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Die Medicin der Naturvölker

Max Bartels: Die Medicin der Naturvölker - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorMax Bartels
titleDie Medicin der Naturvölker
publisherTh. Grieben's Verlag
year1893
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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II.
Die Krankheit.

2. Das Wesen der Krankheit.

Wer mit dem medicinischen Wissen und Können der Naturvölker sich zu beschäftigen beabsichtigt, der darf den Versuch nicht unterlassen, zuvor darüber ins Klare zu kommen, was für Anschauungen bei denselben über die Natur und das Wesen desjenigen Zustandes bestehen, welchen man mit dem allgemeinen Worte Krankheit zu bezeichnen pflegt. Was ist nach dem Glauben der Naturvölker die Krankheit und wie entsteht dieselbe? Das sind die beiden Cardinalfragen, welche in erster Linie beantwortet werden müssen. Denn eine sehr grosse Zahl von therapeutischen Maassnahmen müssen vollkommen unverständlich für uns bleiben, wenn wir nicht in diese Begriffe einzudringen und uns im Geiste hineinzuversetzen im Stande sind. Sehr vieles, was uns widersinnig und gedankenlos aussieht, wird uns verständlich und muss uns als ein ganz logisches und wohldurchdachtes Vorgehen erscheinen, sobald wir einen hinreichenden Einblick gewonnen haben, was die Naturvölker sich unter der Krankheit und ihren Ursachen vorstellen, und manches Schlaglicht wird dabei gleichzeitig auf die sympathetischen und ähnliche Curmethoden geworfen werden, wie sie uns auch heutiges Tages noch in der Volksmedicin der Culturvölker entgegentreten.

Wenn wir nun auf die erste Frage wieder zurückkommen: was ist Krankheit? so ist man gewöhnlich sehr schnell mit der Antwort bei der Hand, indem man sagt: Krankheit ist der Einfluss böser Geister. Nun hat es ja allerdings seine Richtigkeit, dass vielfach die Naturvölker die Krankheit mit den Dämonen in eine bestimmte ursächliche Verbindung bringen. Wir finden dieses in Amerika, Asien, Oceanien und Afrika und, wenn wir genau hinsehen, auch in Europa.

Dass dieses hier auch die Ansicht der Gebildeten war. das beweist folgender Ausspruch von Martin Luther:

»Ueber das ist khein Zweyfel, dass Pestilentz und Fiber und ander schwer Krankheyten nichts anders sein, denn des Teufel werkhe.«

Aber wenn wir die Sache eingehender betrachten, so kommen wir mit einer solchen Erläuterung leider doch nicht viel weiter. Denn es entsteht natürlicherweise sofort die neue Frage, was ist das für ein Einfluss und wie äussert er sich? Es bleibt daher nichts anderes übrig, als den Versuch zu machen, sich doch noch etwas tiefer in diese Gedankengänge der Naturvölker hinein zu versetzen, soweit das immerhin noch spärliche Material es gestattet, das uns durch Reisende und andere wissenschaftliche Beobachter zugänglich gemacht worden ist.

Da zeigt es sich denn sehr bald, dass es nicht allein die dämonischen Einflüsse sind, durch welche die sogenannten Wilden die Krankheiten hervorgerufen glauben, sondern dass hier auch noch eine ganze Reihe anderer Factoren in Wirksamkeit treten. Wir müssen diese Factoren jetzt einer gesonderten Betrachtung unterziehen, indem wir noch einmal uns die Frage vorlegen, was ist nach dem Glauben der Naturvölker die Krankheit?

Die erste zutreffende Antwort lautet: die Krankheit ist ein Dämon (es können aber auch gleichzeitig mehrere sein). Hier schliesst sich gleich eine zweite Auffassung an: Die Krankheit ist der Geist eines Verstorbenen. Die Krankheit ist aber auch ein Thier oder der Geist eines Thieres; und endlich ist die Krankheit auch das Saugen oder Zehren eines dämonischen Menschen. Man könnte nun allerdings hier den Einwand erheben, dass dieses doch im Grunde genommen eigentlich alles als unter den Begriff der Dämonen fallend aufgefasst werden kann. Denn sie alle umschlingt doch ein gemeinsames Band und die Geister der Verstorbenen sowohl, als auch die in den Körper des Kranken eingedrungenen Thiere und deren Geister und ganz besonders auch die dämonischen Menschen wird man doch immerhin in den Sammelbegriff der bösen Geister einzureihen berechtigt sein.

Aber wir sind mit unseren Definitionen der Krankheit auch noch nicht zu Ende und es zeigt sich, dass wir gar nicht selten verschiedenen Krankheits-Definitionen bei demselben Volke begegnen. Es ist das ein recht deutlicher Beweis dafür, dass ihnen ihre Dämonen-Theorie doch nicht alle ihnen zur Beobachtung kommenden Krankheitsfälle in befriedigender Weise zu erklären vermochte.

Die Krankheit ist, um in unseren Betrachtungen fortzufahren, ferner etwas Belebtes, ein Animatum, welches nicht genauer präcisirt wird. In den Beschwörungsformeln der deutschen Volksmedicin wird es mit der Fähigkeit begabt, umherzuwandern und auf gestellte Fragen Rede und Antwort zu stehen. So heisst es in einer von Frischbier citirten Beschwörung aus Bürgersdorf bei Wehlau in der Provinz Preussen, um » das Geschoss«, eine Erkrankung, bei welcher necrotische Knochensplitter ausgestossen werden, zu besprechen:

Christus ging auf einen hohen Berg,
Er begegnete dem Geschoss.
Geschoss
, wo gehst du hin?
Ich gehe, den Menschen die Knochen ausbrechen,
Das Blut aussaugen.
Geschoss, ich verbiete es dir,
Gehe wo die Glocken klingen
Und die Evangelien singen!

Auch dieses kann man allenfalls noch in die Dämonengruppe einrangiren.

Die Krankheit ist ferner ein Fremdkörper, der, sichtbar oder unsichtbar, auf oder häufiger in des Kranken Körper sich befindet.

Die Krankheit ist aber auch ein Gift.

Die Krankheit ist die Ortsveränderung eines Körperbestandtheiles, welch letzterer entweder überhaupt den Körper verlässt oder innerhalb desselben sich an eine falsche Stelle begiebt.

Die Krankheit ist dann auch noch der übernatürliche Verlust eines Körperbestandtheiles.

Die Krankheit ist aber ferner auch eine Behexung, eine Verfluchung, eine Bestrafung, der Wille oder ein Geschenk der Götter u. s. w., aber mit diesen letzteren Erklärungen treten wir eigentlich schon in die zweite Frage ein, nämlich in diejenige: Wie entsteht die Krankheit?

3. Die Krankheit ist durch Dämonen bedingt.

Um zu erforschen, was für eine Vorstellung sich die Naturvölker von der Entstehung der Krankheit machen, wird es am zweckmässigsten sein, in erster Linie die dämonischen Einflüsse näher zu erörtern. Denn es braucht, nach dem im vorigen Abschnitte Besprochenen, wohl kaum erst darauf hingewiesen zu werden, dass für gewöhnlich mehrere Entstehungsursachen für die Krankheiten verantwortlich gemacht zu werden pflegen.

Als das Werk der bösen Geister, oder durch den Einfluss der Dämonen entstanden, werden uns die Krankheiten von den Karaya-Indianern in Brasilien, von den Eingeborenen der Mentavej-Insel in Indonesien, von Dorej und Andai in Neu-Guinea, von Siam, vom westlichen Borneo, von Mittel-Sumatra und auf den Inseln Buru und Serang, sowie auf den Kêi-, den Tanembar- und Timorlao-Inseln und vom Seranglao- und Gorong-Archipel u. s. w. berichtet. Dieses »Werk« oder dieser »Einfluss« ist ohne allen Zweifel in den allermeisten Fällen die Besitzergreifung des betreffenden Menschen, welche in der Weise stattfindet, dass der böse Geist in den Körper hineinfährt und nun ist er also die Krankheit.

An eine solche Besitzergreifung durch einen Dämon, beziehungsweise ein Hineinfahren desselben in den ihm verfallenen unglücklichen Menschen, also an eine Besessenheit des Kranken, glauben die Koniagas und andere Eingeborne von Alaska und Britisch-Columbien, die Chippeway-Indianer, die Austral-Neger in Victoria, die Siamesen, die Niasser und die Einwohner von Ambon und den Uliase-Inseln. Es soll hiermit aber nicht gesagt sein, dass nicht auch noch sehr viele andere Völkerschaften an eine Besessenheit in Krankheitsfällen glauben; aber von den genannten Volksstämmen liegen mir directe Nachrichten hierüber vor.

Die Phi Pob sind Dämonen in Siam, welche von den Zauberern besonders gezüchtet werden, um sie dann in die Körper ihrer Mitmenschen zu jagen. Auch die bösen Geister Rahang fahren dort in die Menschen und zerfressen ihnen die Eingeweide.

Die Eingeborenen von Victoria betonen es besonders, dass selbst bejahrte und weise Männer von den Krankheitsdämonen besessen werden können.

Eigenthümlich ist die Auffassung der Mosquito-Indianer, dass der Dämon nur von dem erkrankten Körpertheile Besitz ergriffen habe.

Es kannten übrigens auch bereits die Assyrer und Akkader Dämonen, welche von besonderen Körpertheilen Besitz ergriffen. Das ersehen wir aus einer Beschwörungsformel, welche der Thontafel-Bibliothek des Assurbanhabal (des Sardanapal der Bibel) aus dem Königspalaste von Niniveh entstammt. Es heisst darin:

»Gegen den Kopf des Menschen richtet seine Macht der fluchwürdige Idpa,
Gegen das Leben des Menschen der grausame Namtar,
Gegen den Hals des Menschen der schändliche Utuq,
Gegen die Brust des Menschen der verderbenbringende Alal,
Gegen die Eingeweide des Menschen der böse Gigim,
Gegen die Hand des Menschen der schreckliche Telal

Die Bewohner des Seranglao- und Gorong-Archipels lassen nicht den Dämon selber, sondern dessen Schatten in den Kranken hineinfahren, der dann die Eingeweide des unglücklichen Menschen verzehrt.

Eine ganz besonders reiche Ausbildung hat diese Dämonologie bei den Singhalesen auf Ceylon erfahren. Dieselben erkennen sogar für eine ganze Reihe von einzelnen Krankheitssymptomen besondere Dämonen an. So haben sie z. B. die Teufel der Blindheit, der Taubheit, der Krämpfe, der einseitigen Lähmung, des Zitterns, der Fieberhitze, der Fieberphantasien u. s. w. Wir werden auf dieselben später noch zurückkommen.

Aber nicht in allen Fällen fährt der die Krankheit verursachende böse Geist in den Körper des von ihm auserkorenen Menschen hinein. Bei den Annamiten greift der Dämon die Menschen an, er attackirt sie, und macht sie dadurch krank.

Unter den zahlreichen Krankheits-Dämonen in Siam leben die wilden Teufel Phi Du in den Wäldern. »Diese fallen meist von den Bäumen auf die Vorübergehenden herab, da sie zornigen Gemüthes sind und sich für Gesetzwidrigkeiten rächen oder strafen wollen.« Auf diese Weise erzeugen sie die Malaria-Erkrankungen. Eine andere Art der Wald-Dämonen, welche den Namen Phi Disat, d. h. Dreckteufel, tragen, stellen im Dickicht Netze aus. Wen sie in diesen unsichtbaren Netzen fangen, der verfällt in eine schwere Krankheit, gegen welche die ärztliche Kunst sich machtlos erweist. Nur durch kräftige Beschwörung vermag hier Hülfe gebracht zu werden.

In Süd-Australien schlägt der Dämon, gewöhnlich in Menschengestalt, sein auserwähltes Opfer. So hatte ein Eingeborener angegeben, es sei in der Nacht ein anderer Schwarzer gekommen und habe ihm einen Schlag in das Genick versetzt; darauf sei derselbe in einer Flamme zum Himmel aufgeflogen. An der bezeichneten Stelle hinten am Halse entwickelte sich bei dem Manne ein grosses Blutgeschwür.

Die Marokkaner fassen die Cholera als einen Dämon auf, der die von ihm ausgewählten Opfer schlägt.

Die Harari in Central-Afrika benennen die von uns als Hexenschuss bezeichnete rheumatische Erkrankung mit dem Namen Teufelsschlag.

Auch eine Stelle aus dem Buche Hiob (2, 7) ist hier der Erwähnung werth. Sie lautet:

Da fuhr der Satan aus vom Angesichte des Herrn und schlug Hiob mit bösen Schwären von den Fusssohlen an bis auf seinen Scheitel.

Der Begriff der Besessenheit ist den europäischen Völkern wahrscheinlich erst durch die biblischen Vorstellungen zum Bewusstsein gekommen. Denn Erzählungen von Besessenen treffen wir ja in der Bibel wiederholentlich an, und wie tief dieselben in dem Geiste gläubiger Gemüther zu haften vermögen, das haben allbekannte Vorkommnisse der allerjüngsten Zeit in hinreichender Weise dargethan. Dass aber diese Art der Auffassung dem deutschen Volke wenigstens eine künstlich aufgepfropfte ist, das beweist, wie ich glauben möchte, zur Genüge der auch heute noch zu Recht bestehende Sprachgebrauch. Die Krankheit ist allerdings belebt, sie ist eine Persönlichkeit, welche man ganz wohl unter die Schaar der bösen Geister einordnen kann; aber sie fährt nicht in den Menschen hinein, sondern sie tritt von aussen an ihn heran, sie packt fast oder ergreift ihn, sie wirft ihn nieder, sie schlägt ihn, sie rüttelt, schüttelt und reisst ihn, sie nagt und zehrt an ihm, sie bricht ihm die Glieder, sie tödtet ihn, oder sie lässt ihn wieder los, so dass der Mensch ihr glücklich entrinnt.

4. Das Aussehen der Krankheitsdämonen.

Den Teufel soll man nicht an die Wand malen; das ist ein Satz, der auch bei den Naturvölkern zu Recht zu bestehen scheint. Nur in sehr seltenen Fällen wenigstens begegnen wir bildlichen Darstellungen von den Dämonen, welche die Krankheiten veranlassen. Für gewöhnlich scheint dann ein besonderer therapeutischer Zweck mit diesen Darstellungen verbunden zu sein. Es hat den Anschein, als wenn man den Dämonen ihr eigenes hässliches Bildniss zeigen wolle, um sie vor sich selber erschrecken zu lassen und sie auf diese Weise zu vertreiben, ähnlich wie man wohl ein eigensinnig schreiendes Kind vor den Spiegel führt, damit es sich vor seinem eigenen verzerrten Gesicht entsetze und so »der Bock hinausgejagt werde«.

So haben wir wahrscheinlich gewisse Masken aufzufassen, die in scheusslicher Form mit greller Bemalung bestimmte Krankheitsteufel zur Darstellung bringen. Vielleicht glauben die Leute aber auch, dass die Dämonen ihre Macht und ihren Einfluss verlieren, wenn sie sich davon überzeugen, dass die Menschen, die sie überfallen wollen, sie entdeckt und sie richtig erkannt haben, dass diesen genau ihr Aussehen und ihre Gestalt bekannt ist, ganz ähnlich wie in dem deutschen Märchen das Rumpelstilzchen sein Anrecht an sein auserkorenes Opfer verlor und nichts auszurichten vermochte, als es hört, dass man seinen Namen kennt.

Die Singhalesen glauben an eine ganze Anzahl von Dämonen, welche, wie wir bereits oben gesagt haben, besondere Stadien und Symptome der Krankheiten zu Stande bringen. Sie werden durch Holzmasken dargestellt, abscheulich verzerrte Menschengesiechter, bemalt mit grellen Farben, blau, gelb, grün, roth, braun u. s. w. Sie sind Trabanten des Mahâkola Yakscha (Fig. 1) und 18 von ihnen sollen nach Freudenberg die verschiedenen Stadien der Sannileda oder Majanleda d. h. des Unterleibs-Typhus bedeuten. Sannijâ ist ihr gemeinsamer Name, was nach Grünwedel In nächster Zeit wird eine Monographie über diesen Gegenstand von Herrn Grünwedel als Supplementheft zu dem Internationalen Archiv für Ethnographie in Leiden erscheinen. soviel bedeutet als convulsivische, krankhafte Zustände, welche in Folge von Störungen der drei Humores der altindischen Medicin entstehen.

Wir haben einige dieser Sannijâ schon genannt. Es mögen noch ein paar andere hier ihre Erwähnung finden. Da ist der Gulmasannijâ, der Teufel der Wurmkrankheiten, der Wâtasannijâ, der Teufel der rheumatischen Schmerzen, der Kanasannijâ, der Teufel, durch welchen der Kranke sein Gesicht einbüsst, der Nagâsannijâ (Fig. 2), der Teufel, welcher Schmerzen verursacht, die denen des Bisses der Brillenschlange ähnlich sind, der Dschalasannijâ, der Teufel durch den der Leib des Kranken kalt wird u. s. w.

Fig. 1. Mahâkola Yukschu mit seinen 18 ihn begleitenden Krankheits-Dämonen. ( Singhalesen). Mus. f. Völkerkunde Berlin. Nach Photographie.

Diese Masken werden zur Beschwörung der Krankheits-Dämonen in der Weise benutzt, dass der Medicin-Mann, in diesem Falle der sogenannte Teufelstänzer, sich eine ganz schmale Hütte errichtet mit einer grossen Anzahl von Nischen, in deren jeder er eine dieser Masken aufstellt. Vor der Maske errichtet er einen kleinen Altar, auf welchem er dem Dämon opfert, während der Kranke auf einer Tragbahre vor ihm liegt. Nach dem Opfer nimmt der Teufelstänzer die betreffende Maske vor das Gesicht und tanzt um den Patienten, bis er schliesslich bewusstlos, also wahrscheinlich hypnotisirt, zu Boden fällt. Er wird dann nach Hause getragen und nun muss der Kranke geheilt sein.

Holzmasken, welche Krankheits-Dämonen mit verzerrten Menschengesichtern darstellen, haben auch die Onondaga-Indianer in Nord-Amerika (Fig. 3 u. 4). Dieselben sollen die bösen Geister Hondoi bedeuten, welche den Menschen Krankheiten und Unglück bringen. Sie werden durch Tänze versöhnt und durch Speise- und Tabaksopfer. Dann aber beschützen sie die Menschen und bewahren sie vor Krankheit sowohl, als auch vor Behexung und Bezauberung.

Bildliche Darstellungen von Dämonen der Krankheit finden wir auch bei den wandernden Zigeunern des südöstlichen Europas. Dieselben glauben, dass Ana, die schöne Königin der Keshalyi oder Feen, sich wider ihren Willen mit dem abscheulichen Könige der Loçolico, der Dämonen, vermählt und ihm neun Kinder geboren habe. Das sind die neun Miseçe, die Bösen d. h. die Dämonen, welche Krankheiten bringen. Sie gingen mit einander Ehen ein und haben unzählige Kinder gezeugt, welche ähnliche Eigenschaften wie die Eltern besitzen. Hieraus erklären sich die vielfachen Variationen im Verlaufe der Krankheiten.

Fig. 2. Nagâsannijâ, Krankheits-Dämon der Singhalesen, welcher Schmerzen verursacht, die denen des Brillen Schlangenbisses ähnlich sind. Mus. f Völkerkunde Berlin. Nach Photographie.

Um sich vor diesen Dämonen zu schützen, muss man seinen Leib oder seinen Arm mit einer besonderen Binde umgeben, in welche das Abbild des Dämons in bestimmten Farben von der Zauberfrau hineingenäht ist. Auch in kleine Holztäfelchen brennt sie die Dämonenfiguren mit einer glühenden Nadel ein.

Diese neun Dämonen sind Melalo, der Schmutzige, von der Gestalt eines weitausschreitenden kleinen Vogels mit zwei Köpfen. »Alle Krankheiten, bei denen Paroxismus, Bewusstlosigkeit, auftritt, werden dem Melalo zugeschrieben, der entweder im Leibe des Kranken haust, oder

seinen Nebel darin zurückgelassen hat.« Lilyi, die Schleimige (Fig. 5), hat die Gestalt eines Fisches mit einem langbehaarten Menschenkopf. »Wenn sie in den Körper eines Menschen hineinschlüpft und wieder herauskommt, so lässt sie in seinem Leibe eines ihrer schleimigen Haare zurück, wodurch eben die schleimige Krankheit entsteht.« Catarrhe und Ruhr werden von ihr verursacht.

Fig. 3. , Fig. 4. Holzmaske der Onondaga-Indianer, einen Krankheits-Dämon darstellend. Mus. f. Völkerkunde Berlin. Nach Photographie.

Tçulo, der Dicke, der Fette, »hat die Gestalt einer kleinen Kugel, welche dicht mit kleinen Stacheln besetzt ist. Wenn er sich im Leibe des Menschen herumrollt, so verursacht er die heftigsten Unterleibsschmerzen; besonders haben schwangere Weiber viel von ihm zu leiden.«

Fig. 5. Lilyi, Krankheits-Dämon der Zigeuner. Nach v. Wlislocki.

Tçaridyi, die Heisse, die Glühende, »hat die Gestalt eines kleinen Wurmes, dessen Leib dicht mit Haaren besetzt ist. Im Leibe des Menschen lässt sie einige Haare zurück, wodurch die » Hitze«, das Kindbettfieber entsteht.«

Shilalyi, die Kalte, »erzeugt im Menschen das kalte Fieber und hat die Gestalt einer kleinen weissen Maus, die unzählige Füsse besitzt.«

Bitoso, der Fastende, ist der unschuldigste aller seiner Geschwister. Denn er verursacht nur Kopf- und Magenschmerzen, Appetitlosigkeit u. s. w. »Er hat die Gestalt eines vielköpfigen kleinen Wurmes, der in dem betreffenden Körpertheil durch seine ungemein raschen Bewegungen Schmerzen verursacht. Dieselbe Form besitzen auch seine Kinder, die ebenfalls weniger gefährliche Krankheiten erzeugen, wie Zahnschmerzen, Bauchgrimmen, Ohrensausen, Wadenkrämpfe u. s. w.«

Fig. 6. Poreskoro, Krankheits-Dämon der Epidemien. Zigeuner. Nach v. Wlislocki.

Lolmisho, Rothmaus, macht die Ausschlagskrankheiten und hat, wie schon sein Name besagt, die Gestalt einer kleinen rothen Maus.

Minceskre, die vom weiblichen Geschlechtstheile. verursacht die Krankheiten der Genitalien sowohl bei den Frauen, wie bei den Männern, mit Einschluss aller venerischen Erkrankungen. Sie ruft diese Krankheiten dadurch hervor, dass sie des Nachts als ein haariger Käfer über den Leib des Menschen hinwegkriecht.

Poreskoro, der Geschwänzte, ist der neunte und letzte dieser Krankheits-Dämonen. Er sowohl als auch seine Kinder sind hermaphroditischen Geschlechts. Cholera, Pest und andere Epidemien sind die Krankheiten, welche sie bringen. Auch die Seuchen unter dem Vieh werden von dieser Sippe verursacht (Fig. 6). »Der Poreskoro hat vier Katzen- und vier Hundeköpfe, ferner einen Vogelleib und einen Schlangenschweif.« Brechen Epidemien aus, so wird sein Bild mit glühender Nadel in ein Holztäfelchen eingebrannt und dieses dann ins Feuer geworfen.

Auf den Alloresen wird ebenfalls ein dämonisches Wesen figürlich dargestellt, welches von den Eingeborenen als Bringer der Krankheiten betrachtet wird. Es ist die Ular Nâga (Fig. 7), eine drachenartige, liegende Holzfigur mit dickem Kopf und phantastischen Hörnern und mit einem langen Schwanze. Vor sich hat sie eine kleine Schale von Holz, in welche man die Opfergaben legt, durch die man die Krankheiten abzuwehren bemüht ist.

Der Krankheitsbringer der Altai-Völker ist der schreckliche Erlik Kan, der Beherrscher der Unterwelt, dessen Aussehen eine von Radloff gegebene Beschwörungsformel der Schamanen mit folgenden Worten schildert:

»Du Erlik, auf schwarzem Rosse
Hast ein Bett aus schwarzem Biber,
Deine Hüften sind so mächtig.
Dass kein Gürtel sie umspannt,
Deinen Hals, den allgewalt'gen,
Kann kein Menschenkind umfangen;
Spannenbreit sind Deine Brauen,
Schwarz ist Deines Bartes Fülle,
Blutbefleckt Dein graues Antlitz.
O, Du reicher Kan Erlik,
Dessen Haare strahlend funkeln,
Immer dienet Dir als Eimer
Eines todten Menschen Brust.
Menschenschädel sind Dir Becher,
Grünes Eisen ist Dein Schwert,
Eisen Deine Schulterblätter,
Funkelnd ist Dein schwarzes Antlitz,
Wellend flattern Deine Haare.
Bei der Thüre Deiner Jurte
Stehen viele mächt'ge Throne.
Einen ird'nen Dreifuss hast Du,
Eisern ist Dein Jurtendach.
Reitest den gewalt'gen Ochsen.
Zum Bezug für Deinen Sattel
Reicht nicht eines Pferdes Haut.
Helden stürzen, reckst die Hand Du,
Pferde stürzen, wenn den Bauchriem,
Fürchterlicher, Du nur festziehst!
O, Erlik, Erlik. mein Vater!
Was verfolgest Du das Volk so?
Sag', was richtest Du zu Grund es?
Schwarz, wie Russ ist stets Dein Antlitz.
Finster glänzend, wie die Kohle,
O, Erlik, Erlik, mein Vater!
Von Geschlechtern zu Geschlechtern
In dem langen Lauf der Zeiten
Ehren wir Dich Tag' und Nächte,
Von Geschlechtern zu Geschlechtern.
Bist ein hochgeehrter Führer!«

Fig. 7. Ular-naga , Krankheits-Dämon der Alloresen. Mus. f. Völkerkunde Berlin. Nach Photographie.

5. Die Geister Verstorbener als Ursache der Krankheit.

An die bösen Geister schliessen wir naturgemäss die Seelen der Verstorbenen oder der Vorfahren als die Krankheitsbringer, beziehungsweise als die Krankheit selber an. Wenn in dem Tode die Seele von dem Körper scheidet, so fliegt sie in vielen Fällen unstät in der Luft umher und ist eifrig bemüht, von Neuem in einem Körper sich eine andere Behausung zu suchen. Gelingt ihr dieses, so wird derjenige, der nun von ihr beseelt wird, in seinem ganzen körperlichen Gleichgewichte beeinträchtigt, – er wird krank. Eine solche Anschauung finden wir z. B. bei den Dacota-Indianern und in ähnlicher Weise auch in Ambon und den Uliase-Inseln. Aber nicht nur der Wunsch, wiederum ein körperliches Substrat zu besitzen, veranlasst die Seelen der Vorfahren als Krankheitserreger in die Menschen zu fahren, sondern auch der Zorn über allerlei Vernachlässigungen und Versündigungen des jetzigen Geschlechts. Wenn wir davon zu sprechen haben werden, dass die Krankheit als eine Strafe auftritt, so werden wir uns noch einmal mit diesem Gegenstande beschäftigen müssen. Die soeben besprochenen Anschauungen herrschen vornehmlich auf den zahlreichen Inselgruppen des malayischen Archipels. Die Namen für diese Art umherschweifender Geister wechseln, im Wesentlichen aber kommt es immer auf die gleichen Gedankengänge hinaus.

Bei den Papua der Geelvinkbai in Neu-Guinea darf eine soeben zur Wittwe gewordene Frau lange Zeit hindurch das Haus nicht verlassen; denn wenn sie es thäte und hierbei anderen begegnete, so glaubt man, dass der Geist ihres verstorbenen Gatten diesen eine Krankheit anhauchen würde.

Für ganz besonders gefährlich werden die Geister unter besonderen Umständen Gestorbener erachtet, so namentlich die Geister von den unglücklichen Weibern, welche während der Entbindung oder im Wochenbett ihr Leben lassen mussten. Aber auch die Geister von Schwangeren und auch von Jungfrauen, sowie von todtgeborenen oder gleich nach der Geburt gestorbenen Kindern können den Ueberlebenden grosse Gefahren bringen.

Die Annamiten fürchten die Con Ranh oder Con Lôn. Es sind das die Geister todtgeborener oder in sehr zartem Alter gestorbener Kinder, welche immer bestrebt sind, sich zu verkörpern ( lôn bedeutet in das Leben eintreten) und welche, wenn sie in einen Körper eingedrungen sind, unfähig sind, zu leben. Man nennt ihren Namen nicht in der Gegenwart von Frauen, da man fürchtet, dass sie sich sonst an diese machen möchten, und eine Neuvermählte hütet sich in der gleichen Furcht, von einer Frau etwas anzunehmen, oder ein Kleidungsstück zu tragen, welche bereits einmal oder gar mehrmals unrichtige Wochen gehalten hat.« Es bedarf besonderer Maassnahmen, um sich von den einmal an der Familie haftenden Con Ranh zu befreien.

Ehelos gestorbene Mädchen bringen in Griechenland Kindern den Tod, in Siam tödten sie diejenigen, welche sie bei ihren Tänzen überraschen. Auch in Serbien tanzen die Seelen von Jungfrauen und tödten die Jünglinge; es müssen aber Bräute gewesen sein. In Annam verursachen sie Geisteskrankheiten, wie wir später noch sehen werden. In Indien fährt der Geist einer im Brautstände Verstorbenen in den Körper der späteren Frau ihres einstigen Bräutigams und redet aus ihr heraus und zwar lauter Uebles gegen ihre Nachfolgerin.

In hohem Maasse gefürchtet sind die Geister der während der Entbindung gestorbenen Frauen. Auf Java suchen dieselben in Kreissende zu fahren, und diese werden dann wahnsinnig. In dem Seranglao- und Gorong -Archipel, auf Ambon und den Uliase-Inseln, auf den Kêi-Inseln und auf der Insel Djailolo werden sie zu bösen Geistern, welche die Kreissenden quälen und deren Entbindung zu verhindern suchen. Auf Djailolo, auf den Kêi-Inseln und ebenso auch auf Selebes stellen sie auch den Männern nach, um dieselben zu entmannen und sich auf diese Weise für die Befruchtung zu rächen, welche sie ins Unglück gestürzt hat. Auch die vorher erwähnten Geister der Neugeborenen in Annam werden von dem Geiste einer während der Niederkunft gestorbenen Frau gehütet, gewiegt und ausgesendet, um ihren schädlichen Einfluss auszuüben.

Bei den Ewe-Negern an der Sklavenküste werden die bei der Entbindung verstorbenen Weiber zu Blutmenschen.

Im Wochenbett gestorbene Frauen werden in Borneo und auf Nias ebenfalls zu Dämonen, welche auf ersterer Insel überhaupt als Plagegeister der Lebenden umherschwärmen, auf Nias aber hauptsächlich den Kreissenden und den Schwangeren nachstellen und den letzteren die Frucht im Mutterleibe tödten, so dass dieselben abortiren.

In Annam fahren die Geister der eben an den Pocken Gestorbenen in ihre Verwandten und machen sie dadurch ebenfalls pockenkrank. Das gilt aber nur für die schweren Formen dieser Krankheit: die leichten schreibt man natürlichen Ursachen zu.

In Mittel-Sumatra herrscht der Glaube, dass die dem Menschen Krankheiten bringenden Buschgeister, Hantoc, aus dem Blute von solchen Personen entstehen, welche durch irgend einen Unfall verwundet und dabei ums Leben gekommen sind.

Die Seelen der Gehängten, der plötzlich Verstorbenen, oder der durch die Pest dahingerafften Menschen werden in Siam zu den Dämonen Phi-Tai-Hong.

6. Dämonische Menschen als Ursache der Krankheit.

Auch dämonische Menschen vermögen Krankheiten zu verursachen. Wir dürfen sie nicht verwechseln mit Zauberern, welche ebenfalls, wie wir sehr bald sehen werden, allerlei Krankheit erzeugen können. Die dämonischen Menschen dagegen bringen nicht durch Zauberkraft, welche in die Ferne wirkt, sondern durch eigenen directen Angriff auf den auserkorenen Körper die Krankheit zu Stande. Ein gutes Beispiel für ihre Thätigkeit ist der allbekannte Vampyr, und auch der Wehrwolf ist hierher zu rechnen.

Wir müssen einen Uebergang zu diesen Anschauungen bereits in dem vorher angeführten Glauben der Ewe-Neger erblicken, nach welchem die im Wochenbett verstorbenen Weiber zu Blutmenschen werden. Solch einen Blutmenschen haben wir uns doch zweifellos ganz ähnlich zu denken wie einen Vampyr, oder noch besser, wie den sogenannten Doppelsauger des pommerschen Landvolkes. Die Vorstellung aber, dass lebendige Menschen in dieser Weise unheilbringend wirken können, findet sich bei den eingeborenen Malayen von Mittel-Sumatra. Hier führen solche dämonische Menschen den Namen Palãsiëq.

»Die Palãsiëq, sagt van Hasselt, sind eigentlich keine Geister, sondern Menschen, welche die Macht haben, den Kopf mit dem Halse oder auch die Eingeweide von ihrem Körper zu trennen, so dass die Theile ein selbstständiges Ganzes bilden, das meistens Nachts den Körper verlässt, um umherzuschleichen, wo Jemand gestorben, verwundet, ermordet oder geboren ist, um da das Blut aufzulecken. Unter das Haus, worin ein Kind geboren ist, legt man darum allezeit Dornbüsche, um die Palãsiëq abzuwehren. Ist Jemand verwundet und kann man das ausströmende Blut nicht stillen, dann heisst es: ›der Palãsiëq hat an der Wunde gesogen‹; dadurch ist diese unheilbar geworden und der Verwundete muss sterben.«

»Es besteht ein grosser Abscheu vor einer Heirath mit Jemandem, der Palãsiëq ist, aber dennoch, sagt der Malaye, kommen diese Heirathen vor, weil man es nicht immer weiss. Der Palãsiëq hat die Macht, sich unsichtbar zu machen, jedoch ist er dann an seinem Geräusch zu erkennen.«

An der Loango-Küste können bestimmte Zauberer unsichtbar bei Nacht ihre Opfer beschleichen und ihnen, gleich einem Vampyr, das Blut aussaugen.

In der Provinz Cueba in Mexico gab es nach den Berichten von Oviedo eine ausserordentliche Plage, welche durch die erschreckliche Ausdehnung des Saugens schaudererregende Folgen herbeiführte. Die Personen, Männer und Frauen, welche diese dämonische Gewohnheit anfingen, wurden von den Spaniern Chupadores genannt. Sie gingen des Nachts aus, um bestimmte Einwohner zu besuchen. An diesen sogen sie stundenlang und wiederholten dieses Nacht für Nacht, bis endlich ihre unglücklichen Opfer so dürr und abgemagert waren, dass sie in vielen Fällen vor Erschöpfung starben.

Es erinnert dieses alles an einen auch heute noch bestehenden Aberglauben der Süd-Slaven, bei welchen diese dämonischen Menschen aber keine besondere Gruppe des Volkes bilden. Bei ihnen hat jegliches Weib, das zur Hexe geworden ist, die Fähigkeit und die Gewohnheit, derartiges Unheil anzurichten. Allerdings muss sie nach dem Glauben der Montenegriner, um diese Fähigkeit zu erlangen, zuvor ihr eigenes Kind gefressen haben. »Ueberfällt wo eine Hexe einen Schläfer,« schreibt Krauss, »so versetzt sie ihm mit ihrer Zaubergerte vorerst einen Streich über die linke Brustwarze, worauf sich der Brustkorb von selber öffnet. Die Hexe reisst nun das Herz heraus, frisst es auf, und die Wunde in der Brust wächst von selber gleich wieder zu. Manche ausgeweidete Menschen sterben auf der Stelle, andere wieder schleppen ihr Dasein noch einige Zeit weiter, soviel Lebensfrist ihnen die Hexe nach der That noch zu bescheiden für gut befunden, ja sie bestimmt ihnen noch die besondere Todesart, an welcher sie sterben müssen. Zuweilen betheiligen sich auf einmal mehrere Hexen an solchem Mahle.«

7. Thiere im Körper als Ursache der Krankheit.

Die Krankheit, aufgefasst als ein Thier, das in den menschlichen Körper gerathen ist, finden wir wiederum bei sehr vielen Völkerschaften. Sehr richtig sagt bereits van Hasselt, dass dieses Thier im Grunde genommen dann doch weiter nichts ist, als ein böser Geist, der eben in dieser Gestalt sich verkörpert hat. Darum sprechen auch in solchen Fällen die Dacota-Indianer bisweilen nicht von einem Thiere selbst, sondern von dem Geiste des betreffenden Thieres. Diese Thiere können nicht nur kleine, wirbellose Thiere sein, sondern auch Reptilien und Amphibien. Vögel und sogar Säugethiere. Ja als ein Curiosum müssen wir es hier anfügen, dass die Dacota-Indianer selbst eine Besessenheit durch einen Baum für möglich halten. Unter den Thieren, welche als Krankheit in den menschlichen Körper eindringen, steht bei weitem in Bezug auf die geographische Verbreitung obenan der Wurm. Entweder ist es nur ein einzelner, oder es sind deren gleich mehrere. Wir müssen es natürlicherweise unentschieden lassen, in wie weit eine wirkliche Naturbeobachtung zu einer solchen Auffassung der Krankheit beigetragen hat. Es kann ja doch keinem Zweifel unterliegen, dass bei den in nicht zu kalten Klimaten lebenden Völkern die Wunden, welche, wie wir später sehen werden, sehr häufig ohne jeglichen Verband gelassen werden, den Fliegen zum Absetzen ihrer Eier dienen und sich daher sehr bald mit Fliegenlarven, d. h. also nach dem allgemeinen Sprachgebrauche mit Würmern bedecken werden. So haben die Verletzten also Würmer aus ihrem Körper hervorkriechend sichtbarlich vor Augen, und das Brennen und Schmerzen der Wunde mögen sie wohl als durch diese unschuldigen Thiere verursacht betrachten. Auch das gelegentliche Abgehen von Helminthen bringt ihnen wohl die Ueberzeugung bei, dass ihr Körper von Würmern bewohnt sein könne, und es ist dann doch nur ein Schritt, dass bei grösseren Leiden die kleinen Würmer sich in ihrer Phantasie auch zu grösseren Thieren entwickeln.

Izidlanga, d. h. Fresser, nennen die Xosa-Kaffern solche Thiere im Körper.

An einen Wurm als Personification der Krankheit glauben die Sioux und einige ihnen benachbarte Indianer-Stämme, aber auch die Central-Mexicaner, ferner die Harrarî in Afrika, die Siamesen, die Aaru-Insulaner und die Eingeborenen von Selebes und von Mittel-Sumatra: ebenso auch die vorher schon erwähnten Xosa-Kaffern.

Die Annamiten betrachten einen Wurm im Körper als das Wesen und die Ursache der asthmatischen Beschwerden. Dieser Wurm hat die fatale Gewohnheit, bei dem Tode seines Wirthes dessen Körper zu verlassen und sich einen der Verwandten oder der Freunde des Verstorbenen als neue Wohnung auszusuchen. Die Folge dieses Aberglaubens ist, dass einen sterbenden Asthmatiker die Freunde und Verwandten im Stiche lassen und fremden Leuten seine letzte Pflege übertragen.

Auch Hiob klagt in seiner Krankheit:

Mein Fleisch ist um und um würmicht.

Und ähnlich tritt in dem deutschen Volksglauben der Wurm oder mehrere Würmer im Körper ganz unverkennbar als die Krankheit auf. Am bekanntesten ist das Panaritium, der Wurm am Finger; ein auch den Siamesen geläufiger Begriff. Aber auch sonst noch treffen wir mehrfach auf Würmer als das Wesen der Krankheit, was namentlich in manchen Beschwörungsformeln recht deutlich zu Tage tritt.

Es heisst in einer Beschwörungsformel für ein krebsartiges Geschwür, welche in Neudorf bei Graudenz gebräuchlich ist:

Der Herr ging zu ackern auf des Herrn Acker.
Er nahm drei Fuhren im dürren Wackern.
Er fand drei Würmer.
Der erste hiess Gehwurm,
Der zweite hiess Streitwurm.
Der dritte hiess Haarwurm.
Alle Würmer haltet ein,
Lasset ab von des Nächsten Fleisch und Bein.

Bei den Klamath-Indianern und ebenfalls bei den Sioux und den Xosa-Kaffern kann das Thier aber auch ein Insect, bei den Central-Mexicanern eine grosse Ameise sein. Den Frosch als Krankheit treffen wir bei den Klamath- und den Karok- und anderen Indianern Nord-Californiens, die Schlange bei den Klamath, den Karok und bei den Eetar-Insulanern, die Eidechse bei den Xosa-Kaffern und die Schildkröte bei den Dacotas.

Ein Vogel, und zwar im Kopfe des Kranken, veranlasst auf Eetar die Epilepsie, und auf den Tanembar- und den Timorlao-Inseln die Epilepsie und die Geisteskrankheiten. Wir Deutsche sind also nicht berechtigt, uns auf die Neuheit unseres Gedankens etwas einzubilden.

Ein Holzspecht ist es bisweilen bei den Twana-, den Chemakum- und den Klallam-Indianern, welcher am Herzen seines Opfers herumpickt.

Wenn es dem Arzte in Siam gelingt, die höchst gefährlichen Krankheits-Dämonen Phi Xin aus dem Körper des Patienten herauszutreiben, so sieht man, wie sie in der Gestalt eines schwarzen Vogels, einer Krähe ähnlich, von dannen fliegen. Dann darf der Arzt aber nicht von dem Kranken gehen, denn wenn er ihn verlassen würde, so kehrt im Augenblick der dämonische Vogel in seine vorige Behausung zurück und zerhackt dem Patienten die Eingeweide und dann erfolgt unausbleiblich der Tod.

Auch bei den Klamath-Indianern in Oregon werden bisweilen verschiedene Vögel als die Bringer der Krankheit verantwortlich gemacht. Sie rühmen sich dessen selber in Beschwörungsgesängen. So lautet der Eine:

»Ich, der junge Holzspecht, habe Krankheit herbeigebracht.«

Ein anderer heisst:

»Die von mir, der Lerche, gebrachte Krankheit breitet sich überall aus.«

Auch der Kranich und mehrere Enten treten als Krankheitserreger auf:

»Die gebrachte Krankheit kommt von mir, dem jungen Wákash-Kranich.«
»Eine Krankheit ist gekommen, und ich, die Wá-u'htuash-Ente, habe sie hervorgerufen.«

Die Mámaktsu-Ente und die Mpampaktish-Ente singen jede:

»Bauchschmerz ist die Krankheit, welche ich mit mir bringe.«

Aber auch noch grössere Thiere können im Körper des erkrankten Menschen stecken, entweder in Substanz oder als Geist des Thieres. Das kann bei den Twana-, den Chemakum- und den Klallam-Indianern ein Eichhörnchen, bei den Sioux-Indianern ein Stachelschwein sein, auf den Luang- und Sermata-Inseln ein Bock, auf den Inseln Leti, Moa und Lakor eine Ziege, in den beiden letzten Fällen als Hervorbringer der Epilepsie.

Die Otter wird bei den Klamath-Indianern für die Pocken verantwortlich gemacht. Der Medicin-Mann singt bei der Beschwörung in ihrem Namen:

»Die Pocken, von mir gebracht, der Otter, sind bei Euch,«

und der Chor fällt dann ein:

»Der Otter Schritt hat den Staub aufgewirbelt.«

Bei den Dacota-Indianern kann das in den Körper des Patienten eingedrungene Thier sogar ein Hirsch sein, oder ein Bär.

Ein Bär wird auch den Twana-Indianern, sowie den Chemakum und den Klallam von bösen Zauberern in das Herz geschickt, um an ihm zu fressen und sie auf diese Weise krank zu machen.

Hier schliesst sich ein Glaube der Siamesen, der Karen und der Laoten an, über welchen Bastian berichtet hat:

»Die Zauberer der Laos sowohl wie die der Karen sind wohlerfahren in der Sai Khun genannten Zauberkunst, indem sie sich auf die Haut eines Büffels oder eines Ochsen setzen und dieselbe durch Hexerei kleiner und kleiner zusammenschrumpfen lassen, so dass sie zuletzt zu weniger als Handbreite reducirt wird. Dieses comprimirte Stück wird dann in Wasser aufgelöst, und wenn man davon gegen einen Menschen spritzt, so erfolgt der Tod, da in dessen Innerem sich die Haut wieder zu der ursprünglichen Form eines Ochsen oder Büffels aufbläht und so den Körper zerreisst. Beim Verbrennen der Leiche eines so Getödteten bleibt ein Klumpen zäher Masse unverkohlt zurück, und die Siamesen bestechen oft die Bestatter, ihnen ein Stück davon zu verschaffen, denn wer ein Stück davon gegessen hat, bleibt für die Folge gegen solchen Zauber geschützt.«

8. Fremde Substanzen im Körper sind die Krankheit.

Von diesen Anschauungen ist es eigentlich nur noch ein Schritt bis zu dem Glauben, dass die Krankheit ein in dem Inneren des Patienten steckender Fremdkörper sei. Diese Fremdkörper werden bei verschiedenen Volksstämmen den Leidenden und ihrer Umgebung ad oculos demonstrirt, indem der Arzt sie aus ihrem Körper heraussaugt und sie dann aus seinem Munde zum Vorschein bringt (Fig. 8). Derartige Verkörperungen der Krankheit sind z. B. Strohhalme bei den Australnegern in Victoria, Holzstücke in Victoria, Süd-Australien, auf den Aaru-Inseln und auf den Inseln Eetar, Leti, Moa und Lakor; eine Bohne bei den Xosa-Kaffern, Dornen auf den drei zuletzt genannten Inseln und auf Selebes. Ein Erdklumpen ist es auf Eetar, ein Stückchen Kohle in Süd-Australien, ein Eisenstück bei nordamerikanischen Indianern, ein Korallenstück auf den Kêi-Inseln, Muschelschalen auf den letzteren und auf Leti, Moa und Lakor. Nordamerikanische Indianer sehen als die verkörperte Krankheit auch bisweilen die Krallen eines Thieres an, die Tatzen eines Bären, die Stacheln des Stachelschweins, die Eingeborenen Victorias ein Stück Opossumfell. Fischgräten sind die Krankheit häufig auf Eetar, auf Leti, Moa und Lakor, auf den Aaru- und Kêi-Inseln, Knochenstücke auf den Kêi-Inseln und den Inseln Buru und Eetar, bei den Siamesen, bei den Australnegern in Süd-Australien und Victoria, sowie bei den Klamath-Indianern und bei verschiedenen Stämmen in Britisch-Columbien. Als ein Stein markirt sich die Krankheit auf Selebes, Eetar, Leti, Moa, Lakor, den Kêi-Inseln, in Siam und bei den Ipurina-Indianern in Brasilien, aber auch bei sehr vielen nordamerikanischen Indianer-Stämmen.

Fig. 8. Krallen und Fellstücke, welche der Medicin-Mann der Klamath-Indianer dem Kranken aussaugt. Mus. f. Völkerkunde Berlin. Nach Photographie

Bei den letzteren ist die Sache aber wohl noch ein wenig anders aufzufassen. Der einer besonderen Ordensverbindung angehörige Arzt bringt allerdings, wenn er die Krankheit von dem Patienten fortgenommen hat, einen Stein aus seinem Munde hervor, aber es ist jedesmal derselbe, der ausserdem auch noch zu anderweitigen Ceremonien gebraucht wird. Und da nun bei gewissen Stämmen sich die vier verschiedenen Grade dieses Ordens unter anderem auch durch die Form dieser Steine unterscheiden (für welche übrigens auch Schneckenhäuser in Kraft treten), so wird man, wie ich glaube, wohl den Vorgang so auffassen müssen, dass die dem Kranken entnommene, nicht näher substantiirte Krankheit durch die übernatürliche Kraft des Arztes in dessen Munde gleichsam zu der Form des betreffenden Steines coagulirt, aber dass nicht etwa dieser Stein (oder das Schneckenhaus) selber als Krankheit in dem Körper des Leidenden gesessen habe.

Wir finden auch noch bei anderen Völkern, dass die Krankheit, wenn man so sagen darf, als ein körperloser Fremdkörper aus dem Patienten entfernt und dann fortgeworfen oder ausgespieen wird; so bei den Bilqula, den Isthmus-Indianern, den Bakairí in Brasilien und den Eingeborenen in Süd-Australien und Victoria.

Einer besonderen Art eines fremden Stoffes, welcher die Krankheit verursachen kann, haben wir noch zu gedenken. Die Niasser nämlich glauben, dass die Béla, die bösen Geister, gewisse Stoffe, namentlich Asche auf den Körper werfen, wodurch dann Stiche und Hautausschläge entstehen. Hieran erinnert ein Zauber der Australneger in Victoria.

»Ein Stück Baumrinde wird in die Hand genommen und heisse Asche wird nach der Himmelsgegend geworfen, wo man weiss, dass der feindliche Stamm lagert, und ein Gesang wird angestimmt und alle Vögel in der Luft werden aufgefordert, die Asche fortzutragen und sie auf den bestimmten Mann fallen zu lassen. Die Asche verursacht es, dass sein Fleisch vertrocknet, und der Mann verdorrt und wird wie ein abgestorbener Baum. Er ist nicht fähig, sich umherzubewegen, und endlich stirbt er.«

9. Die Krankheit verursacht durch einen magischen Schuss.

Einer besonderen Art von Fremdkörper müssen wir noch gedenken, das ist das in den Körper des Kranken eingedrungene magische Geschoss. Dasselbe kann eine Gewehrkugel sein oder ein Stein, ein Geschoss von Stroh oder eine Kugel von Haaren. Wir finden dasselbe bei verschiedenen Indianer-Stämmen durch unsere Berichterstatter erwähnt.

So glauben die Ipurina-Indianer in Brasilien, dass ihre Medicin-Männer im Stande sind, Abwesende durch ihre mit magischer Kraft begabten Medicin-Steine zu verletzen und zu tödten. Der Medicin-Mann wirft sie in der entsprechenden Richtung, in welcher er den Auserlesenen vermuthet, gegen diesen. Derselbe empfindet dann sofort einen heftigen Stich, wie von einer Wespe, und von dieser Zeit an siecht er langsam dahin und stirbt.

Von den Creek-Indianern berichtet Caler Swan im Jahre 1795:

»Stiche in der Seite und rheumatische Schmerzen, welche bei ihnen häufig sind, werden oft als Wirkung magischer Wunden betrachtet. Sie glauben fest, dass ihre Feinde unter den Indianern die Kraft besitzen, sie, wenn sie im Schlafe liegen, auf eine Entfernung von 500 Meilen zu schiessen. Sie beklagen sich oft, dass sie von einem Choctaw oder Chicasaw aus der Mitte dieses Volkes geschossen worden sind, und sie schicken oder gehen direct zu der erfahrensten Aerztin, um Hülfe zu suchen. Die erfahrene Frau erzählt ihm, dass das, was er beobachtet hat, wirklich wahr sei, und beginnt ihn auszufragen und die Cur zu machen. In diesen Fällen ist Ritzen und Schröpfen das Heilmittel; oder, was oft stattfindet, sie saugt an dem befallenen Theile mit ihrem Munde und bringt vor seine Augen ein Fragment einer Kugel, oder Stücke von Stroh, welche sie vorsorglich in ihrem Munde verborgen hatte, um den Glauben an dasjenige zu befestigen, was sie versichert hatte; darauf werden wenige magische Tränke verordnet, und der Patient ist gesund gemacht.«

Eine an Brustfellentzündung leidende Choctaw-Indianerin war nach der Aussage des Medicin-Mannes von einem Zauberer mit einer magischen Kugel von Haaren geschossen worden.

Die Zauberer der Twana-, der Chemakum- und der Klallam-Indianer vermögen ihren Opfern eine magische Kugel oder einen Stein in das Herz zu schiessen. Hierdurch erzeugen sie Krankheit und endlich den Tod, und es ist ein ganz feststehender Glaube, dass wenn man das Herz eines Verstorbenen öffnet, man den Fremdkörper noch darin zu finden vermag.

Die Eingeborenen von Vancouver haben einen ähnlichen Glauben. Jacobsen hörte vom Missionar Crosby, dass ein junger Indianer seiner Station einst einen Medicin-Mann neckte. Dieser rief ihm im Zorne zu: »Du wirst in sechs Wochen sterben.« Der junge Mann wurde stiller und stiller; er legte sich hin und wurde krank und war fest davon überzeugt, dass der Medicin-Mann ihm einen Stein in das Herz geschossen habe. Aller Zuspruch war vergeblich und noch vor dem Ablaufe des gestellten Termines führte seine Melancholie zum Tode.

Die Eingeborenen von Nord-Gippsland in Australien schreiben eine Reihe ihrer Erkrankungen, welche sie Tundung nennen (Brustaffectionen und heftige Schmerzen im Abdomen), dem bösen Geiste Brewin zu. Dieser wirft den Menschen das spitze Ende seines Murrawun, seines Wurfstockes, in den Körper, und um diesen wieder zu entfernen, muss man einen monotonen, drohenden Gesang anstimmen, welcher lautet:

»O Brewin, ich vermuthe, Du hast Tundung gegeben oder das Auge (d. h. das scharf umgebogene Ende) des Murrawun.«

Wem fiele hierbei nicht unser Hexenschuss ein, der bei den Einwohnern von Wales als Elbenschuss bezeichnet wird. In Irland brauchten die Bauern Feuerstein-Pfeilspitzen in Silber gefasst, die sie als Elben-Pfeile (Elf-arrows) betrachteten, als Amulet gegen den Elbenschuss.

Nilsson erzählt, dass die Lappen von den benachbarten Stämmen für zauberkundig gehalten wurden. »Sie wussten dies und drohten demjenigen, der ihnen nicht geben wollte, was sie verlangten, einen Gan auf ihn zu schiessen. Die Gane bestanden nach Mone in bläulichen flügellosen Insecten, welche der zauberkundige Lappe in einem ledernen Säckchen in der Nähe seiner Götterbilder zu bewahren pflegte. Wollte er einem Nebenmenschen Schaden zufügen, so schoss er einen Gan auf ihn, und alsobald fühlte das gedachte Individuum einen jähen Schmerz ( Lappenschuss), der bisweilen in langwierige, bösartige Krankheit überging.«

Den homerischen Griechen vor Ilium brachte Apollo mit seinem Geschosse tödtliche Krankheit (I, 43-53).

»Ihn hörete Phöbos Apollon,
Und von den Höh'n des Olympos enteilet er, zürnenden Herzens,
Er auf der Schulter den Bogen und wohlverschlossenen Köcher,
Laut erschollen die Pfeil' an der Schulter des zürnenden Gottes,
Als er einher sich schwang; er wandelte, düsterer Nacht gleich;
Setzte sich drauf von den Schiffen entfernt, und schnellte den Pfeil ab;
Graunvoll aber erklang das Getön des silbernen Bogens.
Nur Maulthier' erlegt' er zuerst und hurtige Hunde;
Doch nun gegen sie selbst das herbe Geschoss hinwendend,
Traf er, und rastlos brannten die Todtenfeuer in Menge;
Schon neun Tage durchflogen das Heer die Geschosse des Gottes.«

Im Buche Hiob begegnen wir ebenfalls der Auffassung der Krankheit als eines göttlichen Geschosses. Hiob klagt (6, 4):

»Denn die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir,«

und 34, 5. 6 wirft ihm sein Freund Elihu von Buss vor:

»Denn Hiob hat gesagt: Ich bin gerecht, und Gott weigert mir mein Recht. Ich muss liegen, ob ich wohl recht habe, und bin gequälet von meinen Pfeilen, ob ich wohl nichts verschuldet habe.«

Aber selbst noch in der christlichen Kunst des 16. Jahrhunderts finden wir die Beweise dafür, dass die Vorstellung eines schiessenden Gottes in dem Bewusstsein des Volkes noch immer lebendig geblieben war. So befindet sich in der Burgkapelle des Schlosses Bruck bei Lienz in Tirol ein dem 16. Jahrhundert entstammendes Frescogemälde, auf welchem Gott Vater vom Himmel herab auf die Menschen mit einem Bogen schiesst. Die Mutter Gottes tritt aber dazwischen und breitet ihren Mantel über ihren Schutzbefohlenen aus und nun vermögen die göttlichen Pfeile ihren Mantel nicht zu durchdringen, sondern sie verbiegen sich, indem ihr Schaft sich zickzackförmig zerknickt.

10. Die Krankheit entsteht als Strafe.

Die Auffassung, dass die Krankheit eine göttliche Strafe sei, entspricht bekanntermaassen vollkommen gewissen modernen Anschauungen. Im Jahre 1866 habe ich selber einem Gottesdienste beigewohnt, bei welchem der Geistliche einer Krankenanstalt den für das Vaterland verwundeten Soldaten, deren einem beide Augen weggeschossen waren, auseinandersetzte, dass ihre Verwundungen die wohlverdiente Strafe für ihre persönlichen Sünden seien.

Im Buche Hiob (33, 19-21) lesen wir:

»Er (Gott) strafet ihn mit Schmerzen auf seinem Bette und alle seine Gebeine heftig, und richtet ihm sein Leben so zu, dass ihm vor der Speise ekelt und seine Seele, dass sie nicht Lust zu essen hat. Sein Fleisch verschwindet, dass er nicht wohl sehen mag, und seine Beine werden zerschlagen, dass man sie nicht gerne ansiehet.«

Nicht wenig überraschend ist es, wie ganz ähnliche Anschauungen weit über den Erdball verbreitet sich bei den Naturvölkern wiederfinden. Es lehrt dieses ein Blick in das uns zu Gebote stehende Material. Als eine Strafe Allahs erscheint die Krankheit auf dem Seranglao- und Gorong-Archipel. Es kämpfen hier aber sichtlich noch die uraltheidnische Tradition und die der Bevölkerung aufgepfropfte muhammedanische Auffassung mit einander. Denn sie nehmen an, dass Allah, über ihr Vergehen erzürnt, den krankheitserregenden Dämonen die Erlaubniss giebt, in die Menschen zu fahren und von ihnen Besitz zu ergreifen.

Auch schon bei den alten Akkadern treffen wir bestimmte Dämonen als die Vollstrecker des göttlichen Zornes an. Dieselben werden folgendermaassen beschworen:

»Sieben sind's! Sieben sind's!
Sieben sind es in des Oceans tiefsten Gründen!
Sieben sind es, Verstörer des Himmels!
Sie wuchsen empor aus des Oceans tiefsten Gründen, aus dem (verborgenen) Schlupfwinkel.
Sie sind nicht männlich, sind nicht weiblich;
Sie breiten sich aus, gleich Fesseln;
Sie haben kein Weib, sie zeugen nicht Kinder:
Ehrfurcht und Wohlthun kennen sie nicht!
Gebet und Flehen erhören sie nicht!
Ungeziefer, dem Gebirge entsprossen,
Feinde des ;
Sie sind die Werkzeuge des Zorns der Götter.
Die Landstrasse störend, lassen sie auf dem Wege sich nieder:
Die Feinde, die Feinde!
Sieben sind sie! Sieben sind sie! Sieben (zweimal) sind sie!
Geist des Himmels! dass sie beschworen seien!
Geist der Erde, dass sie beschworen seien!«

Wir müssen aber auch hier wiederum das Buch Hiob (2, 6) anführen, wo es heisst:

»Der Herr sprach zu dem Satan: Siehe da, er sei in Deiner Hand, doch schone seines Lebens.«

Auch auf den Inseln Leti, Moa und Lakor und auf einigen benachbarten Inseln erscheinen die Krankheiten als Strafe der Gottheit oder auch als eine Strafe der Geister der Verstorbenen, welche dann, wie es den Anschein hat, bisweilen wohl selber als Krankheitsdämon in die Menschen hineinfahren. Die Gründe nun, warum die Krankheiten als Strafe über die sündige Menschheit verhängt werden, lässt manche überraschenden Züge tief ethischen Gefühles und pietätvoller Anhänglichkeit an die Vorfahren erkennen.

Die Geister der Verstorbenen strafen mit Krankheit, wenn man ihnen nicht bei dem Begräbniss eine hinreichende Ausrüstung mitgegeben oder wenn man ihre Gräber schändet ( Buru), wenn man ihr Andenken vernachlässigt und sie nicht hinreichend mit Speise versorgt ( Serang, Keisar, Leti, Moa, Lakor, Ambon und die Uliase-Inseln, Aaru-Inseln, Watubela-Inseln), wenn man das Hausdach über ihrem Opferplatz defect werden lässt ( Leti, Moa, Lakor).

Auch bei den Zulu und Basutho machen die Vorfahren die Ueberlebenden krank, um sie für Kränkungen und Beleidigungen zu bestrafen. Hier handelt es sich aber nicht um Vernachlässigungen nach dem Tode, sondern um solche Beleidigungen, welche ihnen bei ihren Lebzeiten zugefügt wurden und die nicht in entsprechender Weise gesühnt worden sind. Eine Vernachlässigung der Geister, denen bei der Erlegung eines Bären oder eines Hirsches nicht ein entsprechender Antheil gegeben worden ist, bringt auch den nordamerikanischen Indianern Krankheiten. Auf Selebes genügt es hierzu, einen bösen Geist in seiner Ruhe gestört zu haben, und auf den Kêi-Inseln folgt Krankheit darauf, wenn man einen Wawa-Baum (Ficus altimeralao Rixl.) schändet, oder an ihm seine Nothdurft verrichtet.

Die Maya-Völker Central-Amerikas glaubten, dass eine Krankheit die Strafe sei für ein Verbrechen, das nicht eingestanden wurde. Auf Eetar, Ambon und den Uliase-Inseln strafen die Vorfahren mit Krankheit, wenn man ihr einstiges Eigenthum vergeudet; auf Ambon, den Uliase- Inseln und Serang, wenn man die Reliquien veräussert, oder auch wenn man die althergebrachten Institutionen nicht befolgt; ebenso auf Keisar. Auf Nias entsteht ein starkes Halsübel, wenn man sich mit dem Dorfoberhaupte zankt, und Diarrhoe und Magenschmerz nach dem Genuss gestohlener Früchte. Auf den Kêi-Inseln treten Epidemien auf, wenn die regierenden Häupter sich Ungerechtigkeiten zu Schulden kommen lassen, auf Nias, wenn das Dorfoberhaupt die bei ihm in Verwahrung gehaltenen normalen Maasse und Gewichte fälscht; und darum ist bei dem Ausbruch einer Epidemie die erste Maassnahme, sich von dem Zustande dieser Gewichte und Maasse zu überzeugen. Wer auf den Watubela-Inseln seine Dorfgenossen betrügt, wer auf Selebes einen falschen Eid schwört, wer auf den Kêi-Inseln Blutschande treibt, wer auf Nias mit seiner Frau während der Gravidität verbotenen Umgang hat, und wer auf Eetar verbotene Speisen isst, der wird ebenfalls mit Krankheit bestraft. Aber auch seinen Kindern kann der Vater Krankheiten bringen, wenn er, während die Mutter mit ihnen schwanger ist, gewisse Handlungen vornimmt oder gewisse Nahrungsmittel geniesst. Es resultirt hieraus eine grosse Anzahl von Enthaltungsvorschriften für den Ehegatten einer schwangeren Frau, wie wir ihnen bei sehr vielen Völkern begegnen.

Auch dem Loango-Neger sind Zeit seines Lebens bestimmte Dinge zu essen verboten, dem Einen dieses, dem Anderen jenes, ganz ähnlich wie der Indianer und der Australier sein Totem-Thier nicht essen darf. Wird dieses als Quixilla bezeichnete Verbot übertreten, so ist Erkrankung des Uebertreters die ganz unausbleibliche Strafe.

Eine besondere Form der Bestrafung mit Krankheit treffen wir ebenfalls hauptsächlich auf den Inseln des malayischen Archipels. Hier besteht vielfach die Sitte, das Betreten oder die Beschädigung bestimmter Feldmarken durch ein besonders geformtes und mit Segenssprüchen geweihtes Zeichen zu verbieten. Wer nun ein solches Verbotszeichen nicht respectirt, der verfällt einer ganz bestimmten Krankheit, welche durch die Form des Verbotszeichens für Jedermann kenntlich gemacht ist. Wir werden später hiervon noch eingehend zu sprechen haben.

11. Krankmachender Zauber.

Unendlich erfindungsreich ist der menschliche Geist in Versuchen, seinen Nebenmenschen Schaden zu bringen; und so treffen wir auch die complicirtesten Maassnahmen, durch welche ein verhasster Gegner krank gemacht oder gar getödtet werden soll. Für gewöhnlich wird ein langsames Dahinsiechen bezweckt, und nur selten handelt es sich um directe Vergiftungen. Meistentheils ist es irgend eine Form der Behexung, der Bezauberung oder das Auslegen eines magischen Giftes, welches nur in eine gewisse Nähe von dem auserkorenen Opfer zu gelangen braucht, um seine schädlichen Wirkungen zu entfalten. Die Bezauberungen jedoch sind auf unglaubliche Entfernungen hin wirksam, und von dem unfehlbaren Eintreten des gewünschten Erfolges ist der den Zauber Ausübende fest überzeugt, ebenso wie sehr häufig irgend ein Erkrankter keinen Augenblick darüber im Zweifel ist, dass er seine Leiden den Zaubermanipulationen irgend eines Feindes in der Ferne zu verdanken habe. Wir müssen versuchen, einige dieser Zaubereien näher kennen zu lernen; es können allerdings die magischen Schüsse der Ipurina-, der Creek- und der Choctaw-Indianer u. s. w. sowie der Hexen- und Lappenschuss mit in diese Gruppe gerechnet werden.

An wirkliche Vergiftungen durch böse Menschen, welche Krankheit hervorrufende Ingredienzien in das Essen mischen, glaubt man auf Selebes. Auch in dein Seranglao- und Gorong-Archipel wird die Krankheit unter Umständen für die Folge einer Vergiftung durch feindselige Stammesgenossen gehalten, und man bedient sich dagegen eines nach ganz bestimmten Vorschriften gefertigten Gegengiftes. Auf der zu den Tanembar- und Timorlao-Inseln gehörigen Insel Selaru macht man Gebrauch von einem Gift, das von Fischen und Schalthieren hergestellt wird. Auf Ambon und den Uliase-Inseln benutzt man eine feinzerkleinerte Strychnus-Art, welche man dem Essen beimischt; sie verursacht Schwindel, Erbrechen und Leibschmerzen und endlich den Tod. In dem Seranglao- und Gorong-Archipel wird die mit Kalk vermengte feingestossene Leber der Mangarat-Schlange dem auserlesenen Opfer mit der Nahrung beigebracht. Die Folge davon ist ein böser Husten, an welchem der Kranke langsam dahinsiecht. Die Marokkaner suchen ihren Mitmenschen ein zehrendes Leiden und endlich den Tod zu bringen, indem sie ihm gestossene Eierschalen, Kopfschinn und abrasirte Haarstoppeln in die Speisen mischen. Auch der Zusatz von zerkleinerten Fingernägeln und dem Mehle von einem Menschenknochen hat den gleichen Erfolg. Auch ist es schon genügend, den Mehlbrei, der von dem armen Opfer verzehrt werden soll, mit der Hand eines eben Gestorbenen durchzurühren.

Fig. 9. Guri Guri, Gifttopf der Battaker. Mus. f. Völkerkunde Berlin. Nach Photographie.

Von den Battakern in Sumatra besitzt das Berliner Museum für Völkerkunde einen mit Schweinshauern und einer menschlichen Figur verzierten Topf (Fig. 9) mit einer Medicin, welche für so giftig gilt, dass schon ihr Geruch eine Vergiftung verursacht. Sie soll aus Menschenfleisch hergestellt werden.

Die Narrinyeri in Süd-Australien dagegen haben nach Taplin gar keinen Begriff von einem Gifte. »Ungleich anderen Australiern kennen sie kein giftiges Gras oder keine giftige Pflanze. Sie sind sehr erstaunt, wenn sie hören, dass die Europäer Jemandes Tod durch etwas bedingt betrachten, das in seinen Magen gekommen wäre. Sie halten den Tod stets als durch Zauberei bedingt.«

Es wurde bereits gesagt, dass die Naturvölker auch an eine auf gewisse Entfernung hinwirkende Vergiftung glauben. So wurde z. B. Moffat von einem Beamten eines kranken Betschuanen-Häuptlings mitgetheilt, derselbe würde nun bald geheilt sein, da zwei seiner Diener, welche man in der Nachbarschaft seiner Wohnung habe Gift ausstreuen sehen, soeben gespeert worden wären.

Auf der Insel Serang, auf den Kêi-Inseln und im Aaru-Archipel gräbt man unheilbringende Gegenstände in die Erde, und wenn dann das auserwählte Opfer beim Darüberhinschreiten diese Stelle mit dem Fusse berührt, so bricht bei ihm die beabsichtigte Krankheit aus. Als Krankheiten, welche in Serang auf diese Weise verursacht werden können, werden aufgeführt Blutspeien, Bauchkrämpfe, Ausfallen der Zähne u. s. w. Dieses zauberhafte Vergraben von krankmachenden Gegenständen hat auf Tanembar und den Timorlao-Inseln den Sinn, dass sie, wenn der Unglückliche auf die Stelle tritt, wo sie vergraben wurden, in seinen Körper hineinfahren und nun die Krankheit sind. Es werden zu diesem Zwecke unter dem Murmeln von Verwünschungen Dornen, Fischgräten, Muschelstücke oder spitze Steine vergraben. Man sieht, dass es von dieser Art der »Vergiftung« nur noch ein Schritt ist bis zu der Behexung oder Bezauberung. Wir müssen diese als einen internationalen Aberglauben hinstellen, denn wir begegnen ihm in allen fünf Welttheilen.

Eine solche, Krankheit hervorrufende Bezauberung ist bisweilen mit unglaublich einfachen Hülfsmitteln, gewöhnlich aber nur mit einem complicirteren Apparate auszuführen. In beiden Fällen aber bedarf es dabei häufig noch entweder eines besonderen Zauberwortes oder einer dem Bezaubernden innewohnenden, übernatürlichen Kraft. Der Fetissero oder Endoxe, d. h. der Zauberer an der Loango-Küste braucht nur des Nachts nackend umherzugehen und Verwünschungen gegen Jemanden auszustossen, so wird derselbe erkranken.

Bei den Annamiten kann es schon hinreichend sein, einen Nagel in einen der Hauspfosten oder der Schiffsplanken des zu Schädigenden einzuschlagen, und wenn der Besitzer eines neuen Hauses sich krank fühlt, so fahndet er sofort auf solch einen Zaubernagel.

Der Zauber pflegt für gewöhnlich um so leichter ausführbar zu sein, wenn es dein Bösewicht gelingt, etwas von der Person, die er krank zu machen wünscht, in seinen Besitz zu bringen. Auf dieser Anschauung beruht die bei den Naturvölkern weitverbreitete Sorgfalt, ihre Nägelabschnitte, ausgekämmte Haare, ja selbst ihren Speichel u. s. w. so zu vernichten oder zu verbergen, dass Andere ihrer nicht habhaft werden können.

Eine Austral-Negerin in Victoria schrieb ihre fieberhafte Erkrankung dem Umstande zu, dass ein von ihr bestimmt bezeichneter Schwarzer ihr früher einmal Haare abgeschnitten habe und diese nun verbrenne. Ein anderer Schwarzer schnitt Jemandem, von dem er etwas besorgt haben wollte, einen Büschel Haare ab und drohte, ihn durch Verbrennen derselben krank zu machen, wenn er ihm nicht willfahre. Auf Serang kann man durch das Begraben von etwas Haaren und weggeworfenem, ausgekautem Pinang schwere Kopfschmerzen, von Haaren mit bestimmtem Baumharz Beinwunden hervorrufen. Das Verbrennen der Haare und Nägelabschnitte unter entsprechenden Verwünschungen macht auf den Luang- und Sermata-Inseln Schwellungen des Kopfes und der Hände, das Verbrennen der Excremente erzeugt auf Serang Blutdiarrhoe. Auf Eetar kann man Jemanden krank machen, wenn man sich von seinem Speichel oder von seinem Haar etwas verschaffen kann. Dieses wird unter dem Sprechen von Beschwörungsformeln in rothe Leinewand gewickelt und in einer bestimmten Grotte niedergesenkt; dabei ruft man die bösen Geister an, dass sie die betreffende Person krank machen sollen.

Es ist aber bei einigen Völkern auch schon genügend, etwas in seine Gewalt zu bringen, was mit dem auserkorenen Opfer in Berührung gewesen ist, so z. B. ein Fussstapfen, ein Rest seiner Mahlzeit oder ein Stück seines Eigenthums, um den schädlichen Zauber zu vollführen.

So vermag man die soeben von der Insel Eetar beschriebene Bezauberung anstatt mit den genannten Körperbestandtheilen auch ebenso gut mit etwas Pinang, den der Betreffende ausgekaut hatte, oder auch mit einem Stück seiner Kleidung auszuführen.

In dem Seranglao- und Gorong-Archipel nimmt man den Fussstapfen, welchen der Krankzumachende zurückgelassen hat, und vermischt ihn mit Damarharz. Dann wird die Mischung verbrannt, wobei der Zaubernde sprechen muss:

»Feuer verbrenne seine Beine, so dass sie gänzlich verzehrt sind.«

Das Opfer bekommt hierdurch unheilbare Geschwüre.

Ganz besonders ausgebildet finden wir diesen Zauber mit Speiseresten bei den Narrinyeri in Süd-Australien.

George Taplin berichtet von ihnen:

»Die Narrinyeri glauben, dass Krankheit durch Hexerei verursacht werden könne. Jeder Erwachsene ist beständig auf der Suche nach Knochen von Enten, Schwänen oder anderen Vögeln, oder von Fischen, namens Ponde. deren Fleisch ein Anderer gegessen hat. Hiermit übt er seinen Ngadhungi genannten Zauber aus. Alle Eingeborenen tragen daher Sorge, die Knochen der Thiere, deren Fleisch sie gegessen haben, zu verbrennen, um sie nicht in die Hände ihrer Feinde gelangen zu lassen; aber trotz dieser Vorsicht werden diese Knochen für gewöhnlich von Krankheitsmachern erlangt, welche ihrer bedürfen.«

»Hat Jemand solchen Knochen gefunden, z. B. den Schenkelknochen einer Ente, dann glaubt er Macht über Leben und Tod des Mannes, der Frau und des Kindes zu besitzen, welche das Fleisch hiervon verzehrt haben. Der Knochen wird präparirt, indem er etwas wie ein Spiess geschabt (zugespitzt) wird. Dann wird ein kleiner runder Klumpen gemacht, indem man etwas Fischthran und rothen Ocker zu einer Paste mischt und darin das Auge eines Murray-Stockfisches und ein kleines Stück Fleisch von einer menschlichen Leiche einschliesst. Dieser Klumpen wird auf die Spitze des Knochens gesteckt und eine Umhüllung darüber gebunden, und das Ganze wird in die Brust einer Leiche gesteckt, damit es durch die Berührung mit den Zersetzungsprodukten todtbringende Kraft erhalte. Wenn es hierin einige Zeit verblieben ist, so nimmt man an, dass es zum Gebrauche fertig sei und es wird fortgelegt, bis es gebraucht wird. Treten Umstände ein, welche den Zorn des Krankheitsmachers gegen die Person erregen, welche das Fleisch des Thieres gegessen hatte, von dem der Knochen stammt, so steckt er sofort den Knochen in die Erde beim Feuer, so dass der vorhererwähnte Klumpen allmählich schmilzt; hierbei glaubt er fest, dass wie dieser schwindet, er bei der betreffenden Person, wenn sie auch noch so weit entfernt sei, Krankheit errege. Die vollständige Schmelzung und Abtropfung des Klumpens wird als den Tod verursachend betrachtet«

»Ist Jemand krank, so betrachtet er gemeinhin die Krankheit als die Wirkung des Ngadhungi und bemüht sich, den Krankheitsmacher ausfindig zu machen. Wenn er ihn herausgefunden zu haben glaubt, dann steckt er auch ein Ngadhungi in die Erde am Feuer zur Wiedervergeltung, falls er einen Knochen besitzt, dessen Fleisch sein Feind gegessen hat. Besitzt er keinen, so versucht er, einen zu borgen.«

Von der zu der Neu-Hebriden-Gruppe gehörigen Insel Tana berichtet Turner einen ganz ähnlichen Glauben. Er sagt: »Als die wahren Götter von Tana müssen die Krankheits-Macher betrachtet werden. Es ist überraschend, wie diese Leute gefürchtet werden und wie fest man glaubt, dass sie Leben und Tod in ihren Händen haben. Man ist überzeugt, dass diese Männer Krankheit und Tod zu bringen vermögen durch das Verbrennen von dem, was Nahak genannt wird; Nahak bedeutet Müll, aber hauptsächlich Speisereste. Alles Derartige verbrennen sie oder tragen es in die See, damit es nicht den Krankheits-Machern in die Hände fällt. Diese Burschen sind stets bereit und betrachten es als ihren speciellen Beruf, Alles zu dem Nahak Gehörende, das ihnen in den Weg kommt, aufzunehmen und zu verbrennen. Findet ein Krankheits-Macher zufällig ein Stück Bananenschale, so nimmt er es auf, wickelt es in ein Blatt und trägt es täglich um seinen Hals gehängt. Das Volk staunt ihn an und Einer raunt dem Anderen zu: »Er hat etwas, er will Nachts Einem etwas thun.« Abends schabt er etwas Baumrinde, vermischt sie mit der Bananenschale, wickelt Alles fest in ein Blatt, wie eine Cigarre und bringt das eine Ende an das Feuer, um es schwälen und allmählich verbrennen zu lassen.«

»Wird Jemand krank, so glaubt er, dass es durch das Verbrennen von solchem Abfall verursacht wurde. Anstatt auf Medicin bedacht zu sein, ruft er Jemanden, dass er auf dem Muschelhorn blase, das zwei bis drei englische Meilen weit gehört werden kann. Der Sinn hiervon ist, dass der Mann, von dem er annimmt, dass er durch das Verbrennen des Speiseabfalls die Krankheit verursache, auf diese Weise aufgefordert werde, mit dem Verbrennen einzuhalten: und es ist eine Zusage, dass den anderen Morgen ein Geschenk gebracht werden wird. Je grösser der Schmerz, desto stärker wird das Muschelhorn geblasen, und wenn die Schmerzen nachlassen, so nimmt man an, dass der Krankheits-Macher freundlich genug ist, mit dem Verbrennen inne zu halten. Dann richten die Freunde des Kranken ein Geschenk für den Morgen her: Ferkel, Matten, Messer, Hacken, Perlen, Walfischzähne u. s. w.«

»Manche von der Krankheits-Macher-Zunft sind stets bereit, Geschenke zu nehmen und sie versprechen, ihr Bestes zu thun, um einer erneuten Verbrennung der Speisereste vorzubeugen. Aber der arme Kranke hat einen neuen Anfall in der Nacht und er glaubt, dass wieder sein Nahak verbrannt werde. Das Muschelhorn wird wieder geblasen, andere Geschenke werden gebracht, und so fort.«

Eine Combination des Fussstapfen-, Haar- und Speichel-Zaubers hat Tennent bei den Tamilen auf Ceylon kennen gelernt. Derselbe ist aber sehr gefährlicher Natur, denn es sind dazu auch die Köpfe von Kindern erforderlich. Diejenigen von Knaben verdienen den Vorzug, namentlich wenn diese für den genannten Zweck eigens getödtet worden sind. Zur Noth thun es aber auch die Köpfe von Kindern, die eines natürlichen Todes starben. Bei einer Haussuchung, welche bei einem dieser Zauberärzte vorgenommen wurde, fand man einen frisch vom Rumpfe abgeschnittenen Kinderkopf. Bei fernerem Suchen fand man dann auch den Rumpf unter Körben versteckt, und ausserdem wurden noch die Reste mehrerer anderer Kinderleichen aufgefunden.

Um den Zauber auszuführen, wird der Schädel von seinen Weichtheilen entblösst und gewisse Figuren und cabbalistische Zeichen auf ihm angebracht, in welche der Name des für die Bezauberung auserwählten Opfers eingefügt wird. Von des Letzteren Fussstapfen wird dann der Sand mit etwas von seinen Haaren und seinem Speichel zu einem Brei zusammengemengt und auf einer Bleiplatte ausgebreitet. Diese und den Schädel bringt darauf der Zauberarzt durch vierzig Nächte zum Begräbnissplatze des Dorfes und ruft die bösen Geister an, dass sie die betreffende Person vernichten möchten. Je mehr der Brei auf der Bleiplatte eintrocknet, desto mehr verdorrt der Bezauberte, und endlich ist nach dem allgemeinen Glauben der Tamilen sein Tod ganz unvermeidlich.

Dass auch den Akkadern und den Assyrern solch eine Bezauberung mit dem Fussstapfen, sowie auch mit dem sogleich zu erwähnenden menschlichen Ebenbilde nicht unbekannt war, beweist uns wiederum eine Beschwörung aus Sardanapals ( Assurbanhabals) interessanter Hymnensammlung:

»Der Zauberer hat mich durch Zauber bezaubert, er hat mich durch seinen Zauber bezaubert!
Die Zauberin hat mich durch Zauber bezaubert, sie hat mich durch ihren Zauber bezaubert!
Der Hexenmeister hat mich durch Hexerei behext, er hat mich durch seine Hexerei behext!
Die Hexe hat mich durch Hexerei behext, sie hat mich durch ihre Hexerei behext!
Die Zauberin hat mich durch Zauber behext, sie hat mich durch ihren Zauber behext!
Derjenige, der Bildnisse anfertigt, entsprechend meiner ganzen Erscheinung, der hat meine ganze Erscheinung bezaubert.
Er hat den mir bereiteten Zaubertrank ergriffen und meine Kleider verunreinigt.
Er hat meine Kleider zerrissen und sein zauberisches Kraut mit dem Staub meiner Füsse vermengt!
Dass der Feuergott, der Held, ihre Zaubereien zu Schanden machen möge!«

Wie wir bei der Verbrennung der Haare und der Nägelabfälle u. s. w. eine Vernichtung nach dem Satze pars pro toto vor uns haben, so gehört fast in das gleiche Gebiet der Zauber, welchen wir als einen sympathischen Schmelzprocess bezeichnen können. Wir finden ihn z. B. bei den Australnegern in Victoria.

»Irgend etwas, das dem verurtheilten Mann gehört, wird aufbewahrt; vielleicht ist es ein Speer. Dieser wird zerbrochen oder mit einer Axt in kleine Stücke zerschlagen; die Stücke werden in einen Beutel gethan und dieser wird an das Feuer gehängt. Ein Gesang wurde gesungen; der Len-Ba-morr wird angefleht, die Hitze zu dem wilden Schwarzen überzuführen, sodass er welk wird und stirbt.«

Aehnlich ist auch die Schmelzung des vorher beschriebenen Zauberklumpens der Narrinyeri und der Tana-lnsulaner.

Bei derartigen Ideenassociationen liegt es nun sehr nahe, dem auserwählten Feinde in effigie Schaden zuzufügen. Hier bieten uns wiederum die Wilden in Victoria ein gutes Beispiel. Bei ihnen muss der Medicin-Mann ein Holzmodell desjenigen Körpertheiles anfertigen, an welchem der Feind unter grossen Schmerzen erkranken soll. Dieses Modell wird an das Feuer gehängt und stark erhitzt, unter dem Absingen bestimmter Gesänge.

In dem Babar-Archipel fertigt man zu ähnlichem Zwecke eine menschliche Figur aus einem Koliblatt und schneidet dieser unter Verwünschungen den Kopf ab. Derselbe wird mit etwas Wachs zusammen in ein Ei gethan und dann verbrannt. Im Aaru-Archipel wird solch ein Menschenbild aus einem Harz gemacht und unter Verwünschungen in die See geworfen, während man auf Ambon und den Uliase-Inseln solche Figur hoch in einen Baum schleudert. Ein ähnlicher Zauber ist auch in der zuletzt angeführten Beschwörungsformel der Akkader und Assyrer erwähnt. Auf Ambon und den Uliase-Inseln wird auch wohl der Name der betreffenden Person aufgeschrieben und in den Baum geschleudert, was doch auch eine Art der Krankmachung in effigie ist. Eine Australnegerin in Victoria, welche fieberkrank war, erklärte, dass sie dahinsiechen müsse, weil ein Schwarzer ihren Namen in einen Baum geschnitten habe. Sie hiess Murran, was Blatt bedeutet, und man fand wirklich, dass die Figur von Blättern in einen Gummibaum geschnitten war. Sie erlag ihrer Krankheit.

Wie sich die Annamiten das Siechthum und die Todesart denken, welches durch solche Bezauberung beigebracht wird, das erfahren wir durch die Aufzeichnungen von Landes:

»Die Patienten fühlen unbestimmte Schmerzen, anhaltenden Kopfschmerz, Erstarren der Glieder; sie verlieren die Besinnung, ihre Gliedmaassen werden steif; sie fühlen eine Kugel oder eine Stange im Inneren ihres Körpers, sie hören auf, zu essen und zu schlafen, und ihre Kräfte schwinden. Die Augen und ihre Haut werden gelb, die Hände bedecken sich mit schwärzlichen Flecken, der Bauch schwillt an und schliesslich platzt er und verbreitet einen schrecklichen Gestank.«

Wenn man glaubt, das Opfer einer solchen Bezauberung zu sein, so kann man bei einigen Völkern durch einen Gegenzauber das Unheil abwenden oder es sogar auf denjenigen übertragen, der es veranlassen wollte. Die Australneger sind aber noch vorsichtiger. Sie lassen es womöglich gar nicht bis zu der Ausübung des Zaubers kommen, sondern sie suchen die für sie bestimmten Zaubermittel dem Besitzer abzukaufen oder gegen solche auszutauschen, welche sie selber besitzen und mit denen sie dem Anderen Schaden zufügen könnten.

Wir müssen noch die Frage aufwerfen, vermögen denn nun solche Zaubermanipulationen in Wirklichkeit einen Schaden anzurichten? So absonderlich dieses auch erscheinen mag, so können wir diese Frage doch nur mit einem entschiedenen ja beantworten. Natürlicher Weise sehen wir hier davon ab, dass die Naturvölker allerlei Krankheit, deren Ursache sie nicht zu erklären im Stande sind, auf derartige Bezauberungen zurückzuführen pflegen. Der Schaden ist in Wirklichkeit vorhanden und er ist wesentlich begründet in der tiefen Gemüthsverstimmung der Betroffenen. Dadurch werden sie, wie Brough Smith von den Australnegern Victorias sagt, so geschwächt in ihren Kräften, so hülflos, dass die Krankheit, so leicht sie auch sein mag, nicht selten mit dem Tode endet. Auch die obenerwähnte fieberkranke Murran sagte ihren Tod vorher, und Taplin erzählt von einem Narrinyeri in Süd-Australien Folgendes:

»Als sich vor einiger Zeit ein Schwarzer meiner Bekanntschaft unwohl fühlte und glaubte, dass dieses durch Behexung entstanden sei, rieb er sich zum Zeichen der Verzweiflung mit Russ ein, nahm seine Waffen, ging und zündete zwei Feuer an und theilte seiner ganzen Familie mit, von wem er behext zu sein glaubte, obwohl die betreffende Person ungefähr vierzig Miles von ihm entfernt war.« Er war von seinem herannahenden Tode so fest überzeugt, dass er seine zum Feuer gerufenen Verwandten aufforderte, seinen Tod an dem Stamme zu rächen, der denselben verschuldet habe.

Die vorhergehenden Seiten haben wohl bereits gezeigt, wie weit der Glaube an solch einen krankmachenden und tödtenden Zauber verbreitet ist. Auch auf den Inseln der Südsee ist er heimisch. Von den Neu-Hebriden, von deren Insel Tana wir schon gesprochen haben, sagt Samuel Ella:

»Auf den Inseln Tamoia und Erromanga giebt es mehr Krankheitsmacher als Aerzte, welche ein wahrer Schrecken für die Eingeborenen sind. So gross ist die Furcht vor ihrer eingebildeten Macht und ihren Manipulationen, dass den Insulanern das Leben durch stete Angst und Sorge verbittert ist.«

Auch hier, wie in Australien, muss man sorgfältig jeden Speiserest und jedes abgelegte Kleidungsstück verbrennen, weil es sonst als ein verhängnissvolles und vernichtendes Zaubermittel benutzt werden könnte, um seinen einstigen Besitzer zu Grunde zu lichten. Derartiges Krankmachen durch Bezauberung ist bekanntlich auch in den verschiedensten Theilen von Afrika bekannt. Das Herausspüren des Schuldigen ist ein einträgliches Verdienst der dortigen Medicin-Männer, und der Unglückliche, der als der Thäter bezeichnet wird, pflegt ohne Gnade getödtet, oder wenigstens seiner gesammten Habe beraubt zu werden. Bisweilen aber ist es ihm gestattet, durch ein Gottesurtheil seine Unschuld zu beweisen.

12. Krankheit entsteht durch Ortsveränderung oder Verlust von Körperbestandtheilen.

Wir haben weiter oben bereits angegeben, dass bei den Naturvölkern als Ursachen für die Entstehung von Krankheiten auch die Ortsveränderung eines Körperbestandtheiles oder der völlige Verlust eines solchen anerkannt werden.

In erster Linie müssen wir dabei einer Auffassung der Chippeway-Indianer gedenken, welche annehmen, dass die Leiden in dem schmerzhaften Theile dadurch hervorgerufen wären, dass die Galle in diesen Theil eingetreten sei.

Im deutschen Landvolke, namentlich in den Alpenländern, spielt bekanntlich die Ortsveränderung der Gebärmutter eine grosse Rolle. Sie kann in die Höhe steigen, als sogenannte Hebemutter. und sie kann sogar der Frau im Schlafe, wenn diese den Mund offen hält, auf diesem Wege in Gestalt einer Kröte herauskriechen.

Bei den Australnegern in Victoria spielt der Verlust des Nierenfettes eine grosse Rolle, und wieder ist es das Buch Hiob (19, 17), das uns hierbei in die Erinnerung kommen muss, wo der Vielgeplagte klagt:

»Meine Nieren sind verzehrt in meinem Schooss.«

Wem in Victoria das Nierenfett geraubt wird, der ist einem sicheren Tode verfallen, wenn es dem Medicin-Manne nicht gelingt, ihm dasselbe wieder zu schaffen. Derjenige, der das Nierenfett raubt, ist gewöhnlich ein wilder Schwarzer, oder vielmehr der Geist eines solchen, also mit anderen Worten ein Dämon. Der Medicin-Mann sucht in einem magischen Fluge diesen Geist zu erreichen, ihm das Nierenfett abzujagen und es dem Eigenthümer wieder zurückzubringen. Stirbt ihm aber der Patient, so sagt er den Angehörigen, dass der dämonische Schwarze das Nierenfett bereits verzehrt hatte, bevor er ihn zu erreichen vermochte.

Einen solchen Kranken, welchem das Nierenfett geraubt worden war, hatte Thomas Gelegenheit zu beobachten. Der Beraubte war auf der Jagd gewesen, als ihm das Unglück zustiess, und er wurde nach seiner eigenen Aussage sehr schwach und war nur mühsam im Stande, zum Lager seiner Freunde zurückzukriechen. Sowie er bei seinem Miam sass, erzählte er seinen Freunden, was ihm begegnet sei, und die Männer versammelten sich und setzten sich um ihn her. Sein Bruder und ein Freund stützten ihn in ihren Armen, da er plötzlich sehr schwach wurde, und hielten ihm den Kopf aufrecht. Todtenstille herrschte in der Versammlung. Die Weiber nahmen die Hunde in Verwahrung und hüllten sie in ihre Felle ein. Als sich Thomas in diesem Stadium dem Lager näherte, sah er nur wenige glimmende Lichter am Boden. Keine Stimme war zu hören, während unter gewöhnlichen Verhältnissen fröhliche Stimmen, das Knacken von Zweigen, das Bellen der Hunde und alle die anderen Töne eines grossen Lagers gehört wurden. Ein alter Mann, der Thomas' Ankunft bemerkte, trat zu ihm, und warnte ihn, die Miams zu besuchen, wenn einem Manne von einem wilden Schwarzen das Nierenfett ( Marm-bu-la) fortgenommen sei. Thomas' eigene Diener hatten ihn abhalten wollen, heranzukommen, und es war überall deutlich, dass eine feierliche und ernste Handlung von den Eingeborenen vorgenommen würde. Als Thomas verharrte, sagte ihm der Alte, dass er nicht sprechen dürfe, dass er leise auftreten, keine Zweige zertreten und sonst kein Geräusch machen dürfe. Wie nun Thomas diesen Vorschriften folgend herantrat, fand er die Schwarzen rund in Kreisen um den kranken und wie sie glaubten, sterbenden Mann sitzend; die ältesten Männer bildeten den innersten Kreis, die im Alter nächsten den zweiten und die jungen Männer den äussersten.

Dem Medicin-Manne gelang es, dem Geiste des wilden Schwarzen das Nierenfett wieder abzujagen und es dem Kranken wiederum an die richtige Stelle zu setzen. »Der Kranke erhob sich, zündete seine Pfeife an und rauchte ruhig in der Mitte seiner Freunde.« Er war geheilt.

Als fernere wesentliche Bestandteile des Körpers werden aufgefasst die Seele und der Schatten.

Die Geister der in Annam verstorbenen Jungfrauen vergnügen sich in den Zweigen der Bäume und lassen ein sonderbares Lachen hören. Sie erscheinen den Vorübergehenden unter verschiedenen Gestalten, und wenn dieselben die Unklugheit besitzen, ihnen zu antworten, flieht ihre Seele aus ihrem Körper und sie werden irrsinnig. Dieser Irrsinn ist ein besonders schwerer und trotzt nicht selten allen Heilungsversuchen.

In Selebes glaubt man die Epilepsie dadurch bedingt, dass die Seele zeitweilig aus dem Körper flieht.

Wenn in Nias die bösen Geister von dem Körper Besitz ergreifen und auf diese Weise in ihm die Krankheit verursachen, so ermöglichen sie dieses nur, indem sie so lange die Seele verjagen.

Die Fetissero der Loango-Neger haben in ihrem Leibe einen Zaubersack, durch welchen sie das Leben der Erkrankten an sich ziehen.

Auf den Watubela-Inseln wird in bestimmten Krankheitsfällen die Seele des Erkrankten von den Dämonen gefangen gehalten. Auch in Sumatra finden wir Aehnliches. Hier hat der Mensch zwei Seelen, und wird er krank, so ist die eine derselben von einem bösen Geiste entführt worden. »Das Leiden ist von kürzerer oder längerer Dauer, von minder oder mehr ernstlicher Art. je nach der Länge der Zeit, welche die Seele in der Gefangenschaft zubringt, und der Qualen, denen sie ausgesetzt ist.« Denn der Körper des Patienten empfindet die Qualen und die Pein, welche die Seele durch die Plagereien des bösen Geistes zu erdulden hat.

Fig. 10. Seelenfänger der Hervey-Insulaner nach Pleyte.

In dem Seranglao- und Gorong-Archipel legen bisweilen böse Menschen ein Matavuli-Blatt, auf welches sie eine gegen einen ihrer Genossen gerichtete Verfluchung geschrieben haben, unter eine Leiche. Auf diese Weise versuchen sie die Seele des Betreffenden zu entführen und bei dem Todten festzuhalten. Hierdurch verfällt der Unglückliche einer langsamen Erschöpfung und endlich dem Tode.

Auf den Hervey-Inseln benutzen böse Menschen einen Seelenfänger, um die Seele ihres Feindes zu fangen (Fig. 10). Es ist nach Pleyte eine ungefähr drei Meter lange Schnur aus Cocosfasern, an welcher schlingenförmig Stricke befestigt sind. Man hängt dieses Geräth an einem Baume auf, bei dem das Opfer vorüber muss, und verbirgt es im Laube. Erblickt der Betreffende nun das Instrument, so glaubt er fest, dass seine Seele in demselben hängen geblieben ist, »und regt sich dadurch so auf, dass er krank wird vor Angst und Schrecken und bald stirbt. Wie die Eingeborenen sagen, ist dieses Instrument ein probates Mittel, um Jemanden aus der Welt zu schaffen.«

Auf Ambon und den Uliase-Inseln, sowie auf Buru machen die Dämonen die Menschen krank, indem sie entweder ihre Seele oder ihren Schatten fortführen. Bisweilen aber zieht auch der Schatten die Seele an sich und daraus resultirt ebenfalls Krankheit, bis die Seele wieder von dem Schatten fort und an ihren Platz zurückgebracht ist.

Die Niasser glauben, dass die schwersten Krankheiten dadurch zu Stande kommen, dass die Gottheit den Schatten verschlingt, welchen die Menschen unter dem Himmel werfen. Wenn dann gleichzeitig die bösen Geister sich des Schattens bemächtigen, welchen die Menschen unter die Erde werfen und denselben verzehren, so müssen die Kranken sterben. Fangen die bösen Geister den Schatten und fressen ihn, so verfällt der Mensch ebenfalls in Krankheit. Er kann jedoch aus derselben noch errettet werden, wenn nicht die Gottheit auch den anderen Schatten verschlingt. Die bösen Geister haben für diese Jagd auf die Schatten besondere Hunde mit rückwärts gedrehtem Kopfe; sie sind unter dem Namen » Lufthunde« bekannt.

13. Die Krankheit entsteht durch den Willen oder die gnädige Fügung der Gottheit.

Haben wir in dem vorigen Abschnitt bereits die untrüglichen Beweise gefunden, dass die Naturvölker ethischer Empfindungen durchaus nicht baar sind, so tritt dieses noch um so deutlicher hervor bei zwei ferneren Entstehungsursachen der Krankheiten. Als die erste haben wir die Auffassung zu bezeichnen, dass die Krankheit entstanden wäre, weil es so der Wille der Gottheit sei. Es ist das ein Glaube, welchen wir auf der Insel Bali antreffen. Derselbe ist wahrscheinlich bereits wesentlich beeinflusst durch den Fatalismus des Islam. Und so anerkennungswerth auch diese Gottergebenheit ist, so hat sie doch auch ihre nicht unerheblichen Nachtheile, da ein Versuch, der Erkrankung vorzubeugen, natürlicher Weise gleichbedeutend sein würde mit einer Auflehnung gegen den göttlichen Willen. Aus diesem Grunde widersetzen sich diese Insulaner auch beispielsweise der Pockenimpfung, denn sie nehmen an. dass es der unumstössliche Wille der Götter sei, dass eine bestimmte Anzahl von Menschen von den Pocken ergriffen würde. Die Dewa Madjapahit sind es, welche ihnen die Pocken bringen, und wer sich ihrem Willen zu widersetzen sucht, der muss, wie sie glauben, nach dem Tode tausend Jahre harren, bis es ihm vergönnt wird, in die himmlische Glückseligkeit einzugehen.

In manchen, allerdings nicht sehr häufigen Fällen werden auch von den Loango-Negern plötzliche Todesfälle als der Ausfluss göttlichen Willens aufgefasst. Sie gebrauchen dann den Ausdruck gläubiger Ergebenheit: » Zambi tuinesi«, d. h. » Gott hat ihn gerufen«.

Noch absonderlicher will uns eine zweite Auffassung erscheinen, welche in der Krankheit, und zwar ebenfalls wieder in den Pocken, nicht allein den Ausfluss des göttlichen Willens, sondern sogar eine göttliche Begnadigung erblickt. Auch dieses ist wiederum bei einigen Eingeborenen der Insel Bali der Fall. Es erklären sich hieraus eine Anzahl von Redensarten, welche sämmtlich für den Begriff »von den Pocken befallen sein« gebraucht werden. Derartige Redewendungen sind »begnadigt sein«, »ein Geschenk der Götter haben«, »durch die Götter geehrt sein«.

»Diese Anschauung, fügt Jacobs, dem wir die obigen Angaben verdanken, hinzu, scheint rein hinduisch zu sein und man findet sie auch bei den meisten Buddhisten wieder. Ein chinesisches Mädchen z. B. hat caeteris paribus mehr Aussieht auf eine Verheirathung, wenn ihr das Gesicht durch die Pocken mit Narben bedeckt ist.«

Fig. 11. Goldener Pfeilring, Schwert und Steine, alte Erbstücke der Fürsten von Pasimpai ( Sumatra), deren Anblick die Kinder krank macht. Nach van Hasselt.

Auch bei den Bheels in Kadschputana erhöhen nach Moore Pockennarben die weibliche Schönheit, und sie sind eine Gabe der Göttin Matha, welche in der Nachbarschaft jeglichen Dorfes einen Tempel oder einen grossen heiligen Platz, Matha- ka-than genannt, besitzt. Bisweilen wird sie als eine glotzäugige Holzfigur dargestellt, welche mit Flitterwerk verziert ist; häufiger aber wird sie nur als ein rothbemalter Stein verehrt. Tausende von Weibern und Kindern nahen ihr mit Opfergaben; aber das Gebet bezieht sich nicht darauf, dass sie die Bevölkerung verschonen soll, sondern sie erflehen nur einen milden Besuch von ihrer Seite. Aber den Verlust nur eines Auges rechnen sie auch noch zu den milden Fällen.

14. Sympathetische Uebertragung als Ursache der Krankheit.

Trotz dieser zahlreichen Möglichkeiten, welche den Naturkindern zur Verfügung stehen, um den Ausbruch einer bei ihnen aufgetretenen Krankheit zu erklären, ist ihnen das doch Alles noch nicht genügend und sie suchen in manchen Fällen für bestimmte Erkrankungen auch noch nach anderen Entstehungsursachen. Die eine derselben, die zauberhafte Uebertragung der eigenen Krankheit auf einen Anderen, haben wir bereits in dem Abschnitte, welcher von den Bezauberungen handelt, erwähnt. War es hier immer der Zaubernde, welcher die Erkrankung verursacht hatte, auf den der Bezauberte die Krankheit zurückzuzaubern vermochte, so finden wir bekanntermaassen in der deutschen Volksmedicin allerlei Versuche, sich von einer Krankheit dadurch zu befreien, dass man sie auf irgend einen ganz unschuldigen Nebenmenschen hinüberwandern lässt. Man heftet sie durch gewisse Beschwörungen an Geld oder andere Dinge, welche des Kranken Eigenthum sind. Das wird irgendwo an öffentlicher Stelle niedergelegt, und wenn es Jemand aufnimmt, so nimmt er damit die Krankheit auf sich und der Andere ist geheilt.

Eine andere Art von Krankheitsursache lernte van Hasselt in Pasimpai in Mittel-Sumatra kennen. Es waren sorgfältig verwahrte Erbstücke (Fig. 11), welche unter Umständen zu Heilzwecken dienten. Sie durften nicht zu ebener Erde aufbewahrt werden, da der Glanz, welcher von ihnen ausstrahlt, nachtheilig auf die Gesundheit der Kinder einwirken würde.

Die nordamerikanischen Indianer glauben auch, dass Jemand dadurch erkranken könne, dass er einen unglücklichen Namen trage. Wenn dieses als die Ursache der Krankheit erkannt ist, so muss sein Name geändert werden.

15. Böse Winde als Ursache der Krankheit.

Auf den Luang- und Sermata-Inseln, sowie auf Buru, Ambon und den Uliase-Inseln werden für den Ausbruch von Krankheiten bisweilen »böse Winde« verantwortlich gemacht. Auf der Insel Eetar glauben die Eingeborenen, dass die Pockenkrankheit auf der Insel Alor ihren Wohnsitz habe, und dass die Winde sie ihnen von dorther herüberführten, damit sie diejenigen Männer tödte, welche innerhalb eines bestimmten Zeitraumes einige Aloresen umgebracht haben.

Auch den Indianern Nord-Amerikas ist der Gedanke, ganz geläufig, dass die Winde etwas mit der Verbreitung der Krankheiten zu schaffen hätten. Es spricht sich das in Beschwörungsgesängen der Medicin-Männer aus, welche uns Gatschet von den Klamath-Indianern in Oregon zugänglich gemacht hat. Stets tritt in diesen Gesängen der Medicin-Männer die übernatürliche Gewalt, an welche die Beschwörung gerichtet ist, selbstredend auf. So begegnen wir daselbst z. B. dem Gesange des Westwindes:

»Ich, der Westwind, hoch über der Erde
Blase ich als ein verderblicher Windstoss.«

Der Regensturm singt:

»Die von mir hervorgerufene Krankheit ist angelangt,
Ich bin der Sturm und Wind, und dies ist mein Gesang.«

In einem anderen Gesange heisst es:

»Wer, möcht ich wissen, bläst aus meinem Munde?
Die Krankheit geht aus von meinem Munde;«

und wieder in einem anderen:

»Was für ein Ding blase ich umher?
Die Krankheit blase ich rings in die Luft.«

Bei den alten Türken scheinen ähnliche Anschauungen geherrscht zu haben, denn es heisst in einem uigurischen Liede vom Jahre 1069:

»Der Besprecher giebt es viele,
Die des Windes Krankheit heilen.
An die musst Du, Herr. Dich wenden.
Von der Krankheit heilen Sprüche.«

Auch in Cambodja bringt man den Wind mit der Krankheit in Verbindung. Man muss auf seiner Hut sein, damit man ihn nicht beleidigt. Denn ein solches Vorgehen straft er damit, dass er Anschwellungen und Geschwüre entstehen lässt.

16. Natürliche Krankheitsursachen.

Wir nähern uns mit dieser schon halb meteorologischen Auflassung der Krankheitsentstehung bereits den weniger übernatürlichen Vorstellungen von den Ursachen der Krankheiten. Unter den letzteren ist zu erwähnen, dass auch einzelnen Naturvölkern bereits das Bewusstsein aufgegangen ist. dass durch eine unzweckmässige Ernährung Krankheiten entstehen können. So glaubt man auf den Luang- und Sermata-Inseln, dass Erkrankungen durch schlechte Nahrung hervorgerufen werden können, und in dem Seranglao- und Gorong-Archipel schiebt man den Ausbruch der Lepra, des Aussatzes, auf eine unzweckmässig gewählte Ernährung. Dahin geholt der übermässige Gebrauch von spanischem Pfeffer, sowie von einer bestimmten Fischart mit rothem Kopfe und vom Tintenfisch (Octopus).

Die Annamiten schieben das übermässige Dickwerden der Bäuche bei jungen Kindern darauf, dass die Mutter fortgefahren habe, sie zu säugen, während sie sich bereits wieder in anderen Umständen befand.

Körperliche Ueberanstrengung kennt man als Ursache von Erkrankung auf den Seranglao- und Gorong-Inseln. Es wird dieselbe ebenfalls für eine der Ursachen der Lepra gehalten. Für die Entstehung des Kropfes macht man auf Buru das viele Klettern auf Bäume verantwortlich.

Eine Ansteckung erkennen die Einwohner von Tanembar und den Timorlao-Inseln, die Kêi-Insulaner und die Karayá-Indianer in Brasilien an, die letzteren bei der Lungentuberkulose. An eine Vererbung der Krankheit glaubt man auf Serang, auf Keisar, auf Leti, Moa und Lakor, auf Tanembar und den Timorlao-Inseln, sowie auf den Kêi- und Aaru-Inseln. Es ist in hohem Grade interessant zu sehen, welche Krankheiten diese Insulaner für erblich betrachten. Es sind auf Keisar, Serang und den Aaru-Inseln der Aussatz, auf Leti, Moa und Lakor, auf Tanembar und den Timorlao-Inseln die Epilepsie und auf den letzteren Inselgruppen und den Kêi-Inseln die Geisteskrankheiten. Man sieht, dass uns hier trotz aller sonstigen Absonderlichkeiten doch wiederum ein Stück recht guter Naturbeobachtungen entgegentritt.

17. Der böse Blick.

Wir dürfen es nicht unterlassen, schliesslich noch einer weitverbreiteten Ursache nicht selten todtbringender Krankheit zu gedenken, das ist der böse Blick, das malocchio der Italiener. Für mich hat es den Anschein, als ob man zwei verschiedene Arten des bösen Auges unterscheiden müsste, welche man als den beabsichtigten und den unabsichtlichen bösen Blick bezeichnen könnte. In ihrer Wirkung sind sie beide gleich. Wessen Auge von ihnen getroffen wird, dem ist Unheil, Krankheit und Siechthum gewiss und der Tod kann hiervon die Folge sein. Der Unterschied ist aber darin zu suchen, dass der Eine mit der magischen Kraft seines Blickes absichtlich und bewusst seinem Mitmenschen diesen Schaden zufügt, während dem Auge des Anderen der Fluch, die unglückliche Gabe anhaftet, das Unglück zu bringen, ohne dass er selber es weiss und beabsichtigt.

Fig. 12. Amulet der Türken gegen den bösen Blick. ( Constantinopel.) Vierfach vergrössert. Im Besitz des Verfassers.

Diese letztere Auffassung scheinen wohl zum Theil die südeuropäischen Völker zu besitzen. Absichtlich schleudert den bösen Blick der Medicin-Mann der Sahaptin-Indianer, sowie der Klamath, der Waskows, der Cayuse und der Walla-Walla. Gesenkten Hauptes muss man bei ihnen vorübergehen, damit man nicht von den krankheitbringenden Strahlen ihres zornfunkelnden Auges getroffen werde. Auch die Laoten fürchten sich vor dem bösen Blick bestimmter Leute.

Abwehrende und den Zauber des bösen Blickes unschädlichmachende Amulete finden wir bei manchen anderen Volksstämmen. Am bekanntesten ist hier die Fica der alten Römer, die kleine Nachbildung einer Faust, deren Daumen zwischen dem Zeigefinger und dem Mittelfinger steif gerade hervorgestreckt ist. Eine kleine gläserne Hand, aber mit sämmtlich ausgestreckten Fingern, tragen noch heute die Türken in Constantinopel (Fig. 12), und auch bei den Juden in Marokko ist es Sitte, kleine Hände aus Messingblech (Fig. 13) mit ausgestreckten Fingern an der Kopfbedeckung der Knaben zu befestigen, um sie vor dem schädlichen Einflusse des bösen Blickes zu bewahren. Die Cyprioten versehen sich in der gleichen Absicht mit einem gläsernen Knopfe, welcher in blauer und gelber Umrandung eine weisse Mittelfläche mit schwarzem Mittelpunkt besitzt und so eine entfernte Aehnlichkeit mit dem Bilde eines Auges darbietet. (Fig. 14).

Fig. 13. Fig. 14.

Fig. 13. Amulet der Marokkanischen Juden gegen den bösen Blick. Mus. f. Völkerkunde Berlin. Nach Photographie.

Fig. 14. Amulet der Cyprioten gegen den bösen Blick. Im Besitz des Verfassers.

Bei den Klamath-Indianern vermögen unter Umständen Beschwörungs-Gesänge gegen den Zauber des bösen Blickes zu helfen. Die Harrarî in Afrika trinken dagegen die Abkochung einer Damasmâmi genannten Pflanze.

18. Rückblick.

Wir haben in den vorhergehenden Seiten den Versuch gemacht, annähernd die Vorstellungen kennen zu lernen, welche die Naturvölker sich von dem Wesen und den Ursachen der Krankheiten gebildet haben. Einen vollständig klaren und erschöpfenden Einblick hier erlangen zu können, ist wohl überhaupt ein Ding der Unmöglichkeit. Denn in den meisten Fällen werden sich diese uncivilisirten Stämme wohl selber nicht vollständig klar über diese doch immerhin etwas abstrakten Begriffe sein. Und sicherlich können und wollen sie dem Europäer nicht Alles mittheilen, was sie von diesen Dingen denken und empfinden. Das Eine haben wir aber zu erkennen vermocht, dass nicht bei allen Völkern diese Begriffe so scharf präcisirt und abgegrenzt erscheinen, wie wir es im Interesse einer klaren Uebersichtlichkeit vornehmen mussten. Wir haben wohl gesehen, wie sich die Anschauungen nicht selten verschieben, vermischen und in einander übergehen. Aber ist denn das bei unserer Volksmedicin etwas anderes? Wer aus unserem Landvolke würde wohl im Stande sein, erschöpfend und klar uns auseinander zu setzen, was er sich unter den Krankheiten vorstellt und wie er glaubt, dass sie zu Stande kommen? In der Mehrzahl der Fälle werden seine Vorstellungen hiervon höchst unklar und verworren sein und es wird ihm an der rechten Ausdrucksweise gebrechen, um uns in seine Empfindungen einzuweihen. Trotz dieser Unvollkommenheit jedoch durften unsere Untersuchungen nicht unterbleiben. Denn ganz nothwendig bedürfen wir ihrer, wie wir bereits im Anfange erwähnt haben, um allerlei Maassnahmen zu verstehen, welche zur Beseitigung der Krankheit und zur Wiederherstellung des Patienten unternommen werden. Und Vieles, was uns vorher sinnlos vorkommen musste, und wo wir nicht zu begreifen vermochten, warum man nun gerade zu solchen Hülfsmitteln seine Zuflucht nimmt, wird uns dann ganz überlegt und wohl durchdacht erscheinen müssen, obgleich es natürlicher Weise oft nach unseren civilisirten Anschauungen und Kenntnissen vollständig unzureichend ist und nicht selten daher auch den angestrebten Zweck verfehlt.

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