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Die Lieder des Mirza-Schaffy

Friedrich von Bodenstedt: Die Lieder des Mirza-Schaffy - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Lieder des Mirza-Schaffy
authorFriedrich von Bodenstedt
year1984
firstpub1851
publisherR. v. Decker's Verlag, G. Schenck
addressHeidelberg
isbn3-7685-4484-2
titleDie Lieder des Mirza-Schaffy
pages187
created20100921
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Lieder zum Lobe des Weines und irdischer Glückseligkeit

Becherrand und Lippen
Sind Korallenklippen,
Wo auch die gescheitern
Schiffer gerne scheitern.
Rückert.

 

1.

          Aus dem Feuerquell des Weines,
Aus dem Zaubergrund des Bechers
Sprudelt Gift und – süße Labung,
Sprudelt Schönes und – Gemeines:
Nach dem eignen Wert des Zechers,
Nach des Trinkenden Begabung!

In Gemeinheit tief versunken
Liegt der Tor, vom Rausch bemeistert;
Wenn er trinkt – wird er betrunken,
Trinken wir – sind wir begeistert!
Sprühen hohe Witzesfunken,
Reden wie mit Engelzungen,
Und von Glut sind wir durchdrungen,
Und von Schönheit sind wir trunken!

Denn es gleicht der Wein dem Regen,
Der im Schmutze selbst zu Schmutz wird,
Doch auf gutem Acker Segen
Bringt und jedermann zunutz wird!

 

2.

        Mein Lehrer ist Hafis, mein Bethaus ist die Schenke,
Ich liebe gute Menschen und stärkende Getränke;
Drum bin ich wohlgelitten in den Kreisen
Der Zecher, und sie nennen mich den Weisen,
Komm ich – da kommt der Weise! sagen sie;
Geh ich – schon geht der Weise! klagen sie;
Fehl ich – wo steckt der Weise? fragen sie!
Bleib ich – in lust'ger Weise schlagen sie
Laut Glas an Glas. Drum bitt' ich Gott den Herrn,
Daß er stets Herz und Fuß die rechten Pfade lenke,
Weit ab von der Moschee und allen Bonzen fern
Mein Herz zur Liebe führe und meinen Fuß zur Schenke;
Daß ich dem Wahn der Menschen und ihrer Dummheit ferne
Das Rätsel meines Daseins im Becher Weins ergründe,
Am Wuchse der Geliebten das All umsassen lerne,
An ihrer Augen Glut zur Andacht mich entzünde.
O, wonniges Empfinden! o, Andacht ohne Namen!
Wenn Kolchis' Feuerwein mir Mark und Blut durchdrungen,
Ich die Geliebte halte und sie hält mich umschlungen
Beseligt und beseligend – so möcht' ich sterben! Amen.

 

3.

        Die Weise guter Zecher ist
In früh und später Stunde,
Daß alter Wein im Becher ist
Und neuer Witz im Munde –
    Denn wo man eins davon entbehrt,
    Da ist das andre auch nichts wert
        Das eine steht zum andern.

Je mehr wir uns vertieft im Wein,
Je höher steigt der Geist uns –
Der Bart der Weisheit trieft von Wein,
Die ganze Welt nmkreist uns
    Versunken ganz in Trunkenheit,
    Und trunken in Versunkenheit,
        In Wein, Gesang und Liebe!

Die Weisen beim Pokale stehn
Hoch über der Gemeinheit,
Wie Berge überm Tale stehn
In himmelhoher Reinheit –
    Die Berge färbt des Himmels Licht,
    Uns widerstrahlt das Angesicht
        Im Glanz der vollen Becher!

Sagt, was die Welt zum Tausch uns gibt
Für unser lustig Leben!
Die Wonne, die ein Rausch uns gibt,
Wer mag uns Bess'res geben?
    Nur eins kenn' ich, das schöner ist:
    Wenn du, Hafisa, bei mir bist,
        Mit Küssen und mit Scherzen!

Und weil so kurz das Leben ist,
Muß stets der Weisen Ziel sein:
Des Glücks, das uns gegeben ist,
Kann nimmermehr zuviel sein!
    Drum Kind, laß alle Skrupel sein,
    Und steig herab in unsre Reihn
        Wie ins Gebirg' der Sonne!

 

4.

        Mullah, rein ist der Wein,
Und Sünd' ist's, ihn zu schmähn
Mögst du tadeln mein Wort,
Mögst du Wahrheit drin sehn!

Nicht das Beten hat mich
Zur Moschee hingeführt:
Betrunken hab' ich
Mich vom Wege verirrt!

 

5.

        Jenem Tage zum Gedächtnis
Sei ein langer Trunk gemacht,
Wo vom Bethaus in die Schenke
Ich den ersten Sprung gemacht!

War verdummt in blinder Demut,
War gealtert wie ein Greis –
Aber Wein, Gesang und Liebe
Hat mich wieder jung gemacht!

Trink, Mirza-Schaffy, berausche
Dich in Liebe, Sang und Wein!
Nur im Rausch sind deine Lieder
So voll Glut und Schwung gemacht!

 

6.

          Wie die Nachtigallen an den Rosen nippen,
– Sie sind klug und wissen, daß es gut ist! –
Netzen wir am Weine unsre Lippen,
– Wir sind klug und wissen, daß es gut ist! –

Wie die Meereswellen an den Felsenklippen,
– Wenn das sturmbewegte Meer in Wut ist –
Breche schäumend sich der Wein an unsern Lippen,
– Wir sind klug und wissen, daß es gut ist! –

Wie ein Geisterkönig, ohne Fleisch und Rippen,
– Weil sein Wesen eitel Duft und Glut ist, –
Zieh' er siegreich ein durchs Rosentor der Lippen,
– Wir sind klug und wissen, daß es gut ist! –

 

7.

        Wo man fröhlich in traulicher Runde ist,
Ohne zu achten ob's früh oder spät an der Stunde ist,
Wo der Becher von Wein überfließt, und die Lippe von Witz,
Und ein rosiges Kind mit den Zechern im Bunde ist:
Gerne dort weilst du, o Mirza-Schaffy! wo die Weisheit
Hinter den Ohren nicht feucht, und nicht trocken im Munde ist.

 

8.

        Woran erkennest du die schönsten Blumen? An ihrer Blüte!
Woran erkennest du die besten Weine? An ihrer Güte!
Woran erkennest du die besten Menschen? An dem Gemüte!
Woran erkennest du den Scheich und Mufti? An der Kapuze!
Die Antwort, Freund, ist richtig, – geh und mache sie dir zunutze!

 

9.

        Im Winter trink ich und singe Lieder
        Aus Freude, daß der Frühling nah ist –
Und kommt der Frühling, trink ich wieder
        Aus Freude, daß er endlich da ist.

 

10.

        Verbittre dir das junge Leben nicht,
Verschmähe, was dir Gott gegeben, nicht!

Verschließ dein Herz der Liebe Offenbarung
Und deinen Mund dem Trank der Reben nicht!

Sieh, schönern Doppellohn, als Wein und Liebe,
Beut dir die Erde für dein Streben nicht!

Drum ehre sie als deine Erdengötter,
Und andern huldige daneben nicht!

Die Toren, die bis zu dem Jenseits schmachten,
Sie lassen leben, doch sie leben nicht!

Der Mufti mag mit Höll' und Teufel drohen,
Die Weisen hören das und beben nicht!

Der Mufti glaubt, er wisse alles besser,
Mirza-Schaffy glaubt das nun eben nicht!

 

11.

        O selig, wem von Urbeginn
    Im Schicksalsbuch geschrieben ist,
Daß er bestimmt zu leichtem Sinn,
    Zum Trinken und zum Leben ist!

Der Zorn des Bonzen stört ihn nicht,
    Moscheenduft betört ihn nicht,
Ob er allein – beim Becher Wein,
    Ob er beim Lieb geblieben ist!

Solch Los ist dein, Mirza-Schaffy!
    Genieß es ganz und klage nie!
Denk beim Pokal – daß stets die Zahl
    Der Wochentage sieben ist!

Am ersten Tag beginnt der Lauf
    Und erst am letzten hört er auf –
Wie's kommt, so geht's – bedenke stets
    Daß Glück nicht aufzuschieben ist!

Ein leichter Sinn, ein frohes Lied
    Ist alles, was dir Gott beschied;
Drum laß den Wahn – verfolg die Bahn,
    Auf die dein Fuß getrieben ist!

 

12.

        Euch mißfällt mein Dichten, weil ich
    Immer nur das eine singe?
Nur von Rosen, Lenz und Liebe,
    Nachtigall und Weine singe?

Was ist schöner: daß der Sänger
    Irrlicht, Nacht und Lampe preist –
Oder daß er von der einen
    Sonne ew'gem Scheine singe?

Und wie eine Sonne gieß' ich
    Meine Liederstrahlen aus,
Weil ich immer nur das Schöne,
    Niemals das Gemeine singe.

Mögen andre Lieder rühmen
    Kampf, Moschee und Fürstenglanz –
Nur von Rosen, Wein und Liebe
    Sollen immer meine singen!

O, Mirza-Schaffy! Wie lieblich
    Duftet's aus den Versen her!
Denn so schön wie deine Lieder
    Kann ein andrer keine singen!

 

13.

        Trinkt Wein! Das ist mein alter Spruch
Und wird auch stets mein neuer sein,
Kauft euch der Flasche Weisheitsbuch,
    Und sollt' es noch so teuer sein!

Als Gott der Herr die Welt erschuf,
Sprach er: Der Mensch sei König hier!
Es soll des Menschen Haupt voll Witz,
    Es soll sein Trank voll Feuer sein!

Dies ist der Grund, daß Adam bald
Vom Paradies vertrieben ward;
Er floh den Wein, drum konnt' es ihm
    Im Eden nicht geheuer sein!

Die ganze Menschheit ward vertilgt,
Nur Noah blieb mit seinem Haus,
Der Herr sprach: Weil du Wein gebaut,
    Sollst du mein Knecht, mein treuer sein.

Die Wassertrinker seien jetzt
Ersäuft im Wasser allzumal,
Nur du, mein Knecht, sollst aufbewahrt
    In hölzernem Gemäuer sein!

Mirza-Schaffy! Dir ward die Wahl
In diesem Falle nicht zur Qual;
Du hast den Wein erkürt, willst nie
    Ein Wasserungeheuer sein!

 

14.

        Wir saßen noch spät beisammen,
Der alte Wirt und ich;
Des Weines heilige Flammen
Ergossen sich über mich;
Die reine Glut der Jugend
Mir wiederzugeben schien er –
Nie fühlt ich so die Tugend
Des roten Kachetiner.
Ich konnt' im süßen Drang
Nur immer schlürfen und nippen.
Es wurden zu Gesang
Die Worte meiner Lippen;
Wie Adam vor dem Falle,
So schwamm ich in Entzücken,
Und wünschte, ich könnte alle
Auf Erden mitbeglücken.

Sprach ich zum Wirt: Ich wollte,
Ich könnte in Wein zerfließen!
Mein flüssiger Körper sollte
Ins Weltmeer sich ergießen!
Und sollt' es mit Weisheit würzen,
Dann sollte ins Meer zu den Fischen
Die ganze Welt sich stürzen:
Die Schulen und Moscheen,
Die Heiligen, die Wunder,
Die alle darin zu sehn,
Der ganze alte Plunder,
Der sollte untergehn!

Ich wollte alles auf Erden
Befreien aus seiner Haft,
Es sollte zu Wasser werden
Die ganze Wissenschaft –
Sie sollte untergehen,
Und wieder auferstehen
In neuer Glut und Kraft!

O laß, Mirza-Schaffy!
– So sprach der alte Weinwirt
Laß deine Phantasie,
Und bis dein Leib zu Wein wird,
Bis deine Glieder zerfließen,
Zu würzen des Weltmeers Flut:
Laß sich in dich ergießen
Des Weines heilige Glut!
Laß alle frommen Toren
In Nüchternheit versinken;
Kein Tropfen geht verloren
Von dem, was Weise trinken!

 

15.

        Wähne niemand sich den Weisen
Im Genuß des Weins vergleichbar;
Denn was wir im Trunke preisen,
Bleibt den Toren unerreichbar!

Durch den Wein zum Blumenbeet
Wird die Phantasie verwandelt,
Drin der Odem Gottes weht,
Drin der Geist der Schönheit wandelt.

Blumen blühen uns zu Füßen,
Uns zu Häupten glühen Sterne –
Jene aus der Nähe grüßen,
Diese grüßen aus der Ferne!

Welch ein liebliches Gewimmel!
Freude blüht auf jedem Schritt mir –
Und den ganzen Sternenhimmel,
Samt den Blumen, trag' ich mit mir.

 

16.

        Trink nie gedankenlos,
Und nie gefühllos trinke –
Mach' dich nicht allzu groß,
Und nie zu tief versinke,
    Wenn vor dir, goldnen Scheines,
    Ein voller Humpen blinkt:
    Der ist nicht wert des Weines,
    Der ihn wie Wasser trinkt!

Es liegt im Wein die Kraft
Des Schaffens, der Zerstörung;
Zur Quelle wird sein Saft
Der Weisheit wie Betörung –
    Doch, ob er diesem Reines
    Und jenem Trübes bringt,
    Der ist nicht wert des Weines,
    Der ihn wie Wasser trinkt!

 

17.

        Wenn Mirza-Schaffy den Becher erhebt,
            Einen Witz im Munde;

Wie sich freudig das Herz der Zecher erhebt
            In der jauchzenden Runde!

Sie fühlen es, daß für die Tollheit der Welt
            Sich zu jeglicher Stunde

Aus dem Geiste des Weines ein Rächer erhebt,
            Mit der Weisheit im Bunde!

 


 

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