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Die Maikönigin

Ernst Dronke: Die Maikönigin - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/dronke/maikoeni/maikoeni.xml
typefiction
authorErnst Dronke
titleDie Maikönigin
booktitleDorfgeschichten aus dem Vormärz
publisherc. w. leske verlag
editorHartmut Kircher
year1981
firstpub1846
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120710
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5. Anne.

Auf der weiten, reichen Erde
Sieht sie sich allein, verraten,
Trübe zieht ihr junges Leben
Seitwärts an des Glückes Pfaden.
Sonne hat das Licht verloren
Für die Armut, gottverlassen, –
Willst, die dich zur Qual geboren,
Fluchend du die Eltern hassen?

Der Gutsbesitzer hatte seinen ersten Zorn über den Unfall des Knechtes überwunden. Der Verwundete war ins Haus gebracht worden und lag in der Kammer, die er hier mit ein paar Kameraden teilte. Herr Stempel hatte sogar seinen eigenen Wagen in das benachbarte Landstädtchen geschickt, um den Arzt holen zu lassen, und erkundigte sich teilnehmend nach dem Befinden des Kranken. Von einem Wegjagen desselben war zwar jetzt keine Rede mehr, denn im Grunde hielt der Herr nicht geringe Stücke auf den so brauchbaren Menschen; statt dessen aber hatte sich sein Groll gegen den armen Arbeiter gerichtet, dessen Krankheit die unschuldige Veranlassung gewesen war, daß Georg in den Steinbrüchen sich aufgehalten und das Unglück davongetragen hatte. Er gab dem Werkmeister den Auftrag, nach den Feiertagen den Platz Antons mit einem andern Arbeiter zu besetzen, da die gehäuften Bestellungen dies nötig machten; seinem Verwalter dagegen befahl er, den Anton abzulöhnen und den Lohn für die unbenutzten Tage in Abzug zu bringen. Er fand seine gleichmütige Stimmung durch diesen Akt der Genugtuung wieder, zumal ihm der Arzt erklärte, daß der Unfall des Knechts nicht viel zu bedeuten habe, und in baldiger Zeit die Herstellung versprach. Im Herrenhaus war es im Augenblick wieder stille. Der Pädagog, der am Morgen in einem heimlichen Versteck die unzusammenhängenden Lieder der alten Blödsinnigen nachgeschrieben und mit seinem Funde höchst befriedigt schien, war um die Mittagszeit mit seinen Knaben aufgebrochen, um in der Nachbarschaft bei einer anderen gutsherrlichen Familie einzufallen, aus welcher sich zwei Knaben unter seinen Zöglingen befanden. Die Schilderung der Pfingstfeier, wie sie im Dorf gebräuchlich war, hatte jedoch seinen Sinn für das Volkstümliche zu sehr verlockt, und er versprach beim Abschied, den folgenden Tag zu dem gastfreien Hause zurückzukehren. Der Mittag verstrich im Herrenhause ziemlich eintönig. Herr Stempel war beschäftigt, die Bücher und Rechnungen einzusehen und dem Verwalter das Geld für die Arbeiter auszuzahlen. Auf den folgenden Tag, den Pfingstsonntag, erwartete man die Gäste aus der Stadt. Lolo war mit Anordnen von mancherlei Vorbereitungen in der Wirtschaft beschäftigt; Max, der sich allein sah, hatte einen Gang in den nahen Wald unternommen. Gegen Abend kam er zurück mit einem dichten Strauß Maiblumen bewaffnet, die er in Lolos Zimmer heimlich tragen wollte. Auf der Treppe aber begegnete ihm das Mädchen, und er sah sich lachend gezwungen, das Geheimnis herauszugeben. Lolo lachte ebenfalls vergnügt, indem sie ihm einige Waldblüten aus den Locken zog, die sich auf der Streiferei durch die Hecken dort festgesetzt hatten. Von einer Belohnung, die er sich leise flüsternd erbat, wollte sie jetzt nichts wissen, sondern entfloh lachend die Treppe hinauf. Sie wolle eben nach Susannens Hütte gehen, rief sie ihm von oben zu; in einer Stunde könne er sie dort abholen.

Hinter der Hütte, in dem kleinen Eckchen von unfruchtbarem Boden, welcher zu dem Grundstück gehörte, saß die Tochter der Blödsinnigen. Die untergehende Sonne leuchtete in ihr bleiches, kummervolles Antlitz. Ihre Hände bewegten mit mechanischer Schnelligkeit die Drahtstöcke, mit welchen sie ihrem kranken Vetter Anton eine längst bedürftige, neue Fußbedeckung stricken wollte; ihr Auge war auf die dunkeln, fernen Waldkuppen gerichtet, die sie in tiefer, träumerischer Vergessenheit betrachtete.

»Übermorgen!« seufzte sie leise; »übermorgen ziehen sie dort hinaus, die Glücklichen, und ich werde zu Hause bleiben bei dem Kranken und bei der Mutter. Ach, – ich wollte es ja gern dulden, wie sehr ich mich auch hinaussehne in den freien Wald, wohin ich doch nur das eine Mal im Jahr komme; ich wollte es mir ja gerne versagen, wenn nur …« – aber sie hielt inne in Gedanken und setzte erst nach einer Weile hinzu: »ach … mir ist im Haus immer so trüb zumut.«

Sie ließ die Arbeit einen Augenblick in ihrem Schoß ruhen und senkte das Haupt sinnend auf ihre Brust.

»Sie werden die Maikönigin wählen; Anton sprach davon, daß es vielleicht die Lisbeth sein werde. Er hoffte wahrscheinlich, ihr Tänzer zu werden, aber nun kann er nicht dabeisein. Und ich auch nicht. Es ist auch vielleicht besser; es kümmert sich doch niemand um mich, und ich würde in ihre Freude schlecht passen.«

In ihren trüben Gedanken versunken, stand sie von dem Stein auf, auf dem sie gesessen, und schritt mit den nackten Füßen über den steinigen Boden dem kleinen Heckenzaun zu. Im Dorfe wurde es laut, da die Arbeiter Feierabend gemacht und eben zurückgekehrt waren. Einige singende Stimmen hallten zu ihr herüber.

»Sie freuen sich der Feiertage, und sie haben recht; das Pfingstfest ist das einzige, was ihnen ganz gehört.«

Als sie jetzt ihren Arm auf einen gekürzten Stamm in der Dornhecke stützte, sah sie einen Mann auf die Hütte zukommen. Es war der Werkmeister.

»Was macht der Anton?« rief derselbe von drüben, als er das Mädchen gewahrte; »ich habe dich schon in den Brüchen danach fragen wollen.«

»Ich danke Euch, Meister«, erwiderte die Arbeiterin; »es geht ihm seit heute morgen etwas besser, aber er ist noch schwach von dem Blutsturz. Der Arzt, den das Fräulein aus dem Herrenhaus herübergeschickt, sagte, daß er vor vier Wochen an keine Arbeit und überhaupt an keine schwere Arbeit mehr denken könne. Gott weiß, es ist ein trauriger Trost, aber er ist doch wenigstens außer Lebensgefahr. Wollt Ihr nicht hineingehen, Meister, er sitzt auf seinem Bett.«

»Nun, man muß nicht gleich den Mut verlieren«, tröstete der Mann, an den Zaun tretend. »Vorläufig bring ich dir hier seinen Lohn; gib ihm den und sag ihm, daß der Herr ihm denselben schicke. Das wird ihm vielleicht auch wieder Mut geben.«

»Es ist aber nicht wahr, Meister; Ihr braucht Euch nicht zu verstellen«, sagte das Mädchen mit einer Träne im Auge. »Der Verwalter, bei dem ich mir zuvor, als ich fertig war, meinen Lohn holte, hat mir alles gesagt. Der Herr hat dem Anton den Lohn für die letzten Tage, wo er nicht arbeiten konnte, abziehen lassen, und das Geld ist somit von Euch, Meister, und den übrigen Arbeitern. – Ich habe schon gestern gehört, daß ihr länger darum bei der Arbeit geblieben, aber der Herr Stempel hat Euch heute den Zuschuß für den fehlenden Arbeiter nicht bewilligt, und ihr habt also das übrige von eurem eigenen Lohn hinzugetan.«

»Nun, was ist dabei«, sagte der Werkmeister gutmütig, »sollen Kameraden untereinander nicht zusammenhalten? Neulich war ein Mann aus der Stadt hier, der erzählte, daß sie dort Sparkassen und Krankenkassen und dergleichen von den Ersparnissen ihres Lohns bildeten, um im Fall der Not etwas für sich zu haben, denn die Reichen und Vornehmen, denen unser Schweiß und Blut das Geld in die Kästen bringt, tun nichts für die Arbeiter. Soviel trägt's nun bei uns nicht, aber alle zusammen können wir doch so viel aufbringen, um einen kranken Kameraden ein paar Tage lang zu unterstützen.«

»Ja, wohl … Schweiß und Blut!« wiederholte das Mädchen. »Von all seinem Schweiß hat der Anton nichts gehabt, als daß er sein elendes Leben von Tag zu Tag hinziehen konnte; nun hat er in der anstrengenden Arbeit auch sein Blut hingegeben, und – was hat er davon? Daß sie ihn liegenlassen wie einen Hund! Nur ihr, seine braven Kameraden, die ihr selbst kaum das Notdürftige habt, teilt mit ihm. Schweiß und Blut! Und doch ist es noch nicht alles, was sie uns nehmen«, sagte sie mit einem Blick nach dem Fenster der Hütte, wo der beturbante Kopf der emsig hantierenden alten Blödsinnigen zuzeiten kam und verschwand.

»Ja, es ist nicht anders«, entgegnete der Werkmeister. »Wir sind zum Lasttragen da; wer kann's ändern?«

Die kleine Bucklige erhob ihren Kopf und sah ihn mit ihren großen Augen an.

»Es ist viel Elend auf der Welt, und die Armen haben recht zu klagen, daß sie überhaupt geboren sind«, sagte sie nachdenkend. »Es ist mir manchmal recht trüb und finster zumute, wenn ich das bedenke, wie viele schon vor uns auf der weiten Welt zugrunde gegangen sind und wie viele, viele noch immer zugrunde gehen auf jedem kleinen Fleckchen Erdboden, und niemand weiß davon. Man sollte gar nicht daran denken, denn der Gedanke kann einen zum Fluch bringen gegen alles, was damit zusammenhängt. Und wer es ändern kann? … Nun, ich habe manchmal meine eigenen Gedanken dabei! … Das zum wenigsten weiß ich, daß es von Rechts wegen geändert werden müßte, denn so viele Menschenleben können nicht zum elenden Verderben bestimmt sein.«

Der Steinbrecher blickte über den Zaun das arme mißgeschaffene Arbeitermädchen an, dessen dunkles Auge in dem Widerschein ihres Seelenausdrucks höher erglänzte. Er schüttelte nachdenklich das Haupt und sagte:

»Ich glaube, daß du recht hast, Anne; aber ich weiß nicht, wie es geändert werden sollte. Es ist doch einmal die Ordnung so, die anderen haben die Macht.«

Das Mädchen sah ihm fortwährend groß und sinnend in die Augen.

»Die Macht!« wiederholte sie. »Sie haben uns schwach gemacht, das ist ihre ganze Macht. Hier in der Hütte und daneben in denen und weiter hinauf und im nächsten Dorf und in allen Städten, es sind das alles keine einzelnen Fälle des Elends und der erbarmungsvollen Not, obwohl sie die Nachbarn als einzelne Fälle betrachten und mit den einzelnen Mitleid haben. Nein, Meister, das ist ein allgemeines Übel … und die schlechten Verhältnisse sind schuld daran, Meister. Wenn aber soviel Hunderttausende an denselben Verhältnissen elend zugrunde gehen, muß man sie auch ändern können – so denke ich, Meister! Nur müßten die Leute zuerst auch einsehen, daß sie alle an denselben Verhältnissen zugrunde gehen und daß sie alle zusammen eine Sache haben. Das ist die Hauptsache, und damit wird's schon geändert werden. Aber die Leute sehen das nicht ein; der eine denkt, der schlechte Arbeitslohn sei es, der ihn sein Leben lang zu keinem frohen Tag kommen lasse; der andere meint, der Mißwachs auf seinem kleinen Stück Land sei daran schuld, daß er mit Weib und Kind nun darben müsse; jeder sieht nur sein eigen Leid und nicht die Verhältnisse, die den Arbeitslohn herabdrücken oder einer ganzen Familie zu einem kleinen Stück Land am Ende gar nichts lassen. Und das ist unsere Schwäche, die die Reichen stark macht. Die Reichen werden wohl wissen, warum so viele elend sind; 's ist, weil die Reichen alles in der Tasche haben, Meister.«

»Nun, nun … man muß auch nicht gleich so in der Verzweiflung hinausfahren«, tröstete der Steinbrecher in seiner Weise. »Es wird wohl mit dem Anton auch besser werden, und wenn er auch nicht gleich wieder an die Arbeit kann … nun, ich denk, wenn er es dem Fräulein sagt, wird die sich für die Zeit euer annehmen.«

»Ja … Almosen um Gottes willen«, sagte das Mädchen bitter lächelnd, »das ist das Ende von dem Abrackern in Elend und Mühsal, und man muß Gott danken, wenn es nicht noch schlimmer endet. Nein, Meister … ich habe manchmal, wenn ich daran denke, einen Ekel vor dem Leben. Ich bin überhaupt gar nicht gern unter den Menschen und möchte am liebsten immer draußen im Walde umherstreifen. In den grünen, stillen Gehegen ist mir wohl, ich kann stundenlang dort allein in der frommen Heimlichkeit sitzen, wo kein Menschentritt hinkommt, und dem Gesang und dem fröhlichen Treiben der Waldvögel zuschauen; die Vögel verspotten einen wenigstens nicht. Manchmal aber, wenn ich zu Hause so für mich sitze, da kommt's mir vor, als sollte ich der Qual selber ein Ende machen.«

»Gott steh uns bei, Anne. Wie kannst du so sündhafte Gedanken haben! Denkst du nicht an deine Mutter, die du auch ernähren und ehren sollst?«

Das Mädchen richtete den Kopf höher zu ihm empor, so daß an ihrem Kinn eine tiefe, breite Narbe sichtbar wurde, die allem Anschein nach von einem stumpfen, schweren Instrument herrührte. Ihre Antwort aber wurde durch einen schallenden Ruf aus der Hütte unterbrochen. –

»Anne … Anne!« tönte die Stimme der alten Susanne. »Wo steckst du wieder? … Soll ich dich etwa wieder mit der Heugabel holen!«

Das Mädchen sah den Steinbrecher mit einem eigentümlichen Lächeln an, als auch die alte Blödsinnige schon herausfuhr. »Nun, – was machst du da … ah, – Ihr seid bei ihr, Meister«, rief sie herbeikommend. »Was man seine Not hat, wenn man alt wird, Ihr glaubt es nicht, Meister! Alles muß man allein tun, keines hilft und kümmert sich um die Alte. Ist das ein Elend!«

»Ihr tut der Anne unrecht!« rief der Arbeiter herüber. »Sie wollte Euch eben den Lohn für den Anton bringen.«

»So, nun so gib her! … Und weshalb hast du das nicht gleich getan, wo du mir deinen eigenen brachtest? Das müssen einem also auch erst fremde Leute sagen! Aber wollt Ihr nicht hereinkommen, Meister?«

Der Werkmeister trat in die Hütte, wo er den Arbeiter, geschwächt von dem Anfall, welchen ihm die schwere Arbeit zugezogen, auf seinem schlechten Lager sitzend fand. Er sprach mit abgebrochener, matter Stimme, und wiewohl der Werkmeister ihm Trost und Mut zusprach, mochte er doch selbst nicht ganz der Zukunft gewiß sein. Beim Weggehen drückte der Werkmeister dem Kranken die Hand und versprach, bei dem Herrn zu bitten, daß ihm der Wochenlohn vorderhand weiter ausgezahlt würde, da die Arbeiter keinen neuen an seiner Statt annehmen, sondern lieber für ihn länger arbeiten wollten. –

»Das wird nun freilich nicht lange vorhalten können«, sagte er draußen für sich. »Für einige Zeit ginge das wohl an, aber der arme Teufel sieht jämmerlich elend aus, und wer weiß, ob er je wieder an die Arbeit denken kann. Das wird traurig in der Hütte hergehen! Wenn er nichts mehr arbeiten und verdienen kann, sind sie auf das bißchen Verdienst der armen Anne angewiesen, denn die Alte ist wahrlich zu nichts imstande.«

Er blickte noch einmal um und sah das bucklige Arbeitermädchen noch am Zaun stehen und seinen Gruß mit ihrem stummen, traurigen Lächeln erwidern.

»Das arme Kind!« murmelte er für sich; »sie hat wohl recht, sich über ihr Los zu beklagen. Gott besser's! Ich weiß nichts mehr für sie zu tun, aber es sind die einzigen nicht.«

Anne hatte sich wieder auf den Stein hinter der Hütte gesetzt und ihre Arbeit vom Boden aufgenommen. Sie mußte tief in ihre Gedanken versunken sein, denn sie hatte nicht bemerkt, wie an den Zaun, wo der Werkmeister zuvor gestanden, eben wieder jemand herangetreten war und sie betrachtete.

»Guten Abend, Anne«, sagte eine weiche, liebliche Stimme. »Sieh, wie du fleißig bist; du bemerkst einen gar nicht.« Das Arbeitermädchen erhob überrascht über die neue Störung ihren Kopf und errötete leicht beim Anblick der Lauscherin.

»Ach! Fräulein Lolo … Sie sind da«, sagte sie befangen; »Sie schenken uns die Ehre! … Ich habe Sie gar nicht kommen gehört.«

»Ich war gestern abend schon hier«, erwiderte Lolo, indem sie die Hecke auseinanderbog und in den kleinen Raum trat; »du warst nicht zu Hause.«

»Meine Mutter hat es mir gesagt«, entgegnete die andere aufstehend; »es hat mir leid getan, daß ihr nicht früher …«, aber die Lüge wollte nicht ganz über ihre Lippen, und sie setzte verwirrter und höher errötend hinzu: »Ich hatte Sie so lange nicht gesehen, Fräulein.«

»Nun, – das ist deine Schuld, Anne«, sagte das Mädchen freundlich lächelnd; »du weißt mich ja zu finden, und es ist unrecht, daß du nicht wenigstens sonntags kommst, wenn du nicht arbeitest. Aber bleibe nur sitzen«, fügte sie hinzu, indem sie die Arme sanft auf ihren harten Ruhesitz drückte; »laß dich nicht stören, ich bleibe vor dir stehen und wir plaudern zusammen. Ist deine Mutter zu Hause?«

Lolo hatte mancherlei auf dem Herzen, aber sie wußte nicht, wie sie damit herausrücken sollte. Sie hatte ihren Vater in betreff Antons hartnäckiger gefunden, als sie anfangs erwartete. Der Gutsbesitzer wollte nach dem, was der anwesende Arzt über den Zustand des Arbeiters gesagt, um so weniger von Weitersorge wissen. Daß er ihn in den Steinbrüchen wieder verwenden könnte, war, wenn er auch wollte, nicht mehr möglich, ohne einem neuen Anfall über kurz oder lang entgegenzusehen; deshalb hatte er auch auf Anwerbung eines neuen Arbeiters bestanden. Ihn als Tagelöhner ab und zu zu verwenden, wenn sein Zustand sich soweit gebessert, hatte er zwar nicht gradezu verweigert; allein, es war voraussichtlich, daß dem Armen dadurch zu seinem und der Seinigen Unterhalt nicht genügend geholfen war. Lolo hatte sich daher selbst zur stillen Hilfe entschlossen. Da der Arbeiter aber vorerst gar nichts erwerben konnte, hatte sie eine kleine Summe aus ihrer Sparkasse mitgenommen, womit der Familie für die nächste Zeit ausgeholfen war. Aber sie wagte nicht, das Geld ihrer Milchschwester anzubieten, aus Furcht, die bei Mißgeschaffenen und Unglücklichen so vorherrschende Empfindlichkeit zu verletzen. Einen andern Plan hatte sie noch für die weitere Zukunft der Hüttenbewohner. Sie wollte Annen, die bei ihrer verschwerlichen Arbeit in den Brüchen ohnedies sowenig verdiente, zu sich ins Haus nehmen. Unter dem Vorwand, daß sie ihr bei Anordnungen in der Wirtschaft und als Kammermädchen zur Hand gehe, sollte ihrer armen Milchschwester ein besseres Los geschaffen und Gelegenheit zur Unterstützung der Mutter und des Arbeiters gegeben werden; da sie selbst außerdem die alte Blödsinnige zu unterstützen gewöhnt war, so schien hiermit dem Schicksal der Unglücklichen einstweilen vorgebeugt. Mit aller Vorsicht rückte sie jetzt mit diesem Plan bei Annen heraus, indem sie sagte, daß das Mädchen, welches sie bisher dazu verwendet, zu sehr in der übrigen Wirtschaft in Anspruch genommen würde und sie sich ohne solche Unterstützung nicht behelfen könne.

Anne ließ bei diesem Vorschlag die Arbeit voll Überraschung in den Schoß fallen und sah das Fräulein mit feuchtem Blick an. Aber die hohe Glut, die alsdann plötzlich in ihr bleiches Antlitz schoß, belehrte Lolo, daß das Arbeitermädchen den Grund ihres Planes durchschaut hatte.

»Es ist mir so am liebsten, ich weiß mir nicht anders auszuhelfen«, sagte das Fräulein, ihr freundlich zuredend. »Mit meinem Vater habe ich schon gesprochen, der ist es zufrieden; mir aber erweist du einen Dienst damit.«

Die Arbeiterin sah das Fräulein gerührt an. Offenbar neigte ihr Herz sich dem Vorschlag zu, der ihrer traurigen Lage in der Hütte ein Ziel steckte; aber der Stolz der Armut kämpfte dagegen, und eine Stimme flüsterte in ihrem Innern: Das sind die Reichen! Sie geben einen Tropfen großmütig von dem zurück, was sie in Eimern genommen; glauben an einem gutmachen zu können, was sie an hundert andern Unglücklichen verschuldet! –

Aber dieser Gedanke zerschmolz vor dem warmen, freundlichen Blick Lolos.

»O … Fräulein«, stammelte das arme Mädchen verwirrt, »ich weiß nicht … Sie sind so gütig! Wahrlich … ich weiß nicht, ob ich es annehmen kann.«

»Nun, was ist dabei zu besinnen?« redete ihr Lolo sanft zu; »was du im Hause versäumst, werde ich gutzumachen suchen. Das versteht sich von selbst; es ist meine Schuldigkeit, wenn du mir das zuliebe tun willst. Dabei kannst du ja doch jeden Tag deine Mutter und Anton besuchen.« Die Erwähnung ihrer Mutter schien in dem Mädchen ein besonderes Gefühl zu erwecken, und sie lächelte in leiser Bitterkeit. »Ich würde meine Mutter doch wohl öfter in dem Herrenhaus sehen!«

»Also du nimmst es an? … Du sagst es mir zu? Das ist schön!« entgegnete das Fräulein. »Du kannst gleich morgen hinüberziehen, dann gehen wir übermorgen früh zusammen hinaus in den Wald zum Maifest … nicht wahr? Du gehst doch gerne in den Wald, ich weiß das.«

»Ach, – Fräulein, … wahrhaftig, ich weiß nicht, Sie sind so gut, und ich möchte es wohl annehmen, aber ich weiß nicht …«

»Nun, es ist abgemacht, denk ich«, lächelte Lolo, »und morgen früh erwarte ich dich. Es kommen Gäste, da kannst du mir gleich helfen; und morgen abend beraten wir, wie wir uns bei der Feier recht vergnügen wollen. Ich lasse dir noch heute dein Zimmer neben dem meinigen zurechtmachen, denn morgen ist keine Zeit dazu, und übermorgen heißt es früh aufstehen. Wir wollen die ersten sein, nicht wahr? – und die besten und schönsten Blumen suchen, um die Maikönigin zu schmücken. Mit deiner Mutter will ich selbst sprechen, und dem Anton soll deine Pflege auch ersetzt werden. Es ist also abgemacht, denk ich; nicht wahr?«

Das arme Arbeitermädchen erbebte leise unter diesen Worten, die ihre liebsten Gedanken aussprachen, und errötete und erbleichte abwechselnd.

Lolo legte zutraulich ihre kleine Hand auf das grobe Tuch, welches die Schultern der Kleinen bedeckte, und sah ihr liebreich in die Augen. »Es ist abgemacht?« wiederholte sie. »Gewiß, du wirst kommen!«

Die Antwort Annens wurde durch ein Geräusch hinter der Hecke unterbrochen, welches der Sprung eines Mannes über den Zaun verursachte.

»Sieh! … Da bist du ja, Lolo«, rief Max lachend. »Ich sah vorn zum Fenster herein, und da ich dich nicht fand, kam ich, dich hier zu suchen. Guten Abend, Anne«, wandte er sich an das Arbeitermädchen, indem er ihr die Hand entgegenstreckte; »du kennst mich doch noch?«

Anne war aufgestanden, indem sie leicht erblaßte. Jetzt mußte sie dem Angekommenen die rauhe, gebräunte Hand geben, deren Zittern Max in der seinigen fühlte, und erwiderte mit einer plötzlichen dunklen Glut im Gesicht:

»Wie sollte ich Sie nicht mehr kennen, Herr Max, da Sie doch jedesmal in den Ferien bei Ihrem Onkel sind.«

»Freilich«, entgegnete Max, »und wir haben ja schon als Kinder miteinander gespielt. Weißt du noch, wie wir im Garten herumrannten und zu Ostern die Ostereier suchten und zu Weihnachten den Christbaum abplünderten?«

Das Mädchen nickte leise mit dem Kopf, indem sie mit niedergeschlagenen Augen vor sich hinsah. Lolo aber sagte lächelnd. »Ja … ist sie bei uns nicht wie zu Hause? Und doch wollte sie sich anfangs weigern, als ich sie bat, hinüberzuziehen und mir in der Wirtschaft zu helfen.«

»Nun, und weshalb nicht?« sagte Max freundlich. »Wenn wir auch nicht mehr die alten Streiche ausführen, so werden wir uns doch in anderer Weise vergnügen können. Wir können im Haus und im Garten treiben, was wir wollen; wird es uns aber zu eintönig oder wollen wir langweiligen Gästen aus dem Wege gehen, so ziehen wir hinaus in den Wald. Morgens, wenn im Hause noch alles schläft und die Täler noch rauchen, können wir schon oben auf den Bergen sitzen und unter den Bäumen beim Sonnenaufgang unser Frühstück verzehren. Macht dir das kein Vergnügen, Anne?«

Anne hatte die Augen nicht zu erheben gewagt, sondern sah still vor sich hin; aber die fliegende Röte ihres Gesichts verriet ihre Bewegung.

»Ja, – ich werde es wohl annehmen müssen, Fräulein Lolo«, erwiderte sie leise; »ich werde es wohl annehmen, da Sie so freundlich gegen mich sind. Aber ich habe doch noch Bedenken, ob ich das so bald schon kann. Ich müßte mich doch auf mancherlei vorbereiten, ehe ich im Herrenhaus erscheinen kann.«

Lolo verstand den zaghaften Blick der armen Arbeiterin, welcher verlegen ihre nackten Füße gestreift hatte.

»Was wären dabei noch lange Bedenken«, entgegnete sie liebreich. »Die Vorbereitungen kannst du morgen bei mir machen, wo du alles finden sollst. Stelle dich nur recht früh ein; auf meinem Zimmer sind wir ungestört und können alles beraten, was du mir von Bedenken mitteilst. Schicke nur heute abend noch deine Mutter hinüber, damit ich es statt deiner mit ihr abmache. – Also … nicht wahr, auf morgen früh?« sagte sie, ihr die Hand reichend.

Anne lispelte ihr kaum hörbar ihre Einwilligung zu, und Lolo schickte sich zum Weggehen an.

»Adieu, Anne«, sagte Max, ihr ebenfalls die Hand reichend; »so wären wir denn also von jetzt an wieder unter einem Dache und werden uns wohl vertragen, – denke ich.«

Anne errötete tiefer, als sie ihre Hand in die des jungen Mannes legte und sie dann schnell wieder zurückzog. Dann, als sie den Blick zu Lolo aufschlug und das Auge derselben auf sich gerichtet sah, erbleichte sie wieder, und in ihren Zügen sprach sich eine plötzliche Verwirrung aus. Sie vermochte nicht, den Abschiedsgruß der beiden zu erwidern.

Max schritt langsam das Dorf hinunter, um auf Lolo zu warten, die einen Augenblick noch zu der alten Blödsinnigen in die Hütte getreten war, um ihr das Geld zu geben und Annens Entfernung vorzubereiten. Als der junge Mann sich wartend nach ihr umdrehte, sah er Lolo an der Türe der Hütte stehen; bei ihr die alte Susanne, welche, nach ihren Gesten zu urteilen, das Mädchen wieder mit den Ausdrücken ihrer Zärtlichkeit überhäufte. An der Hecke hinter dem Häuschen stand Anne, die sich jedoch bei seinem Anblick mit einer plötzlichen, hastigen Bewegung abwandte und wieder ihren alten Platz auf dem Stein einnahm. In diesem Augenblick rief die alte Blödsinnige nach ihr, damit sie dem Fräulein für ihre Güte danken solle. Lolo, welche dem Mädchen diesen Akt der Beschämung ersparen wollte und den Ausruf Susannens nicht mehr verhindern konnte, entfernte sich, rasch auf Max zulaufend. Anne befolgte jedoch den Ruf ihrer Mutter nicht. Sie war aufgesprungen und trat hastig in die dunkle Küche, indem sie mit dem Rücken ihrer Hand über die Augen fuhr. Sie weinte.

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