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Die Lieder des Mirza-Schaffy

Friedrich von Bodenstedt: Die Lieder des Mirza-Schaffy - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Lieder des Mirza-Schaffy
authorFriedrich von Bodenstedt
year1984
firstpub1851
publisherR. v. Decker's Verlag, G. Schenck
addressHeidelberg
isbn3-7685-4484-2
titleDie Lieder des Mirza-Schaffy
pages187
created20100921
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Lieder der Klage

Die frohen Freunde laden dich,
O komm an unsre Brust!
Und was du auch verloren hast,
Vertraure den Verlust.
Goethe.

 

1.

        Im Garten klagt die Nachtigall
    Und hängt das feine Köpfchen nieder:
Was hilft's, daß ich so schöne Lieder
    Und wundersüße Töne habe –
Solange ich mein grau Gefieder
    Und nicht der Rose Schöne habe!

Im Blumenbeet die Rose klagt:
    Wie soll das Leben mir gefallen?
Was hilft's, daß vor den Blumen allen
    Ich Anmut, Duft und Schöne habe –
Solang' ich nicht der Nachtigallen
    Gesang und süße Töue habe.

Mirza-Schaffy entschied den Streit.
    Er sprach: Laßt euer Klagen beide,
Du Rose mit dem duft'gen Kleide,
    Du Nachtigall mit deinen Liedern:
Vereint, zur Lust und Ohrenweide
    Der Menschen, euch in meinen Liedern!

 

2.

        Wieder ist der Frühling ins Land gekommen,
Ist in blumigem, buntem Gewand gekommen.

Sonst als einem Freunde bin ich ihm entgegen
Mit einem vollen Becher in der Hand gekommen.

Jetzt meid' ich ihn, denn unter seinen Blumen
Bin ich an der Verzweiflung Rand gekommen.

Bin um Zuléikha und mit der Geliebten
Um Freude, Glück und Verstand gekommen.

 

3.

        Es ist ein Wahn zu glauben, daß
    Unglück den Menschen besser macht.
Es hat dies ganz den Sinn, als ob
    Der Rost ein scharfes Messer macht,
Der Schmutz die Reinlichkeit befördert,
    Der Schlamm ein klares Gewässer macht!

 

4.

        Wie auf dem Feld nur die Frucht gedeiht,
    Wenn sie Sonne und Regen hat,
Also die Taten des Menschen nur,
    Wenn er Glück und Segen hat!

 

5.

            Wohl mag es im Leben
Der Fälle geben,
Daß Unglück die Seele läutert,
Wie Erfahrung den Blick erweitert.
    Es gibt auch Fälle, wo der Arzt
Zur Heilung Gift verschrieben hat
Und Gift das Übel vertrieben hat –
    Doch wär' es nicht Übereilung,
Aus solchem Fall die Erfahrung zu nehmen:
    Zu jeglichen Übels Heilung
Sei es nötig, Gift zur Nahrung zu nehmen?

 

6.

      Nicht immer am besten erfahren ist,
Wer am ältesten an Jahren ist –
Und wer am meisten gelitten hat,
Nicht immer die besten Sitten hat!

 

7.

          Mirza-Schaffy! Du müßtest blind sein,
Von Herzen ein Greis, von Glauben ein Kind sein,
Wolltest du dich in deinem Tun und Dichten
Nach Glauben und Satzung der Toren richten!

 

8.

        Ein schlimm'res Unglück als der Tod
Der liebsten Menschen – ist die Not!
Sie läßt nicht sterben und nicht leben,
Sie streift des Lebens Blüte ab,
Streift, was uns Lieblichstes gegeben,
Vom Herzen und Gemüte ab,
Den Stolz des Weisesten selbst beugt sie,
Daß er der Dummheit dienstbar werde –
Der Sorgen bitterste erzeugt sie,
Denn man muß leben auf der Erde.

Not ist das Grab der Poesie,
Und macht uns Menschen dienstbar, die
Man lieber stolz zerdrücken möchte,
Als sich vor ihnen bücken möchte.

Doch darfst du darum nicht verzagen.
Bis dir das Herz zusammenbricht:
Das Unglück kann die Weisheit nicht –
Doch Weisheit kann das Unglück tragen.

Verscheuch' den Gram durch Liebsgekose,
Durch deiner süßen Lieder Schall!
Nimm dir ein Beispiel an der Rose,
Ein Beispiel an der Nachtigall:

Die Rose auch, die farbenprächtige,
Kann nicht der Erde Schmutz entbehren –
Die Nachtigall, die liedesmächtige,
Muß sich von schlechten Würmern nähren!

 

9.

            Es hat einmal ein Tor gesagt,
Daß der Mensch zum Leiden geboren worden;
    Seitdem ist dies, – Gott sei's geklagt! –
Der Spruch aller gläubigen Toren worden.

    Und weil die Menge aus Toren besteht,
Ist die Lust im Lande verschworen worden,
    Es ist der Blick des Volkes kurz,
Und lang sind seine Ohren worden.

 

10.

        Die schlimmsten Schmerzen sind auf Erden,
Die ausgeweint und ausgeschwiegen werden.

 

11.

      Der Quell, der hoch vom Berge springt,
Bahnt leicht sich seinen Lauf;
Den Quell, der aus der Tiefe dringt,
Hält manches Hemmnis auf.

Der eine strahlt in lichter Pracht,
Sein Lauf ist ein Triumph;
Des andern hat kein Auge Acht,
Er endigt oft im Sumpf.

Und ob auch ganz die gleiche Kraft
In beiden webt und wirkt:
Wie anders, was die freie schafft,
Als die zu eng bezirkt!

 

12.

        Es weht der Gottesodem
Durch Himmel, Erd' und Flut;
Haucht aus der Tiefe Brodem
Und aus der Höhe Glut.

Läßt Adler hoch sich schwingen,
Gespreizte Pfaun sich blähn;
Läßt Nachtigallen singen
Und Glaubenshähne krähn.

Schafft Kräfte der Entzweiung
Läßt Torheit herrschen lang, –
Doch gibt auch zur Befreiung
Der Weisheit Kraft und Drang.

Der Frühling heilt die Schäden,
Die uns der Winter schlug;
Weisheit spinnt goldne Fäden
Aus Torenwahn und Trug.

Du forsche nicht vergebens
Nach dieser Schöpfung Sinn:
Zieh aus dem Schmerz des Lebens
Auch deinen Glücksgewinn.

 

13.

        Mirza-Schaffy! Nun werde vernünftig,
Laß deines Wesens Unstätigkeit –
Zu ernsterem Geschäfte künftig
Verwende deine Tätigkeit!

Sieh Mirza-Hadshi-Aghassi an,
Was das ein Herr geworden ist!
War früher ein ganz gemeiner Mann,
Wie er jetzt behangen mit Orden ist!

Drum widme deine Kräfte dem Staate,
Für den sie sonst verloren sind,
Weil meist die größten Herrn im Rate
Zugleich die größten Toren sind.

Ich sprach: Viel andre werden schon
Geschickt zu solchem Platz sein,
Doch schwerer dürfte für meine Person
Ein passender Ersatz sein.

Darum: Zeigst du mir einen Mann,
Der jetzt im Rate Stimm' und Sitz hat,
Und solche Lieder singen kann
Wie ich, und meinen Geist und Witz hat:

So lasse ich meine Unstätigkeit,
Lasse Trinken, Singen und Dichtung,
Und gebe meiner Tätigkeit
Sofort eine andere Richtung.

 


 

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