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Die Maikönigin

Ernst Dronke: Die Maikönigin - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/dronke/maikoeni/maikoeni.xml
typefiction
authorErnst Dronke
titleDie Maikönigin
booktitleDorfgeschichten aus dem Vormärz
publisherc. w. leske verlag
editorHartmut Kircher
year1981
firstpub1846
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120710
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4. In der Hütte.

Sie kam zu uns in Regen und Wind
Und küßte mit Gierde unser Kind;
So wild an seinen Lippen sie hing,
Daß es bitterlich zu weinen anfing.
Hat sie gedacht an vergangene Stunden?

K. Beck.

Am obern Ende des Dorfes stand ein kleines Häuschen, abgesondert von den übrigen. Die Lehmwände desselben waren morsch und an einigen Stellen eingesunken. Gegen den Wind schützte es zwar die Anhöhe, hinter welcher es verborgen lag, aber das Dach schien auch nicht geeignet, einem starken Angriff standzuhalten. Der Lehm darauf war zerbröckelt und das Stroh bis zum Giebel hinauf schadhaft. Zwei Fenster neben der Eingangstür ließen allein Licht in den inneren Raum fallen; an einem waren zerbrochene Scheiben mit Papier verklebt. Das ganze Gebäude enthielt nur den Raum zur ebenen Erde.

Durch die Haustür trat man sogleich in ein Gemach; von einem Hausflur war hier keine Rede. Nach dem anderen Raum führte eine Vermittlungstür aus diesem ersten Gemach. Hintenhinaus lag die Küche, doch sah man nur selten aus dem Schornstein dieses Gebäudes Rauch aufsteigen. Diese Hütte, so abgelegen von den Wohnungen der Bauern, dem Blick des Wanderers, der von dieser Seite das Dorf betrat, entzogen durch die Anhöhe und das Laub einiger mitleidiger Bäume, diese Hütte konnte nur die Stätte eines jammervollen, elenden Daseins sein.

In dem vordem Gemach war es schon dunkel, obwohl drüben auf den Höhen noch die Lichter der untergehenden Sonne spielten. In der Dämmerung erkannte man an der hinteren Wand dieses Gemachs ein Strohlager, auf dem der verhüllte Kopf eines Mannes sichtbar war. Über ihm lag eine Decke, die mit dem vorjährigen Laub der Bäume ausgefüllt war. Ein tiefes Atmen von dieser Stelle verriet den unruhigen Schlummer des Kranken. Plötzlich fuhr er wie im Traum zusammen und stieß einen leisen, ächzenden Klagelaut aus. Bei diesem Ton wandte sich eine Gestalt ihm zu, die bis dahin schweigend und anscheinend bewegungslos in der Nähe der Fensteröffnung gestanden hatte. Der Kranke machte jedoch keine weitere Bewegung, sondern fiel in seinen früheren Schlummer zurück; das Weib wandte den Kopf wieder ab, und fuhr in ihrer früheren, stillen Beschäftigung weiter fort. Über ihrem groben, wollenen Kleid lag ein altes Tuch auf der einen Schulter; die andere hatte sie entblößt und war bemüht, in dem matten Dämmerlicht eine schmerzende Stelle an derselben zu entdecken. Ein paar helle Blutstropfen rieselten leise herab, als sie mit ihrer Hand an der Stelle herumdrückte. Das Weib verzog keine Miene dabei. Aber sie mühte sich doch vergebens, die eigentliche Wunde zu erspähen, wie sehr sie auch den Kopf zurückbeugte und die Schulter niederzudrücken versuchte.

»Warum der Anton auch gerade jetzt krank ist!« murmelte das Weib für sich.

Dann trat sie an das Lager und beugte sich über den Schlummernden, indem sie ihn leise beim Namen rief. Bei dieser Bewegung fiel ihr das Tuch vollends von der Schulter. Einen Augenblick blieb sie schweigend knien und betrachtete den Kranken, dann wollte sie eben ihr Rufen noch einmal wiederholen, als sie an der Tür ein Geräusch hörte. Mit einer hastigen Bewegung raffte sie das Tuch auf, schlang es schnell und fast mit Heftigkeit um die Schultern und begann mit einem seltsamen prahlerischen Gange im Gemach auf und ab zu gehen. Ihre Lippen bewegten sich zu einem leisen, singenden Murmeln, ihre Augen sahen gleichgültig und stumpf nach der Decke, aber ihr Ohr lauschte sorgsam und ängstlich nach dem Geräusch vor der Tür. Als sich dieselbe jetzt öffnete, wendete sie den Kopf mit so offener Überraschung, daß man hätte glauben können, sie wäre auf nichts gefaßt gewesen. Beim Anblick der eintretenden Person aber stampfte sie ärgerlich mit dem Fuße und drehte sich kurz um, indem sie ihren Spaziergang wieder begann.

Die Eintretende war ein Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren. Ihr ärmliches Äußere, ihre nackten Füße, die gebeugte Haltung des Kopfes und des ganzen Körpers sprachen hinlänglich ihr trauriges Los aus. Und das Los, welches ihr unter den Menschen zuteil geworden, schien auch von der Natur, wo möglich, bestätigt worden zu sein. Ihre Gestalt war klein und mißgeschaffen; der Hocker auf ihrem Rücken und die ähnliche, unnatürliche Erhabenheit der Brust verhinderten wohl zumeist das Aufrichten des Kopfs, diesen Vorzug, den die Natur dem Menschen vor dem Tiere gegeben. Nur ihr Auge litt nicht unter der gedrückten Erscheinung ihres äußeren Wesens; der volle, warme Blick desselben sagte, daß ihre Seele nicht ganz ihrem Leben zum Opfer geworden. Dies Mädchen, die Tochter der alten, blödsinnigen Susanne, brachte ihre Tage in den Steinbrüchen des Herrn Stempel zu, wo sie für einen geringen Tagelohn den Schutt wegfahren mußte, der sich von der Arbeit dort aufhäufte.

»Guten Abend, Mutter«, sagte das Mädchen leise. »Wie geht es dem Anton? … Ist er besser?«

Die Blödsinnige gab keine Antwort, sondern warf einen Blick, der Stolz und Verachtung ausdrücken sollte, auf sie herab und setzte ihren Gang schweigend fort. Das Mädchen schien an solche Bewillkommnungen gewöhnt zu sein, denn sie sagte nichts, und auch in ihrem Auge sprach sich kein Vorwurf aus. Schweigend trat sie an das Lager und kniete dort nieder, indem sie den Schlummer des Arbeiters belauschte. Die Blödsinnige war währenddem wieder ans Licht getreten, um nach ihrer verwundeten Schulter zu sehen; jetzt rief sie das Mädchen heran.

»Komm her, Anne«, sagte sie mit einer heiseren Stimme, »komm her und sieh nach, ob du das Zeug herauskriegst. Nimm dir das Messer dazu.«

Das Mädchen war aufgesprungen und zu ihr getreten. Als sie die Schulter der Alten dem Licht zukehrte und die kleinen Wunden des Schrotschusses erkannte, stieß sie einen leisen Schrei aus.

»Jesus Maria, Mutter! … was ist das? … wer hat das getan?« rief sie voll Angst.

»Der Hund!« murmelte die Alte; »der Teufel soll's ihm einsegnen! Kann er den armen Leuten nicht die paar Reiser für Besen gönnen? Sollen die Reichen das auch noch haben? Ich möchte wissen, was sie einem zuletzt noch lassen; sie werden uns bald nichts mehr zu nehmen haben als den Mist, auf dem wir krepieren.«

»Das war Franz, der Waldwärter!« sagte das Mädchen mit zitternder Aufregung.

»Die Pest über die Kanaille!« rief das Weib heftiger. »Wenn ich's ihm eintränken könnte! Au! … wie das brennt!«

Das Mädchen hatte eine Haarnadel von ihrem Kopfe genommen, um die Schrotkörner aus den Wunden zu ziehen; bei dem Schmerzensruf der Alten aber hielt sie inne.

»Nun? … weshalb machst du nicht fort, einfältige Gans?« fuhr die Blödsinnige sie an. »Wie stellst du dich wieder! Ach, wenn der Anton nur wenigstens bei der Hand sein könnte!«

Das arme Mädchen fuhr wieder fort, eine der Wunden vorsichtig und sanft zu untersuchen, und nach längerer Bemühung rollte die kleine Kugel endlich in ihre Hand.

»Ich will Wasser holen, – warten Sie einen Augenblick, Mutter!« rief sie forteilend.

»Bleib! – bleib!« antwortete die Alte. »Sieh erst zu, daß du das andere Zeug auch fortnimmst.«

Die Wunden waren allerdings nicht tief, und allmählich, wenn auch mühsam und von manchem Ruf der Verwundeten begleitet, war dem Mädchen das Werk gelungen. Es war aber auch gerade Zeit, denn draußen dämmerte es schon, und in der Hütte konnte man kaum noch sehen.

»Ich will die Wunden jetzt auswaschen und Ihnen Leinwand darauf legen«, sagte das Mädchen; »aber es ist schon so dunkel, wollen Sie nicht die Lampe anstecken?«

»Die Lampe … die wird auch noch brennen!« murrte die Alte. »Hast du Geld?«

»Wir bekommen ja morgen erst den Lohn. Es wird vielleicht bis morgen noch gehen.«

»Ja … und morgen! – Dein Lohn ist was Rechts … und dem Anton, der krank ist, wird's auch was eintragen«, murrte die Alte weiter. – »So ein Hundeleben, – 's ist auch der Mühe wert. Den Grund und Boden haben sie schon für sich allein genommen, aber das ist noch nicht genug! – auch schaffen und uns abrackern müssen wir für das reiche Pack! 's ist der Mühe wert damit, daß man zuletzt doch im Elend umkommt.«

»Die andern Steinbrecher haben gesagt, daß sie für den Anton mitarbeiten und ihm morgen seinen Lohn geben wollten«, sagte Anne begütigend.

»So. Ja, die Steinbrecher sind doch brave Kameraden; das würden sie in den Herrenhäusern gewiß nicht tun, obwohl alles Elend nur zu deren Bestem ist! – Nun, so sieh nach Licht!«

Das Mädchen holte eine kleine Blechlampe herbei und versuchte, den dicken, trockenen Docht anzuzünden. Aber nach einem Augenblick trüben Flammens verlosch er wieder.

»Das geht nicht«, sagte das Mädchen. »Wollen Sie nicht lieber mit vor die Türe kommen, Mutter; im Freien sieht man vielleicht noch.«

»Ja, – daß uns die Leute wohl auch sehen, die vorbeikommen«, lachte die Blödsinnige auf. »Es ist schon gut so, – es wird doch heilen.«

»Aber es blutet noch«, sagte das Mädchen. »Ich will da ein Stück von meinem zweiten Hemd abreißen und Ihnen darüber binden. Wir können ja hinter das Haus gehen.«

Die Alte folgte jetzt dem Mädchen, welches aus einem alten Kasten das beste der beiden, ihr von der Not des Winters noch gebliebenen Hemden nahm, um der Mutter einen Verband daraus zu machen. Als sie zur Tür gingen, die in die Nebenkammer und von da hinten hinaus ins Freie führte, hörten sie draußen vor der Hütte flüstern, und gleich darauf klopfte es an die Scheibe. Die alte Blödsinnige horchte; draußen aber rief eine helle, liebliche Stimme:

»Mutter Susanne! … Mutter Susanne! … Bist du zu Hause?«

Die Blödsinnige war mit einem Sprung zur Haustür hinaus und ließ ihre Tochter allein.

»Da bin ich … da bin ich, mein Schätzchen! … Was willst du von der Mutter Susanne? Komm herein … setz dich und erzähle mir. Es wird doch bald zu kühl hier werden.«

»Ich danke dir, Mutter Susanne«, erwiderte Lolo, »ich wollte bloß bei dir fragen, wie's ginge … was macht der Anton?«

»Gut … gut … mein Kind! Und der Anton ist auch wohl. Nein, er ist krank, wollt ich sagen. Und wie geht es dir, mein Kind? – Du gehst ohne Hut, du wirst dich erkälten, mein Engel. Wart, – wart, – ich will dir etwas umtun, damit dir die frische Abendluft nichts schadet.«

Und sie riß das Tuch von ihrer verwundeten Schulter, um dem Mädchen den Kopf einzuhüllen.

»Ich danke dir … ich danke dir, Mutter Susanne«, sagte

das Mädchen lächelnd; »und die Anne? … Was macht meine Milchschwester Anne? … Ist sie zu Hause?«

»Ich weiß nicht … ich habe sie nicht gesehen«, sagte die Blödsinnige. »Aber warum willst du das Tuch nicht überschlagen, Kind? … So komm doch wenigstens herein.«

»Ich habe keine Zeit, Mütterchen, es ist Besuch im Hause. Ich wollte dir nur sagen, daß du morgen früh zu mir kommen sollst; ich will dir allerlei für die Wirtschaft geben. Ich kann mich nicht aufhalten und muß gleich wieder fort, – der fremden Gäste wegen; also morgen, nicht wahr? Wenn die Anne nach Hause kommt, grüße sie von mir.«

»Ich will mit dir gehen, Kind«, sagte die Alte neben ihr hertrippelnd; »es wird dunkel und es könnte dir etwas zustoßen. Wer weiß, was dir begegnen kann.«

»Nein, – bleib nur zu Hause, Susanne; es ist ja nicht weit, und«, flüsterte sie, »ich habe schon Begleitung.«

»Nun denn, gute Nacht, Kind, ich werde morgen kommen«, sagte die Alte, »obwohl ich gar nicht gern in die vornehmen Häuser gehe. Aber bei dir ist das was anderes, mein Kind.«

Als das Mädchen sich einige Schritte weit entfernt und den Arm ihres Begleiters genommen hatte, lief ihr die Blödsinnige noch einmal nach, um ihr wiederholt Ermahnung zu geben, daß sie sich in acht nehme. Das Mädchen beruhigte sie mit freundlichem Lächeln und ging dann das Dorf hinab dem Herrenhofe zu. Die Blödsinnige sah ihr nach, bis sie hinter der Linde am Brunnen des Dorfes verschwunden war; dann kehrte sie langsam in die Hütte zurück.

Währenddem hatte hinter der Tür die arme Anne gestanden, und da die Alte bei ihrem raschen Ausgang die Türe nicht zugezogen, war ihr kein Wort von dem Gespräch entgangen. Als die Blödsinnige in das dunkle Gemach wieder zurückkam, schritt sie eine Zeitlang schweigend in ihrer Art und Weise auf und ab. Das Atmen des Kranken verriet seinen festen Schlummer; sonst hörte sie nichts. Plötzlich aber fiel ihr die Dunkelheit auf, und sie rief:

»Anne! … Anne! … He, warum machst du kein Licht? … Denkst du nicht daran, daß wir Licht brauchen? Ich möchte wissen, wozu du im Hause bist. Du mein Gott, wie doch die Kinder einen behandeln, wenn man alt wird!«

Eine Bewegung in der Ecke des Gemaches verriet die Gegenwart Annens. »Wir haben kein Öl mehr, Mutter«, sagte sie ganz leise, mit trüber Stimme. Diese Worte weckten in der Blödsinnigen die Erinnerung an das frühere Gespräch, und sie antwortete mürrisch:

»Und kein Geld … ja, ich muß für alles sorgen, Reiser zu Besen suchen und von den Halunken auf mich schießen lassen. Es tut niemand etwas für die alte Susanne … wenn nicht noch das Mädchen aus dem Herrenhaus wäre!«

Anne erwiderte ihr nicht; erst nach einiger Zeit bat sie die Blödsinnige, mit ihr hinauszugehen, daß sie ihr die Wunden verbände. Unter einem Baum, im trüben Dämmerlicht des Abends, zupfte die arme Tagelöhnerin aus dem Stück Leinwand Charpie, Watteähnlicher Verbandsstoff. legte sie dann in die offnen Stellen auf der Mutter Schulter und band ein Tuch darüber unter dem Arm durch. Dann gingen sie in die düstere Behausung des Jammers zurück. Es wurde immer dunkler und dunkler draußen. Erst spät stieg der Mond auf, und die Schatten der Bäume und Häuser zeichneten sich groß auf der stillen Gegend ab. In der Hütte wurde es darum um nichts heller. In einer Ecke hatte sich die Blödsinnige auf einen Sack voll Laub niedergelegt, und wie im Traum flössen zuweilen abgebrochen leise, singende Worte von ihrem Munde. Entfernt von ihr, in einer andern Ecke, saß die arme Anne, den Kopf an die Wand gelehnt. Ob sie schlief, kann ich euch nicht sagen. Vielleicht war es ein leiser Halbschlummer, in dem sie lag, denn sie richtete den Kopf nach jener Seite, sooft der Kranke sich unruhig stöhnend herumwarf. Zuletzt ward es stiller und stiller in dieser Stätte des Elends. Auch der Kranke schlief ruhiger. In der Ferne wetterleuchtete es, und ein Blitz erhellte das Gemach; sein flüchtiger Schein ließ Annens Gesicht erkennen. Ihr Auge war unberührt vom Schlummer, aber zwei große Tränen rollten über ihre Wangen. –

Lolo hatte sich Max auf dem Gang zur Begleitung mitgenommen. Beim Weggang jetzt schritten sie eine kleine Weile schweigend nebeneinander, dann sagte Max mit tieferm Ernst in seiner Stimme:

»Es ist doch seltsam, mit welcher rührenden Zuneigung diese alte Blödsinnige an dir hängt.«

Das Mädchen schmiegte sich in der Abendkühle dichter an ihren Begleiter an.

»Es ist wahr«, sagte sie nachdenklich, »und ich fühle mich selbst durch diese Zuneigung an die arme Alte gefesselt, zumal ich eigentlich die unschuldige Veranlassung ihres traurigen Zustandes sein soll.«

Max sah ihr fragend und überrascht ins Antlitz.

»Du weißt, daß sie meine Amme war, da meine Mutter bald nach meiner Geburt starb. Susanne war damals durch den Tod ihres Mannes, der Werkmeister in den Steinbrüchen meines Vaters war, plötzlich in eine traurige, hilflose Lage versetzt und bot sich selbst meinem Vater als Amme für mich an. Zu diesem Zweck mußte sie ihre beiden Kinder in fremde Pflege geben. Das jüngste, meine Milchschwester Anne, säugte sie zwar noch eine Zeitlang nebenher; da mein Vater aber aus Besorgnis für mein junges Leben dies nicht lange mehr zugeben wollte, mußte sie Anne früh entwöhnen. Indes behielt sie dieselbe doch immer noch in der Nähe, da eine Bäuerin aus dem Dorf sie angenommen hatte; das ältere Kind, einen Knaben von einem Jahr, hatte sie drüben in der Nachbarschaft unterbringen müssen, bei Leuten, die es, wie sich später zeigte, bloß aus Habsucht um der paar Taler willen getan hatten, die Susanne von dem Ammenlohn erübrigte. Sie hielten Susannens Knaben auf eine erbärmliche Weise, und als die Arme eines Sonntags mit mir hinüber nach dem Dorf wandelte, um nach ihrem Kinde zu sehen, fand sie dasselbe in dem elendesten, jammervollsten Zustande. Die Angst trieb sie von nun an öfter hinüber, und es kann sein, daß diese Gemütsstimmung, diese Besorgnis, welche die Liebe für ihr Kind nur erhöhte, auf ihre Gesundheit jetzt schon einen üblen Einfluß übte und durch die Steigerung desselben die Katastrophe allmählich vorbereitete. Gewiß ist, daß Susanne damals von Tag zu Tag stiller und trübseliger wurde, so daß mein Vater, welcher der gewöhnlichen Elternängstlichkeit nach eine frische, singende Amme verlangte, schon auf ihre Entfernung dachte. Es war aber schon so weit gekommen, daß der arme Knabe Susannens augenscheinlich dem Ende seines Siechtums von Stunde zu Stunde näherrückte. Nur Susanne selbst wollte nicht daran glauben, obwohl sie nunmehr, von Angst über das elende Aussehen des Kindes getrieben, tagtäglich heimlich hinübereilte. So kam sie zuletzt dazu, als dasselbe in entsetzlichen Krämpfen mit dem Tode rang. Die Mutterangst ließ sie alles andere vergessen.

Die halbe Nacht blieb sie an seinem Lager sitzen, indem sie es mit starrem Auge betrachtete, und erst als das Kind in ihren Armen gestorben war, brach ihre Kraft, die sie mit übermenschlicher Anstrengung bis dahin aufrechterhalten, zusammen. Aus ihrer Ohnmacht erwachte sie nie ganz; das Licht der Vernunft war in ihr ausgelöscht. Mein Vater nahm sie nicht wieder ins Haus. Aber merkwürdigerweise hatte sich die ganze Mutterliebe der armen Blödsinnigen mir zugewendet, während sie sich um ihr zweites Kind, die arme Anne, fast gar nicht kümmerte. Das hat sich bis heute noch so erhalten, und wie die Leute sagen, ist sie gegen ihr eigenes Kind gleichgültig bis zur Stumpfheit. Ich bin es daher eigentlich, die ohne ihre Schuld der armen Anne die Liebe ihrer Mutter gestohlen hat.«

Sie waren bei dieser Erzählung beim Brunnen an der Linde angekommen und blieben hier stehen. Max blickte sinnend in den großen, steinernen Behälter, in den das Wasser von oben aus der eisernen Röhre sprudelte.

»Ich dachte, Anton sei der Sohn der alten Susanne?« fragte er in Gedanken versunken.

»Anton ist der Brudersohn Susannens«, erwiderte das Mädchen. »Er ist zu ihr gezogen, um sie mit seiner Arbeit zu unterstützen, da es ihr doch kläglich ging und die arme Anne auch nicht viel verdienen kann.«

»Jetzt ist er krank, und dein Vater wird ihn entlassen«, sagte der Student mit einem spöttischen Lächeln.

»Glaube das nicht, Max«, entgegnete das Mädchen eifrig; »mein Vater meint es nicht so, wenn er auch im ersten Augenblick zornig scheint. Er wird vielleicht, solange der Anton krank ist, einen anderen Arbeiter annehmen lassen; aber wenn es dem Anton wieder bessergeht, wird er ihn doch nicht zurückweisen. Du sollst sehen, er schlägt es mir nicht ab, wenn ich ihn darum bitte, und solange der Anton krank ist, soll auch für ihn gesorgt sein.«

»Ja, du bist ein gutes, frommes Mädchen, Lolo«, sagte der Student mit leuchtenden Augen, »und machst vieles gut, was …«

»Nein, Max«, sagte das Mädchen, ihre Finger auf seine Lippen legend, »sprich so häßliche Gedanken nicht aus, wenn du mich liebhast. Mein Vater ist wohl streng im Geschäft, aber du tust ihm unrecht, wenn du ihn für einen harten Menschen hältst.«

Max pfiff eine leise Melodie vor sich hin, wie man zu tun pflegt, wenn man einen Ärger in sich nicht aufkommen lassen will.

»Ich glaube, die arme Anne wird sich demnach auch nicht sehr glücklich fühlen bei ihrer verrückten Mutter«, sagte er nach einer Weile. »Das arme Kind sieht ohnedies so gedrückt und still drein, als ob ein geheimer Schmerz oder ein Gefühl der Beschämung an ihr nage.«

»Es mag sein, daß das von ihrem unglücklichen Fall herrührt«, erwiderte Lolo. »Als damals ihre Mutter noch in der ersten Heftigkeit ihrer Geisteszerrüttung umherlief, mußte Anne der Pflege jener Bäuerin überlassen bleiben, da man sie der Tollen nicht anzuvertrauen wagte. Die Mutter freilich fragte nicht danach; Anne aber, die bei den Fremden nicht so ganz die richtige Aufmerksamkeit fand, tat in diesem zarten Alter einen Fall, welcher ihr für immer diese Mißgestalt des Körpers zuzog. Es ist traurig«, fuhr sie mit wehmütigem Lächeln fort, »wie sich manches Mal so vieles Elend der Hütten an ein junges Leben der Reichen knüpft. Ich habe mich oft eines leisen Schauers und Tränen schmerzlicher Rührung nicht erwehren können, wenn ich später hörte, wie die blödsinnige Susanne, während sie ihr eigenes Kind gleichgültig verkümmern ließ, so oft plötzlich in unser Haus gedrungen und mit wilder Leidenschaft an meiner Wiege gehangen habe, daß ich erschreckt zu weinen anfing.«

Die beiden standen eine Weile so in ihren Gesprächen. Die Dämmerung sank tiefer auf die Gegend. Im Dorfe war es still, nur der Brunnen rauschte, und in der Linde flüsterte es heimlich von dem letzten Hauch des scheidenden Tages; weit in der Ferne in einem andern Dorf bellte ein Hund.

»Komm, setze dich hierher, mein Rehchen, der Abend ist so schön«, sagte Max, indem er das Mädchen auf den hölzernen Sitz unter der Linde zog.

In dem Garten des Gutsbesitzers fing eben die Nachtigall an zu schlagen, und der schmelzende Ton zog weit hinaus durch die weiche, bebende Nacht. Die beiden Liebenden blickten träumerisch hinaus, lange Zeit fanden sie kein Wort in ihren vollen, still versunkenen Seelen, nur ihre Hände ruhten ineinander, und Lolos Haupt lehnte an der Schulter ihres Gefährten. Max beugte sich über sie und küßte ihr dunkles Haar, ihre weiße Stirn. Lolo drückte ihm leise die Hand und richtete ihr großes, sanftes Auge zu ihm auf. Der aufgehende Mond schimmerte durch die Zweige der Linde auf ihre Gesichter. Sie saßen noch lange dort in der heimlichen Stille. Was sie jetzt flüsterten, – ich weiß es nicht. Es hat es niemand gehört als die kleinen Vögel, die oben im Laub träumten und am andern Morgen so hell und freudig sangen wie sonst noch nie.

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