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Die Märchenwiese

Elisabeth Dauthendey: Die Märchenwiese - Kapitel 11
Quellenangabe
typefairy
authorElisabeth Dauthendey
titleDie Märchenwiese
publisherGeorg Westermann
printrun12. bis 14. Tausend
year1918
illustratorLuise v. Geldern-Egmond
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160731
projectid6835af5b
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Engel und Teufel im Telephon

Die kleine Lilli lag in ihrem weißen Bettchen und hatte den kleinen rosigen Daumen im Munde.

Es war so stille ringsherum. Nichts rührte sich, denn es war die Stunde, da Papa und Mama ihre Mittagsruhe hielten. Und auch Lilli sollte eigentlich ihre blauen Äuglein fest zu haben und von dem Christkind träumen, das schon anfing, in der blauen Himmelsküche seine süßen Weihnachtskuchen zu backen, denn viel Mehl- und Zuckerflocken ließ es eben langsam auf die Erde fallen, damit die Kinder da unten wüßten, daß es nun hohe Zeit war, recht gut und artig zu sein.

Aber Lilli hatte kein gutes Gewissen, und deshalb konnte sie nicht vom Christkind träumen. Sie mußte immer wieder darüber nachdenken, ob es wohl das Christkind gemerkt hätte, daß sie neulich in der Küche, als die Köchin eben nicht darin war, ein kleines Kuchenherz vom Teller genommen, und dann hatte sie gesagt, es sei Mussi, das Kätzchen, gewesen. »Na, na,« hatte die Lina gesagt, »das Christkindchen wird es schon wissen, wer es war,«

Ob es das wirklich wußte? Aber vielleicht hatte es die Sache doch wieder vergessen, es hatte ja jetzt so viel zu tun. Es wäre so schön, wenn das liebe Christkind es vergessen hätte, denn Lilli hatte eine wundervolle Puppe gesehen an dem großen Schaufenster in einem Laden, wo das Christkind alle seine schönen Sachen hinschickte, damit die braven Kinder sich etwas Schönes aussuchen und auf den Wunschzettel schreiben konnten.

Eine so wundervolle, große Puppe mit langen blonden Locken; sie lag in einem reizenden Wagen, unter einer himmelblauen seidenen Decke, auf einem weißen Spitzenkissen und hatte ein kleines silbernes Glockenspiel in der Hand und konnte die Augen auf- und zumachen. – Ach, diese Puppe im Wagen auf der Straße zu schieben, wie wundervoll mußte das sein! Und sie sollte Mimi heißen, wie Tante Lores kleines süßes Baby, das auch in einem Wagen lag und eine blaue Decke hatte,

Lilli seufzte tief auf, faltete die kleinen Hände und betete: »Ach, liebes Christkind, gelt, du hast es ganz vergessen?«

»Du mußt an das Christkind schreiben,« hatte Mama gesagt, »vielleicht denkt es dann an deine Puppe, wenn es nicht zuviel zu tun hat,«

Ach, dachte Lilli, da kommen jetzt so viele Briefe an das Christkind, und der Weg zum Himmelshaus, wo es wohnt, ist so weit. Wenn ich es nur einmal selbst sehen und sprechen könnte. – Aber sie hatte schon jeden Abend gewartet, ob es nicht zu ihr hereinkäme, wenn es jetzt so in den Häusern herumging und den guten Kindern etwas in die Schuhe steckte, die sie ans Fenster stellten, aber es war noch nicht gekommen.

Plötzlich richtete Lilli sich im Bettchen auf und wurde ganz rot vor Freude. Sie hatte einen Einfall. Ich will mit dem Christkinde am Telephon sprechen. Papa sagt, da kann man mit der ganzen Welt sprechen.

Sie stand leise auf und schlich auf den Zehen in Papas Zimmer. Ihr Herz klopfte laut, denn sie hatte ein böses Gewissen, weil Papa es streng verboten hatte, den geheimnisvollen Kasten mit der glänzenden Trompete daran anzurühren.

Aber Lillis Wunsch nach der schönen Puppe war so groß, daß sie alles vergaß und nur recht schnell, bevor es zu spät war, mit dem Christkindchen reden wollte, damit nicht ein andres Kind die blonde Mimi im blauseidenen Wagen bekäme.

So ging sie ganz leise in Vaters Zimmer, kletterte auf einen Stuhl und nahm mit beiden zitternden Händen die runde Muschel vom Haken herunter und hielt sie ans Ohr, wie sie es so oft von Papa und Mama gesehen hatte.

»Wer ist da?« fragte eine feine Stimme.

»Lilli,« sagte die Kleine, »ist das Christkind zu Haus?« Lilli hörte ein lautes helles Lachen von vielen Engeln ganz nahe an ihrem Ohr.

»Was will denn die kleine Lilli?« fragte die Stimme jetzt noch leiser und feiner.

»Bist du das Christkind oder nur ein Engelchen?«

»Ich bin das Christkind, aber sag' schnell, was du willst, ich habe nicht viel Zeit.«

»Ja, liebes, gutes Christkind, ich möchte die Puppe mit den blonden Locken in dem großen Wagen mit der blauseidenen Decke, und ich bin auch unartig gewesen, aber ich will es nicht wieder tun, und du hast es auch gewiß vergessen, es ist schon lange her.«

»Wo wohnst du denn, kleine Lilli?«

»Hier bei Papa und Mama.« Da hörte sie wieder ganz deutlich die vielen Engel lachen, es war zu schön.

»Aber die Straße muß ich wissen und die Nummer.«

»Gartenstraße zwanzig,« sagte Lilli, »gleich unten an der Tür, keine vielen Treppen zu steigen, ganz leicht für dich, liebes Christkind, gelt, du bringst mir die Puppe?«

»Ich will mal sehen.«

»Ach, sage nicht Papa, daß ich in dem schwarzen Kasten mit dir gesprochen habe – ich darf nicht.«

»So, so, also ungehorsam?«

»Ach verzeih, liebes, bestes, süßes Christkind, aber ich mußte mit dir selbst sprechen, mein Brief hat so weiten Weg zu dir in den Himmel.«

»Nun, so will ich dir diesmal verzeihen, aber jetzt hänge schnell die Muschel wieder auf, ich habe keine Zeit mehr.«

Nochmals hörte Lilli alle die Engelstimmen lachen, dann hängte sie mühsam das schwere Ding an den Haken und kletterte vorsichtig vom Stuhl herunter, ging eilig zu ihrem Bettchen und schlief vor Freude und Angst bald ganz fest ein.

Als sie aufwachte, saß Mama an ihrem Bette und lachte sie freundlich an.

»Lilli hat so gut geschlafen und ganz rote Wangen hat sie,« sagte Mama.

»Ach, Mama, ich hab' mit dem Christkind gesprochen – die Puppe, du weißt doch.«

Mama lachte. »So schön hast du geträumt, davon hast du die roten Bäckchen.«

Da war Lilli still und fürchtete sich, mehr zu sagen, und fast glaubte sie selbst, daß alles nur ein schöner Traum war.

Am andern Tag aber, als sie eben alle, Papa, Mama und Bubi, beim Mittagessen saßen, klingelte es draußen, und Susi, das Zimmermädchen, schob einen großen Puppenwagen, in dem die blonde Mimi unter der blauen Decke lag, herein.

Lilli stieß einen lauten Freudenschrei aus, rutschte von ihrem Stuhl herunter und lief zu ihrer Mimi hin. »Das Christkind hat es mir geschickt,« sagte sie wichtig, als alle um sie herumstanden und sehr verwunderte Gesichter machten.

»Ich habe mit dem Christkind gesprochen, Mama, du weißt doch.«

»Wo denn und wann denn?« fragte Papa etwas streng.

»Im schwarzen Kasten,« antwortete Lilli und wurde sehr rot und konnte den Papa nicht ordentlich ansehen.

»Am Telephon bist du gewesen?« sagte Papa jetzt sehr streng.

»Ja,« sagte Lilli ängstlich, »aber alle Engel haben gelacht, und das Christkind hat es mir verziehen.«

»Na, ich will einmal mit ihm sprechen. Warte, bis ich wiederkomme, bis dahin rühre die Puppe nicht an.«

Als Papa wieder aus seinem Zimmer kam, lachten seine Augen sehr freundlich, aber seine Stimme war ernst: »Ich will dir diesmal deinen Ungehorsam verzeihen, weil das Christkind mich so gebeten hat – aber daß so etwas nicht wieder geschieht, hörst du?«

»Ja, lieber Papa, aber Mimi ist sehr hungrig von dem weiten Weg, ich will ihr von meiner Suppe geben.«

Polli, das Brüderchen, sah neidisch zu Lilli hin. Nun hatte sie schon vor Weihnachten ihren schönsten Wunsch erfüllt. Und er mußte warten. Und dann war es auch noch nicht sicher, ob er seine großen Bleisoldaten bekommen würde, die ganz rund waren und auf ihren Füßen standen und nicht auf solch dummen viereckigen Blechstücken wie seine alten. Wenn Lilli mit dem Christkind sprechen konnte, die kleine, dumme Lilli, die ein Jahr jünger war als er, so konnte er es auch, und Papa würde es ihm sicher auch verzeihen – es wäre zu schön, seine Soldaten vor dem Christabend zu haben.

So saß er still und geduldig und hörte Lillis Geplauder ruhig an. Gegen Abend aber, als Papa und Mama ausgegangen waren und Susi bei Lilli am Bettchen saß, ging Polli heimlich zum schwarzen Kasten, der im Gang neben dem Badezimmer an der Wand hing, denn Vaters Zimmer war verschlossen. Er holte sich die kleine Trittleiter aus dem Badezimmer, stieg hinauf und nahm den Hörer vom Haken, wie er das so oft von den Großen gesehen hatte.

Er hielt ihn ans Ohr und wartete ein wenig.

Da hörte er eine tiefe böse Stimme: »Wer ist denn dort?«

»Ich bin hier« sagte Polli sehr ängstlich.

»Wer ist es denn, zum Kuckuck – was soll's?«

»Ich will das Christkind sprechen,« sagte Polli mit zitternder Stimme.

»Was sind das für Dummheiten?« brüllte jetzt die Stimme laut und dicht neben ihm.

Polli erschrak und fragte: »Bist du der Teufel?«

Da fing es von allen Seiten fürchterlich zu läuten an und er hörte viele verworrene Stimmen und Geräusche; das Hörrohr fiel ihm vor Schrecken aus der Hand, und die Treppe rutschte unter ihm weg, und er plumpste mit ihr auf den Boden.

Da läutete es auch an der Haustür, die Köchin kam aus der Küche, Papa und Mama stürzten herbei.

»Was ist denn los?« riefen alle zu gleicher Zeit. Polli hatte sich ein großes Loch in die Stirn gestoßen und lag blutend an der Erde.

»Ach so, er hat wohl auch mit dem Himmel sprechen wollen,« sagte Papa erklärend zu Mama, die ihn aufhob und in sein Zimmer trug, während Papa das Hörrohr nahm und ein paar Worte ins Telephon rief.

»Bist du dumm gewesen!« sagte Lilli, als sie an Pollis Bette saß und er ihr die fürchterliche Geschichte erzählte. »Du hast in den verkehrten Kasten gesprochen, der geht zu dem Teufel in die Hölle – meiner ging in das Himmelshaus.«

»Ach ja,« seufzte Polli, »es war schrecklich, und meine Bleisoldaten krieg' ich nun sicher nicht.«

Aber am Weihnachtsabend lagen sie dann doch unter dem Christbaum.

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