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Die Menschen auf Braenna

Gustaf af Geijerstam: Die Menschen auf Braenna - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGösta af Geijerstam
titleDie Menschen auf Braenna
publisherErich Schmidt Verlag
year1941
firstpub
translatorElse von Hollander-Lossow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080519
projectidda07a7f2
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1

Kari, die Witwe auf Braenna, erwachte und lauschte in die Stille hinaus. Die Hündin, die den ganzen Tag geknurrt und nach dem Walde hinübergeblafft, hatte sich beruhigt. Das wütende Gekläff, das Kari in Schlaf und unruhige Träume begleitet hatte, war verstummt. Sie schloß die Augen, – wollte weiter schlafen, es war sicher erst Mitternacht, und die winzige, bleigefaßte Scheibe stand wie ein mattgrauer Fleck in der weichen Dunkelheit, Es hatte den ganzen Tag geregnet, aber jetzt hatte es aufgehört und der Wind hatte sich gelegt. Durch das dumpfe Brausen des Flusses, der jetzt in der Frühjahrsschmelze mächtig rauschte, hörte sie den spröden Ton von Tropfen, die vom Torfdach fielen.

Die Hündin heulte wieder, sie blaffte nicht, sie winselte unheimlich und jammernd, – nicht so, als wenn sie das Kommen von Leuten ankündigte oder als wenn Landstreicher den Hof betraten, so heulte sie auch nicht um Wölfe oder Bären. Sie hatte eine neue Sprache, die Kari nicht verstand, die sie aber mit stechendem Entsetzen durchfuhr, was ist das? dachte sie. Warum ist die Hündin so toll?

Beängstigende Gedanken strichen an Kari vorbei, Glut, die irgendwo schwelte, um dann loszubrechen, wie in jener Nacht, deren sie sich aus der Kindheit erinnerte, als der Vater sie fast nackt hinaustrug und alles um sie her in Flammen stand, – jener Nacht, als der väterliche Hof abbrannte.

Der Hund verstummte wieder, und die Stille, die nun eintrat, war wie etwas Lebendiges, – Kari meinte sie mit Händen greifen zu können. Aber nun war es wieder da, das, von dem sie nicht wußte, was es war und woher es kam, ob nur aus ihren eigenen ängstlichen Gedanken oder irgendwo weit draußen aus der Nacht, die über der Erde brütete. Es klang wie das Weinen eines Kindes.

Sie hielt den Atem an und lauschte, bis das Blut in den Schläfen zu klopfen begann und sie das Herz wie mit wehen, bangen Schritten schlagen hörte. So hatte sie wohl auch dagesessen und gelauscht, als sie ihr Kind verlor, das klein und hilflos in ihren Armen lag und weinte. Das kleine Mädel, das sie bekam, als ihr Mann schon fort war. Dies leise, gequälte Wimmern, – sie war hier umhergegangen und hatte darauf gelauscht, noch lange nachdem es verstummt war.

Sie schob die Felldecke zurück, stieg aus dem Bett und preßte das Gesicht gegen die Scheibe, aber durch das buckelige Glas sah sie nichts als eine graugrüne Dämmerung, in der undeutlich ein paar alte Schuppen und ein Stück von der regennassen Galerie des Wohnhauses wahrzunehmen waren, in der die Feuchtigkeit glänzte und an einem geschnitzten, verwitterten Pfosten niederrann.

Wieder winselte die Hündin, kurz, heiser, kläffend, fast wie ein Fuchs, und jeder Ton schnitt Kari mit dumpfer Unruhe in die Brust. Ein Frösteln überlief sie, aber sie konnte sich nicht entschließen, wieder zu Bett zu gehen. Es war, als würde sie dort draußen gebraucht, als verlange irgend etwas nach ihrer Hilfe.

Still blieb sie am Fenster stehen und lauschte und wieder strich es an ihren gespannt wachen Sinnen vorbei, dies schwache Wimmern eines weinenden Kindes, wenn sie die Augen schloß, hörte sie es näher, stärker – es war, als hätte es lange geweint und wäre müde geworden. Es kam nicht vom Hof her – aus den alten Häusern und Gebäuden, die ihn schweigend umgaben. Die Nacht selber trug es von irgendwoher mit sich, von dort, wo die Felder aufhörten und der Wald begann, dunkel unter grauen Hochebenen und Bergen mit Schneestreifen.

Es ließ nicht nach. Kari zog einige Kleider an und ging zögernd zur Tür. Die Klinke kreischte so laut in der Stille, daß sie zusammenfuhr, der alte bekannte Ton, den sie sonst nicht beachtete, erschreckte sie so, daß sie fast umgekehrt wäre. Leise schlich sie sich durch die große Stube. Sie hörte das schwere Atmen der Knechte und die alte Ingrid, aus deren Nase ein Pfeifton kam, wenn sie schlief, wie das Zischen einer zornigen Wandermaus.

Sie stand draußen in der Galerie und sah, wie hell die Nacht war, – obwohl der Nebel wollig und schwer über allen Bergen lag. Nein, es regnete nicht mehr, aber alles glänzte kalt von Feuchtigkeit, – die ausgetretenen Steine der Türschwelle, das harte, welke Gras auf den Hausdächern, wohin die Ziegen nicht kamen. Und es roch streng und kalt nach Humus und Dünger von frischgepflügten Ackern.

Die Hündin kam herangeschlichen, grau, mit angelegten Ohren, den buschigen Schwanz zwischen die Beine geklemmt. »Still, Paßauf!« Sie beschwichtigte den Hund, als er Laut geben wollte, und er folgte ihr zögernd, als sie auf das große Einfahrttor zuging, das schwer, verschlossen und dunkel zwischen mächtigen Pfosten hing. Sie schob es einen Spalt weit auf und lockte den Hund, aber er wollte nicht, – er kroch hierhin und dorthin, und als sie ihn wieder scharf und bestimmt rief, rannte er zwischen die Gebäude und kam nicht wieder zum Vorschein. Unsicher blieb Kari in dem großen Tor stehen, was hatte der Hund nur? Ihr wäre es wie ein Gefühl der Sicherheit gewesen, ihn mitzunehmen. Am liebsten wäre sie zurück ins Haus gegangen, aber sie blieb doch stehen, während sie das Gefühl hatte, daß ringsum Gefahren lauerten, im Dunkel der Galerien und der verschlossenen Räume, auf den weiten Äckern, die sich mit sprossendem Korn und Gras dehnten, in dem schwarzen Wald und dem Nebel, der sich an grauen Hügeln mit zerzausten, winterverheerten Bäumen festklammerte. Alle Berge lagen in schwere, schwarze Wolken eingehüllt. Alles war so flach, fremd und unendlich. Traurigkeit beschlich sie, eine Lebensmüdigkeit, wie sie nie gekannt hatte, wieder dachte sie an das Kind, das sie verloren hatte, die Brust schmerzte. Alt fühlte sie sich, – klein, weich und schwach, wie sie hier stand, während rings alles schlief.

Alles um sie her, was ihr eigen war, wurde so klein, und sie selber auch, – sie war nur ein winziges kleines Ding, das hier in der Nacht stand, ohne zu wissen, warum. Sie begriff es nicht, – sie war doch sonst nicht so, – was ging nur in dieser Nacht mit ihr vor?

Wie sie da etwas gebeugt und grübelnd stand, die kräftige, aufrechte Gestalt, die den Kopf so sicher trug, die breite Stirn unter dem blonden Haar, das straff über die Schläfen gekämmt war, die großen grauen Augen, der Mund mit den schmalen Lippen, die energische Rundung des Kinns, – lag eine Last auf ihr, und sie hatte nicht die Festigkeit und Ruhe, wie ein Mensch sie hat, der eine Verantwortung trägt, der herrschen muß.

Plötzlich stand der Hof vor ihren Augen, wie er damals gewesen war an jenem Johannistage, da sie als Braut hier einzog, – funkelnde Sonne auf allen Höhen, alle Häuser mit Blumen und Grün zum Fest geschmückt, das gellende, hitzige Kreischen der Fiedeln und die Schüsse, die von den Bergen widerhallten, als sie und per durch das laubgeschmückte Tor ritten, und das Pferd, durch all den Lärm aufgeschreckt, sich aufbäumte, so daß sie fast die schwere vergoldete Brautkrone verloren hätte, die sie auf dem vollen Haar trug.

Auf dem Hof trat ihnen der Küchenmeister entgegen mit dem Willkommenstrunk in einem großen Silberbecher. Per trank daraus, und als sie getrunken hatte, nahm er den Becher, drückte ihn übermütig und lachend zwischen den starken Händen platt und schleuderte ihn unter die Leute. Sie erinnerte sich dieser Zeit, – festliche Tage und Nächte waren es, und über allem Per, der Mann, groß und stark. Ach ja, – Herrgott. Aber plötzlich lachte sie. Ihr fiel ein Wettreiten ein, das sie unternommen, – die Pferde hatten sie mit Bier wild und toll gemacht, und wild und toll waren auch die Reiter. Damals war es ihr nie eingefallen, vor irgend etwas Angst zu haben, was sie auch ausfindig machten, was sie auch taten, es war alles nur Spiel.

So lange Per lebte, lebten auch Hof, Wald und Felder, – alles lebte. Es waren schöne Jahre. Dann kam der Unfriede mit den Schwedischen, – er zog fort und kam nicht zurück. Er hätte zu Hause bleiben können, hätte nicht mitzuziehen brauchen, aber das lag ihm nicht. Und so schlimm es war, empfand sie es doch als einen Stolz, daß er so gewesen.

Nein, er kam nicht wieder. Kari starrte auf all die Jahre, die sie hier umhergegangen war und gewartet hatte, – gewartet, weil sie nie Gewißheit bekam. Er kehrte nicht zurück, – wo er gefallen war, wann und wie, das hatte sie nie erfahren. Nur die Jahre, die eins nach dem andern vergingen, löschten die Hoffnung aus, daß er endlich einmal wiederkommen würde.

Und die Jahre, die seitdem vergangen waren! Die Söhne hatte sie, Peter und Stig, und dann das Kleine, das sie verlor, das allerliebste, vielleicht weil der Tod es genommen hatte oder weil sie es gerade zu der Zeit bekam, als sie einsam wurde. Sie hatte keinen neuen Mann genommen, obwohl Freier genug gekommen waren, und die Leute hatten genörgelt und geredet, wie sie es zu tun pflegen, wenn einer seinen eigenen Weg geht. »Ich kann ja nicht sicher sein, daß ich wirklich Witwe bin«, sagte sie wohl, wenn sie gut gelaunt war, ganz und gar war das nicht Scherz, denn im vollen Umfang konnte sie es nie verstehen, konnte nicht glauben, daß Per tot war.

So war sie ihren einsamen Weg gegangen, den Hof und alles, was zum Hofe gehörte, hatte sie geleitet. Hart hatte sie sich gemacht, zunächst weil sie glaubte, das müsse so sein, um die Leute zum Gehorsam zu zwingen, dann aber war es ihr eine Gewohnheit geworden.

Die Leute vergaßen, daß sie jung war, ja, sie vergaß es selber. Ihr Leben war zu Ende, obwohl sie Witwe geworden war, ehe sie noch ihr dreißigstes Jahr vollendet hatte. Ihre Freude war es, auf dem großen Hof umherzugehen, zu sehen, wie alles sich ordnete und wie nichts unter ihren Händen verloren ging, Die Familie wollte sie vorwärtsbringen und das, was der Familie gehörte. Ihren Söhnen konnte sie dies alles einmal geben, was ihr zu verwalten zugefallen war. Sie sollten sehen, daß sie es nicht verringert hatte.

Sie stand da und vergaß, was sie eigentlich veranlaßt hatte, hinauszugehen. Und während die Erinnerungen auf sie einströmten, fühlte sie sich wieder jung – all das, was sie in den vielen Jahren nicht berührt hatte, tauchte empor, kam auf kleinen, behutsamen Kinderfüßen herangetrippelt. Sie fühlte es wie rosige, weiche Händchen auf ihrer Brust, kleine, gierige Mündchen, die von ihr lebten. Sie errötete lieblich und jung, wie sie da stand, und die Glut, die auf Wangen und Hals brannte, war wohltuend und voller Süße.

Das Geheul des Hundes oben zwischen den Gebäuden riß sie plötzlich in die Wirklichkeit zurück. Sie schloß die Augen, denn dort unten, wo der Wald schwarz an das bebaute Feld grenzte, hörte sie wieder das zarte Wimmern eines Kindes, das nach Luft rang. Und jetzt hörte sie, bang und wunderlich zärtlich zugleich, daß jemand weinte, war es das ausgesetzte Kind, das dort am Waldmoor umging, das zwischen Gras und Wurzeln umherkroch und nach christlicher Erde, nach Wärme und Frieden jammerte?

Das Kind, das hier auf Braenna umhergegangen war, von dem die Leute erzählten – ja, die alte Ingrid hatte kleine, blutige Kinderspuren auf dem gefrorenen Schnee gesehen, wenn das Licht durch die mit Eisblumen bedeckten Fenster darauf fiel. Kari fühlte, wie ihr heiß und heftig, in einer Woge von Zärtlichkeit, die Tränen in die Augen stiegen. Daß eine Mutter so an ihrem Kinde handeln konnte!

Sie wollte das suchen, was dort im Waldesdunkel weinte, wollte es suchen und ihm helfen, wenn Gott wollte, würde es wohl Frieden finden. Wenn sie Jesu Namen nannte, würde es in der Erde schlafen können, ohne den Himmel zu vermissen, der ihm verschlossen war. Daß eine Mutter so etwas tun konnte!

Rasch, als fürchte sie, schwankend zu werden, sich anders zu besinnen, ging sie über den Acker, vorbei an dem großen Hünengrab mit den alten, kahlen Espen und den mächtigen Steinen, die in einem Kranz den Fuß des Hügels umgaben. Unwillkürlich trat sie vorsichtiger auf, aber alles war still – der Hüne schlief wohl in seinem steinernen Hause, schlief, wie alles schlief in dieser seltsamen Nacht. Jetzt heulte der Hund wieder oben auf dem Hof – es war, als rufe er nach ihr, als warne er sie.

Kari faltete die Hände, als sie weiter ging. In Jesu Namen, flüsterte sie leise, in Jesu Namen.

Da hörte sie einen lauten, drohenden Ton in dem Hünengrabe hinter sich, als ob ein Hammer auf einen Amboß schlägt. Der Ton hing lange in der Luft, wie das Klingen einer großen Kirchenglocke.

Es war sehr seltsam, aber sie bekam keine Angst. Vor ihr lag der Hochwald, dessen weiße Birken koboldhaft und verkrüppelt zwischen trotzigen Tannen und knorrigen Kiefern leuchteten. Die dichte Wacholderhecke, die das bebaute Feld schützen sollte, lag schwarz und von dem schweren Schnee des Winter plattgedrückt da. Kari stand einen Augenblick still und lauschte in die Dunkelheit, – aber jetzt hörte sie nichts. Leise ging sie weiter. Es roch streng nach vermodertem Laub und tauendem Boden. Überall sickerte und tropfte es von Feuchtigkeit.

Plötzlich schoß ihr das Blut zum Herzen – ihr wurde so seltsam und beklommen zumute –, leibhaftig und nah hörte sie Wimmern und ein müdes Schluchzen –, so wie Kinder wimmern und schluchzen, wenn sie sich in Schlaf weinen. Sie tastet sich in den Wald hinein, dem Ton folgend, und dort unter einer hängenden Tanne sieht sie es liegen, ein kleines, nacktes Mädchen, das die Beine an den Leib gezogen hat.

Es lebt, sie sieht, daß es sich bewegt. Kari preßt zornig den Mund zusammen, hebt das Kind auf und hüllt den blaugefrorenen, zitternden, kleinen Körper in ihren Mantel. Sie sieht sich rasch um, blickt auf das Gesichtchen, das vom Weinen verschwollen ist. Pack! murmelt sie vor sich hin, so gehen Tiere nicht mit ihren Jungen um!

Es funkelt etwas mit nassem Glanz im Moos zu ihren Füßen, – sie hebt es auf. Alte, vergoldete Münzen, Löwen und allerlei Figuren, auf eine kunstvolle Kette gezogen, die aus goldenen, verflochtenen Fäden geschmiedet ist. Das Geschmeide schimmert so seltsam hier in der Dunkelheit, es ist, als brenne es ihr auf der Hand, und sie wirft es von sich – es war kalt wie eine Schlange.

Da hört sie die Hündin wieder heulen, – und ein Schreck durchfährt sie, – ist das ein Echo, das hinter ihr aus dem Walde mit langem, zitterndem Schrei antwortet?

Rasch tastet sie sich zurück. Zweige, die schwer sind von kalter Nässe, schlagen ihr in das Gesicht, sie stolpert über glatte Wurzeln und welkes Gras; sie hält das Kind so fest, als hätte sie Angst, es würde ihr aus den Armen verschwinden. Sie will nicht hören, nur gehen, nach Hause kommen, aber da ertönt hinter ihr wieder der Schrei wie ein gellendes Lachen, – oder ist es ein Weinen?

Der Wald wird lebendig um sie her, es tappt neben ihr dahin, behutsam und schleichend, in Schatten und Finsternis verborgen. Wenn sie stehen bleibt, schweigt alles, lauert, wartet, – und wenn sie geht, kommt es wieder mit.

Wieder und wieder hört sie das Lachen hinter sich, – es wächst an zu herzzerreißendem, heulendem Weinen. Das Kind in ihren Armen beginnt zu schreien, lauter und immer lauter, zappelt mit Armen und Beinen, wirft sich hin und her, – es ist, als riefe es nach irgend etwas drinnen im Walde und bekäme Antwort.

Sie versucht es zu beschwichtigen, redet ihm gut zu, aber es will nicht verstummen. Außer sich, zerrt sie das Mieder auf, reißt das Hemd in Fetzen und legt das Kind an die Brust. Die kleine Nase stößt suchend gegen ihre nackte Haut, die harten Gaumen saugen sich fest und zerren gierig an der leeren Brust.

Mitten in der Angst quillt wieder die Zärtlichkeit in Kari auf. Sie fühlt sich so matt und weich, daß sie sich am liebsten hinsetzen und weinen möchte, – so hat seit so vielen Jahren kein Kind an ihrer Brust gelegen.

Sie geht weiter, taumelt aber so, daß sie zu fallen fürchtet, und die leere Brust beginnt zu brennen und zu schmerzen, – so wie damals, wenn sie mit so einem kleinen Wesen an der Brust eingeschlafen war.

Zwischen den Bäumen wird es hell, – der Wald lichtet sich, sie ist bald wieder daheim, geht unwillkürlich rascher. Als sie hinter dem Zaun auf den Feldern ist, sieht sie, daß der neue Tag zu dämmern beginnt. Hinter sich hört sie wieder den Schrei, und jetzt bekommt er Antwort, – oben von den schwarzen Höhen, wo die Wolken mit hellen Schneeschauern treiben, aus der Unendlichkeit des Waldes unter den schroffen Bergen, – von den weiten Sümpfen her. Als sie durch den großen Torweg geht, fährt der Hund kläffend auf sie zu, – sie beschwichtigt ihn, aber er will nicht still sein, er bellt ihr rasend nach, mit gesträubten Nackenhaaren, als wäre sie eine Fremde.

Als sie leise durch die große Stube in die Schlafkammer schleicht, hört sie einen der Knechte stöhnen, verdrießlich und schläfrig gähnend: »Ich glaub, der Teufel ist in den Wolf gefahren, – es ist, als hätte jemand ihm die Jungen genommen.«

In aller Eile schließt Kari die Tür, legt das Kind auf das Bett und macht Feuer an. Dann wärmt sie Milch, nimmt das Kind auf, um ihm die Milch zu geben, aber es will sie nicht haben, – ihre Hände beginnen zu zittern, so daß sie die Milch verschüttet, – sie sieht, daß das Kind am Munde blutig ist.

Sie entblößt ihre Brust; aus kleinen Bißwunden rinnt das Blut über die weiße Haut, – das Hemd ist blutig.

Frierend zieht sie die Kleider wieder an, – legt das Kind unter die Felldecke des Bettes, setzt sich selber auf die niedere Bank am Fenster und legt den Kopf auf die Hände. Seltsam, das Schmerzen und Brennen in der Brust war wie eine Liebkosung. Die kleinen Bisse, – sie hatte das Gefühl, von ihnen gezeichnet zu sein, und als würden sie nie verheilen und vernarben ...

Schließlich schläft sie ein, und in den Träumen, die kommen, sieht sie einen Wolf auf den Hinterbeinen stehen und durch das Fenster in die Stube sehen; aber er hat nicht die schiefen, lauernden Augen des Wolfes, nein, sie sind tief und leer wie die Augen eines kleinen Kindes.

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