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Die Lieder des Mirza-Schaffy

Friedrich von Bodenstedt: Die Lieder des Mirza-Schaffy - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Lieder des Mirza-Schaffy
authorFriedrich von Bodenstedt
year1984
firstpub1851
publisherR. v. Decker's Verlag, G. Schenck
addressHeidelberg
isbn3-7685-4484-2
titleDie Lieder des Mirza-Schaffy
pages187
created20100921
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mirza-Jussuf.

    In der Kritik macht man die Probe, Verse in Prosa aufzulösen, und nimmt den Grundsatz an, daß, was in Prosa Unsinn ist, es auch in Versen sein müsse.
Platen.

 

1.
Eine alte Geschichte in neue Reime gebracht

              Es hat Mirza-Jussuf ein Lied geschrieben
Von zweier Menschen Sehnen und Lieben:
Wie sie erst in Wünschen und Hoffen geschwommen,
Dann wild für einander entbrannt sind –
Wie beide erst um ihr Herz gekommen,
Dann gekommen um ihren Verstand sind –
Wie das Schicksal beide getrennt hat,
Ganz rein und unverschuldet –
Wie er für sie geflennt hat,
Und sie für ihn geduldet.
Dazwischen kommt viel Mondenschein,
Viel traurig' Sterngefunkel.
Und kluge Quellen murmeln drein
Im grausigen Waldesdunkel.
Dann wird ein kühner Sprung gemacht,
Man glaubt, sie werden zusammengebracht, –
Da naht das Schicksal trüb und schwer
Und wirft sie wieder hin und her.
Er trägt sein Los in Demut,
Sie harrt und hofft – er seufzt und flennt,
Wie man das schon von alters kennt.
So schwimmen sie beide in Wehmut,
Bis Allahs Herz gerührt wird
Von dem vielen Flennen und Leiden,
Und das Paar zusammengeführt wird,
Um nimmermehr zu scheiden.

 

2.

      Gemütlich nennt ihr diesen Dichter?
Ja, ja! in seinen Versen spricht er
Viel von Gemüt, ist fromm und zart,
Ein keuscher Joseph ohne Bart.
Drum hält die Welt ihn auch gewöhnlich
Für so gemütlich; – doch persönlich
Ist er ein Schlingel eigner Art,
Ein Grobian von unten bis nach oben.
Und das ist noch zumeist an ihm zu loben!
Wär er so zart wie seine Lieder,
So ohne Sinn:
Wär' mir der Kerl noch mehr zuwider
Als ohnehin.

 

3.

        Seht Mirza-Jussuf an, wie er gespreizt einhergeht:
So faltet er die Stirn, wenn er gedankenschwer geht.
Er findet alles schlecht, sich selbst nur gut und löblich,
Und schimpft auf alle Welt, weil sie nicht geht wie er geht!

Es ist die Art des Ochsen, daß er einen schweren Gang hat –
Und daß sein Brüllen stets unangenehmen Klang hat –
Doch: gibt ihm das ein Recht, die Nachtigall zu schmähen,
Weil sie so leicht' Gefieder und wundersüßen Sang hat?

 

4.

        Was Mirza-Jussuf doch
Ein kritischer Gesell ist!
Der Tag gefällt ihm nicht,
Weil ihm der Tag zu hell ist.

Er liebt die Rose nicht,
Weil Stachel sie und Dorn hat,
Und liebt den Menschen nicht,
Weil er die Nase vorn hat!

Er tadelt alles rings,
Was nicht nach seinem Kopf ist –
Merkt alles in der Welt,
Nur nicht, daß er ein Tropf ist!

So liegt er immer mit
Natur und Kunst im Kampf,
So treibt es Tag und Nacht ihn
Durch blauen Dunst und Dampf!

Mirza-Schaffy belacht ihn
Mit schelmischem Gesicht,
Und macht aus seiner Bitterkeit
Das süßeste Gedicht!

 

5.

        Laß, Mirza-Jussuf, dein Schmollen jetzt!
Ich bin zu munter, um dir zu grollen jetzt!
Statt Haß auszusäen, wie du es tust,
Schlürf ich ein meinen Becher, den vollen, jetzt!

Schon genug bist du bestraft in der Welt hier!
Daß nichts dir behagt, nichts gefällt hier –
Und ist doch für jeden, der zu genießen weiß,
Alles so herrlich gemacht und bestellt hier!

 

6.

            Was ist doch Mirza-Jussuf ein vielbeles'ner Mann!
Bald liest er den Hafis, bald liest er den Koran,
Bald Dschami und Chakani, und bald den Gulistan.
Hier stiehlt er sich ein Bild, und eine Blume dort,
Hier einen schönen Gedanken, und dort ein schönes Wort.
Was schon geschaffen ist, das schafft er wieder um,
Die ganze Welt setzt er in seine Lieder um,
Und hängt zu eignem Schmuck fremdes Gefieder um.
Damit macht er sich breit und nennt das Poesie.

Wie anders dichtet doch und lebt Mirza-Schaffy!
Ein Leuchtstern ist sein Herz, ein Garten seine Brust,
Wo alles glüht und duftet von frischer Blütenluft.
Und bei des eignen Schaffens unwüchsiger Gewöhnung
Vergißt er auch den Klang, die Formvollendung nicht;
Doch übersieht er ob der Reime süßer Tönung
Des Dichters eigentliche, erhabne Sendung nicht.
Den Mangel an Gehalt ersetzt ihm die Verschönung
Des Lieds durch Blumenschmuck und seine Wendung nicht.
Für Schlechtes und Gemeines bekehrt ihn zur Versöhnung
Des Wortes Flitterstaat, die Form und Endung nicht.

 

7.

    Lieber Sterne ohne Strahlen,
Als Strahlen ohne Sterne –
Lieber Kerne ohne Schalen,
Als Schalen ohne Kerne –
Geld lieber ohne Taschen,
Als Taschen ohne Geld –
Wein lieber ohne Flaschen,
Als umgekehrt bestellt!

 


 

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