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Die Maikönigin

Ernst Dronke: Die Maikönigin - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/dronke/maikoeni/maikoeni.xml
typefiction
authorErnst Dronke
titleDie Maikönigin
booktitleDorfgeschichten aus dem Vormärz
publisherc. w. leske verlag
editorHartmut Kircher
year1981
firstpub1846
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120710
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2. Der Hofbesitzer.

»Sehet, Oheim, bemerk' ich nun das, und sinne darüber,
Nun, so spiel' ich halt auch mein Spiel und denke daneben
Öfters bei mir: es muß ja wohl recht sein, tun's doch so viele!
Freilich regt sich dann auch das Gewissen, und zeigt mir von ferne
Gottes Zorn und Gericht und läßt mich das Ende bedenken:
Ungerecht Gut, so klein es auch sei, man muß es erstatten.
Und da fühl' ich denn Reu' im Herzen; doch währt es nicht lange.
– – Raubt der König ja selbst so gut als einer, wir wissen's.«

Goethe, Reineke Fuchs.

Auf dem Hof vor dem großen, steinernen Herrenhaus stand der Verwalter und sah einem Bauern zu, der eben die Pferde vor seinen Wagen geschirrt hatte. Auf dem Wagen lagen die frisch gebrochenen Steine hoch aufgehäuft, so daß die Achse fast zu brechen schien, und die beiden kräftigen Pferde vermochten kaum, das Fuhrwerk von der Stelle zu bringen. Der Verwalter sah ihm einige Zeit schweigend, die Hände in die Taschen seiner Jacke gesteckt, zu. Als aber der Bauer trotz seines Schreiens und Peitschenknallens das Fuhrwerk nur eben zum Tor hinaus gebracht, ging er ans Hoftor. Der Weg ging draußen ziemlich steil hinauf das Dorf entlang; und die Pferde blieben instinktmäßig einen Augenblick schnaufend stehen.

»Schämt Ihr Euch nicht, fauler Kerl«, rief er dem Bauern zu. »Mit den zwei Pferden da wollt Ihr die Last bis hinunter nach dem Rhein bringen? Wenn's ans Bezahlen kommt, werdet Ihr unverschämt genug sein, vier Pferde in Rechnung zu bringen. Aber solch habsüchtig Pack kann nicht genug verdienen; lieber schinden sie ihr eigenes Vieh und brauchen einen Tag länger unterwegs, als daß sie Vorspann nehmen.«

»Was! einen Tag länger!« rief der Bauer, der seine Pferde doch einen Augenblick verschnaufen lassen wollte. »Meine Gäule haben's nicht nötig, länger als einer von den anderen, wenn der auch vier Pferde nimmt, unterwegs zu bleiben. Wenn meine Braunen erst einmal im Zug sind, halten sie Schritt mit jedem.«

Damit trieb er sie wieder an, indem er schreiend und knallend seine Peitsche schwang. Die Pferde zogen mit ungeheurer Anstrengung und gelangten endlich auch auf die Höhe des Weges, der von dort eine Zeitlang abwärts führte. Der Verwalter sah ihnen nach und kehrte dann auf den Hof zurück, indem er noch über die Unvernunft der Leute murrte, die ihre Tiere so quälten. Auf dem Hof rief er einen Knecht, der eben nach dem Stall ging.

»Ist der Georg noch nicht aus dem Steinbruch zurück?« fragte er. »Die neuen Steine müssen doch herein, sie werden vor den Feiertagen noch abgeholt.«

Der Knecht sagte, daß der Erwartete noch nicht zurückgekommen sei.

»Er hat schon gestern«, fügte er hinzu, »beim Aufladen in den Brüchen selbst helfen müssen, weil einer von den Arbeitern krank ist. So werden sie ihn vielleicht heute wieder aufgehalten haben; er ist schon vor einer Stunde hingefahren.«

»Der Georg hat in den Brüchen nichts zu tun«, schalt der Verwalter; »er hat bloß draußen die Steine aufzuladen. Wenn einer von den Arbeitern krank ist, so kann der Werkmeister für einen neuen sorgen und braucht nicht einen von den Knechten aus dem Hause zu nehmen. Es ist aber gut, daß ich das weiß; ich werde morgen beim Auszahlen des Wochenlohns den Abzug für den einen Arbeiter nicht vergessen. Wenn ich das nicht erfahren hätte, würden einem die Leute den Lohn für den fehlenden Kranken mit angerechnet und unter sich geteilt haben.«

»Ach nein, Herr Verwalter«, sagte der Knecht; »die Steinbrecher sind alles ordentliche Kerle. Sie haben unter sich ausgemacht, wenn einer von ihnen krank wird, so wollen die andern für ihn mitarbeiten und lieber länger dort bleiben, um dem Kranken seinen Lohn zu erhalten.«

»Das geht mich nichts an«, sagte der Verwalter. »Der Werkmeister bekommt für soviel Leute Wochenlohn, als er in den Brüchen hat; fehlt einer, so ist das seine Sache. Ich werde dafür den Lohn nicht wegschmeißen. Wenn man solche Sachen einführen wollte, würden einem alle Tage Leute ausbleiben.«

»Ja, Herr Verwalter, das ist wohl wahr«, sagte der Knecht; »aber wenn die Leute soviel arbeiten als an andern Tagen, wo sie vollzählig waren, um ihrem kranken Kameraden den Lohn zu bringen: Das wäre doch hart, wenn Sie ihnen da noch den Lohn abziehen wollten. Der Georg sagte gestern, daß die Leute anderthalb Stunden länger gearbeitet, als sie im Kontrakt stehen hätten.«

»Ja, ich kenne das Längerarbeiten«, sagte der Verwalter mürrisch. »Alle Zucht und Kontrolle ginge dabei zum Teufel. Daß ich ein Narr wäre! Nein! Ich habe auf die Zahl der Arbeiter Kontrakt gemacht, und je weniger da sind, desto weniger wird bezahlt.«

Der Knecht murmelte etwas und ging in den Stall zurück; der Verwalter wandelte noch einige Zeit über den Hof, indem er gedankenlos vor sich hin pfiff. Ab und zu sah er dabei nach der großen, steinernen Treppe, die zum Herrenhaus hinaufführte. Als jetzt endlich die Haustür oben geöffnet wurde, und ein kleiner untersetzter Mann auf den Treppenvorsprung trat, rückte der Verwalter seine Kappe und rief hinauf:

»Der Georg ist noch nicht zurück, Herr Stempel. Soll ich vielleicht die letzten Steine noch aufladen lassen?«

Der kleine Mann oben lehnte seinen Ellbogen auf das eiserne Treppengeländer, indem er mit der Hand die wenigen weißen Haare seines kahlen Hauptes strich und mit der andern gemütlich die Zähne stocherte.

»Was macht denn der Georg so lange in dem Steinbruch?« rief er herunter. »Die Leute werden jetzt schon so faul, Gott weiß, was soll das erst im Sommer, in den Hundstagen werden. Und der Georg ist noch einer von den besten. Den haben gewiß die Steinbrecher auch wieder mit in den Krug verführt.«

Der Verwalter ging langsam die steinerne Treppe hinauf, um sich besser bei seinem Herrn aussprechen zu können.

»Wir werden die Arbeiter etwas kürzer halten«, fuhr der Herr eben wie im Selbstgespräch fort; »nicht allein versaufen sie ihren eigenen Verdienst, sie verführen uns auch die Knechte.«

Der Verwalter, der oben angekommen, rückte noch einmal seine Kappe und sagte leiser als zuvor:

»Nicht allein das, Herr Stempel, sie versuchen, uns auch zu betrügen. Schon gestern, und wer weiß wie lange vorher, sind sie nicht vollzählig, und doch wird der Werkmeister für alle den vollen Lohn verlangen.«

»So, es fehlen welche?« erwiderte der Gutsbesitzer, seinen Verwalter pfiffig betrachtend.

»Einer«, sagte der Verwalter, mit den Augen blinzelnd. »Sie sagen, er wäre krank; aber das ist eine Ausrede, und wenn wir die gelten lassen wollten, würden uns alle Tage welche ausbleiben. Daß sie uns aber zu betrügen suchen, das beweist das, daß sie nichts davon sagen und auch keinen neuen annehmen.«

»Sie werden ihnen morgen den Abzug dafür machen«, sagte der Gutsherr. »Deshalb also bleibt der Georg so lange aus; wahrscheinlich sind die Steine nicht bereit, und doch müssen sie vor den Feiertagen fort. Wenn die Fuhrleute sie morgen nicht hier finden, soll ich sie wohl im Hof behalten? – Da würden meine Gäste aus der Stadt ihre Wagen draußen vor dem Tor stehenlassen können; eine schöne Geschichte, das!«

Die Erwähnung der Gäste aus der Stadt, die den Gutsbesitzer gewöhnlich zu Pfingsten, zur Kirchweihe und im Herbst zur Jagd besuchten, machte auf den Verwalter offenbar einen sehr günstigen Eindruck. Er wußte, wie sehr es sich sein Herr bei solchen Gelegenheiten angelegen sein ließ, den Fremden ein besonderes Schauspiel von seinem Glänze und Glücke zu geben.

»Halten Sie mir die Leute etwas kürzer«, wiederholte der Gutsherr; »bei dem schlechten Wert der Bausteine kann man ohnedies den bisherigen Lohn nicht fortgeben, ohne sich zu ruinieren. Ich habe schon früher daran gedacht.«

Der Verwalter sagte, daß er selbst nach den Steinbrüchen gehen wolle, um sich über den Stand der Arbeiten Überzeugung zu verschaffen. Dann, als der Gutsbesitzer sein Frühstück durch eine Promenade in dem großen Garten hinter dem Hause verdauen wollte, ging er wieder in den Hof hinab. Der Knecht, den er vorhin um den Georg befragt, kam eben mit einem andern aus dem Stall; er gab demselben einige Aufträge und Verhaltungsbefehle und schlenderte dann langsam zum Hoftor hinaus. Als er durchs Dorf ging, begegneten ihm mehrere Bauernfrauen und alte Arbeiter, die den Verwalter des gnädigen Herrn in ihm grüßten. Ein paar Kinder, die an dem Brunnen spielten, sahen ihm gaffend nach; der Mann schritt stolz im Gefühl seiner kleinen Macht vorüber. Auf der Höhe draußen vor dem Tor schlug er einen Fußweg durch die frischen, blühenden Felder ein. Die Gegend war fruchtbar und schön hier. Die reichen Felder zogen sich weit hinaus, nur an Abhängen von fetten Wiesen durchbrochen; weiter hin dunkelten die Forste der Berge. Das üppige Land mußte hinreichen, um eine weit größere Bevölkerung zu ernähren; aber die Felder ringsum gehörten Herrn Stempel, der sie den Bauern in hoher Pacht gegeben. In benachbarten Ortschaften herrschten ebenfalls einige Gutsbesitzer. Die Jagd in den Feldern und Waldungen aber hatten die Herren untereinander gepachtet.

Der Verwalter wanderte eine Zeitlang fort, indem er zuweilen prüfende Blicke auf die Felder warf. Der Weg, welcher eine Wendung des Fahrwegs umging, stieg langsam bergan, und erst auf der nächsten Höhe gewahrte man endlich in der Ferne die Stelle, wo der Steinbruch lag. Ein hoher Abhang bewies, wieviel schon aus dem Boden dort gewonnen sei; weithin liefen noch Gänge, in denen Arbeiter beschäftigt waren, und die ungeheure Ausdehnung der Felsen ließ noch auf lange Jahre der reichsten Nutzbarkeit schließen. Diese Brüche gehörten dem Hofbesitzer, der zum Ausbrechen der Steine Leute aus andern Gegenden gezogen hatte. Schon sein Vater hatte den Bruch, wenn auch nur mäßig, ausgebeutet, und da er kein großer Spekulant war, auf einem mäßigen Gewinn erhalten. Herr Stempel aber, der das Geschäft in größerem Maßstabe betreiben wollte, war im Laufe der Zeit ausgebreitetere Verbindungen eingegangen; der Handel mit den Bausteinen erstreckte sich bald nicht mehr allein auf die Umgegend; der Besitzer nahm Agenten weit und breit an vielen Hafenorten an, und die Steine wurden mit großem Erfolg nach allen Gegenden vertrieben. Dadurch hatten sich, wie gesagt, auch mehr und mehr Arbeiter nach dem Dorf gezogen, die sich dort anbauten und, solange die Ausbeute der Brüche vorhanden war, ihr Auskommen zu haben schienen. Herr Stempel hatte sich jedoch zuletzt mit einem dazu ersehenen Meister eingelassen, einen bestimmten Lohn für jeden Mann ausgemacht und sich soviel Arbeiter bedungen, als er den Bestellungen gemäß verwenden zu können glaubte. Es waren aber bereits in der Hoffnung auf Arbeit eine größere Zahl in dem Dorfe angesiedelt, und diese Leute sahen sich daher gezwungen, um jeden Preis einen andern Lebenserwerb zu ergreifen. Nach einigem Bedenken hatte sich der Gutsbesitzer dazu verstanden, ihnen seine Felder zur Bearbeitung zu überlassen. Er selbst stand sich nicht schlechter dabei, und außerdem hatte er nunmehr für den Fall, daß er einmal für einige Zeit Arbeiter in den Brüchen bedürfte, die Leute vorrätig.

Als der Verwalter auf dem Hügel angekommen war, gewahrte er in den Brüchen einen dichten Knäuel und ein ungewöhnliches Rennen und Bewegen. Etwas Genaues ließ sich in dieser Entfernung nicht unterscheiden. Er wollte mit rascheren Schritten sich hinwenden, als er auch einen einzelnen Mann, den er bald an der Kleidung für einen Arbeiter erkannte, auf dem Fußweg eiligen Laufes herannahen sah. Indem er stehenblieb und sich den Grund der Bewegung zu erklären suchte, ward er von der andern Seite durch ein Lärmen von Stimmen wieder abgezogen. Ein großer Trupp kam auf dem breiten Weg auf das Dorf zu. Der Verwalter betrachtete sie neugierig, und obwohl er die einzelnen nicht unterschied, sah er doch, daß es keine Bewohner des Dorfes oder der Umgegend seien. Sollten es schon Fremde, erwartete Gäste zu den Pfingstfeiertagen sein? Es schien ihm nicht so, da er gewohnt war, dieselben in anderem Aufzuge kommen zu sehen. Zudem verschwanden in dem Augenblick die Herannahenden in einer Senkung des Weges, so daß der Verwalter sie nicht ferner mehr beobachten konnte. Er wartete auf der Höhe, wo sie bald näher vor seinen Augen vorbeikommen mußten; dann wandte er sich wieder nach der Richtung der Steinbrüche zu. Der Arbeiter, den er vorhin bemerkt, kam auf dem Wege eben auf ihn heran.

»Was gibt es?« fragte er, als er den atemlos Laufenden erkannte. »Ist etwas vorgefallen in den Brüchen?«

»Ach, Herr Verwalter, der Georg!« war alles, was der andere hervorbringen konnte.

»Nun, was ist denn mit dem Georg? Kannst du nicht sprechen, du Tölpel?« sagte der Verwalter ungeduldig.

»Der Georg, ich weiß es selbst nicht; aber er liegt in den Brüchen, es ist ein Haufen Steine über ihn gefallen!«

»So!« sagte der Verwalter giftig, »wer ist daran schuld als die Leute, die ihn dort zurückbehalten haben, wo er nichts zu tun hat! Wir wollen sehen! Wir wollen sehen! Das kommt von dem Betrügen und der Faulheit der Leute … das soll euch eingetrichtert werden! Der Georg, der Großknecht vom Hof! Nein, es ist zu arg!«

»Ach, Herr Verwalter«, sagte der andere, »weiß Gott, es ist wahrhaftig niemand schuld daran. Die Steine waren fest gelegt wie immer, und auf einmal, Gott weiß, wie es kam, fiel die ganze Reihe zusammen und auf den Georg, der unten im Gange stand. Es wußte keiner, wie ihm geschah; erst der Werkmeister sprang hinunter und rief uns zu, ihm zu helfen. Als wir ihn herauszogen, war er ganz voll Blut und ohnmächtig. Ich glaube, der Arm, die Beine sind gequetscht, aber er lebt wenigstens noch.«

»Wer heißt ihn aber da hinuntergehen!« rief der Verwalter, mit dem Fuße stampfend. »Hat er etwas da zu suchen? Nein! Nur die Steine hat er aufzuladen! Aber ihr habt ihn dazu beredet, weil seit gestern wieder einer von euch fehlt und ihr das Geld einstecken wollt. Nun, ihr werdet schön ankommen bei dem Herrn!«

»Sehen Sie, Herr Verwalter«, sagte der Arbeiter verzagt, »der Anton ist krank, und da sagte der Werkmeister, daß wir lieber eine Stunde länger arbeiten sollten, um dem Kranken seinen Tagelohn zu geben. Es könne das ja jedem von uns auch passieren, meinte der Werkmeister. Wir waren es auch zufrieden, und weil nun der Georg gut Freund mit dem Anton ist und auch früher, wie Sie wissen, Steinbrecher war, hat er gestern und heute von selbst ab und zu einmal bei der Arbeit geholfen.«

»Ja, der Georg ist gut und dumm genug, sich dazu herzugeben«, erwiderte der Verwalter. »Das hat er jetzt davon. Aber mit euch wird der Herr wohl auch ein Wörtchen reden. Was stehst du noch hier, kannst du nicht den Chirurg holen?« fuhr er den Arbeiter an.

»Ich war gerade auf dem Wege, Herr Verwalter«, sagte der andere; »aber da Sie mich fragten, wollte ich Ihnen doch sagen, was vorgefallen sei. Ich will mich jetzt beeilen.«

»Rindvieh, das!« murmelte der Verwalter ihm nach. »Eine schöne Geschichte, grade der Georg, der Georg! Nun, das wird ein schönes Gewitter bei dem Herrn setzen.«

Indem er sich umdrehte, um langsam dem Arbeiter auf den Hof nachzufolgen, gewahrte er jetzt die fremden Wanderer, die er zuvor schon aus der Ferne erblickt hatte. Ein Trupp Knaben marschierte Arm in Arm kolonnenweise voraus; hinter ihnen folgten zwei Erwachsene, ein kleiner Mann, dessen Äußeres der Verwalter trotz seiner düstern Stimmung sehr possierlich fand, neben ihm ein schlanker, hochgewachsener junger Mann. Der Verwalter betrachtete den letzteren mit Aufmerksamkeit.

»Straf mich Gott, es ist Max!« sagte er für sich. »Aber welche Gesellschaft führt er da bei sich? Wenn der ganze Trupp dem Herrn Onkel ins Haus fallen soll, wird es auch keine üblen Feiertage geben.«

Somit schritt er langsam weiter den Weg hinunter; es schien aber, als ob man ihn dort ebenfalls entdeckt habe.

»Hoi ho! Herr Verwalter!« schallte es von drüben und eine Mütze wurde in der Luft geschwenkt.

»Herr Max! … Jawohl! Ich habe Sie gleich erkannt«, rief es zurück. »Der Teufelskerl«, lachte er für sich; »er wird die Ferien wahrscheinlich hier zubringen … nun, das wird wieder ein ausgelassenes Leben werden, Gott steh uns bei.«

Ein neuer Ruf von drüben, dem ein fürchterliches Hurra der Knaben folgte, tönte zu ihm herüber.

»Ja, ja, ich komme schon«, antwortete der Mann, indem er seine Schritte beflügelte. Der Student aber kam ihm entgegengesprungen und schüttelte ihm derb die Hand; ihm folgte langsam der Professor; die Knaben waren plötzlich, wie ein Schwarm Bienen, an dem Rande des Grabens am Wege niedergefallen.

»Nun, wie geht's, Alter?« sagte der Student. »Werden wir diesen Herbst wieder jagen wie im vorigen Jahr … wissen Sie oben im Forst, wo ich den Wolf schoß? Aber, was rede ich vom Herbst; zuerst haben wir ja die Pfingstfeiertage vor uns. Da wird's wohl wieder voll sein beim Onkel, he? … Was macht der Alte? … Ist er gesund? … Zecht er noch brav mit den Landpfaffen? Die werden wohl auch alle aus der Umgegend die Feiertage dasein? … Und ein Maibaum, he? einen Maibaum gibt's doch? … Wir tanzen doch? … Und, à propos, meine Cousine Lolo«, fügte er heimlicher hinzu, »was macht sie? Ist sie zu Hause?«

Der Verwalter hatte all die Fragen mit stummem Lächeln aufgenommen, nur dann und wann mit einem: »Gut! Gut! – jawohl!« einfallend.

»Ihr Herr Onkel wird sich freuen, daß Sie kommen, Herr Max«, sagte er endlich, als er zu Worte kam; »wird sich freuen, gewiß! daß er jemanden hat, der ihm bei den Angriffen der fremden Gäste zur Seite steht. Sie wissen ja, wie das da zugeht. Und Ihre Cousine … nun, was die sagen wird, weiß ich freilich nicht«, sagte er verschmitzt.

»Sagen Sie ihr auch nichts, Verwalterchen, daß ich da bin. Ich will vom Garten hereinkommen und sie erschrecken.« –

»Verstehe, verstehe«, erwiderte der andere, »aber … wen zum Teufel bringen Sie denn da mit?«

»Ja so!« sagte der Student, »das hätte ich fast vergessen. Ein Schullehrer mit seinen Jungen, der eine Rundreise durchs Land macht«, fügte er hinzu, indem er den herankommenden Professor beim Arm nahm.

»Es wird Zeit sein, daß wir ins Dorf kommen«, sagte der Verwalter, nachdem er den Pädagogen in seiner Weise begrüßt; »die Knaben sind wahrscheinlich doch müde und hungrig. Sollen wir uns nach dem Haus aufmachen?«

Der Pädagog, der sich fortwährend mit seinem Regenschirm beim Gehen stützte, war mit dem Vorschlag gleich einverstanden. Ihn lockte der Gedanke, sich bequem ausruhen und eine wohlfeile Güte antun zu können. Die Knaben erhoben sich wieder und marschierten wie zuvor reihenweise voraus. Einige hatten sich unterwegs aus Weidenrinde Pfeifchen geschnitten und begannen jetzt eine so wilde Musik, daß bei ihrem Eintritt die Dorfjugend verwundert und mit höhnischem Lachen nebenher lief. Hinter ihnen folgte der Verwalter mit dem Professor, welcher letztere bereits wieder Fragen nach Volksliedern und andern antiken Volkstümlichkeiten tat. Der Student war auf einem andern Wege um das Dorf gegangen und hatte sich über eine niedrige Mauer heimlich in den Garten des Gutsherrn geschwungen.

Nach Verlauf einer halben Stunde saß der Pädagog mit dem Hofbesitzer und dessen Verwalter zusammen bei einem Glase kräftigen Rheinweines. Herr Stempel liebte es, auch bei Fremden seinen Verwalter in den Kreis zu ziehen, was unter anderem ihn bei seinen Standesgenossen in den Ruf eines humanen, freisinnigen Mannes gebracht hatte.

Der Pädagog, der im Walde den Trunk aus der Flasche des Studenten verschmäht hatte, sprach jetzt, wo seine Schüler nicht zugegen waren, dem Becher ziemlich eifrig zu, ohne Aufregung zu besorgen. Die Knaben waren in einem großen Saal im Erdgeschoß untergebracht, wo sie sich zuerst mit Speise und Trank erquickten und auch jetzt ihre ausgelassene Natur nicht verleugneten.

Das Zimmer, in dem sich die Männer befanden, war in sehr eleganter, großstädtischer Weise ausgestattet. Man sah, daß Herr Stempel, obwohl er anhaltend auf dem Lande wohnte, doch die großen Bequemlichkeiten des Lebens in der Stadt mit diesem Aufenthalt zu vereinigen wußte. Eine Haushälterin und ein schmuckes Dienstmädchen räumten eben das Essen ab, als der Gutsherr und sein Verwalter sich die Zigarre anzündeten.

»Also Sie beschäftigen sich mit der Aufsuchung von alten Liedern«, sagte der dicke Herr, behaglich auf dem Sofa sich reckend und die weißen Haare vom Nacken über das kahle Haupt streichend. Offenbar wunderte es ihn, daß ein Mann, unter dessen Schülern sich Kinder aus den reichsten, vornehmsten Gutsherrschaften der Umgegend befanden, sich mit solchen Lappalien beschäftige. Der Pädagog bemühte sich, ihm das Verdienstvolle seines Bestrebens auseinanderzusetzen und führte die Unterstützung an, die ihm seitens der Regierung zuteil geworden.

»Ich bin gar nicht für solche mittelalterlichen Geschichten«, sagte der freisinnige Mann; »wenn ich mich um Sachen des Volks bekümmere, so ist es seine materielle Lage. Die Lage der Arbeiter, die bei mir sind, kümmert mich mehr als ihre Lieder. Sie arbeiten für mich, und ich sorge daher auch, soweit ich kann, dafür, daß sie ihre Arbeit ordentlich und zufrieden verrichten können. Wenn die Regierung in dieser Weise auch für das Volk sorgte, statt auf unnütze Geschichten Geld zu verwenden, so würde es besser sein. Es sind viele Leute da, die nichts zu arbeiten haben; für die muß der Staat sorgen. Jeder sorgt für seine Leute; die einzelnen können nicht auf alle in jeder Weise Rücksicht nehmen.«

Der Pädagog wiegte sich unbehaglich auf seinem Stuhl; er hatte sich nie um solche Sachen bekümmert und wußte daher keine Antwort zu geben, aber es war ihm, als ob er diese Worte oder ähnliche schon irgendwo gehört oder gelesen hätte. Der Verwalter warf auf seinen Gutsherrn einen vielsagenden Blick; dieser aber fuhr ruhig und bedächtig fort, indem er sich manchmal in den Zähnen stocherte.

»Man muß nur die Sache anzufangen wissen«, sagte er, das wiegende Nicken des Pädagogen für Zustimmung nehmend. »Man spricht soviel von Pauperismus Massenarmut. und Proletariat, aber ich bin gewiß, wenn jedermann für seine zugehörigen Leute ordentlich Rücksicht nimmt und der Staat sich der übrigen annimmt, ist alles in Ordnung. Ich kümmere mich viel, sehr viel um die Lage der Arbeiter«, fuhr er mit Sicherheit fort, »und ich weiß auch, daß es besser ist, sich nach unten der Leute anzunehmen als nach oben.«

»Ja, Sie hängen von den Leuten da unten und ihrem Einfluß ab, wie wir Beamte und Staatsleute von denen oben«, sagte der Professor, dessen gerötetes Gesicht und unterdrücktes Gähnen auf das Bedürfnis der Ruhe schließen ließ. »Das kommt auf dasselbe hinaus.«

Der Gutsbesitzer warf einen etwas überraschten Blick auf den Sprecher und sagte dann:

»Wenn Sie noch einige Tage hier verweilen sollten, was mir nur Vergnügen bereiten würde, so können Sie sich überzeugen, daß es Leute genug unter den Reichen und Angesehenen gibt, die sich mit warmem Interesse über das Wohl des Volks und über die Mittel, die ihnen für ihren eigenen Wirkungskreis zu Gebote stehen, beraten. Sie werden sehen, wie solche Volksfreunde, echte Volksfreunde, ihre Versammlungen halten und zu wirken suchen.«

»Ja … jawohl, es scheint mir doch, obwohl ich von diesen Sachen nichts verstehe«, sagte der Altertümler schläfrig, »daß mit dem bloßen Wirken einzelner für ihre Leute noch nichts für die Masse der übrigen, zahllosen Unglücklichen getan sei; und wenn der Staat sich auch der Arbeitslosen annimmt, so werden doch seine Mittel nicht ausreichen, da die Zahl derselben, wie es heißt, so bedeutend anschwillt, – dagegen eine immer kleinere Zahl von Begüterten entsteht, und die Einnahmen des Staates wie seine Ausgaben für Heere, Beamte und hohe Herrschaften dieselben bleiben. So scheint es mir wenigstens«, sagte der kleine Mann, jetzt wirklich gähnend; »ich kann aber auch unrecht haben.«

Der Hofbesitzer sah ihn mit steigender Überraschung an und nahm einen Schluck aus seinem grünen Römer, um sich zur Antwort zu sammeln. Als er aber das Glas hinsetzte und sein Blick von ungefähr auf die Wand fiel, gewahrte er in dem dort hängenden Spiegel ein lächelndes Gesicht, dessen Augen mit keckem Spott auf ihn gerichtet waren. Eine leise Verlegenheit sprach sich auf dem Antlitz des Gutsherrn aus, und er ließ das Gespräch fallen, das an diesem Tage auch nicht wieder aufgenommen wurde. Die Anwesenheit des so leise und unbemerkt Hereingetretenen gab ihm am besten und natürlichsten Gelegenheit zu anderem Gespräch. Er legte sein volles, glänzendes Gesicht über die Stuhllehne zurück und rief:

»Ah! Sieh! … Bist du da, Max? – Der Verwalter oder vielmehr der Herr Professor sagte mir schon, daß du da seist. Du bist durch den Garten gekommen, nicht? Aber wo ist denn Lolo, die hat sich ja noch gar nicht sehen lassen?«

Der Student begrüßte seinen Onkel und befriedigte kurz seine Frage nach manchem Vergangenen und Fernen. Es lag aber noch immer der leise, kecke Spott, mit dem er das belauschte Gespräch gestört hatte, in seinen Blicken, und der Gutsherr schien trotz seiner teilnehmenden Neugierde unter diesen Blicken sich verlegen und befangen zu fühlen. Endlich stand der Altertümler auf, indem er nach Ruhe auf die Strapazen der Wanderung verlangte. Der Verwalter nahm den Gutsherrn hinaus, um ihm das Unglück des Knechtes mitzuteilen; der Student aber, der ihm einen Augenblick nachgesehen, drehte sich rasch um und ging durch den Hausflur nach der Hintertür, die in den Garten führte.

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