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Die Medicin der Naturvölker

Max Bartels: Die Medicin der Naturvölker - Kapitel 18
Quellenangabe
typetractate
authorMax Bartels
titleDie Medicin der Naturvölker
publisherTh. Grieben's Verlag
year1893
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150825
projectid69b95cba
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Schlusswort.

Lassen wir nun zum Schluss noch einmal die Medicin der Naturvölker an unserem Auge vorüberziehen, so finden wir ein absonderliches Gemisch von Unverstand und überlegtem Handeln, von falschen Voraussetzungen und logischen Folgerungen, von Aberglauben und Gespensterfurcht und von praktischen Fähigkeiten Einzelner. Beherrscht auch ihre Dämonologie scheinbar ihr gesammtes medicinisches Können, so stossen wir doch auch andererseits auf manche gute Kenntniss und Maassnahme. Die genaue Bekanntschaft mit der sie umgebenden Pflanzenwelt, die richtige Beurtheilung ihrer Heilwirkungen wird uns vielfach von den Naturvölkern gepriesen.

Von der Kraft des beschwörenden Wortes haben wir häufig berichten müssen, ähnlich wie in unserer Volksmedicin die Besprechungen reichlich in Anwendung kommen. In der Volksmedicin wird bekanntlich die verstümmelte und unverstandene Formel oft für besonders wirksam gehalten. Auch unter den Beschwörungsgesängen der Klamath-Indianer in Oregon finden sich manche alterthümliche Formen, deren Erklärung den Indianern bereits schon einige Schwierigkeiten verursacht. Das Geheimmittel ist, wie wir sahen, bei den Medicin-Männern der nordamerikanischen Indianer vielfach im Gebrauch. Ihre Medicamente werden gepulvert und mit wirkungslosen Dingen gemischt, nur um sie nach Geruch und Aussehen für den Patienten unkenntlich zu machen. Kostbares, Seltenes und Ekelhaftes wird in der Medicin der Naturvölker, wie in der Volksmedicin hochgeschätzt.

Aber auch noch viele andere Analogien finden wir zwischen diesen beiden Gruppen der primitiven Medicin. Es soll hier nur an die Räucherungen und die Schwitzcuren, an die schablonenhaft ausgeübte Hydrotherapie, an das einschläfernde Magnetisiren, an die purgirenden Heiltrankcuren und an das Streichen erinnert werden. Jedermann weiss, welch hervorragende Rolle diese Methoden bei unserem Volke spielen; und bis in welche Schichten der Bevölkerung dieses »Volk« auch noch heutigen Tages hinaufreicht, davon geben auch in Europa tägliche Beispiele deutlich Kunde.

Selbst für das Erbrechen des Medicin-Mannes findet sich eine interessante Parallele. Ein berühmter » Magnetiseur« in Frankfurt am Main, dem jetzt die erleuchtete Bürgerschaft zuströmt, streicht dem dyspeptischen Kranken den Magen, wird dann von heftigem Erbrechen befallen und der Leidende ist geheilt.

Priester, Beichtvater und Arzt zugleich, versteht es der Medicin-Mann, das religiöse Bedürfniss und die seelischen Empfindungen seiner Gemeinde seinen ärztlichen Verordnungen anzupassen. Furcht vor der Gottheit, Opfer und Busse, sowie die beängstigende Nähe der Dämonen, deren Kommen und Gehen und deren Sprechen er durch des Medicin-Mannes Bauchrednerkunst mit seinen gespannt lauschenden Ohren deutlich zu vernehmen vermag, üben auf das überreizte Nervensystem des Patienten einen gewaltig suggestiven Einfluss aus. Vorsichtige Sorge für die Entleerung des überfüllten Magens und Darmes, Regelung der Diät und körperliche Uebung werden ebenfalls in Anwendung gezogen.

Operative Eingriffe erzwingt bisweilen die Noth des Augenblicks. Waren sie mehrmals von Erfolg gekrönt, so entwickelt sich der chirurgische Muth. Und ist nun diese Kühnheit im Operiren auch oft nur die Kühnheit des Unverstandes, welcher von den drohenden Gefahren auch nicht die leiseste Vorstellung besitzt, so geht aus solcher Kühnheit doch allmählich die chirurgische Gewandtheit hervor, und dieser folgt dann naturgemäss allmählich zielbewusstes Können.

Gilt dieses für die Naturvölker allein? Keineswegs, denn auch dem Gliedersetzer und dem Renkdoktor unseres Landvolkes kommt das Selbstbewusstsein auf gleiche Weise. Aber auch mancher hochangesehene Schneidarzt, mancher Bruchschneider, Steinschneider oder Staarstecher hat in verflossenen Jahrhunderten bei uns eine ganz ähnliche Entwickelung durchlaufen.

Möge es hiermit genügend sein. Ist es doch, glaube ich, hinreichend bewiesen, dass ein gemeinsames, festes Band sich durch diese Ideen hindurchschlingt, das die Naturvölker unter einander, sowie mit den Völkern des Alterthums und mit unseren niederen Volksschichten verbindet. Und so sind wir denn gezwungen, in diesen Gedankengängen gleichsam eine notwendige Function des primitiven Menschengehirnes zu erblicken, und somit dokumentiren sie sich als dasjenige, was wir in der Einleitung behauptet haben, als echte und wahre Völkergedanken.

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