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Die Medicin der Naturvölker

Max Bartels: Die Medicin der Naturvölker - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
authorMax Bartels
titleDie Medicin der Naturvölker
publisherTh. Grieben's Verlag
year1893
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150825
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V.
Die Medicamente und ihre Anwendung.

47. Die Medicinal-Droguen.

Von Reisenden und von Botanikern sind uns vielfache Mittheilungen gemacht worden über allerlei Binden, Wurzeln, Früchte und Blätter, welche sie in dem Heilmittelschatze der uncivilisirten Völker aufgefunden haben. Es liegt aber nicht in unserer Absicht, die Liste derselben hier aufzuzählen. Ein Theil dieser Medicinaldroguen ist in gleicher oder ähnlicher Species auch bei uns in den Apotheken gebräuchlich; andere sind uns zum Theil in ihren physiologischen Wirkungen unbekannt, theils auch sind wir über ihre chemischen Bestandtheile noch nicht unterrichtet. So würde ihre Aufzählung zeitraubend sein, aber auch ohne Zweck und Nutzen. Den Pharmakologen aber mag ihr Studium recht dringend an das Herz gelegt werden; denn mancher therapeutische Schatz mag hier noch im Verborgenen schlummern. Uns war die Bekanntschaft mit diesen natürlichen Heilmitteln von Wichtigkeit, weil sie uns ein Hülfsmittel bot, um die diagnostischen Kenntnisse der Naturvölker zu beurtheilen. Einiges über das hierdurch gewonnene Resultat wollen wir hier nicht mit Stillschweigen übergehen.

Fig. 44. Medicin-Büchse, in Holz geschnitzt. Bonerate. Mus. f. Völkerkunde, Berlin. – Nach Photographie.

Die Zahl dieser Medicinal-Droguen, deren Verzeichnisse mir zugänglich sind, ist eine recht verschiedene. Und dennoch sind die Beobachter sicherlich immer ernstlich bemüht gewesen, hier alles zusammenzubringen, was nur irgend zu ihrer Kenntniss gelangt war. Uebergehen müssen wir natürlicher Weise solche Nachrichten, wo nur so nebenher hier und da eine einzelne Pflanze als therapeutisch verwerthet angeführt wird; nur die wirklichen Verzeichnisse können berücksichtigt werden.

Da haben wir nun erstens ein Verzeichniss von der Osterinsel. Mit Recht wird die hier einheimische Pharmakopoe von Thomson als eine sehr beschränkte bezeichnet, denn Arrowroot, eine Distel und eine Nachtschattenart bilden den ganzen Arzneimittelschatz. Erheblich zahlreicher sind nun schon diejenigen Medicinalpflanzen, welche die Karok-Indianer in Nord-Californien gebrauchen. Es sind 13 Arten. Von den Twana-, den Chemakum- und den Klallam-Indianern werden uns 18 Arten aufgeführt. Aus dem Seranglao- und Gorong-Archipel wird von 25 Droguen berichtet. Bowditch konnte von den Aschanti 34 zusammenstellen.

Auf der niederländischen Expedition nach Mittel-Sumatra fand man daselbst 38 Droguen im Gebrauch. Von den Chippeway-Indianern führt Hoffmann 56 Medicinal-Droguen auf, und Paulitschke fand bei den Harrarî 65 und darunter 3 für veterinäre Verwendung. Am reichhaltigsten ist ein bei Schoolcraft veröffentlichtes Verzeichniss, in welchem sich 89 Medicinaldroguen zusammengestellt finden. Dieselben werden von den nordamerikanischen Indianern benutzt und zwar im Besonderen von den Dacota, den Creek, den Winnebagos und den Chippeways.

Fig. 45. Ziegenhorn mit Arznei. Battaker. Museum f. Völkerkunde, Berlin. Nach Photographie.

Aber auch das, was der alte Paulini mit dem Namen » heylsame Dreck-Apotheke« bezeichnet hat, finden wir unter den Medicamenten der Naturvölker. Und überraschen wird es uns nicht, denn auch heutigen Tages noch ist ja unsere eigene Volksmedicin voll von dergleichen Medicamenten. Wir könnten höchstens verwundert sein, dass wir nicht häufiger auf derlei unappetitliche Mittel stossen. Es möge hier nur erinnert werden an die Excremente des Dalai Lama. Auch Pillen von Taubenkoth kommen vor und zwar bei den Indianern von Süd-Californien. Koth wird als Mittel zu Umschlägen von den Dieyerie in Süd-Australien benutzt. Den menschlichen Urin oder Pferdeharn als Heiltrank finden wir bei einzelnen Stämmen, den Ersteren in Canada, den Letzteren bei den Annamiten. In Persien wird der Bärenurin vielfach in den Apotheken gefordert. Unter den Süd-Australiern von Adelaide ist Frauenharn als äusserliches Mittel bei allerlei Krankheiten hochgeschätzt.

In Annam wurden die ausgefallenen Milchzähne der Kinder zu Medicamenten verarbeitet. Die Indianer von Canada benutzen nach der Aussage eines Eingeborenen zuweilen gekochtes Menschenfleisch als Medicin. Das Blut eines Menschen als Heilmittel innerlich zu nehmen, ist bei ihnen ebenfalls in Gebrauch, und das Gleiche finden wir bei den von Serpa Pinto besuchten Ganguella-Negern in Afrika. Von den Letzteren wird bisweilen auch das Blut von Thieren benutzt. Der innerliche Gebrauch von Menschenblut in Krankheitsfällen ist »sehr gewöhnlich« bei den wilden Stämmen vom Maclay-River in Queensland. Das für diesen Zweck nothwendige Blut gewinnen sie dann folgendermaassen: »Die Frau des Kranken besorgt ein hohles Conjeboi-Blatt und ein starkes Stück Strick aus festgeflochtenem Opossum-Fell gefertigt. Sie zieht dann den Strick mit Gewalt rückwärts und vorwärts über ihr Zahnfleisch, bis dieses schrecklich verletzt ist und profus blutet. Sie speit das Blut, wenn es ausfliesst, in das Conjeboi-Blatt, und fährt fort, ihr Zahnfleisch zu bearbeiten, bis sie eine erhebliche Menge Blut hat, welches dann von ihrem kranken Manne hinunter geschluckt wird.« Diese Leute nehmen aber auch das eigene Blut als Heilmittel ein, jedoch pflegen sie es dann zuvor zu kochen.

Fig. 46. Medicinlöffel der Singhalesen. Mus. f. Völkerkunde, Berlin. – Nach Photographie.

In dieser Zusammenstellung dürfen wir den Speichel nicht vergessen, der ja auch noch unter den Heilmitteln unseres Volkes eine hervorragende Stelle einnimmt. Bei den Naturvölkern erfahren wir nichts darüber, ob es wie bei unserer Landbevölkerung auch der »nüchterne Speichel« sein muss. Wir finden ihn namentlich in Nias in Anwendung. Hier heilt er, mit gelöschtem Kalk gemischt auf die Stirn gestrichen, Kopfschmerzen; es ist aber nöthig, dass er von Jemandem stammt, der Sirih gekaut hat. Das gleiche Mittel, ohne den Kalk, ist im Stande, das Jucken bei Hautausschlägen zu beseitigen. Auch gegen Fieberanfälle reiben sie solchen Sirih-Speichel ein.

Aus dem Thierreich treten uns auch mancherlei merkwürdige Droguen entgegen, z. B. Fischthran bei den Ostjaken gegen Verstopfung, sammt ihren Federn verkohlte Turteltauben gegen allerlei Krankheiten in Laos, geschabte Hörner vom Reh und vom Axis-Hirsch in Tonkin gegen Incontinentia urinae und Spermatorrhoe. Tigerknochen und Tigerzähne brauchen die Annamiten gegen den Keuchhusten; die Brühe eines Affenkopfes wird in Laos gegen die Pocken angewendet; und bei den Ostjaken rühmt man das Herz und die Galle vom Eisbären als Heilmittel gegen Kinderkrankheiten und Syphilis. Gegen Schweissfüsse lassen die Annamiten Schuhe aus Elephantenhaut tragen. Auf der Insel Flores benutzt man gegen Kopfschmerzen einen Batu bawi genannten rundlichen Stein, welcher angeblich aus dem Gehirn des Stachelschweines stammen soll (Fig. 47).

Fig. 47. Stein, angeblich aus dem Gehirn des Stachelschweins. Mittel gegen Kopfschmerzen. Flores. Mus. f. Völkerkunde, Berlin. Nach Photographie.

Von den Medicamenten der Marutse in Süd-Afrika sagt Holub: »Von thierischen Stoffen gebraucht man Knochenstaub, gebranntes Knochenpulver, die Schuppen des Schuppenthieres, die Riechstoffe enthaltenden Drüsen gewisser Säugethiere und thierische Excremente u. s. w. Aus Büffelfett gearbeitete Armringe und Brustbänder sollen gewisse Krankheiten bannen und gegen menschliche Nachstellungen schützen.«

48. Medicamentös behandelte Krankheiten.

Entsprechend diesen immerhin nicht ganz kleinen Ziffern ist auch die Anzahl der Krankheiten, gegen welche diese Mittel von den betreffenden Naturvölkern in Anwendung gezogen werden, keine ganz geringe, und somit können wir auch nicht umhin, ihnen auch die Fähigkeit zuzutrauen, eine ganze Menge verschiedener Krankheiten doch schon recht wohl zu unterscheiden. Fast wäre es ja auch unnatürlich, wenn es nicht so sein sollte. Das müssen wir ohne Weiteres zugeben, wenn wir uns nun einmal näher ansehen, welche Krankheiten es denn nun eigentlich sind, welche hier hauptsächlich in Betracht kommen. Da stehen obenan Fieberfrost und Fieberhitze, Durchfälle und Verstopfung, Magenverstimmung, Kopfschmerz, Nasenbluten, Leibschmerzen und Rheumatismus. Es folgen Verbrennungen, Wunden und Hautausschläge, Pocken, Dysenterie, Epilepsie und Geisteskrankheiten. Aber auch Augen- und Ohrenleiden, Asthma, Husten, Schwindsucht und Lungenentzündungen, allerlei Frauenleiden, Hernien und Blasensteine werden beobachtet, kurz wir würden sehr unrecht thun, die diagnostischen Fähigkeiten der Naturvölker uns gar zu gering und unbedeutend vorzustellen. Wir wollen darauf verzichten, hier alle die Krankheiten namentlich aufzuführen, gegen welche sie besondere Heilmittel in Anwendung ziehen. Auf einige dieser Erkrankungen aber werden wir an späterer Stelle wieder zu sprechen kommen.

Fig. 48. Ziegenhorn mit Arznei. Battaker. Mus. f. Völkerkunde, Berlin. Nach Photographie.

49. Die Beschaffung der Arzneimittel.

Wenn wir nun auch, wie schon oben gesagt, die Verzeichnisse dieser von den Naturvölkern benutzten Medicinal-Droguen hier nicht wiederholen wollen, so wird es doch nicht ganz ohne Interesse sein, zu erfahren, in welcher Weise diese Volksstämme respective ihre Medicin-Männer sich das Material für ihre Medicamente verschaffen, wie sie die Letzteren sich herstellen und wie sie dieselben aufbewahren.

Schon bei dem Einsammeln des Rohmateriales müssen einige Vorschriften sorgfältig beobachtet werden. In der Landschaft Kroë in Ost-Sumatra kann das Einsammeln sowohl, wie auch das Bereiten der Heilmittel nur an ganz bestimmten Tagen vorgenommen werden, und es müssen dabei von dem Medicin-Manne gewisse Gebetformeln gemurmelt werden, welche er auch später bei der Behandlung des Kranken wiederholt. Auf Tanembar und den Timorlao-Inseln erfolgt das Einsammeln in grosser Gesellschaft. Alle Sammelnden und ihre Begleiter müssen bei dieser Gelegenheit beten:

»O Dudilaa! lass mich sehen, dass diese Blätter, einst getrunken, gut sind!«

In dem Seranglao- und Gorong-Archipel benutzt man einen Extract von den Blättern der Nipa fructicans gegen das Erysipelas. Bevor man die Blätter abpflückt, muss man einen silbernen Ring unter dem Baume vergraben und dabei folgende Formel sprechen:

»Sei mir gegrüsst, o Prophet Loqman, der Weise! Ich lege hier den Ring nieder und nehme Dein Heilmittel.«

Hat man die Blätter aber abgepflückt, dann wird der Ring wieder ausgegraben.

Hier mag daran erinnert werden, dass nach den Vorschriften der altindischen Medicin bei der Präparirung des Quecksilbers für Heilzwecke folgendes Gebet gesprochen werden musste:

» Ugra, ich grüsse Dich und, o Ugra, ich biete meine Ehrfurcht dar! Goraksha, Ishwara, Sarva, Schiva und Badra, ich grüsse Eure verschiedenen Formen, und ich bitte um Euren gnädigen Beistand, damit diese Medicin wirksam werde!«

In Keisar wird dem Baume, von welchem der Medicin-Mann die Heildrogue nahm, nach glücklich erfolgter Heilung ein Dankopfer dargebracht.

An der Loango-Küste bedarf es für die Beschaffung der Medicin nächtlicher Beschwörungen, bei denen dann die mit ihren geheimen Namen angerufenen Fetische in der Gestalt von Hunden, Ziegen u. s. w. dem Ganga erscheinen und ihm die nothwendige Arznei, sowie den Ort, wo sie zu finden ist, bezeichnen.

Fig. 49. Stäbchen mit 12 Stücken Calmus-Wurzel, zum Heiltrank f. Wöchnerinnen dienend. Golden. Mus. f. Völkerkunde, Berlin. Nach Photographie.

Die in Koetei in Borneo als Medicinal-Drogue gebrauchten Raoen-Kräuter werden des Nachts dem Thau ausgesetzt, um ihre Heilkraft zu erhöhen. Auch in Cambodja glaubt man an eine Heilwirkung des Nachtthaues. Alan breitet dort in kühlen Nächten in der trockenen Jahreszeit des Abends ein weisses Baumwollenstück über das Gras. Des Morgens ringt man es aus in den Phtel, ein Gefäss von Metall, welches jede Familie besitzt. Dieses Thauwasser mit dem flüssigen Harze des Baumes Thbeng gemischt, giebt ein erfrischendes Getränk gegen innerliche Hitze.

50. Die Bereitung der Arzneimittel.

Bei den Indianern Nord-Amerikas, und zwar bis nach Alaska hinauf, wirkt nicht die Drogue an und für sich, sondern durch des Medicin-Mannes Zauberkraft wird ihr erst die Heilwirkung mitgetheilt. Alle Naturproducte, welche er sich für seinen medicinischen Gebrauch dienstbar zu machen beabsichtigt, müssen in geheimnissvoller Weise gekocht, umgerührt, geschüttelt und filtrirt werden, und Rasseln mit der Zauberrassel, Summen, Murmeln und Singen von Beschwörungen müssen alle diese Processe begleiten. Hierdurch erst erlangen sie die rechte und heilkräftige Wirksamkeit.

Jacobsen erzählt von den Indianern des Copper-River: »Die Medicin-Männer machen ihre Zaubermittel oder die Einweihung der Amulets auf folgende Weise. Der Schamane wirft sich zunächst in seine festliche Tracht, die aus einer Art Schürze besteht, die mit Vogelschnäbeln oder den Füssen der wilden Gebirgsziege behängt ist. Er bemalt sein Gesicht, bedeckt seinen Kopf mit einer Art Hut oder je nach der Medicin, welche er machen will. mit einer Maske und nimmt seine Rassel in die Hand. In der Mitte des Hausraumes wird ein grosses Feuer entzündet, um welches er in Gegenwart herbeigeströmter Einwohner seinen Tanz ausführt.«

»Wenn die Siamesen ein Arzneimittel bereiten, so befestigen sie, wie Bastian berichtet, an den Rand des Gefässes mit mystischen Worten beschriebene Papiere, um zu verhindern, dass die Pet-Phaya-Thong (gewisse böse Luftgeister) die Kraft des Heilmittels in der Ausdünstung hinwegnehmen.«

Auch bei den Ganguella-Negern, welche Serpa Pinto besuchte, muss der Medicin-Mann. während er seine Arzneien mischt und zubereitet, eine Anzahl von Ceremonien ausführen und bestimmte Beschwörungsformeln hersagen, ohne welche die Medicin ihre Wirkung verfehlen würde; und etwas ganz Aehnliches berichtet Holub von den Betschuanen: »Die gesammelten Pflanzentheile werden sodann getrocknet, geröstet oder zerstampft und dann ein Pulver oder Absud derselben als Heilmittel erklärt, wobei jedoch gewisse Sprüche und Formalitäten bei der Zubereitung, wie bei der Verabreichung zu beobachten sind.«

Fig. 50. Umflochtenes Büffelhorn, aus dem Besessene trinken müssen. Borneo. Mus. f. Völkerkunde, Berlin. Nach Photographie.

Besonderer Gehülfen bedarf man dabei auch zuweilen. So muss der Arzt der Minangkabauer in Sumatra in Krankheitsfällen siebenerlei bestimmte Stoffe zusammenbringen, jedoch darf er sie nicht selber zurechtmachen, sondern das muss durch eine reine Frau geschehen, d. h. durch eine Frau, welche im Augenblick nicht ihre Menses hat. Auch ein berühmtes Volksmittel auf dem Seranglao- und Gorong-Archipel, das in keinem Hause fehlt, muss von besonderen Personen hergestellt werden. Es ist ein geweihtes Oel, das als Antidotum gegen Vergiftungen dient. Man fertigt es aus einer jungen rothen Kalapa, welche Morgens von der Sonne beschienen ist. Ein Knabe muss sie Freitags pflücken, der noch keinen geschlechtlichen Umgang gehabt hat. Das Oel wird dann von einem Mädchen zubereitet, welches rein ist und zuvor gebadet hat, und endlich muss der Geistliche noch einige Segenssprüche darüber beten.

51. Die Aufbewahrung der Arzneimittel.

Die Medicin-Männer der nordamerikanischen Indianer pflegen einen Theil ihrer Droguen sorgfältig zu trocknen und dann in ihren Mörsern zu pulverisiren. So sind die Stoffe dann unkenntlich geworden. Sie werden dann in Thierfellsäcken oder Blasen aufbewahrt, welche undurchlässig für die Luft und zum Theil auch für das Wasser sind. Diejenigen von dem Racoon, von der Otter (Fig. 51) und von dem Stinkthier sollen auf die darin aufbewahrten Heilmittel noch ganz besondere Kräfte und heilsame Eigenschaften übertragen.

Der Beutel ist aus dem Fell eines ganzen Thieres gemacht, mit den Haaren nach aussen, und oft mit Perlen und Stachelschweinstacheln verziert. Dem pulverisirten Medicamente sind oft noch andere Stoffe beigemischt, um seinen Geruch und Geschmack zu verdecken und es so für den Laien unkenntlich zu machen.

Fig. 51. Medicin-Sack der Missouri-Indianer. Mus. f. Völkerkunde. Berlin. Nach Photographie.

Es ruht aber auch ein eigener Zauber auf diesen Medicin-Beuteln. Niemals unvorbereitet darf sie der Medicin-Mann öffnen, sondern zuvor muss er durch die Ceremonie eines Dampfbades die nöthige Weihe hierfür erhalten. Wenn ein Medicin-Mann längere Zeit auf der Reise war und wenn er annimmt, dass die Pflanzen in seinem Medicinsacke durch Feuchtigkeit oder andere Umstände gelitten haben, »so construirt er eine Hütte, geht in dieselbe, sein Weib macht Steine heiss, bringt sie hinein und trägt Sorge, dass der Dampf (durch Aufgiessen von Wasser erzeugt) gut darin bleibt. Der Mann raucht, singt, spricht einige Gebete und kommt heraus. Dann bereitet er ein Fest für den Abend oder für den nächsten Tag vor. Er ladet zuerst einen anderen Mediciner ein, zu welchem er sagt, dass er nöthig habe, seine Pflanzen zu prüfen, dass er im Begriffe stehe, ein Fest zu geben, zu welchem er ihn bitte, einzuladen, wer ihm beliebt. Dieser Letztere macht die Einladungen nach seinem Gefallen, ohne Ansehen der Person, gleichgültig ob Mediciner oder nicht, allein Männer. Die Eingeladenen treten ein, dem Laufe der Sonnenbewegung nach, ihren Weg zur Hütte machend. Sie setzen sich und jeder stellt eine leere Schüssel vor sich hin, welche er mitgebracht hat; Pfeifen werden vorbereitet und der Befehl, sie zu benutzen, wird abgewartet. Der, welcher das Fest giebt, sagt kanagakana, jeder einzelne wiederholt kanagakana, zündet an und raucht. Während das Rauchen im Gange ist, nimmt derjenige, der mit den Einladungen beauftragt war, den Kessel, geht herum und füllt die Schüsseln. Der Unternehmer macht eine kurze Erzählung in Bezug auf die Besichtigung seines Medicin-Sackes und endet mit dem Worte kanagakana, welches jeder wiederholt, und dann beginnen sie zu essen: »aber bevor sie den ersten Mundvoll herunterschlucken, speit jeder ein kleines Stück vor sich auf die Erde, für die Geister. Die Schüsseln werden dann umgekehrt und alle ziehen sich still zurück, gemäss der vorgeschriebenen Ordnung. Hier bleibt nur mit dem Unternehmer derjenige zurück, der mit den Einladungen betraut war. Sie inspiciren dann den Sack gemeinsam geheimnissvoll und ohne dass irgend Jemandem von der Familie gestattet ist, Kenntniss von dieser Operation zu haben.« ( Schoolcraft.)

Einen Medicin-Beutel tragen auch die Ganga bei den Loango-Negern. Er ist mit einem rothen Tuch umwunden und mit Glöckchen behängt und enthält Steine, Muscheln, Nüsse, Hornstücke, Schlangenzähne u. s. w., von denen kleine abgeschabte Theilchen als mächtige Medicin betrachtet werden. Der Medicin-Beutel eines Medicin-Mannes der Basutho wird in Fig. 20 vorgeführt.

Fig. 52. Perlen-Halsband der Zulu-Kaffern in Natal, mit daranhängenden Medicamenten und Antilopenhörnerspitzen, welche Arzneien enthalten. Im Besitz des Verfassers. – Nach Photographie.

Auch bei den Australnegern von Victoria tragen die Medicin-Männer ihre Medicin-Steine und ihre Zauberknochen vom Emu in einem Belang genannten Beutel. Sie dürfen ihn nie aus den Augen lassen, denn solange sie ihn behüten, können sie niemals von Krankheit befallen werden. Aber manchmal ist sein Len-bamoorr, sein übernatürlicher Beschützer, mit dem Medicin-Manne unzufrieden und führt diese Schätze aus dem Beutel in denjenigen eines anderen Medicin-Mannes über. Dann ist von dem ersten die Kraft gewichen, er verfällt in Krankheit und ist in kurzer Zeit todt.

Das Berliner Museum für Völkerkunde besitzt in seinen Sammlungen mehrere Gefässe, die zum Aufbewahren von Medicamenten dienen. Von Bonerate ist es ein einfaches, schmuckloses Holztöpfchen und ein mit eingeschnittenen Ornamenten versehenes Holzgefäss (Fig. 44).

Von der Mündung des Kapuas in Borneo ist es ein Horn in einem hübschen, polychromen Bohrgeflecht (Fig. 50). Aus ihm trinken die von den Sangiang, den Luftgeistern Besessenen Arac. Von den Battakern in Sumatra stammen zwei Ziegenhörner (Fig. 45, 48) mit einem reichgeschnitzten Deckel. Sie sind mit Arznei gefüllt und die Schnitzerei des Deckels stellt ein menschliches Figürchen dar, welches auf einer anderen reitet. Eine kleine Vase mit sehr zauberkräftiger Medicin, welche angeblich aus Menschenfleisch gefertigt ist, rührt ebenfalls von den Battakern her (Fig. 54). Auch sie ist mit einem Deckel verschlossen, welcher einen Reiter zu Pferde trägt. Diese Figur soll den Pangulu balang, d. h. den Geist der Medicin, darstellen.

Einer absonderlichen Art, die Medicinen aufzubewahren, begegnen wir bei den Zulu-Kaffern von Natal. Ich verdanke dem Herrn Missionar Prozesky ein Halsband (Fig. 52) derselben, das aus schönen erbsengrossen, opakgelben Perlen gefertigt ist. In unregelmässigen Abständen sind allerlei Dinge zwischen den Perlen befestigt, das Stück eines Entenschnabels, Holz- und Wurzelstücke und namentlich eine Anzahl von zugeschnittenen Spitzen von Antilopenhörnern. Diese Hörner sind es nun, welche zur Aufbewahrung der Medicinen bestimmt sind und zwar enthält ein jegliches ein Medicament gegen eine andere Krankheit. Aber auch die Wurzelstücke u. s. w. sind gleichfalls wichtige Arzneien und auch sie müssen bei bestimmten Leiden herhalten.

Fig. 53. Medicinlöffel der Singhalesen. Nautilusschale. Mus. f. Völkerkunde, Berlin. – Nach Photographie.

Die Schamanen der Golden in Sibirien lassen für die Wöchnerinnen einen Heiltrank aus der Wurzel des Kalmus abkochen. Die dazu nöthigen Wurzelstücke geben sie dem Ehemann der Patientin zu Zwölfen auf ein Stäbchen aufgereiht (Fig. 49).

Bei den Singhalesen finden wir besondere Löffel zum Einnehmen der Medicin. Theils sind es Abschnitte aus Nautilusschalen (Fig. 53), theils auch sind es niedere runde oder gestreckt herzförmige Schälchen aus einem sehr hart gebrannten Thon (Fig. 46).

52. Die Züchtung der Arzneipflanzen.

Für gewöhnlich sind diese in der Heilkunde benutzten Droguen dem Pflanzenleben in Wald und Feld, das die Naturvölker rings umgiebt, entnommen. Auch ihre Nutzpflanzen kommen zur Verwerthung, wie Reis, Pisang, Cocus, Pfeffer u. s. w. Es kommen aber sogar Beispiele vor, wenn auch nur vereinzelt, dass bestimmte Pflanzen ganz speciell für den medicinischen Gebrauch angepflanzt werden. Wir treffen dieses bei den Annamiten und in Sumatra.

Die Eingeborenen von Mittel-Sumatra brauchen den in Palmöl gekochten, milchweissen Saft einer Cactuspflanze, welche den Namen Soedoe-soedoe führt, zu Einträuflungen bei dem Ohrenlaufen der Kinder. Dieser Cactus wird besonders von ihnen angepflanzt, damit sie den Saft für den genannten Zweck zu ihrer Verfügung haben.

Die annamitischen Zauberärzte gebrauchen vielfach ein Knollengewächs, dem sie besondere magische Wirkungen beimessen. Diese unter dem Namen Ngâi bekannte Pflanze wächst wild in den Bergen, aber der Zauberarzt züchtet sie auch heimlich in seinem Hause oder im Felde. In bestimmten Zwischenräumen muss er dort, wo er sie angepflanzt hat, seinem Schutzgeist einen weissen Hahn opfern. Er legt denselben mit gebundenen Füssen nieder und spricht bestimmte Beschwörungsformeln. Am anderen Morgen findet er dann nichts mehr von dem Hahn vor, als die Federn.

53. Das Einnehmen der Medicin.

Um den Medicamenten die nöthige Kraft zu verleihen, müssen schon bei dem Einsammeln der Droguen, wie wir sahen, gewisse Gebete gesprochen, bei der Bereitung bestimmte Beschwörungen gemurmelt werden. Aber auch bei dem Eingeben der Medicin wiederholen sich bisweilen ähnliche Dinge. So betet man auf Keisar zu Mahkarom manouwe, vordem man die Arznei einnehmen lässt, dass er eine günstige Wirkung veranlassen möge. Wenn man im Seranglao- und Gorong-Archipel ein Kind Curcuma-Saft gegen Verstopfung trinken lässt, so muss man dabei sprechen:

»In dem Namen des gütigen Gottes. Ich glaube an Gott, seine Engel, seine Gesandten, seine Bücher und an die Vorherbestimmung, und dass das Gute sowohl, als das Böse von Gott kommt.«

Fig. 54. Gefäss mit sehr zauberkräftiger Medicin der Battaker. Museum für Völkerkunde, Berlin. Nach Photographie.

Bei den nordamerikanischen Indianern berichtet Schoolcraft von einer Art von Medicin-Männern, welche, wenn sie sich vorbereitet haben, dem Kranken die Arznei einzugeben, sich an dieselbe wenden, als wenn es eine empfindende Person wäre und sagen:

»Du bist geschaffen worden für den Gebrauch des Menschen; Du sollst die Pflicht erfüllen, für welche Du bestimmt worden bist; Du sollst den Körper dieses Mannes reinigen; Du sollst wirken gleich einem, der reinfegt und reinigt alles, was an ihm schadhaft ist; und wenn Du zu kräftig bist, so sollst Du zurückkehren aus des Patienten Körper, ohne ihm Schaden zu thun.«

Als eine der originellsten Erscheinungen wohl verdient es hervorgehoben zu werden, wenn wir sehen, dass der Medicin-Mann die von ihm dem Kranken bereitete Arznei mit diesem gemeinsam selber einnimmt. Dieses beobachtete Matthews bei einer grossen Heil-Ceremonie der Navajó-Indianer, dem sogenannten » Gesang gegen die Berge«, von welchem früher bereits die Rede war. Bei dem einen Akte dieser Feierlichkeit besprengte der Medicin-Mann mit einer Abkochung Kopf, Brust und Augenbrauen der in besonderer Weise gemalten Gottheiten und gab darauf der Patientin in zwei Absätzen davon zu trinken. Auch ihre Begleiterin musste zwei Schluck davon nehmen, und schliesslich nahm der Medicin-Mann selber in zwei Absätzen davon ein. Die Zuschauer erhielten den Ueberrest und sie trockneten sorgfältig die Schüssel aus, damit kein Tropfen verloren ginge.

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