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Die Martinsgans

Joseph von Lauff: Die Martinsgans - Kapitel 1
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Martinsgans
authorJoseph von Lauff
firstpub1918
year1935
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Martinsgans
pages1-156
created20051010
sendergerd.bouillon
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Joseph von Lauff

Die Martinsgans

Ein komisches Gänse- Wein- und Moselmärchen

Der »Brixiade« 2ter Teil


Auftakt

                Das Jahr war gut, der Wein geraten,
Das Moseltal voll Nebelglanz,
Und allwärts duftete der Braten
Der delikaten Martinsgans.
O Martinstag! – wie viele Male
Kamst du mir mit geheimem Wehn!
Wer dich nicht sah im Moseltale,
Der hat im Leben nichts gesehn.
Du gehst in dunkelbrauner Kutte
Durchs weite Land. das fast entlaubt,
Und flichst vom Strauch der Hagebutte
Korallen dir ums greise Haupt.
Du bannst den Dachs in Gruft und Gräben
Mit deinem derben Haselstock
Und stöberst von den Thyrsusstäben
Der Blätter rötliches Geflock.
Und wo du gehst, ist still die Runde,
Kaum plaudert noch der rasche Fluß;
Nur ab und zu im tiefen Grunde
Von fernher ein gedämpfter Schuß.
Ha, wie die Äuglein sich verklären,
Du aller Tage Ehrenpreis!
Du hörst die jungen Weine gären,
Du schmeckst den ersten »Federweiß«.
Wo dir die schmucken Mädels winken,
Folgst willig du dem jungen Blut;
Du siehst die Moselaner trinken,
Und ach! sie trinken alle gut.
Und abends, wenn auf Flur und Tennen
Der sanfte Lampendocht erwacht,
Dann läßt du deine Feuer brennen
Von allen Bergen durch die Nacht.
Sankt Martinstag! – mir wird so mollig,
Mein Denken wird so zart erregt,
Wie wenn ein Jäckchen, weich und wollig,
Sich schmeichelnd um den Leib mir legt.
Kurzum! – der Wein war gut geraten,
Das Moseltal voll Nebelglanz,
Und allwärts duftete der Braten
Der delikaten Martinsgans.
Da hielt mich nichts; ich mußte wieder
Zu meinem perlenden Pokal,
Ins Land der Weine und der Lieder,
Ins vielgeliebte Moseltal.
Stromaufwärts lenkte ich die Pfade;
Denn auf den Ort war's abgezielt,
Wo sich vor Zeit die »Brixiade«
In allen Ehren abgespielt.

Ein köstlich Wandern, pulsend Leben,
Die Wege reingefegt vom Staub!
Und ringsum schüttelten die Reben
Vom Leibe sich ihr falbes Laub.
Ergraute Burgen, alte Flecken,
Von Zeit zu Zeiten ein Talar . . .
Und in den kahlen Buchenhecken,
Da lärmte laut ein Häherpaar.
Ein Kirchlein durfte auch nicht fehlen.
Dort lag's in veilchenfarbnem Duft!
Manch Kränzlein noch von Allerseelen,
Es ruhte still auf Grab und Gruft.
Die zarte Christwurz sah ich sprießen;
Trotz Winterweh – der Tag war warm.
Mir fehlte nichts zum Vollgenießen
Als nur ein schmuckes Weib am Arm.
So ging's zu Berg, am Band die Laute.
Schon winkt' die Burg im Abendstrahl . . .
Hier Cochem, drüben Cond, das traute,
Und dort mein altes Stammlokal.
Da lag's, gemacht zum Pokulieren,
Fern allem Weh und Erdenstaub,
Und von den hohen Weinspalieren
Verraschelte das letzte Laub.
Hier ward den feinsten Moselzungen
So manch verhaltnes Wunder kund,
Und schwelgend in Erinnerungen,
Bewegten Herzens sprach mein Mund:

    »Wer froh auf Erden leben will
    In diesen dumpfen Zeiten,
    Der muß ganz heimlich, sacht und still
    Auf einem Glücksschwein reiten.

    Ob er Jurist, ob Dichtersmann,
    Ob aktiv mit dem Sabel,
    Das Schweinchen hält von selber an,
    Wo's gut ist für den Schnabel.

    Steig aus dem Bügel, tritt ins Haus,
    Laß deine Äuglein blinken!
    Hier teilt man propre Weine aus
    Und Lachs und Bärenschinken.

    Hier wirst du ledig aller Pein
    Vom Scheitel bis zur Sohle;
    Die »Goldne Traube« salbt dich ein
    Aus grünlicher Phiole.

    Hier beut noch laut'res Gold das Herz,
    Gefeit ist hier die Stunde,
    Und selig schwingt sich himmelwärts
    Die ganze Tafelrunde.

    Und weil dies Haus, wie allbekannt,
    Der Mosel ein Dekorum,
    So sei's gestellt in Gottes Hand
    In saecula saeculorum.«

He, holla he! – nun war's geschehen.
Die Fässer kannten meinen Schritt;
Ich sang ein Lied vom Wiedersehen,
Und alle sangen jubelnd mit.
Jetzt angepocht! – und kurz entschlossen,
Was ich mir vornahm, das geschah . . .
»Seid ihr auch da, ihr Kneipgenossen?!«
Bei Gott! sie waren alle da.
Was grüßend sich jetzt um mich scharte,
War halb schon voll des edeln Weins:
Hier Peter Zenz, der hochgelahrte,
Der Amtsgerichtsrat Num'ro eins.
Zur Seite ihm, noch gut bei Wege,
Ganz niedlich, trefflich auch bei Speck,
Begrüßte mich sein Herr Kollege,
Der Amtsgerichtsrat Hubaleck.
Dann ferner – ohne viel Geziere,
Mit Hiemenz gab's ein Wiedersehn,
Mit ihm, dem Meister der Klystiere,
Dem Medikus katexochen.
Und dort Herr Wieprecht! – Hellauf schmettern
Tät ich mein Glücksgefühl ins Land . . .
Der Feldmarschall der schwarzen Lettern
Bot stolz und würdig mir die Hand.
Wie stets geschichtlich eingeschworen,
Er war so lustig wie vorlängst;
Historisch klirrten seine Sporen,
Historisch wieherte sein Hengst.
Er machte sich kein groß Gewissen,
Wohin auch ging der wilde Ritt;
Von allen tollen Hindernissen
Nahm er die allertollsten mit.
Da gab's ein Wundern, ein Gefrage:
» Quis, quid, ubi . . .?« und weiter so.
Kurz, alles war mit einem Schlage
Beim vollsten dulci jubilo.
Das girrte wie die Turteltaube,
Das knallte wie ein Böllerschuß,
Und schließlich kam der Herr der Traube.
Herr Hermann Joseph Brixius.
Er kam nicht an mit großen Worten,
Nein, schmunzelnd kam er, stramm und frisch,
Und stellte von den besten Sorten
Die feinsten Marken auf den Tisch:
Je zwei von Trittenheim und Uerzig,
Auch fünf von Valwig stellt er hin,
Daneben, wonnig, weich und würzig,
Die liebliche Kartäuserin.
Als freundlich so die edle Spende
Sich präsentierte spiegelblank,
Da schwang die schwarze Kunst behende
Sich herzhaft auf die Wirtshausbank.
»Herr Wieprecht – hoch!« – Die Brille blitzte,
Der Geist der Stunde riß ihn fort,
Und wie der Pfeil vom Bogen flitzte,
So flog vom Munde ihm das Wort:
»Willkommen, Jupp, in unserm Kreise!
Willkommen, du im Lorbeerkranz!
Denn heut, in hergebrachter Weise,
Verjubeln wir die Martinsgans.
Noch lächelt uns die höchste Gnade
Bei Wein und Weib, bei Sang und Spiel,
Und auch der Geist der »Brixiade«
Ist immer noch bei uns mobil.
Wir sind die Alten! – Weiß der Henker:
Wir picheln noch mit Ziel und Maß;
Sind auch noch stets die besten Schwenker
Von einem blanken Moselglas.
Noch lebt bei uns der alte Meister,
Homer ist noch bei uns im Schwang,
Er, der im Kreis erlauchter Geister
Die Schlacht bei Salamis besang,
Der so im dreizehnten Jahrhundert
Nach Christi stolzen Ruhm erwarb
Und, hochgeehrt und vielbewundert,
Im Reich der Thermopylen starb.
Noch steht bei uns in höchster Ehre
Der Pfeifen- und Zigarrenrauch,
Und du, als Dichterkonifere,
In unserm Herzen lebst du auch.
Dies kurz zuvor. – Doch jetzt zur Kunde –
Und darin fügt sich jeder Gast –
Die auserwählte Tafelrunde
Hat folgenden Beschluß gefaßt:
Wie auch der arme Magen knuttert,
Gelüst schon nach dem Braten trägt –
Die Martinsgans wird erst verfuttert,
Wenn dumpf die Geisterstunde schlägt.
Nur sie allein wirkt zauberhändig,
Erwürgt der Sorgen schalen Rest;
Erst wenn die Geisterlein lebendig,
Gestaltet sich das Fest zum Fest.
Bis dahin, meinen alle Stimmen,
Wird brav gebechert und gezecht;
Denn so ein Gänsulein will schwimmen,
Und darin hat der Vogel recht.
Was sonst geschieht, warum wir alle
Nicht feiern still bei Weib und Kind,
Das wird dir kund in jedem Falle,
Wenn wir beim vollen Umtrunk sind.
Proficiat!« – so sprach der Lose
Und trank auf aller Glück und Wohl
Und nudelte aus blanker Dose
Sein Riechorgan mit Spaniol.
Habt acht! – rings schwirrt es von Gesängen;
Die Muse sinnt, die Muse geigt,
Indes mit feierlichen Klängen
Die erste Dithyrambe steigt.

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