpler, der Papier- und Büchermacher, die verschiednen Bau- und Kunstgewerbe: Maurer, Zimmerer, Steinmezen, Tischler, Maler, Vergolder, Architekten, Gold- und Silberschmiede, Edelsteinschneider etc.

Die einzelnen Gewerbe waren ähnlich wie im alten Rom und später im christlichen Mittelalter in Handwerksgenossenschaften (Zünfte) organisirt und hatten auf bestimmten Straßen und Pläzen der Städte ihre Arbeits- und Verkaufsorte. In Orten, wo einzelne Gewerbe zu schwach waren, eine Genossenschaft zu bilden, vereinigten sie sich mit anderen. Der Sinn für solche abgeschlossenen Verbindungen war so stark, daß selbst Possenreißer und Gaukler ihre Genossenschaft hatten. Jede Genossenschaft regelte in vollster Selbstverwaltung ihre Angelegenheiten und entschied in eintretenden Streitigkeiten ihrer Mitglieder unter sich. Für Verbrechen und Vergehen eines ihrer Mitglieder haftete die Genossenschaft solidarisch gegenüber der Staatsgewalt.

Gewisse Gewerbszweige entstanden in einzelnen Städten in besonderem Umfang. So die Papier- und Glasfabrikation, die Töpferei und Binsenmatten-Manufaktur in Sammora; Kufa und Bassora besaßen viele Webereien, Bassora verfertigte außerdem die berühmten krummen Säbel; Tostar (Kairo) zeichnete sich durch prachtvolle Brokate aus, Sus durch Seidenzeuge und Teppiche, auch gab es in beiden Städten große Goldstickereien, die in der Regel den Kalifen oder Großen des Reichs gehörten. Damiette lieferte feine Möbelstoffe; Tinny: Gaze und Goldstoffe; Bassina: Vorhänge; Tyb: Seidengürtel; Schiniz, Gennaba, Kazerun und Tawwey verfertigten hauptsächlich Leinen, dann Brokate, Mäntel und Teppiche. Bagdad war berühmt wegen seiner seidenen und baumwollenen Kleiderstoffe – welch leztere zu jener Zeit sehr teuer waren – und galt als Hauptsiz der eigentlichen Kunstgewerbe. Nahr-Tyra genoß den Ruf, die Bagdader Stoffe nachzuahmen und nach Bagdad zur Appretur zu schicken, von wo sie durch Händler, versehen mit gefälschter Fabrikationsmarke, für echt in den Handel kamen. Dasselbe geschah mit Bassinaer Vorhängen, die man ebenfalls in Nahr-Tyra nachahmte. In Isfahan war neben der Seiden- und Damast-Industrie die Baumwollen-Industrie hauptsächlich zu Hause. Damaskus fertigte Damaststoffe, Teppiche und Waffen. Ferghana war Siz der Eisenindustrie, Banun für Kopfschleier und Turbane; in den Provinzen Oman und Yemen in Südarabien war neben ausgedehnter Brokat-, Seiden- und Leinenstoffindustrie, die Waffen- und kunstvolle Panzer- und Panzerhemden-Fabrikation zuhause, in welch lezteren Artikeln sich auch Irak und Bahrain auszeichneten. Einen erheblichen Erwerbszweig bildete auch die Anfertigung von Zelten, die im Morgenlande eine so große und wichtige Bedeutung haben, und die es in allen Größen und von den einfachsten bis zu den glänzendst ausgestatteten gab. In der zweckmäßigen Anfertigung und Einrichtung derselben wurde ein hoher Grad der Vollkommenheit erreicht, denn dieselben mußten sich rasch und leicht auf- und abschlagen lassen und dabei allen Witterungsverhältnissen und den Bequemlichkeitsansprüchen der Reichen und ihrer Frauen Rechnung tragen. Ein ganz besonderer Glanz in den Zeltbauten wurde bei den jährlich stattfindenden großen Pilgerkarawanen nach Mekka, deren Mittelpunkt entweder der Kalife selbst oder sonstige Große des Reiches bildeten, entfaltet. Endlich förderte der ausgedehnte Seehandel das Schiffsbauwesen, obgleich das Holz dazu meist von entfernten Gegenden und zwar aus überseeischen herbeigeschafft werden mußte.

Metalle und werthvolle Mineralien, wie Eisen, Kupfer, Quecksilber, Blei, Alaun u. s. w. gab es in verschiedenen Bezirken des Reiches. Und welch hohe Vollendung die Eisenbearbeitung erreichte, geht daraus hervor, daß man Spiegel aus polirtem Stahl anfertigte. – Da die Araber auch großen Fleiß auf die Ausbildung der Medizin verwandten, so wurde die Anfertigung von Medikamenten und Droguen emsig betrieben.

Haupthandelspläze für den Seeverkehr waren Bagdad und Obolla am Tigris, Bassora an der Mündung des Euphrat und Tigris, Syraf am persischen Meer. Alexandrien übermittelte vorzugsweise den Handel zur See nach Europa. Die Kreuz und die Quere durch das mächtige Reich zogen sich über alle Hauptorte große Karawanenstraßen. So ging eine Straße von Bagdad über Damaskus durch die syrische Wüste über Suez nach Kairo und von dort längs der nordafrikanischen Küste nach Tanger, Gibraltar gegenüber, von wo die Waaren über die Straße von Gibraltar nach Spanien transportirt wurden. Andere Straßen führten von Bagdad nach Isfahan, Schiraz und dem Sind; nach Ray, Corasan und dem Kaspischen See; nach Antiochien und Aleppo, wo man mit dem griechisch-byzantinischen Reich in nächster Berührung, aber auch in fast fortgesezter Feindseligkeit stand. Die Pilger-Karawanenstraße von Bagdad nach Medina und Mekka war zugleich die Handelsstraße nach dem südwestlichen Arabien, nach Yemen.

Es wurde schon hervorgehoben, wie rasch und günstig sich das Seekriegswesen der Araber entwickelte und wie sie die weit ältere, geschultere und dreimal größere Flotte des byzantinischen Kaisers bereits im Jahre 734 besiegten. Der praktische Sinn und die praktische Gründlichkeit, womit die Araber alles angriffen, gaben auch ihrem Seehandel bald eine hohe Bedeutung. Indien und China war das nächste Ziel ihrer Wünsche. Im 8. Jahrhundert gingen allein drei arabische Expeditionen nach China, um die Verkehrs- und Handelsbeziehungen zu ordnen. An den Küsten Ostindiens und der Ostküste Afrikas bildeten sich eine Menge Kolonien, die teilweise eine bedeutende Seelenzahl erlangten. In Ostindien gab es einzelne Orte, deren mohammedanische Bevölkerung bis auf 20 000 Köpfe stieg. Auf der Insel Ceylon bestand schon zu Ende des siebenten Jahrhunderts eine arabische Kolonie, und 758 griff eine arabische Flotte sogar Canton an. Im Mittelmeer standen sie mit allen Küstenländern derselben im Verkehr, und durch ihre Vermittlung ging der Handel mit indischen Produkten. Durch die Straße von Gibraltar segelten sie in den atlantischen Ozean und erreichten die Azoren und Kanarischen Inseln, welche damals den Europäern ganz unbekannt waren. Auch wird von einigen Geschichtsschreibern behauptet, daß sie bereits Afrika umschifften, doch ist dieses keineswegs gewiß. Dagegen ist sicher, daß sie längs der Ostküste bis zur Umschiffung des Kaps der guten Hoffnung gelangten, und ihnen ein großer Teil der Westküste Afrikas von Norden her bis nach Guinea bekannt war.

Kurz die Araber kannten im neunten Jahrhundert Seewege und Länder, und standen mit Völkern in ausgedehnten Handelsbeziehungen, welche das christliche Europa damals nur vom Hörensagen und zwar wiederum nur durch die Araber kannte, und die es zu Ende des fünfzehnten und im sechszehnten Jahrhundert erst entdecken mußte. Es gibt kein Gebiet menschlicher Tätigkeit im Ackerbau, im Handel und Verkehrswesen, in Gewerbe, Kunst und Wissenschaft, Militär- und Kriegswesen, auf dem die Araber zu jener Zeit den Europäern nicht weit voraus waren, und auf welchem sie nicht den Lezteren die Anregung gaben und sehr oft die Lehrmeister machten.

In einem Staats- und Gesellschaftszustand, wie jenem des arabischen Reichs, mußten notwendig auch starke soziale Gegensäze vorhanden sein. Es gab Grundherren, die bis zu 50 000 Klienten (Schuzgenossen) besaßen, denen sie einen im ganzen vielleicht zweifelhaften Schuz gewährten, aber ein nicht zweifelhaftes sehr hohes Einkommen verdankten. Ein großer Teil der erwähnten Manufakturen – denn Fabriken im modernen Sinn des Wortes gab es natürlich nicht – war Eigentum solcher Grundherren und Würdenträger des Reichs oder der Kalifen selbst. So mußten Hunderte und Tausende sich schwer plagen, um einen Einzelnen im Ueberfluß zu erhalten.

Eine der lukrativsten Beschäftigungen, die zugleich am wenigsten Mühe verursacht, ist zu allen Zeiten und bei allen Völkern der Handel gewesen. Die Handeltreibenden übten daher auch überall und zu allen Zeiten einen großen Einfluß aus. In Bagdad, Bassora, Syraf, Bokhara, Damaskus, Kairo, Fez und den anderen großen Handelspläzen des Reichs gab es Kaufleute, deren Vermögen man bis zu 30, 40, 50, ja 60 Millionen Dirham schäzte. Städte wie Bagdad und Kairo, die in ihrer höchsten Blüte bis zu einer Million Einwohner besaßen, Damaskus, Kufa, Bassora und andere, die Hunderttausende von Einwohnern hatten, zählten natürlich darunter auch viele von mittlerem Reichtum und in wohlhabenden Verhältnissen. In allen diesen Städten lebten ferner zahlreiche Würdenträger, hohe Beamte des Reichs und Großgrundbesizer, die dort ihren Reichtum verzehrten. Es entwickelte sich daher ein sehr ausgeprägtes, geselliges Leben, das in gar mancher Beziehung an das Leben unserer modernen Großstädte erinnert.

Seiner Lage nach war Damaskus eine der reizendsten Städte des Araberreichs und es wurde denn auch eine der schönsten als Omawija, der zweite Kalif aus der Omajjaden-Familie, es zu seiner Residenz erkor. Damaskus liegt in einer sehr fruchtbaren Ebene, durch die sich Wälder von Platanen, Silberpappeln und Wallnußbäumen ziehen. Aprikosen-, Feigen- und Olivenbäume bilden ganze Haine, üppige Rebgelände und buntblumige Schlingpflanzen zieren die Gärten. Auf der einen Seite zeigt sich in der Ferne der in der Sonne schimmernde gelbe Sandbooden des syrischen Wüste, auf der andern schließen die wild zerrissenen Formen des Antilibanon den Hintergrund ab. In dieser Stadt und ihrer prächtigen Umgebung errichteten die Omajjaden ihre glänzenden Paläste und ihnen schlossen sich die Reichen und Großen des Reiches vielfach an, so daß Paläste, Lustschlösser, Villen, Moscheen und Grabmonumente, in den buntesten Farben und eigentümlichsten Baustilen ausgeführt, das üppige Grün der Ebene unterbrachen. Eine großartige Wasserleitung, die einer der Omajjaden anlegen ließ, gab den Springbrunnen und Gärten das nötige Wasser und steigerte die Vegetation auf das höchste.

In solcher Umgebung ging die alte Einfachheit des arabischen Lebens rapid zu Grunde. Man legte nach dem Vorbilde des christlich-byzantinischen Hofes große Harems an, die man mit den schönsten Sklavinnen füllte und durch Eunuchen überwachen ließ. Alle die Sinne kizelnden Genüsse: Wollust, Gesang, Musik und Dichtkunst, Tafelfreuden und Zechgelage fanden am Kalifenhofe und bei den Großen des Reichs ihre förderlichste Stätte. Mit Sängern und Sängerinnen, Musikern, Dichtern, Künstlern und Künstlerinnen aller Art wurde zulezt ein in Wahnsinn ausartender Kultus getrieben. Wer durch ein Lied oder ein Gedicht den Beifall eines Kalifen oder eines Großen erlangte, konnte auf fürstliche Belohnung rechnen. Alle Formen der Schwelgerei wurden, den religiösen Vorschriften zum Troz, im Uebermaß geübt. Der Wein und das Spiel, beide durch die Sunna als »Abscheulichkeiten und Werke des Satans« bezeichnet, wurden von einzelnen Kalifen so leidenschaftlich geliebt, daß sie ihren Schaz leerten, sich um den Verstand tranken und zu jeder Regierungshandlung unfähig wurden.

Das Leben in Damaskus wurde später von den Abbasiden in Bagdad womöglich noch übertroffen. Bagdad wurde erst von ihnen im Jahre 762 unserer Zeit begründet und so wurde es von vornherein in seiner ganzen Anlage eine Stadt, die nach jeder Richtung einem verschwenderischen und prunkliebenden Hofe entsprach. Nur ein Staatswesen, das über ungezählte Hände und ungeheure Summen verfügen konnte, vermochte eine so glänzende Stadt und in so kurzer Zeit herzustellen. Bagdad ward in einer der fruchtbarsten Gegenden am Tigris, also in demselben Lande, in dem einst die Riesenstädte Babylon und Ninive standen, erbaut. Es erhielt eine kreisförmige Gestalt und hatte schon in der ersten Anlage mehrere Stunden Umfang. Ein Riesenwerk war allein die aus Ziegeln, Schilf und Erdpech aufgeführte Stadtmauer, die am Fuße 90 Ellen, an der Krone 20-25 Ellen stark und 60 Ellen hoch war. In einiger Entfernung von dieser Mauer befand sich ein mit Bastionen versehener Wall, und vor diesem ein breiter und tief ausgemauerter Graben, der jeden Augenblick mit dem Wasser des Tigris gefüllt werden konnte. Die ganze Umwallung besaß in einer Entfernung von je fünftausend Ellen vier hohe Tore, deren jedes mit einem mächtigen Kuppelbau gekrönt war. Die Stadt war in regelmäßige Viertel eingeteilt, die von bestimmten Bevölkerungsklassen bewohnt wurden. Die Regierungsgebäude bildeten einen besondern Stadtteil und waren nebst dem Kalifenpalast, seinem Harem, seinen Dienstwohnungen und Stallungen und den prächtigen Höfen und Gärten durch besondere Mauern von der übrigen Stadt getrennt. Man wollte sich gegen Volksaufstände sichern.

Zahlreiche Brücken über den Tigris vermittelten den Verkehr der verschiedenen Stadtteile. Eine mächtige Wasserleitung führte in offenen, gemauerten Rinnsalen das Wasser durch alle Straßen der Stadt und speiste zahlreiche öffentliche Bäder. Viele Hunderte von Schiffen in allen Formen und den verschiedensten Völkern gehörig ankerten in stundenlanger Strecke an den gemauerten Quais und Kanälen des Tigris. Auf der einen Seite desselben erhoben sich die stolzen Paläste und Lustschlösser der Reichen in romantischer Umgebung, auf der anderen bedeckten die Wohnungen der Handwerker- und Arbeiterbevölkerung weite Flächen. Ganz wie heute in unseren Großstädten wohnten kolossaler Reichtum und massenhafte Armut dicht beieinander. Verarmte Klienten, die von ihren Grundherren an den Bettelstab gebracht, Sklaven, die einem harten Herrn entronnen, mittellose Fremde und dergl. suchten im Gedränge und Geschiebe der Kalifenresidenz ein Unterkommen und einen Schlupfwinkel, und nährten sich wie der Tag es mit sich brachte. Der im despotisch regierten Staatswesen so häufige Sturz zuvor mächtiger Großer in Verbannung und Armut, der immer eine Anzahl von dem Gestürzten abhängiger Existenzen mit sich ins Elend reißt, verstärkte das katilinarische Element. Dazu kamen Zeiten harter, äußerer Bedrängnis, Hungersnöte, Anzettelungen und Verschwörungen durch Ehrgeizige, fanatische Sekten, die über das Sündenleben am Kalifenhofe empört waren, alles dies schaffte Stoff zur Erregung und Unzufriedenheit. Ab und zu suchten die Kalifen oder auch reiche Große die Unzufriedenheit der Masse durch große Volksabfütterungen, ganz wie im alten Rom, zu stillen. Der Groll über diese Zustände machte sich auch in dichterischen Ergüssen Luft, an denen die arabische Literatur für alle Vorgänge im Leben so reich ist. Ein solcher lautet in Bezug auf Bagdad:

Gott segne Bagdad, das irdische Paradies,
Das für die Menschen eine Seelenwonne ist,
Obgleich es nur für die Reichen Genuß bietet,
Für die Armen aber nur Bekümmernis.

Als dann über das Schwelgen und Lotterleben am Hofe, das jährlich Hunderte von Millionen verschlang, und über das immer stärkere Heranziehen ausländischer Söldlinge, namentlich der seldschuk'schen Türken, die Volksstimmung immer gereizter wurde, entschloß sich der Kalif Motassim Billahi Bagdad zu verlassen und gründete seine Residenz Samorra, die er so zu sagen aus dem Boden stampfte. Sein Nachfolger Motawakil verwendete auf dieselbe allen 300 Mill. Dirham für Bauten.

Dieses tolle Leben führte bei den Großen zu häufiger Geisteszerrüttung. Eine an Verrücktheit grenzende Großmut, Ueberhäufung mit Gunstbezeugungen, wechselte ab mit der Lust an barbarischen Strafen und Grausamkeiten. Die Abgeschlossenheit des Hauswesens, das keinem Unberufenen den geringsten Einblick gestattet und zunahm, wie das Haremsleben immer mehr an Boden gewann, begünstigte den Hausdespotismus. Nichts wirkt aber demoralisirender auf die Menschen als das Gefühl, unbeschränkt über andere verfügen zu können. Tritt dann noch Verweichlichung und Nervenüberreizung hinzu, mit ihrem Rückschlag der Erschlaffung, auf welche wieder die Anwendung von Stimulanzien folgt, so erreicht Laune und Willkür ihren höchsten Grad.

Das Beisammenleben zahlreicher junger Leute von beiden Geschlechtern als Sklaven in den Häusern der Reichen, die bei ihrer Menge ein ziemlich müßiges Leben führten – denn nach der Menge der Sklaven wurde der Reichtum geschäzt – mußte hinter dem Rücken der Herren allerlei Verbindungen und Intriguen herbeiführen. Solche erweckten ganz besonders den Zorn der Herren, wenn sie ihre männlichen oder weiblichen Lieblinge betrafen und führten zu grausamen Bestrafungen. Denn über den Sklaven stand dem Herrn die unbeschränkte Macht zu strafen zu. Um so mehr Schwäche zeigten sie dafür gegen Schauspielerinnen, Sängerinnen und dergleichen, die sich, ähnlich gar manchen unserer heutigen Künstlerinnen, auf das Wesen der Coquetterie und das Rupfen reicher Gimpel verstanden. Eine Schilderung der damals angewandten Künste deckte sich vollkommen mit denen unserer Zeit. Die Leidenschaften der Menschen und ihre Torheiten sind sich überall gleich.

Gegenüber schönen Künstlerinnen und Sklavinnen traten die Ehefrauen – deren der Koran bis zu vier gestattet – immer mehr in den Hintergrund. Mekka und Medina, die beiden heiligsten Städte des Orients, waren die Hochschulen für die Ausbildung gefälliger Frauen; beide Städte standen namentlich wegen der Ausbildung leichtfertiger Künstlerinnen ebenso in Ruf, als wegen ihrer historischen und religiösen Traditionen. Die alljährlich dorthin stattfindenden Massenwallfahrten, bei denen noch heute arge geschlechtliche Ausschweifungen häufig vorkommen, legten den Grund zu jenen sehr weltlichen Anstalten. Oeffentliche Frauenhäuser gab es indes schon zu Mohammeds Zeit in Mekka; er unterdrückte zwar dieselben, aber sie bestanden heimlich fort. Aehnliche Häuser existirten in allen Städten des arabischen Reichs. In der Regel waren sie mit Spielhallen verbunden, denn dem Spiel wurde in verderblicher wie in harmloser Gestalt mit Vorliebe gefrönt. Das Schachspiel, das Domino und Ballspiel sind orientalischen Ursprungs, auch gab es Hunde- und Hahnenkämpfe und Wettrennen. Oeffentliche Possenmacher und Zotenreißer fanden ebenfalls stets ihr Männerpublikum.

Auch die unnatürlichen Laster, die im Orient ihre eigentliche Heimat haben, gewannen unter dem allgemeinen Sittenverfall an Verbreitung. Man steckte schöne Knaben und junge Männer in weibliche Kleidung, sie ahmten weibliche Manieren nach und affektirten weibisches Wesen. Zu diesen Ausschweifungen kam noch das Laster stark narkotischer Genüsse, das Opium und das Haschisch und zerstörte, was geschlechtliche Ausschweifung, verweichlichte Lebensweise und Trunksucht den Herrschenden an Verstand noch übrig gelassen.

Gegen diese geistige, physische und moralische Versinken der Oberen war in der Masse der Bevölkerung kein Gegengewicht vorhanden. Der Orientale ist fleißig, nüchtern und genügsam, aber diese Genügsamkeit ist sein Verderben. Er begnügt sich mit dem Notdürftigsten und sieht ruhig zu, wie seine Despoten ihm den Ertrag seiner Arbeit rauben. Infolge der Wirkung des Klimas energielos und zum Denken wenig angeregt, durch eine lange Folge von Generationen, von Urväter Zeiten an den Despotismus gewöhnt, sieht er ihn wie eine unabwendbare Naturgewalt an, gegen die er machtlos ist. Aus dieser allgemeinen Karakterbildung des Orientalen erklärt sich denn auch die allgemein zugestandene Tatsache, daß in keinem Lande der Welt ein energischer und scharf denkender Kopf so leicht zu höchster Macht und zu höchsten Ehrenstellen sich aufzuschwingen vermag, als in den Ländern des Orients. Mohammed ist der einzige Mann des Orients, der, zur Macht gelangt, von seiner Energie und seiner Gewalt einen weisen und vernünftigen Gebrauch zu machen wußte, indem er seinem militärisch-religiösen Staatssystem einen Karakter verlieh, durch den die guten Instinkte seines Volkes ausgenüzt wurden. Daher sein Erfolg, der von weit größerer Nachhaltigkeit gewesen wäre, wenn in einer langen Reihenfolge ähnliche Männer wie er und die ersten Kalifen sich folgten und ihren erzieherischen Einfluß ausübten. Das aber war wider die Natur der Dinge. Schwächlinge folgten, die üblen Einflüsse überwogen und gewannen die Oberhand, so war das Schicksal des Reichs besiegelt.

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