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Die Lieder des Mirza-Schaffy

Friedrich von Bodenstedt: Die Lieder des Mirza-Schaffy - Kapitel 7
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Lieder des Mirza-Schaffy
authorFriedrich von Bodenstedt
year1984
firstpub1851
publisherR. v. Decker's Verlag, G. Schenck
addressHeidelberg
isbn3-7685-4484-2
titleDie Lieder des Mirza-Schaffy
pages187
created20100921
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hafisa.

    Lieb' ohne Lust – welch' eine Pein!
Lust ohne Liebe – wie gemein!
Die beiden aber im Verein
Gewähren uns das höchste Sein.
Daumer.

 

1.

      O wie mir schweren Dranges
Das Herz im Leibe bebt,
Wenn sie so leichten Ganges
An mir vorüberschwebt!

Herab vom Rücken weht
Ein blendend weißer Schleier;
Durch ihre Augen geht
Ein wunderbares Feuer;
Die schwarzen Locken wühlen
Um ihres Nackens Fülle;
Der Leib, der Busen fühlen
Sich eng in ihrer Hülle.
Allüberall Bewegung,
Allüberall Entzücken,
Daß sich in toller Regung
Die Sinne mir berücken,
Daß wunderbaren Dranges
Das Herz im Leibe bebt,
Wenn sie so leichten Ganges
An mir vorüberschwebt!
Narzissen blühn und Rosen
Am himmelblauen Kleide,
Darunter flammen Hosen
Von feuerroter Seide –
Die kleinen, zarten Füße,
Die weichen, feinen Hände,
Der Mundrubin, der süße,
Der Zauber ohne Ende!

O, wie mir schweren Dranges
Das Herz im Leibe bebt,
Wenn sie so leichten Ganges
An mir vorüberschwebt!

 

2.
Das Lied von der Schönheit.

        Ich sang auf dem Basar
    Ein Lied von deiner Schöne,
Und wer es hörte, war
    Entzückt von deiner Schöne.

Tataren, Perser, Kurden
    Und Haïks schlaue Söhne,
Moslem und Christen wurden
    Gerührt von deiner Schöne.

Es waren Sänger dorten,
    Die merkten Sinn und Töne,
Und singen jetzt allerorten
    Das Lied von deiner Schöne.

Der Schleier ist zerrissen,
    Daß sich dein Blick gewöhne,
Denn alle Leute wissen
    Das Lied von deiner Schöne.

Und flieht dein Reiz – o, daß dies Wort
    Im Alter dich versöhne!
Man singt doch fort und immerfort
    Das Lied von deiner Schöne!

 

3.

        Wenn zum Tanz die jungen Schönen
    Sich im Mondenscheine drehn,
Kann doch keine sich so lieblich
    Und so leicht wie meine drehn!

Daß die kurzen Röcke flattern,
    Und darunter, rot bekleidet,
Leuchtend wie zwei Feuersäulen
    Sich die schlanken Beine drehn!

Selbst die Weisen aus der Schenke
    Bleiben stehn vor Lust und Staunen,
Wenn sie, spät nach Hause schwankend,
    Sich berauscht vom Weine drehn!

Auch der Muschtahid, der fromme,
    Mit den kurzen Säbelbeinen,
Spricht: So lieblich wie Hafisa
    Kann im Tanz sich keine drehn!

Ja, vor dieser Anmut Zauber,
    Vor Hafisas Tanzesreigen,
Wird sich noch berauscht die ganze
    Gläubige Gemeine drehn!

Und was in der Welt getrennt lebt
    Durch verjährten Sektenhader,
Wird sich hier versöhnt mit uns in
    Liebendem Vereine drehn!

O, Mirza-Schaffy! welch Schauspiel,
    Wenn die alten Kirchensäulen
Selber wanken und sich taumelnd
    Um Hafisas Beine drehn!

 

4.

      Neig, schöne Knospe, dich zu mir!
        Und was ich bitte, das tu mir!
        Ich will dich pflegen und halten,
Du sollst bei mir erwarmen,
Und sollst in meinen Armen
        Zur Blume dich entfalten!

 

5.

        Ei, du närrisches Herz,
Daß dich klagend gebeugt hast!
Du bejammerst den Schmerz,
Den du selber erzeugt hast!
Du verzweifelst in Gefahr heut,
Und suchst selbst doch die Gefahr
Und ich kenne deine Narrheit,
Und bin selbst ein solcher Narr!

 

6.

        Ein Blick des Augs hat mich erfreut –
Der Zauber dieses Augenblicks
Wirkt immerfort in mir erneut
Ein leuchtend Wunder des Geschicks.

Drum eine Frage stell ich dir,
Horch huldvoll auf, mein süßes Leben:
Galt jener Blick des Auges mir,
So magst du mir ein Zeichen geben!

Und darf ich deinem Dienst mich weihn,
Und bist du meinem Arm erreichbar:
So wird mein Herz voll Jubel sein,
Und meiner Freude nichts vergleichbar!

Dann leb' ich fort durch alle Zeit
Im Wunderleuchten des Geschicks,
Den Augenblick der Seligkeit,
Die Seligkeit des Augenblicks!

 

7.

        Es ragt der alte Elborus
So hoch der Himmel reicht;
Der Frühling blüht zu seinem Fu0,
Sein Haupt ist schneegebleicht.

Ich selbst bin wie der Elborus
In seiner hehren Ruh,
Und blühend zu des Berges Fuß
Der schöne Lenz bist du!

 

8.

        Auf dem Dache stand sie, als ich schied,
    Mit Gewand und Locken spielt der Wind –
Sang ich scheidend ihr mein letztes Lied:
    Nun leb' wohl, du wundersüßes Kind!
        Muß von dannen gehn
        Doch auf Wiedersehn,
    Wenn das Hochzeitsbett bereitet steht!

Ein Kamel, beladen, bring ich dir,
    Reichen Stoff zu Kleidern und Schalwár,
Echte Chenna zu der Finger Zier,
    Schmuck und Narden für dein Ambrahaar,
        Feines Seidenzeug,
        Sammet dick und weich,
    Und die Mutter wird zufrieden sein!

Auf dem Dache stand sie, als ich schied,
    Winkt herab mit ihrer kleinen Hand. –
Weht der Wind ihr zu mein Scheidelied,
    Spielt der Wind mit Locken und Gewand,
        Fahre wohl, mein Glück!
        Kehre bald zurück.
    Wenn das Hochzeitsbett bereitet steht!

 

9.

        Sie sprach: O welch geteiltes Glück,
Mirza-Schaffy! ward meinem Leben:
Du hast dein Herz nun Stück für Stück
Wie deine Lieder hingegeben –
Was bleibt davon für mich zurück,
Für all mein Lieben, all mein Streben?

Ich sprach: Stets ungeteilt erglüht
Und zündend seine Strahlen sprüht
Mein Herz, an ewiger Liebe reich, –
Es ist mein Herz der Sonne gleich,
Der hohen Strahlenspenderin,
Die, ob sie gleich Verschwenderin
Mit ihrem Licht und Glanz ist,
Doch immer schön und ganz ist!

 

10.

        Die alten Saklis von Tiflis,
Ich kann sie kaum wiedererkennen,
Wie sie im Mondenstrahle
So prachtvoll glitzern und brennen.

Die jungen Mädchen von Tiflis,
Ich kann sie kaum wiedererkennen,
Wie sie so kalt und finster
An mir vorüberrennen.

Mirza-Schaffy! dich selber
Kann man kaum wiedererkennen,
Seit du und deine Hafisa
Sich Mann und Weibchen nennen!

 

11.

        Es kommen die Missionäre
Zu uns vom Abendlande,
Und predigen fromme Märe
In schwarzem Bußgewande:

Wie alle Welt verdorben,
Versunken ganz im Bösen,
Und wie der Christ gestorben,
Die Menschheit zu erlösen.

»Wir wurden auserkoren
Die Märe zu verbreiten;
Wer zweifelt, ist verloren
Für alle Ewigkeiten!«

»Ihr wandelt dunkle Wege,
Wir führen euch zur Klarheit.«
– Doch: wer gibt mir Belege
Für eurer Worte Wahrheit?

Ich komme nicht zu Ende
Im Guten wie im Bösen,
Wenn nicht Hafisas Hände
Die dunklen Zweifel lösen.

Du schöne Missionärin!
Lehr' du mich Religion:
Bei dir liegt die Gewähr in
Dem Blick des Auges schon.

 

12.

    Sie meinten ob meiner Trunkenheit
Und gänzlichen Versunkenheit:
    Ich fände kein Erbarmen . . .

O, ewig möcht' ich trunken sein,
Und ewig ganz versunken sein,
    In deinen weißen Armen!

 

13.

        Soll mich bekehren, weil ich nicht
Im richtigen Geleise bin,
Derweil ich gänzlich festgebannt
    In deinem Zauberkreise bin.

Sie zeigen mir den Himmelsweg
Und warnen mich vor falscher Bahn,
Derweilen ich zum Paradies
    Längst fertig mit der Reise bin.

Sie preisen ihren Himmel hoch
Und machen viel Geschrei davon,
Derweilen ich im höchsten Glück
    Verschwiegen ganz und leise bin.

Die Nachtigall ist Sünderin,
Weil sie nicht wie der Rabe krächzt –
Ich bin verdammt – weil ich beglückt
    In meiner eignen Weise bin!

 

14.
Jussuf und Hafisa

        Von Jussuf im Ägypterland,
Dem lieblichsten der Menschensöhne,
Heißt es: Ihm gab Jehovahs Hand
Die Hälfte aller Erdenschöne!

Als Jussuf nun gestorben war,
Hub seine Schönheit an zu wandern
Und wanderte wohl manches Jahr
Von einem Lande zu dem andern.

Denn dieses war ihr Schicksalswort:
Nur dort sollst du in Zukunft thronen,
Wo dir zur Pflege, dir zum Hort
Bescheidenheit und Anmut wohnen.

An manche Türe klopft sie an,
Bei Armen wie im Prunkpalaste –
Und gerne ward ihr aufgetan,
Doch nirgend blieb sie gern zu Gaste

Bis sie bei dir, du süße Maid,
Ein heimatliches Dach gefunden,
Wo Anmut und Bescheidenheit
Sie nun für alle Zeit gebunden.

 


 

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