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Die Lilie im Tal

Honoré de Balzac: Die Lilie im Tal - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Lilie im Tal
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
addressLeipzig und Weimar
year1982
firstpub1910
translatorRené Schickele
editorEberhard Wesemann
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100703
modified20180315
projectid431663d8
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Der Brief der Madame de Mortsauf an den Vicomte Felix de Vandenesse

›Felix, allzu geliebter Freund, ich muß Ihnen jetzt mein Herz eröffnen, weniger um Ihnen zu zeigen, daß ich Sie liebe, als um Ihnen Ihre Verpflichtungen klarzumachen, indem ich Ihnen die tiefen, schweren Wunden zeige, die Sie mir geschlagen haben. Jetzt, wo ich von Wegmüdigkeit übermannt hinsinke, erschöpft von den Wunden, die ich im Kampf empfangen habe, ist die Frau in mir zum Glück gestorben, die Mutter allein lebt noch. Sie werden sehen, Lieber, daß Sie die erste Ursache meiner Leiden waren. Erst bot ich mich willig Ihren Schlägen dar, jetzt sterbe ich an einer letzten Wunde von Ihrer Hand. Aber es liegt eine unermeßliche Wollust darin, sich vom Geliebten vernichtet zu fühlen. Bald werden mich die Schmerzen wohl aller Kraft berauben; ich nutze darum die letzten lichten Momente, die meinem Geist beschieden sind, um Sie nochmals anzuflehen, meinen Kindern das Herz zu ersetzen, das Sie ihnen geraubt haben. Ich würde Ihnen diese Pflicht gewaltsam aufzwingen, wenn ich Sie weniger liebte; aber Sie sollen sie lieber freiwillig auf sich nehmen, aus einem Gefühl frommer Reue und auch, damit unsere Liebe nicht aufhöre. War nicht die Liebe in uns stets mit Bußgedanken und sühnender Furcht verquickt? Und ich weiß: wir lieben einander noch. Ihre Schuld ist an und für sich weniger verhängnisvoll, als sie es durch den Widerhall in meiner Seele geworden ist. Sagte ich Ihnen nicht, ich sei eifersüchtig, zum Sterben eifersüchtig? Nun denn, ich sterbe . . . Aber trösten Sie sich: wir haben den menschlichen Gesetzen genuggetan. Die Kirche hat mir durch einen ihrer edelsten Vertreter gesagt, daß Gott Nachsicht gegen die üben werde, die ihre angeborenen Neigungen seinem Gesetze geopfert haben. Geliebter, Sie sollen alles wissen! Denn ich will nicht, daß Ihnen ein einziger meiner Gedanken verborgen bleibe. Was ich Gott in meinem letzten Augenblick anvertrauen werde, das sollen auch Sie wissen, der Sie König sind über mein Herz. Bis zum Fest zu Ehren des Duc d'Angoulême (meinem einzigen Feste) hatte mich die Ehe in der vollständigen Unwissenheit gelassen, die der Seele der Jungfrau engelhafte Schönheit verleiht. Zwar war ich Mutter, aber die Liebe hatte mich ihre erlaubten Freuden nicht kosten lassen. Wie war das möglich? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, wieso alles in mir mit einem Schlage verändert war. Erinnern Sie sich heute noch an Ihre ersten Küsse? Sie haben mein Leben beherrscht, meine Seele durchfurcht. Die Glut Ihres Blutes hat in meinem Glut entfacht. Ihre Jugend hat meine Jugend durchdrungen, Ihre Begierden haben sich einen Weg in mein Herz gebahnt. Als ich mich so stolz erhob, hatte ich eine Empfindung, für die ich in keiner Sprache einen Ausdruck weiß; denn die Kinder haben das Wort noch nicht gefunden, um die Vermählung des Lichts mit ihrem Auge, den Kuß des Lebens auf ihren Lippen zu schildern. Ja, es war der Ton, der ein Echo weckte, das Licht, das in Finsternis fiel, die Bewegung, die sich der Welt mitteilte. Es kam jedenfalls schnell, wie alle diese Dinge, aber es war viel schöner, denn es war das Leben der Seele! Ich verstand, daß es im Leben etwas mir Unbekanntes gäbe, eine Macht, die schöner sei als der Gedanke, die alle Gedanken, alle Kräfte zusammenfaßte. Ich ahnte eine zukünftige Welt in einer erwiderten Liebe. Ich fühlte mich nur noch halb als Mutter. Als der Blitz in mein Herz schlug, entzündete er Wünsche, die dort, mir unbewußt, geschlummert hatten. Ich erriet plötzlich, was meine Tante sagen wollte, wenn sie mich auf die Stirn küßte und ausrief: ›Arme Henriette!‹ Bei meiner Rückkehr nach Clochegourde redeten der Frühling, das erste Laub, der Duft der Blüten, die hübschen weißen Nelken, die Indre, der Himmel eine Sprache zu mir, die ich bis dahin nicht verstanden hatte und die meine Seele in Schwingungen versetzte, wie Sie meine Sinne bewegt hatten. Vielleicht haben Sie diese schrecklichen Küsse vergessen können, aber nie hat sich ihre Spur in meiner Erinnerung verwischt. Ich sterbe daran! Jedesmal, wenn ich Sie seither wiedersah, vertieften sich die Brandmale. Ich bebte am ganzen Körper bei Ihrem Anblick, ja bei der bloßen Ahnung, daß Sie kämen. Weder die Zeit noch mein starker Wille haben diese mächtige Wollust niederzukämpfen vermocht. Ich mußte mich unwillkürlich fragen: wie sehr wohl die Freuden beglücken? Die Blicke, die wir wechselten, die ehrfurchtsscheuen Küsse, die Sie auf meine Hand drückten, mein Arm, der sich auf den Ihren legte, Ihre Stimme mit ihren zärtlichen Rufen, kurz, die geringsten Dinge erregten mich so heftig, daß sich fast immer eine Wolke vor meine Augen lagerte: das Brausen der empörten Sinne hallte dann in meinen Ohren wider. Ach, wenn Sie mich dann in den Augenblicken, wo ich doppelt kalt war, in Ihre Arme geschlossen hätten, ich wäre vor Glück gestorben. Ich habe bisweilen gewünscht, Sie möchten gewalttätig sein, aber das Gebet verscheuchte schnell diesen sündigen Gedanken. Ihr Name, von meinen Kindern gesprochen, trieb mir wärmere Blutwellen zum Herzen und rötete meine Wangen; ich brachte meine arme Madeleine durch kleine Listen dazu, ihn auszusprechen, so lieb war mir diese prickelnde Empfindung. Was soll ich Ihnen nur sagen? Ihre Schrift hatte einen solchen Reiz für mich, ich sah Ihre Buchstaben an, wie man ein Porträt betrachtet. Da Sie schon am ersten Tage eine solche Macht über mich gewonnen hatten, werden Sie verstehen, lieber Freund, daß Ihr Einfluß unbegrenzt wurde, als es mir vergönnt war, in Ihrer Seele zu leben. Welche Wonnen überrieselten mich, als ich Sie so rein, so unbedingt wahr, zu allem Großen so fähig und schon so schwer geprüft fand! Mann und Kind, schüchtern und mutig! Welche Freude, als ich entdeckte, daß wir beide durch gemeinsame Leiden geheiligt seien! Seit jenem Abend, wo wir uns gegenseitig unser Innerstes gestanden, hieß Sie verlieren für mich soviel wie sterben. Darum hielt ich Sie bei mir fest. Die Gewißheit Monsieur de La Berges, daß Ihr Fernsein mir den Tod brächte, rührte ihn tief, denn er kannte mich. Er wußte, daß ich für meine Kinder und den Comte unentbehrlich sei, darum befahl er mir nicht, Ihnen mein Haus zu verbieten, denn ich versprach ihm, in Werken und Gedanken rein zu bleiben. ›Gedanken sind unwillkürlich‹, sagte er, ›aber man kann sie im Qualm noch lenken.‹ ›Wenn ich denke‹, habe ich ihm geantwortet, ›ist alles verloren; retten Sie mich vor mir selber! Machen Sie es möglich, daß er bei mir sei und ich unberührt bleibe.‹ Der gute Greis, der doch recht streng war, zeigte sich soviel ehrlichem Willen gegenüber nachsichtig. ›Sie dürfen ihn lieben, wie man einen Sohn liebt, indem Sie Ihre Tochter für ihn bestimmen‹, sagte er. Ich nahm mutig ein leidensreiches Leben auf mich, um Sie nicht zu verlieren, und ich liebte meine Leiden, weil ich sah, daß wir beide ans gleiche Joch gespannt waren. Mein Gott, ich bin unparteiisch und meinem Mann treu geblieben, ich erlaubte Ihnen keinen einzigen Schritt in Ihrem Königreich, Felix. Die Größe meiner Leidenschaft erhöhte meine Geduld, ich betrachtete die Leiden, die mir Monsieur de Mortsauf auferlegte, als eine Sühne und ertrug sie stolz, um meine sündigen Neigungen zu verleugnen. Früher war ich oft versucht zu murren; aber seitdem Sie an meiner Seite standen, habe ich etwas von der Heiterkeit wiedergefunden, die Monsieur de Mortsauf sehr zustatten kam. Ohne die Kraft, die Sie mir verliehen, wäre ich längst der innern Qual erlegen, von der ich Ihnen erzählt habe. Gewiß haben Sie zum großen Teil schuld an meinem Vergehen, aber Sie haben auch teil an der Erfüllung meiner Pflichten. Und ebenso verhielt es sich mit meinen Kindern. Ich glaubte sie in manchem beraubt zu haben und fürchtete, nie genug für sie zu tun. Von da an war mein Leben ein ununterbrochenes Leid, das ich liebte. Als ich fühlte, daß ich weniger Mutter, weniger treue Gattin sei, nistete sich die Reue in meinem Herzen ein, und aus Angst, meinen Verpflichtungen nicht nachzukommen, habe ich mich übertreffen wollen. Um keinen Fehltritt zu begehen, stellte ich dann Madeleine zwischen Sie und mich. Ich habe Sie beide füreinander bestimmt und damit Schranken zwischen uns errichtet. Nutzlose Schranken! Nichts konnte mich vor dem Fieber retten, das Sie mir verursachten. Ob anwesend oder nicht, immer besaßen Sie die gleiche Macht. Ich habe Madeleine Jacques vorgezogen, weil Madeleine Ihnen gehören sollte; aber ich überließ Ihnen meine Tochter nicht ohne Kämpfe. Ich sagte mir, daß ich erst achtundzwanzig Jahre alt war und Sie fast zweiundzwanzig, als ich Sie traf. Ich verminderte den Abstand, ich gab mich trügerischen Hoffnungen hin. Ach, Felix, ich mache Ihnen diese Geständnisse, um Ihnen Gewissensbisse zu ersparen, vielleicht auch, um Ihnen zu beweisen, daß ich nicht gefühllos, daß Ihr Liebeskummer redlich geteilt und daß Arabella mir nicht überlegen war. Auch ich gehörte zu den Töchtern der gefallenen Rasse, welche die Männer sei sehr lieben. Es gab Augenblicke, wo der Kampf so heftig tobte, daß ich nächtelang nicht schlief. Mein Haar fiel aus; das besitzen Sie! Sie erinnern sich der Krankheit Monsieur de Mortsaufs. Ihr Edelmut von damals erhob mich nicht, er drückte mich nieder. Ach, von diesem Tage an wünschte ich, mich Ihnen geben zu können, zum Lohn für so viel Heldenmut! Aber dieser Wahnsinn war von kurzer Dauer. Ich habe ihn Gott geopfert während der Messe, der Sie nicht beiwohnen wollten. Jacques' Krankheit und Madeleines Leiden waren nur Warnungen Gottes, der sein verirrtes Schaf gewaltsam an sich zog. Dann hat mir Ihre so erklärliche Liebe für diese Engländerin Geheimnisse entschleiert, von denen ich selbst nichts wußte. Ich liebte Sie mehr, als ich Sie zu lieben glaubte. Madeleine trat zurück. Die ständigen Erregungen meines stürmischen Lebens, meine Bemühungen, mich selbst zu zügeln, ohne andern Beistand als den Glauben, das alles hat der Krankheit vorgearbeitet, an der ich sterbe. Dieser schreckliche Schlag hat Krisen herbeigeführt, über die ich geschwiegen habe. Der Tod erschien mir als einzig mögliche Lösung dieser unerforschlichen Tragödie. Ein ganzes Leben, ein wütendes, eifersüchtiges, wildes Leben lag in den zwei Monaten zwischen der Nachricht, die mir meine Mutter von Ihren Beziehungen zu Lady Dudley gab, und Ihrer Ankunft. Ich wollte nach Paris. Ich dürstete nach Mord, ich wünschte den Tod jener Frau, ich war unempfänglich für die Liebkosungen meiner Kinder. Das Gebet, das bis dahin ein Balsam für mich gewesen war, verlor jede Wirkung . . . Die Eifersucht hat da die breite Bresche geschlagen, durch die der Tod eintrat. Trotzdem blieb meine Stirn heiter. Ja, diese Monate des Kampfes waren ein Geheimnis zwischen Gott und mir. Als ich davon überzeugt war, daß ich ebensosehr geliebt wurde, wie ich selbst liebte, und daß mich nur Ihre Sinne, nicht Ihre Gedanken verleugnet hatten, da wollte ich leben! Es war zu spät. Gott hatte mich unter seinen Schutz gestellt, wohl von Mitleid ergriffen für ein Wesen, das sich selbst, das ihm treu war und das der Schmerz oft bis an die Tore des Heiligtums geführt hatte. Mein Geliebter, Gott hat über mich geurteilt. Monsieur de Mortsauf wird mir wohl vergeben, aber Sie? Werden Sie Mitleid haben? Werden Sie auf die Stimme hören, die aus meinem Grabe dringt? Werden Sie das Unglück wieder gutmachen, an dem wir beide schuld sind, Sie vielleicht weniger als ich? Sie wissen, um was ich Sie bitten will. Seien Sie für Monsieur de Mortsauf, was eine Barmherzige Schwester für einen Kranken ist, hören Sie auf ihn, lieben Sie ihn, niemand wird ihn lieben! Vermitteln Sie zwischen seinen Kindern und ihm, wie ich es getan habe! Ihre Aufgabe wird nicht von langer Dauer sein. Jacques wird bald das Elternhaus verlassen, um nach Paris zu seinem Großvater zu gehen, und Sie haben mir versprochen, ihn durch die Klippen des Lebens zu leiten. Madeleine – sie wird heiraten; möchten Sie ihr doch eines Tages gefallen! Sie ist ganz ich selbst, und außerdem ist sie stark. Sie hat den Willen, der mir fehlte, die Energie, die der Gefährtin eines Mannes nötig ist, den seine Laufbahn durch die Stürme des politischen Lebens führt, sie ist gewandt und scharfblickend. Wenn Ihre Geschicke sich vereinigen sollten, würde sie glücklicher sein, als es ihre Mutter war. So erwürben Sie das Recht, mein Werk in Clochegourde weiterzuführen, Sie würden die Fehler wieder gutmachen, die wir vielleicht noch nicht genug gesühnt haben, obwohl sie im Himmel und auf Erden verziehen sind. Denn Er ist großmütig. Er wird mir verzeihen. Sie sehen, ich bin immer noch selbstsüchtig. Aber ist das nicht der Beweis einer tyrannischen Liebe? Ich will von Ihnen in den Meinen geliebt werden. Da ich nicht Ihr eigen habe sein können, vermache ich Ihnen meine Gedanken und meine Pflichten! Wenn Sie mich zu sehr lieben, um mir zu gehorchen, wenn Sie Madeleine nicht heiraten wollen, so sorgen Sie wenigstens für die Ruhe meiner Seele, indem Sie Monsieur de Mortsauf so glücklich machen, wie er es sein kann.

Leb wohl, geliebtes Kind meiner Seele! Dies ist mein völlig bewußter, lebendiger Abschiedsgruß, der Abschied einer Seele, die Du mit zuviel Glück erfüllt hast, als daß Du Gewissensbisse haben könntest über die Katastrophe, die ebendies Glück nach sich gezogen hat. Ich brauche dieses Wort, weil ich weiß, daß Sie mich lieben, denn ich gehe nun in die Ruhe ein, ein Opfer der Pflicht, und – das macht mich erbeben – nicht ohne Bedauern. Gott wird besser als ich wissen, ob ich seinen heiligen Gesetzen dem Geiste nach gehorcht habe. Ich bin wohl oft gestrauchelt, aber ich bin nicht gefallen, und die stärkste Entschuldigung für meine Fehler liegt in der Größe der Versuchungen, die mich umringten. Der Heiland wird mich zitternd vor sich sehen, als sei ich unterlegen. Nochmals: Leb wohl! Ein Lebewohl, wie ich es gestern unserm schönen Tale gesagt habe, unserm Tale, an dessen Herz ich bald ruhen werde und in das Sie tot zurückkehren wollen, nicht wahr?

Henriette.‹

 

Ich verfiel in abgründige Träumerei, als ich die unbekannten Tiefen dieses Lebens von einem letzten Feuerschein grell erleuchtet sah. Die Wolken meiner Selbstsucht zerteilten sich. Sie hatte also ebensoviel, ja mehr als ich gelitten, denn sie war daran gestorben. Sie glaubte, jedermann müsse ihrem Freunde gütig gesinnt sein; ihre Liebe hatte sie so geblendet, daß sie die Feindschaft ihrer Tochter gegen mich gar nicht ahnte. Dieser letzte Beweis ihrer Zärtlichkeit tat mir sehr weh. Arme Henriette, die mir Clochegourde und ihre Tochter vermachen wollte!

Natalie, nach jenem furchtbaren Tage, wo ich zum ersten Mal einen Friedhof betrat und die sterbliche Hülle der edlen Henriette begleitete, die Sie nunmehr kennen, seit jenem Tage scheint mir die Sonne weniger warm, sie leuchtet gedämpft, die Nächte sind düster, die Bewegung ist weniger frei, das Denken drückender. Es gibt Menschen, die wir in der Erde begraben; aber andere, die wir besonders zärtlich lieben, sind in unser Herz wie in ein Leichentuch gebettet, die Erinnerung an sie mischt sich täglich in unser Tun und Trachten; wir denken an sie, wie wir atmen, sie haben in unserer Seele eine neue Gestalt angenommen nach dem süßen Gesetz der Seelenwanderung, das im Reich der Liebe herrscht. In meiner Seele wohnt eine zweite Seele. Sooft ich etwas Gutes tue, ein schönes Wort spreche, redet und handelt diese Seele in mir. Was ich nur Gutes haben kann, entströmt diesem Grabe wie einer Lilie der Duft, der die Luft durchhaucht. Die Spottlust, das Schlechte, alles, was Sie an mir tadeln, rührt von mir selbst her. Wenn meine Augen sich umwölken und gen Himmel schauen, nachdem sie lange an der Erde gehaftet haben, wenn mein Mund Ihren Worten und Freundlichkeiten gegenüber stumm bleibt, oh, dann fragen Sie mich nicht mehr: ›Woran denken Sie?‹ –

Liebe Natalie, ich habe eine Zeitlang aufgehört zu schreiben, die Erinnerungen hatten mich zu tief bewegt. Nun schulde ich Ihnen noch den Bericht über die Ereignisse, die der Katastrophe folgten und die weniger Worte bedürfen. Wenn ein Leben ganz Tat und Bewegung ist, läßt sich wenig darüber sagen, aber sobald eine Lebensgeschichte in den höchsten Regionen der Seele spielt, wird sie umständlich. Henriettes Brief zeigte mir einen Hoffnungsschimmer. Im großen Schiffbruch meines Lebens entdeckte ich eine Insel, wo ich landen konnte. In Clochegourde bei Madeleine leben, ihr mein ganzes Leben weihen, das war ein Los, das meinem erregten Herzen zusagte. Aber ich mußte erst Madeleines Gedanken kennen . . . Ich ging nach Clochegourde, um mich vom Comte zu verabschieden; ich traf ihn auf der Terrasse. Wir gingen lange auf und ab. Erst sprach er von der Comtesse wie ein Mann, der den ganzen Umfang seines Verlustes und den Schaden, den er für sein Innenleben bedeutet, ermißt. Aber nach diesem ersten Schmerzensausbruch zeigte er sich um die Zukunft bekümmerter als um die Gegenwart. Er fürchtete seine Tochter, die nicht die Sanftmut ihrer Mutter besaß. Das feste Wesen Madleleines, in der sich etwas Herrisches mit der weichen Anmut ihrer Mutter paarte, erschreckte den Greis, der an Henriettes Zärtlichkeit gewöhnt war und nun in seiner Tochter einen Willen ahnte, der nicht zu beugen wäre. Aber was ihn über seinen unersetzlichen Verlust tröstete, war die Gewißheit, daß er seiner Frau bald folgen werde: die Erregungen und Betrübnisse der letzten Tage hatten seinen Gesundheitszustand verschlimmert und alte Leiden heraufbeschworen. Der unvermeidliche Kampf zwischen seiner väterlichen Autorität und der seiner Tochter, die nun die Herrin im Hause wurde, mußte seine letzten Lebenstage verbittern. Wo er mit seiner Frau verhandeln konnte, mußte er seinem Kinde bedingungslos nachgeben. Übrigens würde sein Sohn ihn verlassen, seine Tochter müsse heiraten; wen würde er wohl zum Schwiegersohn bekommen? Obwohl er von seinem baldigen Tode sprach, fühlte er sich verwaist und auf lange Zeit hinaus aller Liebe beraubt.

Während er so nur von sich sprach und meine Freundschaft um seiner Frau willen anflehte, zeichnete sich vor meinen Blicken mit voller Klarheit die große Gestalt des Emigranten, einer der imposantesten, erhabensten Typen unserer Zeit. Er war scheinbar schwächlich, aber zäh wegen seiner mäßigen Lebensweise und seiner ländlichen Beschäftigungen. Er lebt heute noch.

Obwohl Madeleine uns auf der Terrasse auf und ab gehen sah, kam sie nicht herunter. Sie trat mehrmals auf die Freitreppe hinaus und kehrte ins Haus zurück, um mir damit ihre Geringschätzung zu beweisen. Ich ergriff die Gelegenheit, als sie heraustrat, und bat den Comte, mich zum Schloß zu begleiten, ich hätte mit Madeleine zu sprechen . . . Ich schützte einen Letzten Willen vor, den mir die Comtesse anvertraut habe; das war für mich das einzige Mittel, sie zu sehen. Der Comte rief sie und ließ uns allein auf der Terrasse. »Liebe Madeleine«, sagte ich, »wenn irgendwo, so muß ich hier mit Ihnen sprechen, hier, wo Ihre Mutter mich anhörte, als sie sich über mich und mehr noch über ihr trauriges Geschick beklagte. Ich kenne Ihre Gedanken; aber verurteilen Sie mich nicht, ohne den Sachverhalt zu kennen? Mein Leben und mein Glück sind mit diesem Ort verknüpft, das wissen Sie, und Sie verbannen mich von hier durch Ihre abweisende Kälte. Sie vergessen, daß geschwisterliche Liebe uns verband und daß ein gemeinsamer Scherz dies Band noch enger geknüpft hat. Liebe Madeleine, ich ließe auf der Stelle mein Leben für Sie, ohne Hoffnung auf Lohn, ohne daß Sie es wüßten: so lieb sind uns die Kinder derer, die uns im Leben gehegt haben! Sie wissen nichts von dem Plan, der Ihrer göttlichen Mutter seit sieben Jahren am Herzen lag und der wohl eine Wandlung in Ihrem Empfinden herbeiführen dürfte. Aber dabei will ich mich nicht aufhalten. Das einzige, worum ich Sie bitte, ist, mir nicht das Recht zu nehmen, die Luft dieser Terrasse zu atmen; ich bitte Sie, warten zu dürfen, bis die Zeit Ihre Lebensanschauung geändert hat. Vorläufig werde ich mich wohl hüten, ihr zu widersprechen. Ich weiß einen Schmerz zu achten, der Sie irreleitet, denn derselbe Schmerz nimmt auch mir die Fähigkeit, meine Lage richtig zu beurteilen. Die Heilige, die in diesem Augenblicke über uns wacht, wird meine Zurückhaltung gutheißen und es billigen, daß ich nur bitte, Sie möchten zwischen Ihren Gefühlen und mir Ihre Unparteilichkeit bewahren. Ich liebe Sie zu sehr, trotz der Abneigung, die Sie an den Tag legen, um dem Comte einen Plan nahezulegen, auf den er mit Freuden einginge. Sie sollen frei sein. Später mögen Sie daran denken, daß Sie niemanden auf Erden besser kennen als mich, daß kein Mann Ihnen ein treuer ergebenes Herz entgegenbringen wird . . .« Bis jetzt hatte mir Madeleine mit gesenktem Blick zugehört, nun unterbrach sie mich. »Monsieur«, sagte sie mit einer Stimme, die vor Erregung bebte, »auch ich kenne alle Ihre Gedanken, aber mein Gefühl Ihnen gegenüber wird sich nie ändern, und ich möchte mich lieber in die Indre werfen als mich an Sie binden. Ich will nicht von mir sprechen, aber wenn der Gatte meiner Mutter Ihnen noch etwas gilt, so bitte ich Sie in ihrem Namen, nicht mehr nach Clochegourde zurückzukehren, solange ich hier bin. Ihr bloßer Anblick verursacht mir eine Erregung, die ich nicht zu erklären weiß und die ich nie verwinden werde.«

Sie grüßte mit einer würdevollen Bewegung und ging nach dem Schlosse zurück, ohne sich umzudrehen, gefühllos, wie es ihre Mütter an einem einzigen Tage gewesen war, doch unerbittlich. Der Scharfblick dieses jungen Mädchens hatte, wenn auch spät, alles erraten, und vielleicht war ihr Haß gegen den Menschen, den sie für so verderblich hielt, noch gesteigert worden durch den Ärger über ihre unschuldige Mitschuld. Hier war alles Abgrund. Madeleine haßte mich, ohne sich darüber Rechenschaft ablegen zu wollen, ob ich die Ursache oder das Opfer all dieses Unglücks sei; sie hatte uns vielleicht beide gleich stark gehaßt, ihre Mutter und mich, wenn wir glücklich gewesen wären. So war alles zerstört. Ich allein sollte bis ins einzelne das Leben dieser großen unverstandenen Frau kennen, ich allein war in das Geheimnis ihrer Gefühle eingeweiht, ich allein hatte ihre Gedanken nach allen Richtungen durchstreift. Weder ihre Mutter noch ihr Vater, noch ihr Mann, noch ihre Kinder hatten sie gekannt. Seltsam! Ich durchwühle diesen Aschenhaufen und finde Freude daran, alles vor Ihnen auszubreiten. Wir können alle darin etwas von unsern liebsten Schicksalen wiederfinden. Wie viele Familien haben ihre Henriette! Wieviel edle Wesen verlassen diese Erde, ohne einen verständnisvollen Geschichtsschreiber gefunden zu haben, der ihr Herz ergründet und dessen Tiefe und Weite ermessen hat! Dies ist das menschliche Leben in-seiner ungeschminkten Wahrheit: oft kennen die Mütter ihre Kinder nicht mehr, als die Kinder sie kennen; so steht es auch mit Eheleuten, Liebenden und Brüdern. Konnte ich ahnen, daß ich mich eines Tages vor dem Sarge meines Vaters mit Charles de Vandenesse streiten würde, mit meinem Bruder, zu dessen Glück ich soviel beigetragen habe? Ach Gott! Wieviel Lehren in der einfachsten Geschichte! . . . Als Madeleine durch die Eingangstür verschwunden war, kehrte ich mit gebrochenem Herzen zu meinem Gastgeber zurück, nahm Abschied von ihm und brach nach Paris auf. Ich folgte dem rechten Ufer der Indre, auf dem ich zum erstenmal in dieses Tal gekommen war. Traurig durchschritt ich das hübsche Dorf Pont-de-Ruan. Und doch war ich reich; die politische Welt lag mir offen und lächelte mich an. Ich war nicht mehr der müde Fußgänger von 1814. Damals war mein Herz voller Wünsche, heute weinte ich; damals hatte ich noch mein Leben vor mir, jetzt fühlte ich, wie verödet es sei. Ich war noch sehr jung, erst neunundzwanzig Jahre alt, und mein Herz war schon welk. Wenige Jahre hatten genügt, diese Landschaft ihrer strahlenden Pracht zu berauben und mich lebensüberdrüssig zu machen. Sie können sich meine Erschütterung vorstellen, als ich mich umwandte und Madeleine auf der Terrasse stehen sah . . . Von Traurigkeit überwältigt, dachte ich nicht mehr an das Ziel meiner Reise. Lady Dudley war meinem Herzen sehr fern; ich trat in ihren Hof ein, ohne es nur zu bemerken. Die Dummheit war begangen, ich mußte die Folgen tragen. Ich genoß bei ihr die Freiheiten eines Ehemannes. Mißmutig stieg ich die Treppe hinauf in Gedanken an die Unannehmlichkeiten eines endgültigen Bruches. Wenn Sie Wesen und Art von Lady Dudley richtig erfaßt haben, so können Sie sich mein Mißbehagen vorstellen, als mich ihr Hausmeister im Reiseanzug in einen Salon führte, wo ich sie in großem Staat und von fünf Personen umringt vorfand. Lord Dudley, einer der einflußreichsten alten englischen Staatsmänner, stand da am Kamin, steif, unnahbar und abweisend, mit dem spöttischen Ausdruck, den er wohl im Parlament haben muß; er lächelte, als er meinen Namen hörte. Die beiden Kinder Arabellas, die auffallend Monsieur de Marsay, einem unehelichen Sohn des alten Lords, glichen, standen bei ihrer Mutter. Auch Marsay war zugegen, er saß auf einem kleinen Diwan neben der Marquise. Als Arabella mich sah, setzte sie gleich ihr hochmütigstes Gesicht auf, fixierte meine Reisekappe, als wollte sie mich jeden Moment fragen, was ich denn bei ihr zu suchen habe. Sie maß mich mit verächtlichen Blicken, etwa wie einen kleinen Landedelmann, der ihr vorgestellt wurde. Unsere innigen Beziehungen, ihre ewige Leidenschaft, ihr Gelübde, zu sterben, sobald ich aufhörte, sie zu lieben, die ganze Armiden-Komödie, all das war wie ein Traum verweht. Ich hatte nie ihre Hand gedrückt, ich war ein Fremder; sie kannte mich nicht mehr. Trotz der diplomatischen Kaltblütigkeit, an die ich mich schon gewöhnt hatte, war ich höchst erstaunt, wie das jeder andere an meiner Stelle ebenso gewesen wäre, Monsieur de Marsay lächelte seine Stiefel an, die er mit merkwürdiger Absichtlichkeit prüfte. Ich hatte bald meinen Entschluß gefaßt. Von jeder andern Frau hätte ich eine solche Demütigung ruhig hingenommen; aber ich war empört, die Heldin, die vor Liebe sterben wollte und die die Tote verspottet hatte, so stolz dastehen zu sehen, und beschloß, Frechheit gegen Frechheit auszuspielen. Sie kannte Lady Brandons Mißgeschick; sie daran erinnern hieß ihr einen Dolchstich ins Herz versetzen, obwohl bei ihr die Waffe abgleiten mußte.

»Madame«, sagte ich, »Sie werden verzeihen, daß ich in diesem Aufzug bei Ihnen eingedrungen bin, wenn Sie erst wissen, daß ich aus der Touraine komme und daß mir Lady Brandon einen Auftrag für Sie gegeben hat, der sich nicht aufschieben läßt. Ich fürchtete, Sie seien schon nach Lancashire aufgebrochen; aber da Sie in Paris bleiben, werde ich Ihre Befehle abwarten und die Stunde, wann Sie mich empfangen wollen.«

Sie nickte mit dem Kopf, und ich ging hinaus. Seit jenem Tage habe ich sie nur noch in der Gesellschaft getroffen, wo wir einen freundlichen Gruß und manchmal eine spöttische Bemerkung austauschten. Ich erzähle ihr von den untröstlichen Frauen aus Lancashire, sie mir von den Französinnen, die ihrer Verzweiflung die Ehre eines Magenleidens erweisen. Dank ihren Bemühungen habe ich einen Todfeind in Monsieur de Marsay, den sie sehr schätzt. Und,ich sage ihr, daß sie mit zwei Generationen verheiratet sei. So fehlte nichts an meinem Unglück. Ich führte den Plan aus, den ich in der Zurückgezogenheit in Sache entworfen hatte. Ich stürzte mich in die Arbeit, beschäftigte mich mit Wissenschaft, Literatur und Politik. Bei der Thronbesteigung Karls X. trat ich in die Diplomatie ein, da der König das Amt aufhob, das ich bei seinem Vorgänger innehatte. Von diesem Augenblick an beschloß ich, mich nie mehr um eine Frau zu kümmern, sei sie auch noch so schön, geistreich und liebevoll. Dieser Entschluß bekam mir sehr gut. Ich gewann die größte Seelenruhe, viel Energie für die Arbeit und begriff, wieviel die Frauen von unserm Leben vergeuden, wofür sie uns mit ein paar freundlichen Worten schadlos halten wollen. Aber alle meine Vorsätze wurden zunichte – Sie wissen, wieso und warum.

Liebe Natalie, nachdem ich Ihnen mein Leben rückhaltlos und ohne Verstellung erzählt habe, als spräche ich zu mir selbst, indem ich Ihnen Gefühle beichte, denen Sie fernstehen, habe ich vielleicht Ihr zartfühlendes, eifersüchtiges Herz gekränkt. Aber was eine gewöhnliche Frau erbittern würde, wird für Sie gewiß ein Grund mehr sein, mich zu lieben. Leidenden und kranken Seelen gegenüber haben Ausnahmefrauen ein erhabenes Amt zu versehen: das der Barmherzigen Schwester, die Wunden verbindet, das der Mutter, die ihrem Kinde verzeiht. Künstler und große Dichter sind nicht die einzigen, die leiden. Männer, die für ihr Land, für die Zukunft der Nationen leben, erweitern den Gesichtskreis ihrer Leidenschaften und Gedanken, verdammen sich aber oft zu grausamster Einsamkeit. Es ist ihnen Bedürfnis, eine reine, aufopfernde Liebe neben sich zu fühlen. Glauben Sie mir, sie wissen den ganzen Wert einer solchen Zuneigung zu schätzen. Morgen werde ich wissen, ob ich unrecht daran getan habe, Sie zu lieben.

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