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Die Märchenwiese

Elisabeth Dauthendey: Die Märchenwiese - Kapitel 8
Quellenangabe
typefairy
authorElisabeth Dauthendey
titleDie Märchenwiese
publisherGeorg Westermann
printrun12. bis 14. Tausend
year1918
illustratorLuise v. Geldern-Egmond
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160731
projectid6835af5b
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Die Harfe des Spielmanns

Die Sonne brannte heiß auf das kleine Dorf. Die Leute standen gebückt im Felde und arbeiteten hart. Sie dachten nur an ihre Arbeit und ob das Futter für die Kuh reichlich genug sein würde und die Kartoffeln nicht wieder schlecht und wässerig geraten würden wie im vorigen Jahr, denn sie waren so arm, daß sie nichts andres denken konnten.

Der Himmel war wundervoll blau, und zarte, weiße Wolken schwebten langsam hoch über ihm dahin, und wenn man lange hinaufblickte, sahen sie aus wie lauter süße lachende Engelsköpfchen. Ein leiser Wind spielte mit den reifen Ährenfeldern, daß es aussah wie ein goldenes Meer, auf dem kleine Wellen leise hin und her schaukelten. Die Schwalben schossen wie silberne Strahlen durch die Luft. Am Rande des Feldes standen die Bäume schwer mit Früchten beladen. In dem Graben zwischen dem Feld und der Straße war es bunt von blühenden Blumen, und die Schmetterlinge schwirrten durch den süßen Duft, der von den Blumen herkam. Von der Mühle hörte man das fröhliche Rauschen des Baches, und wenn der Wind etwas schneller daherkam, brachte er den köstlichen Geruch von Reseden und Levkojen aus den kleinen Hausgärtchen des Dorfes mit, und dieser Duft war wie ein süßer glücklicher Traum für den, der eine Seele hatte, ihn zu fühlen.

Aber die Leute auf dem Felde hatten vor lauter Sorgen um das tägliche Brot vergessen, daß sie eine Seele hatten, und so war sie fast ganz eingeschlafen.

Am Wege aber zwischen Dorf und Feld lag ein Knabe im Grase. Der hatte eine weitwache Seele, die atmete den Duft der Blumen, fühlte die sanfte Bläue des Himmels, und im Spiele des Windes hörte sie eine feine süße Musik. Der Knabe sah auf die arbeitenden Leute und wunderte sich, daß sie sich immer zur Erde bückten, und wenn sie einmal einen Augenblick innehielten, wischten sie sich nur schnell mit der Hand den Schweiß von der Stirne und sahen nicht einmal zu dem tiefen blauen Himmel auf, an dem die Schwalben mit ihrem blitzenden Gefieder wie silberne Pfeile vorüberschossen.

Er lag auf dem Rücken und schaute mit großen Augen mitten in den blauen Himmel hinein. Ach, diese sanfte, weiche, unergründliche tiefe Bläue war allein schon etwas ganz Wundervolles. Wie wechselnde Träume zogen die Wolken darüber hin, jede anders und neu. Wie stolze Schwäne kamen einige dahergezogen, langsam und feierlich, andre flogen wie zerrissene Stücke eines feinen Schleiers vorüber, und wieder andre kamen wie geheimnisvoll verpackte Julklapp dahergeschwommen, aus denen dann allmählich wunderliche Gestalten herauswuchsen, Riesen mit langen Bärten und silbernen Hörnern, zarte Elfenköniginnen mit flatternden Locken, komische Tiere und Landschaften mit hohen Bergen und ganze Herden von rosigweißen Lämmern. Alles zog und schwebte vorüber und veränderte sich fortwährend und zerfloß wieder in das große sanfte Blau. Und des Knaben Gedanken zogen mit und schwebten hoch über der Erde und veränderten sich mit jeder Gestalt und zerflossen zuletzt in ein unaussprechliches Glücksgefühl. Immer und immer hätte er so liegen mögen und hinaufschauen in diese Herrlichkeit. Einer jener hohen Waldbäume drüben hätte er sein mögen, die so jahraus, jahrein fest im Boden standen und sich nicht zu rühren brauchten und immer höher hineinwuchsen in das blaue Wunderland da oben.

Aber plötzlich freute er sich doch, daß er nicht angewachsen war wie ein Baum, sondern aufspringen und dem Sonderbaren entgegengehen konnte, das da auf der Landstraße langsam daherkam.

Von weitem sah es aus wie eine hohe graue Säule. Als es näher kam, hatte es einen langen weißen Bart und war ein schöner alter Mann in einem langen grauen Mantel, der etwas Geheimnisvolles an einem Bande auf der Schulter trug, das in ein graues Tuch eingehüllt war.

Der Knabe ging im Graben an der Landstraße entlang, auf welcher diese ehrwürdige Gestalt mit feierlichen Schritten daherkam. Der Abendwind spielte mit dem weiten Mantel des Mannes und mit seinem langen Barte. Das hohe kahle Haupt hatte einen rosigen Schein von den goldenen Abendwolken. Dem Knaben dünkte, er sähe einen Strahlenkranz darum, wie die Heiligen ihn auf den Bildern in der Kirche hatten. Und je näher der Mann kam, desto weiter und ehrfürchtiger wurde des Knaben Herz. In die Eintönigkeit seiner Welt trat da etwas ganz Neues und Fremdes, das aus unermeßlicher Ferne zu kommen schien. Er fand keinen Namen für diese seltsame Erscheinung, und seine kleine unwissende Seele suchte einen Platz, wo er sie hinstellen könne. Und plötzlich fiel ihm die seltsame Melodie jener fremden Namen ein, die er in der Schule von den ältern Knaben so oft gehört hatte.

Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Daniel, Jonas, Micha, Amos, Obadja, Habakuk, Zephanja. – Habakuk, das war der Sonderbarste von allen, so etwas Großes, Ernstes, Uraltes, von ganz weit Herkommendes, so etwas fühlte er, wenn er Habakuk sagte. Und da der Alte nun oben am Rande des Weges gerade über ihm war, rief er mit zitternder Stimme: »Bist du Habakuk?«

Der Alte hielt seinen Schritt an und sah sich nach der Stimme um. Als er den kleinen Knaben im Graben gewahr wurde, ging ein so sanftes gütiges Lächeln über sein altes Gesicht, daß es wie Sonnenschein war. Er reichte dem Knaben seine gute, weiche Hand hin und zog ihn hinauf an seine Seite.

»Bist du Habakuk?« fragte der Knabe wieder, und da er nicht gleich eine Antwort erhielt, fügte er hinzu: »Oder Zephanja – aber Habakuk ist schöner.«

Die Seele des Alten erriet sofort, was in der Seele des Kindes vorging. Er legte seine Hand sanft und milde auf seine schwarzen Locken und sagte: »Ganz so weit aus der Ewigkeit, wo die großen Propheten leuchten, bin ich nicht, aber denke einmal an den König David mit der Harfe, den fühlst du doch viel näher an deinem Herzen, und ich bin einer seiner Brüder. – Und wer bist du, mein liebes Kind?«

»Ich bin Gottlieb, der Sohn der armen Witwe, und meine Mutter ist krank.«

»Gottlieb ist ein schöner Name, und du mußt die Freude deiner Mutter sein. – Willst du mich nun ins Dorf führen? Habt ihr irgendwo einen schönen Lindenbaum, in dessen Schatten es wie Honig duftet und wo es sich gut träumen und singen läßt – dort will ich euch zum Feierabend meine Harfe tönen lassen.«

»Ist das deine Harfe?« fragte der Knabe und rührte mit leisem scheuem Finger an das Geheimnisvolle, das der alte Mann auf seiner Schulter trug.

»Ja, das ist meine Harfe, sie bringt Freude in das Herz der Menschen. Komm, führe mich.«

Ernst und schweigsam ging der Knabe neben dem Fremden her. Und ihm selbst wurde plötzlich seltsam fremd zumute, als käme auch er ganz weit her und führe an seiner Hand ein wundervolles Glück zu einem ganz fremden Ort.

Der Spielmann setzte sich unter die duftende Linde und wischte sich den Wanderstaub von der Stirn. Dann nahm er einen goldenen Becher aus der Tasche seines Mantels und bat den Knaben, ihm einen Trunk frischen Wassers zu holen. Mit zitternden Händen brachte er ihm das klare Wasser, das im Abendsonnenschein wie feuriger Wein im goldenen Pokale funkelte.

Mit zärtlichen Händen, wie eine Mutter ihr Kindlein aus seinen Hüllen nimmt, nahm der Spielmann seine Harfe aus dem Tuche hervor. Er glitt mit der Hand über die goldenen und silbernen Saiten, und seine Töne wie rieselnde Bachwellen schwebten in die Luft. Dann spielte er eine sanfte süße Weise, daß es einem war, als sähe man bunte Blumen in der blauen Luft und tanzende Schmetterlinge.

Feierabend hatte es noch nicht geläutet. Aber als diese Töne zum Felde hindrangen, legten die Leute dort ihr Arbeitsgerät aus den Händen, lauschten verwundert nach der Linde hin, und einer nach dem andern wischte sich den Arbeitsschweiß von der Stirn und trat langsam wie im Traum immer näher zur lockenden Stimme der Harfe.

Der Knabe sah mit Erstaunen, wie sich die ernsten, harten Gesichter der Leute veränderten, je länger sie dem Spielmann lauschten. Es war, als wache leise etwas Schönes in ihnen auf. Die Augen wurden groß, und ein warmes Licht leuchtete darin auf, die festgeschlossenen Lippen öffneten sich, und plötzlich sahen alle wie frohe Kinder aus. Und als der Spielmann eine Pause machte, traten sie zueinander und sahen sich in die Augen. Die Alten hatten einen merkwürdigen Glanz darin, als ob eine Träne herausgekommen wäre aus ihrer Seele. Die Jungen lächelten. Und dann sahen sie alle plötzlich, wie schön die Welt war.

»Sieh nur wie die Sonne leuchtet heute abend,« sagte eine; »wie lauter Gold ist der Himmel,« sagte eine andre.

»Riechst du den Duft von der Wiese?«

»Die Wolken glühen wie Feuer,« so sprachen sie mit leisen glücklichen Stimmen zueinander.

Der Knabe blickte verwundert auf diese Menschen, die er immer nur stumm und ernst bei ihrer schweren Arbeit sah. Dann fing der Spielmann zu singen an:

Städte liegen im Abendschein,
Nebel hüllen die Berge ein.
Alle Arbeit ist nun getan,
Flügel wachsen der Seele an,
heimwärts trägt Sehnsucht sie himmelan.
Träume, Seele, von Schönheit und Glück,
Kehrst dann verjüngt zur Erde zurück.

Die Leute hockten sich ins Gras und schauten andächtig wie in der Kirche zum Himmel auf, und zwischen dem jungen Volke flatterten seltsame Blicke hin und her, wie junge scheue Vögel, die zum erstenmal aus dem Neste fliegen.

Als der Spielmann geendet hatte, sahen alle Augen zu ihm hin, und ohne daß die Leute ein Wort sagten, baten ihre Augen so laut um noch mehr, daß der Alte ein neues Lied begann:

Der König und die Königin
Sitzen mit mildem, frohem Sinn
Am Fenster im Schloß
Sie hält auf ihrem Schoß
Das junge, lachende Prinzelein,
Er setzt ihm auf die Locken fein
Ein kleines, güldenes Krönelein.
So schauen sie selig zum Fenster hinaus –
Und das Volk schaut fromm zu dem glücklichen Haus.

Oh, dachte der Knabe, so durch die Welt ziehen mit der Harfe und überall die Menschen so froh und schön machen, das muß köstlich sein, wenn doch nur Mira da wäre, ihre blauen Augen müßten herrlich aussehen, wenn sie dieses hörte; aber sie wohnte weit weg im Dorfe mit ihrem Vater und mußte die kleinen Geschwister hüten, denn ihre Mutter war tot.

Und ein Lied nach dem andern sang und spielte der Alte auf seiner tönenden Harfe, bis es Abend wurde und einer nach dem andern aufstand, um heimzugehen. Aber zuvor trat ein jeder zu dem Alten hin und reichte ihm stumm die Hand, und es war, als wollten sich die dankbaren Hände gar nicht loslösen von der guten Hand des Alten, die ihnen eine so schöne, schöne Stunde gegeben hatte. Ein junges Mädchen brachte ihm schüchtern einen Strauß, den sie eben gepflückt hatte, und der Wirt der Schenke reichte ihm ein Glas seines besten Weines und ein Stück frischen goldbraunen Brotes.

Der Alte dankte und labte sich.

Da fiel dem Knaben plötzlich ein, daß er zu seiner kranken Mutter heim müsse, ihr das kärgliche Mahl zu bereiten; er erschrak, daß er sie vergessen hatte. Du mußt deiner Mutter Freude sein, hatte der Alte gesagt, und da er sich seiner Vergeßlichkeit schämte, hatte er nicht den Mut, wie die andern zu ihm zu gehen, und er schlich sich leise zur Seite, aber seine Augen konnten sich kaum trennen von dem Gesichte des Alten, von dem ein stiller Glanz und Frieden leuchtete.

Dann lief er eilig heim zu seinem Mütterchen. Und mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen erzählte er ihm von der Herrlichkeit, die er erlebt.

Die gute kranke Mutter sagte nicht, daß sie ihn schon eine ganze Stünde lang erwartet hatte, sie freute sich an seiner Freude und strich mit liebevoller Hand über seine heißen Wangen.

Die ganze Nacht konnte Gottlieb kein Auge zutun. Immerfort fühlte er die Töne der Harfe in seinem Herzen, und das Bild des greisen Spielmanns stand vor seinen Augen. Ach, so spielen zu können! So alle Menschen froh und glücklich zu machen, zu sehen, wie ihre Augen leuchteten, und plötzlich alles Schöne sehen, das in den Menschen war, und wenn sie nicht schön und gut waren, tat es ihm weh.

Aber er war noch zu jung, um zu wissen, daß seine kleine Seele die Flügel der Schönheit hatte, und so fühlte er nur eine große, große Sehnsucht, zum Himmel zu fliegen und über weite Meere und hohe Berge zu schauen. Und die Harfenklänge des Spielmanns hatten diese Sehnsucht plötzlich so stark in ihm geweckt, daß er keine Ruhe auf seinem Lager fand und immer wieder auf sein pochendes Herz lauschen mußte, das die neuen Lieder, die er gehört, nachsang und mit den süßen Tönen der Harfe wie mit bunten Perlen spielte.

Als der erste weiße Schimmer des Tages in das kleine Fenster seiner Kammer hereinschien, stand er auf, kleidete sich hurtig an und lief hinaus. Irgendwo mußte der Spielmann doch im Orte Rast gemacht haben, in der Nacht würde er doch nicht weiter gewandert sein. Irgendwo würde er wohl noch einmal die Harfe spielen hören. Und so ging er durch das stille Dorf.

Alles schlief noch. Nur liebliche Vogelstimmen klangen in der Luft. So waren gestern die Klänge der Harfe in die Luft geflogen, denn die Harfe konnte singen wie die Vögel. Und sein Herz wurde immer größer vor Sehnsucht, noch einmal diese Töne zu hören.

Dreimal wanderte er durch das ganze, schlafende Dorf. Da endlich hörte er aus einem kleinen verfallenen Häuschen am Rande des Waldes leise süße Musik. Er lief hin, kletterte auf einen Baum, der seine Zweige über dem Häuschen ausbreitete, und sah durchs Fenster.

Da saß der alte Spielmann mit geschlossenen Augen vor seiner Harfe, und seine Hände glitten leise und vorsichtig über ihre Saiten hin, als suchten sie etwas. Gottliebs Herz klopfte so laut, daß er meinte, der Alte drinnen müsse es hören. Aber der blieb ganz ruhig und öffnete seine Augen nicht.

Da lehnte sich Gottlieb behaglich in den starken Ästen des duftenden Baumes zurück, schloß auch seine Augen, und seine sehnsüchtige Seele lauschte mit glücklicher Wonne auf jeden Ton.

Die zaghaften Klänge wurden allmählich lauter, und plötzlich war es ein ganz wundervolles Lied, das aus der Kammer des Spielmanns zu ihm herausströmte, und das Lied trug einen ganzen Schatz leuchtender Bilder auf seinen Flügeln. Er sah den Sommerwind mit den Ähren spielen, die Blumen am Rande des Baches blühen, fühlte die gute Hand seines Mütterleins auf seiner heißen Stirne, und plötzlich waren Miras goldene Locken und blaue, lachende Augen so nahe neben ihm, daß er die seinen rasch öffnete und sehr erstaunt war, sie nicht zu finden. Da hörte das Lied auf.

Gottlieb erschrak, denn er hatte ganz vergessen, wo er war; in seinem Schrecken machte er eine ungeschickte Bewegung, daß er fast vom Baume gefallen wäre; er hielt sich nur noch schnell an einem Aste fest und sprang zur Erde.

»Hast du dir weh getan?« fragte die Stimme des Alten am Fenster.

»Nein,« sagte Gottlieb.

»Was wolltest du hier, mein Kind?«

»Ach, ich wollte Eure Harfe hören, ich habe die ganze Nacht an sie gedacht, und da lief ich durchs Dorf, bis ich sie hörte, und damit ich ganz nahe war, kletterte ich auf den Baum.«

»Komm herein zu mir, mein Kind, dann will ich ganz allein für dich etwas spielen.«

Mit zitternden Händen öffnete Gottlieb die Tür und trat ein. Und der Alte spielte ihm etwas so Wunderschönes, daß ihm war, als stünde er am Throne Gottes und die Engel musizierten um ihn her. Er faltete die Hände, und aus seinen Augen strömten Tränen, ohne daß er's wußte, und er erfuhr zum erstenmal, daß man aus Freude und Glück weinen könne.

Als der Alte geendet hatte, legte er seine gute Hand auf des Knaben Haupt und sagte: »Du liebst die Schönheit, mein Kind, du wirst einst auch ein Spielmann werden und die Menschen glücklich machen mit deinen Liedern.«

Da fiel der Knabe vor Freude und Schrecken auf die Knie. »Aber ich habe keine Harfe,« sagte er dann traurig.

»Auch wenn du eine hättest, könntest du sie noch nicht spielen, dazu mußt du erst des Lebens Schwere und Bitternis gefühlt haben, und dein Herz muß geweint haben.«

Der Knabe sah den Alten ernst an und verstand ihn nicht.

»Sieh', ich bin alt, mein Kind, und nicht mehr viele Jahre, dann werde ich mein Wandern und Spielen aufgeben müssen, dann werde ich dir meine Harfe schenken; eines Tages, da du es am wenigsten denkst, wird sie zu dir kommen.«

Der Knabe konnte kein Wort sagen, so schwer war ihm das Herz vor Freude. Er neigte sich über die Hand des Greises und küßte sie mit seinen jungen dankbaren Lippen.

»Leb' wohl, ich ziehe meines Weges, wir sehen uns nicht wieder. Und vergiß nicht, an dem Tage, da dein Herz geweint hat, wirst du die Harfe spielen können; der Geist meiner Lieder wird dann mit dir sein, und sage niemandem ein Wort darüber, bis du spielen kannst.«

Wie im Traume wandelte der Knabe heim. Und sein glückliches Geheimnis trug er fortan wie einen königlichen Schatz in seinem Herzen.

Aber eines Tages wurde es ihm zu schwer, das Geheimnis allein zu tragen, da erzählte er sein Erlebnis mit dem Alten dem kleinen Mädchen, mit dem er am liebsten spielte, und die mit ihrem alten Vater neben seinem Häuschen wohnte.

Mira schüttelte die goldenen Haare, und ihre blauen Augen lachten. »Oh, das ist ein schönes Märchen, das du mir erzählst,« sagte sie, »oder hast du es geträumt?«

Er aber wurde böse, daß sie es ihm nicht glauben wollte. »Ich schwöre dir, es ist so, wie ich dir gesagt habe.«

Mira lachte noch lauter und lief davon.

Da ging der Knabe zu seiner Mutter, die saß am Rocken und spann und sang ein kleines Lied vor sich hin.

Sie wird mir glauben, denn sie liebt die Lieder, dachte Gottlieb, und er ging ganz nahe zu ihr hin und erzählte ihr von seinem Geheimnis. Da sah ihn die gute Mutter mit warmen Augen an und lächelte sanft und sagte: »Wunderschön kannst du träumen, mein Kind.« – Und er fühlte, daß auch sie seine Worte nicht glaubte, und da war ihm plötzlich, als habe er dies alles wirklich nur geträumt, und sein Herz wurde ihm schwer, und er weinte bitterlich.

Und dann geschah es, wie der Alte zu ihm gesagt hatte, eines Tages, da er gar nicht daran dachte, kam die Harfe zu ihm. Das alte Krautweib aus dem Walde kam keuchend damit angehinkt und sagte, ein Bote des sterbenden Spielmanns habe sie ihr gebracht und schicke sie dem Knaben.

Da sah die Mutter verwundert ihr Kind an und küßte es mit Tränen in den Augen. Der Alten aber gab sie das einzige Kleinod, das sie besaß, zum Lohne.

Mit zitternden Händen trug der Knabe die Harfe in seine Kammer. Und jede freie Stunde versuchte er, mit seinen kleinen schwachen Händen die silbernen und goldenen Saiten in jene schwingende Bewegung zu bringen, mit welcher der Spielmann scheinbar so leicht seine herrlichen Klänge über die lauschenden Herzen hatte hinströmen lassen. – Aber die Harfe blieb stumm unter seinen Händen.

Da fiel ihm ein, daß der Alte etwas zu ihm gesagt hatte, was ihm zum Spielen der Harfe nötig sei. Er besann sich lange. Etwas vom bittern Leben und von Tränen war es gewesen, aber genau wußte er es nicht mehr. Doch das Leben dünkte ihm gar nicht bitter. Draußen schien die Sonne, und in der engen Kammer waltete die Liebe seiner Mutter, es war warm um ihn her, und das Leben würde wohl so wie eine stille Melodie weitergehen, glaubte er.

Aber wenn Tränen nötig waren, um die Harfe spielen zu können, so wollte er es doch versuchen, traurig zu sein und zu weinen. Und er ging umher und suchte einen Grund für eine Traurigkeit, die er nicht fühlte.

Daß sein Lehrer oftmals mit ihm unzufrieden war, empfand er im Augenblick der Strafe hart, aber er fühlte keine Schuld dabei, daß seine Gedanken lieber wie freie Vögel umherflogen statt bei den Worten des Lehrers zu bleiben, und er lernte eifrig seine Aufgaben, aber immer wieder vergaß er sie ganz schnell. Nur wenn eine Geschichte erzählt wurde oder Bilder gezeigt und Gedichte gelernt wurden, da tat er aus voller Seele mit. Und wenn des Lehrers Geige nicht so rauh geklungen hätte, wäre er glücklich gewesen, sie zu hören; so aber tat sie ihm weh in den Ohren und im Kopf, am ganzen Körper, daß er nicht ruhig sitzen konnte und Hände und Füße angstvoll hin und her bewegte.

Einmal konnte er es gar nicht aushalten und hielt sich die Ohren zu. Aber da war der Lehrer so böse geworden und hatte ihn geschlagen. Und seit er nun gar die Harfe des Spielmanns gehört hatte, konnte er zu den Tönen dieser Geige nicht mehr singen.

So fürchtete er sich immer vor der ersten halben Stunde in der Schule, und sein Herz war schwer, und da nahm er sich nun vor, zu Hause diese Qual und Schwere lange und herzlich auszuweinen, um die geliebte Harfe dann wieder zu berühren; vielleicht daß es dann kam, daß er spielen konnte.

Aber wenn die Schule aus war und er in die frische Luft hinauskam und zu Hause Mütterchens gute Augen sah, hatte er allen Kummer vergessen und dachte nicht mehr daran, daß er weinen wollte.

Doch einmal hatte er seine Vogelpfeife verloren, die er sich selbst geschnitzt hatte, da weinte er wirklich. Und mitten dabei fiel ihm ein, daß er nun die Harfe probieren müsse; er lief mit den Tränen auf seinen Wangen hin und legte seine Hände auf die Saiten, wie er es bei dem Spielmann gesehen hatte, aber es kam kein Ton. Noch einigemal versuchte er es, bei seinen kleinen Schmerzen die Macht seiner Tränen an der Harfe zu erproben, aber immer blieb sie stumm. Da wurde er böse und trug sie in einen dunkeln Winkel oben unter dem Dache, und bald legten sich Staub und Spinnenweben auf ihre stummen Saiten. –

Und dann kam die Zeit, wo er sich für eine Arbeit entscheiden mußte, um sich sein tägliches Brot zu verdienen. Lange wußte er nicht, was er am liebsten werden möchte. Endlich beschloß er, Anstreicher zu werden. Das war so lustig, mit Farben zu tun zu haben und hübsche Muster an Wände und Decken zu malen. Und plötzlich regte sich die Lust in ihm, hinauszuziehen in die weite unbekannte Welt, die da draußen lockte mit so viel Neuem und Schönem.

Als er dann aber Abschied nahm von seinem Mütterchen, der zwei schwere Tränen aus den guten Augen fielen, da tat ihm zum erstenmal sein Herz weh. Und dann hatte er auch Miras Hände zum letztenmal in den seinen und küßte noch einmal ihre jungen Lippen vor seiner Wanderung in die weite Welt; er versprach, immer an sie zu denken und oft zu schreiben, und auch aus ihren immer lachenden Augen sprangen heiße Tränen, und da fühlte er einen bittern Schmerz in seiner Seele.

Und seine Füße gingen zum erstenmal langsam und schwer ihres Weges, denn das Abschiednehmen ist wie die erste Ahnung vom Tode, die über das junge Herz kommt.

Doch als er erst mitten im Gedränge und Lärm des neuen Lebens in der großen Stadt war, vergaß er seinen Schmerz und stürzte sich in die lockende Flut all der neuen Herrlichkeit und konnte des Staunens und Freuens kein Ende finden.

Alles lernte er kennen, was es in der großen Stadt Schönes und Lustiges gab. Aber auch das Arge und Traurige darin blieb ihm nicht fern, wenn er Arbeit hatte und Geld, war er froh mit den Fröhlichen und zechte auch mit solchen, die nicht gut und fromm waren. Hatte er keine Arbeit und kein Geld, so mußte er Hunger leiden, und die Menschen verließen ihn, weil es keine wahren Freunde waren, sondern ihn nur liebten, wenn er mit ihnen lustig war und ihre Zeche bezahlen konnte. Da hatte er manche Stunde, wo er die Schwere und Bitterkeit des Lebens erkannte. Und immer weiter wanderte er in die Welt hinein und vergaß darüber sein kleines Dorf und sein Mütterchen daheim und auch die Tränen, die Mira beim Abschied um ihn geweint hatte. Denn sein junges, unkluges Herz fand überall so viel Schönes und vergaß schnell jeden Kummer wieder, sobald die Sonne über ihm lachte und er klingende Pfennige in seinem Beutel hatte und andre junge Augen ihn so freundlich anlachten, wie früher Mira es getan.

In der ersten Zeit hatte er noch viel an sie gedacht und manchen erübrigten Groschen an sein Mütterchen heimgeschickt. Aber später hatte er selbst so viel Geld nötig und auch alle Gedanken, um das große Leben zu verstehen und zu genießen, und dabei wurde sein gutes Herz hart und vergaß jene, die immer so gut zu ihm gewesen waren.

Da eines Tages kam plötzlich ein Brief von Mira zu ihm, und sie schrieb ihm, daß sein Mütterchen schwer krank sei vor großem Kummer, nachdem sie so lange, lange auf sein Kommen gehofft und sich nach ihm gesehnt habe; wenn er sie noch sehen wollte, solle er gleich heimkehren. Und weiter sagte sie, sie habe nun den roten Peter gefreit, der sie schon immer gewollt; da sie nie mehr Antwort auf ihre Briefe bekommen habe, wußte sie, daß er sie vergessen hätte, aber sie sei nicht froh in ihrem Heim, denn ihr Herz habe immer ihm gehört, mit dem sie die schöne Zeit ihrer Jugend verlebt.

Gottliebs Herz wurde ihm schwer wie ein Stein in der Brust. Sein liebes Mütterchen krank und konnte jeden Augenblick sterben – nein, das durfte nicht sein.

Er machte sich eilig auf den Weg, ob er nicht noch dem Tode zuvorkäme mit seinen jungen flinken Beinen. Daß Mira, seine liebe lustige Mira nun auch einem andern gehörte, konnte er gar nicht ausdenken, denn tief im Herzen war ihr Bild noch nicht verschwunden.

Und als er endlich in sein kleines Heimatdorf zurückkam, war sein Mütterchen gestorben.

Er sah nur noch ihr weißes, kühles Angesicht, das nie mehr wieder für ihn lächeln sollte. Da fiel er an ihrem Lager auf die Knie und weinte bitterlich.

Und als man sie in die Erde gebettet hatte, da weinte er die ganze Nacht hindurch in seiner einsamen kleinen Kammer. Und dann sah er Mira mit dem roten Peter nebenan ein und aus gehen. Ihre blauen Augen lachten nicht mehr, und als er sie grüßte, sah sie ihn so traurig an, daß es ihm wie ein Messer durch das Herz ging.

Er konnte es nicht lange aushalten, hier, wo er einst so glücklich war, alles so verändert zu finden und dabei zu wissen, daß es seine eigne Schuld war. Und so verschenkte er die wenige Habe, die im Häuschen war, und rüstete sich zu einer neuen Wanderung in die Welt.

Traurig ging er durch die engen Räume der Hütte und nahm mit seinen Augen Abschied von allem darin.

Da fielen seine Blicke auf die Harfe, die voll Staub und Schmutz in ihrem Winkel stand. Mit einem Schrei der Freude griff Gottlieb nach ihr, und plötzlich fielen ihm hell und klar die Worte des alten Spielmanns ein: »Wenn du mit deinem Herzen geweint hast, wirst du die Harfe spielen können«.

Und er fühlte, daß er durch Schmerz und Schuld reif geworden war, diese Worte zu verstehen.

Mit zitternden Händen berührte er die Harfe, und siehe, unter dieser Berührung fing sie an zu tönen, so wundervoll schmerzlich und heilig schön, daß ein neues Gefühl in seine leidvolle Seele einzog. Und er spielte und spielte und konnte nicht müde werden all der süßen Melodien, die unter seinen Händen hervorkamen und seine kleine Kammer mit strahlender Schönheit füllten. –

Als er endlich seine Augen aufhob, merkte er, daß viel Volk draußen vor seinem Fenster stand und seinem Spiele lauschte.

Und als er zu ihnen hinaustrat, sah er, daß ihre Augen vor Freude und Glück strahlten, und sie reichten ihm die Hände mit stummem Danke, wie es damals dem alten Spielmann geschah.

Da wurde es ihm wundervoll friedlich und feierlich in seinem Herzen, als habe Gott seine Schuld von ihm genommen und ihm eine große Gnade gegeben, mit welcher er fortan die Menschen glücklich machen konnte durch die göttliche Macht der Musik.

Und so zog er durch die Welt mit seiner Harfe, überall mit Freuden empfangen und mit Dank überschüttet, bis auch er alt wurde und seine Harfe einer andern jungen Seele gab, die er einmal unter vielen hundert Menschen gefunden hatte.

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