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Die Lilie im Tal

Honoré de Balzac: Die Lilie im Tal - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Lilie im Tal
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
addressLeipzig und Weimar
year1982
firstpub1910
translatorRené Schickele
editorEberhard Wesemann
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100703
modified20180315
projectid431663d8
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An den Comte Felix de Vandenesse

»Lieber Comte, Sie besitzen von der armen Madame de Mortsauf einen Brief, der, wie Sie sagen, nicht ohne Einfluß auf den Lauf Ihres Lebens gewesen ist, einen Brief, dem Sie das Glück Ihrer Laufbahn verdanken. Erlauben Sie mir, Ihre Erziehung zu Ende zu bringen. Um des Himmels willen, legen Sie eine abscheuliche Gewohnheit ab, machen Sie es nicht wie Witwen, die immerfort von ihrem ersten Manne reden und den zweiten mit den Tugenden des verstorbenen geißeln. Ich bin Französin, lieber Comte, ich möchte den Mann, den ich liebe, ganz heiraten und kann doch wirklich Madame de Mortsauf nicht mitheiraten. Nachdem ich Ihren Bericht mit der ganzen Aufmerksamkeit, die er verdient, gelesen habe – und Sie wissen, wie sehr ich mich für Sie interessiere –, will es mir scheinen, als hätten Sie Lady Dudley über die Maßen gelangweilt, als Sie ihr die Vollkommenheiten der Madame de Mortsauf vorführten, und anderseits, als hätten Sie der Comtesse unrecht getan, ihr alle Freuden Ihrer englischen Liebe nahezulegen. Mir gegenüber haben Sie es an Taktgefühl fehlen lassen; ich habe kein anderes Verdienst als das, Ihnen zu gefallen. Sie haben mir zu verstehen gegeben, daß ich Sie weder wie Henriette noch wie Arabella liebe; ich bekenne meine Unvollkommenheiten, ich bin mir ihrer bewußt, aber warum sie mich so erbarmungslos fühlen lassen? Wissen Sie, für wen ich das allergrößte Mitleid habe? Für die vierte Frau, die Sie lieben werden. Die wird notgedrungen gegen drei Rivalinnen zu kämpfen haben. Auch muß ich Sie in Ihrem eigenen wie der andern Damen Interesse vor der Gefahr Ihres Gedächtnisses warnen. Ich verzichte auf den mühsamen Ruhm, Sie zu lieben: es wären zu viele katholische und anglikanische Eigenschaften erforderlich – und es liegt mir wenig daran, mit Schatten zu kämpfen. Die Tugenden der Jungfrau von Clochegourde würden die keuscheste Frau zur Verzweiflung bringen, und Ihre unerschrockene Amazone entmutigt die kühnsten Glücksträume. Was sie auch tun mag, eine Frau wird nie hoffen dürfen, Ihnen so viele Genüsse zu bereiten, wie Ihr Ehrgeiz verlangt. Weder das Herz noch die Sinne werden je über Ihre Erinnerungen siegen. Sie haben vergessen, daß wir oft zusammen ausreiten. Ich habe der Sonne ihren warmen Glanz nicht wiederverleihen können, den sie beim Tod Ihrer heiligen Henriette verloren hat. Sie würden an meiner Seite frösteln. Mein Freund – denn mein Freund werden Sie immer sein –, hüten Sie sich, noch einmal solche Bekenntnisse abzulegen, die Ihre Ernüchterung zeigen, fremde Liebe entmutigen und eine Frau an sich selbst irremachen. Liebe, teurer Comte, lebt vom Vertrauen. Die Frau, die, ehe sie ein Wort sagt oder aufs Pferd steigt, sich fragen muß, ob die göttliche Henriette nicht schöner sprach, ob die Reiterin Arabella nicht mehr Anmut besaß –: diese Frau, glauben Sie mir, wird in den Beinen und mit der Zunge zittern. Sie haben mir den Wunsch eingegeben, einige Ihrer berauschenden Sträuße zu empfangen, aber leider winden Sie keine mehr. So gibt es eine Menge von Dingen, die Sie nicht mehr zu tun wagen, von Gedanken und Genüssen, die Ihnen nicht wieder blühen können. Keine Frau, bedenken Sie das, wird in Ihrem Herzen die Tote wegschaffen wollen, die Sie dort aufgebahrt haben. Sie bitten mich, Sie aus christlicher Barmherzigkeit zu lieben. Ich kann eine Unzahl von Dingen aus Barmherzigkeit tun, das will ich zugeben, alles, nur nicht lieben!

Sie sind manchmal langweilig und gelangweilt, Sie nennen Ihre Traurigkeit Melancholie. Das ist alles schön und gut; aber Sie sind unerträglich und bereiten der Frau, die Sie liebt, grausame Sorgen. Ich habe zu oft zwischen uns beiden das Grab der Heiligen gefühlt, ich bin mit mir zu Rate gegangen, ich kenne mich und möchte nicht wie sie sterben. Wenn Sie Lady Dudley, die eine ganz hervorragende Frau ist, ermüdet haben, so fürchte ich, die ich nicht halb so wild bin, daß ich noch schneller erkalten könnte. Also streichen wir das Wort ›Liebe‹ in unsern Beziehungen, da Sie nun einmal Liebesglück nur noch mit Toten genießen können. Wir bleiben Freunde, damit bin ich einverstanden. Wie ist es nur möglich, lieber Comte? Sie haben früh im Leben eine göttliche Frau gekannt, eine unübertreffliche Geliebte, die an Ihr Fortkommen dachte, die Sie trunken liebte, die nur Treue von Ihnen verlangte, und diese Frau haben Sie zu Tode gemartert! Wirklich, ich kann mir nichts Abscheulicheres denken. Unter all den glühenden und unglücklichen jungen Leuten, die ihren Ehrgeiz durch die Straßen von Paris schleppen, gibt es sicher nicht einen, der nicht zehn Jahre lang enthaltsam bliebe, um auch nur die Hälfte der Gunstbezeigungen zu erringen, die Sie nicht zu schätzen wußten. Wenn man so geliebt wird, wie kann man denn da noch mehr verlangen?

Arme Frau! Sie hat viel gelitten, und wenn Sie ein paar sentimentale Phrasen vorgebracht haben, glauben Sie mit ihrem Sarge versöhnt zu sein. Das ist wohl auch der Lohn, der meiner Liebe zu Ihnen beschieden wäre. Nein, ich danke, lieber Comte, ich will keine Rivalin, weder jenseits noch diesseits des Grabes. Wenn man solche Verbrechen auf dem Gewissen hat, tut man wenigstens gut daran, sie zu verschweigen. Ich habe eine unvorsichtige Bitte an Sie gerichtet, ich war in meinem Recht als Frau, als Evastochter. Ihre Sache war es, Ihre Antwort genau abzuwägen. Sie hätten mich belügen sollen, später hätte ich Ihnen dafür gedankt. Haben Sie denn nie die große Tugend des Don Juan verstanden? Fühlen Sie denn nicht, wie großmütig die sind, die uns schwören, daß sie nie geliebt haben, daß sie zum ersten Mal lieben? Ihr Programm ist undurchführbar. Gleichzeitig Madame de Mortsauf und Lady Dudley sein wollen – aber, lieber Freund, heißt das nicht: Wasser und Feuer vereinigen wollen? Wissen Sie denn gar nichts von den Frauen? Sie sind, was sie sind, sie müssen wohl die Fehler ihrer Vorzüge haben. Sie haben Lady Dudley zu früh kennengelernt, um sie schätzen zu können, und das Schlechte, was Sie ihr nachsagen, scheint mir nur eine Rache Ihrer verletzten Eitelkeit zu sein. Madame de Mortsauf haben Sie zu spät verstanden. Sie haben der einen vorgeworfen, daß sie nicht die andere sei; wie wird es erst mir ergehen, die ich weder die eine noch die andere bin?

Ich liebe Sie hinreichend, um ernstlich über Ihre Zukunft nachzudenken, denn ich habe Sie wirklich lieb, Sie Ritter von der traurigen Gestalt, Ihr Aussehen hat mich immer gefesselt! Ich glaubte an die Treue der Schwermütigen, aber ich wußte nicht, daß Sie bei Ihrem Eintritt ins Leben die schönste und tugendhafteste aller Frauen gemordet hatten. Nun, ich habe mir überlegt, was Ihnen zu tun übrigbliebe, und es reiflich erwogen. Ich glaube, lieber Freund, daß Sie irgendeine Madame Shandy heiraten sollten, die nichts von Liebe und Leidenschaft weiß, die sich weder um Lady Dudley noch um Madame de Mortsauf kümmerte und vollständig gleichgültig bliebe gegen Ihre Verstimmungen, die Sie Melancholie nennen – in dieser Verfassung sind Sie etwa so unterhaltend wie ein Landregen –, kurz, eine Frau, die für Sie die treffliche Barmherzige Schwester wäre, nach der Sie verlangen. Lieben, bei einem Worte erbeben, Glück erwarten können, es nehmen und geben, die tausend Stürme der Leidenschaft erfahren, die kleinen Eitelkeiten einer geliebten Frau zu Ihren eigenen machen, das alles gibt es für Sie nicht mehr, lieber Comte. Sie haben zu spät den Rat befolgt, den Ihnen Ihr guter Engel gab, als er auf die jungen Frauen zu sprechen kam. Sie haben sie so lange gemieden, daß Sie sie gar nicht kennen. Madame de Mortsauf hatte recht, Sie von vornherein so sehr zu erheben; alle Frauen hätten Sie gehemmt, Sie hätten es zu nichts gebracht. Jetzt ist es zu spät, eine gute Schule durchzumachen, um das sagen zu lernen, was wir gern hören, um zur rechten Zeit groß zu sein und um unsere Kleinlichkeiten anzubeten, wenn es uns Vergnügen macht, kleinlich zu sein. Wir sind nicht so dumm, wie Sie meinen; wenn wir lieben, stellen wir den Marin unserer Wahl über alles. Was unsern Glauben an unsere Überlegenheit erschüttert, erschüttert auch unsere Liebe. Wenn Sie uns schmeicheln, schmeicheln Sie sich selbst. Wenn Sie darauf halten, in der Gesellschaft zu bleiben und sich des Umganges mit Frauen zu erfreuen, so verschweigen Sie sorgfältig, was Sie mir gesagt haben: ›Frauen schätzen es nicht, die Blumen ihrer Liebe auf Felsen zu säen und ihre Zärtlichkeit zu verschwenden, um die Qual wunder Herzen zu lindern.‹ Jede Frau müßte die Dürre Ihres Herzens entdecken, und Sie wären stets unglücklich. Wenige von ihnen wären ehrlich genug, Ihnen ohne Haß die Hand zu reichen und Ihnen ihre Freundschaft anzutragen, wie es heute tut

Ihre ergebene Freundin
Natalie de Manerville.‹

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