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Die Messe des Gottlosen

Honoré de Balzac: Die Messe des Gottlosen - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorHonoré de Balzac
booktitleOberst Chabert
titleDie Messe des Gottlosen
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204515
translatorErnst Weiss
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Doktor Bianchon, ein Arzt, dem die Medizin eine der geistreichsten physiologischen Theorien zu danken hat und der schon als ganz junger Mensch als hohe Leuchte der Ecole de Paris galt, (sie ist bekanntlich Mittelpunkt der medizinischen Welt Europas), hatte lange Zeit Chirurgie getrieben, bevor er zur Medizin der inneren Krankheiten überging. Denn seine ersten Schritte auf wissenschaftlichem Gebiete wurden geleitet von dem großen französischen Chirurgen Desplein, einem Mann, der zu seiner Zeit strahlend wie ein Meteor an dem Himmel der Wissenschaft aufgegangen war. Selbst Despleins Feinde müssen zugeben, er hätte seine Methode mit ins Grab genommen, deren Geheimnis keinem sonst zugänglich gewesen. Wie alle Genies, starb er ohne Erben. Er trug alles in sich und so begrub er alles mit sich. Der Ruhm der großen Chirurgen gleicht dem der großen Tragöden, sie sind nur während ihres wirklichen Daseins große Menschen und ruhmeswert, ihr Genius wandert mit ihnen in die Grube und niemand weiß nachher, was sie waren, niemand kann es lernen. Schauspieler und Chirurgen, große Sänger, auch Virtuosen, durch deren Kunst die Macht der Musik erst zur eigentlichen blühenden Entfaltung kommt, sie bleiben alle Heroen des Augenblicks. Desplein ist der beste Beweis für die Gleichartigkeit der Geschicke solcher Männer, deren hoher Geist wolkengleich kommt und schwindet.

Sein Name war gestern im vollen Glanz der Berühmtheit. Heute ist er fast vergessen; bleiben wird er nur in den Grenzen seines engeren Faches, und sonst nirgends. Aber bedarf es nicht der unerhörtesten Taten und Ereignisse, wenn der Name eines Gelehrten aus dem Buch seiner Wissenschaft in die großen Annalen des menschlichen Geistes übergehen soll? Und hatte Desplein das Weltumfassende des Wissens, das aus einem einzelnen den Wortführer seiner Zeit macht? Wohl war ihm eine unbeschreibliche Schärfe der Beobachtung eigen. Er durchdrang das Wesen des Kranken oder das Wesen des Leidens durch Einfühlung, die ihm, angeboren oder erworben, immer zur Verfügung stand. Mittels dieser Kraft konnte er nicht nur jede Diagnose mit allen Feinheiten stellen, sondern er hatte auch im höchsten Grade die Fähigkeit, mit schärfster Präzision den Augenblick anzugeben, in dem man operieren mußte, bis auf Stunde und Minute, denn er ließ weder die geheimen Eigenheiten des betreffenden Patienten, noch die dunkleren Strömungen der Natur und der Atmosphäre außer acht. Und wenn ein Mensch so tief im Einklang mit der Natur arbeiten konnte, mußte er das unzerreißbare Band zwischen den lebenden Wesen und den unbelebten Stoffen der Luft aus dem Grund studiert haben, das gegenseitige Verhältnis der Elemente und der Organe klar vor sich sehen wie ein aufgeschlagnes Buch, nur so konnte er seine wichtigen Schlüsse mit untrüglicher Sicherheit ziehen.

War dies nun der geistige Prozeß der Ableitung und der Analogie, wie sie der geniale Cuvier geübt? Wie immer es sei, dieser Mann besaß das Geheimnis, den Schlüssel des Fleisches, von ihm ließ er sich mit absoluter Sicherheit in die Vergangenheit leiten und blieb seiner Hilfe gewiß für die Zukunft. Auf diese Mittel stützte er sich im gegenwärtigen Augenblick. Hatte er aber all sein Wissen in seiner Persönlichkeit beschlossen wie Hippokrates, Galienus, Aristoteles? Hatte er eine ganze Schule einer neuen Blüte entgegenführen können? Ihr einen Ausblick nach unbekannten Welten eröffnet? Nein. Wohl kann man unmöglich diesem tiefen Beobachter der menschlichen Chemie das antike Wissen der Magie absprechen, das heißt, die Kenntnis und Erkenntnis der Grundkräfte, wie sie miteinander und gegeneinander agieren; klar waren ihm des Daseins Gründe und Untergründe, und er sah das Leben vor dem Leben: aber dann darf man, um gerecht zu sein, nicht verschweigen, daß alles in ihm durch die Grenzen seiner Person gebannt war. War er in seinem menschlichen Dasein durch Egoismus gekettet, so hat Egoismus heute seinen Ruhm verschüttet. Über sein Grab ragt keine Bildsäule, die ernst kündet, daß hier ein Mensch durch Genie der tiefsten Daseinssphäre ihre Geheimnisse auf immer abgerungen hat. Aber vielleicht war die Begabung Despleins eins mit seinem Glauben und folglich sterblich und verweslich. Für ihn war die Lufthülle um die Erde ein fruchtbarer Zeugungsraum, er sah die Erde wie ein Ei in seiner Schale. Und konnte der Gelehrte nicht entscheiden, wer früher dagewesen, Ei oder Henne, so leugnete der Ungläubige beides. Er glaubte nicht an die Vorexistenz des Menschen, noch an seine Unsterblichkeit. Desplein kannte Zweifel nicht, er war Positivist. Sein reiner, offener Atheismus war der gleiche Unglauben wie bei tausend Gelehrten, wie bei den Spitzen der Gesellschaft; gottlos war er bis zur sichersten Gewißheit, gottlos bis zu einem Grade, den gläubige Menschen nie verstehen werden. Konnte es anders sein? Von frühester Jugend hatte er das Seziermesser nicht aus der Hand gelassen, alles hatte er mit seinen unzähligen Apparaten durchsucht und niemals den heiligen Geist gefunden, ohne den kein Glaube leben mag. Er kannte eine Gehirnwelt, eine Nervenwelt und eine aus Muskelfleisch und Blut. Die beiden ersten fühlte der Gelehrte so innig ineinander weben, daß er in den letzten Tagen seines Lebens zur Überzeugung kam, daß der Gehörsinn nicht unbedingt nötig sei zum Hören, noch auch der Gesichtssinn zum Sehen; denn das sympathische Nervengeflecht konnte beide ersetzen, daran war kein Zweifel möglich. So entdeckte Desplein zwei Seelen im Menschen; diese Erkenntnis mußte an seiner Gottlosigkeit zehren und ihr Abbruch tun, wenngleich er noch nicht zu Gott sich bekannte.

Man berichtet, daß dieser Mann bis ans Ende unbekehrt starb, in einem Seelenzustand, worin viele Menschen von Genie enden. Gott allein wird ihnen vergeben.

Das Leben dieses Großen war von kleinlichen Zügen nicht frei, wenn wir seinen Feinden glauben wollen, und sie werden nie müde, seinen Ruhm zu schwärzen. Aber es wäre weit mehr ihre Pflicht, das offenbare Gegenteil darzutun, denn die Neider und Mißgünstigen ahnen nie auch nur im fernsten die geistigen Strömungen, die den Gang eines Genies da- oder dorthin leiten, sondern sie halten sich einfach an oberflächliche Widersprüche, um auf ihnen ihre Anklageschrift aufzubauen und das Verdikt auszusprechen. Wenn aber später der Erfolg die angegriffenen Denkresultate bestätigt, indem er den zwingenden Zusammenhang zwischen Vorbereitung und Wirkung, Voraussetzung und Schluß beweist, es bleibt immer noch etwas von der alten Verleumdung von vornherein. So wurde in unsern Tagen Napoleon von den Zeitgenossen geschmäht, als er seinen Aar die Flügel über England entfalten ließ. Man mußte erst 1824 erleben, um 1804 richtig würdigen zu können und die Transportschiffe von Boulogne.

Man konnte bei Desplein unmöglich seinen Ruhm und sein Wissen zum Ziel eines Angriffs nehmen, und so hielten sich seine Feinde an seinen seltsamen Charakter und an seine Launen. Und dabei war es doch nur, daß er nicht ganz frei war von dem, was die Engländer excentricity nennen. Manchmal ging er in vollendeter Eleganz aus, wie Crébillon der ältere, dann wieder gefiel er sich in einer auffallenden Vernachlässigung in bezug aufs Äußere. Manchmal sah man ihn in der Kutsche, manchmal zu Fuß. Heute war er mild, morgen grob; er erweckte oft genug den äußeren Anschein, er sei besessen nach Geld und furchtbar geizig, aber er war durchaus fähig, sein ganzes Hab und Gut seinen ins Ausland geflüchteten Lehrern anzubieten, die ihm die Ehre erwiesen, es während einiger Tage anzunehmen. So hat kein Mensch Anlaß zu mehr widersprechenden Urteilen gegeben. Wohl war ihm zuzutrauen, daß er, bloß um ein schwarzes Ordensband zu erhalten, dem die anderen Ärzte vergebens nachjagten, bei Hofe ein Gebetbuch aus seiner Tasche wie zufällig fallen ließ, aber im Grunde seines Herzens, ich bitte es zu glauben, war ihm alles nichts. Zu tief verachtete er die Menschen, denn er kannte sie vom Scheitel bis zur Sohle, er hatte sie dann gesehn, wenn sie sich nicht verstellen konnten, in den feierlichsten und den niedrigsten Augenblicken ihres Daseins.

Bei einem großen Mann ist alles aus einem Guß. Wenn unter diesen gigantischen Naturen einer mehr Talent hat als Geist, so ist immer auch noch sein Geist tausendmal feiner als bei einem Dutzendmenschen, von dem die Rede geht, er sei so fabelhaft geistreich.

Das Genie ist eine Frage der Sittlichkeit. Gewiß kann sich das Ethos auf einem begrenzten Gebiet entfalten, aber wer die Blume erkennt, erkennt gewiß die Sonne.

Hat ein Mann aus dem Munde eines aus Lebensgefahr unmittelbar geretteten Höflings die Frage gehört: »Wie geht es dem Kaiser?« und darauf geantwortet: »Der Höfling ist schon wieder da, der Mensch wird folgen«, so ist ein Mann dieser Art nicht bloß einfach Chirurg oder Internist, er ist auch überwältigend geistreich. So wird ein scharfer, aufmerksamer und stetiger Beobachter des Menschlichen an Desplein den ungeheuren Ansprüchen dieses Mannes ihr Recht nicht versagen können, er wird ihm den Glauben zubilligen müssen, den Desplein auch selbst besaß, daß er als Mann des Staates kaum eine weniger überragende Erscheinung geworden wäre, als er in der Chirurgie wirklich gewesen ist.

Es gab viele Rätsel im Leben Despleins für die, die ihn gekannt haben, und von ihnen haben wir das interessanteste ausgewählt, weil es den Schlüssel zu allen andern enthält, und weil die Schlußfolgerung meines Berichtes alle Anklagen gegen ihn entkräftet.

Von allen seinen Schülern an seinem Hospital war Desplein dem jungen Bianchon am meisten zugetan. Vor seiner Assistentenzeit im Hôtel-Dieu war Horace Bianchon Student, wohnte in einer elenden Pension des Studentenviertels, bekannt unter dem Namen Pension Vauquer. Hier lernte der arme junge Mann die ätzenden Säuren des wahren Elends kennen, und er ging aus ihnen rein und unversehrbar hervor, wie die Diamanten, die allen Einwirkungen ohne Gefahr ausgesetzt werden können. Daran erkennt man große Gaben. Im hitzigsten Feuer der entfesselten Leidenschaften gewinnen sie unzerstörbare Reinheit und bewähren ihre Redlichkeit, sie stärken sich für die Kämpfe, die dem Genie nie erspart bleiben. Arbeit nennt sich ihr tägliches Brot, Ziel und Ende aller Wünsche.

Horace war ein aufrechter junger Mensch; in Fragen der Ehre kannte er weder Vergleiche noch Zugeständnisse; er ging ohne Redensarten aufs Wesentliche; für seine Freunde konnte er sein letztes Hemd versetzen, seine Zeit ganz einer Wache am Bette eines erkrankten Kameraden opfern; er war ein Kamerad, nicht um Dank und Lohn, denn Menschen seiner Art fühlen sich immer beschenkt, selbst wenn sie alles geben. Keiner seiner Freunde konnte sich der Verehrung gegen diese klare Güte ohne Redensarten entschlagen. Viele fürchteten sein Urteil. Aber mit diesen ernsten Eigenschaften war Horace keine Beamtennatur. Weder Puritaner noch Phrasenheld, kannte er keine Angst vor einem kräftigen Fluch, mit dem er einen guten Ratschlag gern begleiten mochte, er schnitt sich gern einmal einen Happen vom »Bratenstück des guten Lebens« herunter, wenn die Gelegenheit sich gerade bot. Er war gut Freund, kein Spielverderber, nicht mehr zimperlich als ein Kürassier, frei und frank, nicht gerade ein Seebär, denn die Seeleute von heute sind durchtrieben schlaue Diplomaten, er aber war ein anständiger Junge, der nichts zu verbergen hat, er ging seines Wegs mit erhobenem Haupt und mit lachender Miene; alles in einem Wort gesagt, er war der Pylades, der treue, für so manchen Orest, wobei wir die Gläubiger als die schlimmsten Plagegeister den alten Furien gleichstellen. Sein Elend trug er mit Freudigkeit, darin zeigte er am besten seinen Mut. Wie alle, die nichts ihr eigen nennen, mochte er keine Schulden machen, war nüchtern wie ein Kamel, schnell wie ein Hirsch, stetig in seinem Gedankengang und in seiner Stellung zur Welt. Bianchons glückliche Zeit begann an dem Tage, da der berühmte Chirurg alle Fehler und Vorzüge an Bianchon in ihrer Gesamtheit erfaßte und damit auch das, was den Doktor Bianchon in gleicher Weise für seine Freunde unersetzbar machte. Wenn der Vorstand einer großen Klinik einen jungen Menschen unter seine Flügel nimmt, dann hat der Junge schon, wie man sagt, einen Fuß im Himmelreich. Desplein ließ sich's nun angelegen sein, den jungen Menschen zur Assistenz in die reichen Häuser mitzunehmen, wo fast immer etwas auch für die Tasche des Gehilfen abfiel, und vor allem war dies der Ort, wo sich, ein unschätzbarer Vorteil, ihm, dem Mann aus der Provinz, die Geheimnisse des Pariser Lebens allgemach entschleierten. Dann ließ er ihn während der Besuchsstunden in seinem Arbeitszimmer, beschäftigte ihn nach Kräften, gab ihm wohl auch den Auftrag, einen reichen Kranken ins Bad zu begleiten. Schließlich bereitete er ihm seine Praxis vor. Konnte es unter solchen Umständen fehlen, daß nach einiger Zeit der Fürst der Chirurgie einen getreuen Jünger neben sich hatte? Zwei Männer: der eine auf der Höhe des Wissens, im stärksten Glanz des Namens und unermeßlich reich. Der andere, das letzte Rad am Wagen, ohne Geld und Namen. Und diese beiden ein Herz und eine Seele. Der große Desplein hatte vor seinem Assistenten keine Geheimnisse. Dem jungen blieb es nicht verborgen, ob eine Dame auf dem Stuhle neben dem Meister Platz genommen oder auf der berühmten Ottomane, die im Arbeitszimmer stand und auf der Desplein schlief. Bianchon kannte alle Abgründe dieses unheimlichen Temperamentes, in dem sich die Kraft eines Stieres mit dem Mut eines Löwen einten. Und dieses Temperament, das in seiner Maßlosigkeit das Innere des großen Mannes sprengte, war der Grund zu seinem Untergang. Er starb an Erweiterung des Herzens. Der jüngere studierte die Widersprüche dieses außerordentlich tätigen Lebens, das System des schmutzigsten Geizes, die Hoffnungen des Politikers, die in der Seele des Arztes lebten, und so konnte er die Enttäuschungen einer Seele vorausahnen, die ihr Metall und ihren Schutz nur außen trug.

Eines Tages meldete Bianchon seinem Meister, daß ein armer Wasserträger aus dem Quartier Saint-Jacques eine furchtbare Krankheit an sich habe, die er seinem Elend und seiner Not verdanke, denn der arme Auvergnat habe seit dem furchtbaren Winter von 1812 sich nur von Kartoffeln erhalten. Desplein ließ im Augenblick alle anderen Kranken sein, eilte, ohne Rücksicht auf seine Pferde, in Begleitung von Bianchon nach der Behausung des Armen und ließ ihn in die von dem berühmten Dubois gegründete Heilanstalt im Faubourg Saint-Denis bringen. Er widmete sich persönlich der Pflege dieses Mannes, gab ihm, nachdem er ihn geheilt, die Summe, die er für ein Pferd und ein Wasserfaß brauchte. Dieser Auvergnate hatte nun folgenden originellen Zug an sich. Einer seiner Freunde wird krank, er bringt ihn sofort zu seinem Wohltäter Desplein und sagt: »Das hätte ich wahrlich nicht geduldet, daß er zur Konkurrenz geht.« Und Desplein, ein so mürrischer Grobian er sein konnte, schüttelt dem Wasserträger die Hand, mit den Worten: »Recht hast du, bring sie mir nur alle.« Und er bewirkte die Aufnahme des Patienten im Hôtel-Dieu und nahm seiner liebevoll acht.

Nun hatte Bianchon bei seinem Chef schon seit langem eine Vorliebe für die Auvergnaten beobachtet, und unter diesen wieder besonders für die Wasserträger, da aber Desplein seine Kuren im Hôtel-Dieu immer mit besonderer Vorliebe und Aufmerksamkeit behandelte, sah der Schüler keinen Widerspruch in dieser Eigenheit.

Als nun eines Tages Bianchon den Platz Saint-Sulpice überquerte, sah er seinen Chef in die Kirche treten. Es war neun Uhr morgens. Desplein, der im übrigen kaum ohne seinen Wagen auf die Straße kam, war zu Fuß, er hatte sich durch die Rue du Petit Lion herangeschlängelt, nicht anders, als hätte er ein schlechtes Haus zum Ziele. Es versteht sich von selbst, daß der Schüler von Neugierde ergriffen wurde, er kannte zu gut die Lehrmeinungen seines Chefs, der Materialist bis aufs i-Tüpfelchen war, (man weiß, daß das i-Tüpfelchen bei allen Teufelsstreichen des Meisters Rabelais die letzte Höhe bedeutet), nun, Bianchon schlich sich ins Innere der Kirche, und es ist nicht leicht, sein Staunen zu beschreiben, als er den großen Desplein, diesen prinzipienfesten Atheisten, der kein Mitleid mit Engeln kannte, es sei denn, es wäre ihnen mit Messern oder Sägen beizukommen und sie hätten ihre Fisteln und Entzündungen wie alles andere Gewürm, nun, als er diesen Mann des weltlichen Genusses und des Ruhmes demütig auf den Knien beten sah, und zwar vor dem Gnadenbilde der Mutter Gottes, wo er eine Messe hörte, in den Klingelbeutel Geld einwarf und den Armen seine Gabe nicht versagte. Dabei blieb sein Gesicht ernst und sachlich, als wäre er bei einer Operation. Bianchons Staunen war grenzenlos.

Sicher ist er nicht in die Kirche getreten, dachte er, um die medizinischen Probleme zu lösen, welche die Entbindung der heiligen Jungfrau betreffen. Hätte ich ihn nur dabei beobachtet, daß er bei feierlichster Prozession eine Quaste des Thronhimmels über dem Allerheiligsten trug, da wäre ein Lachen Rechtfertigung genug. Aber heute, hier, allein und ohne Zeugen . . . das gibt zu denken.

Bianchon wollte auch nur den Schein vermeiden, als spioniere er das Tun des ersten Chirurgen des Hôtel-Dieu aus, deshalb ging er seiner Wege. Es traf sich zufällig, daß ihn für diesen Tag Desplein zu einem Diner im Restaurant eingeladen hatte. Zwischen Dessert und Käse kam Bianchon nach sehr geschickten Vorbereitungen auf die Messe zu sprechen, die er als eitlen Mummenschanz hinstellte.

»Ein kleiner Scherz, ja,« sagte Desplein, »der aber mehr Blut der Christenwelt gekostet hat, als alle mörderischen Schlachten Napoleons und alle blutgierigen Blutegel des famosen Broussais. Die Messe ist eine Erfindung der Päpste, die bestenfalls ins sechste Jahrhundert zurückgeht, und die man auf dem alten Spruch »Hoc est corpus« aufgebaut hat. Mit welchen unermeßlichen Strömen Blut hat man das Fronleichnamsfest bezahlt, nur damit die Kirche mit dieser Einrichtung ihren Sieg dokumentieren konnte, den sie in den Fragen des Dogmas von der Allgegenwart Gottes errungen hat. Und dabei hat dieser Glaubenssatz nicht weniger als drei Jahrhunderte lang den Frieden der Kirche gestört. Alle Kämpfe zwischen den Grafen von Toulouse und den Albigensern sind die natürliche Folge dieses Schismas. Die Waldenser und die Albigenser hatten sich dagegen gewehrt, die Neuerung anzuerkennen und mit Recht.«

Und jetzt machte sich Desplein mit seiner ganzen Freude und seinem ganzen Temperament des Gottesleugners daran, eine Fülle von Voltaireschem Spott und Hohn über die Dogmen auszuschütten, oder, um es deutlicher zu sagen, er reihte eine Parodie der heiligen Worte an die andere.

»Ist es möglich,« dachte Bianchon, »wo bleibt der fromme Beter von heute morgen?«

Er schwieg, er zweifelte jetzt daran, ob er wirklich Desplein in dem Gotteshaus gesehen hatte. Denn Desplein hätte sich gar nicht die Mühe nehmen müssen, Bianchon gegenüber zu lügen, dazu kannten sie einander zu gut, hatten auch über ebenso schwerwiegende Materien oft ihre Ansichten ausgetauscht, ganze Systeme des Weltaufbaus durchdacht und durchgesprochen, hatten an alles die Sonde ihrer Vernunft gelegt oder das Seziermesser ihres: »Ich glaube nicht!«

Drei Monate vergingen so. Bianchon gab der Sache kein besonderes Gewicht, obwohl die Erinnerung eingeprägt blieb. Nun kam eines Tages in diesem Jahr ein Professor der Universität zu Desplein, nahm, in Gegenwart von Bianchon, Despleins Arm und fragte:

»Was hatten Sie denn in Saint-Sulpice vor, mein lieber Meister?«

»Ich habe dort einen Priester zu behandeln, der an Knochenfraß des Knies leidet, und den mir die Frau Prinzessin von Angoulême sehr empfohlen hat«, sagte Desplein.

Der Professor gab sich mit dieser Begründung zufrieden, nicht aber Bianchon.

»Er will kranke Knie im Gotteshaus sehen? Nein. Er war dort, um die Messe zu hören«, sagte der Assistent zu sich.

Bianchon faßte nun den Plan, Desplein genau zu beobachten. Nun erinnerte er sich deutlich des Tages und der Stunde, da er ihn über die Schwelle des Doms hatte treten sehen, und er nahm sich vor, im nächsten Jahre zur selben Stunde desselben Monats und Tages dort einzutreten, um ihn vielleicht noch einmal zu überraschen. In solchem Falle würde die regelmäßige Wiederkehr religiöser Anwandlungen eine wissenschaftliche Untersuchung lohnen, denn bei einem Manne wie Desplein konnte es keinen Widerspruch zwischen Gesinnung und Handlung geben.

Im Jahre danach, zur selben Stunde desselben Tages, sah nun Bianchon, der zu jener Zeit nicht mehr Assistent bei Desplein war, den Wagen des Chirurgen an der Ecke der Rue de Tournon und der Rue du Petit Lion halten, während sein Freund mit den vorsichtigen Schritten eines Jesuiten die Mauern des Gotteshauses entlangschlich.

Dann hörte er die Messe wieder am Altare der Mutter Gottes. Und es war Desplein! Chefchirurg, Gottesleugner in petto und frommer Beter durch Zufall. Die Fäden verwirrten sich. Der Wiederholungsfall machte die ganze Verwicklung undurchsichtig. Als Desplein sich erhoben hatte, näherte sich Bianchon dem Sakristan, der die heiligen Geräte der Kapelle in Ordnung hielt und fragte ihn, ob der Herr, der eben gegangen, oft hierherkäme.

»Ich bin zwanzig Jahre hier,« sagte der Küster, »und seit dieser Zeit sehe ich viermal im Jahre Herrn Desplein zur Messe erscheinen. Er hat sie gestiftet.«

Er hat sie gestiftet! dachte Bianchon voll Staunen, als er sich entfernte. Das ist ein Mysterium, ebensogut wie die unbefleckte Empfängnis, eine Angelegenheit, die, an sich betrachtet, jedem Mediziner als Wunder erscheinen muß.

Es verstrich einige Zeit, ohne daß Bianchon, so befreundet er mit Desplein war, Gelegenheit fand, mit ihm über diese wunderbare Sache zu sprechen, die von seinem sonstigen Leben sich so scharf abhob. Wenn sie einander bei einem Krankenbette oder in der Gesellschaft trafen, war es schwer, die passende Gelegenheit zu einer vertrauten Aussprache unter vier Augen zu finden. Es ist viel leichter für zwei Männer, einander ihre Geheimnisse anzuvertrauen, wenn sie in ruhiger Stunde, die Füße auf dem Eisengitter vor dem Kamine, den Kopf auf die Hände gestützt oder auf einen Lehnstuhl sanft gebettet, gemächlich miteinander reden können. Endlich, sieben Jahre nachher, nach der Revolution von 1830, als sich der Pöbel gegen den Erzbischof stürzte, und als der Sinn der Republikaner einzig dahin ging, alle vergoldeten Kreuze niederzureißen, die als helle Strahlenfeuer über dem Ozean der Häuser auftauchen, als der Unglauben, treu dem Aufruhr verbündet, sich durch die Straßen wälzte, da überraschte Bianchon seinen Meister noch einmal beim Eintritt in das Gotteshaus Saint-Sulpice. Der junge Doktor folgte ihm dahin, warf sich neben ihm nieder, ohne daß sein Freund ihm das leiseste Zeichen machte oder sonst seine Überraschung bezeugte. So hörten beide die Stiftungsmesse.

»Mein teurer Meister, wollen Sie mir doch«, sagte Bianchon beim Verlassen der Kirche, »den Grund dieser Frömmigkeitskomödie sagen? Ich habe Sie schon dreimal bei der Messe überrascht, einen Mann wie Sie! Geben Sie mir doch die Erklärung dieses Rätsels, machen Sie mir den schreienden Widerspruch zwischen Ihren Lehrmeinungen und Ihrem persönlichen Vorgehen verständlich. An Gott glauben Sie nicht, und Sie gehen zur Messe? Mein lieber Meister, darauf dürfen Sie mir die Antwort nicht verweigern.«

»Ich mag vielen Frommen ähnlich sehen, Menschen, die nach außen riesig fromm tun, aber die im Herzensgrunde doch Atheisten sind, wie Sie und ich.«

Und nun folgte eine Sturmflut boshafter Bemerkungen über gewisse politische Persönlichkeiten, deren bekannteste (jeder weiß, wen ich meine) unserer Zeit eine neue Wiedergeburt der Gestalt des Tartüff von Molière gegeben hat.

»Nein, nach all dem frage ich nicht,« sagte Bianchon, »ich wollte bloß das eine wissen, was haben Sie hier getan, und aus welchem Grunde haben Sie diese Messe gestiftet?«

»Auf Ehre, mein lieber Freund, ich stehe mit einem Fuße im Grabe, weshalb sollte ich Ihnen die Anfänge meines Lebens verheimlichen?«

In diesem Augenblick befanden sich Bianchon und der große Mann in der Rue des Quatre vents, in einer der übelsten Gassen von Paris. Desplein stieg die sechs Treppen eines Gebäudes empor, das einem spitzen Obelisken glich.

Das kleine Haustor ging auf einen langen, dunklen Flur, an dessen Ende eine Wendeltreppe begann. Sie war notdürftig durch Fenster erhellt, die auf den Lichthof gingen. Es war ein schimmliges Gebäude. Im Erdgeschoß hauste ein Möbeltrödler und in jedem Stockwerke schien eine andere Art Misère ihr Quartier aufgeschlagen zu haben. Desplein hob seine Arme mit einer Gebärde ungeheurer Wucht: »Zwei Jahre habe ich hier gewohnt.«

»Ich weiß es, d'Arthez hat hier gewohnt, und ich selbst bin während meiner frühen Jugend fast täglich hergekommen, wir nannten das Kabinett unter uns die ›Bude der großen Männer‹«, sagte Bianchon.

»Die Messe,« antwortete Desplein, »die ich eben gehört habe, hängt sehr eng mit Ereignissen zusammen, die sich hier vollzogen haben. Das war zur Zeit, da ich hier wohnte, und zwar im selben Raum, wo auch d'Arthez gewohnt haben wird, und den Sie jetzt daran erkennen, daß vor seinem Fenster Wäsche an einer Leine flattert und daß im Fensterrahmen ein Blumentopf steht. Ich habe so wahnsinnig schwer im Anfang zu kämpfen gehabt, daß ich die Konkurrenz um die Palme des tiefsten Elends in Paris aufnehmen kann. Glauben Sie mir, lieber Bianchon, nichts ist mir erspart geblieben. Hunger, Durst, Geldmangel, keine Schuhe an den Füßen, keine Wäsche am Leibe. Ich habe das Elend mit allen Härten mitgemacht, ich habe in der Bude der großen Männer, die ich jetzt mit Ihnen wiedersehen will, oft genug auf meine erfrorenen Finger geblasen, ich habe da einen Winter lang geschuftet, daß mir der Schädel rauchte, aber im Ernst, ich sah den Atem vor meinem Munde erstarren, wie Sie es an Frosttagen bei Pferden sehen. Weiß ich es heute, woher ich die Kraft nahm, das alles zu überstehen? Ich war allein. Hilfe hatte ich von keiner Menschenseele zu erwarten, keinen Groschen, um Bücher anzuschaffen, noch auch um die Kosten meiner medizinischen Ausbildung zu decken. Ich hatte keinen Freund, denn meine Wesensart, düster, zu Zornesausbrüchen nur zu sehr geneigt, unruhig und innerlich zerrissen, hielt jeden Freund von mir fern. Kein Mensch wollte durch den Schleier meiner schlechten Launen und trüben Stimmungen meine übermenschliche Anspannung erkennen, deren ich bedurfte, um mich aus der Tiefe der Gesellschaft auf ihre Höhe emporzurobotten. Und so hatte ich, Ihnen kann ich's sagen, vor dem ich kein Mäntelchen umzuhängen brauche, ich hatte doch in meiner Seele den guten Untergrund warmer menschlicher Empfindungen, die zu einem Mann gehören, stark genug, einen Gipfel zu ersteigen, nachdem er lange genug in den Niederungen der Misere umhergetappt ist. Ich hatte keine Stütze in meiner Familie, noch auch in meiner Heimat, es sei denn das minimale Monatsgeld, das man mir sandte. Zu dieser Zeit hatte ich morgens nichts als ein kleines Brot, das der Bäcker an der Ecke mir billiger abließ, da es altbacken war, und ich versüßte es mir mit einem Tropfen Milch. So kostete mich mein Mittagessen nur zehn Centimes. Abendbrot gab's für mich nur jeden zweiten Tag in einer Pension, wo man sechzehn Sous zahlte. Ich gab also im ganzen nur neun Sous täglich aus. Sie können sich wohl selbst denken, welche Sorgfalt ich auf Kleider und Schuhe verwenden konnte.

Ich weiß nicht, ob im späteren Leben die Niedertracht eines lieben Kollegen uns so zu Herzen geht, wie damals, wenn uns, Ihnen wie mir, die Schuhe wie ein grinsender Mund auseinandergingen oder wenn man das ominöse Krachen hörte, das ein Überrock von sich gibt, sobald die Ärmelnähte platzen. Ich trank nur Wasser, den Cafés wich ich in weitem Bogen aus. Zoppi erschien wie das gelobte Land, das nur die Lukullusse der Studentenwelt erreichen.

Bring ich's wohl jemals dazu, dachte ich bisweilen, hier ein Glas Milchkaffee zu trinken, eine Partie Domino zu spielen? Aber in meiner Mühe und Arbeit setzte ich meine ganze Wut als Werkzeug ein, den ganzen Groll, den mir mein Elend verursachte. Ich wollte alles Wissen erwerben, das einer gewinnen kann, um alle Macht in ungeheurer Konzentration in meiner Hand zu sammeln. Ich mußte den Platz oben verdienen. Erreichen würde ich ihn, das wußte ich, sobald ich nur erst einmal aus dem namenlosen Dunkel aufgetaucht. Mich kostete das Öl meiner Lampe mehr als mein Brot. Der Kampf war lang, zäh, ohne Milderung und Pause. Sympathie habe ich mir zu erwerben nie verstanden. Wer Freunde haben will, muß sich mit jungen Menschen gemein machen, man muß auch ein paar Groschen im Sack haben, um mit ihnen einmal einen Tropfen zechen zu können und mit ihnen sich dort zu treffen, wo es Studenten gibt. Ich hatte nichts. Weiß man das noch in Paris, daß nichts eben nichts ist? Sollte ich gelegentlich meine Misere enthüllen, da spürte ich im Halse ein krampfhaftes Würgen, meine Kehle zog sich zusammen mit einem unbeschreiblichen Gefühl, das unsere Kranken kennen, wenn sie glauben, daß eine Kugel aus der Speiseröhre sich erstickend ihnen über den Kehlkopf legt.

Ich bin später Menschen begegnet, die nicht einen Heller ihr eigen nannten und doch alles hatten, und für die die altberühmte Regel nicht gilt: ›Ein junger Mensch verhält sich zum Verbrechen, so wie ein Fünffrankenstück sich verhält zu X‹. Die dummen Glückshänse sagten zu mir: »Ach, warum machen Sie Schulden? Warum gehen Sie schwerwiegende Verpflichtungen ein?« Sie kommen mir gerade so vor, wie die bekannte Prinzessin, die wußte, daß das Volk vor Hunger krepierte. Da tat sie die Frage: Aber weshalb kaufen Sie sich denn keinen Zwieback? Ich sage Ihnen, ich möchte zu gerne einen von den Reichen, die sich über die hohen Honorare für Operationen aufregen, ich möchte einen solchen Menschen allein in Paris sehen, ohne Geld noch Gut, ohne Freunde, ohne Kredit, und gezwungen, mit seinen fünf Fingern sich das Brot zum täglichen Leben verdienen. Was wird er beginnen? Wie wird er seinen Hunger stillen? Bianchon, Sie haben mich sicherlich manches Mal hart und verbittert gesehen, aber das war nur der bittere Nachgeschmack meiner alten Leiden. Ich habe die eiskalte Gleichgültigkeit der Welt, den brutalen Egoismus der Menschen, besonders in der hohen Gesellschaft, zu sehr aus der Nähe gesehen. Kann ich plötzlich alle die Hindernisse vergessen, die mir der Haß, der Neid, die Eifersucht und die Verleumdung in den Weg gelegt haben, um sich zwischen mich und meinen Erfolg zu stellen? In Paris ist es nicht anders: Sehen die Leute, daß ich einen Fuß im Steigbügel habe, dann wollen mich die einen an den Aufschlägen des Ärmels herabzerren, die andern lösen dem Pferde tückisch die Schnalle am Bauchgurt, damit ich stürzen und das Genick brechen soll. Der eine will die Hufeisen abreißen, der andere mir die Peitsche stehlen. Und der aufrichtigste ist noch der, der seine Pistole auf mich abschießt wie auf ein gutes »bewegtes Ziel«. Sie haben so viel Talent, mein liebes Kind, nur zu bald werden Sie mitten in dem furchtbaren Kampfe stehen, er endet nie, denn immer ist die Mittelmäßigkeit der Feind des Genies. Verlieren Sie einmal fünfundzwanzig Goldstücke, schon am nächsten Tage schreit man Sie als Spieler aus und Ihre besten Freunde erzählen, Sie hätten Fünfundzwanzigtausend im Hasard verloren. Klagen Sie über Kopfschmerzen, und man sagt, Sie leiden an Gehirnerweichung. Gestatten Sie sich ein schnelles Wort, und man sagt, Sie seien der ärgste Störenfried und Nörgler. Wenn Sie gegen dies Heer von Zwergen Ihre Kräfte sammeln, dann schreien Ihre liebsten Freunde: Seht nur, wie er alles verschlingen will, er hat den Größenwahn, zu herrschen und alles unter seine Ferse zu treten. Was an Ihnen gut ist, wird Ihnen als Fehler angerechnet, Ihre Schwächen werden Laster genannt, Ihr Gutes heißt Verbrechen. Haben Sie jemanden gerettet, so war's nur, weil Sie ihn umbringen wollten. Erholt sich Ihr Patient, rechnen Sie nur darauf, daß es heißen wird, Sie hätten seine vorübergehende Heilung mit seiner ganzen Zukunft erkauft. Und ist er nicht tot, so wird er doch sterben. Straucheln Sie einmal, und schon lacht die Welt und freut sich, daß Sie gefallen sind. Machen Sie eine Entdeckung, bestehen Sie auf Ihren Rechten, dann sind Sie ein schwer zu behandelnder Herr, der keinen von der jungen Generation emporkommen läßt.

So, mein Lieber, kommt es, daß ich an Gott zweifle, aber am Menschen verzweifle ich. Kennen Sie nicht in mir einen Desplein, unendlich verschieden von dem andern, über den jeder nur Böses weiß? Aber wir wollen nicht mehr in diesem Haufen Schmutz herumstochern.

Nun, ich wohnte in diesem Hause, ich bereitete mich auf mein erstes Examen vor, und in der Tasche hatte ich keinen Heller. Sie wissen, wie ichs meine, ich war so weit, so hoch oder so tief, daß ich mir sagte: Alles oder nichts! Ich hatte eine Hoffnung, ich erwartete von daheim einen Koffer voll mit Wäsche, ein Geschenk meiner alten Tanten, die von Paris keine Ahnung haben, anstatt dessen aber führen sie in ihrem Geist Buch über ihre Hemden und mögen dabei auch glauben, daß ihr Herr Neffe mit seinen dreißig Franken sich nur von Wachteln und Rebhühnern nähre. Die Kiste kommt an, während ich auf der Hochschule bin. Das Porto hatte vierzig Franken gekostet. Der Portier, ein Deutscher, Seiler von Beruf, der auf einem Hängeboden hauste, hatte den Betrag ausgelegt und bewahrte als Pfand den Koffer. Ich gehe straßauf und straßab und kann doch keinen Schachzug finden, der mir meinen Koffer wiedergibt ohne die vierzig Franken, die ich doch erst zahlen kann, nachdem ich den Inhalt verkauft habe. Meine Begriffsstutzigkeit sagte mir, daß ich zu nichts anderm taugte als zur Chirurgie. Mein Lieber, die reineren Geister, deren Kraft sich auf edlerem Gebiete entfaltet, sie haben nicht den Kopf für Schliche und Winkelzüge, sie sind arm an Hilfsmitteln, verborgene Quellen aufzuspüren ist nicht ihre Stärke, sie kombinieren zu schwerfällig. Ihr Genie ist der Zufall. Sie suchen nicht, aber es kommt ihnen entgegen. Endlich, nachts, kehre ich zurück, und zwar gleichzeitig mit meinem Nachbarn, einem Wasserträger, einem Manne aus Saint-Flour namens Bourgeat. Wir kannten uns nicht besser und nicht schlechter als tausend Mieter, deren Zimmer auf denselben Flur hinausgehen, man hört einander während des Schlafes, beim Husten, beim Anziehen und so weiter und schließlich gewöhnt man sich an das Gesicht. Mein Nachbar ließ mich wissen, daß mich der Wirt, dem ich für drei Monate schuldete, gekündigt hatte, morgen sollte ich ziehen. Ihn hatte man herausgeworfen seines Berufes wegen. Diese Nacht war die schwerste meines Lebens.

Woher einen Dienstmann nehmen, der mein armseliges Gepäck, meine Bücher fortschleppte? Wie ihn bezahlen und wie den Portier? Wohin gehen? Fragen, die nicht zu lösen waren. Ich wiederholte sie mir immer wieder in meinen Tränen, wie ein Irrer, der ewig seine gleiche Litanei herunterbetet. Ich schlief. Ein Gutes hat ja die Misere, einen herrlichen Schlaf mit wunderbaren Träumen. Am nächsten Morgen, als ich mein Mahl aus Brot und Milch einnehme, tritt Bourgeat ein und sagt in seinem schlechten Dialekt:

›Mein liebes Herr Studentchen, bin kein reicher Mann, Findelkind aus dem Findelhaus in Saint-Flour, hab nicht Vater noch Mutter und nicht genug Geld, um zu heiraten. Sie haben wohl auch keine rechte Familie und niemanden, der was springen läßt? Na, hören Sie, ich habe unten mein Handwagerl stehn, kostet mich zwei Groschen die Stunde, unsere Siebensachen haben schon Platz drauf. Wollen wir beide Wohnung suchen, gelt, weil wir schon mal hier herausgeschmissen sind? Es gibt anderswo auch was Besseres, das Paradies ist noch was Höheres.‹

›Ich weiß es wohl, mein guter Bourgeat, aber so leicht geht das nicht, denn ich habe unten einen Koffer, in dem sind für hundert Taler Wäsche, damit könnte ich dem Wirt zahlen und dem Portier, was ich schuldig bin. Ich habe keine fünf Franken.‹

›Ach was, man hat schon selbst ein paar Moneten,‹ antwortete mir lustig Bourgeat und zeigte mir seine fettige Lederbörse, ›behalten Sie nur Ihre Wäsche.‹ Bourgeat bezahlte also meine Miete für drei Monate, auch meine Schuld, und entlohnte den Portier. Dann brachte er alle unsere Habseligkeiten in den Karren, spannte sich vor und zog ihn durch alle Gassen und hielt unweigerlich vor jedem Schild, wo Zimmer zu vermieten standen. Ich stieg hinauf, um die Zimmer anzusehen. Aber mittags irrten wir noch im Quartier latin umher, hatten nichts gefunden.

Der Preis war stets das größte Hindernis. Bourgeat schlug nun vor, bei einem Weinhändler zu Mittag zu essen, an dessen Schwelle wir unsere Karre stehen ließen. Gegen Abend bemerkte ich in dem Rohanschen Hofe, in der Passage du Commerce, oben unter dem Dache, zwei Zimmerchen, getrennt durch eine Treppe. Da konnten wir beide für je sechzig Franken Miete im Jahr wohnen. Nun waren wir untergebracht, mein schlichter Freund und ich. Wir aßen zusammen. Bourgeat, der seine fünfzig Sous im Tage verdiente, hatte ungefähr hundert Taler im Vermögen, und so konnte er bald hoffen, seine Träume in Wirklichkeit umzusetzen, nämlich eine Wassertonne und ein Pferd zu kaufen. Nun lernte er meine Lage kennen, denn er verstand es meisterhaft, meine Geheimnisse herauszubekommen und dabei zeigte er so viel Feingefühl, daß mein Herz jetzt noch zittert, wenn ich mich dessen erinnere. Nun, er verzichtete vorläufig auf die Erfüllung seiner Wünsche. Er war Straßenhändler seit zweiundzwanzig Jahren, nun opferte er das Resultat seines ganzen Lebens, seine hundert Taler für meine Zukunft.«

Hier drückte Desplein leidenschaftlich den Arm seines Freundes.

»Er gab mir das Geld für meine Prüfungen. Dieser Mann, hören Sie, lieber Freund, er allein hatte begriffen, daß ich eine Berufung hatte, daß die Vorrechte meines Geistes den Rang vor den seinen hatten. Er gab sich mit mir ab, nannte mich seinen Kleinen, gab mir das Geld für Bücher, manches Mal kam er ganz leise herein, mich arbeiten zu sehen. Endlich traf er, vorsorglich wie eine Mutter, alle Vorkehrung, meine schmale, schlechte Nahrung durch reichliche, kräftige zu ersetzen.

Bourgeat, ein Mann von vierzig Jahren ungefähr, hatte das Aussehen eines Bürgers des Mittelalters, eine gewölbte Stirn, einen Kopf, den ein Maler für ein Modell des Lykurg hätte nehmen können. Der arme Kerl hatte das Herz übervoll von Liebe. Er wußte nicht, wohin damit. Nie war er geliebt worden – nur einmal von einer Pudelhündin, die vor kurzem gestorben war, nun sprach er mir unaufhörlich von ihr und fragte mich, ob es die Kirche wohl gestatte, daß dem Tier Messen für seine Seelenruhe gelesen würden. Sein Pudel war, so sagte er, ein wahrer Christ, der ihn während zwölf Jahren immer in die Kirche begleitet hatte, ohne jemals zu bellen, er hörte die Orgeltöne an, ohne Laut zu geben, und blieb zusammengekauert in einer Stellung wie der eines Beters, mit seinem Herrn gemeinsam die Andacht verrichtend.

Dieser Mann übertrug auf mich sein ganzes Gefühl. Für ihn war ich der einzige Mensch auf der Welt. Ich allein hatte es so schwer. Für mich wurde er die zarteste Mutter, der feinfühligste Wohltäter, endlich der Inbegriff aller christlichen Tugenden.

Traf ich ihn einmal auf der Straße, warf er mir einen verstehenden Blick zu, er schien selbst unter der Last, die er auf seinen Schultern trug, nichts von seinem angeborenen Adel eingebüßt zu haben, er schritt frei dahin, auf seinen Zügen malte sich das Glück, mich gesund und wohlgekleidet zu sehen.

Das war das Herz des Volkes, das sich ergießt, frei entfaltet, die Liebe der Grisette zu einem Menschen der höheren Gesellschaft, aber dieses Gefühl war bei ihm in eine reinere Atmosphäre gewandelt.

Er besorgte alle Wege für mich, weckte mich nachts zur bestimmten Stunde, wenn es dessen bedurfte, er putzte meine Lampe sauber, rieb den Treppenabsatz schneeweiß, er war ein guter Diener, ein guter Vater, und immer wie aus dem Kästchen, sauber wie eine englische Dame. Er führte die Wirtschaft, er sägte das Holz im Winter, alles tat er mit vollendeter Natürlichkeit, nie vergaß er seine Würde, denn er schien zu verstehen: unser großes Ziel adelt alles.

Als ich diesen guten Menschen verließ, um ins Hôtel-Dieu einzutreten, und meine Assistentenstelle zu bekleiden, da kam in ihm ein schwer ausdrückbarer Kummer an die Oberfläche, er verdüsterte sich zusehends, weil das Ende unseres Zusammenlebens gekommen war. Sein einziger Trost war der, möglichst viel Geld zusammenzuraffen, um die Kosten meiner Dissertation zu bezahlen, und er versprach mir, mich an allen meinen freien Tagen aufzusuchen.

Bourgeat war stolz auf mich, er liebte mich um meinetwillen und um seinetwillen zugleich. Wenn Sie sich einmal meine Doktorarbeit ansehen, werden Sie bemerken, daß sie ihm gewidmet ist. Im letzten Jahre meiner Assistentenzeit verdiente ich schon so viel, um ihm meine Schuld abzahlen zu können, indem ich ihm einen Gaul und ein Wasserfaß kaufte. Er war außer sich vor Zorn, daß ich mich meines Geldes beraubt habe, und doch strahlte er, da er seine geheimsten Wünsche erfüllt sah. Er lachte und schimpfte zugleich, guckte sein Wasserfaß an, sein Pferd, zerdrückte eine Träne im Augenwinkel und sagte: ›Aber Sie, das ist schlimm, schlimm! Wie konnten Sie so etwas tun? . . . Das Pferd ist stark wie ein Auvergnate.‹ Nie habe ich etwas Rührenderes gesehen als diese Szene.

Bourgeat bestand unbedingt darauf, mir ein in Silber gearbeitetes, chirurgisches Besteck zu schenken, das Sie vielleicht in meinem Arbeitszimmer gesehen haben. Für mich ist es der größte Schatz, den ich besitze. Obwohl ihn meine Anfangserfolge berauschten, ist ihm nie das leisteste Wort, nie die kleinste Gebärde entschlüpft: Ich bin es, dem die Welt diesen Mann verdankt. Und es war doch so, denn ohne ihn hätte die Misere mich umgebracht.

Der arme Kerl hatte sich für mich bis aufs Hemd ausgezogen, er aß nichts als Brot, dessen Rinde er mit Öl einrieb, und das deshalb, damit ich Kaffee haben könne, bei meinen Studien nachts wach zu bleiben.

Er wurde krank. Sie können sich denken, ich habe die Nächte an seinem Lager zugebracht. Ich habe ihn das erstemal auch gerettet. Aber sein Leiden kam nach zwei Jahren mit vermehrter Heftigkeit wieder, und trotz liebevollster Pflege, trotz der erbittertsten Anstrengungen der Wissenschaft konnte der Ausgang nicht zweifelhaft sein. Kein König ward je so gepflegt wie er. Ja, Bianchon, um dieses Leben dem Untergang zu entreißen, habe ich unerhörte Dinge gewagt. Ich wollte, daß er lebe, er mußte noch die Früchte seines Wirkens sehen, alle seine Wünsche und frommen Gelübde sollten sich erfüllen. So wollte ich die einzige Dankesschuld abzahlen, die mein Herz kennt und kennen wird, solang ein warmer Atem in mir ist.«

»Nun,« setzte er nach einer Weile, tief ergriffen, hinzu, »Bourgeat, mein zweiter, mein wirklicher Vater ist in meinen Armen entschlafen. Was er besaß, hinterließ er mir durch ein Testament, das bei einem Schreiber auf der Straße ausgefertigt war, es war datiert aus dem Jahre, da wir in den Hof Rohan eingezogen waren.

Dieser Mensch hatte einen Köhlerglauben, er liebte die heilige Jungfrau, Mutter Gottes, wie er sein eigen Weib geliebt hätte. Er war glühender Katholik. Aber nie hat er mir ein Wort über meinen Unglauben gesagt.

Als sein Zustand gefährlich wurde, bat er mich, ja nichts zu versäumen, damit er nur die Tröstungen der Religion erhielte. Ich ließ täglich für ihn die Messe lesen. Oft bekannte er mir nachts seine Furcht um das künftige Leben, er hatte Angst, nicht fromm genug gelebt zu haben. Der arme Kerl! Er schuftete ja vom Morgen bis in die Nacht. Wer sonst soll denn ins Paradies kommen, wenn es überhaupt eins gibt?

Er erhielt die letzte Ölung wie ein Heiliger, und das war er.

Sein Tod war seines Lebens würdig. Seinem Sarge folgte nur ich.

Als ich meinen einzigen Wohltäter zur Erde bestattet hatte, suchte ich Mittel und Wege, ihm zu danken nach seinem Tod. Ich sah: Familie, Freunde, Frau und Kinder hatte er nicht.

Aber er glaubte! Er hatte eine unerschütterliche Überzeugung des Glaubens, daran zu zweifeln hatte ich kein Recht. Oft hatte er mir schüchtern erzählt von Messen für den Frieden Abgeschiedener, er wollte mir dieses nicht zur Pflicht machen, denn er mochte denken, das hieße, die Rückzahlung der Schuld fordern. Kaum daß ich nur irgend konnte, habe ich der Kirche Saint-Sulpice die Stiftungssumme für vier Messen im Jahr hinterlegt. Da dies die einzige Form ist, in der ich Bourgeat etwas geben kann, nämlich die, seinen frommen Gelübden Genüge zu tun, so gehe ich zu Beginn der vier Jahreszeiten in seinem Namen ins Gotteshaus, spreche für ihn die Gebete, die man verrichten muß.

Ich sage mit dem guten Glauben des Zweiflers: Mein Gott, wenn es eine Welt gibt, wohin du nach ihrem Tod die vollendet Guten sendest, dann gedenke des guten Menschen Bourgeat. Hat er etwas abzubüßen durch Leiden, dann gib mir diese Leiden, auf daß er früher in den Ort eintreten kann, den man das Paradies nennt.

Dies, mein Lieber, ist alles, was ein Mann von meinen Grundsätzen sich gestatten kann. Gott wird ein guter Geselle sein, er wird mir deswegen nicht zürnen. Und ich schwöre Ihnen, ich gebe mein ganzes Hab und Gut darum, könnte nur die Gewißheit des Glaubens, die Bourgeat hatte, in mein Gehirn hinein!«

Bianchon, der Desplein in seiner letzten Krankheit betreute, wagt heute nicht zu behaupten, der berühmte Chirurg sei als Gottesleugner gestorben. Gläubige Seelen werden sich an die Hoffnung halten, der demütige Auvergnate sei gekommen, ihm die Himmelstore zu öffnen, so wie er ihm einst die Tore des Ruhmestempel geöffnet, über dem geschrieben steht:

»Seinen großen Söhnen – das dankbare Vaterland.«

 


 

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