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Die mohamedanisch-arabische Kulturperiode

August Bebel: Die mohamedanisch-arabische Kulturperiode - Kapitel 2
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authorAugust Bebel
titleDie mohamedanisch-arabische Kulturperiode
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I. Vorgeschichte und Entstehung des Mohammedanismus als Hebel arabischer Macht.

Der Orient ist die Geburtsstätte der für die moderne Kultur vorzugsweise in Betracht kommenden Religionen. Judentum, Christentum, Mohammedanismus gingen nacheinander aus seinem Schooße hervor, und alle drei entstammen ein und derselben Völkerrace, der semitischen. Eine dieser Religionen baute sich auf der anderen auf und entfaltete nach den Karaktereigentümlichkeiten und dem Bildungsgrad der Völkerschaften, auf die sie vorzugsweise sich ausbreitete, ihr eigenes karakteristisches Wesen.

Wenn es noch eines Beweises bedürfte, daß alle Religionen Menschenwerk sind und aus menschlichen Bedürfnissen hervorgingen, so ist er in der Geschichte ihrer Entstehung und Entwicklung zu finden. Und doch will jede – siehe das schöne Gleichnis Lessings in »Nathan der Weise« von den drei Ringen – sich als die wahre und unfehlbare Religion angesehen wissen.

Aber wie eine Religion aus der anderen hervorging, sich sozusagen auf ihre Vorgängerinnen gepfropft hat, so war auch jede genötigt, in dem Moment ihres Entstehens und ihrer ersten Ausbreitung alle jene in den Zeitumständen und im Volkszustande liegenden Anschauungen, die das Geistesleben des bezüglichen Volkes beherrschten, in sich aufzunehmen, wenn sie anders Einfluß und Geltung erlangen wollte.

Verfolgt man den Ursprung der drei genannten Religionen weiter zurück, so findet die jüdische, als die älteste von den dreien, in der Religion der alten Aegypter, die Moses als einer der Eingeweihten speziell hatte kennen lernen, und diese wieder in der brahmanischen Religion der alten Inder ihre Quelle. Die eine Reihe der Entwicklung aus der altindischen, als der ältesten aller auf den Monotheismus begründeten Religionen, läuft in den Buddhismus und die Lehren des Zoroaster und des Confuzius (Kon-fut-se) aus, und diese Religionen bestehen noch heute im größten Teile Asiens und beherrschen nahezu die Hälfte des Menschengeschlechts; die andere Entwicklungsreihe bilden, nächst der untergegangenen alt-ägyptischen Religion, das Judentum, das Christenthum und der Mohammedanismus. Die beiden lezteren haben sich wieder in verschiedene Bekenntnisse und eine Menge mehr oder weniger untergeordneter Sekten gespalten und nehmen neben einem bedeutenden Teile Asiens und Nordafrikas vorzugsweise Europa in Beschlag, wohingegen in der neuen Welt sich das Christentum als allein maßgebende Religion verbreitete, und zwar in Folge ihrer Eroberung und Kolonisation durch christlich-europäische Kulturvölker.

Klima, Bodenbeschaffenheit und Nahrung wirken auf die physische Entwicklung und den Karakter eines Volkes und die daraus sich ergebenden ökonomischen und sozialen Gestaltungen beeinflussen seine intellektuelle Entwicklung. Die leztere wird in dem Maße wachsen, wie günstige äußere Umstände ihr zu Hilfe kommen. Dahin gehören: nicht allzuschwierige Beschaffung einer auskömmlichen Lebensweise, eine Natur, die in ihren Erscheinungen und Einwirkungen mehr die Entwicklung des Verstandes als der Phantasie begünstigt, und wo fremde oder alte Kultureinflüsse sich geltend machen, daß diese der Fassungskraft und dem Karakter des neuen Volks entsprechen und ihm ihre Aufnahme leicht machen. Hingegen fördert alles, was die Phantasie begünstigt, die Religion, und hemmt den intellektuellen Fortschritt. Dahin gehören insbesondere die unverstandenen Naturerscheinungen. Sie wirken auf das Gefühl, erregen die Phantasie und begünstigen die Mytenbildung. Je gewaltiger die Naturerscheinungen auftreten, je mehr sie den Menschen erschrecken und ihn schädigen, desto mehr wird er von Furcht erfüllt sein und alles versuchen, die wider ihn empörten Mächte, die er sich nicht anders als lebende, mit Willen begabte Wesen vorstellen kann, zu besänftigen und mit sich auszusöhnen.

Die religiösen Vorstellungen hängen also mit der Naturerkenntnis auf das innigste zusammen, sie werden umso abergläubischer und roher sein, je tiefer die Naturerkenntnis steht, und diese selbst hängt wieder ab von der Macht, welche die Natur und die ganze Umgebung des Menschen auf die Entwicklung seines Verstandes ausüben.

Soll also eine neue Religion auf Anhänger und Ausbreitung rechnen können, so ist ihr erstes Erfordernis, daß sie in ihren Lehren dem Kulturgrad der bezüglichen Völker entspricht. Steht sie unter demselben, wird sie ebensowenig auf allgemeine Verbreitung rechnen können, als wenn sie über demselben steht. Im ersteren Falle wird sie günstigsten Falles die rückständigsten Klassen des Volkes, im zweiten die vorgeschrittensten befriedigen, sie wird aber weder in dem einen noch in dem andern Falle eine einschneidende Wirksamkeit erlangen und endlich entweder gänzlich untergehen oder erst nach Jahrhunderten, auf höherer Entwicklungsstufe der Menge, für die sie berechnet war, Eingang und Ausbreitung finden.

So wird also keine Religion auf die Dauer bei einem geistig fortschreitenden Volke bestehen bleiben können, es sei denn, daß sie umgeformt wird, wodurch sie aber ihren eigentlichen Karakter verliert und mehr oder weniger aufhört, Verehrung und Befriedigung zu wecken. Das hat z. B. der Protestantismus sehr deutlich gezeigt.

Die Entwicklung der Religion läuft also schließlich in lezter Instanz auf die Abschaffung aller Religionen, den Ateismus hinaus, womit selbstverständlich nicht gesagt ist, daß ein solcher Zustand sich künstlich, etwa durch gesezgeberische Akte in einem Zeitalter, wo das religiöse Bedürfnis noch überwiegt, herbeigeführt werden könne. Ueber das unsinnige und verkehrte eines solchen Schrittes belehren uns am besten die bezüglichen Akte der französischen Revolution, die wesentlich mit die Rückkehr zur Monarchie herbeiführten.

Die lezte Entwicklungsstufe in Anbetracht der Religion, der Ateismus, ist bis heute von keinem Volke in seiner Gesammtheit erreicht worden; es ist aber unzweifelhaft, daß die vorgeschrittensten Kulturvölker sich dieser lezten Sprosse auf der religiösen Stufenleiter nähern, und für sie das Verschwinden des Kultus nur noch eine Frage der Zeit ist. Beweis für diese Auffassung ist, daß heute keine der Kirchen mehr vermag, die reißend zunehmende Zahl der Gleichgiltigen unter ihren Angehörigen in ihren Schooß zurückzuführen, und daß kein neues Religionssystem mehr Aussicht auf größeren Anhang hat, auch wenn es dem vorgeschrittensten religiösen Standpunkt entspricht.

Das Facit der bisherigen Erörterungen also ist, daß ein beliebiges Volk in einem beliebigen Zeitpunkt sich ebensowenig für einen gegebenen sozialen und politischen Zustand als für einen beliebigen religiösen eignet. Daher die tägliche Erscheinung bei zum Christentum neu bekehrten heidnischen Völkern, daß sie, troz aller Aeußerlichkeiten des Christentums, Wilde bleiben und wo sie Kulturvölker werden, dies nicht durch die Annahme des Christenthums, sondern durch die Aufnahme moderner Kulturmittel geschieht.

Man wird einem Volke mit vergleichsweiser Leichtigkeit irgend einen sozialen, politischen und religiösen Zustand aufzwingen können, der von seinem eigenen bisherigen Zustand sich nicht allzusehr unterscheidet, man wird dies aber nicht können, weder nach unten, indem man das Volk tief unter seinen Kulturgrad herabdrückt, noch nach oben, indem man es plözlich und künstlich über denselben erhebt. Der Abstand darf kein zu großer sein. Daher der so häufige rasche Niedergang von Religions-, Staaten- und sozialen Gebilden in Ländern und bei Völkern, wo das künstliche Experiment eines raschen Emporhebens versucht wurde und eine Zeit lang zu glücken schien. Wir erleben dieses Beispiel in der Gegenwart sehr häufig bei Völkern wie den Ureinwohnern von Nord- und Südamerika und den Ureinwohnern anderer Erdteile, denen die moderne Zivilisation statt Vorteil den Untergang bringt.

Es kann also gar kein Zweifel sein, daß die religiösen Ideen mit dem gesammten Kulturzustand eines Volks in innigster Beziehung stehen. Die Religionen entwickeln sich wie das ganze Menschenwesen und wie der politische und soziale Zustand einer Gesellschaft nach bestimmten Gesezen. Es ist also ein Widersinn, zu sagen, dieser oder jener Religionsstifter sei ein Betrüger gewesen, wie es eben so falsch ist, wenn man seiner Person speziell einen ganz besonderen, außergewöhnlichen Einfluß auf eine bestimmte Religionsbildung zuschreibt. Geht man den Vorgängen der Zeiten auf den Grund, dann findet man stets, daß es keineswegs nur jener Eine war, der einem späteren Zeitalter als der eigentliche Religionsstifter, als Gründer durch sich selbst, gilt und darum verehrt wird, und die von ihm gelehrten Grundsäze und Anschauungen allein besaß, sondern daß in der Regel sowohl vor ihm wie gleichzeitig mit ihm, eine mehr oder weniger große Zahl frommer Schwärmer vorhanden war, die in dem gleichen Sinne und Geiste wirkten und ihm schon vorgearbeitet hatten. Es waren nur besondere zufällige Umstände, welche gerade diesen bestimmten Einen zur hervorragenden Geltung kommen ließen. Irgend ein nebensächlicher Umstand hätte eben so gut einen anderen an seinen Plaz stellen können.

So wäre z. B. die religiöse Reformation sicher gekommen, auch wenn Luther nicht auftrat und durch Anschlagen seiner 95 Tesen an die Schloßkirche zu Wittenberg dem Papsttum den Krieg erklärte. Der Kampf gegen das Papsttum und die alte Kirche lag in der Zeit und war längst entbrannt. Luther gab durch seine Handlung dem religiösen Kampf nur eine bestimmte Richtung und Form und wurde dadurch in seiner Person die Fahne, um welche sich das Heer der Streiter, oft mit sehr abweichenden Ansichten, sammelte. Oder wäre die moderne soziale Bewegung in Deutschland nicht gekommen, wenn Lassalle keine Gelegenheit hatte, sein berühmtes Antwortschreiben an das leipziger Arbeiter-Comité zu verfassen? Die soziale Bewegung lag in der Luft, sie war bereits vorhanden; Lassalle gab der sozialen Bewegung, wie Luther der religiösen, nur Richtung und Form. Und so wenig der heutige Protestantismus noch lutherisch ist, so wenig ist die heutige soziale Bewegung noch lassallisch.

Die hier angesprochenen Ansichten gelten von religiösen Systemgründern in höherem Grade als von wissenschaftlichen Systemgründern, weil die Moralsäze, auf denen sich alle Religionssysteme aufbauen, eine große Stabilität und Gleichartigkeit in der ganzen Menschheitsentwicklung besizen, so daß das religiöse System nur die Form schafft, wohingegen wissenschaftliche Systeme erst durch höhere Erkenntnis, eine große Summe von Erfahrungen und Beobachtungen und tiefes Denken erforscht und festgestellt werden können, also auch ihrem ganzen Inhalte nach neu sein werden.

Bestimmte Moralsäze ergeben sich sozusagen von selbst, wo immer Menschen zusammenleben. Ihr geselliges Zusammenwirken bedingt, daß sie einen Moralkodex sich geben, der je nach ihrem Kulturzustand in äußere Formeln zusammengefaßt wird, aber in seiner Grundauffassung überall derselbe ist. Daß auf Zusammenleben angewiesene Menschen den gegenseitigen Diebstahl, den Totschlag, den Mord und die offene Uebervorteilung verurteilen, liegt so sehr in dem Wesen des gesellschaftlichen Verkehrs, daß ohne diese Schranken jeder gesellschaftliche Verkehr und jedes Zusammenleben unmöglich wäre. Die moralischen Grundanschauungen, welche das gesellschaftliche Verhältnis erzeugt, bilden daher überall die Basis für die Rechtsbildung. Jede organisirte menschliche Gemeinschaft, Stamm, Stämmeverband, Volk, Völkerverband wird sie als Grundlage ihrer Verbindung betrachten. So werden Moralgrundsäze wie der: »was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem anderen zu« in jedem menschlichen Gemeinwesen als ideale Rechtsanschauung und erstes Moralgesez angesehen werden, auch wenn dieser Gedanke nicht klar formulirt dem Einzelnen zum Bewußtsein gekommen ist. Dagegen spricht nicht, daß die Staatsgeseze und die Staatseinrichtungen weder auf primitivster, noch auf der heutigen höchsten Kulturstufe diesem Gedanken keinen reinen Ausdruck geben. Hier spielen eben die Machtverhältnisse hinein, die wieder der Ausdruck von der Verteilung der materiellen Machtmittel sind, deren Träger, seien es nun Einzelne oder ganze Klassen, es vermocht haben, in ihrem Interesse der Gesammtheit oder wenigstens der großen Mehrheit die Anschauung beizubringen, daß solche Abweichungen von den allgemeinen Grundsäzen berechtigte und nicht zu ändernde oder nicht zu vermeidende seien.

Aber daß jede Herrschaft die Billigung der Mehrzahl für sich haben muß und selbst der unumschränkteste Despot auf die Dauer nicht zu herrschen imstande wäre, wenn er die Grenzen des allgemeinen Rechsbewußtseins willkürlich durchbräche, spricht für die große Macht der moralischen Anschauungen, sowie auch dafür, daß geistige Strömungen sich nicht nach Belieben erzeugen und leiten lassen.

Der ursprünglichste und naheliegendste Moralgrundsaz ist jener von der Gleichheit aller. Daher finden wir in den ältesten wie in den modernsten Religionssystemen diesen Grundsaz ausgesprochen. Es gibt ferner keinen Moralsaz im Christentum, den der fünfhundert Jahre ältere Buddhismus und der noch viel ältere Brahmaismus nicht auch lehrte; die Lehre von der Gütergemeinschaft findet sich darin und wurde im Buddhismus in einer der Zeit zusagenden Weise von den Frömmsten verwirklicht, ehe man an das Christentum dachte.

Wäre es nicht eine tausendfach festgestellte Thatsache, daß ein und dieselben Gedanken in den verschiedensten Gehirnen und in den verschiedensten Zeitaltern, ohne daß ihre Träger gegenseitig Kenntniß von einander zu haben brauchen, sich bildeten, wenn nur gleichartige Zustände vorhanden sind, welche dann auch die gleichartigen Gedanken erzeugen, so müßte man das Christenthum in seinen wesentlichsten Lehren einen einfachen Abklatsch des Buddhismus und des noch älteren Brahmaismus nennen. Womit nicht bestritten wird, daß das Christentum tatsächlich sowohl Anschauungen als Gebräuche zahlreich dem Brahmaismus und Buddhismus entnommen hat. Nur daß das Christentum nach den anders gearteten Zuständen und Anschauungen der späteren Zeit, in der es entstand, sich entsprechend modifizirte; wie es sich denn troz aller Kämpfe und Opposition seiner Vertreter, vom ersten Jahrzehnt seines Bestehens an bis heute beständig modifizirt und anbequemt hat, weil es der Zeitgeist dazu zwang, wollte es Aussicht auf Bestand haben.

Es kann auch nicht bloßer Zufall sein, daß unsere hauptsächlich in Betracht kommenden Religionssysteme dem Orient entsprangen und zwar auf einem und demselben Gebiete geboren wurden. Die Wiege des Judaismus, des Christianismus und des Mohammedanismus standen geographisch nahe beieinander. Die Gegend, wo Abraham seine Heerden weidete und schließlich begraben worden sein soll und die Orte, wo Mohammed geboren und gestorben ist und hauptsächlich wirkte, sind nicht sehr viele Tagereisen von einander entfernt, und die Wiege des Christentums stand wieder in der Heimat des Judentums.

Der Orient, und zwar hauptsächlich Indien, wird auch als die Geburtsstätte der Menschheit angesehen. Dort, wo die Natur so reich und üppig sich entfaltet, daß der Mensch mit geringster Mühe seinen Lebensunterhalt sich erwerben kann, entwickelte sich vermuthlich zuerst die höhere Kultur, wenigstens stammt von dort die älteste Kultur, die wir kennen, und verbreitete sich in dem Maße wie die Menschen sich vermehrten und neue Wohnpläze suchten, nach den verschiedensten Richtungen, namentlich nach Norden und Westen. Möglich, ja wahrscheinlich, daß schon sehr frühzeitig Ansiedler aus Vorderindien durch das arabische Meer nach dem südwestlichen Arabien, dem ungemein fruchtbaren Lande Yemen und von dort, durch das rote Meer, nach dem nicht minder fruchtbaren und üppigen Nilthal im nordöstlichen Afrika gelangten und sich von hier aus weiter verbreiteten.

In der dicht zusammengedrängten Bevölkerung des Niltales, das auf der einen Seite das rote Meer, auf der anderen die große lybische Wüste hat, gestaltete sich ein Staatswesen, das gleich dem indischen in ein starres Kastenwesen ausartete. Dahingegen war das ungeheure Gebiet des heutigen Arabiens und Syriens, mit seiner Abwechslung von fruchtbaren Landstrichen und seinen weiten Hochebenen ganz darnach angetan, der Bevölkerungszersplitterung Vorschub zu leisten und die starre Unterjochung und kastenartige Abscheidung zu verhindern. So bildete sich hier im Laufe der Jahrtausende statt eines strengen, nach Kasten abgeschlossenen Staatswesens, ein vielgestaltiges, reich gegliedertes Familien- und Stammesleben aus, das sich auf einen Flächenraum, fünfmal so groß als das deutsche Reich, verbreitete. Von gleicher Race, war die Bevölkerung sehr ungleich in Lebensweise und Beschäftigung. In dem fruchtbaren Boden des südöstlichen Arabiens, und in den Gegenden längs der Meeresküste entstand frühzeitig eine hohe Kultur, gefördert durch lebhaften Handel und Verkehr; dasselbe war im Norden in Syrien und längs der Küste der Fall, wo das phönizische Reich sich bildete und durch seinen Reichtum und seine Kultur eine Zeit lang das erste aller Reiche um das mittelländische Meer herum wurde.

Im Inneren Arabiens, wo Berge und Wälder die Bildung von Feuchtigkeit in Gestalt häufiger Regen begünstigen und in Folge davon auf den mächtig ausgedehnten Hochebenen sich fettgrasige Weiden bildeten und zahlreichen Heerden Nahrung boten, entwickelte sich ein nomadisches Hirtenleben mit seiner Einfachheit und Naturwüchsigkeit. Nur wenn im Frühjahr die heftig hereinbrechenden Gewitterregen erhebliche Strecken der angrenzenden Wüste unter Wasser sezten und wie mit einem Zauberschlage dem Boden einen üppigen Pflanzenwuchs entlockten, zogen die Hirten auf kurze Zeit in die Ebene. Streit und Zank der einzelnen Stämme um die besten Weidepläze blieben dabei nicht aus und nicht selten entstanden daraus blutige Fehden.

Andere Stämme des Volks, die auf den Oasen inmitten der Wüste oder am Saume derselben ihre Wohnpläze aufgeschlagen, trieben neben der Viehzucht mit Vorliebe die Jagd auf Berg- und Wüstentiere, hielten es aber auch, da schon sehr frühzeitig sich durch die Wüste Handelsstraßen zogen, für vorteilhaft, den Handelskarawanen aufzulauern und sie zu plündern. Diesem Teil des arabischen Volks wurde Kampf, Jagd und Raub sein Lebenselement. Der Streit um den Raub verfeindete sehr häufig die benachbarten Stämme; einer suchte dem anderen in dem Hinterhalt und durch den Ueberfall die Heerden und die Frauen zu rauben. Wo ein Stamm sich zu schwach fühlte, dem anderen zu widerstehen, suchte er nach Bündnissen und so entstanden Kämpfe, in denen manchmal ganze Stämme ihren Untergang fanden.

Eine solche Lebensweise, viele Jahrhunderte hindurch fortgeführt, muß bestimmte Karaktereigenschaften in hohem Maße entwickeln. Da die räumliche Ausdehnung und die Bodengestaltung des Landes die isolirte Abschließung der Stämme mit Leichtigkeit gestattete, so entwickelte sich ein sehr ausgeprägter Stammes- und Familienstolz. Die Stammes- und Familientradition erlangte hohe Bedeutung und die eigene lebhafte Phantasie wie die Sucht, den Nachbarstamm zu überbieten, trug dazu bei, die Taten und die Tugenden der Vorfahren möglichst günstig darzustellen, die dann durch die Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht sich immer mehr vergrößerten und verschönerten. Erlangte Vorrechte wurden hochgehalten und auch von denen respektirt, über die man sie erlangt hatte, da sie meist im Kampf erworben waren und der Kampf die Führerschaft und die Unterordnung bedingt. Tapferkeit ward eine der vornehmsten Tugenden, aber auch die Großmut gegen den besiegten Feind ward gepriesen und geübt. Als heilig und unverletzbar ward die Gastfreundschaft angesehen, wie bei allen Völkern auf einer gewissen Kulturstufe, die frühzeitig den hohen Wert eines sicheren Asyls schäzen lernen, wenn sie in fremdem, wenig bevölkerten Lande von allen möglichen Gefahren, die Naturereignisse, wilde Tiere oder feindliche Menschen ihnen stündlich bereiten können, umgeben sind. Die Gastfreundschaft zu verletzen galt deshalb für eine der schimpflichsten Handlungen.

Dagegen wurden Raub und im Falle des Widerstandes Tötungen, an anderen als den eigenen Stammesangehörigen oder Verbündeten begangen, als durchaus erlaubt und ehrenvoll angesehen, vorausgesezt, daß die Handlungen nicht feig und hinterlistig ausgeführt wurden. Auch galt einen Schimpf oder eine Beleidigung im Blute des Gegners zu rächen nicht blos als gerechtfertigt, sondern als Pflicht, wollte der Beleidigte nicht als feig oder ehrlos erscheinen.

Unter solchen bestimmten sozialen Zuständen mußten auch bestimmte religiöse Anschauungen vorhanden sein, namentlich, wenn man die klimatischen Verhältnisse und die natürliche Beschaffenheit des Landes in Betracht zieht.

Die Naturerscheinungen haben, wie schon hervorgehoben wurde, zu allen Zeiten auf die Anschauungen der Menschen einen großen und entscheidenden Einfluß ausgeübt. Die unverstandenen Naturerscheinungen waren es, welche zuerst zu religiöser Verehrung Veranlassung gaben. Je großartiger und gewaltiger sie einherschritten, je mehr sie auf das ungeklärte naturwüchsige Gefühl Eindruck machten und die Phantasie durch glänzende oder abschreckende und geheimnisvolle Erscheinungen erregt wurde, um so lebhafter und phantastischer waren die Vorstellungen, die sich die Menschen von den Wesen machten, die nach ihrer Meinung die Veranstalter dessen waren, was vor ihren Augen sich zutrug.

Der leuchtende Farbton, unter dem das Häßliche wie das Schöne im Morgenlande unter einem fast immer heiteren Himmel erscheint, wirkt in hohem Maße nervenanregend. Das heiße Klima macht die Menschen leidenschaftlicher, sie sind Hallucinationen und epileptischen Anfällen leichter ausgesezt als der kühle Nordländer; die Phantasie entfaltet sich bei der Großartigkeit der Naturerscheinungen üppiger und erlangt daher die Herrschaft über den Verstand. Daraus erklärt sich die größere Neigung zu religiösen Schwärmereien, wie die Liebhaberei für alle Künste, welche die Phantasie und die erregten Gefühle besonders befriedigen: Dichtkunst, Gesang, Musik, die Freuden an Mährchen und phantastischen Erzählungen.

Unter die wirkungsvollsten Naturerscheinungen im Orient muß besonders der Eindruck gerechnet werden, den die Wüste auf den Wanderer wie auf den in ihr Lebenden macht. Die Wüste wirkt durch ihre scheinbare Unendlichkeit, durch das blendende Lichtmeer, das am Tage über sie ausgegossen ist, und die feierliche Ruhe und Stille, die dann in ihr herrschen und alles Leben in ihr wie erstorben erscheinen lassen, mächtig auf den Menschen ein. Er fühlt sich klein und doch wieder gehoben in dieser starren Unendlichkeit und fühlt andachtsvolle Schauer vor dem Wesen, das, nach seinen Begriffen, sie geschaffen haben muß. Dieser andächtige Schauer wird vermehrt durch die Zeichen der Vergänglichkeit, die ihm fast auf Schritt und Tritt begegnen. Tierische und menschliche Gebeine sieht er überall, deren einstige Besizer entweder im Kampf miteinander oder in Folge plözlich eingetretener Naturereignisse, wie Wolkenbrüche und Wüstensandstürme, oder in der weiten undurchdringlichen Ebene verirrt, durch Hunger und Durst ihren Tod gefunden.

Aehnlich in der Wirkung, doch im Sinneneindruck ganz anders, stellt sich die Nacht in der Wüste dar. Ohne wesentlichen Uebergang von dem hellsten Lichte in die tiefste Schwärze, bricht die Nacht herein. An dem tiefschwarz scheinenden Himmel leuchtet ein Heer von Himmelskörpern in so intensivem Glanze, wie selten unter gleichen Breitengraden, weil anderen Ländern die durchsichtige Luft fehlt, welche fast das ganze Jahr, unbeweglich erscheinend, über den weiten und heißen Flächen Arabiens steht. Aber mit der hereinbrechenden Nacht beginnt plözlich das Leben in der Wüste. Auf allen Seiten regt sich die Tierwelt. Laute der verschiedensten und oft schauerlichsten Art machen sich überall vernehmlich, um so lauter, da die Dünne und Reinheit der Luft die Entfernungen nahezu aufhebt. Kein Wunder, daß das erregte Gemüt und die lebhaft geweckte Phantasie überall geheimnisvolle Geister erblickt, die jezt in der Stille der Nacht ihr geschäftiges Wesen treiben und den Menschen überall necken und schädigen. Daher ist der Glaube an Geister, Ginnen und Ghulen, bei den Arabern von uralter Zeit her verbreitet. Diese Geister spielen selbst im Koran ihre Rolle, ebenso wie der semitische Teufel, der nach der Bibel dem christlichen Religionsstifter bezeichnender Weise ebenfalls in der Wüste erschien.

Juden und Araber, zu derselben Race gehörig, fast auf ein und demselben Boden sich entwickelnd, haben von uralter Zeit in ihren religiösen Anschauungen vieles miteinander gemein. Beide führen ihre Abstammung auf Abraham zurück, nur daß die Bewohner des mittleren Arabiens sich speziell als die Nachkommen Ismaels, des Sohnes der von Abraham in die Wüste verstoßenen Hager ansehen, die Südaraber sich als Nachkommen Joktans betrachten. Der Sage nach kam Ismael mit seiner Mutter auf seiner Wüstenwanderung in die Nähe von Mekka, wo er vom furchtbarsten Durste gequält wurde. Angstvoll lief die Mutter ein wüstes Tal auf und ab, irgendwo eine Quelle erspähend; da, in Folge der wiederholten Anrufung ihres Gottes, sprang unter den Füßen des kleinen Ismael eine Quelle empor, die ihr das verzweifelt gesuchte Naß in reichlichstem Maße spendete. Dieser Brunnen, in unmittelbarer Nähe der heiligen Kaaba in Mekka gelegen, wird noch heute hochverehrt und gehört zu den heiligsten Oertern des Zentralpunkts der islamitischen Religionsgenossen. Auch haben noch heutigen Tages die vielen tausende von Pilgern, die alljährlich von allen Enden Asiens und Afrikas und wo sonst die mohammedanische Glaubensgenossenschaft Anhänger zählt, nach Mekka wallfahren, unter den Wallfahrtsobliegenheiten siebenmal die Hauptstraße Mekkas auf- und abzulaufen, um so das angstvolle Suchen der Hager nach Wasser anzudeuten.

Wie jener Brunnen, heute der Zamzambrunnen genannt, an Abraham-Ismael erinnert, so auch der berühmte schwarze Stein, den die Kaaba birgt und der eigentliche Gegenstand der Verehrung ist. Nach der einen Version soll dieser Stein ein gefallener Engel sein, den Gott wegen eines Vergehens aus dem Paradies auf die Erde stieß und in einen Stein verwandelte; aber am jüngsten Tage werde er wieder ein Engel werden und dann dem Herrn berichten, wer ihn während seines Steindaseins auf Erden verehrt und werde zu Gunsten der Gläubigen zeugen.

Nach der anderen Version hat Abraham den Stein aus dem Paradiese mitgebracht, wo er noch schneeweiß war, aber dann allmälich durch die Aufnahme der Sünden der Gläubigen schwarz wurde. Ferner sollen Abraham und Ismael, die erste Kaaba, die aus einem viereckigen Steinhaufen bestand, auf dessen Spitze der heilige Stein lag, errichtet und der allgemeinen Verehrung empfohlen haben.

Das wahrscheinlichste ist, daß der Stein ein Aërolith (Meteorstein), der in uralter Zeit unter Geräusch und Leuchten zur Erde fiel, von in der Nähe weidenden Hirten gesehen und gefunden und nun als himmlischen Ursprungs verehrt wurde. Die Zeit und das Interesse verbreiteten dann den Wunder- und Sagenkreis um ihn, der dann schon sehr frühzeitig und in wachsendem Maße die Angehörigen der verschiedensten semitischen Stämme bis weit aus Asien her zur Wallfahrt zur Kaaba veranlaßte. Feststeht, daß die Verehrung heiliger Steine (Aërolithen) in uralter Zeit bei allen semitischen Stämmen verbreitet war und die erste Form ihrer Götterverehrung bildete.

Wie es nun auch heute noch geschieht, bildete sich bald in der Nähe solch eines heiligen, vielbesuchten Ortes eine Stadt, deren Bevölkerung an dem Besuch dieser Wallfahrten sehr interessirt war und nun ihrerseits alles aufbot, den Ruhm des Wunderortes immer weiter zu verbreiten und seine Anziehungskraft zu erhöhen. Der fromme Betrug ging mit der frommen Einfalt Hand in Hand. Und wenn im Mittelalter in der Christenheit das Wizwort gang und gäbe war: Je näher bei Rom, desto weiter vom Papst, so konnte man schon sehr frühzeitig von Mekka und den Mekkanern etwas ganz ähnliches sagen. Mekka war von allen Städten des späteren mohammedanischen Reichs diejenige, wo der wenigste Glaube herrschte und die lockeren Sitten und die ausschweifende Lebensweise den größten Umfang annahm, ja sie galt lange Zeit im Chalifenreich nebst der Schwesterstadt Medina als die Hochschule sinnlichen Raffinements. Sodom und Gomorrha ins Arabische übersezt.

Mekka, die heilige Stadt, liegt sechs Meilen vom roten Meer, in einem unwirtlichen, mit spärlicher Vegetation bedeckten Tale, dessen Seitenwände wild zerrissene Steinabhänge bilden. An beiden Enden des Tales beginnt die vegetationslose Wüste. Da die Stadt von frühester Zeit eine Hauptstation der von Syrien durch die Wüste nach und von dem Lande Yemen kommenden Handelskarawanen bildete, und alljährlich von zahlreichen Pilgern und Pilgerkarawanen besucht wurde, so war sie ein lebhafter Verkehrs- und Handelsplaz. Diese Umstände machten sie auch zum Siz verschiedener arabischer Stämme, die gegen einen entsprechenden Tribut den Schuz der Karawanen gegen die Angriffe verwandter räuberischer Stämme in der Wüste übernahmen. Unter diesen in Mekka ihren Siz habenden Stämmen war es dann wieder derjenige der Koraischiten, der die Auszeichnung genoß, die Tempelwache und die religiösen Dienstleistungen in der Kaaba zu versehen. Die Kaaba, als früher einfacher Steinhaufen, wich nämlich später einem umfassenden Steinbau, in dessen südöstlicher Ecke im Inneren der heilige Stein wenige Fuß hoch vom Boden eingemauert wurde. Der Stein selbst, ungefähr sieben Zoll im Durchmesser, ein wellenförmiges Oval bildend, wurde dann mit einer Einfassung in Silber versehen. Unmittelbar an die Kaaba ward später die Moschee gebaut, in welcher die Gebete und Predigten gehalten werden. Endlich befindet sich einige Meilen von Mekka das Tal, in welchem noch heute, ganz wie bei den alten Israeliten, die Opferung der Tiere stattfindet, deren Zahl im eigentlichen Wallfahrtsmonate so groß ist, daß ihre Cadaver die Luft verpesten und häufig zu pestartigen Krankheiten die Veranlassung geben.

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Zur Zeit des römischen Reichs hatten Aegypten, Palästina, Syrien und auch ein Teil Arabiens in verschiedener Zeitdauer unter römischer Herrschaft gestanden und dessen Kultur hatte sich in allen diesen Ländern verbreitet. Als das römische Reich zerfiel und gleichzeitig das Christentum immer weitere Ausdehnung erlangte, bis es im oströmischen Reiche endlich Staatsreligion wurde, gab es auch zahlreiche Christen in diesen Ländern, die aber fast alle mit den beiden Hauptrichtungen der Christenheit, die der Bischof zu Rom und der Bischof zu Konstantinopel vertraten, zerfallen waren. Neben diesen Christen und inmitten der übrigen Bevölkerung lebten versprengt zahlreiche Juden.

Bis zwei Jahrhunderte vor dem Beginn des mohammedanischen Reichs war Alexandrien in Aegypten der Sammelplaz und das Zentrum für die ganze antike Bildung. Hier war der Siz der neu-platonischen Philosophie, die als heidnisch von den christlichen Wortführern heftig bekämpft und angegriffen wurde, obgleich oder auch gerade weil das Christentum, wie ein Blick in Platos »Staat« und zeigt, auf Sokratisch-Plato'sche Philosophie sich stüzt und von ihr erfüllt war. In Alexandrien waren ferner die literarischen Schäze Griechenlands und Roms und der Völker des Altertums aufgespeichert, seine Bibliotek und seine Sammlungen von mathematischen, astronomischen und physikalischen Instrumenten waren die größten und vollkommensten der damaligen Zeit. Ein solcher Brennpunkt geistigen Lebens mußte auch noch lange nach seiner Zerstörung von Einfluß auf seine weitere Umgebung sein, und in der Tat gab es zahlreiche Häupter der christlichen Sekten, die sich, im Verein mit jüdischen Rabbinern, den von Alexandrien ausgegangenen philosophischen und naturwissenschaftlichen Lehren mit Eifer hingaben und eine ganz eigenartige geistige Atmosphäre erzeugten.

Solche Jahrhunderte währende Geistesströmungen bleiben notwendig nicht ohne Einfluß auf weitere Volkskreise und wirken auch bestimmend auf die religiösen Anschauungen ein. In dieser geistigen Atmosphäre wurde am 1. April 571 unserer Zeitrechnung Mohammed als Sohn eines Elternpaares aus dem Stamme der Koraischiten zu Mekka geboren.

Mohammeds Verhältnisse waren keine günstigen. Der Vater starb kurz vor oder bald nach seiner Geburt, seine Mutter starb, als er kaum sechs Jahre alt war; so wurde der Knabe, den sein Oheim Abu Talib in Pflege nahm, frühzeitig selbständig. Schon mit dem zwölften Jahre unternahm er eine Reise nach dem entfernten Bassra (Bassora) an der Grenze von Irak. Dort machte er mit einem christlichen Mönche namens Bahira (Dschardis) Bekanntschaft, ebenso hatte er in seiner Heimat einen getauften jüdischen Gelehrten, einen Vetter mütterlicherseits, mit dem er Verkehr pflegte. So entstanden die Ideenströmungen, die ihn später beherrschten.

Mohammed zeichnete sich durch Gewandtheit aus. Nach der Heimat zurückgekehrt, bekleidete er abwechselnd die Stelle eines Hirten und eines Kameeltreibers und machte in lezterer Eigenschaft wiederholt Reisen nach Syrien und Irak. Fünfundzwanzig Jahre alt, trat er in den Dienst einer Kaufmannswitwe Namens Chadidscha, der er bald so gefiel, daß sie ihm, obgleich an Jahren weit voraus, ihre Hand anbot. Mohammed willigte ein, sicher weniger aus Liebe als aus materiellen Gründen. Er hatte aber mit seinen geschäftlichen Unternehmungen kein sonderliches Glück, denn als seine Frau nach langjähriger Ehe starb, war er keineswegs in glänzenden Verhältnissen.

In jener Zeit herrschte in weiten Kreisen der arabischen Bevölkerung eine lebhafte geistige Erregung. Ein bestimmt ausgeprägtes religiöses System besaßen die Araber damals nicht. Es traten häufig religiöse Schwärmer auf, die sich als Propheten dem Volke darstellten, ohne sonderlichen Anhang zu finden. Aehnlich war es ja auch zur Zeit Jesu in Palästina. Durch die Römer unterdrückt und unterjocht, seiner nationalen Selbständigkeit beraubt, waren unter dem erregten jüdischen Volke ebenfalls zahlreich religiöse Schwärmer entstanden, die, auf die alten Weissagungen von einem kommenden Messias gestüzt, die religiösen, nationalen und sozialen Instinkte und Leidenschaften der Massen erregten. Insbesondere war es die Sekte der Essener, die durch die strengste Askese – Ehelosigkeit, Selbstverstümmelung und Kasteiungen aller Art – den Fanatismus entfesselten. Aus ihr gingen Johannes der Täufer – die Taufe ist eine Zeremonie, die auch die alte ägyptische Religion besaß – und Jesu hervor. Johannes, anfangs der Kühnere, revolutionärere, von der Menge bejubelt, ward durch Herodes als Unruhestifter geköpft. Jezt trat Jesu an seine Stelle und die Umstände begünstigten ihn, der Schöpfer einer neuen Religion zu werden.

Mohammed erging es ähnlich. Er verfiel ziemlich spät, nahe dem vierzigsten Lebensjahre, in religiöse Visionen. Möglich, daß folgender Umstand einen starken Eindruck auf ihn gemacht. Zu seine Zeit fand der Umbau der Kaaba statt, nun entstand aber Streit, wer das Amt der Einmauerung des heiligen Steines verrichten solle. Endlich kam man überein, sich zurückzuziehen und demjenigen das Amt zu übertragen, der an einem bestimmten Tage in frühester Stunde der erste in der Kaaba sein werde. Dieser Glückliche war Mohammed und er verrichtete das Amt zu aller Zufriedenheit.

Religiöse Visionen sind die Folge sehr nervösen Temperaments und sind in der Regel von epileptischen Anfällen begleitet. Beides war mit Mohammed der Fall. In Folge religiöser Grübeleien steigerten sich mit den Jahren die epileptischen Anfälle und Visionen. Sie erweckten in ihm den Glauben, daß er der berufene Neubegründer der dem Abraham von Gott offenbarten Religion sei. Anfangs fanden seine Gesichte und Weissagungen wenig Gläubige, selbst nicht bei seinen nächsten Angehörigen. Aber mit ihrer dauernden Wiederkehr verschwanden allmählich die Bedenken und eine Person nach der anderen aus seiner Umgebung fing an, ihn für einen Propheten zu halten. Doch betrug nach Verlauf von drei Jahren seine Anhängerschaft erst vierzig.

Am schlechtesten waren seine eigenen Stammesgenossen, die Koraischiten, auf ihn zu sprechen und zwar aus ähnlichen Gründen wie die Schriftgelehrten Judäas auf Jesu. »Kein Prophet gilt in seinem Vaterlande«. Die Koraischiten, als die berufenen Kaabahüter, ein Amt, das ihnen Ansehen und große materielle Vorteile verschaffte, waren dem Aufkommen einer neuen Religion feindlich, weil sie ihr Ansehen und ihre Einnahmen zu schmälern drohte. Es kam zu heftigen Auseinandersezungen mit Mohammed. Die Verfolgungen wurden schließlich so arg, daß selbst sein Leben in Gefahr kam. Er entfloh in eine mehrere Meilen von Mekka entfernte Höhle, wo ihn sein Oheim, Abu Talib, der ihn auch in der Stadt nach Kräften beschüzt hatte, mit Lebensmitteln unterhielt. Als dieser aber bald darauf starb, sah sich Mohammed genötigt, weiter zu fliehen. Er eilte mit seinen Anhängern nach dem nicht sehr entfernten Medina, wo er, namentlich schon aus Eifersucht gegen die Mekkaner, günstige Aufnahme und viele Anhänger fand. Von diesem Zeitpunkte an, dem Jahre 622 unserer Zeit, wurde später die neue Zeitrechnung der Mohammedaner, die Hedschra, das Jahr der Flucht, angesezt.

In Medina begann Mohammed sein religiöses System weiter zu entwickeln, das sich aus jüdischen und christlichen Anschauungen und Gebräuchen, vermischt mit den alten heidnischen Anschauungen der Araber, bildete. Mohammed betrachtete sich als den ersten Propheten Gottes, doch war er weit entfernt, Moses und Christus zu verleugnen; auch diese erkannte er als Propheten, aber nur als Vorläufer von ihm an. Die christliche Dreieinigkeit verwarf er als Vielgötterei und darum heidnisch, dagegen lehrte er den strengsten Monotheismus (Eingottglaube). »Es ist kein Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet«. Das war und ist der Grundspruch und das Glaubensbekenntnis des Islam. Aus den Offenbarungssprüchen, die er nach seinen Visionen kundgab, entstand der Koran. Er ging dabei recht praktisch zu Werke. Kam ein Fall vor, für den bisher noch kein Ausspruch vorhanden war, so wartete er seine nächste Vision ab, und der dann zu Tage geförderte Spruch wurde als endgiltig und heilig von allen Gläubigen anerkannt. Diese Aussprüche, die zumteil von hoher Moral, gesunder und humaner Anschauung Zeugnis ablegen, bildeten die Grundlage des religiös-sozialen Gesezes; sie entsprachen den Sitten und dem Karakter des Volks und der Zeit. Hierdurch wurden sie das vorzüglichste Bindemittel, welches die bis dahin zersplitterten, jedes gemeinsamen Bundes baren Stämme vereinigte.

Mohammed lehrte, daß es gelte, den neuen Glauben mit allen Mitteln auszubreiten, die Ungläubigen sollten bekämpft oder dem wahren Glauben gewonnen werden. Doch machte er zwischen den Ungläubigen einen Unterschied. So weit es sich um arabische Stammesgenossen handelte, sollten sie, sobald sie besiegt und den neuen Glauben angenommen, als vollständig Gleichberechtigte anerkannt werden. Waren es hingegen Ungläubige fremder Abstammung, so sollten diese, wenn sie sich unterwarfen bevor man sie geschlagen und ihr Land erobert hatte, als Schuzgenossen (Klienten) angesehen werden. In diesem Falle sollten sie ihren Grund und Boden als Eigentum behalten, sie waren aber gehalten, eine bestimmte Kopf- und Grundsteuer zu entrichten, die den Schaz des Propheten und später in den seiner Nachfolger, der Kalifen, floß und von diesen nach bestimmten Regeln unter die Gläubigen und Stammesgenossen verteilt werden mußte. Dasselbe geschah mit der Kriegsbeute, die nach Abzug eines Fünftels für den Schaz unter die Gläubigen verteilt wurde.

Die Jedem einleuchtenden materiellen Vorteile aus der Verbindung mit religiösen Ueberzeugungen, konnten ihre Wirkung auf die tapferen, aber auch beute- und geldgierigen Söhne Arabiens nicht verfehlen. Diesem, sowie dem Umstand, daß die unterworfenen Ungläubigen mit einer im Orient bis dahin unbekannten Milde behandelt wurden und mit verhältnismäßiger Leichtigkeit sich ein gewisses Maß von Freiheit und Unabhängigkeit erkaufen konnten, ist die sehr rasche Ausbreitung des Islams zuzuschreiben. In scharfem Gegensaz zu den heute in Europa noch weitverbreiteten Anschauungen, als sei der Mohammedanismus von fanatischer Unduldsamkeit gegen Andersgläubige beseelt gewesen, muß das Gegenteil konstatirt werden. Christen, Juden und Andersgläubige überhaupt haben unter dem Mohammedanismus vom ersten Tage seines Entstehens an mit einer Ruhe und Sicherheit gelebt, wie sie Andersdenkenden im gleichzeitigen christlichen Europa nirgends zu Teil wurde. Größere Verfolgungen kamen erst vor, als vom 11. bis zum Ende des 13. Jahrhunderts das christliche Abendland unter dem Namen der Kreuzzüge seine Raub- und Eroberungszüge nach dem Morgenlande unternahm und durch seine Hezereien und Barbareien auch den muselmännischen Fanatismus auf die Spize trieb. Und selbst in dieser Zeit haben mohammedanische Kriegsführer christliche Fürsten und Edelleute häufig durch Edelmuth beschämt.

Juden und Christen haben in der Blütezeit des Islam und noch viel später, ja selbst bis in unsere Tage, die höchsten Ehrenstellen im mohammedanischen Staatswesen bekleidet; die Juden speziell genossen Rechte und nahmen Ehrenstellen an, die ihnen heute vielfach noch im christlichen Abendland versagt werden. Jahrhunderte lang waren z. B. die Steuerämter im Reich fast ausschließlich in den Händen von Christen und Juden. Christen und Juden bekleideten hohe Würden bei Hofe und waren häufig Vertrauenspersonen der Kalifen. Christen und Juden bildeten insbesondere den im Morgenlande hoch angesehenen Stand der Aerzte und waren häufig Leibärzte der Kalifen. Endlich waren christliche Kirchen und Klöster und jüdische Synagogen vor und nach Mohammed sehr zahlreich über das weite Reich zerstreut, und erfreuten sich die Angehörigen dieser Religionen der vollkommensten Religionsfreiheit innerhalb ihrer Kirchen und der vollsten Selbstverwaltung ihrer zumteil sehr großen Vermögen und ihrer religiösen Angelegenheiten. Ferner standen christliche und jüdische Gelehrte mit den mohammedanischen in freundschaftlichem Verkehr; religiöse, philosophische, juristische, medizinische und naturwissenschaftliche Tematas wurden mit einer Freiheit und Ungenirtheit öffentlich erörtert, die in den meisten christlichen Staaten bis in die neuere Zeit unerhört war.

So geschah es, daß schon frühzeitig und zu einer Zeit, wo das christliche Abendland noch in tiefster Barbarei lag und die wildeste Verfolgung gegen jeden ins Werk sezte, der da wagte, an den Kirchendogmen zu zweifeln, oder der Studien oblag, welche in ihren Erfolgen die Glaubenssäze anzutasten drohten, das mohammedanische Reich eines hohen Maßes von Geistesfreiheit und Kultur sich erfreute, und der Orient es war, der dem in finstere Glaubensnacht versunkenen Abendland die Leuchte der Erkenntnis überreichte. Das wird die weitere Darlegung noch beweisen.

Die geschilderte, manchem unglaublich scheinende Toleranz war imgrunde sehr natürlich. Wie schon dargelegt, lebten Juden, Christen und Anhänger aller Religionen und Anschauungen der alten Welt Jahrhunderte lang in friedlichem Verkehr in den Ländern, in denen der Islam zunächst sich ausbreitete. Der Islam selbst war nur ein Gemisch aus wesentlichen Bestandteilen dieser verschiedenen Religionen, endlich stand Mohammed selbst mit seinen Anhängern dieser Religionen in freundschaftlichem Verkehr, dasselbe war mehr oder weniger mit seinen unter denselben Verhältnissen aufgewachsenen Nachfolgern der Fall. Wie konnte da ein brutaler Fanatismus und eine blinde Verfolgungswut Plaz greifen? Die einfachsten Gebote der Klugheit empfahlen die Toleranz und die bisherigen Sitten bedingten sie.

Wenn es später zeitweilig anders wurde, so trug, wie schon angeführt, das christliche Abendland ganz wesentlich die Schuld; auch muß hervorgehoben werden, daß in späteren Jahrhunderten eine korrumpirte Mischrace mehr und mehr das Ruder in die Hand bekam, das schließlich gänzlich in die Hände eines berberischen Volks, der seldschuk'schen Türken, überging, deren Wildheit dem Abendland jezt als der Ausdruck des mohammedanischen Geistes erscheinen mußte. Es ist übrigens sehr die Frage, ob selbst die heutigen christlichen Staaten einer größeren Zahl von Mohammedanern in ihrer Mitte diejenigen Freiheiten einräumen würden, die – allem Zeitungsgeschwäz zum Troz – die Christen bei den Mohammedanern heute noch tatsächlich genießen.

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