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Die Maikönigin

Ernst Dronke: Die Maikönigin - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/dronke/maikoeni/maikoeni.xml
typefiction
authorErnst Dronke
titleDie Maikönigin
booktitleDorfgeschichten aus dem Vormärz
publisherc. w. leske verlag
editorHartmut Kircher
year1981
firstpub1846
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120710
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9. Scheiden und Meiden.

Und hat dir Gott ein Lieb beschert,
Und hältst du sie recht innig wert
        Die Deine:
Es wird nur wenig Zeit vergehn,
So wirst du doppelt einsam stehn,
        Dann weine, ja weine!

Lolo stand in ihrem Zimmer, nachdem sie sich auf die Festlichkeiten des vorigen Tages eine längere Ruhe gegönnt hatte. Die Sonnenstrahlen blickten durch die halbgeschlossenen Jalousien und webten spielend durch das trauliche Zwielicht des Gemaches. Durch das geöffnete Fenster zog von draußen die frische Morgenluft.

Lolo hatte sich in einen weiten Morgenmantel gehüllt, über den in langen, dichten Wogen ihr aufgelöstes Haar fiel. Vor ihr auf dem Sofa lag weinend die arme Anne. Das Fräulein war bemüht, sie zu trösten und ihr, soviel sie konnte, den Vorwurf auszureden, welchen sich Anne selbst machte.

»Gewiß, es wäre nicht so gekommen«, weinte die Tochter der Blödsinnigen, »wäre ich bei ihm gewesen. Ich hätte ihm helfen und beistehen können; aber so kam ich zu spät, wo er elend, verlassen und hilflos in seinem fürchterlichen Zustande liegengeblieben war.«

»Aber deine Mutter?« fragte Lolo sanft; »war deine Mutter nicht bei ihm? Was kannst du dafür?«

»Meine Mutter war hierhergegangen, um Sie bei der Rückkehr vom Fest zu sehen, Fräulein«, erwiderte die Arbeiterin leise. »Sie war auch nach dem Vorfall nicht von der Stelle zu bringen.«

Lolo seufzte tief und setzte sich neben Annen, indem sie ihren Arm um die Schultern derselben legte und sie liebreich tröstete.

»Beruhige dich, armes Kind! Du hast dir keinen Vorwurf zu machen; und ist es nicht die Bestimmung aller zu sterben? Sei nicht so trostlos in deinem Schmerz, sieh, dein Leid steckt mich selber an. Ich möchte dir gerne helfen, aber ist so etwas zu ändern?«

»Ich weiß, ich weiß«, erwiderte die Arme, indem sie zu dem Fräulein aufsah, in dessen Wimpern zwei Tränen hingen; »ich weiß, Sie sind gut und möchten mir helfen, aber was kann man dem Schmerze wohl für Trost geben?«

»Teilnahme, mein armes Kind; Teilnahme lindert ihn, und wahrlich, ich nehme teil an deinem Leid. Es tut dem Herzen immer wohl, Mitgefühl zu finden und sich einem anderen Herzen ausschütten zu können. Warum hast du dich mir gestern abend nicht entdeckt, ich würde bei dir geblieben sein und dich beruhigt haben. Du warst so schnell von dem Feste verschwunden, und als ich nach Hause zurückkehrte, hattest du dich bereits niedergelegt. Ich war an deinem Bett, aber du schienst zu schlafen.«

»Ich wollte Ihre Freude nicht stören«, entgegnete das arme Mädchen; »und als ich Sie kommen hörte, drückte ich mein Gesicht in die Kissen, um Ihnen meine Tränen zu verbergen.«

Lolo stand auf und machte einen Gang durchs Zimmer, während ihr Herz in widerstrebenden Gefühlen heftiger klopfte. Sie suchte die Arme immer von neuem und vergebens zu trösten und zu beruhigen, und die beiden Mädchen blieben lange, lange in dieser Weise zusammen, ohne darauf zu achten, wie die Sonne höher stieg und der Morgen weiterrückte. Spät erst wurden sie durch ein Klopfen aus ihrem traurigen Zusammensein aufgestört. Es war der Gutsbesitzer, der nach seiner Tochter rief, weil der Pädagog abziehe und sich ihr empfehlen wolle; nachher hätte er selbst noch etwas mit ihr zu sprechen, rief er von draußen.

»Komm, beruhige dich, armes, treues Herz!« sagte Lolo, indem sie Annen sanft aufrichtete und ihre eignen Tränen auf das Haar der Arbeiterin fielen. »Komm, wir wollen uns ankleiden und den Nachmittag allein in den Wald gehen; dein Schmerz wird ruhiger da draußen werden, und heute abend bleibst du bei mir in meinem Gemach. Ich will nur auf einen Augenblick hinunter zu meinem Vater.«

»Und … und … was der Anton zuletzt noch sagte«, rief die Arbeiterin lebhaft, indem sie ihr tränenfeuchtes Gesicht erhob, mit heimlich aufschluchzender Stimme, »ich soll Ihren Vater warnen … vom Wald sprach er dabei … ich weiß es nicht, ich konnte ihn nicht mehr verstehen!«

»Was wird es sein«, erwiderte Lolo sanft, »das Fieber … aber ich will es meinem Vater sagen, wenn es dich beruhigt, du arme, treue Seele. Komm, trockne deine Tränen, ich will mich ankleiden und hinuntergehen zu dem Fremden.« –

Der Pädagog wandelte unterdessen mit Max im Garten umher, während die Knaben sich auf dem Hof zum Auszug rüsteten. Der Professor erzählte seinem jungen Freunde, daß er den Rückweg über zwei andere benachbarte Gutsherrschaften nehmen und auf einer derselben den folgenden Abend übernachten wolle; dann aber werde er ungesäumt nach Hause zurückkehren, wohin ihn jetzt seine Berufspflicht rufe. Der junge Mann, der zum öfteren nach den Fenstern seiner Cousine geblickt hatte, nahm jetzt, als der Pädagog nicht länger mehr harren wollte, herzlichen Abschied von dem Kleinen und versprach, wenn er durch die Stadt käme, bei ihm vorzusprechen. Nachdem der Altertümler darauf auch dem Gutsherrn Lebewohl gesagt und von diesem wiederholt auf den Herbst und das nächste Jahr eingeladen worden war, trat er in den Hof, wo er eine kurze Anrede an die Knaben hielt, welche mit einem wilden Geschrei derselben aufgenommen wurde. Dann zog der ganze Trupp fort durch das Dorf.

Max hatte sich in die Tempelhalle auf dem Gartenhügel gestellt und sah, wie draußen auf dem Felde der Pädagog noch einmal nach dem gastfreien Hause sich umwandte. Der Student winkte ihm mit seinem weißen Taschentuch zu, dem eine ähnliche Begrüßung von Seiten des kleinen Altertümlers folgte; die Knaben schwenkten und warfen ihre Mützen in die Luft, und der frische Morgenwind trug ein dumpfes wirres Stimmengebraus herüber.

»Diese tolle Brut!« sagte der Student für sich. »Wie sie dem kleinen Mann zu schaffen machen, es ist ein Greuel. Aber dieser ehrwürdige Herr setzt sich darüber hinweg, und das ist das Beste, was er tun kann; die Jugend macht den Leuten immer zu schaffen, und wenn sie größer werden, werden sie anderen zu schaffen machen.«

Als er sich umwandte, um ins Haus zurückzukehren, sah er den Gutsherrn eben die Anhöhe herauf auf sich zukommen. Er blieb einen Augenblick stehen und erstaunte leise bei sich über die ernste Amtsmiene, in die sich das Gesicht seines Onkels gekleidet hatte. Sein Erstaunen aber wuchs, als er bemerkte, daß diese imponierende Würde auf ihn selbst gezielt war.

»Es ist gut, daß ich dich treffe«, begann der Gutsherr mit ungewöhnlichem Ernst; »ich habe mit dir zu sprechen, und es ist besser hier, wo wir allein sind.«

Über das offene Antlitz des Studenten flog ein ruhiges Lächeln, während er erwartungsvoll und schweigend seinen Onkel ansah.

»Ich habe heute morgen einen Brief in betreff deiner erhalten«, fuhr der würdige Herr fort; »du errätst ohne Zweifel, weshalb?«

»Ich wüßte nicht«, – erwiderte der andere ruhig; »wie kann ich vermuten, welche Korrespondenzen du über mich führst?«

»Korrespondenzen über dich?« entgegnete der Onkel mit Spott. »Ich glaube nicht, daß das nötig wäre, wenn man es auch beabsichtigen sollte; die Nachrichten erhält man ja amtlich.«

Diesmal war es an dem Studenten, verlegen zu werden, und eine leise Röte stieg auf seinem Gesicht auf.

»Aha! Meldet sich das böse Gewissen endlich?« sagte der Onkel mit lächelndem Hohn. »Jetzt fällt es dem jungen Herrn wohl nicht ein, den Klugen über Dinge zu spielen, die ihn nichts angehen? Es wäre wohl, wie jetzt an den Tag kommt, überhaupt besser gewesen, wenn er sich mehr mit seinen Studien beschäftigt hätte, um derentwillen ihn sein Vater auf die Hochschule schickte.«

»Das böse Gewissen?« entgegnete der Student ruhig; »ich bin mir nichts Bösen bewußt. Willst du mir nicht mitteilen, was du mir zu sagen hast?«

»So, nichts Bösen bewußt?« sagte der Onkel. »Ist es etwa nicht wahr, daß der junge Herr von der Universität weggejagt worden ist? Da lies, was mir dein Vater schreibt, der nicht einmal weiß, wo du dich aufhältst. Wenn du etwa bei mir wärst, schreibt er mir, solle ich dich fortweisen, damit er dich endlich wiederbekommt. Es wird ein fröhliches Wiedersehen sein!«

»Nun gut, so schicke mich fort, wenn du willst; ich mag dir nicht zur Last fallen. Was das Wegjagen von der Universität betrifft, so hat das seine Richtigkeit, und ich werde es vor Leuten die sich darum zu bekümmern haben, zu vertreten wissen; mein Verhältnis zu meinem Vater aber geht niemanden etwas an.«

»So recht … so recht«, rief der Gutsherr im Ärger über die Ruhe des andern; »ganz wie die Mutter, meine selige Schwester, welche die Erziehung des Bürschchens auf dem Gewissen hat. Die war auch schon im väterlichen Hause so einzig, so emanzipiert von allen Begriffen und Vorurteilen unseres armen Menschenverstandes. – Nun, sie hat auch ihre emanzipierte Rücksichtslosigkeit im späteren Leben gebüßt.«

»Onkel!« rief der Student auffahrend.

Der Gutsherr wendete verlegen und als ob er fühle, wie er zu weit gegangen, den Brief in seiner Hand um.

»Du wirst mir also den Gefallen tun und zu deinem Vater zurückkehren, da er mir das ans Herz legt.«

»Ich werde gehen, sobald es dir beliebt, morgen, noch heute … je eher, je besser«, sagte der Neffe stolz.

»Ich glaube auch, daß es am besten ist, so schnell wie möglich; dein Vater wird sich um dich ängstigen, da er nicht weiß, wo du bist!« sagte der Gutsherr wieder spöttisch. »Seit der Nachricht vom Universitätsamt hat er nichts von dir gehört, und was er von dort gehört hat, mag ihm nicht sonderlich zur Beruhigung dienen. Schwerlich wird er dich deshalb auf die Hochschule geschickt haben, damit du die Zeit beim Weine und Bier, bei guten Freunden und Dirnen zubrächtest. Und das scheint dein Leben dort gewesen zu sein.«

»Es gibt auch Leute, die sich für sehr anständig und honett halten und sich doch die Gesellschaft von Zechbrüdern und Dirnen, wenn auch in der Stille des Landlebens, suchen.«

Der Onkel sah den Studenten halb erschrocken und nachdenklich an; dann aber polterte er heftig heraus.

»Es wird noch ein schlechtes Ende mit dir nehmen«, rief er, den Brief in der Hand zerknitternd; »ich werde dich noch eines Tages durch deine Ansichten in großes Unglück gebracht sehen. Wahrhaftig, ich bin doch auch ein freisinniger Mann und will den Fortschritt, aber es muß auch eine Grenze haben. Und feinen Vater wirst du durch eine solche Zukunft notwendig zum äußersten zwingen, denn er wird sich als Beamter durch Duldung solchen Treibens in seiner Familie nicht selbst der Regierung verdächtig machen wollen. Überhaupt ist er noch viel zu nachsichtig gegen dich gewesen. Wenn er sich aber endlich von lossagt, was willst du dann anfangen? Dein mütterliches Vermögen ist unter den Händen deines Vaters, der nicht zu wirtschaften verstand, sehr zusammengeschmolzen; eine Stellung wirst du dir im Leben nie erwerben und also höchstens ein kümmerliches Dasein fristen.«

»Meine Zukunft geht in diesem Falle niemanden etwas an«, erwiderte Max stolz, indem er seinem Onkel kalt in die Augen sah. »Ich habe, wie ich glaube, doch so viel Kraft, um mir mein Auskommen selbst zu erwerben, und ich werde in solchem Falle wohl eher durch die Welt kommen als Leute, deren ganzes Verdienst in ihrem Geld und Eigentum besteht, und die, wenn man ihnen dies Geld nähme, nichts anzufangen wüßten.«

»Diese verächtlichen Geldleute, deren Geld und Erbe aber durch eine Heirat immer ein willkommener Fund sein würde, nicht wahr?«

Dem Studenten schoß eine dunkle Glut ins Antlitz, und er betrachtete seinen Onkel einen Augenblick fest und schweigend.

»Wenn ich wegen Lolo hierherkam, so geschah es um ihrer selbst willen, nicht aber unter dem Gedanken an ein Erbe, an welchem der Schweiß und das Blut von hundert verkümmerten Menschen hängt. Ich habe um so weniger daran gedacht, als ich ja die Weise des Vaters kannte.«

»Und was sollte denn das Scharwenzeln und Liebäugeln?« erwiderte der Gutsherr zornig. »Das Mädchen in der Umgegend ins Gerede bringen und ihm so bei anderen schaden, – nicht wahr? Das ist das humane Verfahren solcher Herren. Es ist nur gut, daß Lolo selbst so vernünftig ist und nach den Nachrichten, die wir heute bekommen, von dem jungen Herrn nichts mehr wissen will.«

»Es ist gut, – ja!« lächelte der Student bitter, »und ich werde fernerhin zu deinen Besorgnissen keine Veranlassung mehr geben. Meine Sachen sollen schnell gepackt sein, und ich werde in einer Stunde deinem Hause für alle Zukunft den Rücken gekehrt haben.«

Damit drehte er sich, ohne auf seinen Onkel noch einen Blick zu werfen, um und ging den Hügel hinunter nach dem Hause zu. Der Gutsherr folgte ihm langsam. Als er ins Haus trat, begab er sich nach dem Zimmer seiner Tochter, um diese ebenfalls ins Gebet zu nehmen. Die Tür war jedoch verschlossen und Lolo mit Annen bereits ausgegangen. Der Gutsherr, welcher verhindern wollte, daß sich das Mädchen mit ihrem Vetter vor seinem Abschied noch bespreche, fragte eine der Mägde nach ihr und hörte, daß sie einen entgegengesetzten Weg nach dem Walde eingeschlagen habe. So war er beruhigt und wandelte im Hofe auf und nieder, um das Weggehen des Studenten zu erwarten. Max hatte unterdessen sein Ränzchen gepackt. Aber er wollte nicht scheiden, ohne noch einmal von Lolo Abschied genommen zu haben. Leise schlich er an ihre Tür und klopfte. Drinnen glaubte er ein Geräusch zu hören, in der Tat aber war es nur das Wehen des Windes, welcher die Gardinen bewegte.

»Lolo!« rief er leise mit weicher Stimme, als er keine Antwort erhielt. »Lolo, willst du nicht aufmachen und mir Lebewohl sagen?«

Aber es blieb alles still. Max lauschte und rief sie immer wieder, leise, mit ihren süßesten Namen. Kein Laut, keine Bewegung antwortete ihm. Dann erhob er sich stolz mit heimlichem Zorn, indem er eine Träne zwischen den Wimpern zerdrückte.

»Es ist also wahr, sie will nichts von mir wissen«, grollte er bitter in sich hinein; »sie gönnt mir nicht einmal den letzten Abschied, und um solcher Lapperei willen! Nun, es ist gut … es ist gut so; ich hätte das voraus wissen können. Das Blut verleugnet sich ja nicht.«

Er dachte nicht an ihre Liebe, an die tausend und tausend kleinen Beweise ihrer Zärtlichkeit, die sie ihm gegeben; er sah in seinem Zürnen nur dies einzige bange Leid, welches sie seinem Herzen jetzt zufügte, und klagte sie auf das eine hin an. So ungerecht, so egoistisch ist die Liebe. Aber als er sein Ränzchen von seinem Zimmer geholt und hinunter wollte, vermochte er es doch nicht, so an ihrer Tür vorbeizugehen. Noch einmal blieb er stehen und rief sie leise und sanft und bat, ihm doch Wenigstens die Hand aus der Tür zu reichen, und die hellen Tränen rollten ihm bei jedem Worte über die Wangen. Aber es blieb still und stumm wie zuvor, und mit bitterem Groll seine Tränen trocknend wandte er sich ab. Auf der Treppe begegne ihm der Verwalter, den er fragte, ob Lolo vielleicht ausgegangen sei; dieser aber hatte sie nicht gesehen und meinte, daß sie wohl noch auf ihrem Zimmer sein müsse, da sie bei der preise des Pädagogen noch nicht angekleidet gewesen wäre, Max ging schweigend hinunter. In dem Hof sah er seinen Onkel stehen, der ihn erwartete. Der junge Mann bezwang sich, indem er zu ihm trat und ihm zum Abschied die Hand reichte, und fragte noch einmal nach Lolo. Der Gutsherr antwortete, daß sie auf ihrem Zimmer sei. Der Student erwiderte weiter nichts und schritt durch das Hoftor das Dorf hinunter. Auf der Gasse begegneten ihm einige Bauersleute, die ihn kannten und ihm beim Anblick seiner Reiserüstung eine fröhliche Wanderschaft wünschten. Max dankte ihrem Gruß, indem er sich zu einer lächelnden Freundlichkeit zwang. Aber sein Herz war voll von den Gefühlen dieses Scheidens, welches das letzte sein sollte. Er ging langsamer und langsamer, und seine Schritte wurden kleiner, je weiter er das Dorf hinauskam. Draußen blieb er noch einmal lange stehen und blickte zurück. Das Herrenhaus, welches höher lag, ragte über die Hütten des Dorfes, und er konnte Lolos Fenster sehen. Die Jalousien waren noch geschlossen. Einmal glaubte er, eine weiße Gestalt dahinter zu sehen, aber wieder waren es nur die Gardinen gewesen, mit welchen der Wind durch das offene Fenster spielte. Kein Tüchlein wehte, kein letzter Abschiedsgruß der weißen Hand Lolos winkte heraus. Mit einem bangen, tiefen Seufzer kehrte sich dann der Scheidende um und wanderte seinen Weg fort.

Währenddessen war Lolo mit der armen, niedergebeugten Anne einen kürzeren Weg zur anderen Seite des Dorfes hinausgegangen. Die beiden Mädchen wandelten durch die grünen, lachenden Felder dem Walde zu, von dessen Bergesgipfel man einen weiten Blick über die ganze Gegend hatte. Lolo bemühte sich, die arme Arbeiterin zu trösten, deren Stimmung auch allmählich vor dem Glänze des herrlichen Morgens sanfter wurde. Unterwegs schweiften sie, im Walde angekommen, zwischen den hohen Bäumen umher, wo sie Sträuße suchten, und indem sie sich abwechselnd mehr oder minder voneinander entfernten, vereinigten sich ihre lauten Stimmen mit dem Gesang der Vögel und dem geheimnisvollen Rauschen der frischen Morgenlüfte in dem Laub des Waldes. So kamen sie später, als der gerade Weg sie geführt hätte, auf dem Berge an, wo sie sich in das Grün des Mooses niederließen.

»Sieh, wie schön es hier ist«, sagte Lolo, indem sie ihren Arm um die andere schlang. »Den Sommer über wollen wir, sooft es geht, am Morgen Ausflüge auf diese schönen Berge machen. Du wirst dich allmählich über das harte Geschick trösten, welches dich betroffen hat, und dich ruhiger in dein neues Leben finden.«

Die beiden Mädchen saßen lange hier unter den Bäumen, während ihre Blicke über das Bild der weiten Umgegend flogen. In dieser Ruhe, welche der Friede, der stille, fromme Ausdruck der Natur ihren Herzen und Mienen aufprägte, konnte man sie für zwei Schwestern halten, deren innige Zärtlichkeit sie in unschuldiger Freude hier vereinigte.

Plötzlich rief Anne aus, indem sie auf eine ferne, kaum erkennbare Gestalt zeigte, die langsam weit hinter dem Dorf den Fahrweg verfolgte:

»Sehen Sie, – dort! Fräulein, – auf dem Wege zieht ein Wanderer; fast sollte man ihn der Gestalt nach, soweit man es erkennen kann, für Ihren Vetter Max halten. Er hat weder den Gang noch das Ansehen eines der Dorfbewohner.«

»Wie sollte der jetzt dahin kommen?« sagte Lolo unruhig. »Du mußt dich täuschen; es läßt sich ja auch kaum mehr als die Gestalt selbst erkennen.«

Beide sahen eine Zeitlang stumm und forschend nach dem fernen Punkt; plötzlich aber stießen sie beide wie auf einen Moment einen Ausruf aus. Der Wanderer war in diesem Augenblick stehengeblieben und hatte ein Ränzchen, welches er auf dem Rücken trug, abgeworfen, um sich am Rand des Weges niederzulassen. Diese Bewegung ließ ihn den Mädchen einen Moment lang in deutlichen Umrissen erscheinen.

»Er ist es! – Es ist Max!« erscholl es zu gleicher Zeit aus beider Munde. »Aber was soll das bedeuten?« fügte Anne lebhafter hinzu; »er ist zur Abreise gerüstet; sollte er das Haus Ihres Vaters verlassen haben, ohne Ihnen etwas zu sagen?«

Lolo antwortete nicht. Sie war plötzlich von ihrem Sitz aufgesprungen und starrte einen Augenblick auf den fernen Punkt; dann aber rannte sie mit ängstlicher Hast den Berg hinunter nach jener Richtung zu. Anne folgte ihr mühsam.

»Fräulein, Fräulein! Ach mein Gott, es ist ja zu weit, Sie können ihn nicht erreichen«, rief sie ihr nach. »Ich will in das Dorf zurückkehren und nach ihm fragen. Sie können ja den Wagen anspannen lassen, um ihn sicherer einzuholen!«

Aber Lolo hörte nicht. Mit der Behendigkeit eines Rehes rannte sie den Berg hinunter zwischen den Bäumen und Sträuchern hindurch, welche die Zipfel ihres Kleides und ihre langen, wildflatternden Haarflechten streiften. Es war ein vergebliches Mühen, diese ängstliche Jagd um die verlorene Liebe. Bevor sie noch die Tiefe des Berges erreicht, sah sie den Wanderer von seiner kurzen Rast sich wieder erheben, sein Ränzchen über den Rücken werfen und seinen Weg weiter verfolgen. Erschöpft, mit hochfliegender Brust und vor Erregung leuchtenden Augen blieb sie einen Augenblick, an einen Baum gelehnt, stehen; dann aber erhob sie ihre Stimme zu einem bangen, lauten Ruf des geliebten Namens. Nur das Echo dieser Berge antwortete ihr, und der Ton ihrer Stimme verflog in dem Rauschen der Bäume. Der ferne Wanderer setzte seinen Weg gleichmütig fort, der Ruf jagte nur ein Vöglein auf, das erschrocken aus dem nächsten Busche von dannen flog. Lolo begann von neuem zu laufen, und ihre sanfte, weiche Stimme erhob sich nochmals und immer wieder zu dem wehmütigen, verzweifelnden Ruf ihres Herzens. Zuletzt, da sie sah, wie all ihre Mühe vergebens war, sank sie unter der Last ihrer Anstrengung ermattet zu Boden, und die Tränen stürzten mit gewaltsamer Heftigkeit aus ihren Augen. Anne erreichte sie keuchend und mit Mühe, und es war ein rührender Anblick, wie das arme Kind der Hütte, welches zuvor selbst noch so sehr des Trostes bedurfte, jetzt bei dem Ausbruch der trauernden Liebe niederkniete und den Schmerz derselben zu lindern suchte. Lolo erlag unter dem plötzlichen, ungemessenen Ausbruch ihres Leides; ihre Stimme schluchzte, während sie ihr Antlitz in den kleinen, weißen Händen verbarg, und ihr Herz zuckte unter dem Gram und Weh ihrer Liebe. So saß sie da in dem stillen, waldigen Grunde, ein blutendes Reh, das seine Wunde tief in die fernste Einsamkeit trägt.

»Komm, – komm!« rief sie dann plötzlich aufspringend, »wir wollen ins Dorf, wir wollen ihm nach, ich werde von meinem Vater die Wahrheit verlangen.«

Anne ließ sich von der bedrängten Hast der Liebenden fortziehen, und beide eilten dem Herrenhause zu, welches zwei Tage vorher noch so viel Glück in sich einschloß und jetzt der Herd der Trauer und tiefen, heimlichen Leides geworden war.

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