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Die Maikönigin

Ernst Dronke: Die Maikönigin - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/dronke/maikoeni/maikoeni.xml
typefiction
authorErnst Dronke
titleDie Maikönigin
booktitleDorfgeschichten aus dem Vormärz
publisherc. w. leske verlag
editorHartmut Kircher
year1981
firstpub1846
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120710
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1. Der Morgen im Walde.

O Maienzeit, o du rosige Zeit,
Wo die Erde sich schmücket in güldenem Kleid,
Es ruhen die Berge, die rauschenden Flüsse schäumen,
Die perlenden Blumen im Walde nicken in Morgenträumen,
Und im Busche singet mit süßem Schall
Von der Liebe Lust die Nachtigall.
        Juchhe!

O Maienzeit, o du rosige Zeit,
Wie wird dem Burschen das Herz so weit,
Zu ziehen, zu wandern mit freien, frischen Sinnen,
Wer bliebe da noch länger in den öden Mauern drinnen.
O du süßeste Jungfer Nachtigall,
Grüß meinen Schatz viel tausendmal,
        Ade!

Von der Höhe seines Kammes zieht sich das Gebirge in Kuppen und Tälern mehrere Meilen weit langsam abdachend hinab bis zu jenen Bergwänden, welche den Rhein einschließen. Diese Bergwände, so hoch sie auch erscheinen, bilden doch erst den Anfang des eigentlichen Gebirges. Wer vom Rhein aus, an den Schlot des Dampfbootes gelehnt, diese wilden, dunkeln Riesenhäupter betrachtet, die so trotzig gegen den Himmel emporragen, der malt sich gewiß in träumender Bewunderung das Bild aus, welches dort oben ein Blick in das weite, offene Land gewähren müsse; aber einmal auf diesen Höhen angelangt, sieht er mit Staunen die neuen, höher und höher aufsteigenden Gebirgszüge, deren grüne Eichenleiber mit den dunkeln Fichten- und Tannenkronen ihn immer weiter in die Ferne verlocken. Der Weg zieht sich fortwährend bergan, bald steiler, bald ebener. Manchmal verschwindet er dem Auge an der Ecke eines Hügels oder senkt sich auch auf eine kleine Strecke in eine Waldschlucht; aber in weiter Ferne sieht man ihn wieder, eine weiße Schlange, über die dunkeln Riesenkuppen schleichen. So geht es, wie gesagt, mehrere Meilen lang, bis man auf der Höhe des Gebirgskammes angelangt ist. Auch dort begrenzen wieder die rings zerstreuten Hügelreihen das Panorama der weiteren Umgegend; nur eine einzige Kuppe, die sich hoch und einsam von dem Rücken des Gebirges erhebt, verspricht noch dem Wanderer den letzten Ersatz für sein mühseliges Steigen. Auf dem Hauptweg, welchen die Fahrgleise der Bauernwagen zeichnen, zieht gleichförmig das Alltagsleben an dieser stolzen Kuppe vorüber, aber ein schmaler, in dem Schatten der Eichen und Buchen halbversteckter Fußsteig, den der müde Wanderer trotzdem nicht scheuen möge, führt grade und steil hinauf nach der freien Höhe. Dort findet dein Leib Ersatz in einer erquickenden Rast an dem Stamm der bemoosten, hundertjährigen Eiche, während dein Geist weidet in reichem, schwelgerischem Genuß; dort siehst du ein Bild, so unermeßlich, so zauberreich, wie es nur die Natur dir malen kann. Da liegt es unter dir hingestreckt, das helle gesegnete Land, weit, weit hinaus, soweit der trunkene Blick nur schweifen kann, unter dir all die blauen, duftigen Höhen, die dunkeln Täler und Schluchten, die grünen Matten, aus denen vereinzelt ein weißes Meiergehöft oder das Gold einer Kirchturmspitze dir in der Sonne entgegenblitzt, und weit, weit in der Ferne, dort wo der blaue Himmel mit dem Horizont der Berge ineinander schwimmt, dort, siehst du? – ein dünner, silberner Streif, der aus den Bergen heraustritt und dann wieder hinter ihnen verschwindet, – das, das ist der Rhein, der von diesen ewig jungen Höhen nicht ohne den letzten, grüßenden Sehnsuchtsblick scheiden will. So hoch, so frei stehst du hier über dem Treiben der Menschen! Rings um dich her nur die große, herrliche Natur, verklärt von der Ruhe des schaffenden Glücks; kein fremder Ton, der ihr tiefes, seliges Schweigen durchbricht, nur das Summen der Käfer, der Sang der Vögel und das heimliche Weben in dem Laub der Bäume flüstert zu dir, und auch in dein Herz zieht dieser Frieden ein: – denn hier siehst du nur Glück und Seligkeit, hierher dringt nicht der Egoismus der Krämerwelt, hier hörst du nicht den Schrei aus jenen Stätten, wo der Mensch die Not und den Jammer hineintrug, jenen Schrei, der die Welt durchzittert und in ihren Grundfesten erbeben macht!

Auf diesem Berge war es. Die tiefste Ruhe lag noch auf der schlummernden Erde. Graue Dämmerung beschattete die Weite, die Waldkuppen in Nähe und Ferne träumten dichtverhüllt in der Decke des Nebels, kein Luftzug unterbrach die fromme, heilige Stille. Gleich einem schlafenden Kinde lag die stumme Natur in ihrem reinen Frühlingskleide da. Jetzt zuckte ein Leuchten an dem östlichen Horizont auf. Eine leichte, durchsichtige Röte wurde dort sichtbar, die den weißen Nebel verklärte und das Dunkel des Himmels allgemach weiter erhellte, und zugleich flog ein Hauch wie der Atemzug eines vom Traum Erwachenden über die Berge. Die hohen Bäume schauerten auf, ihre Äste reckend und die frischen Häupter schüttelnd; die Vögel, die droben im Laub saßen, zogen ihre Köpfchen aus den Flügeln, durch deren Federn der leise Stoß des Weckers geweht war, bliesen die Federn dichter auf und schauten sich langsam um: Es begann lichter und immer weiter hin Tag zu werden. Den fernen Osten säumte schon hoch der funkelnde Purpur des Morgengoldes, und droben, grade in der Höhe, blaute der helle Himmel, von fliegenden roten Wolkenstreifen durchzogen. Nur in den Tälern kämpften noch die geballten Nebel miteinander, und am westlichen Himmel zitterte ein bleicher, versinkender Stern. Und allmählich begann es jetzt auch lebendig zu werden in den erwachenden Räumen. An dem Stamm der hundertjährigen Buche, wo das dunkle Moos der einen Seite seltsam gegen die silbergraue Rinde der andern abstach, lief behend und schweigend ein schwarzköpfiges Vögelchen hinauf und pickte mit seinem langen, spitzen Schnabel sein Futter aus den geborstenen Ritzen; oben im Laub erscholl ein Zwitschern und Rufen wild durcheinander, dem unten im Tal und noch weiter in der Ferne Antwort gegeben wurde, und jetzt rauschte es eben in den Büschen, als ob eine leise, vorsichtige Hand die Zweige auseinanderbiege. In der Schlucht, die von der Höhe hier wieder hinunterführt und die eigentliche Aussicht in die weite Gegend eröffnet, zwischen den Baumstämmen und den grünen Hecken, trat ein Reh heraus. Einen Augenblick blieb es stehen und atmete das frische Wehen der Luft ein; dann setzte es in mutwilligen Sprüngen über die Steine der Schlucht, welche die fallenden Bergwasser losgerissen hatten, als wollte es die neugestärkte Kraft seiner zierlichen Läufe versuchen. Oben blieb es wieder stehen, mächtig atmend und mit seinen großen, klugen Augen hinausblickend in das unermeßliche Bild der Ferne; dann schritt es, das Haupt gebeugt, als ob es in dem Gras und den Waldkräutern suche, ein paarmal um die Buche, indem es sein weiches Fell an dem Moos des Stammes rieb und die Knöchel seiner schmalen Läufe in dem Tau der Gräser netzte. Fast schien es, als ob es sich hier noch einmal ein Lager bereiten wolle. Plötzlich aber hielt es an. Seine Nüstern öffneten sich weit, sein langer Hals reckte sich spähend vor, der halberhobene Vorderfuß senkte sich nicht auf den Boden. Einen Augenblick stand es so, unbeweglich. Dann kehrte es mit einem kurzen Sprung um, und mit zurückgeworfenem Kopf und vorgedrängter Brust flog es über die Büsche und verschwand in der entgegengesetzten Richtung des Waldes. Der Baumläufer, der sich an der Buche höher hinaufgemacht hatte, flog erschreckt von dannen, und auch oben im Laub schwiegen mit einem Mal die lauten Stimmen. Indem hörte man unten in der Richtung, von wo der Fußsteig auf die Höhe führte, eine helle, männliche Stimme, und die Töne eines fröhlichen Liedes zogen durch diese grünen Hallen. Die Sträucher, durch welche das fliehende Reh gesetzt, zitterten noch leise, als der Sänger schon auf der Höhe hier anlangte.

Der Angekommene warf ein Ränzchen, welches er auf dem Rücken trug, in den Rasen und ließ sich am Fuß der Buche nieder, wo er, ohne sein Lied zu unterbrechen, die leuchtenden Augen in die weite Fernsicht schweifen ließ. Die aufgehende Sonne vergoldete eben die Kuppe, und die Bäume rauschten, und ein Bächlein, das man zuvor nicht gehört, murmelte heimlich unter den Gräsern und Sträuchern. Der Gesang des Wanderers zog dazwischen hinaus auf dem Wehen des Morgens, das Rotkehlchen in dem wilden Fliederbusch begann erst schüchtern und vorsichtig, dann aber mit lautem Jubel einzufallen, und bald schmetterten oben wieder alle die lauten Konzertstimmen. In dem hellen Auge des Wanderers spiegelte sich das Bild der weiten blühenden Gegend, auf seinem Antlitz lag der Widerschein dieser heiligen Morgenfreude. Es war nichts Fremdartiges, nur eine einige Verklärung in dem Ganzen dieses Stillebens.

Der Wanderer öffnete nach einiger Zeit der Ruhe, noch immer singend, sein Ränzchen und zog aus demselben ein Frühstück, das er dann zu verzehren begann. In der Tiefe wurden abermals menschliche Stimmen laut, diesmal aber so lärmend, daß sie selbst das tausendstimmige Konzert in den Bäumen übertönten. Der Lärm kam von allen Seiten und näherte sich immer mehr, man konnte schon an dem Schaukeln der jungen Baumwipfel die Richtung der Ankommenden entdecken. Plötzlich brach denn auch ringsum aus allen Hecken ein Trupp Knaben wie eine wilde Herde hervor. Auf der Höhe angelangt, blieben sie stehen, und indem ihre Augen auf das weite Panorama der vor ihnen liegenden Gegend fielen, stießen sie wie auf Verabredung ein lautes, tobendes Geschrei aus. Einige Mützen flogen in die Luft und blieben in den Zweigen hängen; ein Teil der kleinen Bande stürzte vorwärts, um vorn auf dem Plateau den bessern Platz zum Lagern einzunehmen. Auf halbem Wege aber blieben sie wieder stehen; sie sahen ziemlich überrascht aus, als sie gewahrten, daß sie nicht allein waren. Die vordersten standen mitten im Lauf still, die übrigen drängten auf sie zu, einige Nachzügler kamen aus dem Walde gesprungen und sahen nicht ohne Mühe, indem sie sich auf die Zehen stellten, über die Schultern der ersten. Es hatte sich ein dichter, murmelnder Halbkreis aus dem zerstreuten, lärmenden Trupp gebildet, um den Fremden zu betrachten.

Indem kam ein Mann an, der der Hirt dieser wilden Herde zu sein schien. Ein wunderliches Geschöpf. Der dicke Kopf, der so tief und beinahe fest eingeschraubt in den Schultern saß, das spärliche und doch lang herabwallende Haar, auf welches eine Zeugmütze mit großem viereckigem Schirm gedrückt war, die Brille mit den riesigen Gläsern, die ein Dritteil des Gesichts bedeckte, ein langer, bis auf die Knöchel reichender Rock und ein, wie es schien, für den Notfall auf die ganze Gesellschaft berechneter ungeheurer Regenschirm, den der kleine Mann schleppte, gaben seiner Erscheinung einen höchst drolligen Anstrich. Der Pädagog, denn als solcher verriet sich der Kleine auf den ersten Blick, kam langsam die Höhe herauf, indem er sich auf den Regenschirm stützte, und rief schon von weitem mit einer dünnen, schrillen Stimme:

»Nun, Kinder, was schaut ihr da? Habt ihr etwa eine Eidechse gefangen?«

Ein höhnisches Gelächter der kleinen Bande war die ganze Antwort, welche zugleich über das Ansehen des Pädagogen Aufschluß gab. Der kleine Mann schien jedoch keinen Wert darauf zu legen, sondern trat mit ruhigem Gleichmut an sie heran. Der Anblick des Fremden an diesem Ort in der Frühe überraschte ihn auch.

»Guten Morgen, Herr!« sagte er, an den Baum tretend, wo der Wanderer saß, und zog die Kappe, unter welcher winterliche Streifen zwischen dem sorgfältig aufgesteckten Haar sichtbar wurden. »Guten Morgen! Sehr erfreut, einen Gesellschafter in dieser wundervollen Morgenstille zu finden; bewundern wahrscheinlich auch die prächtige Gegend. Ist ein herrlicher Genuß, das. Die Knaben haben Sie hoffentlich nicht gestört?«

Der junge Mann nahm bei dem Gruß des Pädagogen sein Mützchen ab, warf die dunkeln dichten Locken aus dem Gesicht und richtete seine hellen Augen auf den Fragenden.

»Sie sehen, ich lasse mich nicht stören«, sagte er, ruhig sein Frühstück weiter verzehrend.

In der Tat hatte er nur, als der tobende Lärm der ausgelassenen Schuljugend zuerst aus der Tiefe aufstieg, unwillkürlich nach seinem Wanderstock gegriffen; beim Anblick des ersten Vortrabs der Bande aber ließ er den Stock wieder fallen und sah unbekümmert vor sich hin. Der Pädagog pflanzte sich jetzt neben dem Sitzenden auf, indem er sich an seinen Regenschirm lehnte, den er in das Gras gebohrt hatte.

»Es ist wahrscheinlich auch Ihr Zweck, die schöne Jahreszeit zu einer Fußreise zu benutzen«, sagte er mit einem neugierigen Blick auf seinen unbekannten Nachbarn. Das Ränzchen des jungen Wanderers und sein weißleinener Staubkittel über dem kurzen Tuchrock konnten ihn dessen gewiß machen.

»Ja, die schöne Jahreszeit und noch andere Dinge haben mich hierher ins Land getrieben«, erwiderte der andere. »Wollen Sie vielleicht an meinem Frühstück teilnehmen? Ich habe zwar nichts mehr zu essen, aber ein Schluck Wein steht Ihnen zu Diensten.«

»Ich danke Ihnen, ich trinke niemals Wein«, sagte der kleine Mann mit komischem Ernst. »Ich kenne mich darin, ich werde leicht aufgeregt, da ich ohnedies lebhaftes Blut habe.«

Damit hing er seine Kappe auf den Regenschirm und setzte sich an die Seite des Wanderers.

»Ich bin mit den Knaben da auf einer kleinen Fußreise begriffen, wozu die Ferien uns die Veranlassung gaben«, fuhr er redselig fort. »Die Feiertage über wollen wir im Lande hier herumstreifen. Wenn Sie hier bekannt sind, können sie mir am besten Rat geben, wie ich die Zeit auf die Gegend verwende, um alles Merkwürdige zu besuchen und zu sehen.«

»Das Merkwürdigste ist wohl die Schönheit der Gegend selbst, sonst werden Sie wenig finden, was einen Forscher wie Sie, Herr Professor, interessieren könnte. Sie werden schwerlich Überreste aus der römischen und heidnischen Zeit entdecken, nur unter dem Volk …«

Der Pädagog hatte bei der Anrede »Professor« seinen Nachbarn zweifelhaft angesehen, jetzt aber fiel er ihm freudig ins Wort. Der Gedanke ließ nichts anderes in ihm aufkommen.

»Unter dem Volk, das ist's, was ich meine. Ich interessiere mich gerade fürs Volk. Sie glauben nicht, mit welchem Eifer, mit welcher Liebe ich schon mein ganzes Leben dem Volk zuwende!«

»So, da tun Sie wohl dran«, sagte der andere trocken. »Kennen Sie denn die Lage des Volkes wohl?«

»Die Lage, wieso? Ich kenne seine Mundarten auf Jahrhunderte zurück, ich habe mich dem Studium derselben fast ausschließlich gewidmet und habe manchen glücklichen Fund getan, manche bessere Variante in den bisher verbreiteten Volksliedern entdeckt. Meine Verdienste um diese Seite des Volks sind anerkannt, mein Freund.«

»Das Volk ist Ihrem edlen Streben zu Dank verpflichtet«, erwiderte sein Nachbar mit unveränderter Miene.

»Die Wissenschaft, mein Freund, die Männer der Wissenschaft haben mich anerkannt, Professor Lachmann Karl Lachmann (1793-1851), Altphilologe und Germanist. hat mich zitiert, Sie kennen Professor Lachmann in Berlin?« – »Nein.«

»Professor Lachmann ist eine Autorität in solchen Sachen, und wenn er sagt, daß ich Verdienste um das Volk habe trotz Simrock Karl Simrock (1802-1876), Germanist und Dichter… Sie kennen doch Simrock?«

»Nein«, lautete wieder die lakonische Antwort.

Der Pädagog hatte im Eifer bei der Ausführung seines Lieblingsgedankens vertraulich die Hand auf den Arm seines Nachbarn gelegt, jetzt aber zog er sie wieder zurück und betrachtete den jungen Wanderer mit starrer Verwunderung.

»Nun, es tut nichts«, sagte er dann gutmütig. »Ich wollte Ihnen das nur mitteilen, um Ihnen zu zeigen, daß mein Streben für das Volk wirklich kein eitles ist. Auch verknüpfe ich es bei dieser Reise mit meinem Vergnügen«, setzte er hinzu, indem er sich vorsichtig umsah, ob keiner der Knaben hinter ihm stehe. Diese aber hatten sich zum Teil in den Wald zerstreut, teils die Bäume erklettert, nur ein Häufchen von drei oder vier saß eine Strecke weit davon im Gras, den Rücken gegen ihn gewendet. »Ich mache nämlich mit den Knaben eigentlich eine Vergnügungsreise, deren Kosten sie natürlich zahlen müssen«, fuhr er leiser fort, »habe aber dabei die Absicht, mich im Volke nach seinen schönsten Elementen, den Liedern und Sagen, umzusehen, um so meinen Gönnern einen neuen Beweis meiner Tätigkeit und volkstümlichen Richtung zu geben. Seine Majestät, unser allergnädigster König Gemeint ist Friedrich Wilhelm IV., der von 1840 bis 1857 regierte. nämlich, die so viel bewundernswürdigen Sinn für die mittelaltrige Romantik hegen und so viele, schöne Teilnahme für demgemäße Entwicklung des Volks beweisen, haben mir zu meinem Gehalt eine Zulage von zweihundert Talern zu gewähren geruht, um mir mein Streben zu erleichtern. Eine Anerkennung …«

»Zweihundert Taler! Es wird doch viel für das Volk getan! Welches Opfer für die Staatskasse, zweihundert Taler von den Steuereinkünften der Untertanen wieder auf die historischen Denkmale des Volksgeistes zu verwenden!«

»Nicht wahr?« sagte der Pädagog, erfreut, daß der andere auf seinen Gedanken einging. »Ich sage Ihnen, unsere hohe Regierung tut viel in echter, richtiger Weise für das Volk. Und … sehen Sie … darum auch wäre es mir erwünscht, unter dem Volke in dieser Gegend meine Ausbeute machen zu können …«

»Ausbeute, jawohl«, sagte der andere ruhig; »Sie machen ja in Volksartikeln; aber nur nach oben.«

Der Pädagog hörte oder verstand ihn nicht.

»Einige Volkslieder auf dieser Reise einzufangen«, fuhr er wie im Selbstgespräch fort, »welches Glück, welcher Triumph! Ich jage ihnen nach, wo es immer sei, und eine Ahnung sagt mir, daß der Erfolg diesmal meine Erwartungen übertreffen wird. Ich höre, ich träume nichts als Volkslieder. Vorhin hörte ich unten im Tale ganz deutlich eine ferne, helle Stimme eine einfache, echt volkstümliche Melodie singen, ohne daß ich mir sagen konnte, woher sie kam; ich glaube, es war nur ein Spiel meiner Phantasie, aber ich hörte es ganz deutlich.«

Sein Nachbar sah ihn bei diesen Worten mit mutwilligem Lächeln an und sang statt aller Antwort eine Strophe seines Liedes.

»O Maienzeit, o du rosige Zeit,
Wie wird dem Burschen das Herz so weit,
Zu ziehen, zu wandern mit freien, frischen Sinnen,
Wer bliebe da noch länger in den öden Mauern drinnen.
O du süßeste Jungfer Nachtigall,
Grüß meinen Schatz viel tausendmal,
        Ade!«

Die Töne schwebten durch die grünen Hallen, und der Scheidegruß des letzten Wortes zog lang und langsam hinaus in die offene, weite Ferne. Der Pädagog hatte dem Sänger starr in den Mund gesehen; jetzt, als sich derselbe erhob und lachend sein kleines, schwarzes Schnurrbärtchen strich, sprang er auf und rief:

»Das war's! Das war's! Und … gewiß Sie kennen noch mehrere! Sie werden mir sie mitteilen und mir beistehn …«

»Volkslieder zu suchen?« lachte der andere. »Ich selbst führe den Artikel nicht, aber wenn wir, wie es scheint, für eine Zeitlang Reisegefährten bleiben sollten, werde ich Sie vielleicht an die Quelle verweisen können.«

»An die Quelle von Volksliedern?« sagte der Pädagog, seinen Nachbarn zweifelhaft betrachtend. »Gedrucktes kann mir nichts nützen.«

»An die Quelle von Volksliedern, ich meine an Leute aus dem Volk.«

»Was … Sie! Sie kennen Leute mit Volksliedern … alte Leute, nicht wahr?« fragte der Kleine mit wiedererwachter Lebhaftigkeit. – »Alte und junge Leute … ob mit Volksliedern, weiß ich freilich nicht, wenigstens mit Liedern, die Sie nur im Munde des Volks finden.«

»Nun, wie sollten denn das andere sein? Lieder, die das Volk im Ausfluß seines frischen, gesunden Lebens macht, und in denen es seine Empfindungen, sein Freud und Leid, seine Erinnerungen an die vergangenen Zeiten bewahrt?« – »Wenn Sie das Volk kennten, Herr Professor Zitat, so würden Sie wissen, daß dasselbe bei seinem Leben wahrlich keine Anregung finden kann, Lieder auszuhecken. Die sogenannten Volkslieder sind vielmehr nur von Müßiggängern verfaßt und bei Gelegenheit von Kirchweihen, Hochzeiten, Jahrmärkten aufs Volk übergegangen, das dann im Laufe der Zeit aus manchem schlechten Poeten ein schönes sogenanntes Volkslied gemacht hat.«

Der Pädagog wollte seine Verwunderung ausdrücken, daß der Nachbar seinen Namen wisse; aber die letzte Bemerkung desselben ging ihm zu sehr ans Herz, als daß er sich nicht sogleich hätte darüber Luft machen sollen.

»Das muß ich am besten wissen! Ich studiere schon so lange die Volkselemente, um zu wissen, was volkstümlich ist. Ja, selbst meine Schulknaben da wissen das zu unterscheiden. Ich habe ihren jungen, lenksamen Geist auf diese wunderbaren, belehrenden, nährenden Plätze der Vergangenheit geführt, da ja auch unser erleuchtetes Gouvernement diese Richtung vorzugsweise gegen die Teilnahme an der Gegenwart begünstigt. Die Jungen sind mit Leib und Seele darauf eingegangen, sie haben mir alle möglichen Denkmale des Volksgeistes, die sie nur aufgabeln konnten, freilich öfter auch Unnützes, mit besonderem Eifer zugetragen, sie hängen an mir wie an keinem andern ihrer Lehrer, sie tun, was ich verlange, und würden durchs Feuer für mich gehen.«

»Indes vergessen sie, wie es scheint, auch die Befriedigung der modernen Gelüste nicht.«

Der Pädagog sah nach der Richtung, die ihm die Hand seines lächelnden Gefährten zeigte, und Schrecken, Abscheu und Verlegenheit spiegelten sich auf seinem Antlitz. Der kleine Haufe, welcher einige Schritte weiter den Rücken hierher gekehrt saß, bot ein unerwartetes Schauspiel. Die vier Knaben hatten eine Tabakspfeife angeraucht und dieselbe von Hand zu Hand gehen lassen, so daß jeder von ihnen seinen Anteil bekam. Der starke Geruch des Tabaks verflog in der frischen Morgenluft, aber die Gesichter der Knaben bewiesen, daß sie das ungewohnte Vergnügen nicht ganz bewältigen konnten. Vielleicht war der Tabak von solchem, der nur im Freien auf hohen Bergen geraucht werden kann; kurz, den jungen Anfängern perlte nachgerade der Schweiß auf der Stirn, und ihre bleichen Gesichter verrieten, daß ihr Mut zu wanken begann.

Der Pädagog schritt langsam auf den Trupp zu. Es schien, als ob er in seiner verletzten Autorität durch eine besondere Würde imponieren wolle, eigentlich aber war er nur in Ungewißheit, wie er die Sache anfangen sollte. Er trat schweigend vor die Schuldigen hin und betrachtete sie mit ernstem Ausdrucke, ohne ein Wort zu sagen. Der Knabe, der eben die Pfeife bekommen und dessen Mienen am meisten angegriffen schienen, benutzte diesen Moment, um die Pfeife fallen zu lassen. Der Professor sah ihn fortwährend sprachlos an; hatte aber auch der Knabe den Mut zum Rauchen verloren, so hatte er doch noch den Mut zum Trotzen. Er sah seine Kameraden an und begann erst leise und dann im Chor mit ihnen laut aufzulachen.

»Was ist das?« sagte der Professor, indem er mit einer Bewegung der Hand, die zugleich den Befehl des Aufhebens ausdrückte, auf die glühende Tabakasche im Gras zeigte.

Die Knaben, statt aller Antwort, sahen sich wieder untereinander an, indem sie ein bei ihren Gefühlen nur gezwungenes Gelächter ausstießen. »Was soll es sein?« sagte der ertappte Schuldige. »Tabakasche, sehen Sie das nicht?«

Der Pädagog aber kehrte sich nicht an den Übermut, da ihn die steigende Blässe des kleinen Bengels eines andern belehrte. Er hob den Tatbestand des Verbrechens auf und betrachtete ihn. Plötzlich verschwand die ernste Würde aus seinen Mienen, und er lief zu seinem jungen Gefährten zurück.

»Sehen Sie«, rief er triumphierend aus. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, welche Begeisterung für die Volkslieder ich in diesen jungen Seelen angefacht? Sogar in dem Augenblick, wo sie auf das Schändlichste die Gesetze der guten Gewohnheit und Sitte überschreiten, können sie diesen Sinn nicht verleugnen. Da sehen Sie!« Und der kleine Mann streckte die aufgefangene Pfeife zu ihm empor und zeigte auf den weißen Kopf, der in jämmerlicher Schrift einen Spruch darbot:

»Der junge Bursch von echtem Korn,
Was fragt er viel nach Rat von Tor'n,
Er freut sich sehr
Hinter der Stadtmauer,
        Bei einer Pfeif Tobak!«

Der junge Wanderer konnte ein Lachen nicht unterdrücken, aber die bleichen Gesichter und der schwankende Gang der jungen Verbrecher gaben ihm Veranlassung, davon abzubrechen und den Pädagogen zum Weiterziehen zu ermahnen. Es dauerte aber noch eine geraume Zeit, bis der kleine Mann seine kleine Herde zusammengetrommelt hatte. Einige saßen auf den Bäumen und schnitten ihm Gesichter, als er ihnen befahl, herunterzusteigen. Andere hatten sich im Wald zerstreut und waren so wenig aufzufinden, daß auch die nach ihnen ausgesandten ausblieben. Der junge Wandersmann, der sein Ränzchen schon aufgenommen hatte, legte es wieder nieder, indem er den Professor mit seinen hellen Augen mutwillig anlächelte. Dann aber versuchte er selbst ein Mittel, die junge Bande herbeizuholen, welches auch bald bessere Folgen hatte. Er hatte den wenigen zurückgebliebenen Knaben ein Wort ins Ohr geflüstert, worauf diese jauchzend in den Wald sprangen und bald mit einzelnen der Entflohenen zurückkehrten. Währenddessen standen die beiden auf der Höhe, und der Professor, der jetzt wieder Muße fand, sich mit seinem Nachbarn zu beschäftigen, fragte, indem er ihn mit stolzer Sicherheit betrachtete:

»Sie nannten vorhin meinen Namen; kannten Sie mich schon früher?«

»Nein, Herr Doktor Zitat«, sagte der andere lächelnd; »ich sah Sie heute zum ersten Mal.«

»Sie haben vielleicht in einem Journal oder Konversationslexikon eine Schilderung über mich gelesen, woraus Sie mich wiedererkannten?« fragte der kleine Mann ruhig mit der echten Eitelkeit eines Gelehrten.

»Nein, Herr Professor«, sagte der andere wieder, »ich lese weder unsere langweiligen Journale noch die Konversationslexika, die ihre Lücken mit Lügen ausfüllen.«

»Nun! Woher kennen Sie mich? Wer sind Sie denn?« sagte der Pädagog offenbar überrascht.

»Woher ich Sie kenne?« lachte der andere. »Das vermuten Sie nicht. Ich erkannte Sie allerdings aus Schilderungen, aber nur aus mündlichen. Einer Ihrer früheren Schüler, mit dem ich zusammen studierte, hat uns zuweilen abends auf der Kneipe von Ihnen unterhalten. Sie sehen, Ihr Ruf und Name pflanzt sich auch durch Traditionen fort.«

Der Pädagog nahm eine sehr kalte, gemessene Miene an.

»So! Ich hätte mir das denken können«, sagte er stolz. »Sie sind also Student … wie heißen Sie denn?«

»Wie ich heiße? … hm, ich denke, das kann Ihnen gleichgültig sein. In der Tat weiß ich auch kaum selbst, ob ich meinen Namen mit Recht noch führen kann.«

»Wie!« schrie der kleine Mann, »Sie wissen nicht, wie Sie heißen?« Der Student lachte bei diesem Ausruf des Schreckens von neuem in mutwilliger Weise laut auf.

»Ja, Herr Professor«, sagte er endlich, »es kommt darauf an, welche Nachrichten mir von Hause werden. Ich bin nämlich nicht wie Sie auf einer Ferienreise, sondern auf einer unfreiwilligen Wanderschaft begriffen. Man hat mich von der Universität, wie man so sagt, gemaßregelt.«

»Relegiert!« sagte der Professor, einen Schritt zurücktretend, »sprechen Sie es nur aus, junger Mann!«

»Nein, nicht relegiert«, sagte der andere. »Die väterliche Weisheit unseres Senats hat mir nur das Bürgerrecht aufgekündigt und den guten Rat gegeben, mich vier Meilen im Umkreis nicht blicken zu lassen. Und das alles bloß deshalb, weil ich einen von Soldaten gemißhandelten Kameraden blutend auf der Gasse fand und zum Beistand desselben ›Burschen heraus‹ rief.«

»Ah!« rief der Professor, »Sie haben ›Bursch heraus‹ gerufen!«

Der Student trat dem Professor, der zurückwich und ihn durch seine große Brille mit würdevollem Ernst betrachtete, einen Schritt näher.

»Ja … das habe ich getan«, sagte er geheimnisvoll; »aber es haben das auch vor mir andere gerufen, und nicht jedermann weiß, daß selbst Herr Professor Zitat diesen fürchterlichen Ausruf gebraucht hatte.«

»Ich!« schrie der kleine Mann zurückspringend, »Herr! Sind Sie verrückt?«

»Hören Sie, Herr Professor«, erwiderte der andere mit unverändertem Ernst, »ich will Ihrem Gedächtnisse zu Hilfe kommen. Erinnern Sie sich noch, wie ein paar Ihrer Schüler in der Unterrichtsstunde mit Knallerbsen nach Ihnen warfen und sich der verdienten Strafe durch die Flucht aus dem Schulzimmer entzogen? Damals, Herr Professor, setzten Sie den Schuldigen nach, die sich in den Hof flüchteten und an einem gewissen Orte daselbst, dessen Tür sie hinter sich zuzogen, verbargen. Sie, Herr Professor, rüttelten an der Tür des famosen Verschlags, und als die kleinen Schlingel all ihre Kraft zum Widerstand aufboten, riefen Sie in gerechtem Zorn: ›Burschen heraus, Burschen heraus!‹«

Der Pädagog hatte beim Anfang dieser Rückerinnerung die Augen weit geöffnet; jetzt aber zog er die Augenbrauen zusammen und sagte mit drolligem Zorn:

»Das ist ein schlechter Spaß, mein Herr, ich hatte eine bessere Meinung von Ihnen gefaßt! Es tut mir leid, drum gehen Sie westwärts, ich will ostwärts gehen.«

»Wie können Sie den schlechten Spaß so übelnehmen«, sagte der Student mit anscheinender Reue, indem er die Augen niederschlug. »Ich hätte so sehr gewünscht, Sie in dieser Gegend auf einige Elemente des Volks aufmerksam zu machen, die bis jetzt den Forschungen entgangen zu sein scheinen. Da ich hier in der Nähe so gut wie zu Hause bin, Verwandte und Bekannte habe, so hätte es mich stolz gemacht, wenn Sie unsere Gegend durch Entdeckung einiger Volkslieder und Volkssagen bekanntgemacht hätten.«

»Das ist etwas anderes«, sagte der kleine Mann; »ich bin nicht unversöhnlich, und diese Äußerung gibt mir die frühere gute Meinung von Ihnen zurück. Sie sind also gewiß, mir in der Entdeckung von Volksliedern behilflich sein zu können?«

»Ich hoffe es«, sagte der Student feierlich. »Wir werden nach der Mittagszeit an einem Ort ankommen, wo mein Onkel eine Besitzung hat. Ich gedenke, die Feiertage dort zuzubringen, und wenn Sie wollen, können Sie von dort Ihre weiteren Ausflüge machen. Sie werden an meinem Onkel einen gastfreien Mann finden, und die Bekanntschaft kann Ihren Untersuchungen von Vorteil sein: Sie können von dieser Höhe dort drüben hinter jenen fernen Hügeln den Kirchturm des Ortes sehen.«

Der Pädagog faßte seinen Nachbarn vertraulich unter den Arm, während er der angedeuteten Richtung folgte.

»Ich wollte in dieser Gegend die Eltern einiger meiner Knaben besuchen«, sagte er gutmütig; »ich nehme daher Ihren Vorschlag an, der mich nicht weiter von meinem eigentlichen Plan abzieht. Ich werde von dem Gute Ihres Onkels aus die Besuche in der Umgegend machen.«

Der Student versicherte ihn mit großer Artigkeit der Freude, die es ihm mache, mit dem gelehrten Manne zusammenbleiben zu können und drang darauf, nunmehr zum Aufbruch zu schreiten. Der Professor setzte sein Käppchen wieder auf und zog den Regenschirm aus dem weichen Boden; der Student warf sein Ränzchen über den Rücken, schwang seinen Stock in der Luft und rief in die grünen Hallen hinaus:

»Nun heran, ihr Jungens! Wir wollen einmal sehen, wer zuerst unten am Wege angekommen sein wird!«

Der kleine Trupp hatte sich eben ganz zusammengefunden; auf diesen Ausruf stürzte er laut schreiend die Höhe wieder hinunter und war im Augenblicke hinter den zitternden Sträuchern und Bäumen verschwunden. Der Professor sah sich im Augenblick allein.

»Diese Tollköpfe!« murmelte er für sich hin; »ich muß eilen, ihnen nachzukommen, sonst hat sie am Ende dieser Brausewind entführt.«

Mit diesen Worten schritt er langsam, mit seinem Regenschirm den glatten Boden sondierend, zwischen den hohen Buchen den Fußsteig hinab. Er hatte nicht bemerkt, wie es hinter ihm seltsam in den Büschen rauschte und ein Weib auf die Höhe trat, welches neugierig und vorsichtig nach dem unten verhallenden Lärm der Knaben lauschte. Als es stiller wurde, und sie sich allein glaubte, schritt sie wieder in die Büsche bis zu einem großen Waldschlag, wo sie von einigen gefällten Weißbuchen die jungen Reiser abschnitt und sammelte. Es war eine tiefe, heilige Stille auf diesem Platz. Nur aus der Ferne hörte man das Schlagen der Drossel, und aus einer hohen, weitästigen Eiche, die mitten auf dem Räume stand, fiel zuweilen kleines Laub, welches der Sprung eines Eichhörnchens abgelöst hatte. Und doch hörte das Weib in dieser Stille das Nahen eines Schrittes nicht, welcher aus dem Moos des Waldes herüber nach diesem Raum kam. Sie hatte ein starkes Häuflein von Reisern schon gesammelt und neben sich aufgehäuft; aber die Hast und Heimlichkeit ihrer Beschäftigung schützte sie nicht vor Beobachtung. Ein Mann mit einer Flinte auf dem Rücken und einer Jagdtasche an der Seite seines grünen, schmutzigen Kittels war aus den Büschen getreten und näherte sich jetzt langsam und vorsichtig dem Weibe. Diese letztere stand eben gebückt über den Zweigen eines gefällten Baumes und bemühte sich, noch einige Reiser abzureißen. Ihr Äußeres drückte die tiefste, traurigste Armut aus. Ihr grober, wollener Anzug war zerrissen und verschiedenfarbig geflickt, ihre nackten Füße schienen nach der Gleichgültigkeit, mit der sie die spitzen Gräser und Reiser betrat, nicht sehr an Bekleidung gewöhnt zu sein; ein Tuch verhüllte den Kopf, und ein anderes, altes, armseliges war um Hals und Brust geschlungen. Der Mann rückte seine Kappe etwas höher und blickte über das Laub des gefällten Baumes hinüber; als er aber trotzdem ihr Gesicht nicht erkennen konnte, trat er plötzlich mit raschem Schritt hervor. Das Weib ließ im Schrecken ihre Reiser fallen und fuhr auf.

»Was macht Ihr da, Holzdiebin, he?« rief der Mann, indem er sie an der Schulter packte. »Reiser zu Besen stehlen, nicht wahr? … Habt Ihr einen Schein, daß Ihr hier sammeln dürft?«

Die Frau warf einen blöden Blick auf den Sprecher und sagte dann mürrisch, indem sie sich aus der Hand des andern zu befreien suchte:

»Nun, man wird doch wohl die Reiser suchen dürfen, wo man sie findet. Wachsen sie etwa nicht für alle? … Wovon sollen die armen Leute sonst noch leben – he? – Gehört das wohl auch dem reichen Pack?«

Der Mann hielt seine Hand fester auf die Schulter des Weibes.

»Also du hast keinen Schein, he? – und die Reiser hast du doch zum Besenbinden holen wollen!« rief der Waldwärter.

»Und wenn ich mir Besen daraus hätte machen wollen«, schrie das Weib, »was geht's Ihn an? – Gibt Er mir etwa sonst zu leben?«

»Ins Hundeloch will ich dich bringen, großmäulige Hexe … denkst du, mit deiner Frechheit bei mir loszukommen? – Einen Schein hast du nicht, Holz hat sie hier zusammengestohlen, also marsch! Nur noch ein freches Wort, und du sollst meine Hundspeitsche fühlen!«

Dabei griff er mit der rechten Hand seitwärts in die Waidtasche, aus der er eine geflochtene Lederpeitsche zog, während er mit der linken Hand die Frau fester bei der Schulter hielt.

»Au! au!« wimmerte das Weib, plötzlich den Ton ändernd. »Mein Arm! Mein Arm! … Lassen Sie mich doch los, Herr Franz! Was habe ich Ihnen denn getan, Herr Franz? Um die

lumpigen paar Reiser werden Sie eine arme Frau doch nicht ins Unglück bringen. Es wird einem doch, weiß Gott, sauer genug, durch den Verkauf der Besen sein Brot zu verdienen.«

Der Waldwärter schüttelte die Peitsche in seiner Hand, um sie auseinanderzurollen; da ihm dies aber nicht gleich gelang und er das Weib nicht loslassen wollte, gab er ihr mit dem dicken, kurzen Stiel der Peitsche einen schallenden Schlag über den Rücken.

»He! wirst du jetzt gehen?« rief er auf das laute Klagen des Weibes. »Ich will dir die Frechheiten gegen einen Beamten vertreiben!«

»Ach, Herr Franz«, weinte das Weib; »haben Sie doch Mitleid. Ich habe ja nicht gewußt, daß man keine Reiser hier suchen dürfe. Wenn der Wald den vornehmen Leuten gehört, so können sie den Armen doch die paar Reiser lassen. Sie holen sie ja doch nicht selbst.«

Statt aller Antwort schüttelte der Waldwärter heftig an seiner Peitsche.

»Haben Sie doch Erbarmen, Herr Franz!« rief das Weib bei dieser Bewegung, heftiger weinend, und ihr Auge, dessen stumpfer Ausdruck ihren Blödsinn aussprach, folgte ängstlich den Bewegungen des Mannes. »Haben Sie doch Mitleid, Herr Franz! Ach Gott, Herr Franz …!« Aber der Waldwärter hatte in diesem Augenblicke das Ende der Peitsche gelöst und schwang sie zu einem neuen Schlage, das Weib stieß einen wilden Schrei aus und entriß sich mit einer heftigen Bewegung seinen Händen. Die Peitsche fuhr ihr klatschend über den Kopf, da sie einen Schritt weit eben entsprungen war. Aber diesmal schrie und klagte sie nicht, sondern floh in wilder Hast in den Wald. Der Waldwärter folgte ihr mit einem grimmigen Fluche, aber seine Peitsche erreichte die Fliehende nicht, und sein Rufen schien dem Weibe nur größere Schnelligkeit zu verleihen. Er war nur wenige Schritte hinter ihr und blieb ihr ziemlich gleichmäßig auf dem Fuße. Das Weib flog über die Anhöhe, welche die frühen Wanderer zuvor verlassen. Einen Augenblick schien es, als ob der Verfolger beim Aufsteigen des Weges sie einhole; aber das Weib sprang plötzlich seitwärts ab dem Tale zu. Der Peitschenschlag, zu dem der Verfolger beim Nahen eben wieder ausgeholt, fiel schallend an einem Baumstamm nieder, – dann ein heftiger Fluch, ein Fall und das Donnern eines Schusses in dem Widerhall der Höhen war das Werk eines Momentes. Der Waldwärter war bei einer plötzlichen Wendung über eine Baumwurzel gestolpert, und beim Fall hatte sich die Flinte entladen. In wildem Ingrimm raffte er sich auf und untersuchte das Gewehr; als er es unversehrt fand, folgte er der Richtung, in welcher die Fliehende entkommen war. Einige Blutstropfen, die frisch in dem Moos perlten, ließen ihn vermuten, daß das Schrot sein Opfer getroffen habe, und die Hoffnung, das Weib zu erhaschen, beflügelte wieder seinen Lauf.

Das leichte Wölkchen des Pulverdampfes wirbelte noch langsam durch das junge Laub, und sein Schatten zitterte im Sonnenschein auf dem grünen Boden. Auf der Höhe lag wieder die tiefe Ruhe des Morgens. Die Sonne erhellte das weite Bild der Ferne, die Bäume rauschten und die heimliche Quelle murmelte, und die Drossel, die bei dem Schuß erschreckt davongeflogen, begann wieder in der Ferne zu schlagen. Das Echo auf den Höhen verstummte, und die lauten Stimmen in dem Laub der Eichen und Buchen wurden nach den Unterbrechungen fremder Störnis von neuem lebendig.

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