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Die Medicin der Naturvölker

Max Bartels: Die Medicin der Naturvölker - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
authorMax Bartels
titleDie Medicin der Naturvölker
publisherTh. Grieben's Verlag
year1893
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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VI.
Die Arzneiverordnungslehre der Naturvölker.

54. Abkochungen und Umschläge.

Es bleibt uns jetzt noch zu untersuchen übrig, in welchen Formen und in welcher Weise die Naturvölker ihre Medicamente anzuwenden pflegen. Hier steht wohl entschieden obenan das Decoct, die Abkochung, welche sie aus allerlei Wurzeln, Rinden, Blättern u. s. w. herzustellen wissen. Für gewöhnlich sind diese Abkochungen zu innerlichem Gebrauche bestimmt; bisweilen aber werden sie auch als medicamentöse Waschung u. s. w. angewendet. Der Pflanzenaufguss, das Infus, ist wunderbarer Weise nur in Ausnahmefällen anzutreffen. An Häufigkeit dem Decocte am nächsten steht der Umschlag, das Cataplasma. Dasselbe wird aber in anderer Weise hergestellt als dieses bei uns gebräuchlich ist. Saftreiche Blätter oder vollsaftige Wurzeln werden feingestampft bis sie einen Brei bilden, und diesen legt man dann dem kranken Theile auf. Anstatt die Drogue zu zerstampfen, wird sie in manchen Fällen auch gekaut, um dann, mit dem Speichel innig vermischt, zur äusserlichen Anwendung zu gelangen. An diese Cataplasmen schliesst sich an das Auflegen heissgemachter oder auch kühler Blätter und die Applikation von heisser Asche. Mit beiden sucht man ähnliche therapeutische Erfolge zu erzielen, wie mit den Umschlägen.

So wird in Mittel-Sumatra bei asthmatischen Beschwerden ein Tabaksblatt mit warmem Oel auf die Brust gelegt. Die Süd-Australier wenden das Auflegen heissgemachter Blätter gegen den Tenesmus bei Durchfällen an. Die Karok-Indianer in Nord-Californien heilen damit Rheumatismus und die Eingeborenen der Insel Engano wenden sie gegen Geschwüre an. In Selebes und auch in Victoria dienen frische Blätter, kühl aufgelegt, als ein gut wirkender Wundverband.

55. Einreibungen, Salben, Pflaster und Pulver.

Dass die Naturvölker auch Oele und thierische Fette zu Einreibungen benutzen, das wird uns kaum zu überraschen vermögen. Aber auch medicamentöse Salben stellen sie sich her und wenden sie bei Wunden, bei Verbrennungen, bei Hautausschlägen und dergleichen an. Je nach der den betreffenden Volksstamm umgebenden Natur sind diese Fette natürlicher Weise von verschiedener Art. Cocosöl dominirt im Süden; Fischthran und Bärenfett tritt dafür im Norden auf. Die Fette sind zuweilen auch aus giftigen Thieren hergestellt und werden dann auch zur Bekämpfung der durch das Thier hervorgerufenen Vergiftung angewendet. So ist bei den Central-Mexicanern Scorpionenöl im Gebrauch, und bei den Cariben wird ein aus Schlangenköpfen gewonnenes Oel als Antidotum gegen Schlangenbisse angewendet. In Mittel-Sumatra wird bei Hals- und Brustschmerzen etwas Sirih-Kalk aufgeschmiert, und zwar geschieht dieses gewöhnlich in der Figur eines Kreuzes.

Ausser mit den Salben sind die Naturvölker auch mit der Anfertigung und Herstellung von Pflastern wohl vertraut, wozu sie bisweilen bestimmte Baumharze als geeigneten Klebestoff verwenden. Solche Pflaster werden nicht nur bei äusserlichen Krankheiten aufgelegt, sondern auch bei innerlichen Leiden recurrirt man zuweilen auf ihre Hülfe. Eine eigenthümliche Gewohnheit der Yamamadi und einiger ihnen benachbarter Indianerstämme Brasiliens mag hier angeschlossen werden. Dieselbe besteht darin, dass sie sich den kranken Körpertheil mit Vogelfedern bekleben lassen.

Fig. 55. Ring aus Gelbholzstücken, Mittel gegen Fieber und Kopfschmerzen. Flores. Mus. f. Völkerkunde, Berlin. Nach Photographie.

Die Anwendung des Medicamentes in Pulverform als äusserliches Mittel scheint eine ziemliche Seltenheit zu sein. In gewissen Fällen kommt sie aber bei den Dacota-Indianern, sowie bei den Harrarî und am Congo und auch bei den Australnegern vor.

Grobe Stückchen Gelbholz, zu einem Halbringe vereinigt, dadurch, dass man sie auf einen Faden aufzieht, werden auf der Insel Flores äusserlich gegen Fieber und Kopfschmerzen gebraucht (Fig. 55).

56. Abführmittel und Klystiere.

Zahlreiche Abführmittel sind den Naturvölkern wohlbekannt und auch Stomachicis begegnen wir zuweilen bei ihnen. Manche Volksstämme verfügen sogar über eine gewisse Abwechslung in ihren Abführmitteln; wenigstens wird uns von mehreren ihrer Droguen berichtet, dass sie dieselben ihrer abführenden Wirkung wegen in Anwendung ziehen. Auch die Handhabung der Klystiere ist einzelnen Völkern nicht unbekannt, z. B. den Bilqula, den Dacota-Indianern und den Negern von Liberia. Sie bedienen sich dazu eigens construirter Spritzen, und als Injectionsflüssigkeit werden bisweilen Decocte benutzt.

Die Chorotegans machen Eingiessungen von Decocten mit Hülfe eines besonderen Rohres.

Die Klystierspritze der Liberia-Neger (Fig. 56) ist eine sich flaschenhalsartig verjüngende Kalebasse; die Bilqula giessen Haifischthran ein mit Hülfe eines Salzkrautrohres; als Mundstück hierzu bedienen sie sich des Flügelknochens von einem Adler. Auch die alten Maya-Völker machten von Klystieren einen ausgiebigen Gebrauch.

Abführmittel sowohl, als auch Klystiere bringen die Perser häufig in Anwendung. Als Instrument für Letztere dient nach Polak ein sehr hoher Trichter mit abgerundetem und wie ein Katheter umgebogenem Ende. »Vermöge des Luftdrucks stürzt die Flüssigkeit mit brodelndem Geräusche in das Rectum. In keinem Hause fehlt dieser Trichter; gewöhnlich ist er von Glas, bei reichen Familien von Silber mit einer Vorrichtung zum Auseinanderschrauben.« Sehr complicirt sind die Vorschriften über die zum Klysma oder als Abführmittel auszuwählenden Stoffe, sowie über die am Abführtage einzuhaltende Diät. »An dem Tage, an welchem der Perser zum Abführen einnimmt, ist er in geschäftlichen Angelegenheiten nicht zu sprechen, sondern lehnt alle diesfallsigen Zumuthungen mit den Worten ab: »Ich habe Medicin genommen.« Beamte und selbst Minister entschuldigen damit ihr Nichterscheinen bei Hofe, oder die Unterlassung von Berufsgeschäften.«

Fig. 56. Klystierspritze für Kinder. Liberia. Nach Büttikofer.

Die Mincopies auf den Andamanen essen, wenn sie Verstopfungen zu beseitigen wünschen, die Bienenlarven, welche sich in den Honigwaben vorfinden.

Der Curiosität wegen müssen wir noch eines Abführmittels der Winnebago-Indianer gedenken, das ist die Rinde des weissen Hollunders.

Die abführende Wirkung hat diese aber nur, wenn der Medicin-Mann sie von oben nach unten schabt, d. h. von den Zweigen nach der Wurzel zu. Schabt er sie aber in umgekehrter Richtung, also von der Wurzel aufwärts gegen den Stiel, so wirkt sie nicht abführend, sondern als Brechmittel.

57. Brechmittel.

Brechmittel wenden die Naturvölker vielfach an, aber nicht alle sind medicamentöser Natur. Das Erbrechen wird von den Naturvölkern als ein wichtiger Heilfaktor angesehen, und eine ganze Anzahl von pflanzlichen Brechmitteln stehen ihnen zur Verfügung. Auch das Trinken von Seewasser wird von ihnen mit gutem Erfolge als Emeticum benutzt, z. B. von den Haidah-Indianern und von den Eingeborenen einiger Südsee-Inseln.

Aber auch mechanischer Hülfsmittel bedient man sich zuweilen. Die Karayá-Indianer in Brasilien fertigen sich extra für diesen Zweck Holzstücke (Fig. 57) von etwas über Fingerlänge und von der Dicke eines Daumens. Dieselben werden vorn ein Wenig abgeschrägt und dann im Feuer angekohlt. Dies Holzstück wird tief in den Schlund eingeführt, bis die erwünschte Wirkung erzielt ist. Die Dacota-Indianer kitzeln sich bisweilen zu gleichem Zweck den Schlund mit einer Vogelfeder.

Nicht in allen Fällen hat das absichtliche Hervorrufen von Erbrechen die Bedeutung einer therapeutischen Maassnahme. Die soeben erwähnten Karayá-Indianer rufen täglich in der geschilderten Weise Erbrechen hervor aus prophylactischen oder hygieinischen Gründen. Sie sind der Ansicht, dass es nöthig sei, täglich den Magen von dem überflüssigen Speisenballast zu befreien, um sich gesund und leistungsfähig zu erhalten. Auch in Ecuador soll Aehnliches gebräuchlich sein. Es erinnert dieses in etwas an jene Zeit, die nur wenige Jahrzehnte hinter uns liegt, wo auch bei uns sämmtliche Kinder am Sonnabend oder wenigstens einmal im Monat durch ein Brechmittel ihren Magen entlasten mussten.

Eine hervorragende Bolle spielt bei den Indianer-Völkern und namentlich bei deren Medicin-Männern eine besondere Art des künstlich provocirten Erbrechens, die man als das rituelle Erbrechen bezeichnen könnte. Ich meine hier nicht das bei ihren Heilmanipulationen unter Würgebewegungen erfolgende Hervorbringen von Fröschen, Schlangen und anderem Gethier, von Holzstücken, Knochen, Scherben u. s. w. oder von ihren magischen Medicin-Steinen, welche sie als das die Krankheit darstellende Princip aus des Patienten Körper heraussaugten. Hier ist ein wirkliches Erbrechen gemeint, das durch das Einnehmen eines besonderen Emeticum absichtlich hervorgerufen wird. Wir haben dasselbe wohl aufzufassen als einen religiösen Reinigungsakt, als eine weihevolle Vorbereitung des menschlichen Körpers für die Aufnahme der unsterblichen Gottheit, ganz ähnlich, wie man durch strenges Fasten sich bereitet, wenn man in nähere Beziehung zu den Göttern zu treten wünscht.

Fig.57. Angekohlte Holzstücke zur mechanischen Erregung von Erbrechen. Karayá-Indianer. Mus. f. Völkerkunde, Berlin. – Nach Photographie.

Matthews hatte die Gelegenheit, bei einem grossen Medicin-Tanze der Navajó-Indianer in Arizona etwas derartiges zu beobachten.

Es handelte sich hier um eine Heilungsceremonie, welche als » der Gesang gegen die Berge« bezeichnet wird und welche neun volle Tage in Anspruch nahm. Am vierten Tage hatte jeder, der da wollte, Mann oder Weib, zu der Medicin-Hütte Zutritt. Sie setzten sich auf die Erde, und vor jedem Theilnehmer war ein kleiner Erdhaufen aufgeschüttet. Dann mussten sie ein Brechmittel einnehmen, das aus fünfzehn verschiedenen Pflanzenarten gemischt war. Die Erdhaufen dienten zur Aufnahme des Erbrochenen und wurden nach erfolgter Wirkung in besonderer Weise hinausbefördert. Danach bestreute der Medicin-Mann die Anwesenden mit Medicin.

Auch Niblack berichtet von den Küsten-Indianern des südlichen Alaska, dass sie sich für Gottesgerichte und besondere Ceremonien durch Brechmittel vorzubereiten pflegen.

Myron Ells wohnte einer Krankenbehandlung der Twana-Indianer bei. Der Medicin-Mann sass der Kranken gegenüber. Sein Haupt dauernd auf und nieder schwingend, sang er, begleitet von dem Gesange der Anwesenden, seine Beschwörungen. Nach zwölf Minuten begann er heftig über sich hin auf die Erde zu erbrechen. Dann kam eine Pause von wenigen Minuten, worauf der Medicin-Mann sich abwusch und dann bei der Patientin die Saugecur begann.

Wie bereits gesagt, werden aber auch die Emetica sehr vielfach als wirkliche Heilmittel angewendet bei allen möglichen Magenverstimmungen, auch bei denjenigen, welche nur als Begleiterscheinung einer allgemeinen Infectionskrankheit aufgefasst werden müssen. Das Eingeben von Brechmitteln, um Gifte aus dem Magen wieder zu entfernen, ist einigen nordamerikanischen Indianer-Stämmen geläufig.

58. Inhalationen.

Mancherlei Pflanzen werden auch als Medicamente zur Inhalation gebraucht. Bisweilen findet diese Inhalation in der Form von Räucherungen statt, welche mit der betreffenden Pflanze ausgeführt werden. Wir finden diesen Gebrauch in Amerika bei den Dacota, den Karoks und den Navajó, in Afrika bei den Aschanti und in Harrâr, in Asien bei den Tataren. Kopfschmerz, Epilepsie, Husten und Erkältungen sind die Krankheiten, welche diese medicamentösen Räucherungen behufs der Inhalation veranlassen. Die Harrarî räuchern aber auch den Körper mit gewissen Medicamenten, um Ausschläge, Pocken und Fieber zu heilen.

Eine andere Form der Inhalation haben die Karayá-Indianer in Brasilien. Sie fertigen aus bestimmten Arzneistoffen eine Riechessenz, mit welcher sie Kopfschmerzen zu bekämpfen suchen. Die Harrarî pulverisiren eine bestimmte Drogue und halten sie Epileptischen und Tobsüchtigen unter die Nase. Ein anderes Pulver ziehen sie in die Nase ein, wenn sie vom Teufelsschlag, d. h. vom Hexenschuss befallen sind oder wenn sie an Schlaflosigkeit leiden, und auch beim Schnupfen und Husten junger Mädchen lassen sie ein Schnupfpulver benutzen, das aber aus der Asche einer bestimmten Medicinalpflanze besteht.

59. Einschlürfungen und Einträufelungen.

Es ist von hier nur noch ein Schritt zu den feuchten Einschlürfungen in die Nase, die wir als eine Art der Nasendouche anerkennen müssen. Wir finden dieselben wiederum in Harrâr, sowie bei den Aschanti und den Keisar-Insulanern. Bei Allen ist Kopfschmerz die Veranlassung; bei den Harrarî ausserdem auch Nasenbluten. Auf Keisar ist solch Kopfschmerz eine ganz kostspielige Sache. Der Medicin-Mann nimmt die Blätter eines Quarree genannten Baumes, stampft diese fein, wäscht den Kopf damit und lässt den Kranken auch die Feuchtigkeit mit der Nase aufschnaufen. Wird man gesund, dann ist man verpflichtet, ein Schaf zu schlachten. Ein Stück von dem Ohr, die Lippen und die Leber werden gekocht und mit etwas Reis und Sirih-Pinang auf einen Teller und dann mit einem Umschlagetuch darunter auf eine Reiswanne gelegt. Der Marne bringt dieses durch einander und wirft es unter den Baum, von wo er die Heilmittel geholt hat. Den Teller und die Reiswanne bringt er zurück, während er das Umschlagetuch behält. Die Hälfte des geschlachteten Schafes erhält er gleichzeitig als Antheil, die andere Hälfte wird gebraucht, um den Blutsverwandten, welche den Kranken versorgt haben, eine Mahlzeit zu bereiten.

Die Nasendouche der Aschanti beschreibt Bowditch folgendermaassen: »Ein Mann klagte sehr über Kopfschmerzen, und eine seiner Frauen brachte ihm ein Decoct von Kräutern und ein hohles Stück Holz mit zwei Röhren, die sie ihm in die Nasenlöcher steckte, dann den Kopf zurücklehnte und den Decoct hineingoss, den er alsdann durch den Mund wieder von sich gab.«

Auch in das Ohr und in die Augen werden von den Naturvölkern Einträufelungen gemacht. Wir wollen davon aber erst später sprechen, weil wir den Erkrankungen dieser Organe einen besonderen Abschnitt widmen wollen.

60. Pillen.

Besonders interessant ist es mir erschienen, dass wir in dem Arzneienschatz dieser uncivilisirten Volksstämme auch einige Mal der Pillenform begegnen. Pillen fertigen die Australneger von Victoria aus einer Baumrinde zur Bekämpfung der Dysenterie. Die Indianer Süd-Californiens rollen den Koth der wilden Tauben zu Pillen und gebrauchen diese gegen Gonorrhoe. Die Dacota-Indianer und die benachbarten Stämme wissen Pillen aus dem Cambium gewisser Bäume herzustellen und sie heilen damit dyspeptische Zustände. Die Kunst des Pillendrehens war auch den alten Völkern Neu-Spaniens bekannt. Sie benutzten als Klebestoff das Guttapercha, in welches sie das wirksame Medicament hineinkneteten. Pallas fand heilige Pillen, aus Tibet eingeführt, bei den Kalmücken im Gebrauch. Vornehme und Reiche führen sie beständig bei sich und nehmen sie in schweren Krankheiten ein, wenn der Tod fast unvermeidlich scheint. Sie dienen dazu, die Seele von dem Zeitlichen zu entfernen und zu heiligen. Sie sind von Erbsengrösse und sehen schwarz aus. Ihre Wirkung soll eine abführende sein.

Bei den Persern stehen gewisse Pillen in hohem Ansehen, welche aus Bernstein, Ambra, Rubinen, Gold und gestossenen Perlen gefertigt werden. Sie dienen als Aphrodisiaca.

61. Die hautröthenden Mittel.

Wir haben bereits eine ganze Anzahl von Medicamenten-Gruppen besprochen, die wir in dem Arzneischatze der Naturvölker fanden. Es mögen aber noch zwei derselben hier angeführt werden, nämlich die Rubefacientia und die Narcotica. Die ableitende und häufig schmerzstillende Wirkung der hautröthenden Mittel ist den uncivilisirten Volksstämmen wohlbekannt. Manche Anwendung erhitzter Blätter oder heisser Asche ist in diese Rubrik zu bringen. Die Süd-Californier verstehen es, aus Nesselstengeln eine Paste zu bereiten, welche, auf die blosse Haut gelegt, Blasen zieht, besonders wenn der Patient sich dabei dicht an das Feuer setzt. Die Nieder-Californier benutzen ebenfalls die Nessel als Rubefaciens, aber sie peitschen damit den kranken Körpertheil oder sie setzen Ameisen an denselben. Die Chippeway- und Creek-Indianer haben einige Pflanzen im Gebrauch, deren Saft eine hautreizende Wirkung besitzt. Die Einwohner von Tonga und Samoa wenden den Saft eines Rankengewächses an, der so scharf ist, dass seine Wirkung derjenigen eines Aetzkali ähnlich ist. Diesen die Haut röthenden und reizenden Mitteln am nächsten verwandt sind dann die Scarificationen und gewisse Methoden des Glühens. Ihre Verbreitung ist eine sehr ausgedehnte. Da sie aber als ein, wenn auch nur kleiner akiurgischer Eingriff zu betrachten sind, so sollen sie erst später in dem der kleinen Chirurgie gewidmeten Capitel ihre Besprechung finden.

62. Die Narcotica.

Um nun auf die Narcotica zu kommen, so ist die Anwendung von Opium und Hanf, Haschisch oder Dacha als ein betäubendes Rauchmaterial ja schon vielfach besprochen worden und allbekannt. Beide Stoffe sind aber nur als Genussmittel aufzufassen und werden meines Wissens niemals aus therapeutischen Gründen angewandt. Es kommen aber auch Medicamente vor, welche die Naturvölker nun wirklich in der ausgesprochenen Absicht verordnen, um Schmerzen zu betäuben oder eine Art von Narcose hervorzurufen. Die Tataren und Kasaken am Jenessei bereiten aus den Zweigen und Blättern einer Alpenrose (Rhododendron Chrysanthum), welche sie von den Koibalen bekommen, ein Decoct, zu welchem Zweck sie die Pflanze »in einem wohlverdeckten oder lieber verschmierten Topf im Ofen schmoren« lassen. »Auf diese Weise bekommen sie, sagt Pallas, einen starken, bittern braunen Trank, welcher eingenommen den Kranken in eine fieberhafte Hitze und Art von Trunkenheit, ja Sinnlosigkeit setzt, während welcher sich in denjenigen Gliedern oder inneren Theilen, welche mit Schmerzen oder Fehlern behaftet sind, ein unaufhörliches Krübeln spüren lässt. Der Rausch vergeht aber geschwinder als der von starken Getränken entstehende, lässt weder Kopfweh, noch die allergeringste Unpässlichkeit nach, und gemeiniglich spürt der Kranke nach einer einzigen oder der zweyten Portion den behafteten Theil ganz gesund und hergestellt. Während der Hitze, welche die Arzney erweckt, haben die Kranken starken Durst; trinken sie alsdann kaltes Wasser, so erfolgt ein heftiges aber heilsames Erbrechen, welches besonders bey Zufällen im Unterleibe dienlich befunden wird. Sonst brauchen es die Kasaken fast wider allerley rheumatische Zufälle und wider chronische Gliederschmerzen, die es unter heftigen Krübeln unfehlbar genesen soll.«

Eine Narcose zum Zweck der Ausführung einer Operation hat Felkin in Uganda in Central-Afrika beobachtet. Hier machte ein eingeborener Operateur an einer Kreissenden den Kaiserschnitt. Zuvor aber hatte man die Patientin durch Banana-Wein in einen Zustand von halber Betäubung versetzt.

Ein weit verbreitetes Narcoticum, um sich von Schmerzen zu befreien, ist der Tabak. Die Eingeborenen von Mittel-Sumatra verordnen bei Erkältungen des Kopfes eine Cigarre zu rauchen, die Dacota-, die Creek- und Winnebago-Indianer u. s. w. lassen bei asthmatischen Beschwerden eine Pfeife Tabak rauchen. Auch die südlichen Mexicaner bekämpfen das Asthma ebenso, aber sie wenden die Tabakspfeife auch bei rheumatischen Schmerzen an.

Die Ipurina-Indianer in Brasilien erzielen durch den Tabak eine vollständige Narkose. Unheilbare Kranke werden auf diese Weise betäubt und in den Fluss gestürzt, um bei dem Wassergeist Heilung zu finden. Auch zu dem Zweck einer absonderlichen Operation narcotisirt der Medicin-Mann dieses Volkes den Patienten in gleicher Weise. Er saugt ihm dann die Eingeweide aus dem Körper und setzt ihm dafür thierische ein. Wenn dann der Kranke wieder erwacht, so ist er vollkommen davon überzeugt, »nunmehr den Magen, die Leber u. s. w. eines Schweines oder sonst eines Thieres in sich zu haben.«

Aber auch noch ein anderes Mittel, um eine Narcose hervorzurufen, darf man, wie ich glaube, nicht unterschätzen, das vielfach von den Naturvölkern angewendet wird. Der betäubende Lärm der Rasseln und Trommeln, der monotone Gesang des Medicin-Mannes und seiner Gehülfen, die sich dauernd wiederholenden gleichförmigen Bewegungen des Arztes, sein häufig erwähntes Schwingen der Hände, dies Alles muss eine Wirkung auf den Patienten ausüben, welche wir nur als eine hypnotisirende zu bezeichnen vermögen; ein Weisser hat es selbst an sich empfunden. Er hatte einem Medicin-Manne der Guyana-Indianer Kopfschmerzen vorgeheuchelt, um die Art seiner Behandlung kennen zu lernen.

Den bei ihm in der dunklen Hütte hervorgerufenen Zustand schildert er mit folgenden Worten:

»Einer freiwilligen Bewegung entzogen, erschien es mir, als wenn ich einem endlosen unaufhörlichen Getöse ausgesetzt sei, das ständig hinaufschwoll; meine einzigen Gedanken waren darauf gerichtet, das Wunder zu ergründen, das die Ursache des Geräusches bildete: ein angenehmer, indessen fruchtloser Versuch, um sich dessen zu erinnern, ob je zuvor eine Zeit bestanden, in der es kein Geräusch gegeben. Wenn hin und wieder das Geräusch für Augenblicke verschwand, nämlich dann, wenn der Peaiman (der Thiergeist) vermuthlicher Weise entschwunden war durch's Dach, oder wenn er nur von grosser Entfernung aus gehört werden konnte, erwachte ich halb besinnungslos. Aber sobald er auch zurückkam und das Geräusch anschwoll, verfiel ich allmählich mehr und mehr in einen Zustand von Betäubung. Als am Morgen das Getöse geendet hatte, erwachte ich allmählich. Ich brauche wohl kaum hinzuzufügen, dass mein Kopf nichts weniger als curirt war von seinen Schmerzen.«

In den Krankengeschichten, welche uns berichtet werden, ist wiederholentlich davon die Rede, dass die Patienten wie todt, oder wie sterbend zur Erde fallen. Wenn sie dann bald darauf wie zu einem neuen Leben erwachend sich erheben, sich die Pfeife anzünden und rauchen und fröhlich mit den Ihrigen plaudern, so kann ihr lebloser Zustand doch nur entweder ein erheuchelter gewesen sein, oder eine wahre Hypnose. Ich glaube bestimmt, dass es das Letztere ist.

63. Das Bepusten und Bespeien.

Wir haben noch zweier besonderer Arten der therapeutischen Maassnahmen zu gedenken, das ist das Bepusten und das Bespeien. Wem fiele bei dem Bepusten nicht seine Kindheit ein, wo die liebende Mutter gegen die schmerzende Stelle pustete und nun theils durch das Kühlende des Luftstroms, theils durch die Ablenkung der Aufmerksamkeit die Schmerzen vertrieb. So wird auch in Mittel-Sumatra den Fieberkranken der Kopf bepustet, um ihnen Kühlung und gleichzeitig eine Linderung der Kopfschmerzen zu bringen. Auch in Canada und in Victoria ist das Bepusten der Kranken gebräuchlich, und in Alaska pustet ihnen der Medicin-Mann in Mund und Nase. In diesen Ländern hat das Bepusten, wie es scheint, aber nur den Zweck, den Krankheitsdämon aus dem Körper zu entfernen. Die Körperstelle, welche der Medicin-Mann der Eingeborenen von Victoria zum Bepusten auswählt, ist der Bauchnabel seines Patienten.

Mit dem Bespeien, das wir hauptsächlich im malayischen Archipele, aber auch in Victoria im Gebrauche finden, hat es scheinbar eine andere Bewandtniss. Man möchte glauben, dass es sich hier ausschliesslich um eine therapeutische Maassnahme handelt. Denn wenn wir von den Australnegern absehen, so werden in allen Fällen ausnahmslos bestimmte Pflanzentheile gekaut, bisweilen mehrere gemeinsam, nach Art einer gemischten Medicin, und auf des Patienten Körper gespieen. In Mittel-Sumatra benutzt man sogar verschiedene Medicamente bei verschiedenen Krankheiten, denen aber immer einige bestimmte, für alle Fälle gleiche Grundstoffe beigemischt werden müssen.

Die Medicin-Männer in Victoria benutzten zum Bespeien nun allerdings nur einfaches Wasser, aber gerade bei ihnen kann die therapeutische Absicht dieses Verfahrens nicht dem geringsten Zweifel unterliegen. Die Patienten nämlich, bei welchen sie diese Art der Behandlung anwenden, sind die Fieberkranken, deren Körper sie von oben bis unten mit einem Sprühregen von Wasser aus ihrem Munde berieseln. Dass die Verdunstung desselben mit einer starken Wärmeentziehung verbunden sein muss und dass in Folge dessen die Fieberhitze verringert werden kann, das liegt wohl klar auf der Hand. Von den Eetar-Insulanern wird in ähnlicher Weise der Bauchschmerz behandelt, und in Bali werden die geschwollenen Drüsen der Kinder mit gekauten Medicamenten bespieen, bei einer dem Ziegenpeter ähnlichen Krankheit, Hier hat man für ein durch Bespeien geheiltes Organ einen ganz besonderen Ausdruck.

Ob es aber bei den übrigen malayischen Inselvölkern, welche hier in Betracht zu ziehen sind, sich ganz allein um rein therapeutische Absichten ihrer Medicin-Männer handelt, das muss doch schon ein wenig zweifelhaft werden, wenn wir erfahren, welche Krankheiten es denn eigentlich sind, die in Mittel-Sumatra in der geschilderten Weise behandelt werden. Es sind Phantasien, Irrsinn und zeitweilige Bewusstlosigkeit, also alles Krankheitserscheinungen, welche so recht eigentlich dem Eindringen böser Geister in den Körper zugeschrieben werden. Sollte hier nicht der Gedanke verborgen liegen, dass die, man könnte sagen, unehrerbietige Art der Darreichung des Medicamentes zur schnelleren Vertreibung des Dämons benutzt werden soll? Hier führen uns die Einwohner von Koetei in Borneo wahrscheinlich auf die richtige Spur. Sie beschmieren und bespeien ihre kleinen Kinder unter dem Murmeln bestimmter Gebete fortdauernd mit gewissen Medicinen, »um die bösen Geister zu verjagen«. Am deutlichsten ausgesprochen aber finden wir diese Anschauung auf Ambon und den Uliase-Inseln. Man benutzt hier als Medicament zum Zerkauen lauter scharfe und aromatische Substanzen, Muscatnuss, Gewürznelken, Gember u. s. w. Wenn man nun hiermit den Kranken bespeit, so will man theils durch die hierin liegende Beleidigung, theils aber auch durch das Prickeln, das die Medicamente hervorrufen, den bösen Dämon nöthigen, dass er den armen Patienten verlässt.

Bei einer Behandlung der klopfenden Kopfschmerzen auf Bali sollen die geheiligten Symbole des männlichen und des weiblichen Principes die Vertreibung der Krankheit unterstützen. Jacobs führt aus einem medicinischen Werke dieser Insel die folgende Verordnung gegen dieses Leiden an: »Alte Sirih-Blätter, deren Blattnerven parallel laufen, 7 Stück, Wurzeln von Gamongan ( Zingiber amarineus) drei Stück, auf deren jedem man erst mit einem Messer die Form eines Penis einkratzt; eine rothe Zwiebel, worin vorher die Form einer Vulva ausgeschnitten wird. Dies Alles muss feingekaut und mit diesem Speichel die Stirn bespieen werden.«

Die Samoaner glauben, wie Turner berichtet, dass Krankheit durch den Zorn irgend einer bestimmten Gottheit entstände, und die Freunde des Kranken rufen die Hülfe des Oberpriesters des Dorfes an und gewähren ihm jede Forderung, um den Unwillen der Gottheit zu sühnen. Häufig verlangt er, dass sie ihre Sünden bekennen. Zum Zeichen der Reue nimmt dann jedes Familienglied etwas Wasser in den Mund und speit es gegen den Patienten.

64. Die Impfung.

Auch die subcutane Methode treffen wir zweimal bei den Naturvölkern an und zwar beide Male in der Form der prophylaktischen Impfung. Es ist ihnen auch sehr wohl bekannt, dass diese Schutzkraft keine dauernde ist, sondern dass sie nach einer gewissen Zeit wiederum verloren geht. Dann muss die Impfung wiederholt werden. Weniger als zehn Jahre waren es in dem einen Fall, für welche die Schutzkraft erhalten sein soll. Es handelte sich um ein Präservativ-Mittel gegen die Bisse von giftigen Schlangen, welches die Buschneger in Surinam mit Erfolg sich in Einschnitte hineinbringen, die sie zu diesem Zwecke sich in die Haut machen. Bei den Aschanti, welche ebenfalls sich auf das Impfen verstehen, ist es eine wirkliche Pocken-Impfung, welche nach Bowditch auch in den maurischen Ländern Sitte ist. »Sie nehmen die Materie und impfen den Kranken an sieben Stellen (die mystische Zahl), sowohl an Armen als Beinen. Die Krankheit dauert nur wenige Tage und selten stirbt Jemand daran.«

Es mag hier daran erinnert werden, dass die Pockenimpfung angeblich auch bei den Chinesen seit alten Zeiten wohlbekannt war. »Die Alten, so heisst es in einer von Lockhart citirten chinesischen Schrift, besassen die Kenntniss der Inoculation der Blattern; sie ist auf uns gekommen von der Zeit des Tschin-tsung aus der Dynastie Sung (das entspräche dem Jahre 1014), und wurde von einem Philosophen erfunden. Wenn die Krankheit spontan ausbricht, so ist sie sehr schwer und oft tödtlich, während sie durch Inoculation herbeigeführt gemeiniglich mild verläuft und nicht mehr als ein Todesfall unter zehntausend Fällen vorkommt.« Es folgt dann eine Reihe von Vorschriften über den Bezug der Lymphe, über die Wahl der Jahreszeit und der Tage, und über das hygieinische Verhalten des Patienten. Eine Schilderung des Verlaufes und der Wirkung schliesst sich an, und dann heisst es: »Wenn nach vierzehntägigem Warten das Fieber nicht erscheint, so kann die Inoculation wiederholt werden, wenn die Jahreszeit noch günstig ist.«

In Persien ist ebenfalls das Impfen Sitte und wird von den Chirurgen und Badern ausgeführt. Sie machen auf der Mitte des Vorderarms leichte Hautritze und reiben nach gestillter Blutung die gepulverten abgefallenen Impfschorfe hinein. »Die Heilung erfolgt fast immer, doch bleiben ziemlich ausgedehnte Narben zurück.«

Bei den Siamesen war es gebräuchlich, als eine Art der Schutzimpfung geriebene Pockenschorfe in die Nase zu blasen.

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