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Die Liebesbriefe der Marquise

Lily Braun: Die Liebesbriefe der Marquise - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorLily Braun
titleDie Liebesbriefe der Marquise
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.-G.
seriesGesammelte Werke
volumeBand 5
printrun1.-20. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070813
projectid69992df2
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Der letzte Akt

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine

Paris, den 3. Mai 1786.

Endlich ein Lebenszeichen, Geliebte, das den Bann von uns nimmt, das mir nicht nur auf ein Wiedersehen die Aussicht eröffnet –, im Gedanken daran schwanke ich zwischen Qual und Seligkeit, denn mit zuviel Selbsterniedrigung muß ich es erkaufen, – das mir vor allem die Zunge löst, um die große Frage unserer Zukunft mit Dir zu besprechen. Monatelang habe ich geschwiegen; vielleicht hätte ich Deinen Wunsch danach nicht zu erfüllen vermocht, wenn nicht ein holdes Wunder mir begegnet wäre.

Im Oktober vorigen Jahres war es. Die Sehnsucht zehrte an mir, ich vergaß alles: Deine Wünsche, meine Versprechungen, und ritt vor Sonnenaufgang fort, entschlossen, Dich zu sehen, und wenn ich Mauern sprengen müßte. Je näher ich dem Ziele kam, desto mehr spornte ich den Rappen, so daß er, solcher Behandlung ungewohnt, wie gehetzt vorwärtsstürmte. Unten im Dorfwirtshaus ließ ich ihn stehen und ging den Berg hinauf zu Fuß; das verschlossene Parktor gab meinem Rütteln nach; weiß leuchtete schon das Schlößchen durch das Laub. »Mont de joie« flüsterte ich, seliger Erwartung voll, vor mich hin, – da stockte mein Fuß.

Ich hörte ein leises Singen; so zärtlich klang es und war doch kein Liebeslied, so viel Jubel lag darin und war doch keine Siegeshymne. Die Stimme kannte ich; ihrem Klange wollte ich nachstürzen, aber etwas Fremdes, Neues in ihr zügelte meine Leidenschaft. Ich schlich durch das Dickicht. Und da sah ich Dich: auf der weißen Bank unter dem dunkelroten Dach der Kastanien, das Knäblein im Arm, dessen winziges Mündchen durstig an deinem hüllenlosen, rosigen Busen lag. Du sahst mich nicht; gebannt hing Dein Blick an dem Kinde; Du fühltest nicht meine Nähe; all Dein Empfinden gehörte ihm. Mein Begehren verstummte, und doch liebte ich Dich noch nie so stark, so tief wie jetzt. Ich ging, wie ich kam, – ungesehen, – diesen Frieden zu stören, wäre mir wie ein Sakrilegium vorgekommen.

Nun aber, Du süße Mutter meines Sohnes, darf ich Dich wiedersehen, darf es wagen, Dich all den Aufregungen ausgesetzt zu wissen, die unserer endlichen dauernden Vereinigung vorausgehen werden. Du schreibst kein Wort darüber, ich vermisse sogar den helleren Ton der Freude über Deinen Aufenthalt in Paris; Du klagst, daß der Marquis Dich immer um sich haben will, daß er den Kleinen von Tag zu Tag mehr mit dem Stolz des echten Vaters betrachtet. Ich wollte, er zeigte sich als ein noch größerer Tyrann, damit Du die Freiheit um so rücksichtsloser erkämpfen möchtest!

Denn, nicht wahr, das eine steht für Dich unverbrüchlich fest: daß Du mir gehörst, – mir allein?

Wenn ich in Etupes durch die menschenleeren Räume ging, hörte ich oft plötzlich das Rauschen eines Kleides neben mir, und aus dem Gang tönte mir helles Kinderlachen entgegen. Waren es Gespenster der Vergangenheit, oder nicht vielmehr süße Ahnungen der Zukunft?! Sind wir nur erst vereint, Geliebteste, was könnte mich dann noch in den brodelnden Höllenpfuhl der Hauptstadt locken?

Alles Erleben wird hier zum Fieber, jedes Geschehnis zum Ausgangspunkt katastrophaler Ereignisse. Vor dem Parlament, das jetzt seit Wochen die Halsbandaffäre verhandelt, strömt ein täglich wachsender Haufe erregter Massen zusammen. Erscheint Rohan auf dem Wege von oder zur Bastille, so begrüßen ihn lärmende Ovationen, und man würde nicht begreifen, wie dieselben Leute, die jeden politischen Reaktionär niederbrüllen, den Kardinal, den Feind jeden Fortschritts, fast zu ihrem Idol zu machen vermögen, wenn man nicht zu genau wüßte, daß er ihnen in diesem Augenblick nur als ein Opfer monarchischer Willkür erscheint. Ihre scheinbare Liebe für ihn ist nichts als der deutliche Haß gegen den Absolutismus.

Ich selbst folge mit steigender Anteilnahme den Verhandlungen, deren traditionelle Geheimhaltung nachgerade lediglich auf dem Papiere steht wie so viele andere Traditionen. Rohan benimmt sich dabei wie ein Edelmann: ruhig, würdevoll, ohne ein Wort zuviel zu sagen.

Die Lamotte dagegen, seine Helfershelferin, gebärdet sich wie eine Wahnsinnige und zeigt dadurch, daß das Blut der Valois, dessen sie sich rühmt, schon recht stark verdünnt in ihren Adern rollen muß. Kein Zweifel, daß der Kardinal sich von dieser geschickten Abenteuerin zu seinen letzten unvorsichtigen Schritten verführen ließ. Aber ihre Gestalt, die jetzt im hellen Lichte der Untersuchung steht, wirft einen dunklen Schatten auf die einer anderen, die im Saale selbst niemand anzugreifen wagt, die aber jene unheimlich wachsende Macht, – die öffentliche Meinung, – in tragischem Ernst wie in zügellosen Witzen als die wahrhaft Schuldige bezeichnet: die Königin. Das Halsband, dessen glänzende Steine der letzte Pesthauch des sterbenden Königs trübte, hat eine verheerendere Seuche verbreitet als die war, an der Ludwig XV. zugrunde ging.

Das Herrscherpaar ist fast ganz isoliert. Der Klerus und der Adel vergessen ihm nie die infamierende Art, mit der es einen seiner ersten Würdenträger verhaften ließ, das Volk erfaßt mit Freuden die Gelegenheit, um die Königin in den Schmutz seiner Menschlichkeiten hinabzuziehen. Seitdem überdies bekannt wurde, daß der Finanzminister, Herr von Calonne, einen Teil der Staatsanleihen benutzte, um die Schulden des Grafen von Artois und des Herzogs von Bourbon zu bezahlen, wird jede Art abenteuerlicher Geldbeschaffung ohne weiteres geglaubt. Sogar ein ehrlicher Kerl wie Lucien Gaillard, den ich allabendlich im Palais-Royal zu sehen pflege, war überzeugt von der Existenz des Diamantsaals und des silbernen Fußbodens im Schloß von Trianon!

Um seine Popularität könnte ihn übrigens jeder Minister beneiden. Mit jenem letzten Rest sklavischer Unterwürfigkeit des Bürgers vor dem Aristokraten pflegt sonst die öffentliche Meinung um so mehr zu verstummen, je höher der Rang desjenigen ist, dem sie sich gegenübersteht, um von den Mauern des Königsschlosses nur wie ein fernes Murren wiederzuhallen; Gaillard dagegen steht so ganz auf der Höhe seiner Zeit und fühlt so gar nicht mehr die hergebrachten Standesunterschiede, daß ich, – laß mich Dir lächelnd diese Schwäche gestehen, – die Selbstverständlichkeit seiner Gleichstellung bei aller theoretischen Anerkennung, die ich für sie habe, oft peinlich empfinde! Ich dachte daran, ihn einmal als unsern Haushofmeister nach Etupes zu nehmen, aber ich kann mich doch nicht recht an den Gedanken gewöhnen, meinem Angestellten kordial die Hand zu schütteln, seine Ansichten als den meinen gleichberechtigt gelten zu lassen.

An der Schwierigkeit, die mir Abweichungen von den bloßen Formen der Vergangenheit bereiten, ermesse ich, wie fast unmöglich es einem absoluten Monarchen sein muß, mit ihrem Inhalt zu brechen.

Ich war kürzlich zur Tafel in Versailles. Der König sieht schlecht aus und ist merkwürdig ernst geworden; die Königin ist von forcierter Lustigkeit. Man sagt, daß die Zartheit des Dauphin ihr Sorgen bereite, die selbst der Anblick ihres blühenden zweiten Söhnchens nicht zu verscheuchen vermag. Sie hat die Farm im Park von Trianon, wo sie ihre fröhlichsten Stunden verlebte, zwölf armen Paaren zum Wohnsitz überlassen, und seit der unheilvollen Aufführung des Barbiers von Sevilla, die zwei Tage nach der Verhaftung Rohans stattfand, und wo die Königin es erleben mußte, vor einem halbleeren, beifallskargen Saal zu spielen, das kleine Theater nicht mehr betreten.

Erscheint mir nur die Welt so dunkel, weil Du sie mir nicht erhellst, sind es die reiferen Jahre, die sie uns nicht mehr im rosigen Licht der eigenen Jugend malen, oder ist sie wirklich umhüllt von gewitterschwüler Sommernacht? Mit Dir, Geliebte, traue ich mir erst zu, der Wahrheit näher zu kommen.

Noch einer Begegnung muß ich gedenken: ich traf Herrn von Altenau im Klub. Er schien mich meiden zu wollen. Da er im Organ Neckers, dem Journal de Leyde, einen einflußreichen Posten bekleidet, interessiert er mich, und ich nötigte ihm, als er ging, meine Begleitung auf. Er blieb einsilbig. Erst auf dem Pont neuf, unter dem die Seine sich im Schein der neuen roten Laternen wie ein Strom von Blut langsam dahinwälzt, wurde er lebhafter. Er frug nach Dir und erzählte überhastig, was Dir einst an dieser Stelle begegnet ist. Als ich ihm sagte, daß Du Dich wieder eines Sohnes freutest, stürzten ihm die Tränen aus den Augen. Hast Du gewußt, daß er Dich so sehr liebte? Wer, der Dich kennt, vermöchte Dich nicht zu lieben!

Ich wage noch kaum zu hoffen, daß Du wirklich in vier Wochen schon hier sein willst, – Du und Dein Kind – unser Kind, Delphine!

Warum nur die Vorsichtsmaßregeln mit diesem Brief? Sollte der Marquis Deine Korrespondenz überwachen?! Das sieht seiner vornehmen Natur wenig ähnlich!

Ich schließe Dich an mein Herz, Du liebe, geliebte Frau; ich lebe der Stunde, wo ich Dich nie mehr von mir lasse.

Marquis Montjoie an Delphine

Paris, den 20. Mai 1786.

Meine Liebe. Nachdem ich im Hôtel des Rois ein geeignetes Quartier für uns gefunden habe, bitte ich Sie, so bald als möglich von Froberg abzureisen. Ich habe bereits unserem Haushofmeister die nötigen Anweisungen erteilt, an denen nichts geändert werden soll. Die Benutzung der Post ist der des eigenen Wagens in dieser unruhigen Epoche unbedingt vorzuziehen. Als mir unterwegs ein Pferd stürzte und der Kutscher in einem nahen Gehöft Hilfe suchte, verweigerte sie ihm der Bauer mit der Bemerkung: »Die Zeiten sind vorüber, wo der Edelmann, wenn er keine Gäule mehr hatte, uns vor seine Karosse spannte.« Die Postreisenden, die ihren Stand nicht verraten, werden weniger leicht insultiert.

Sie werden übrigens während der Fahrt bemerken, wie recht ich hatte, als ich Ihr übertriebenes Mitgefühl, das uns alle Bettler nach Froberg lockte, zu bekämpfen versuchte, überall begegnet man jetzt offenbaren Zeichen steigender Wohlhabenheit: neuen oder gut ausgebesserten Häusern, gepflegteren Feldern, behäbig gekleideten Leuten.

Trotzdem ist der einmal erweckte Geist der Unzufriedenheit unausrottbar. Je mehr man dem Pöbel mit Reformen entgegenkommt, desto mehr verlangt er. Und wie ich aus den Berichten meiner Pariser Freunde schon entnahm, wirkt die Schwäche des Königs und die Angst des Finanzministers vor gewaltsamem Umsturz zusammen, um uns auf diesem Wege vorwärts zu treiben. Der Prozeß Rohan konnte die Lage nur verschlimmern. Nach dem Affront dieser Verhaftung ziehen sich alle Gutgesinnten vom Hof zurück. In diesem Fall fühle ich mich auf selten des brüllenden Pöbels vor dem Pariser Parlament, der peremptorisch die Freiheit des Kardinals fordert.

Es ist mir nicht leicht geworden, die Ruhe von Froberg mit Paris zu vertauschen. Aber unser aller Schicksal hängt vielleicht von den nächsten Wochen ab, und ich kann nicht untätig zusehen. Der Einfluß, der mir beim König noch geblieben ist, muß ausgenutzt werden. Warum ich Ihnen die Reise zumute und damit leider auch dem Kleinen, von dem Sie, obwohl er auf dem Lande viel besser aufgehoben wäre, zu trennen sich weigern, mochte ich noch mit einigen Worten erklären, da ich, wie Sie wissen, mündliche Auseinandersetzungen, die leicht in Szenen ausarten, vermeide. Mir fehlt noch das Vertrauen zu Ihnen. Montbéliard und Etupes sind zu nah, als daß ich nicht fürchten müßte, die Mutter meines Erben könnte sich vergessen.

Marquis Montjoie an Delphine

Paris, den 22. Mai 1786.

Meine Liebe. Ich sehe mich genötigt, Ihnen vor Ihrer Abreise noch diese Zeilen zukommen zu lassen, damit Sie orientiert sind, was ich von Ihnen erwarte. Ich sah gestern den Prinzen Montbéliard. Sie werden ihm also in der Gesellschaft auch begegnen, und es ist selbstverständlich, daß wir, um jedes Gerede unmöglich zu machen, ihm nicht aus dem Wege gehen können. Ich nehme Ihnen dabei das feierliche Versprechen ab, daß Sie die Beziehungen zu ihm nicht erneuern werden. Ich will Sie nicht an die Pflicht der Dankbarkeit erinnern, die Sie mir gegenüber, der Sie und Ihr Kind vor öffentlicher Schande rettete, empfinden müßten. Ich will Ihnen nur hiermit erklären, daß ich, von dem Augenblick an, wo ich den Erben anerkannte, die Ehre des Namens, den ich ihm gab, zu schützen weiß.

Gestern wurde Rohan freigesprochen. Das Volk brachte ihm stürmische Ovationen dar, die bis in die innersten Gemächer von Versailles geklungen haben müssen. Die Königin schloß sich allein in ihr Zimmer. Sie mag empfunden haben, daß dieser Freispruch zugleich ihre Verurteilung war.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine

Versailles, den 10. Juni 1786.

Mein armer Liebling, was hat er aus Dir gemacht! Mußte ich meine tapfere Delphine so ängstlich, so kleinmütig wieder finden?! Selbst der Scharfblick meiner Liebe hätte Dich nicht zu durchschauen vermocht, als Du gestern in der Akademie vor mir standest, blaß und schüchtern wie ein kleines Mädchen. Erst Deine flüchtigen, hastig hingeworfenen Zeilen klärten mich auf. Du gabst dem Marquis das Versprechen, das er forderte; »ich erkaufe mir mit dieser Sünde den letzten Rest von Freiheit«, schreibst Du und in rührenden Worten bittest Du mich, – mich, von dem alles Leid Dir kam! – Dir das Unrecht zu verzeihen; als ob Deine Sünden, Geliebteste, jemals Sünden sein können! Nur Deine Schwäche, die es zugab, daß der Marquis unser Kind für das seine erklären durfte, war ein Unrecht gegen Dich selbst, gegen uns, und rächt sich fürchterlich. Aber unsere Liebe wird stark genug sein, auch das zu überwinden.

Wir dürfen einander nicht schreiben, sagst Du, »wenn sich der Marquis auch nie dazu verstehen würde, die Dienerschaft zu Spionen zu machen, so sieht und fühlt er alles, seitdem kein Cagliostro mehr seine Blicke ablenkt.« Sollten wir nicht doch noch klüger sein können als er?!

Gaillard, dessen Verehrung für Dich sogar stärker ist als seine republikanische Gesinnung, habe ich die Besorgung dieses Briefes ruhig anvertraut. Ich bin seiner vollkommen sicher. Wir werden uns zunächst in Gesellschaften sehen, und je größer sie sind, desto leichter können wir in ihrer Mitte allein sein. Wir müssen beraten, was zu tun ist, und – ich muß Dich wieder küssen dürfen, Du Süße, damit Deine Lippen sich röten und das Blut in Deine Wangen zurückkehrt. Ich habe Dich ja so lieb, so lieb, und meine Sehnsucht ist so riesengroß, daß es mir scheint, als könnte ich sogar all die häßlichen Heimlichkeiten verborgener Liebe ertragen!

Werde ich Dich morgen bei Herrn von Puységur sehen, der, wie er mir sagte, eine neue Somnambule entdeckt hat, die »erstaunlich« sein soll, und übermorgen bei Frau von Staël, die in einem neuen Gesellschaftsspiel ihren Geist leuchten lassen will? Nie sahst Du so entzückend aus, Holdseligste, als gestern: die süße kleine Marquise mit den zarten Händen und Füßen und der feinen Taille, aus der der Busen wie eine Rose aus dem Kelch schimmernd emporsteigt, neben der neuen Gesandtin Schwedens mit den starken Knochen, dem breiten Gesicht, den forschenden Augen, in einem Gewand, das halb eine Mönchskutte, halb ein griechisches Peplos schien. Selbst Guibert, der die ehrgeizige Tochter Neckers als die Aspasia Frankreichs feierte, und seine Bewunderung für die ganze Familie sogar in seine Eintrittsrede unter die Akademiker einflocht, um die Erinnerung an seine frühere Stellungnahme ganz zu verwischen, war einen Augenblick lang wie benommen, als er Dich sah.

»Sie sind ein Sammler von Zeitdokumenten, Herr Graf,« sagte ihm beim Ausgang Herr von Champcenetz, »Mademoiselle de Lespinasse, Madame la marquise de Montjoie, Madame de Staël – «. Aber schon ging der Angeredete stirnrunzelnd und wortlos an ihm vorüber, während ich nicht übel Lust hatte, dem Spaßmacher gehörig heimzuzahlen. Aber mit welchem Recht darf ich für Dich eintreten, Geliebteste?

Graf Guibert an Delphine

Paris, den 23. Juni 1786.

Schönste Frau Marquise, Ihre Marmorkühle scheint keiner Huldigung weichen zu wollen. Sie zürnen mir anscheinend mit Recht, weil ich mich zurückzog, in Wahrheit: zurückgestoßen fühlte. Ein Soldat erinnert sich nur ungern seiner Niederlagen und geht darum den Festungen aus dem Wege, die ihm Trotz boten.

Aber wenn ich auch Ihr Herz nicht erobern konnte, möchte ich doch wenigstens Ihre gute Meinung nicht verlieren.

Madame de Staëls Geist hat mich gerade in einem Augenblick fasziniert, wo das verletzte Gefühl sich in sich selbst zurückzog. Es gibt eine Ermüdung der Sinne, die der geeignetste Zustand ist, um den Kopf in seine unbeschränkten Herrenrechte einzusetzen. Damals lernte ich Herrn Necker mit den Augen seiner Tochter sehen und fand in ihm schließlich einen Lehrer, ja einen Freund. Wenn Sie öfter mit ihm zusammen kämen, – und ich hoffe, Frau von Staël wird Sie allmählich zu fesseln verstehen, trotz Ihres Spottes über die »geistigen Seiltänzereien« der von ihr beliebten Gesellschaftsspiele –, würden Sie ihr beipflichten, daß die einzige Rettung für Frankreich die konstitutionelle Monarchie nach englischem Muster ist. Aber während die Anglomanie der Galanterie der Franzosen, ihrem gesellschaftlichen Geist, ihrem künstlerischen Geschmack in gefährlicher Weise Eintrag tut und kostbares französisches Gold für englische Pferde, Wagen und Kleider eingetauscht wird, können wir uns nicht entschließen, das Beste, was unser »Erbfeind« geschaffen hat, seine Staatsform, von ihm zu übernehmen.

Sie sehen, teuerste Marquise, wie Ihre Nähe mir notwendig ist. Wären Sie erst etwas länger hier, ich würde mit Ihnen nicht mehr zu politisieren vermögen!

Ich schicke Ihnen hiermit das versprochene Programm des Lyceums; möchte es Sie ebenso anziehen, wie es die Damen der Gesellschaft bisher angezogen hat; ich dürfte dann hoffen. Ihnen auch dort zu begegnen. Herr von Condorcet hat seine mathematischen Kurse, denen die schönen Zuhörerinnen mit besonderem Eifer folgen, sehr gut eingeleitet, indem er sagte: »Alle Prätensionen entspringen gleicherweise der Ignoranz der Menschen und der noch größeren Ignoranz derer, vor denen sie geltend gemacht werden. Wir glauben daher, daß das beste Mittel, um die Zahl der Prätentiösen zu vermindern, das ist, die Zahl der von ihnen Düpierten herabzusetzen. Kenntnisse, welcher Art sie auch sein mögen, sind nur dann nützlich, wenn sie Gemeingut sind. Es gibt kein Wissen, das nicht schädlich wäre, wenn nur eine kleine Anzahl Bevorrechteter es besitzt. Er hätte nichts Treffenderes für die Schöpfung allgemein zugänglicher Lyceen sagen können, zugleich nichts Schärferes, um die Geistlichkeit gegen sie aufzureizen. Jung und alt – Frauen vor allem – strömen in die Vorlesungen.

Würden Sie gestatten, daß ich Sie für eine der nächsten abholen darf? Wüßte ich Ihr Interesse gefesselt, würde ich mir die Zeit nehmen, stets in Ihrer Gesellschaft dort zu sein. Man trifft sich heute vor dem Katheder wie früher im Salon.

Durch die großen Reformen der Armee, mit denen ich angestrengt zu tun habe, – der König Friedrich von Preußen wird für uns jetzt erst lebendig, und des armen Baron von Pirch Mitteilungen erwachen aus dem Staub der Archive, – bin ich natürlich sehr in Anspruch genommen. Aber mein Herz, schönste Marquise, ist frei!

Lucien Gaillard an Delphine

Paris, den 4. Juli 1786.

Verehrte Frau Marquise. Das Lyceum ist eine Freistatt, läßt also auch Bucklige zu. Nachdem neulich der angeblich von Ihnen bestellte Blumentopf vom Diener des Herrn Marquis zurückgewiesen wurde, wobei der darin versteckte Brief unbeschadet an mich zurückgelangte, wähle ich diesen bequemeren Weg. Wenn Sie nicht anders befehlen, behalte ich ihn bei.

Da Sie so gütig sind, nach meinem Ergehen zu fragen, – was sonst niemandem jemals einfiel, – gestatte ich mir dem beiliegenden Schreiben des Prinzen das meine hinzuzufügen.

Es geht mir gut. Die Frau, die mich in ihrer schwächsten Stunde zur Welt brachte, ist gestorben. Mit dem schmutzigen Geld, das sie zusammenscharrte, erhalte ich meine Kinder, – lauter Garantien für die künftige Glückseligkeit Frankreichs! Ein paar Burschen, die aus dem Kloster entkamen, sind ihre Anführer. Ich selbst schreibe Artikel, Libellen, Chansons; – da es an Stoff nie fehlt, so fehlt es auch nicht an Leuten, die dafür zahlen.

»Die Laufbahn offen dem Talent!« – Beaumarchais' Worte fangen an Wahrheit zu werden. Ich würde dem, der sie aussprach, weiter verbunden gewesen sein, – er ließ sich seine Mémoires und Streitschriften gern von mir entwerfen, – wenn sie ihm nicht als ein letztes Ziel erschienen wäre. Seitdem die Königin ihre Worte von ihm sich diktieren, ihre Bewegungen von ihm dirigieren ließ, kämpfte seine Eitelkeit mit seinem Witz einen siegreichen Kampf. Er baute sich ein Palais gegenüber der Bastille, an der Straßenecke, wo täglich Scharen armer Arbeiter aus den Vorstädten vorüberströmen! Sie fangen an zu verstehen, was Steine sprechen: das Schloß des Worthelden und die Hochburg der Tyrannei!

Als er gegen den Grafen Mirabeau die Compagnie des Eaux de Paris verteidigte, wurde ich zum erstenmal stutzig. Ich wußte, daß er von ihr Aktien besaß, die auf das Dreifache ihres ursprünglichen Wertes gestiegen waren; daß das notwendigste Volksbedürfnis zum Gegenstand skrupellosester Spekulation gemacht wurde. Mirabeaus Antwort war ein Gewittersturm für den dürren Baum seines Ruhms. Selbst der Erfolg seiner Oper rettete ihn nicht mehr. Die Worte unserer großen Denker hörte man wohl, aber ihr Geist fehlte. Ich kündigte ihm den Dienst; die christliche Tugend, die Schwachen zu unterstützen, habe ich damals zuerst als Verbrechen erkannt. Man soll nur mit den Siegern gehen.

Daß ich diese Sieger kommender Schlachten fand, mit ihnen Schritt halte, die Erfüllung unserer Hoffnung in der eigenen Hand habe, weil ich handle – das läßt mich des Lebens froh werden. Meine letzte Broschüre »Nieder mit der Bastille!«, die ich anonym erscheinen ließ, – man liefert sich nicht leichtsinnig ans Messer der anderen, wenn man das eigene wetzen muß, – wurde konfisziert. Aber Hunderte hatten sie schon gelesen; Tausende wissen heute, daß die Bastille kein bloßes Bauwerk ist, von veralteten Kanonen und halben Invaliden bewacht, sondern der Staat selbst.

Verzeihen Sie mir, Frau Marquise! Meine Feder ist so sehr an Freiheit gewöhnt wie ich. Ich wollte Sie nicht erschrecken, die Sie auf einem anderen Sterne leben. Wenn ich es könnte, würde ich nur für Sie diesen Stern erhalten wollen. Aber er ist ja auch Ihnen kein Glücksstern.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine

Paris, den 4. Juli 1786

Teuerste Delphine! Trotzdem ich in der Dämmerung des Zimmers Deine Hand in der meinen halten, Deine weiche Wange leise mit meinen Lippen streifen konnte, bitte ich Dich, die Besuche bei Herrn von Puységur aufzugeben. Du bist nicht stark genug, um den Reden der Somnambulen mit der Ruhe gefestigten Geistes zu begegnen. Und ich selbst gestehe zu, der Eindruck, den das arme Bauernmädchen der Vogesen hervorruft, wenn sie aus dem Schlafe spricht, ist erschütternd. Ich habe sie heute nur im Beisein von Herrn von Puységur geprüft; sie erzählte Szenen aus dem amerikanischen Feldzug, die nur ich so deutlich hätte schildern können, und als wir sie nach der Zukunft frugen, befiel sie wieder jene quälende Angst. Sie stammelte: »Blut – Blut«, sie schlug entsetzt die Hände vors Gesicht, als ob sie mit geschlossenen Augen Gräßliches sähe; sie ging auf Fußspitzen mit hochgehobenem Rock durch das Zimmer, »das Blut steigt – steigt« stöhnte sie.

Ich würde ihren Aussagen nicht mehr Bedeutung beilegen als den Wahnsinnsausbrüchen einer Kranken, nicht, weil ich nur glaube, was sich beweisen läßt, – wir haben nachgerade eingesehen, daß Holbachs System de la nature mehr das Produkt menschlicher Überhebung als menschlicher Weisheit ist! –, wenn nicht überall Phänomene auftauchten wie dieses. Mein alter Reitknecht hat in einem Wirtshaus der Vorstadt St. Antoine ähnliches erlebt; eine kleine Tänzerin von Vauxhall hat neulich mitten in der Probe, von Schlaf überfallen, gräßliche Visionen gehabt. Es gibt viele Leute in allen Kreisen der Bevölkerung, die von der »großen Furcht« wie von einer Krankheit befallen sind.

Vielleicht wären wir beide, meine einzige Geliebte, weniger leicht der Ansteckung ausgesetzt, wenn unsere verfolgte Liebe nicht selbst voll Furcht wäre. Wie soll es enden?!

Da der Marquis Sonntag nach Saint-Cloud fahren will, werden wir endlich Gelegenheit haben, uns allein zu sehen. Sei um Mitternacht im Garten Deines Hotels unter der großen Linde. Ich weiß einen Eingang, der mich vor allen Blicken schützen dürfte. Wir müssen uns sprechen, obwohl ich zum erstenmal empfinde, daß ich einen Mann betrüge, der mir vertraut.

Graf Guy Chevreuse an Delphine

Saint-Cloud, den 25. Juli 1786.

Allerschönste Frau Marquise. Erst jetzt erfahren wir von Ihrem Aufenthalt in Paris. Haben Sie am Ende – es soll das sehr in Mode sein! – Ihr Herzchen an irgend einen Mirabeau verloren, daß Sie so herzlos sein konnten, unserer zu vergessen? Die Prinzessin Lamballe schreibt Ihnen zu gleicher Zeit, um Sie nach Saint-Cloud einzuladen, und ich putze den Rost von meinem Witz, damit er mit dem Geist der Pariser konkurrieren kann. Sind Sie doch, wie ich zu meiner lebhaften Betrübnis vernehme, auch eine Schülerin des Lyceums. Kennen Sie nicht den reizenden Chanson darüber? Sie bekommen ihn, wenn Sie hier sind. Heute – als Lockmittel! – nur den Schluß.

Craignons, qu'une jalouse fée
Bornant les sages du Lycée
Dans leur projets
Hors du gironn de la science
Ne les change pas sa puissance
En perroquets

Glauben Sie wirklich, daß Männer und Frauen stundenlang in einem Raum zusammen aushalten, ohne daß alle trockene Weisheit vom lebendigen Gefühl besiegt wird? Oder sollte vor all den Theorien und Prinzipien, die mir vorkommen wie Schulbuben mit dem Schmetterlingsnetz, die ausziehen, reizende Falter zu fangen, um sie schließlich aufzuspießen, die arme Liebe die Flucht ergreifen? Anzeichen genug gibt es dafür.

Allein die Kleidung, – für die Frauen halb Sack, halb Hemd, für die Männer der dunkle Frack und das Gilet, – scheint auszudrücken, daß sie ihre Aufgabe, zu schmücken, die Reize der Trägerin hervorzuheben, nicht mehr erfüllen will. Aber wo der Wunsch zu gefallen aufhört, da werden die Sitten roh, der Ton der Konversation wird schwerfällig, die Phantasie weicht der Nüchternheit, die Künste verarmen. Der Geist der Gesellschaft bildet sich nur in Kreisen, wo Männer in der Nähe der Frauen durch den Wunsch, liebenswürdig zu sein, alle Gaben ihres Geistes leuchten, zur höchsten Vollkommenheit sich steigern lassen, wo Frauen sich im stillen Ringen um den Würdigsten stets erinnern, daß sie der Natur schönstes Kunstwerk sind.

Aber die Philosophie unserer Tage, die uns, die nicht Unsterblichkeitsgläubigen, lehrte, daß kein Besitz so kostbar, kein Verlust so unersetzlich ist als der der Zeit, hat diese Reize der Geselligkeit grausam zerstört. Man will genießen, statt sich die Mühe zu machen, zu gefallen. Ohne die sichere Aussicht auf ihren raschen Besitz schenkt man der Frau kaum noch Beachtung. Jedes weibliche Wesen wird als Kurtisane gewertet, und wenn sie Erfolg haben will, muß sie mit der Kurtisane konkurrieren.

Wir, schönste Frau, ein kleines Häuflein Verehrer der Vergangenheit, sind vor Paris und seinen Reformen bis nach Saint Cloud geflohen, um jetzt schaudernd zu bemerken, daß die Reformen in Gestalt des Herrn von Calonne uns folgen. Der Kauf von Saint-Cloud, den die Königin ihm schließlich abtrotzte, hat ihn um den letzten Rest seiner Ruhe gebracht. Selbst für die Polignac, die seinen allzeit offnen Geldbeutel dem Herzoginnentitel vorgezogen hätte, ist er der Mann der zugeknöpften Taschen.

Kommen Sie, teuerste Delphine, um uns durch den Reichtum Ihrer Schönheit und Ihres Geistes den schauderhaften Anblick gähnend leerer Schatzgewölbe vergessen zu machen. Bringen Sie der Königin frische Luft aus den Vogesen. Sie leidet sehr, und der kleine Dauphin ist wie die Verkörperung ihrer Sorgen. Ein frohes Ereignis genügt jedoch, um sie aufzuheitern.

Als sich die reizende Komtesse Turpin mit dem Marquis Lemierre verlobte, wurde die Gelegenheit gleich zu einem Fest benutzt; wir erschienen alle im Hofkostüm der Regentschaft und träumten uns in jene schöne Zeiten zurück. Ein Bonmot des geistvollen Vaters der Braut machte die Runde. Lemierre, der seiner Schulden wegen, – die übrigens die Königin bezahlte, – bei Turpin nicht im besten Ansehen stand, suchte sich auf alle Weise bei ihm einzuschmeicheln. So sagte er einmal: »Man braucht Sie nur zu sehen, um zu glauben, daß Sie Toinettens Vater sind.« Mit der ernstesten Miene von der Welt entgegnete der Graf: »Sie vergessen, mein Herr, daß wir so glücklich sind in einer Zeit zu leben, wo man nichts mehr glaubt.«

Aus diesem langen Brief mögen Sie die Länge der Konversationen ermessen, die Ihrer warten. Madame Campan will freilich gehört haben, daß das Neueste in Paris die Verachtung der Konversation ist. Irgend ein Held der Feder hat im Mercure de France auseinandergesetzt, sie sei »eine verächtliche Kunst schmarotzenden Hofgeschmeißes« –, das ist der liebenswürdige Ton, mit dem man uns auf Grund des Schimpflexikons, das das Pariser Parlament einführte und eifrigst zu bereichern trachtet, zu behandeln pflegt! –, und er fügt hinzu, man möge endlich aufhören, die Jugend in ihr zu unterrichten, um so mehr, als sie die brotloseste aller Künste sei.

Wahrhaftig: Idealisten vom Schlage Lafayettes können nicht soviel Unheil anrichten als die revolutionären Philister, die den Zweck als ihren Gott anbeten. Sie werden noch unsere Schlösser in Kasernen umwandeln und in unseren Rosengärten Rüben pflanzen.

Sie wissen, das Feld meiner Schlachten war stets das Parkett. Erst neuerdings habe ich mir den Degen schleifen lassen und trage Pistolen in der Manteltasche. Denn ich bin gesonnen, mich dem Pöbel von Paris erst zu ergeben, wenn ich nicht mehr ich, sondern nur ein Bündel blutiger Lumpen bin.

Prinz Friedrich-Eugen Montbiliard an Delphine

Paris, den 2. August 1786.

Du fragst mich, ob Du der Einladung nach Saint-Cloud folgen sollst? Daß Du fragen kannst, Geliebteste, trägt die Antwort schon in sich. Wir wollen einander nicht aus Schonung belügen; das wäre der Anfang geistiger Trennung. Freudlosigkeit ruht schwer auf unserer Liebe, auf unseren heimlichen Zusammenkünften lastet die Schuld. Reise ruhig, armer Liebling, vielleicht daß die Luft fern von mir Dich leichter atmen läßt.

Ich fand heute früh an den Mauern von Paris ein Gedicht angeschlagen, worin die Lämmer glücklich gepriesen werden, deren Hirte einen Zaun um sie zieht, damit Füchse und Wölfe sie nicht schrecken können. Zum Schluß heißt es:

Mais si ces mêmes loups avaient formé l'enceinte pour vous mieux dévorer sans péril et sans crainte Du berger vigilant, de la garde des chiens, que seriez-vous, hélas? ... De pauvres Parisiens

Mir scheint, als ob auch wir zu diesen gehörten.

Graf Guibert an Delphine

Paris, den 26. August 1786.

Teuerste Marquise. Erst jetzt erfuhr ich, daß Sie Paris mit Saint-Cloud vertauschten. Ein böses Omen, würde ich sagen, wenn es sich um jemanden anders handeln würde als um Sie. Denn wer heute den Hof sucht, ohne zu müssen, gehört zu seiner Partei.

Sie werden vermutlich von der Reise des Königs in die Normandie jetzt ein anderes Bild bekommen, als ich es Ihnen malte: weißgekleidete Mädchen, vor Rührung weinende Bauern, vivatschreiende Massen, Männer und Frauen, die glücklich waren, wenn sie den Rock des Monarchen küssen konnten! So sieht jeder Fürst seine Untertanen, auch wenn sie alle schon heimlich den Dolch im Mantel trügen, um ihn in seine Brust zu stoßen. Die Krone und die Kirche haben, wenn sie all ihren Glanz entfalten, die gleiche faszinierende Gewalt. Der mystische Zauber, der sie umgibt, wirkt selbst auf die Ungläubigen.

Auch von den Regimentern, die der König inspizierte, sah er nur die schönen neuen Uniformen. Daß Glieder desselben Volkes darin stecken, das ihn in allen Wirtshäusern mit Spottliedern verfolgt und über alles räsonniert, was von der Regierung ausgeht; daß die Unzufriedenheit mit ihrer persönlichen Lage und mit der Frankreichs die Offiziere wie die Gemeinen ergriffen hat, und die Armee, die vor kurzem noch befürchten ließ, sie könne vor dem Feind nicht schlagfertig sein, weil ihre Führer sich zu viel amüsierten, jetzt in Gefahr steht, sich ihrem Kriegsherren zu widersetzen, weil ihre Führer zu viel denken, – das alles sieht kein König.

In Brest will man, wie ich las, Ludwig XVI. ein Denkmal errichten, – selbst unter dem großen König hat man dergleichen der Nachwelt überlassen; sollte man es jetzt damit so eilig haben, weil man befürchtet, sie könnte es vergessen?! Herr von Calonne wird es ihm als ein Zeichen der Treue seiner Untertanen darstellen, was nur ein Zeichen für die Servilität einiger titellüsterner Bürger ist.

Ich würde von Ihrer Klugheit und Ihrer Königstreue hoffen, daß Sie bei Marie Antoinette den Einfluß der Polignacs untergraben, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ihre Popularität seit dem Prozeß Rohan und dem Kauf von Saint Cloud,– eine Million für ein neues Schloß, während das Volk von Paris bei der allgemeinen Teuerung kein Fleisch essen kann! –, endgültig verloren ist.

An der Kirche von St. Géneviève ist kürzlich ein neues Portal geweiht worden, das die Königin gestiftet hat; es ist so prächtig, daß man den lieben Gott, wollte man ihm den besten Platz seines Hauses anweisen, vor die Türe setzen müßte. Das Volk stand umher und machte die bösesten Witze: »Die Österreicherin schenkt uns ein Portal, wir werden sie zum Danke dafür höflichst hinausgeleiten.«

Frau von Staël, die der Szene zufällig beiwohnte und sich beeilte, sie in ihrem Notizbuch festzuhalten, bedauerte sehr, Ihre Gesellschaft, teuerste Marquise, so rasch schon entbehren zu müssen. In ihrem Salon herrscht eine neue Passion; jeder überbietet einander in der Erfindung von Geschichten über das gleiche Thema: den Liebeswahnsinn. Sie selbst hat mit ihrer Erzählung »Die Wahnsinnige des Waldes von Sénart« alle übertroffen.

Da ich demnächst dem König über den Fortschritt der Heeresreform Vortrag zu halten habe, hoffe ich Sie in Saint-Cloud noch zu sehen. Es gibt für mich dort keinerlei andere persönliche Anziehungskraft. Selbst mein Ehrgeiz weiß nicht, wie lange es unter diesem Regiment noch eine Ehre ist, ihn zu befriedigen.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine

Paris, den 27. August 1786.

Geliebteste. Die überraschende Nachricht von der Berufung der Notabeln, die Du mir gibst, nötigt mich zur Abreise in die Provinz. Da von ihrem Zusammentreten ungeheuer viel abhängt, muß ich alles daran setzen, die Stimmung in meinen Kreisen zu beeinflussen. Ich habe natürlich von Deiner Mitteilung keinen Gebrauch gemacht, glaube aber, daß sie trotzdem eher, als es Calonne lieb ist, in die Öffentlichkeit dringen wird. Für ihn ist die Notabelnversammlung der Strohhalm des Ertrinkenden, denn die Steuerreformen, die er vorschlägt, und von denen Du in Deinem leicht entflammten Enthusiasmus das Heil der Welt erwartest, sind nichts anderes als die süße Oblate, in der dem großen Kinde Frankreich die bittere Medizin des Defizits gereicht werden soll. Ich begrüße trotzdem diese Entwicklung der Dinge, sie wird Klarheit bringen, und das ist, – auch wenn sie schrecklich sein sollte, – besser als der ewige Dämmerzustand.

Daß der Marquis sich ihr mit aller Kraft widersetzte und selbst die Ungnade des Königs nicht gefürchtet hat, ist vollkommen begreiflich. Für ihn ist der Appell an irgendeine Körperschaft und wäre es auch nur die seines Standes, eine Konzession an die öffentliche Meinung; für ihn sind die Reformen, vor allem der Vorschlag der Aufhebung der Grundsteuerfreiheit des Adels ein Waffenstrecken vor dem dritten Stand. Ich glaube aber auch, daß er einer der ersten ist, der die Veröffentlichung des Defizits zu fürchten hat, denn er ist zu sehr mit den großen Banken liiert, als daß eine allgemeine finanzielle Deroute ihn nicht treffen müßte.

Vielleicht, – und diese Hoffnung stärkt meine Kraft für den kommenden Kampf, – läßt er Dich frei, wenn er einen Erben nicht mehr braucht!

Unsere Korrespondenz wird erschwerter sein denn je. Meine offene Gegnerschaft zu der politischen Stellung des Marquis wird über dem schmalen Landstrich, der Montbéliard von Montjoie trennt, ihre Wirkung haben, seinen Zorn gegen mich also noch steigern. Kannst Du mir nachempfinden, Geliebteste, daß mich diese Gegnerschaft innerlich befreit? Mag kommen, was da will, wir bleiben vereint, auch wenn wir einander unerreichbar erscheinen. Verstummen zu können, ohne sich zu verlieren, ist ein Prüfstein der Liebe.

Graf Guy Chevreuse an Delphine

Saint-Cloud, den 3. September 1786.

Daß auch Sie uns verlassen konnten, schönste Delphine! Denn diesmal ist es ein Verlassen! Die Königin, die sich bei der letzten Audienz wahrhaft königlich benahm, – sie lächelte Ihnen zu, als Sie kamen, sie legte Ihnen mit eigenen Händen die Kette mit ihrem Bildnis an, die Ihnen beweisen sollte, daß die Haltung des Marquis nicht als die Ihre empfunden wurde, sie flüsterte beim Abschied »Auf Wiedersehen!« –, und warf sich aufschluchzend in die Arme der Lamballe, als die Türe hinter Ihnen zufiel.

Sie waren zu den königlichen Kindern gegangen. Bald danach kam der Dauphin langsam, in Nachdenken verloren zu seiner erhabenen Mutter; seine dunklen Augen blickten fragend aus dem schmalen Gesichtchen, er hob die kleine blasse Hand zu ihr empor, – »ich glaube,« sagte er kopfschüttelnd, »die Frau Marquise Montjoie hat geweint.«

Sind so viele Tränen nötig gewesen, holde Freundin? War der Moment nicht der geeignete, um – zu bleiben, während der Marquis ging?! Als uns vor einem Jahr die Nachricht von der Geburt Ihres Kindes erreichte, als dann der Marquis voll väterlichem Stolz von seinem Sohn und Erben sprach, war es mir gleich vollkommen klar, daß Sie nichts getan hatten als Ihre Pflicht. Aber nun sind Sie ihrer entbunden, – kommen Sie zurück, schönste Marquise, ehe der Abgrund zwischen uns unüberbrückbar wird.

Meine Devise bleibt: »Ma vie au roi, mon coeur aux dames"; seien Sie barmherzig und werden Sie nicht die Ursache, daß der zweite Satz mit dem ersten in Zweikampf gerät!

Graf Guibert an Delphine

Paris, den 9. September 1786.

Verehrte Frau Marquise. Mit einer fluchtähnlichen Hast hat die Familie Montjoie Paris verlassen. Und doch wäre es von solchem Interesse gewesen, uns über die bedeutungsvollen Ereignisse der letzten Zeit mit Ihnen zu unterhalten.

Herr von Calonne ist von der Not zu einem Schritt genötigt worden, der unter Umständen der Anfang konstitutioneller Entwicklung sein kann, – freilich nicht mit ihm, sondern gegen ihn. Im Kreise Neckers herrscht nur die eine schwere Besorgnis, daß er, der nur von Augenblickssorgen getrieben und von Augenblickserfolgen geblendet wird, töricht genug sein könnte, die finanziellen Verhältnisse in einer Weise zu enthüllen, die nur geeignet wäre, die Autorität der Regierung zu untergraben. Necker, der mir, – das möchte ich gerade Ihnen anvertrauen, der gegenüber ich mich seinerzeit so rückhaltlos gegen den damaligen Minister aussprach, – unter vier Augen mitteilte, daß er mit vollem Bewußtsein dessen, was er tat, im Compte rendu von 1781 die Wahrheit verschleierte, hegt nach dieser Richtung die ernstesten Befürchtungen.

Wissen Sie etwas Näheres?

Es wäre vielleicht noch möglich, wenn man beizeiten die nötige Kenntnis davon besäße, folgenschwere Entschlüsse rückgängig zu machen. Schreiben Sie mir, bitte, auch von Ihren nächsten Plänen. Bleiben Sie bis zur Notabelnversammlung in Froberg? Mein Dienst führt mich vielleicht nach dem Elsaß, und ich möchte nicht verfehlen, der schönsten Frau Frankreichs die Hand zu küssen.

Lucien Gaillard an Delphine

Paris, den 11. Oktober 1786.

Verehrte Frau Marquise. Mit Freuden erfülle ich Ihren Wunsch, von dem ich nur bedaure, daß er sich so leicht erfüllen läßt. Sie werden stets im Besitz meiner Adresse sein, auch wenn sie noch so häufig wechselt. Meine Feder von der kein Geringerer, als der Polizeileutnant Lenoir behauptete, daß sie mit Gift statt mit Tinte schreibt, wird mich während der Notabelnversammlung zwingen, im Dunkeln zu bleiben. Selbst von meinen Gesinnungsgenossen verstehen nur wenige mein Entzücken über die Aussicht auf das Ereignis des nächsten Jahres.

Die Notabeln, die das naive Volk immer noch durch den Glanz ihres Auftretens und die gewandte Form ihres Benehmens zu blenden verstehen, werden jetzt vor aller Welt gezwungen sein, auch den Blindesten Einblick in ihr Innerstes zu gewähren. Man wird ihre Selbstsucht erkennen, die auch ihre guten Handlungen regiert.

Ihre Wohltaten sind Opium für das Volk; ihre Königstreue ist das Mittel, ihnen die reichsten Pfründen zu sichern, ihr Stolz die Maske für ihre innere Leere!

Nur unter den Frauen gibt es Ausnahmen. Durch die schönste und bitterste Erfahrung meines Lebens weiß ich es: eine gibt es, die alle Tugenden und alle Vorzüge des Adels in sich vereinigt, ebenso wie ich eine andere kannte, deren Seele die offene Gosse war, die die Schmutzfluten aller Laster des dritten Standes in sich aufnahm. Die eine war meine Mutter. Werden Sie verstehen, Frau Marquise, daß meines Daseins glühendste Sehnsucht ist, mich so weit als möglich von ihr zu entfernen? Daß Sie darum der Stern sind, zu dem ich den krummen Körper emporrecke?

Die Kinder der Zukunft dürfen keine Mütter mehr haben wie die meine. Das ist das höchste Ziel der Revolution.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine

Montbéliard, den 20. Oktober 1786

Geliebteste. Endlich ein zärtlicher Gruß auf sicherem Wege. Wie danke ich. Dir, Du Süße, für all die liebevollen, sehnsüchtigen Zettelchen, die Du mir schicktest. Ich trage sie auf dem Herzen; sie könnten mich vor feindlichen Hieben schützen, wie Deine Liebe mich für alles persönliche Leid unempfindlich macht.

Was Du von unserem Sohne schreibst, beglückt mich aufs tiefste; daß er kräftig ist, wird ihn fähig machen, den Stürmen der Zukunft zu trotzen. Wie das Kind Dich über die Qual der Gegenwart hinweghebt, – »wenn ich es sehe, sehe ich dich,« sagst Du, – so hilft mir die Arbeit.

Unter dem kleinen Landadel spürt man den Hauch eines neuen Geistes. Grade der Umstand, daß er verarmte, macht ihn fähig zur Aufnahme moderner Ideen. Um so leichter wird er die Steuerprivilegien fallen lassen, wenn er auf der anderen Seite sieht, daß die Finanziers, die »an Papieren Reichen« zu neuen Steuern herangezogen werden. Mit den großen Grundbesitzern allerdings steht es anders. Der Marquis Montjoie hat unter ihnen die stärkste Anhängerschaft, und wenn der schlanke Greis mit dem Adlerprofil und den ruhigen Bewegungen seiner langen, blaugeäderten Hand vor die Versammlung tritt, um das ganze ehrwürdige Rüstzeug der Tradition gegen unsere neuen, unerprobten, blanken Waffen ins Feld zu führen, so hat er von vornherein gewonnenes Spiel. Jede Interessengemeinschaft mit dem dritten Stand lehnt er ab, am energischsten die mit den Parvenüs, – »weil sie unsere Herrensitze usurpierten, glauben sie uns gleich zu stehen. Reich kann man werden, aber vornehm muß man sein.« Selbst im Kampf gegen mich verläßt ihn nicht seine äußere Ruhe; nur ich höre den schärferen Ton seiner Stimme und sehe das Aufblitzen unversöhnlichen Hasses in seinen Augen. Aber wir sind ja erst beim Vorpostengefecht; der Feldzug beginnt in Paris.

Einen einzigen Mißton, geliebte Frau, hat Dein letzter Brief in den reinen Akkord Deiner Liebesworte gebracht. Du willst während der Notabelnversammlung des Kindes wegen, dem die Pariser Luft nicht gut bekommt, in Froberg bleiben. Du freust Dich sogar, mit ihm allein zu sein, der täglichen, stündlichen Pein enthoben, die die Zärtlichkeiten des Marquis für den Kleinen Dir verursachen. Und ich?! Und die Möglichkeit, daß wir den rechten Augenblick versäumen könnten, einander ganz zu gehören?!

Überlege mit dem Herzen, Geliebte, das in Wahrheit der Kopf der Frauen ist.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine

Paris, 16. Februar 1787

Geliebteste. Dich nicht hier zu wissen, ist qualvoll genug, aber zu denken, daß Du allein in Froberg trüben Gedanken nachhängst, verwundet mein Herz noch mehr. Mir ist, als hätte auf dem Papier Deiner Briefe Deine Hand gelegen, heiß von der Stirn, auf die sie kurz vorher gepreßt war, als schwebe um jedes Wort ein langer Seufzer. Und doch sollte ein einziger Gedanke genügen. Dich aufzurichten: daß unser Schicksal von Deinem Willen allein abhängt. Willst Du Dich trennen von dem Manne, der Güte, Rücksicht, Vornehmheit benutzt, um Dich unter diesem Deckmantel nur um so mehr quälen zu können, so kannst Du es auch. Wahrhaftig, Du hast ihm seine grausamen Wohltaten genug gedankt. Nimm unser Kind auf den Arm und komm zu mir; wer Dich um dieser Tat willen ächtet, dessen Urteil trifft uns nicht.

Trübe Ahnungen, sagst Du, schienen den Schlaf des Marquis zu stören; stundenlang hörtest Du ihn in der Nacht auf und nieder gehen, und wenn er, wie es neuerdings seine Gewohnheit ist, zuweilen vom neuen Schloß zu der alten, verlassenen Burg hinüberging, dann sahst Du ein Licht unruhig hinter ihren Fenstern auftauchen und verschwinden. In einer solchen Nacht hat Dein mitleidiges Herz Dich zu ihm getrieben und Du hast ihm stumm die Hand gereicht!

Wie könnte ich Dir darum zürnen. Du Einzige Du?! Vergiß nur nicht, daß ein anderer Mann noch bemitleidenswerter ist!

Die Mitglieder der Notabelnversammlung dürften schon vollzählig eingetroffen sein. Die Pariser, für die das Schauspiel doch nur hinter verschlossenen Türen vor sich geht, benehmen sich wie Kinder vor den Vorhängen des Kasperltheaters. Alles scheint Zeit zu haben, denn alles ist auf der Straße. Man scherzt und lacht, aber die Fröhlichkeit, die wie ein leichter Luftzug die Oberfläche des Wassers zierlich kräuselt, läßt nicht vergessen, daß ein Sturm seine dunkle Flut bis in ihre schlammigen Tiefen aufwühlen kann.

Als Herr von Calonnes Erkrankung bekannt wurde und man verbreitete, er speie Blut, frugen die Witzbolde der Journale: seins oder das der Nation? Als er zum ersten Male das Haus verlassen durfte, fand er an seiner eigenen Tür folgenden Anschlag: »Die Schauspieler des Finanzministers werden zur Aufführung bringen: ›überflüssige Vorsicht‹ und ›Trügerische Hoffnungen‹. Die Rolle des Souffleurs übernimmt er selbst.« Im Theater zu Versailles wurde in Anwesenheit der Königin die Oper »Theodor« von Paësiello aufgeführt. Als der Titelheld, ein verlassener König, seine Schmerzen klagte, rief eine Stimme im Parterre: »Berufen Sie doch die Notabeln!« Schallendes Gelächter und endloses Bravorufen unterbrach die Aufführung. Man versuchte, die Unruhstifter zu verhaften, die Königin erhob Einspruch; das Publikum jedoch empfand ihre Güte nur als Schwäche, als ein Buhlen um seine Gunst, und laute Pfiffe folgten ihrem davoneilenden Wagen.

Wer es in den Journalen oder gar in den erregten Diskussionen versucht, die Reformen zu verteidigen, von deren Inhalt manches bekannt wurde, begegnet meist dem stärksten Unwillen. »Wir wollen keine Almosen, wir wollen Rechte,« rief Gaillard vor ein paar Tagen solch einem geheimen Emissär der Regierung zu. »Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten. Die Reformen sind nichts als neue Mittel, ihn den Machthabern unterwürfig zu machen. Wir verwerfen sie. Wir verlangen die Anerkennung der Souveränität des Volkes, nicht die Stillung unseres Hungers durch Brosamen, die von des Reichen Tische fallen.«

Die Notabeln sind äußerlich ruhiger, umso erregter im Innern. Es ist ein andrer Adel als der von Versailles, der sich den erstaunten Blicken der Pariser preisgibt: viele Männer mit großem Namen in geflicktem Rock, viele Priester mit arbeitsharten Händen.

Ehe Du diesen Brief erhältst, werden wir zusammengetreten sein. Eine eben erschienene Broschüre steigert noch die Erregung. Sie trägt den Titel: »Letzte Gedanken des Königs von Preußen« und enthält unter anderem folgende Sätze, die heute früh in großen Lettern an den Straßenecken prangten:

»Nationen, die mit geborgtem Geld Kriege führen, werden niemals Frieden haben; nach dem Krieg mit dem Nachbarn beginnt der Krieg mit den Geldgebern; das Volk kommt nie zur Ruhe. Bleibt schließlich nur der Ausweg des Bankrotts, und er ist unvermeidlich.«

Marquis Montjoie an Delphine

Paris, den 3. März 1787.

Meine Liebe. Die außerordentlich anstrengende Tätigkeit im dritten Bureau der Notabelnversammlung macht es mir erst heute möglich. Ihnen für die gewünschten regelmäßigen Berichte zu danken. Es freut mich zu hören, daß Sie und Godefroy sich wohlbefinden.

Obwohl die Geheimhaltung der Verhandlungen mir verbietet. Ihnen ihren Verlauf im einzelnen zu schildern, halte ich mich doch für verpflichtet, Ihnen, im Vertrauen auf Ihre unverbrüchliche Verschwiegenheit, – jede Veröffentlichung der Tatsachen würde unabsehbares Unglück heraufbeschwören –, den Ernst der Lage nicht vorzuenthalten.

Stutzig gemacht durch die Andeutungen des Finanzministers über die Höhe der Schulden, und empört über die uns zugemutete neue Grundsteuer, – der Adel Frankreichs hat sich bisher die Steuer des Bluts und des Lebens für den König selbst auferlegt und braucht sich darum nicht wie ein jeder Krämer des dritten Standes behandeln zu lassen, dem man die Opfer für das Vaterland erst abzwingen muß, – haben wir einen Rechenschaftsbericht verlangt, um ihn mit dem Compte rendu Neckers vergleichen zu können. Er ist uns gestern in unzureichendster Weise gegeben worden. Danach scheint die Schuldenlast seit 81, wo ein Überschuß von 10 Millionen konstatiert wurde, auf nicht weniger als 112 Millionen angewachsen zu sein. Das bedeutet, wenn die Aufstellung richtig und wenn eine Deckung nicht zu beschaffen ist, den Staatsbankrott, und wenn die Öffentlichkeit unterrichtet wird, eine ungeheure finanzielle Deroute. Diese beiden Möglichkeiten bitte ich Sie, ins Auge zu fassen und sich darauf vorzubereiten, daß auch ich den größten Teil, wenn nicht den ganzen Rest meines Vermögens bei dem stark engagierten Bankhaus Saint-James verlieren könnte.

Es ist selbstverständlich, daß wir alles tun, um ein Unglück zu verhindern. Es ist aber auch ebenso selbstverständlich, daß wir uns nicht, wie die Regierung Zu erwarten schien, zu ihrem willenlosen Sprachrohr machen. Alle sieben Vureaur haben trotz des leidenschaftlichen Widerstandes des Herrn von Lafayette und seiner Anhänger, die um den Beifall der Straßenpolitiker zu geizen scheinen, die Grundsteuer abgelehnt, ehe uns nicht die detailliertesten Nachweise über die finanzielle Lage gegeben werden. Verschwendungen ungeheurer Art oder schmähliche Veruntreuungen innerhalb der Regierung sollen wir gezwungen sein, auf unsere Schultern zu nehmen? Der König, der sein Ohr schlechten Ratgebern lieh, hat es verstanden, den Adel, auf den er sich sonst allein stützen konnte, ins Lager seiner Gegner zu treiben.

Sollte Außerordentliches geschehen, so werde ich Ihnen durch besonderen Kurier Nachricht geben.

Graf Guibert an Delphine

Paris, den 22. März 1787.

Verehrte Frau Marquise. Ihre Antwort auf meinen Brief war so diplomatisch, daß ich wieder einmal von der Begabung der Frauen für die Politik überzeugt worden bin.

Inzwischen haben die Ereignisse mir rechtgegeben. Calonne wird über ihnen stürzen, jetzt besonders, wo sein kopfloser Appell an die Öffentlichkeit sich als ein Schlag ins Wasser erwiesen hat. Das Volk steht auf Seite der Notabeln, nur weil sie die Frondeure der Regierung sind. Die Zahlen, die allmählich, trotz des strengsten Schweigegebots durchsickern, steigern die Aufregung und rauben uns allen Kredit und alles Ansehen. Man hört von geheimen Rüstungen in England, von preußischen Truppen, die sich an der holländischen Grenze zusammenziehen. Der Tod Vergennes', eines tüchtigen Mannes, der verstand, unsere auswärtige Politik durch die bedrohlichsten Stürme zu steuern, die Unfähigkeit des Lakaien Montmorin, seines Nachfolgers–, das alles sind Vorboten trüber Tage.

Aber nicht, um Sie mit ihnen zu schrecken, schreibe ich heute, sondern um Sie um die Gnade zu bitten, Sie bei meiner Inspektionsreise im Elsaß aufsuchen zu dürfen. Sollten Sie im Mai nicht in Froberg sein, so darf ich noch eine Nachricht erwarten. Oder dürfte ich, trotz Ihrer offenbaren Ungnade, darauf hoffen, auf alle Fälle eine Zeile von Ihnen zu erhalten? Meine unerschütterte Verehrung für Sie sollte wenigstens auf die Gewährung eines Handkusses rechnen können!

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine

Paris, am 9. April 1787.

Geliebteste Delphine. Ich beeile mich. Dir durch besonderen Kurier mitzuteilen, was Dich und uns auf das Nächste berühren muß. Calonne wurde heute seines Amtes enthoben, über die schwindelnde Höhe des Defizits herrscht in der Pariser Bevölkerung kein Zweifel mehr. Die Bankhäuser Saint-James und Boutin sind seit gestern geschlossen. In der heutigen Sitzung erschien der Marquis als ein Gespenst seiner selbst, aber in grader, tadelloser Haltung. Er bat, wie ich erfuhr, um Urlaub. Wie weit er an dem Ruin des Herrn von Saint-James beteiligt ist, weiß niemand.

Ich hoffe mit Bestimmtheit, daß diese Zeilen Dich vor seiner Ankunft erreichen und Dein gütiges Herz nicht unvorbereitet seinem Unglück gegenübersteht.

Marquis Montjoie an Delphine

Paris, den 9. April 1787.

Meine Liebe. Das Gefürchtete ist eingetroffen, ohne mich noch überraschen zu können. Ich habe mein Vermögen verloren. Das Wenige, was ich im Laufe der letzten Tage sicherzustellen vermochte, wird gerade nur ausreichen, uns vor Entbehrungen zu schützen. Ich bedaure die Sachlage um Ihretwillen, die Sie an ein luxuriöses Leben gewöhnt sind. Für meinen Erben möchte ich sie dagegen beinahe als ein Glück bezeichnen. Der Reichtum hat den Adel Frankreichs in Bahnen gelenkt, die ihn seiner besten Kräfte berauben; die Armut wird ihn unweigerlich vor die Wahl stellen, untergehen zu müssen oder sie zurückzugewinnen. Die Zukunft bedarf eines Geschlechtes von Eisen.

Ich werde meiner Gemahlin keine anderen Kleinodien und meinem Erben nichts mehr zu hinterlassen haben als die Ehre meines Namens. Ich erwarte, – das einzige, was mir das Leben noch zu erwarten übrig ließ –, daß sie sich dieses Schatzes würdig erweisen.

Ich folge diesem Brief auf dem Fuß, da ich zunächst in Straßburg alles Geschäftliche zu erledigen habe. Froberg bleibt uns. Wir werden uns jedoch auf die Burg beschränken müssen.

Graf Guy Chevreuse an Delphine

Saint-Cloud, den 4. Mai 1787.

Teuerste Delphine! Das Unglück, das Sie traf, hat mich mit betroffen, wenn ich auch zu sehr zur alten Schule gehöre, als daß ich öffentlich Tränen darüber vergießen kannte. Sie wissen doch: sogar die Notabeln weinten, als Calonne, der arme Prügelknabe, gegangen war und der König ihnen die Vorlage aller Rechnungen versprach; sie haben ihre Tränendrüsen offenbar für Schmerzen und Freuden ordentlich eingeteilt.

Die Königin erstarrte förmlich, als sie von Ihrem Schicksal erfuhr; sie kam gerade vom Krankenbett des Dauphin, wo sie ihren Vorrat an Tränen gelassen haben mochte. Heute sagte sie mir, ich möge Ihnen mitteilen, daß sie noch so glücklich ist, Ihnen beistehen zu können.

»Daß die kleine Marquise ihre Perlen verkaufen mußte, erregt mich nicht,« sagte sie, »vielleicht hing auch an diesem wundervollen Geschmeide ein böser Fluch! Aber daß sie verurteilt wurde, in der dunklen Burg zu wohnen – ein sonnengewöhnter Paradiesvogel im Käfig! – das macht mich schaudern.« Sie bietet Ihnen an, in ihren Hofstaat einzutreten, und würde Ihnen im geheimen aus ihrer Schatulle die Mittel dafür bewilligen.

Könnten wir nicht doch noch inmitten des schwarzen Weltmeeres eine Insel der Seligen mit den Flüchtigen vom anderen Ufer bevölkern?!

Eine Ahnung von ihrer Möglichkeit hatten wir kürzlich.

Die Guimard tanzte auf der kleinen Bühne des Schlosses, mit ihr die kaum zwölfjährige Laure, die wunderbare, jüngste Schülerin von Vestries. »Vergangenheit und Zukunft« war der Titel der Pantomime, die sie aufführten: die Guimard als Marquise Pompadour in der üppigsten Courrobe, übersäet mit funkelnden Juwelen, die kleine Laure in flatterndem Hemdchen, als einzigen Schmuck ein rotes Tuch turbanartig um das Köpfchen gewickelt. Sie hob und senkte sich, sie schwebte und wirbelte um die feierlichen Menuettpas der Marquise, daß diese »Zukunft« jeden erobern mußte.

Die Königin befahl die Tänzerinnen zum Souper. Noch einmal hatte die Göttin der Freude der hohen Frau ihr Zepter in die Hand gedrückt. Immer wieder sprangen die Korke der Champagnerflaschen gegen die Decke und trafen wie Pfeile Amors die bloßen Brüste gemalter Najaden; immer kecker wurden die Chansons, vom perlenden Lachen der Königin unterbrochen.

Es war wie einst!

Gegen Mitternacht öffnete sich die Türe zu den Gemächern des Königs. Er trat ein, fahl im Gesicht; der Gesang verstummte, die Tänzerinnen standen still, angstvoll flüchtete sich die zitternde Zukunft in die Arme der blassen Vergangenheit; der König flüsterte mit seiner Gemahlin; das Licht in ihren Augen erlosch.

Es war der Tag, an dem Lomenie de Brienne Finanzminister geworden, Calonne nach England entflohen und das böse Wort vom Staatsbankrott in der Notabelnversammlung zum erstenmal gefallen war! Von der Insel der Seligen waren wir allzu rasch an das Gestade der Wirklichkeit zurückgekehrt. Aber wenn Sie bei uns sind, Holdseligste, werden wir uns nicht mehr von ihr vertreiben lassen.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine

Paris, den 27. Mai 1787.

Geliebteste, ich höre nichts von Dir und bin in größter Angst. Da ich nicht weiß, was geschehen ist und was geschehen kann, habe ich der Post oder einem gewöhnlichen Kurier diese Zeilen nicht anzuvertrauen gewagt. Gaillard hat es übernommen, sie sicher in Deine Hände gelangen zu lassen.

Ich flehe Dich an, stelle den Marquis endlich vor die Entscheidung. Er wird, er muß Dich frei geben, nachdem er weder auf seine Stellung am Hofe, noch auf eine Rolle in der Öffentlichkeit mehr Rücksicht nehmen zu müssen glaubt. Tut er es nicht, so entschließe Dich, liebste Delphine, und komm unter dem Schütze Gaillards zu mir. Nicht nach Etupes, nicht nach Montbéliard, wo man Dich suchen würde, sondern nach dem stillen Nest, das wir nicht weit von Paris gefunden haben.

Meine Liebe ist nur noch Sehnsucht.

Selbst der Tumult der letzten Tage, die Auflösung der Notabelnversammlung, die stürmische Forderung nach der Einberufung der Generalstände, – das heißt nichts anderes als unsere Kriegserklärung an den König, – haben keinen Augenblick den lauten Ruf meines Herzens nach Dir, Du Süße, zu ersticken vermocht.

Zu Zeiten der Gefahr gehören Liebende zueinander. Und jetzt, wo alles zusammenstürzt, wo die Götter, vor denen wir einstmals knieten, deren Unersättlichkeit wir in frommem Glauben Opfer um Opfer brachten, sich als tönerne Götzen erwiesen haben, wo die harte Faust einer eisengepanzerten Epoche alle Heiligtümer – die Ehe, die Familie, die Freundschaft, die Königstreue – der juwelenbesetzten Gewänder entkleideten, mit der die Jahrhunderte sie behängten, und armselige Gerüste uns nur noch entgegenstarren, – jetzt, meine Delphine, können befreite Menschen über die Trümmer hinweg sich ruhig die Hände reichen. Sie sind nicht nur die Baumeister neuen Menschenglücks, sie sind auch bestimmt, die Tempel der neuen Gottheit aufzurichten.

Doch warum spreche ich so zu Dir? Bedarf es der Überredung, wo nichts entscheiden soll als das Gesetz in Dir?

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine

Paris, den 19. Juni 1787.

Meine Delphine – mein, trotz allem! Ich habe den ersten Sturm in meinem Innern erst austoben lassen; – nun ist von ihm nur die Verwüstung übrig geblieben!

Wenn der Marquis Dich im tiefsten Kerker gefangen hielte, wenn Du eiserne Fesseln an Händen und Füßen trügst –, ich würde Dich erobert haben! Aber da Du selbst – Du selbst! – Dich in Ketten schlägst, wer vermöchte Dich zu befreien!

Weißt Du denn, was Du mir geschrieben hast, kennst Du die Dolchspitzen, die auch Deine süßesten Worte mir ins Herz bohrten?!

»...Mit eiserner Kraft hielt der Marquis sich noch in Straßburg aufrecht. Als der Marstall sich leerte, als die bepackten Möbelwagen sich unter Peitschenknallen und Räderknarren schwankend von Montjoie fort bewegten und der alte Gärtner mit zitternden Händen die Läden des leeren Schlosses über die schwarzen Fensterhöhlen legte, als die Dienerschaft Abschied nahm –, einer nach dem anderen in endlos scheinender Reihe, da stand er immer noch gerade aufgerichtet und hatte ein Lächeln für jeden wie bei einem großen Empfang ...« Rühmst Du nicht mit jedem Wort den hartherzigen, alten Mann, der für scheidende Untergebene ein Lächeln, für sein Weib nur die Folter hat?!

»Am Abend aber fand ihn der einzige, alte Diener, den wir behalten haben, bewußtlos am Boden neben seinem Schreibtisch. Erst nach Tagen der Sorge« – (Sorge um einen Menschen, der Dich kaufte?!) – »kam er zu sich. Seitdem wird das Sprechen, das Gehen ihm schwer. Unermüdlich läßt er sich im Rollstuhl durch die düsteren Räume fahren. Nur die Arme kann er bewegen, wie immer.« –

Um Dich zu halten. Dich und unser Kind! –

»Und gerade jetzt, in dieser gräßlichen Not sollte ich von ihm gehen, sollte in dem Mann, der alles verlor, den Glauben erwecken, daß ich wohl seinen Reichtum genießen, nicht aber seine Armut teilen kann? Die Frage, die zu stellen Du von mir verlangst, die Flucht, die mir übrig bleibt, wenn ein hartes Nein seine Antwort ist, würden den Geschwächten töten. Kannst Du verlangen, daß ich seine Mörderin werden soll?«

Aber daß er in uns alles tötet, was Glück und Hoffnung ist, – also mehr als das bloße armselige Leben eines vom Tode schon Gezeichneten –, das gibst Du zu?!

Ich kann nicht anders: ich balle die Fäuste gegen Dich, Delphine!

Gaillards Bericht hat das Bild vollendet, das Du mir maltest. Ich sah den starken, fast rohen Mann nie so bewegt.

»Sie ist ganz blaß, ganz schmal,« sagte er; »sie irrt durch die hohen, dunklen Räume, vor denen sie sich graute, seit sie sie zum erstenmal betrat. Und unter den weißen Tüchern, in die sie sich hüllt, zittern ihre Schultern mitten im Sommer. Sie trägt den Kleinen jedem Sonnenstrahl nach, der hier oder dort durch die tiefen Fenster fällt. Seitdem die Bauern, von der Haltung des Marquis in der Notabelnversammlung unterrichtet, die Räumung des Lustschlosses im Park mit Vivatrufen begleiteten, und ein kleiner, schmutziger Dreikäsehoch nach ihrem Sohn mit einem Feldstein warf, als sie draußen mit ihm spielte, verläßt sie den engen Burghof nicht mehr.«

Bist Du wahnsinnig, Delphine, daß Du Dein eigen Kind dem Greise opfern willst?! Oder ist es etwas anderes als ein Opfer, wenn Du es in dieser Atmosphäre des Grauens atmen läßt?!

»Schreib mir nicht mehr,« bittest Du, »Deine Sehnsucht facht meine Liebe an, daß sie alles verbrennen könnte, was an Pflichtgefühl, an Lebensmut in mir ist...« Aller Entfernung, allen Gefahren zum Trotz würden, hättest Du Deinen Wunsch nur mit diesem Satz begründet, meine Kuriere täglich zu Dir fliegen, denn alles, alles soll verbrennen, damit Deine Liebe, ein Fanal des Sieges, hell auflodere. Aber Du fügst einen anderen Satz hinzu: »Jedes Deiner Worte ist Gift in der großen, offenen Wunde meines Herzens, ich vergehe daran, und ich muß doch leben, um des Einzigen willen, den das kurze Liebesglück mir ließ: um unser Kind...«

Ich verstumme, Delphine. Vielleicht, daß vollkommene Ruhe Dir hilft, Dich wiederzufinden. Alle Zweifel an Deiner Liebe, Deiner Treue, die in mir aufsteigen, will ich zu ersticken, alle Sehnsucht durch das Übermaß der Arbeit, die vor uns liegt, zu unterdrücken suchen.

Lebewohl!

Lucien Gaillard an Delphine

Paris, den 25. Juni 1787.

Verehrte Frau Marquise! Meinem Versprechen getreu sende ich heute einen ersten Bericht. Ich würde, auch ohne Ihre bestimmte Aufforderung, stets rückhaltlos wahr sein.

Der Prinz war ganz gebrochen. Er weinte nach innen, wie alle Starken. Tagelang schloß er sich ein. Erst die Nachricht, die der Marquis Lafayette ihm überbrachte, daß die beiden Minister des Kriegs und der Marine angesichts der drohenden Haltung der preußischen Truppen an der Grenze Hollands und der leeren Kassen Frankreichs ihren Abschied eingereicht haben, riß ihn aus der Versunkenheit.

Er ist ein Mann der Tat, darum wird er nicht untergehen, Frau Marquise!

Das Gerücht, daß wir zu der Ehrlosigkeit gezwungen sein könnten, unsere holländischen Verbündeten im Stich zu lassen, empört die Pariser. An der Place de la Dauphiné verbrannte man die Bilder des Finanzministers, die vorher gewaltsam aus den Buchhandlungen entfernt worden waren. Vor dem Schloß von Versailles versuchte man eine laute Demonstration; es wäre zu einem Zusammenstoß mit den Schweizer Garden gekommen, wenn nicht die Nachricht sich verbreitet hätte, daß die neugeborene Prinzessin soeben verschieden sei. Das Volk ging ruhig auseinander. Es ist jetzt noch ein lenkbares Kind. –

Meine Adresse ist im Augenblick die Ihnen bekannte. Ich unterschreibe nicht. Eine Verbindung mit mir könnte Ihnen einmal gefährlich werden.

Lucien Gaillard an Delphine

Paris, den 19. August 1787.

Verehrte Frau Marquise! Der Prinz hat Paris verlassen. Nur auf kurze Zeit, wie er sagte, und um die Stimmung in der Provinz kennen zu lernen. Auch Lafayette und Mirabeau sind fort. Ich glaube, daß sie, seitdem das Parlament durch königliche Haftbriefe nach Troyes verwiesen ist, ähnlichem Schicksal aus dem Wege gehen wollen.

Wir leben in dauernder Erregung. Wir erzwangen uns den Eintritt ins Parlament während der stürmischen Verhandlungen. Ich wahrte mir, so sehr ich konnte, die Kühle meines Kopfes und sehe in der Verweigerung der Grund- und Stempelsteuern weniger ein Zeichen des allgemeinen demokratischen Geistes, der sich keinem Machtwort eines absoluten Monarchen mehr fügen will, als einen Beweis für den Egoismus der Stände. Wären sie Vaterlandsfreunde, wie sie zu sein behaupten, so würden sie im Augenblick höchster Gefahr, wo die Regierung an ihren Opfermut appelliert, nicht krampfhaft die Hand auf den Beutel halten.

Mir und meinen Gesinnungsgenossen kann diese Enthüllung der Motive ihres Handelns nur recht sein. Mit um so größerer Wucht werden wir im geeigneten Augenblick neben die von ihnen erhobene Forderung bürgerlicher Freiheit die der sozialen Gleichheit stellen.

In den politischen Klubs tönt sie laut genug. Und die Polizei hat sie längst gehört. Vor kurzem rief ein Leidenschaftlicher im Palais-Royal über die Köpfe der Flaneure hinweg: »Mit den Gedärmen des letzten Priesters erdrosseln wir den letzten König.« Man wollte ihn verhaften, ließ ihn aber laufen, als sich zur Beschämung des Polizeibeamten herausstellte, daß der Satz von Diderot stammt, dem am gleichen Tage in der Akademie eine tönende Gedächtnisrede gehalten worden war.

Die gewaltsame Registrierung der Steuern, – der König will seine Selbstherrlichkeit in einem Augenblick beweisen, wo sie nichts als eine Chimäre ist, – ruft noch ständig erregte Szenen hervor. Der Graf von Artois wurde gestern auf dem Wege zur Chambre des Comptes ausgepfiffen. Kein Steuererheber – davon bin ich überzeugt – wird gegen die Haltung des Parlaments den Mut haben, die Order des Königs auszuführen.

Verzeihen Sie, wenn die Leidenschaft mich weit über meinen Auftrag hinausgehen ließ!

Lucien Gaillard an Delphine

Paris, am 26. September 1787.

Ich danke Ihnen, verehrte Frau Marquise, für Ihren Brief und freue mich innig, Ihnen ein wenig helfen zu können, indem ich Ihr Interesse an den politischen Vorgängen wach erhalte.

Der Prinz ist zurück. Die Provinzialversammlungen, die jetzt überall tagen, sind, nach seinem Bericht, vom gleichen Geist erfüllt. »Ich habe«, sagte er, »einmal um den Tod Rousseaus, Voltaires, Diderots geklagt. Jetzt weiß ich, daß wir Tote nicht zu betrauern haben, deren Geist unsterblich ist!«

Der König glaubte die Parlamente übergehen zu können, er behandelte sie wie ungezogene Kinder; er lernte inzwischen, daß er Männer vor sich hat, und die Zurückziehung der bereits registrierten Steueredikte war ein Eingeständnis seiner Verlegenheit und seiner Schwäche, über die keine tönende Rede der Monarchisten mehr hinweghilft. Der Einzug Wilhelms von Oranien im Haag mit Hilfe preußischer Truppen, über den das ehrliebende Frankreich heute in helle Wut gerät, hat den Rest von Respekt vor dem Kriegsherrn und seinen Ratgebern zerstört. In Kriegshäfen, Schiffe und Armeereformen haben wir Millionen gesteckt und besitzen nicht einmal so viel politische Macht, um uns vor dem Hohngelächter der Nachbarn zu schützen. Die preußischen und englischen Diplomaten, die hier zusammentreffen, haben leichtes Spiel.

Daß der Herr Marquis der Provinzialversammlung in Straßburg beiwohnen will, ist sehr erstaunlich. Darf ich vielleicht dem Prinzen mitteilen, daß Sie um jene Zeit allein sein werden?

Graf Guy Chevreuse an Delphine

Versailles, den 22. November 1787.

Schönste Marquise. Bisher zögerte ich, Ihnen zu antworten, denn was blieb mir zu sagen übrig? Sollte ich klagen, weil Sie nicht kommen mögen? Sollte ich Hoffnungen aussprechen, die nichts als leere Worte gewesen wären? Oder sollte ich Ihnen zur Erheiterung im Tone der Pariser, Parlamentsräte das »üppige Hofleben« schildern, den »Taumel des Vergnügens«, in dem wir leben, den »Goldregen«, der sich über uns ergießt, »während das Volk im Elend verkommt?!«

Hier statt dessen ein Bild der Wirklichkeit: Nur von wenigen ihrer Getreuen begleitet, durchstreifte die Königin die herbstöden Gärten von Trianon. Den Tod der neugeborenen Prinzessin hat sie um so weniger überwunden, als irgend ein altes Weib in ihrer Umgebung ihn als böses Omen deutete. Sie trug, wie wir alle, Trauerkleider; der kleine Dauphin klammerte sich, wie immer, an ihre Hand, sein schwarzes Röckchen ließ seine Blässe doppelt durchsichtig erscheinen. Unser Ziel war der Pachthof.

»Ich will mir einmal einen fröhlichen Tag bereiten,« hatte die Königin mit wehmütigem Lächeln gesagt und die Börse gefüllt für ihre Schützlinge in den kleinen Häusern.

Als wir uns näherten, kamen uns die Lakaien, die den Besuch der Königin gemeldet hatten, mit verlegener Miene entgegen. Die Leute seien bei der Arbeit, hieß es. Die Königin grub die Zähne in die Unterlippe. »Wir werden warten, sagte sie dann und ließ sich auf der Steinbank nieder. Ein paar Gesichter tauchten hie und da hinter den kleinen Fenstern auf und verschwanden wieder. Schließlich lief eine fröhliche Schar kleiner Kinder von der nahen Wiese uns entgegen. Die Königin rief sie, nahm den Kleinsten auf den Schoß, küßte ihn und drückte einem jeden ein Geldstück in das Fäustchen; die Eltern sahen hinter den Büschen und Hecken heimlich zu.

»Vor einem Jahre haben sie noch alle vor mir im Staube gelegen,« sagte die Königin bitter. Wir gingen schweigsam zurück. Nur sie schritt stolz und hochaufgerichtet vor uns, einen hochmütig-verächtlichen Zug um die Lippen.

Wir empfanden seitdem eine merkbare Umstimmung nicht nur bei ihr, sondern auch beim König, der die geheimen Unterhaltungen mit seiner Gemahlin mehr als sonst zu suchen scheint und nie versäumt, sie zum Ministerrat zuzuziehen. Das Maß seiner Güte scheint endlich erschöpft.

»Die Neuerer wollen ein Frankreich, das englisch ist«, meinte er kürzlich erbittert, und bei Gelegenheit einer der letzten offiziellen Empfänge in Versailles erklärte er laut: »Die Idee, dauernde Generalstände zu schaffen, ist umstürzlerisch gegen die Monarchie. Wird sie verwirklicht, so existiert zwischen dem König und dem Volk als intermediäre Macht nur noch die Armee.« Jeder erstaunte; es war das erste Mal, daß der König an die Gewalt erinnert hat.

Vor wenigen Tagen fand eine königliche Parlamentssitzung statt, in der sein Stimmungswechsel zu klarem Ausdruck kam. Sie wissen, daß ich der Politik bisher weiter aus dem Wege gegangen bin als den häßlichen Frauen. Wenn ich dieser Sitzung beiwohnte, so nur, weil Schauspiele der Art, seitdem die Theater immer langweiliger, die Tänzerinnen immer älter werden, und selbst die Somnambulen, die uns so angenehm gruseln lehrten, anfangen, sich mit politischer Hellseherei abzugeben, die Ode des Lebens allein noch unterbrechen. Es war der Mühe wert.

Im Namen des Königs hielt der Großsiegelbewahrer, aufgeplustert wie ein Truthahn und feuerrot wie er, eine donnernde Philippika, zwischen jedem Satz eine Pause machend, um ihre Wirkung zu beobachten.

»Der König allein hat die souveräne Gewalt im Reich – «, ein paar Räte zuckten merklich die Achseln. »Gott selbst hat ihn eingesetzt; nur Gott ist er verantwortlich – «, auf allen Gesichtern stand ein spöttisches Lächeln. »Die gesetzgebende Gewalt ruht allein beim König – «, ein lebhaftes »Oho!« machte sich hörbar.

Dann wurde das Anleiheedikt – es handelt sich um die hübsche Summe von vierhundert Millionen! – verlesen, und die Schleusen der Beredsamkeit waren geöffnet.

Welche Wasserfälle sahen wir! Ein Herr Duval d'Esprémenil zeichnete sich besonders aus; den ganzen Katechismus der Enzyklopädisten betete er herunter: »Menschenrechte« – »Volkssouveränität«, – »Gemeinwohl«, – »Gesamtwille«, – noch im Traum dröhnte mir das alles im Ohr. Von der Anleihe wollte keiner etwas wissen, ungefähr wie ein dressierter Hund, dem zwar nach dem fetten Bissen das Wasser im Munde zusammenläuft, der aber schielend den Kopf davon abwendet, wenn man ihm sagt: »Pfui – das kommt vom König!«

Trotz des Widerspruchs wurde die Registrierung des Edikts befohlen. Ein unwilliges Gemurmel erhob sich; den Augenblick benutzte der Herzog von Chartres,– es wird mir schwer, ihn mit dem Titel seines vornehmen verstorbenen Vaters Orleans zu bezeichnen, – und erklärte das Vorgehen des Königs für ungesetzlich.

Eine kurze Pause allgemeiner Verblüffung, die aber leider niemand benutzte, um dem neuen Volkshelden die Krone anzubieten, obwohl Madame de Genlis die Rolle der Pompadour schon ohne Souffleur zu spielen imstande ist.

»Weil ich es will, ist es gesetzlich,« tönte des Königs Stimme scharf und hell durch den Saal. Und der Hof zog sich mit seinem Gefolge zurück.

Heute ist der verbannte Herzog der Märtyrer der Volksfreiheit! Ich kenne eine erkleckliche Zahl Glieder des dritten Standes, die bitterlich um ihn weinen: die kleinen Mädchen aus den Singspielhallen, die Venuspriesterinnen vom Palais-Royal.

Possen wie diese erinnern mich an Sankt Nikolaus, mit dem man uns als Kinder schreckte; wenn die »große Revolution«, mit der man die Erwachsenen zu schrecken sucht, nichts anderes aufzuführen weiß, als daß sie mit der Rute droht, mit faulen Äpfeln wirft und bunte Pfefferkuchen verteilt – !

Ach, wenn die Tage von Chantilly noch einmal wieder kämen! Wir sind doch noch so jung, schönste Delphine!

Marquis Montjoie an Delphine

Straßburg, den 12. Dezember 1787.

Meine Liebe. Die Verhandlungen der Provinzialversammlung werden sich noch bis Ende des Monats hinziehen. Ich fühle mich kräftig genug, sie auszuhalten, obwohl ich keinen leichten Stand habe. Die Mehrheit der Mitglieder neigt zur Annahme der Grundsteuern. Daß Rohan durch den Weihbischof seinen Protest mit dem meinen vereinigt, hat unserer Sache natürlich mehr geschadet als genutzt. Baron Flachslanden frug mich erstaunt, wieso gerade ich auf meinem Eigensinn beharre, da ich doch die Besteuerung nicht mehr zu fürchten brauche! Ein Zeichen der Zeit: man begreift nicht, daß ein Mensch uneigennützig nach Grundsätzen handeln kann!

In allen anderen Fragen herrscht erfreuliche Einmütigkeit. Der Wunsch, die Machtvollkommenheit der Regierung auf alle Weise einzuschränken, die Übergriffe der durch unsere bisherige Nachgiebigkeit reich gewordenen Intendanten unmöglich zu machen, beherrscht die Verhandlungen.

Daß die unaufhörlichen Regengüsse sich in der Feuchtigkeit des Schlosses so unangenehm bemerkbar machen, bedaure ich sehr. Beschränken Sie sich möglichst auf einen Raum, dessen Kamin dauernd geheizt bleibt, damit das Kind nicht Schaden leidet.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine

Montbéliard, den 15. Dezember 1787.

Meine Sehnsucht siegt über meinen Stolz und meine Vernunft. Du bist allein. Ich bitte Dich, übergib meinem Reitknecht Deine Antwort auf meine Frage: Kann ich Dich sehen?

Prinz Friedrich-Eugen Monibéliard an Delphine

Montbéliard, den 18. Dezember 1787.

»Ich ertrüge es nicht,« sagst Du, »die Augen gehen mir über, wenn ich einmal aus der Burg ins helle Licht des Tages komme. Das Herz würde mir brechen, wenn ich Dich sähe – «

Wüßte ich nicht so sicher, daß niemand bei Dir ist – bei Gott, Delphine, ich könnte nicht anders, als an einen Nebenbuhler glauben!

Die Gespenster der Vergangenheit steigen vor mir auf. Gut, daß es ein Feld atemlos heißer Kämpfe gibt, in die ich mich stürzen kann.

Lucien Gaillard an Delphine

Paris, den 11. Mai 1788.

Verehrte Frau Marquise. Was ich versprach, vergesse ich nicht. Wenn ich nicht schrieb, so darum, weil ich den Prinzen monatelang aus dem Gesicht verloren hatte und fürchten mußte, zudringlich zu erscheinen, wenn ich eine Nachricht von ihm nicht geben konnte.

Gestern erst sah ich ihn mitten im Tumult des Palais-Royal. Er schüttelte mir die Hand. »Es wird ernst,« sagte er mit einem Blick auf die gestikulierende, durcheinander schreiende Menschenmenge. »Der Todeskampf der absoluten Monarchie beginnt,« antwortete ich, und er nickte. Dann verlor er sich wieder im Gedränge.

Seit dem achten Mai, wo der König die Parlamente ihrer Macht entkleidete, wächst die Erregung. Parlamentsräte, Aristokraten und Priester fraternisieren auf der Straße mit Krämern, Arbeitern und Journalisten. Und dem verblendeten Volke erscheinen sie plötzlich wie lauter Freiheitshelden.

Die Sturmflut von Paris überschwemmt bereits die Provinz und wetteifert mit den Unwettern, die der Himmel sendet. Die berufenen Wächter des Thrones – der Priester und der Edelmann – erheben die zu seinem Schutze bestimmten Waffen gegen ihn und zerstören damit im Volke den letzten Rest des Kindertraums von der unantastbaren Heiligkeit des Königs.

In der altersgrauen Burg des Absolutismus sucht er sich zu verschanzen, zu blind, um zu sehen, daß sie schon eine Ruine ist.

Graf Guibert an Delphine

Grenoble, den 20. Juni 1788

Teuerste Marquise. Meine Reise in den Elsaß wurde im vergangenen Jahre durch die Kriegsunruhen vereitelt; in diesem Jahre wäre sie durch den Krieg im Innern beinahe wieder verhindert worden. Ich habe Tage erlebt, die sich nicht leicht vergessen lassen und den Soldaten mit dem Bürger in mir in schwere Gewissenskonflikte gerissen haben.

Wir hatten in Paris erfahren, daß die Registrierung der neuen Edikte in der Dauphiné selbst mit Hilfe der Bajonette auf bewaffneten Widerstand der Bevölkerung stieß. Der Kommandant, der Herzog von Tonnerre, bat um Hilfe. Ich wurde zur Rekognoszierung nach Grenoble gesandt. Kaum war ich angelangt, als erschreckte Landleute die Straßen füllten.

»Das ganze Gebirge ist in Aufruhr,« erzählten sie; »Männer wie Wilde, in Lederjacken und geschnürten Schuhen, mit Sensen und Dreschflegeln, Mistgabeln und Stöcken bewaffnet, steigen in hellen Haufen von den Bergen – .« Ich alarmierte die Besatzung, aber es war zu spät; schon drangen Scharen abenteuerlicher Gestalten, Leute wie Riesen mit langen wirren Bärten in die Stadt. Der Herzog von Tonnerre, den sie in seinem Palais überfielen, wurde schwer verwundet; der General Joucourt, der zur Hilfe gerufen worden war, meldete sich krank, und der erste Offizier, dessen Truppe den Angreifern gegenüberstand, warf den Degen fort, breitete die Arme aus und rief: »Wir schießen nicht auf unsere Väter und Brüder!«

Es war eine verzweifelte Situation, der wir erst nach einigen blutigen Zusammenstößen Herr geworden sind. Aber wir fühlen uns wie in Feindesland; der kleinste Bursche zeigt seine Vaterlandsliebe, indem er vor jedem Uniformierten die Zunge ausstreckt.

Sie kennen meine Ansichten und werden begreifen, daß ich dem Befehle, nunmehr im Elsaß den Manövern beizuwohnen, mit Freuden folge, nur um hier nicht weiter den Schergen des Absolutismus spielen zu müssen.

Ich bin nächsten Monat in Straßburg und werde mir von da aus gestatten, Ihnen in Froberg meinen Besuch zu machen.

Graf Guy Chevreuse an Delphine

Versailles, den 10. August 1788.

Allerschönste. Eine Zeichnung Guiberts macht die Runde in Versailles: unter dem düsteren Torbogen einer Burg steht die zarte Elfengestalt eines reizenden Weibes; weich fließt das weiße Kleid um ihre schlanken Glieder, aus dem schmalen süßen Gesichtchen glänzen übergroße erschrockene Kinderaugen. »Delphine« steht darunter – mitten in einem flammenden Herzen!

Delphine –, welch ein Zauber umfängt mich wieder! Wie beneide ich den Glücklichen, der Sie sehen durfte; wie preise ich das Unglück, das Sie nur noch schöner werden ließ!

Seit der Dauphin von uns gegangen ist –, es war wirklich ein leises Davongehen, kein Sterben, – hat die Königin nicht mehr gelächelt. Ihr Bild zauberte endlich wieder einen hellen Schein auf das Gesicht der Unglücklichen.

»Ich küsse sie zärtlich in Gedanken, die liebe, kleine Marquise,« sagte sie.

Und noch eine andere, eine ganz andere, hat das Bildchen angelächelt: die Guimard.

»Zum letzten Tanz« hatte sie ihre alten Freunde geladen. Ihr Hotel strahlte von hundert Kerzen, ihre Tafel bog sich unter dem Silbergerät; ein Netzwerk köstlicher Rosen hing unter dem Plafond.

Sie tanzte noch einmal alle Tänze, die ihre Triumphe gewesen waren, nur langsam, gleichsam zögernder als einst, – wie im Traum. Und währenddessen regnete es Rosenblätter.

»Die Rosen welken,« meinte die Tänzerin wehmütig. »Es liegt in Ihrer Hand, sie wieder blühen zu machen.« – »Wie können Sie von uns gehn!« – »Was ist die Oper ohne Sie!« rief alles durcheinander. Aber ihr Entschluß, der Bühne zu entsagen, war unwiderruflich.

»Perückenmacher und Lakaien sind die Richter der Talente geworden; ich aber habe meine Erfolge nur dem Urteil der besten Kreise verdankt; soll ich mich dazu hergeben, mich von der crapule kritisieren zu lassen,« erklärte sie, und wir widersprachen nicht mehr.

Ein paar Tage später sandte sie mir eine Karikatur: unter federngeschmückter Perücke eine Frau mit geschminktem Totenkopf, unter dem rosa Gazeröckchen ein Knochenbein in die Luft werfend –, »das Skelett der Grazien« stand daneben, »der Dank der Pariser« auf der anderen Seite in der Schrift der Guimard.

Es ist heimlicher in Ihrer alten Gespensterburg, süße Delphine, als mitten in Paris.

Graf Guibert an Delphine

Paris, den 23. August 1788.

Meine teuerste Marquise. Noch fühle ich Ihre Atmosphäre um mich und bin doch schon über zwei Wochen in Paris. Ich glaube, sie kann sich nie mehr verflüchtigen, denn sie ist, – das haben Sie mir ja rasch und deutlich genug zu verstehen gegeben –, nicht jene von flüchtigen Liebesspielen parfümierte Salonluft, die dem bloßen offnen Fenster weicht, sondern die herbe Luft der Vogesen selbst.

Ich kenne Frauen – sehr wenige nur! – die in ihrer Ehe die Erfüllung ihrer Glücksträume fanden. Um sie ist es ebenso ruhig; kein leichtsinniges Verlangen vermag neben ihnen wach zu werden. Wie kommt es nur, daß ich bei Ihnen wie bei jenen mich fühlte, obwohl das Leid, die Entbehrung Ihre Züge zeichnen?!

Auf der ganzen Reise träumte ich noch, so daß ihre Bilder fast spurlos an mir vorüber zogen. Der böse Sommer, die Überschwemmungen des Frühjahrs machten die Landschaft traurig, wie die Menschen. Seltsam ist es, wie das Gesicht jedes Bauern sich erhellt, wenn die Generalstände erwähnt werden. Das Volk erwartet von seinen Vertretern, wie früher vom lieben Gott, die Erlösung von allem Übel.

Seit Neckers Zurückberufung, die mir, wie ich Ihnen sagte, schon lange als einziger Ausweg erschien, fange auch ich an, daran zu glauben. Er ist entschlossen, die Generalstände so rasch als möglich zu berufen und den Parlamenten alle ihre Machtbefugnisse zurückzugeben. Es wird das im Augenblick wie eine Niederlage des Königs erscheinen, ist aber die einzige Möglichkeit, ein starkes konstitutionelles Königtum aufzurichten.

Gegenwärtig steht Paris unter einem Platzregen von Broschüren. Linguet, der nichts weniger verträgt, als vergessen zu werden, schlägt allen Ernstes vor, zur Beruhigung der Gemüter – als »Symbol der Freiheit«! – die Bastille abzutragen; ein anonymer »Brief eines Bürgers« ergeht sich in überschwenglichen Lobpreisungen des dritten Standes: »er allein schafft den Reichtum der Nation, aus ihm allein erwachsen die führenden Geister der Kunst und Wissenschaft«; eine andere Schrift spricht von den »reinen Sitten des tugendhaften Volkes, das, aufgeklärt über seine Macht, die Tyrannei des Adels brechen wird, wie es die des Königtums gebrochen hat«. Ein ähnlicher Ton findet sich überall; wenn der kleine Mann diese ewigen Verbeugungen sieht, die übereifrige Volkstribunen vor ihm machen, wird er sich bald für den einzig berufenen Beherrscher Frankreichs halten müssen.

Als ich Necker gegenüber ähnliches aussprach, war er empört; er übertreibt den Respekt vor der öffentlichen Meinung, die, wie er selbst versicherte, die einzige Richtschnur seiner Handlungen ist.

Man spricht übrigens von einer neuen Notabelnversammlung, die über die Zahl der Deputierten, die Größe der Ständevertretung und dergleichen mehr beraten soll. Würde ich dann vielleicht das Glück genießen dürfen. Sie wieder in Paris zu sehen?

Lucien Gaillard an Delphine

Paris, den 8. Oktober 1788.

Verehrte Frau Marquise. Zum erstenmal hat der Prinz mich gestern nach Ihnen gefragt, und ob ich Nachricht von Ihnen hätte. Ich verneinte, meinem Versprechen gemäß. Er war außerordentlich erregt – etwas, was man heute nur dann bemerkt, wenn es den Grad der Erregung aller noch wesentlich übertrifft.

Das Schicksal scheint sich gegen die Regierung verschworen zu haben. Was sie auch tun mag, um ihre Position zu stärken, schwächt sie nur.

Der König genehmigt die Generalstände. Das hätte entweder alles mit ihm versöhnen oder wenigstens die drei Stände zu gemeinsamer Friedensarbeit vereinigen können. Er will aber noch mehr tun, will sein diktatorisches Auftreten vom achten Mai vergessen lassen, und fragt seine guten Bürger nach ihrer Ansicht über die Zahl der Deputierten für jeden Stand. Mit dieser Tat hat er den Zankapfel in ihre Mitte geworfen. Die Privilegierten, die eben noch die Vorkämpfer der Freiheit waren, sind die Gegner der Gleichheit. Der dritte Stand sieht sich seinen Feinden gegenüber!

Auf diesen Moment habe ich seit Jahren gewartet, Frau Marquise. Aber nie hätte ich geglaubt, ihn der Initiative des Königs verdanken zu müssen.

Jetzt kommt es zur Abrechnung! Jetzt rollen wir die Rechnung der Jahrhunderte auf! Das Defizit des Staates ist nichts gegen sie.

Die Knechtschaft, der Frondienst, die Peitsche, der Hunger, das Blut der Männer, die Ehre der Töchter des Volkes –, das alles steht darauf und fordert Bezahlung.

In einer Gesellschaft vornehmer Leute hat, so sagte man mir, ein Mann namens Cazotte ein Gesicht gehabt: er sah ihre Häupter unter dem Richtschwert des Henkers. Sie lachten über den Verrückten und würfelten seitdem in ihren Klubs unter zynischen Witzen um ihre eignen Köpfe. Die Wahnsinnigen, – sie wollen nicht wissen, daß der Würfel schon gefallen ist.

Erschrecken Sie nicht, verehrte Frau Marquise. Sie wissen, ich litt immer an blutigen Träumen. Aber nie, solange ich atme, soll Ihnen, soll dem kleinen Godefroy auch nur ein Haar gekrümmt werden. Wie könnte ich je vergessen, daß er mir mit seinen kleinen Händchen streichelnd über die Wange fuhr, als sähe er gar nicht meinen Buckel. Oft bin ich so ganz verwirrt, daß ich nicht zu entscheiden vermag, was ich sehnlicher wünsche: Frankreich von der Tyrannei zu befreien, oder Sie beide aus der dunklen Burg!

Prinz Friedrich-Eugen Montbsliard an Delphine

Paris, den 8. November 1788.

Ich sah ein Bild von Dir mit einem brennenden Herzen darunter und Deinem Namen darin. Ich sprach den Grafen Guibert, der wochenlang bei Dir war und in Verzückung gerät, wenn er Dich nur nennen hört. Ich sah in der Notabelnversammlung den Marquis –, weder gelähmt, noch krank, nur ein wenig schmaler, ein wenig greisenhafter.

Ich fordere von Dir die Wahrheit – rückhaltslos. Und was ich bisher in blinder Liebe nur leise zu bitten wagte, das verlange ich jetzt: Trennung oder Vereinigung. Kein wehleidiges Klagen kann mich mehr erschüttern.

Marquis Montjoie an Delphine

Paris, den 22. November 1788.

Meine Liebe. Sie fordern die Freiheit noch einmal, nachdem ich zuversichtlich glaubte, der romantische Traum sei ausgeträumt wie alle Träume in unserer nüchternen Zeit. Ich erfahre nunmehr, daß Sie sich mir »opferten« aus »Mitleid mit dem Kranken, mit dem Verarmten.« Tränenselige Schwächlinge mögen diese Handlungsweise sehr rührend finden. Ich nicht. Denn Sie taten, was Ihre Pflicht war – nichts anderes.

In einem Punkt gebe ich Ihnen recht: Ein alter, armer Mann ist keine Gesellschaft für eine junge, schöne Frau. Ich ziehe die Konsequenz aus dieser Erkenntnis und gebe Sie frei. Sie allein – selbstverständlich. Denn das Kind ist vor der Welt mein Sohn und bleibt der Erbe meines Namens.

Die Scheidung wird in diesen aufgeregten Zeiten keinen unübersteiglichen Hindernissen begegnen. Ich werde die nötigen einleitenden Schritte tun, so bald Sie über die grundlegende Frage entschieden haben: das Kind oder die Freiheit?

Ich würde zurückkehren, um mit Ihnen persönlich zu verhandeln, – in aller Ruhe selbstverständlich, nicht im Straßenjargon von Paris –, aber im Augenblick ist jeder Einzelne unentbehrlich, da die Regierung den dritten Stand inbezug auf die Zahl seiner Vertreter uns gleich stellen will.

Ihre Antwort erwarte ich durch denselben Kurier.

Die Trennung von Godefroy müßte natürlich eine unwiderrufliche und vollständige sein.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine

Paris, den 3. Dezember 1788.

Geliebte, einzige Frau, verzeih mir. Du Süße, verzeih! Deine Briefe, – das Schreiben des Herrn Marquis, – die Mitteilungen Gaillards –, zwischen Seligkeit und Empörung, zwischen Freude und Schrecken rissen sie mich hin und her! Armes Herz, wie leidest Du, und bist so grenzenlos allein! Du hoffst, den Marquis zu erweichen, nachdem der erste Schritt schon getan ist; ich aber fürchte, die Niederlage seiner Partei hat ihn vollends steinhart gemacht. Die Ehre des Standes, die Ehre des Namens ist sein einziges Idol; läßt er uns das Kind, so wäre das ein Eingeständnis seiner Schmach, – er wird es niemals zugeben. Es bleibt uns nur eins: die Flucht. Da ich Deiner Liebe sicher bin, mute ich sie Dir zu. Bist Du bereit, so ist alles übrige ein Kinderspiel.

Marquis Montjoie an Delphine

Paris, den 10. Dezember 1788.

Sie haben mein letztes Wort. Ich bin nicht gesonnen, einen Schritt zurückzuweichen. Nur insofern will ich Ihren Wünschen entgegenkommen, als ich nicht zur sofortigen Entscheidung dränge. Ich gebe Ihnen ein Jahr Bedenkzeit. Sie werden in dieser Zeit jede direkte Verbindung mit dem Prinzen vermeiden. Sie mögen während seiner Dauer ermächtigt sein, die eventuell geeignete Pflegerin für das Kind selbst zu wählen.

Ich höre, daß die Kälte im Elsaß noch stärker ist als hier; da es uns an Holz fehlen dürfte, habe ich den Auftrag gegeben, die Parkbäume fällen zu lassen.

Prinz Friedrich-Eugen Montbiliard an Delphine

Paris, den 23. Dezember 1788.

Meine geliebte Delphine. Unten jubelt das Volk. Trotz der eisigen Nacht ziehen singende Scharen durch die Straßen, – ich möchte mir die Ohren verstopfen, um nichts zu hören, was nach Freude klingt.

Du kannst nicht fliehen. Du kannst das Kind nicht ins Elend stürzen und in die Schande, das Kind, das Dich dann einmal fragen könnte: »Wer ist mein Vater, der, dessen Namen ich trage oder der, dessen Mätresse Du bist?« »Ich allein,« schreibst Du, »würde alles lächelnd auf mich nehmen, um Deinetwillen; um des Kindes willen aber darf ich es nicht.«

O, Ihr Frauen, so frei und stark, und doch so schwach und gebunden!

Aber warten willst Du und des alten Mannes versteinertes Herz zu rühren suchen! Ich will mich an Deiner Hoffnung stärken, Geliebte; müßte er nicht einen Stein in der Brust tragen, wenn Deine Bitten ihn nicht zu erweichen vermöchten?!

Ich bleibe zunächst noch hier. Neckers Bericht über die Generalstände, wonach die Regierung den Vertretern der Nation das Steuerbewilligungs- und Budgetrecht zuerkennt und die Zahl der Deputierten des dritten Standes denen der beiden ersten gleichstellt, ist klüger, als ich von ihm erwartet hatte, und sicherlich der einzige Weg zur Beruhigung der erhitzten Gemüter. Wir dürfen anfangen, auf eine ruhige, konstitutionelle Entwicklung zu hoffen.

Lebewohl, mein heißgeliebtes Kind. Küsse unseren Sohn, den ich zärtlich liebe, obwohl ein gräßliches Schicksal den zwischen uns schiebt, der uns am innigsten vereinen sollte.

Lucien Gaillard an Delphine

Paris, den 5. Januar 1789.

Verehrte Frau Marquise. Ihr Schicksal traf mich härter, als mich jemals das meine hat treffen können. Aber so wahr ich der bucklige Sohn einer Dirne und eines Edelmanns bin und an nichts glaube als an meine Kraft, so wahr wird sich eine Lösung finden, wie das Schicksal Frankreichs eine Lösung finden wird. Ich, Lucien Gaillard werde das Werk Ihrer Befreiung, das Johann von Altenau begonnen hat, zu vollenden wissen!

Ich wollte, ich wäre imstande. Ihnen die Hoffnung einzuflößen, die eine Sicherheit ist, und von der wir alle erfüllt sind. Das Bewußtsein der Stärke hat sie möglich gemacht –, jener Stärke, die jeden Satz der herrlichen Schrift: »Was ist der dritte Stand?« zu einer Waffe in unseren Händen schmiedet. Gestern erschien sie, abends bereits war sie in allen Händen; heute dröhnen ihre Worte allen Privilegierten ins Ohr: »Was hält die Gesellschaft zusammen? Die gewerbliche und die geistige Arbeit. Wer verrichtet sie? Der dritte Stand. Wer ist in der Armee, in der Kirche, in der Rechtspflege, in der Verwaltung mit allem belastet, was Mühe und Anstrengung kostet und weder Ehre noch Reichtum einbringt? Der dritte Stand.« Das prägt sich unauslöschlich den dumpfsten Gehirnen ein. »Wer aber besetzt die besten Stellen, die einträglichsten Ämter, wer regiert nicht nur das Reich, sondern auch den König, wer umgibt ihn wie eine Mauer, daß er sein eigenes Volk nicht sehen kann? Die Aristokratie – .« Das weckt den Haß in der leidenschaftslosesten Seele, den Haß, der zum Beil und zum Feuerbrand greift, wenn er ein Schwert nicht zu führen gewohnt ist.

Geduld, Frau Marquise. Der dritte Stand, der sich selbst befreit, wird alle Unterdrückten und Entrechteten befreien – auch Sie!

Graf Guibert an Delphine

Paris, den 26. Februar 1789.

Teuerste Frau Marquise. Ihr Schweigen läßt mich fürchten, daß ich Sie unbewußt verletzt haben könnte? Das würde ich aufrichtig bedauern, denn gerade jetzt, wo man sich gewöhnt hat, seinen besten Freunden mißtrauisch gegenüberzustehen, – bis in die Intimität hinein reicht der Parteihader –, sollte kein Band zerrissen werden, das noch so leise mit einem anderen verknüpft.

Die Wahlkämpfe in den Provinzen haben die Luft förmlich mit Sprengstoff gesättigt; selbst Necker ist besorgt und versucht, die Maßlosigkeit des dritten Standes einzudämmen. Aber die Presse kennt keinerlei Rücksicht mehr; schon jetzt ist in ihren Augen die konstitutionelle Monarchie, die von den Generalständen erst geschaffen werden soll, ein Überwundener Standpunkt.

Der strenge Winter, der der schlechten Ernte des vorigen Jahres folgte, treibt die Vagabunden von ganz Frankreich nach Paris, wo sie auf allen öffentlichen Plätzen rückhaltlos das große Wort führen. Sie würden die Stadt nicht wiedererkennen. Ein Edelmann, der Insulten aus dem Wege gehen will, ist genötigt, bürgerliche Kleidung zu tragen.

Von der Agitation des Grafen Mirabeau in der Provence werden Sie gehört haben. Mit Freiheits- und Gleichheitsdeklamationen sucht er sich von seiner Vergangenheit rein zu waschen, und das Volk jubelt ihm zu, wo er sich zeigt. Wir dürfen uns der Einsicht nicht verschließen, daß es die Hetzreden der Ehrgeizigen und der Fanatiker sind, die wilde Gelüste in den Massen aufpeitschen, von denen ihre Bescheidenheit bisher keine Ahnung hatte. Ich las nicht ohne tiefe Besorgnis, daß auch die ruhigere Bevölkerung des Elsaß nicht unberührt geblieben ist, und hoffe dringend, von Ihnen zu hören, daß Ihr stilles Schloß so fern wie von der Welt, so fern allen inneren Kämpfen blieb.

Lucien Gaillard an Delphine

Paris, den 12. Juli 1789.

Verehrte Frau Marquise. Die atemlose Hast alles Geschehens ließ mich verstummen, aber nicht vergessen machen, was ich gelobte. Sie wissen durch die Journale, was sich begab: Die Niederlage des Königs, die wundervolle Erhebung des dritten Standes, der Beginn der Nationalversammlung. Vor ihren Türen wartet das Volk, kampfbereit, um, wenn es sein muß, Worte zu Taten zu machen.

Ungeheures ist geschehen; die Kunde von der Entlassung Neckers und der Berufung eines volksfeindlichen Ministeriums unterbrach meinen begonnenen Brief. Ich stürzte zum Palais-Royal.

»Sie beraten in Versailles die Bartholomäusnacht der Patrioten,« schrie man mir entgegen.

Mit zornbebender Stimme rief Demoulins die Bürger zu den Waffen. Wie von einer fremden Gewalt getrieben, marschierten Tausende in geschlossenen Reihen in derselben Richtung. Aus allen Nebenstraßen ergossen Menschenmassen sich in unseren Strom. Ganz Paris war von einem Gefühl durchdrungen.

Entsetzt von den ungezählten Scharen, die den Truppen auf dem Platz Louis XV. gegenüberstanden, gab der Marschall Besanval den Befehl zum Rückzug. Der fürchterliche Plan der Herrschenden war vereitelt.

Am nächsten Tage glich Paris einem Kriegslager, und als der Morgen des 14. Juli graute, bedurfte es nicht mehr des lauten Rufes: »Zur Bastille!« Jeder von uns wußte, als hätte das Schicksal selbst ihm seine Befehle diktiert, wohin der Weg ging. Ich will Ihr weiches Herz nicht mit Schilderungen quälen, die mir in der Erinnerung das eigene Blut gerinnen machen. Ich will nur sagen, was geschah: die Zwingburg fiel! Die erste von Hunderten, die rings im Lande ihre Kanonen drohend gegen uns richten, in ihren Kellern die Schätze bergen, um die ihre Herren uns betrogen haben, in ihren Verliesen arme Menschen gefangen halten, die die Not zu Dieben und Mördern oder zu Vorkämpfern der Freiheit machte.

Ich habe eine dringende Bitte, Frau Marquise, im Interesse Ihrer eigenen Sicherheit.

Suchen Sie unter irgend einem Vorwand in der nächsten Zeit nach dem Palais im Park überzusiedeln. Ich habe Verbindungen mit den Elsässer Bauern; drückt der lang niedergehaltene Haß auch ihnen die Brandfackel in die Hand, so wird nur die bewohnte Burg, nicht das verlassene Schlößchen ihr Ziel sein.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine

Besançon, am 23. Juli 1789.

Geliebteste! Auf dem Wege zu Dir, – die Angst läßt mich jede Rücksicht vergessen –, habe ich hier flüchtig Station machen müssen. Mein Kurier ist beauftragt. Dir diese Zeilen zu überbringen und mich zu erwarten. Die ganze Provinz ist in Aufruhr. Die brennenden Schlösser erhellen, ungeheuren Fackeln gleich, die gewitterschwangeren Nächte. Ich entging mit knapper Not der Raserei der Bauern, die Ambly, wo ich übernachtete, anzündeten. Sie banden mich, so daß ich hilflos daneben stehen mußte, als sie dem Chevalier das Herz durchbohrten und seiner unglückseligen Frau die Kleider vom Leibe rissen. Vergaß man mich im Taumel der Plünderung? Half mir ein unbekannter Freund? Ich weiß es nicht. Irgend jemand zerschnitt meine Fesseln; ich fand mein Pferd und jagte hierher, wo ich mich verbinden ließ. Ich hatte der Wunde am Arm bisher nicht geachtet.

In vierundzwanzig Stunden hoffe ich bei Dir zu sein. Rühre Dich nicht aus der Burg. Laß vom Wartturm die Fahne wehen zum Zeichen, daß Du da bist.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine

Montbéliard, den 6. August 1789.

Es ist vorüber. Ich habe abgeschlossen. Nur eins bleibt mir übrig: der Abschied von Dir! Du hast gegen mich entschieden, Delphine. Jede Stunde des Tages und der Nacht sehe ich den Augenblick noch vor mir, der über unser Leben das letzte Urteil fällte.

Wie alles gekommen ist, wird mir ewig dunkel bleiben, denn Gaillards Mund verstummte auf immer. Ich habe seine Leiche auf meinem Pferde hierher geführt und hier begraben. Der Marquis hätte sie von den Wölfen im Wald zerfleischen lassen.

Die Burg brannte schon, als ich kam. Gaillard rief mir mit dem Ausdruck strahlender Zuversicht nur zwei Worte zu: »Im Palais!« Ich stürzte in den Park, ich rüttelte wie ein Wahnsinniger an den verschlossenen Läden; das morsche Holz gab nach; ich lief, Deinen Namen rufend, durch die moderduftenden Räume –, Du warst nicht da. In großen Sprüngen jagte ich zurück.

Dicht vor den niederprasselnden Balken stand der Marquis, das Gesicht blutüberströmt, auf dem einen Arm den weinenden Knaben, in der anderen Hand die rauchende Pistole, Gaillard, ein Sterbender, ihm zu Füßen, Du, wie leblos an sein Knie Dich klammernd.

Ich riß Dich empor. Du starrtest mich an, wie geistesabwesend.

Der Marquis lachte schneidend auf: »Brandstifter!« Schon wollte ich mich auf ihn werfen, aber als Schutzwehr hielt er mir das Kind – mein Kind! – entgegen!

»Delphine!« schrie ich.

»Die Freiheit oder das Kind«, dröhnte seine Stimme durch den Lärm zusammenstürzender Mauern.

Und da – wandtest Du Dich ab von mir! Ich klage Dich nicht an. Du konntest nicht anders. Ich nehme Abschied auf immer.

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