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Die Maikönigin

Ernst Dronke: Die Maikönigin - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/dronke/maikoeni/maikoeni.xml
typefiction
authorErnst Dronke
titleDie Maikönigin
booktitleDorfgeschichten aus dem Vormärz
publisherc. w. leske verlag
editorHartmut Kircher
year1981
firstpub1846
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120710
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10. Die Nacht und ihre Gesellen.

»Es sitzt auf seinem Dache
Im roten Kleid die Rache.« –

Die Dämmerung war dem tieferen Dunkel des Abends gewichen. Im Dorf war es still, nur in der Ferne schlugen die Hunde an, und vom oberen Ende des Dorfes hallten die Töne der Musik, welche im Wirtshaus spielte. Einer der Knechte hatte Herrn Stempel gemeldet, daß er bei der Rückkehr vom Tanz den Waldwärter in verdächtiger Weise um das Haus habe schleichen sehen. Der Gutsherr schickte mehrere Leute aus und sah selbst in den Ställen und auf dem Hofe nach; da aber nirgends weder von dem Waldwärter noch in anderer Weise etwas Verdachterweckendes bemerkt wurde, so glaubte man, daß der Waldbeamte wohl nur zufällig, vielleicht zu einem weiteren Gang, vorübergekommen sei, und Herr Stempel begab sich nach seinem Gemach. Bald darauf wurde das äußere Hoftor geschlossen, und die Knechte und Mägde gingen ebenfalls zur Ruhe. Die Musik im Wirtshaus tönte noch eine Zeitlang durch die Stille der Nacht; bald aber hörte man auf den Gassen die singenden, lauten Stimmen der heimkehrenden Dorfbewohner, und es wurde ringsum stiller und stiller. Das Herrenhaus lag stumm und dunkel mit seinen großen Umrissen da; nur aus einem der Fenster, die nach dem Garten gingen, schimmerte ein mattes Licht. –

Lolo hatte den Rest des Tages in banger Trauer auf ihrem Zimmer zugebracht. Ihr Vater hatte ihrem Ansuchen wegen des Wagens nicht willfahrt, indem er vorgab, daß die Pferde anderweitig gebraucht würden, und sie hatte sich still und schweigend in das Geschick finden müssen, allein, in der Einsamkeit ihres Herzens der entflohenen Liebe nachzuweinen. Jetzt saß sie bei dem matten Dämmerschein ihrer Lampe auf ihrem Lager und starrte trostlos vor sich hin. Ihre schönen langen Haare waren aufgegangen und flössen in dichten Wellen über Hals und Schultern; ihre Händchen waren gefaltet wie zum Gebet, und ihre Lippen bewegten sich hin und wieder unter den leis hinausziehenden Träumen ihres vollen Herzens. Anne hatte sich nicht zurückweisen lassen, sondern sich in demselben Zimmer unweit des Fräuleins niedergelegt, und ihr tiefer, ruhiger Atem bewies die Festigkeit ihres Schlummers. Lolo blickte mit schmerzlichem Lächeln nach ihr hin und sank dann zurück, indem sie ihr bleiches Gesicht in die Kissen drückte. Die Gewalt ihrer Gefühle überkam sie wieder mit ihrer ganzen Macht, und aus dem Schluchzen und leisen Aufzucken ihrer Stimme klang nur verstohlen und krampfhaft manchmal der Name des entfernten Geliebten. Aber Max hörte sie nicht, sondern seufzte und weinte gleich ihr in der Ferne um sie. Die Ermattung des Körpers siegte zuletzt über die Unruhe ihrer Seele, und allmählich sank auch in dies Gemach des Leides die tiefe Stille der Nacht. Die Lampe flackerte trüber auf; dann, als die Flamme an dem trocknen Docht keine Nahrung fand, erstarb sie ganz. –

Es war um Mitternacht, als die Gestalt eines Mannes sich über die Gartenmauer schwang und langsam und vorsichtig dem Herrenhaus zuschlich. In der weiten Umgegend war kein Laut mehr zu hören, der Schlaf lag über der ganzen Gegend. Der Fremde blickte einen Augenblick nach den Fenstern des dunklen Gebäudes; es war alles ruhig, nur das Geräusch seiner leisen Schritte knisterte über den Kies des Weges. Als der Eindringling an den Mauern des Hauses vorüberschlich, konnte man an dem tiefen Atemholen die Aufregung seiner Brust gewahren. Seine Augen glänzten in düsterem Feuer, während er die dunkle Nacht zu durchforschen suchte, und seine Hand zitterte, als er sich weitertastete und jeden Augenblick vorsichtig lauschend wieder stehenblieb.

Der Hofraum war von dem Garten an der Seite des Herrenhauses durch einen niedrigen, schmalen Bretterzaun getrennt, so daß die Mägde vom Hof aus nicht erst durch das Haus mußten, wenn sie im Garten etwas zu holen hatten. Der Fremde überstieg jetzt diese Umzäunung und wandte sich nach der Seitenmauer des Hauses, wo einige Stufen zum Keller hinabführten. Die Tür an demselben war mit einem großen Schloß wohl verwahrt, und der Fremde versuchte längere Zeit seine Kraft vergebens daran. Zuletzt zog er ein kurzes Messer aus seiner Tasche, dessen Klinge er zwischen die Seiten des Schlosses einzwängte, um die Fügungen desselben auseinander zu treiben. Das Eisen knarrte und widerstand lange der kräftigen Hand des Angreifers, aber allmählich fühlte er doch, wie es sich immer mehr bog, und jetzt endlich konnte er in das Gewerk eingreifen und die schließende Feder erfassen. Während er sie zurückschob und zugleich das Gehäuse am Henkel niederdrückte, fiel es mit leisem Ton zu Boden. Einen Augenblick stand der Mann regungslos und lauschte, ob das verursachte Geräusch niemanden herbeizöge. Aber es blieb ringsum still wie vorher. Nunmehr hob er die eiserne Klammer, an welcher das Schloß gehangen, aus dem Ring, öffnete leise die Tür und schritt die Stufen hinunter. Zwei oder drei Stufen tiefer blieb er noch einmal stehen, um zu lauschen; dann, als es noch immer ruhig blieb, lehnte er die Tür hinter sich zu. Dichte Finsternis umgab ihn ringsum. Nunmehr zog er ein kleines Feuerzeug aus der Tasche und strich es über die Mauer, deren dunkles Gestein plötzlich von den Streifen des Phosphors erhellt wurde. Dann zündete er an dem brennenden Holz ein kleines Talglicht an und schritt hinunter in die Tiefe des Kellers.

In dem hohen Gewölbe lagen die Fässer voll Spiritus und Branntwein, welche der Gutsherr aus seiner Brennerei zog. Die langen Reihen auf ihren Lagerhölzern blickten gleichsam verwundert und drohend dem Eindringling stumm und grau entgegen, der langsam, vorsichtig das Licht in der erhobenen Hand haltend, an ihnen vorüberschritt. An der entgegengesetzten Seite befand sich eine andere Treppe mit hölzernem Geländer und hölzerner Tür, welche aus dem Inneren des Hauses hierher führte. Nach dieser Treppe richtete der Fremde seine Schritte. Er befestigte sein Licht an das Geländer, nahm dann eins der kleineren Fässer und schleppte es die Stufen hinauf bis an die Holztür, wo er es hinstellte und den Spund auszog. Die klare Flüssigkeit strömte an den Reifen des Fasses herunter über die Treppe; der Mann trat rasch zurück, nahm sein Licht und öffnete darauf noch in hastiger Eile die Spunde mehrerer dort liegender größerer Fässer. Der Inhalt derselben füllte geräuschlos den Boden des Kellers, und der Strom folgte den schnellen Schritten des Fremden auf dem Fuße nach. An der Treppe, auf Welcher er hereingekommen, blieb er auf der ersten Stufe stehen. Sein Körper bückte sich nieder, und seine Hand hielt das Licht an den flüssigen Brennstoff, den er entfesselt hatte. Die aufschießende Flamme schlug an ihm empor und sengte ihm Kleider und Haare. In einem Nu war das ganze Gewölbe von einem einzigen blauen Feuer erhellt, und die Flamme leckte bereits jene innere Treppe ab, an deren Tür der Fremde das erste, kleinere Faß aufgestellt hatte. Mit einem Sprung war der Brandstifter die Stufen hinauf, zog die Tür hinter sich zu und verschwand auf dem Wege, den er gekommen. Auf der Gartenmauer blieb er einen Augenblick sitzen und blickte mit teuflischer Freude zurück nach dem Ort des Unheils, von wo ein heller Widerschein ihn bereits von dem Gelingen seines Planes vergewisserte.

Die Nacht war ruhig und still; kein Geräusch verriet Leben in dem weiten Umkreise. Jetzt schlugen die hellen Flammen aus den untern Fenstern des Herrenhauses, und ein Knistern und Prasseln verriet das Umsichgreifen des Feuers. An der Seite des Hauses, dem Durchgang des Gartens zu, stand ein Stall, dessen morsches Dach bald von den ausbrechenden Flammen ergriffen wurde, und der dröhnende Fall eines Balkens und das ängstliche Brüllen des Viehes weckte zuerst einige Knechte.

»Feuer! – Feuer!« erscholl jetzt der laute, ängstliche Ruf durch die Stille des Dorfes. Die erschrockenen Bauern stürzten aus ihren Hütten auf die Gasse, wo ihnen der helle Schein der lohenden Glut plötzlich und grell in die schlaftrunkenen Augen fiel. Die dunkelrote Flamme von dem Dach des Stalles und aus den untern Fenstern des Herrenhauses erhellte weithin die nächtliche Dunkelheit, und die Rauchwolken wälzten sich dicht und grade in schwarzen Massen durch die lautlose Luft. Nur aus dem Innern des Hausflurs, von der Seite des Kellers, schoß das glänzende, weißblaue Licht der brennenden Spirituosen Stoffe zwischen den übrigen Flammen hindurch. Der Hofraum füllte sich mit den ratlosen Bauern und Arbeitern, die mehrere Momente lang in die furchtbare Verheerung blickten, ohne zu wissen, wie sie dem Elemente Trotz bieten sollten. Endlich erschien eine kleine Spritze, die einzige, welche das Dorf besaß. Aber es war keine Hoffnung, mit den geringen Kräften der tobenden Wut des Elementes Einhalt gebieten zu können. Jetzt galt es nur noch, einen Teil vor dem Umsichgreifen der Flammen zu schützen und das Leben der Inwohner zu retten. Die lauten, rufenden Stimmen des Volkshaufens mußten ihnen allen die Nähe der Gefahr kundgetan haben, wenn es nicht das Geräusch der allmählich weitergreifenden Verheerung schon getan hatte, – oder wenn es nicht bereits zu spät war.

Der Gutsherr war bei dem ersten Lärm der Knechte aufgesprungen. Als er ans Fenster trat und den hellen Widerschein über der ganzen Umgegend gewahrte, sprang er entsetzt in leichter Bekleidung durch das Fenster in den Garten hinab. Der Verwalter hatte sich durch das Erdgeschoß ebenfalls noch gerettet; die Knechte und Mägde kamen aus ihren Kammern, die teilweise in den Nebengebäuden lagen, herbei. Von allen Inwohnern des Gehöfts fehlten nur zwei: die Tochter des Gutsherrn und ihre Milchschwester, die arme Anne.

Herr Stempel rannte mit dem Verwalter nach dem Hof und ließ die Dorfspritze nach dem Garten bringen. Auf dem Gesicht des verhärteten Mannes malte sich jetzt die Angst und das Entsetzen, und er blickte in verzweifelnder Ratlosigkeit nach den Fenstern hinauf, wo sein Kind lag. Über die Treppe nach ihrem Zimmer zu gelangen, war nicht mehr möglich, denn im Innern des Hauses wütete das Feuer in ungehemmter, entfesselter Macht. Jetzt wurde die Spritze vom Garten aus nach den Fenstern des obern Stocks gerichtet. Eine der Jalousien war halb geöffnet, und man konnte eine weiße Gestalt erkennen, die an der Fensterbrüstung niedergesunken war; das Geschrei der unten Versammelten vermochte indes die Ohnmächtige nicht zu erwecken, und ein leichter Rauch, welcher aus dem Fenster aufwirbelte, zeigte, wie groß die Gefahr und wie schnell die Hilfe nötig war. Die Löschanstalten begannen ihr Werk; der Wasserstrahl rauschte und schoß unaufhörlich durch das halbgeöffnete Fenster, dessen Scheiben er zertrümmert hatte, in das Gemach, und der trostlose Vater sandte Knecht auf Knecht nach Leitern zur Rettung.

Lolo war nach der Ermattung, welche das Leid des Herzens auf ihren Körper ausgeübt hatte, in einen tiefen, festen Schlummer gesunken. Sie träumte vielleicht von ihrem fernen Geliebten, und nur das schmerzliche Aufzucken ihres Herzens verriet, daß auch noch im Traum die Unruhe und Wehmut ihrer Seele sie nicht verlassen habe. Ein lauter, durchdringender Schrei ließ sie erwachen, und ihre langsam aufblickenden Augen sahen Annen, welche das Rufen der Leute und ein brandiger Geruch im Gemach vom Lager aufgerissen hatte, am Fenster beim Öffnen der Jalousien niedersinken. Der Schreck jagte sie empor, aber sie hatte nicht die Kraft mehr, das Fenster zu erreichen. Der dichte Qualm umnebelte ihre Sinne und erstickte den Hilferuf auf ihren Lippen; mit einem kurzen, wimmernden Laut sank sie vor ihrem Bett zu Boden. Die Bogen des Wasserstrahls, welche ins Zimmer schössen, brachten sie zuerst wieder zur Besinnung; sie fühlte, wie trotz der rauschenden Wassermassen der Boden heißer und heißer unter ihr wurde und durch die Ritze der Tür der Rauch dichter und dichter hereinquoll. Mühsam suchte sie sich nach dem Fenster zu schleppen, aber die Kraft verließ sie noch einmal und in ohnmächtiger Angst sank sie zusammen.

In diesem Augenblick waren unten die Knechte mit einer Leiter angekommen und legten sie nach der Anordnung des bangen Vaters an das Fenster an. Ein Knecht bestieg eben die ersten Sprossen, als ein Weib den Haufen zerteilte, den Mann von der Leiter zog und mit der Behendigkeit einer Katze hinauflief. Die überraschten Dorfbewohner sahen der blödsinnigen Susanne mit bangem, tiefem Schweigen nach, und die Spritze hielt einen Augenblick in ihren Bemühungen inne. Die Blödsinnige schwang sich in das Fenster und nahm die weiße Gestalt, die ihr hier zunächst lag, leicht wie ein Spielwerk in ihren Arm. Schon hatte sie den Fuß wieder auf die Fensterbrüstung gesetzt, als sie plötzlich die Ohnmächtige wieder losließ und tiefer in das Gemach verschwand. Die kurze Bewegung hatte die unten Harrenden in der Gestalt der Ohnmächtigen die arme Anne, die Tochter der Blödsinnigen, erkennen lassen; aber sie hatten kaum Zeit, über das seltsame Verfahren der Mutter sich aufzuhalten, als Susanne auch wieder in dem Fenster erschien. In ihrem Arm trug sie gleich einem Kinde das bewußtlose Fräulein. Der Vater ließ bei diesem Anblick einen Ruf der Freude ertönen, und die Blödsinnige trat mit ihrer Last sicher in langsamen Schritten die Leiter herunter. In diesem Augenblick wurde auch das ganze Gemach von einem glänzenden Lichtmeer erhellt, und das Feuer, welches sich durch die unterbrochene Tätigkeit des Löschapparates nicht mehr gehemmt sah, ergriff die ringsum stehenden Gegenstände. Ein Schrei des Entsetzens flog aus aller Munde, als sie Annen noch immer leblos am Fenster liegen und das Feuer sich ihr nähern sahen. Die Spritze begann mit erneuter Macht ihr Werk. Aber es war nunmehr keine Hilfe gegen das wachsende Element mehr möglich, und Anne war verloren, wenn ihr nicht schnelle Rettung von diesem Ort des Verderbens zuteil wurde. Die blödsinnige Mutter war von der letzten Sprosse gestiegen und legte ihre gerettete Last einige Schritte weiter in das Gras, indem sie sich bemühte, die Bewußtlose ins Leben zurückzurufen; um das Weitere bekümmerte sie sich nicht. Der Gutsherr kniete ebenfalls an der Seite seiner Tochter nieder und suchte sie mit freudigen Gefühlen wieder aufzurichten. Da faßte sich einer der Knechte ein Herz und stieg, während die Spritze unablässig über sein Haupt hin und an seinen Schultern vorüber die Wasserbogen in das Gemach sandte, hinauf, um die arme Verlassene zu holen. Es gelang ihm schwer und mühsam, trotz seiner angestrengten Kraft, aber es gelang doch. Es war in der Tat die letzte höchste Zeit, denn kaum war er mit ihr auf der Erde angekommen, als auch der Boden des Zimmers mit donnerndem Geprassel drinnen zusammenstürzte. Eine dunkle, lohende Glut schoß nunmehr an den Trümmern empor, und aus allen Enden des Daches loderten die Flammen auf.

Die Spritze schwieg. An Unterdrückung des rasenden Elements war nicht mehr zu denken; konnten sie doch von Glück sagen, daß sie die gefährdeten Menschenleben soweit gerettet hatten. Lolo erholte sich bald in den Armen ihres Vaters und unter den tätigen Händen der Blödsinnigen. Als sie aber wie aus einem bangen Traum in die hellen Flammen des Gebäudes starrte und wenige Schritte von sich die Gruppe um die leblose Anne erblickte, raffte sie sich auf und stürzte an die Seite der geopferten Armen.

»Anne! – Anne! – Du!« stieß sie schluchzend heraus, indem sie die Hände der schrecklich Verstümmelten ergriff.

Sie beugte sich über die Leblose nieder und blickte lange und bewegt in das bleiche, von Brandwunden entstellte Gesicht der Sterbenden, deren leises, stöhnendes Atmen das baldige Ende ihres Kampfes verriet. Ihr Herz war voll von den schmerzlichen Empfindungen, welche die Erinnerung an das ganze Lehen und Ende dieses Opfers der Armut in ihr hervorrief. Die alte Blödsinnige stand gleichmütig dahinter; nur die Freude über die gelungene Rettung des Fräuleins blickte aus ihren stolz aufleuchtenden Augen, die unverwandt an derselben hingen.

Der Gutsherr, dessen Angst sich nunmehr zufriedengegeben, sah düster in die aufsteigenden Flammen, welche sein stolzes Gebäude in Schutt und Asche legten. Seine Gefühle waren bereits wieder einzig und allein auf die materielle Seite dieses Ereignisses gerichtet; seine Tochter und das unglückliche Opfer beschäftigten ihn nicht mehr. Er hatte seine gewohnte Umsicht wiedergefunden und einen reitenden Knecht nach der nächsten Gutsherrschaft gesandt, dem er dann später mit seiner Tochter zu Wagen folgen wollte, um für die nächste Zeit ein standesgemäßes Unterkommen zu finden. Die Spritze war auf seine Anordnung wieder beschäftigt, die übrigen Ställe und Nebengebäude vor dem Weitergreifen des Feuers zu sichern. Während er so dastand und in tiefem Groll mit dem Geschick haderte, welches ihm nach so langen glücklichen Jahren diesen Schlag versetzte, weckte ihn plötzlich ein lautes, gellendes Gelächter aus seinen Träumen. Als er sich umsah, gewahrte er den Waldwärter Franz, der oben auf der Anhöhe des Gartens in der Tempelhalle stand. Die Flammen warfen ihr helles Licht auf seine hohe Gestalt in dem kurzen Waidrock, die gespenstisch in dieser Beleuchtung aus dem dunkeln Hintergrunde hervortrat, und der entsetzte Gutsherr konnte die boshafte, triumphierende Freude befriedigter Rache in seinen Zügen erkennen. Der eine Arm war drohend erhoben, der andere schwenkte das Gewehr, während sein wildes Lachen durch die Lüfte gellte.

»Mein Wort! – mein Wort! – Ich hab es dir gelöst!« rief er herüber. »Ich habe das Leben meiner Mutter und mein Leben gerächt! Sieh! – Sieh in die Flammen, welche deine zusammengeraubte Habe verzehren, sie sind mein Werk; – ich habe dich zum Bettler gemacht!«

»Fangt ihn! – Bringt mir ihn lebendig!« schrie der Gutsherr mit dem Fuße stampfend, während einige der Bauern der Anhöhe zuliefen.

Aber es war zu spät. Ein neues, höhnisches Gelächter antwortete ihm, dann hallte ein Schuß durch die nächtliche Stille. Als die Bauern die Anhöhe erreichten, fanden sie den Waldwärter in seinem Blute schwimmend. Die Kugel war ihm mitten durchs Herz gegangen und hatte seinem Leben auf der Stelle ein Ende gemacht.

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