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Die Menschenaffen

Alfred Brehm: Die Menschenaffen - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
authorAlfred Edmund Brehm
titleDie Menschenaffen
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorCarl W. Neumann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080316
projectid34f8f675
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Über die geistigen Fähigkeiten des Langarmaffen sind die Meinungen der Beobachter geteilt. Duvaucel stellt dem Siamang ein sehr schlechtes Zeugnis aus. »Seine Langsamkeit, sein Mangel an Anstand und seine Dummheit,« drückt er sich aus, »bleiben dieselben. Zwar wird er, unter Menschen gebracht, bald so sanft, wie er wild war, und so vertraulich, wie er vorher scheu war, bleibt aber immer furchtsamer als die anderen Arten, deren Anhänglichkeit er niemals erlangt, und seine Unterwürfigkeit ist mehr die Folge seiner unbeschreiblichen Gleichgültigkeit als des gewonnenen Zutrauens. Er bleibt derselbe bei guter und schlechter Behandlung; Dankbarkeit oder Haß scheinen fremdartige Gefühle für ihn zu sein. Seine Sinne sind stumpf. Besieht er etwas, so geschieht dies ohne Empfindung, berührt er etwas, so tut er es ohne Willen. So ist er ein Wesen ohne alle Fähigkeiten, und wollte man das Tierreich nach der Entwicklung seines Verstandes ordnen, so würde er eine der niedrigsten Stufen einnehmen müssen. Meistens sitzt er zusammengekauert, von seinen eigenen langen Armen umschlungen, den Kopf zwischen den Schenkeln verborgen, und ruht und schläft. Nur von Zeit zu Zeit unterbricht er diese Ruhe und sein langes Schweigen durch ein unangenehmes Geschrei, welches weder Empfindung noch Bedürfnisse ausdrückt, also ganz ohne Bedeutung ist. Selbst der Hunger scheint ihn nicht aus seiner natürlichen Schlaftrunkenheit zu erwecken. In der Gefangenschaft nimmt er seine Nahrung mit Gleichgültigkeit hin, führt sie ohne Begierde zum Munde und läßt sie sich auch ohne Unwillen entreißen. Seine Weise zu trinken stimmt ganz überein mit seinen übrigen Sitten. Er taucht seine Finger ins Wasser und saugt dann die Tropfen von ihnen ab.« Auch diese Schilderung halte ich nicht für richtig, weil die übrigen Beobachter, wenn auch nicht das gerade Gegenteil sagen, so doch weit günstiger über unseren Affen berichten. Bennett brachte einen Siamang mit sich fast bis nach Europa herüber, und dieser gewann sich in sehr kurzer Zeit die Zuneigung aller seiner menschlichen Reisegefährten. Er war sehr freundlich gegen die Matrosen und wurde bald zahm, war auch keineswegs langsam, sondern zeigte große Beweglichkeit und Gewandtheit, stieg gern im Takelwerke umher und gefiel sich in allerlei harmlosen Scherzen. Mit einem kleinen Papuamädchen schloß er zärtliche Freundschaft und saß oft, die Arme um ihren Nacken geschlungen, neben ihr, Schiffsbrot mit ihr kauend. Wie es schien, hätte er mit den übrigen Affen, welche sich an Bord befanden, auch gern Kameradschaft gehalten, doch diese zogen sich scheu vor ihm zurück und erwiesen sich ihm gegenüber als sehr ungesellig. Dafür rächte er sich aber. Sobald er nur immer konnte, fing er einen seiner mitgefangenen Affen und trieb mit dessen Schwanze wahren Unfug. Er zog den armen Gesellen an dem ihm selbst fehlenden Anhängsel oft auf dem ganzen Schiffe hin und her oder trug ihn nach einer Raa empor und ließ ihn von dort herunterfallen, kurz machte mit ihm, was er wollte, ohne daß das so gepeinigte Tier jemals imstande gewesen wäre, sich von ihm zu befreien. Er war sehr neugierig, besah sich alles und stieg auch oft an dem Maste in die Höhe, um sich umzuschauen. Ein vorüberziehendes Schiff fesselte ihn immer so lange auf seinem erhabenen Sitze, bis es aus dem Gesichtskreise entschwunden war. Seine Gefühle wechselten sehr rasch. Er konnte leicht erzürnt werden und gebärdete sich dann wie ein unartiges Kind, wälzte sich mit Verrenkung der Glieder und Verzerrung des Gesichts auf dem Verdecke herum, stieß alles von sich, was ihm in den Weg kam, und schrie ohne Unterlaß »ra! ra! ra!« – denn mit diesen Lauten drückte er stets seinen Ärger aus. Er war lächerlich empfindlich und fühlte sich durch die geringste Handlung gegen seinen Willen sogleich im Tiefinnersten verletzt: seine Brust hob sich, sein Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an, und jene Laute folgten bei großer Erregung rasch aufeinander, wie es schien, um den Beleidiger einzuschüchtern. Zum Bedauern der Mannschaft starb er, noch ehe er England erreichte.

Auch Wallace stellt den Siamang in günstigerem Lichte dar. »Ich kaufte,« sagt er, »einen kleinen Langarmaffen dieser Art, welchen Eingeborene gefangen und so fest gebunden hatten, daß er dadurch verletzt worden war. Zuerst zeigte er sich ziemlich wild und wollte beißen; als wir ihn aber losgebunden, ihm zwei Stangen unter dem Vorbau unseres Hauses zum Turnen gegeben und ihn vermittels eines kurzen Taues mit lose über den Stangen liegendem Ringe befestigt hatten, so daß er sich leicht bewegen konnte, beruhigte er sich bald, wurde zufrieden und sprang mit großer Behendigkeit umher. Zuerst bekundete er gegen mich eine Abneigung, welche ich dadurch zu beseitigen suchte, daß ich ihn immer selbst fütterte. Eines Tages aber biß er mich beim Füttern so stark, daß ich die Geduld verlor und ihm einen tüchtigen Schlag versetzte. Dies mußte ich bereuen, da er von nun an mich noch weniger leiden konnte. Meinem malaiischen Knaben erlaubte er, mit ihm zu spielen, und gewährte uns dadurch und durch seine eigene Beschäftigung, durch die Leichtigkeit und Gewandtheit, mit der er sich hin und her schwang, eine stete Quelle der Unterhaltung. Als ich nach Singapore zurückkam, zog er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Er aß fast alle Früchte und Reis, und ich hatte gehofft, ihn mit nach England bringen zu können, allein er starb gerade, ehe ich abreiste.« Dies lautet ganz anders als der Bericht von Duvaucel und steht auch mit dem, was wir von anderen Langarmaffen wissen, vollkommen im Einklange. Ein Hulock, welchen Harlan fünf Monate lebendig besaß, wurde in weniger als einem Monate so zahm, daß er sich an der Hand seines Gebieters festhielt und mit ihm umherging, wobei er sich mit der anderen Hand auf den Boden stützte. »Auf meinen Ruf,« erzählt Harlan, »kam er herbei, setzte sich auf einen Stuhl zu mir, um mit mir das Frühstück einzunehmen, und langte sich ein Ei oder einen Hühnerflügel vom Teller, ohne das Gedeck zu verunreinigen. Er trank auch Kaffee, Schokolade, Milch, Tee usw., und obgleich er gewöhnlich beim Trinken nur die Hand in die Flüssigkeit tauchte, so nahm er doch darauf, wenn er durstig war, das Gefäß in beide Hände und trank nach menschlicher Weise daraus. Die liebsten Speisen waren ihm gekochter Reis, eingeweichtes Milchbrot, Bananen, Orangen, Zucker und dergleichen. Die Bananen liebte er sehr, fraß aber auch gern Kerbtiere, suchte im Hause nach Spinnen und fing die Fliegen, welche in seine Nähe kamen, geschickt mit der rechten Hand. Wie die Inder, welche des Glaubens halber Fleischspeisen verweigern, so schien auch dieser Gibbon gegen die letzteren Widerwillen zu haben, verzehrte jedoch einmal einen gebratenen Fisch und ein wenig Hühnerfleisch.

Mein Gefangener war ein außerordentlich friedfertiges Geschöpf und gab seine Neigung zu mir und seine Anhänglichkeit an mich in jeder Weise zu erkennen. Wenn ich ihn früh besuchte, begrüßte er mich mit fröhlichem lautschallenden Wau! Wau! Wau! das er wohl fünf bis zehn Minuten lang wiederholte und nur unterbrach, um Atem zu holen. Erschöpft legte er sich nieder, ließ sich kämmen und bürsten und bekundete deutlich, wie angenehm ihm das war, indem er sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite legte, bald diesen, bald jenen Arm hinhielt, und wenn ich mich stellte, als ob ich fortgehen wollte, mich am Arme oder Rocke festhielt und mich wieder an sich zog. Rief ich ihn aus einiger Entfernung und erkannte er mich an meiner Stimme, so begann er sogleich sein gewöhnliches Geschrei, bisweilen in klagender Weise, sobald er mich sah aber sogleich in gewöhnlicher Stärke und Heiterkeit. Obwohl männlichen Geschlechtes, zeigte er doch keine Spur von der Geilheit der Paviane. Leider ging er bald zugrunde, und zwar infolge eines Schlages in die Lendengegend, welchen er unversehens von einem meiner Diener in Kalkutta erlitten hatte. Ein junges Weibchen derselben Art, welches ich ebenfalls pflegte, starb auf dem Wege nach Kalkutta an einem Lungenleiden. Während der Krankheit litt es augenscheinlich große Schmerzen. Ein warmes Bad schien ihm Erleichterung zu verschaffen und tat ihm so wohl, daß es, herausgenommen, sich von selbst wieder in das Wasser legte. Sein Benehmen war ungemein sanft, etwas schüchtern, Fremden gegenüber sogar scheu. An mich aber hatte es sich bereits nach einigen Tagen derartig gewöhnt, daß es schnell zu mir zurückgelaufen kam, wenn ich es an einen freien Platz gesetzt hatte, in meine Arme sprang und mich umhalste. Niemals zeigte es sich boshaft, niemals biß es, ja selbst gereizt verteidigte es sich nicht, sondern verkroch sich lieber in einen Winkel.«

Auch das vorhin erwähnte Weibchen des Unko war sehr liebenswürdig in seinem Betragen und höchst freundlich gegen alle, denen es seine Zuneigung einmal geschenkt hatte. Es unterschied mit richtigem Gefühle zwischen Frauen und Männern. Zu ersteren kam es freiwillig herab, reichte ihnen die Hand und ließ sich streicheln; gegen letztere bewies es sich mißtrauisch, wohl infolge früherer Mißhandlungen, welche es von einzelnen Männern erlitten haben mochte. Vorher beobachtete es aber jedermann prüfend, oft längere Zeit, und faßte dann auch zu Männern Vertrauen, wenn diese ihm dessen würdig zu sein schienen.

Man sieht übrigens die Gibbons selten in der Gefangenschaft, auch in ihrem Vaterlande. Sie können den Verlust ihrer Freiheit nicht ertragen; sie sehnen sich immer zurück nach ihren Wäldern, nach ihren Spielen, und werden immer stiller und trauriger, bis sie endlich erliegen.

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