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Die Marketenderin von Köln

Levin Schücking: Die Marketenderin von Köln - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorLevin Schücking
titleDie Marketenderin von Köln
publisherH. Fikentscher Verlag
editorLevin O. Schücking
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070720
projectid368bd403
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Erstes Kapitel

Ein Professor und ein Student der Universität Köln

In einer der schmalen und düstern, aber dazumal nicht wie heute von Leben und Bewegung erfüllten, sondern sehr stillen, grasbewachsenen und schmutzigen Straßen der alten freien Reichsstadt, der heiligen dreigekrönten Colonia – an einer Ecke, welche durch eine noch viel schmälere, hier einmündende Gasse gebildet wurde, lag am Ende des 18. Jahrhunderts eins jener schönen malerischen alten Häuser, die heute das Entzücken eines kulturhistorisch gebildeten Menschen von künstlerischem Geschmack und die Verzweiflung dessen bilden, der verurteilt ist, in solch einem engen, schiefwinkeligen, dunkeln, zugigen, ungemütlichen Kasten zu wohnen. Wir verschweigen die Nummer des Hauses, lassen dem Leser die Wahl zwischen Hochstraße, Minoriten-, Buden- oder Rechtschulstraße und deuten als weitere Kennzeichen nur an, daß besagtes Haus, wie zu praktischem Gebrauche eingerichtete Häuser pflegen, unten eine Tür hatte und daneben zwei Fenster. Dasjenige, welches der Tür zunächst lag, zeigte hinter Scheiben von bescheidener Größe eine Ausstellung von sinnig geordneten Produkten ferner Länder und Völkerschaften, als da sind: einige Glasschalen voll grünlich-grauer Früchte des berühmten arabischen Kaffeestrauches; gelbe Kistchen, worauf für jedermann, der nur einigermaßen in der chinesischen Sprache und Schriftkunde bewandert war, mit großen Buchstaben deutlich zu lesen stand, daß darin der allerechteste Kaisertee enthalten; daneben Körbe mit jenen für jugendliche Phantasien gefährlichen getrockneten Früchten, die unter dem Namen Korinthen, Rosinen von Malaga und Feigen von Smyrna in den Handel kommen, und ferner eine kleine Pyramide der goldensten Äpfel von Siena. Neben diesen lachenden Produkten des Pflanzenreichs ferner Zonen zeigten sich die weit weniger idealen Gestaltungen, womit das Tierreich in solch einem Laden vertreten zu sein pflegt, so namentlich der unpoetische Hering, der häßliche Laberdan und der holländische Käse. Auch erblickte man symmetrisch in den Ecken aufgestellte Bündel jener dünnen irdenen Pfeifen, aus welchen der sanfte und vorsichtige Mynheer zu rauchen, ohne sie zu zerbrechen, das Geheimnis besitzt, und dazu Tabakpakete mit dem berühmten dreifach bekreuzten Wappen der Stadt Amsterdam; welche drei Kreuze ohne Zweifel von irgendeinem deutschen Kaiser oder Potentaten, der sich zu irgendeiner Zeit in irgendeinen Handel mit Holländern einließ, schließlich hinter ihnen her gemacht worden und alsdann zum ewigen Andenken in das Wappen der Hauptstadt gesetzt sind.

Alle diese Gegenstände deuten hinreichend an, daß sich in unserm Hause ein Spezereigeschäft befand, und das Geklingel der Tür, welches sich oft genug, besonders im Laufe der Vormittagsstunden, darin hören ließ, bekundete, daß der Laden ein ziemlich besuchter war – wie das denn auch nicht wohl anders sein konnte bei der guten Lage zwischen Gassen und Gäßchen inmitten der Stadt, und obendrein ganz zu ebener Erde, durchaus gleich mit dem Straßenpflaster und ohne jede Treppe – ein wesentlicher Vorteil, lieber Leser, bei allen Spezereigeschäften, Bierstuben und ähnlichen Läden, wie du vielleicht, wenn du nicht selbst in etwas »machst«, noch nicht gewußt hast ... ein vielgeplagtes Küchenmädchen, das den Tag über genug in und außer dem Hause umherzurennen hat, liebt es nicht, ausgetretene glatte Treppenstufen zu erklimmen, um des Herings habhaft zu werden, nach welchem die Gebieterin spät nach der Abendsuppe noch ein Gelüsten bekommt, und noch weniger liebt es der intelligente nach einem Lot Kaffee ausgesandte Knabe, der bereits durch derartige minder wichtige Missionen in der Haushaltung nützlich gemacht wird.

Es war um diejenige Zeit des Jahres, wann die Tage nach der Versicherung des Kalendermanns kürzer zu werden beginnen als die Nächte, an einem feuchten, nebelerfüllten Abende, als ein hoch und kräftig gebauter junger Mann, in einen Mantel gehüllt, mit sehr elastischem Schritt und doch lässig und langsam durch die Gasse daherging, zu deren namhaftesten Sehenswürdigkeiten unser eben beschriebenes Ausstellungsfenster gehörte. Der junge Mann kümmerte sich dabei wenig darum, an welchen Stellen seine Klappenstiefeln den festen Grund berührten; die Pegelhöhe des schlammigen, schwarzen Sumpfes, der infolge vorhergegangener Regentage die Straße füllte, war überall dieselbe.

Er blickte nicht einmal auf seinen Weg, sondern trug das Haupt sorglos erhoben; vielleicht erfreute sich sein lebhaftes und fröhliches blaues Auge an dem phantastischen Bilde, welches die Straßenperspektive vor ihm darbot, an diesen merkwürdigen alten Häusern zu beiden Seiten, die mit ihren vorspringenden oberen Stockwerken und ihren Erkern aus dem Nebel, der alle Umrisse vergrößerte, höchst wunderbarlich und märchenhaft hervorschauten; während die an den Fronten angebrachten Figuren und Köpfe, vor allem die kuriosen Wahrzeichen von Köln, die alten Gesichter über den Torbogen und Eintrittstüren, dem Dahinwandelnden ganz eigentümliche Fratzen zu machen schienen, deren mimische Bedeutung bei der Dämmerung jedoch schwer zu enträtseln war.

Als der junge Mann vor dem Hause mit dem Spezereiladen angekommen war, schlug er den Mantel auseinander, trat einigemal stark mit den Stiefeln auf die Schwelle, um sie des klebengebliebenen Schmutzes zu entledigen, und trat ein.

Der Ladenraum bot nicht überflüssig viel Platz dar für eine kräftig ausgebildete Männergestalt, die, ihren Mantel auf die Schultern zurückgeworfen, von dem dreieckigen kleidsamen Hütchen durch einen kecken Schwung die Feuchtigkeit, welche sich darauf gesammelt hatte, abschütteln und dann mit einem Tuche das starke schwarze lockige Haar von den Tropfen befreien wollte, womit der Nebel es leicht überpudert hatte. Die Ellenbogen des jungen Mannes kamen dabei rechts in Berührung mit allerlei Matten, Bürsten, Kuhketten, Stuhlrohr, Stricken und dergleichen malerischen Draperien eines Ladenraumes; auf der andern Seite stießen sie an die aus dunklem Eichenholz geschreinerte Theke, über der eine Art von Triumphbogen sich erhob, gebildet von zwei kühn geschweiften und in der Mitte sich umschlingenden Schlangen und belastet mit glänzenden Wagschalen und dicken Packen grauer Tüten.

Umschlossen von diesem sinnig erfundenen Rahmen stand hinter der Theke eine sanfte Männergestalt mit grauem Haar und einem mehr freundlichen und belebten als sorgfältig rasierten Gesicht, das, an den Schläfen stark eingedrückt, eine sehr gewölbte, hohe, kahle, höchst gelehrt aussehende Stirn zeigte; ein Gesicht, das viel mehr das eines gutmütigen spekulativen Weltweisen war als das eines Mannes, der geboren, sich mit dem Abwägen von Pfeffer, Kandis und Waschbläue zu beschäftigen.

Es schien in der Tat, daß auch der eintretende junge Mann diese Bemerkung machte, denn nachdem er dem Manne hinter der Theke eine nicht unzeremoniöse Verbeugung gemacht hatte, sagte er mit einiger Überraschung im Tone:

»Ei der Tausend, mein Herr Professor, ist dero Gelahrtheit wieder einmal zwischen die Öl- und Heringsfässer gebannt, so daß ein lernbegieriger Jünger, der kommt, zu den Füßen seines Lehrers zu sitzen, Gefahr läuft, dabei in den Tran zu geraten?«

»Was soll man machen, Herr Bender, was soll man machen! Die werte Eheliebste liegt an einer kleinen febris intermittens rheumatischen Charakters danieder, die Magd ist mit den Angelegenheiten der hilfebedürftigen Jugend in der Kinderstube beschäftigt, und so muß denn der Hausvater wohl vom Kothurn der Wissenschaft auf den Soccus des Spezereigeschäfts herabsteigen. Treten Sie näher, Herr Bender, ich will nur noch einige Lot gemahlenen Kaffees in die respektiven Tüten verpacken, um diesen vorzugsweise beliebten Artikel bei vorkommender Nachfrage sofort fertig und ohne Zeitverlust verabreichen zu können. Wir wollen alsdann unverweilt unsere Vorlesung beginnen. Wir waren stehengeblieben bei ...«

»Nehmen Sie sich nur Zeit, Herr Professor;, die Uhr ist noch nicht sechs, und Ihre beiden andern Zuhörer sind ja auch noch nicht da.«

»Werden wohl wieder das Kollegium schwänzen, die Herren Zander und Elleschen; was uns aber nicht abhalten wird, heute zum Abschnitt von der spina dorsalis überzugehen.«

»Ist denn Jungfer Traudchen Gymnich nicht zur Hand, um Ihnen das Geschäft abzunehmen? Sie ist ja sonst die hilfebereite Hausfreundin.«

»Jungfer Traud«, versetzte der Gelehrte, »war heute noch nicht« – sichtbar, wollte er hinzufügen, als die Klingel der sich öffnenden Tür ihn unterbrach und der Laden durch das Erscheinen einer Kundschaft erfreut wurde, die sich in Gestalt eines etwa achtjährigen barhäuptigen Buben präsentierte und keck an die Theke trat, auf deren Rand der freundliche Kleine seine beiden Ellenbogen lehnte.

»Wat eß, Kind?« sagte der Professor.

»Gitt meer enß zwei Lut Angenis!«

Der Professor wog zwei Lot Anis ab.

»Wat koß et?«

»Wat et koß ...«, sagte der Professur sinnend, »wat et koß ...«, er war offenbar nicht ganz im klaren über den Marktpreis von zwei Lot Anis, aber er wußte sich zu helfen.

»Wies enß, Köbesje, we vill hann se deer metgegevve?«

»'nen Albuß,« versetzte der Junge, eine seiner Hände öffnend und eine Münze von diesem Wert zeigend.

»Et eß rääch, zwei Lut Angenis koß 'nen Albus,« sagte der Professor und ließ das Geld durch eine Ritze in der Theke in die darunter befindliche Geldlade fallen.

»För 'nen Albus Seif!« sagte der Junge jetzt.

»För 'nen Albus Seif!« wiederholte der Professor und zog aus einem Fache des Ladens eine Stange weißer Seife hervor, die er in Löschpapier einwickelte.

Der Junge öffnete nun die andere Hand und ließ einige Kupfermünzen daraus fallen.

»Es dat 'nen Albus?« sagte der Gelehrte verweisend; »dat sin sechs Heller.«

Der Knabe schwieg einen Augenblick betroffen; dann sich sammelnd antwortete er mit der selbstbewußten Geistesgegenwart eines künftigen Reichsstadtbürgers: »Dann sin de Heller, förde Angenis, un der Albus eß för de Seif.«

»Jo, du Lotterbov, wat sähß do dat nit glich! Nu eß et rääch, nu gang!«

Der Knabe zog mit Anis und Seife ab; der Student, der unterdessen seinen Mantel und Hut an denselben Nagel gehängt hatte, woran die Kuhketten an der Mauer niederhingen, hatte lächelnd die Art, wie der Professor Geschäfte abschloß, beobachtet und schritt jetzt durch den Laden, um auf ein paar Stufen zu treten, welche aus demselben in ein dahinterliegendes Zimmer führten.

»Professor Bracht,« sagte er dabei, »Sie werden Ihrer Frau Eheliebsten schöne Dinge im Laden anrichten! Wer verkauft denn zwei Lot Anis für einen Albus? Auch sehe ich an der Art, wie Sie jetzt den Kaffee abwägen, daß Sie mit den eigentlichen Finessen des Geschäfts in beklagenswerter Weise unbekannt sind! Ist das die rechte Art, wie man dem Zünglein in der Wage einen kleinen Schneller nach der Seite hin gibt, wo die Ware hängt? Ich wette darauf, den gestoßenen Zimt verkaufen Sie, ohne in Ihrer strafbaren Unbesonnenheit auch nur einen Blick daraufzuwerfen, ob er den gehörigen Zusatz von geraspeltem Zigarrenkästchenholz hat, und ob er lange genug im Keller lag, um durch die Feuchtigkeit sein Gewicht zu vergrößern; und wenn Sie im ungemahlenen Kaffee zufällig das Vorkommen auffallend vieler Kirschensteine bemerken, so ahnen Sie in Ihrer leichtsinnigen Unschuld wohl gar nicht, welche tiefere Bedeutung diese befremdlichen Gegenstände haben. Ist Ihnen jemals eingefallen, über das Geheimnis nachzusinnen, wie man durch einen einfachen Kunstgriff dem Schwefelholzpäckchen zu Nachkommenschaft auf dem Wege natürlicher Vermehrung verhilft, indem man die Päckchen unmerklich um einzelne Exemplare bemaust? Ich behaupte, die ganze Kipper- und Wipperschaft des Kleinhandels ist Ihnen fremd, und wenn man sagt: schicke kein Kind auf den Markt, so sollte man hinzusetzen: stell' aber auch keinen Professor hinter die Theke!«

Herr Professor Anatomiae D. Laurentius Bracht lächelte still bei dieser Vorlesung, welche ihm sein Schüler hielt, und nachdem er seine Kaffeetüten zustande gebracht, ging er dazu über, eine in der Mitte des Triumphbogens von den Schlangenhälsen niederhängende Lampe zu entzünden. »Was soll man machen!« sagte er dabei achselzuckend, »jede Hantierung hat ihre kleinen Kunstgriffe, die Überlieferung der biedern und klugen Vorvordern, die sich dann auf die pietätvollen Enkel vererben. Wenn man aber nun einmal kein Enkel, das heißt, nicht innerhalb solcher achtbaren Traditionen aufgewachsen ist, sondern so wie ich nur ein Appendix des Geschäfts, aus Gnaden und vermittelst eines Ehebündnisses in reiferen Jahren aufgenommen, dann wird man immer ein hilfebedürftiger tiro bleiben, man mag in litteris prästieret haben, so viel und so Rühmliches man will. Und nun, mein treuester Herr Scholar,« fuhr der Professor fort, indem er ein Talglicht an der brennenden Lampe anzündete, »da es scheint, als sollten wir eine Weile Ruhe haben vor den Anis- und Seifebedürfnissen der lieben Nachbarschaft...«

»Und da die Herren Zander und Elleschen ihrer löblichen Gewohnheit, zu schwänzen, getreu zu bleiben scheinen ...« fiel der Scholar ein –

»So können wir beginnen,« sagte der Professor Bracht und schritt mit seinem entzündeten Licht in die Hintere Stube hinauf, an deren Schwelle Bender bisher Posto gefaßt hatte.

Das Zimmer bot einen von dem davorliegenden Räume sehr verschiedenen Anblick dar. Es war unsers Professors Doctoris Medicinae et Artis obstetriciae Bracht Auditorium für seine öffentlichen und privaten Vorträge über Anatomie des Menschen, vergleichende Anatomie und Osteologie. Unsere Leser wissen, daß solche Vortrage gemeinhin auf anatomischen Theatern gehalten zu werden pflegen. Es fehlte auch an einem solchen Institut der alten und berühmten Hochschule zu Köln nicht; aber leider war es ein düsterer großer zugiger Saal, möglichst unzweckmäßig eingerichtet, und im Winter gar nicht zu erwärmen. Und da hinzukam, daß Professor Bracht in seinen Vorlesungen auf der wenig mehr besuchten Universität äußerst wenig Zuhörer hatte und sich gewöhnlich mit einem oder zweien dieser wißbegierigen Jünglinge in traulichem Gegenüber befand, so zog er vor, die offiziellen Hilfsmittel der Hochschule ihretwegen nicht in Anspruch zu nehmen. Die ohnehin auf der Anatomie neun Zehntel des Jahres hindurch fehlenden Leichen hatte er dabei in ausreichender Weise durch Tafeln mit Abbildungen ersetzt, welche auf Pappe gezogen die Wände seines kleinen Hörsaals hinter seinem oder vielmehr seiner Gattin Laden schmückten.

In der Mitte des Zimmers, wohin sich der Professor mit seinem Lichte begab, stand ein Tisch mit einem halben Dutzend Stühle umher. Die übrige Einrichtung war nicht genau zu erkennen, denn die Talgkerze gab eine sehr unzulängliche Beleuchtung; aber man sah von den Wänden her die großen Tafeln mit den Bildern halber durchschnittener Menschen, die Gestalten von beklagenswerten Männern und Frauen, denen die Brust oder die Bauchhöhle aufs grausamste bloßgelegt war, und deren Köpfe dennoch in ungebeugter Haltung, mit rot illuminierten Wangen und frischen Augen herüberblickten, als ob sie sich gar nichts daraus machten, daß solch ein kleiner Querschnitt sie von oben bis unten gespalten hatte, wie der Schwerthieb des schwäbischen Ritters unter Kaiser Rotbart lobesam den Türken, und daß man ihnen ins innerste Herz blicken konnte. Daneben hingen ganz entsetzliche Abbildungen von Armen und Beinen, woran alle Sehnen und Nerven bloßlagen, und allerlei andere bildliche memento mori in Gestalt von Heizen, Lungen, Gehirnen und andern sensitiven Organen, die ein armer Sterblicher nun einmal verurteilt ist in dem künstlichen Organismus, der sein leibliches Kleid bildet, mit sich herumzutragen. Als der Professor das Licht auf den Tisch gestellt hatte, fiel der Schimmer desselben so, daß man im Hintergrunde einen in der Mitte geöffneten Vorhang wahrnahm, aus dessen Falten ein weißes Etwas hervorleuchtete, das sich bei näherer Untersuchung, als ein noch unheimlicherer Gegenstand wie alle vorigen darstellte – es war ein weißgebleichtes Gerippe mit einem großen grinsenden Schädel. Einige andere Schädel standen auf einem Bord daneben.

Der Professor nahm eine der Tafeln, legte sie auf den Tisch, und nachdem er aus der Schublade desselben seine Hefte hervorgeholt hatte, setzte er sich seinem Schüler gegenüber, der unterdessen die Schreibmappe offenlegte.

»Also wir standen bei dem Kapitel von den Halswirbeln,« begann der Professor. »Es gibt derselben sieben, und ihr Charakteristikon liegt in dem Loche ihrer Querfortsätze – foramen transversium. Durchbohrte Querfortsätze zeigen sich bei andern Wirbeln nicht. Ihre Gestalt« – der Zeigefinger des Professors fuhr deutend auf die Tafelabbildung, wo sich die Gestalt präsentierte – »ihre Gestalt ist niedrig aber breit, der horizontale Dornfortsatz ist an seiner Spitze in zwei Zacken gespalten. An den gelöcherten Querfortsätzen findet sich ein vorderer und hinterer Höcker – tuberculum...«

Draußen klingelte die Tür, und dann erhob sich eine helle weibliche Stimme mit dem stürmischen Begehren: »Gitt meer enß ä Pund Labberdohn un en Appeltaat.«

»Waat, ehr Lück, ich kumme glich eruus!« schrie der aus seiner Gelehrsamkeit aufgeschreckte Dozent, und nachdem er seinem Zuhörer weiter diktiert hatte: tuberculum genannt; der Dornfortsatz heißt processus spinosus; die Querfortsätze processus transversi – womit das nächste Alinea erreicht war, sprang er auf und eilte in den Laden, wo er eine kleine schwarzäugige Magd vorfand, ihres Laberdans harrend.

»Wat brucht ehr Lück dann dis'en Ovend Fesch zo esse?« sagte der Professor verdrießlich zu der kleinen Magd, während er nach der Wagschale und dem Pfundgewicht griff. »Künnt ehr nit Kaffee drinken – ich hän ä Veedelpund avgewog he lige!«

»Ich bruche keine Kaffee, ich bruche Labberdohn,« antwortete schnippisch die Magd.

Der Professor befriedigte ihren Wunsch; währenddessen traten wieder neue Kunden ein, zwei zumal, und die Vorlesung schien von einer langen Unterbrechung bedroht. Da klingelte es aufs neue, und bald darauf ließ sich ein leiser Tritt auf der Treppenschwelle vor dem Auditorium vernehmen; Bender aber sah durch die halb offengebliebene Tür ein Paar sehr muntere hellblitzende Mädchenaugen blicken.

»Ah, Jungfer Traud,« rief der Student, offenbar erfreut über diesen Wechsel der Dekoration, der ihm, nachdem er so lange ein ödes knöchernes Halswirbelsystem angeschaut, den Anblick eines so hübschen lieblichen Okularsystems gewährte, »Jungfer Traud – kommen Sie nur herein, es ist niemand da außer mir!«

»Warten Sie, Herr Bender,« antwortete eine wohltönende, etwas tiefe, aber sehr angenehme Stimme, »ich will erst hier dem armen Professor helfen, mit den Kunden fertig zu werden.

Damit verschwand Jungfer Traud aus der Türöffnung und schlüpfte in den Laden, aus dem sie den Professor zu seiner unsäglichen Genugtuung in seinen Hörsaal zurücksandte, um die Theorie von den Wirbeln wieder aufzunehmen und jetzt zum Atlas und zum Epistropheus überzugehen, wahrend Jungfer Traud die Kunden befriedigte. Als sie damit fertig war, kam sie leise und geräuschlos in das Zimmer, setzte sich auf einen neben dem Ofen im Hintergrunde stehenden Stuhl – sie wandte den Rücken dem unfern hinter ihr ausgestellten Gerippe zu – und holte dann ein Strickzeug hervor, an dem sie emsig arbeitete.

Die Stunde der Vorlesung verging nun ohne weitere Störungen. Wenn draußen die Haustür klingelte, sprang Jungfer Traud auf und befriedigte das Verlangen der Kinder, Mägde, Handwerkerfrauen und Madamen, welche vor und nach eintraten. Der Professor analysierte ruhig seinen Epistropheus mit dem daransitzenden processus odontoideus – und der Student hörte zu, wenn auch nicht mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Denn sehr oft glitten seine Blicke über seine Schreibmappe und die Tafeln fort auf das junge Mädchen hinüber, wenn sie aus dem Laden zurückkam und für eine Weile wieder in dem Halbdunkeln Hintergrunde saß, wo ihre Züge in einem eigentümlichen rosigen Lichte strahlten, so oft sie sich niederbeugte, um eine gefallene Masche beim Schein der Flamme, der aus dem Ofentürchen hervordrang, wieder aufzunehmen. Jungfer Traud war freilich auch wohl danach geschaffen, die Blicke eines Studenten zu fesseln. Sie war ein schönes schlankes Kind von höchstens 20 bis 22 Jahren mit prächtigen großen Augen, einem ovalen Gesicht, dessen Farbe mehr frisch und gesund als gerade rosig blühend zu nennen war, einem seinen, etwas gebogenen Näschen und einem kleinen Munde mit keck aufgeworfenen Lippen. Ihr dichtes schwarzes Haar trug sie zu einem Nest aufgebunden über dem Scheitel, der schlanke Oberkörper war mit einem eng ihn umspannenden und hoch bis zum Halse hinauf schließenden Jäckchen mit Schößen bekleidet, aus schwarzem Stoffe mit oben engen, an den Ellenbogen weit offenen Ärmeln. Ein weiter Rock von grüner Serge vollendete das Kostüm eines Kölner Bürgerkindes aus den neunziger Jahren – von der schauderhaft geschmacklosen Modetracht von damals war der ehrsame Bürgerstand von Köln noch nicht entstellt.

Traudchen Gymnich hatte eigentlich einige Ähnlichkeit mit dem einzigen Zuhörer des Professors Bracht. Auch er hatte solch eine offene kluge Stirn, solch helle Augen, auch er hatte einen Mund mit aufgeworfenen Lippen; dieses war aber bei ihm so stark der Fall, und harmonierte so mit dem ganzen kecken Ausdruck seiner Züge, daß in seinem von den dichten schwarzen Locken umschatteten Gesicht etwas Leidenschaftliches, fast Wildes lag, was aus den Zügen Traudchen's durchaus nicht hervortrat. Daß er stark und kräftig gebaut, haben wir schon gesagt. Man wurde dadurch verleitet, ihn für älter zu halten, als er in der Tat war. Auch er mochte höchstens 22 bis 23 Jahre haben.

Der Professor spann seine Vorlesung ab und schloß, als es auf der nahen Kirche von Groß-Sankt-Martin halb acht Uhr schlug. Während er ging, seine Tafeln an ihren alten Platz zu bringen, trat der Student sofort zum Ofen, als ob er schon lange danach verlangt, seine Füße an dem Untersatz zu wärmen.

»Traudchen, sind Sie denn gar nicht ängstlich?« fragte Bender, indem er »seine Blicke über sie fort auf den Gliedermann hinter ihr warf.

Traudchen blickte nachlässig nach rückwärts.

»Vor dem?« fragte sie gleichgültig.

»Und den Schädeln, die danebenstehen? Wissen Sie nicht, daß der eine, der große dicke Schädel dort, von einem blutdürstigen Räuberhauptmann herstammt?«

»Ein Räuberhauptmann?« fragte Traudchen – jetzt etwas scheu sich umblickend. »Ich habe das alles so oft hier gesehen, daß ich gar nicht daran denke.«

»Sie haben recht, Traudchen, daß Sie sich nicht fürchten. Es ist sehr töricht, sich vor Toten zu fürchten, die Lebenden sind viel schlimmer. Vor Gespenstern habe ich auch nie Angst gehabt, aber wissen Sie, wann ich mich fürchten würde?«

»Nun?«

»Wenn ich selber ein Geist wäre, und es begegnete mir ein lebender Mensch. Denken Sie sich einmal, Traudchen, Sie wären ein stiller, aus Duft und Luft gewobener, irgendeine verlassene Bergschlucht oder eine Klostermine bewohnender Geist, der da ruhig und von der Welt unbelästigt seit vielen Jahren sein angenehmes bedürfnisloses Dasein weiterspukt: und nun begegnete Ihnen ganz unerwartet und plötzlich ein lebender Mensch, den Sie mit Ihren Geisteraugen natürlich durch und durch schauten! Sie sähen dieses schnaubende Ungetüm auf sich loskommen, umgeben von einer Wolke von Dunst, die aus seinem Körper aufsteigt; sähen, wie die Lungen keuchend auf und ab arbeiten, das Herz zischend und gurgelnd die Blutwellen ausstößt und wieder aufnimmt und dann aufs neue fortstößt, wie dabei eine Klappe sich schließt und die andere Klappe aufklafft, und wie der Magen gärt und reibt und arbeitet, und wie die Nerven sich schwingen und zittern und die Sehnen sich spannen und wieder abspannen, daß die Glieder ruckweise bald so, bald so sich rühren und spreizen; und so denken Sie sich nun die Maschine auf sich zuschreiten, die Augen rollend, das Gehirn vibrierend und arbeitend, alle Muskelfasern in voller Bewegung, dabei die zischenden und gurgelnden Töne, die durch die Stimmritze fahren – sagen Sie, Traudchen, könnte ein armes Gespenst nicht verrückt werden vor Entsetzen und Abscheu bei einem solchen Anblick?«

»Hören Sie auf, Herr Bender, oder ich laufe Ihnen fort,« sagte Traudchen sich schüttelnd.

»Habe ich Ihnen einen rechten Schauer gemacht?« fragte Hubert Bender neckend.

Jungfer Traudchen schüttelte abermals ihre schön gerundeten Schultern.

»Abscheulich!« sagte sie.

»Nun, das wollte ich eben,« fuhr der Student fort. »Ich wollte Sie ein wenig in die Stimmung bringen, wo man auf Spukgeschichten kommt, und ich hoffe, die Jungfer wird uns dann einmal auch etwas von ihrem kuriosen alten Hause erzählen, über das Jungfer Traud sonst immer nur schnippische Antworten gibt, wenn man sie danach fragt.«

»Vergebliche Mühe, Monsieur Bender. Von dem alten Hause erfahren Sie nun gerade nichts!«

»Was ist mit dem alten Hause?« fragte Professor Bracht.

»Ei, das wissen Sie nicht?« rief der Student aus – und Traudchen Gymnich dachte im stillen: man muß in der Tat solch ein Gelehrter sein, um nicht zu wissen, was jedes Kind weiß!

»Das Haus«, fuhr Hubert Bender fort, »ist das, in dessen Vorbau Traudchen bei ihrem Ohm wohnt, und zu welchem dieser die Schlüssel hat, das große alte Haus hinter St. Georg...«

»Und dieses Haus?«

»Steht öde und verlassen,« antwortete der junge Mann; »man hat niemals gesehen, daß irgendein Mensch hineingegangen, noch daß einer herausgekommen wäre; auf der Treppe vor der Tür liegt ein Steinhaufen, der jedem unmöglich macht, die Tür zu öffnen. Und doch muß jemand darin wohnen, denn in der gestrigen Nacht habe ich deutlich Rauchwolken über das Dach aufsteigen sehen.«

»Nachts?« warf der Gelehrte wie zweifelnd ein.

»Ich habe scharfe Augen, Professor, und bei reinem Sternenhimmel ist es sehr wohl wahrzunehmen, wenn eine Esse Rauch gibt. Die Fenster meines Hinterstübleins gehen auf einen Haufen von allerlei kleinen Häusern und Hintergebäuden hinaus; unser altes Haus aber ragt hoch darüber weg, und ich sehe vortrefflich die Essen, das Dach und die oberste Fensterreihe seiner Hinterfronte, an deren Ende ein hoher stumpfer Turm sich erhebt.

»Und was sagt Traudchens Ohm dazu?« fragte der Professor.

»Traudchens Ohm«, versetzte der Student, »sagt, wenn er nüchtern ist, nichts, und wenn er getrunken hat, verflucht er seine Seele dem Satan und allen Höllengeistern darauf, es habe seit mehr als zehn Jahren keines Menschen Fuß die Schwelle überschritten, aber es spuke eine ganze Legion von Teufeln darin.«

»So nehme Sie doch die Schlüssel, Jungfer Traud, und gehe morgen am Tag hinein, um nachzusehen, wer darin ist,« sagte der Professor.

»Der Ohm hat die Schlüssel,« antwortete Traudchen, die des Studenten Erzählung von der rauchenden Esse überrascht und mit großer Teilnahme angehört hatte; »und«, fuhr sie fort, »ich glaube, er erwürgte mich, wenn ich davon anfinge und ihm die Schlüssel abverlangte.«

»Ja, es gibt einige wunderliche Häuser!« hub der Professor nach einer Pause wieder an, »einige wunderliche Häuser. Zu meiner Zeit war ein altes Haus am Gereonsdriesch, das stand auch seit vielen Jahren leer und verlassen, denn niemand wollte hineinziehen; aber so oft in der nächsten Nachbarschaft jemand sterben sollte, sah man oben am Hause aus einem kleinen Treppenturmfenster einen grinsenden alten Bauer herausschauen, mit langem blonden Bart, einer roten Weste und weißen Hemdärmeln.«

Traudchen Gymnich hatte bei dieser Erzählung ihr Strickzeug in den Schoß fallen lassen und sah gespannt, mit glänzenden Augen, den Professor an.

Hubert Bender fand es jedoch nicht für gut, das Gefühl des Gespenstergrauens in ihr zu mächtig werden zu lassen.

»Wenn wir die Geschichte anatomieren könnten, werter Herr Professor,« sagte er, »so würde sich als Kern wohl irgendein harmloser Kappesbauer herausschälen lassen, der einmal in das Haus geraten und die Treppe hinaufgestiegen ist ...«

Der Professor schüttelte den Kopf. »Es ist nicht ein-, es ist zehnmal wahrgenommen worden!«

»Traudchen,« fuhr der Student fort, »lassen Sie mich heute abend in das Haus ein. Sie können ja die Schlüssel sicherlich bekommen. Ich möchte gar zu gern herausbringen, wer drin ist.«

Traudchen Gymnich schwieg eine Weile. Die Wahrheit war, sie hätte es auch gar zu gern gewußt, wer in dem verschlossenen rätselhaften Hause sein Wesen treiben könne.

»Ich weiß Sie nicht hineinzulassen,« sagte sie jedoch kurz abweisend nach einer Pause. »Und wenn ich's auch wüßte, der Ohm Gymnich ...«

»Der Ohm Gymnich stört uns nicht. Der opfert sich abends von sieben bis zehn im Wirtshause, wo er auf der harten Bank sitzen und den eiskalten Wein trinken muß, wie er sagt, dem öffentlichen Wohle und der Ordnung der städtischen Angelegenheiten auf.«

»Wenn Ihnen nun der Spuk ein Leids antäte?« warf lächelnd Jungfer Traud ein.

»Darüber würden Sie doch nicht trauern!« entgegnete neckend Hubert Bender, »Ich bin auch bereit, zur Vorsicht unsern würdigen Professor als Doktor mitzunehmen, um mir die Halswirbel wieder einzurichten, im Fall ich bei dem Abenteuer ein Unglück hätte und der Teufel mir das Genick ein wenig aus der Ordnung brächte.«

»Allein lasse ich Sie jedenfalls nicht hinein!« sagte das junge Mädchen nachdenklich.

»Wenn Sie also nicht etwa selbst Lust haben ...«

»Und wer sagt Ihnen, daß ich keine Lust habe?«

»Dann desto besser!« rief Hubert fröhlich aus. »Dann aber auch gleich und ohne Zeitverlust!«

Traudchen Gymnich schien noch einige Unschlüssigkeit zu hegen. Dem Rätsel auf die Spur gekommen wäre sie freilich unbändig gern. Was sie aber abhielt, sich mit dem kecken Studenten nachts allein in ein dunkles, unheimliches Haus zu wagen, das war am Ende wohl weniger Gespensterfurcht, denn Traudchen war ein höchst resolutes und »kurz angebundenes« Kind; das bewies schon ihre Gleichgültigkeit gegen des Professors gelehrten osteologischen Apparat in ihrem Rücken. Nein, vielleicht hatte sie andere Bedenken, die eine stumme, Sprache in dem großen, offenen, fragenden Blicke fanden, welchen sie jetzt auf Hubert Bender richtete. Hubert Bender aber beantwortete diesen Blick mit einem andern, ebenso offenen, dessen Sprache Traudchen genügend scheinen mußte. Doch enthielt ihre Antwort nicht gleich eine Zusage.

»Was in dem verschlossenen alten Hause eigentlich vorgeht, hätte ich schon lange gar zu gern gewußt«, sagte sie nur. »Von dem Ohm Gymnich bringt man nicht einmal heraus, wem es denn eigentlich zugehört. Ich denke mir aber, es muß eine große Herrschaft sein, denn einigemal habe ich gesehen, daß der Ohm Briefe mit großen roten Wappensiegeln darauf bekam. Und es war sonderbar, daß der Ohm dann jedesmal den Abend eine Stunde früher ins Wirtshaus ging und später daraus heimkehrte wie gewöhnlich, und jedesmal mit einem tüchtigen Haarbeutel, als ob er irgendeinen Ärger gehabt habe.«

»Vielleicht auch eine besondere Freude!« meinte Hubert.

»Oder eine Geldsendung!« bemerkte der Professor.

»Wie oft«, fuhr Traudchen fort, »habe ich mich als Kind schon hinter ihn geschlichen, wenn er einmal an einem hellen, warmen Tage das Spind in seiner Schlafkammer aufschloß und die großen rostigen Schlüssel herausnahm und dann durch unsern Holzstall auf die wurmstichige kleine Bogentür zuschritt, die links zur Seite in das alte Haus führt! Aber so leise ich auftreten mochte, er hörte mich doch und mit einem drohenden: »Maach dich fott, do neuscheerige Krott!« wurde ich fortgejagt, und das Türchen schloß der Ohm, wenn er eingetreten, vorsichtig hinter sich zu ...«

»Er betritt also zuweilen das Haus, der Ohm Gymnich?« fragte Hubert Bender.

»Ein- oder zweimal im Jahre, an heitern Tagen; dann geht er um die Mittagszeit hinein und öffnet einige Fenster im ersten und zweiten Stock, um zu lüften.«

»Und seit Menschengedenken hat nie jemand in dem Hause gewohnt?« fragte der Professor.

»Wenigstens nicht, seit ich bei dem Ohm bin,« versetzte Traudchen, »und das ist nun schon lange her; denn ich war, ein ganz kleines Kind, als meine Eltern starben und der Ohm mich zu sich nahm.«

»Aber jetzt wohnt jemand darin, verlassen Sie sich darauf, und wir wollen es untersuchen, es mag kosten, was es wolle. Brechen wir auf, Traudchen, kommen Sie,« sagte der Student drängend. »Ich wette, Sie kennen sehr wohl irgendeinen Schrank- oder Kistenschlüssel, womit wir des Ohms Spinde losmachen können und ...«

»Oh, um alles in der Welt täte ich das nicht,« fiel Traudchen ein. »Wenn der Ohm dahinterkäme! ... Aber es ist noch eine Art Eingang in das Haus da ... und wenn der Monsieur Bender so gar groß Verlangen trägt, seinen Hals zu wagen ...«

»Nun sehen Sie, daß ich recht hatte, wenn ich sagte, Sie würden schon ein Mittel wissen, hineinzukommen? Ich bitte Sie um alles, Traudchen, kommen Sie!«

»Gehe Sie in Gottes Namen, Jungfer Traud,« sagte der Professor, »die Gefahr wird so arg Nicht sein; es gibt der verlassenen und leer stehenden Häuser leider mehr in unserer durch schlimme Zeitläufe entvölkerten Stadt, und wenn Sie Ihrem alten Bau nichts Schlimmeres nachsagen kann, als ich nun bisher angehört, so wird der Monsieur Bender den Hals nicht darin brechen. Morgen in der Früh', hoffe ich. kommt unsere liebe Hausfreundin und stillt unsere nicht unbeträchtliche Neugier, was aus dem kecken Monsieur Bender und seiner Entdeckungsfahrt in die nächtlichen und geheimnisvollen Regionen des alten Hauses geworden!"

»Ja, bis morgen, Herr Professor!« rief Traudchen Gymnich aus, indem sie ihren Regenmantel umschlug und die Ladentür öffnete; und nachdem der Scholar sich von seinem Lehrer verabschiedet, folgte er dem jungen Mädchen mit seiner Laterne.

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