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Die Liebenden und der Narr

Isolde Kurz: Die Liebenden und der Narr - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Liebenden und der Narr
authorIsolde Kurz
year1935
firstpub1924
publisherRainer Wunderlich
addressTübingen
titleDie Liebenden und der Narr
pages109
created20151101
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Isolde Kurz

Die Liebenden und der Narr

 


 

Rainer Wunderlich Verlag
Tübingen
[1935]

 


 

Zur Zeit der Vizekönige lebten in Neapel zwei vornehme und reichbegüterte Edelleute spanischen Geblüts, deren Paläste nahe aneinanderstießen und die seit ihrer frühsten Jugend engste Freundschaft hielten. Beider Familien waren schon früh mit den Aragonesen nach Neapel gekommen und besaßen große Güter und Lehen im Neapolitanischen wie auch in Sizilien. Wo von edler Männerfreundschaft die Rede war, nannte man nicht mehr Orestes und Pylades, sondern nur noch Don Pedro di Mendoza und Don Alonzo Navarro.

Beide traten sie nach der Sitte der Zeit früh in den 8 Ehestand und beschlossen, daß, falls ihnen Sohn und Tochter geboren würden, diese schon im voraus als Verlobte gelten sollten. Don Pedro wurde zuerst Vater eines kräftigen Knaben, den sie Don Ferrantino nannten, nach dem kriegsberühmten Fernando d'Avalos, Marchese di Pescara, der als ein Freund des Mendoza den Kleinen aus der Taufe hob. Die Gattin Don Alonzos genas zwar gleichfalls zuerst eines Söhnleins, das aber durch Schuld der Amme mit wenigen Monaten starb. Danach kränkelte die junge Mutter längere Zeit und gebar erst nach mehreren Jahren ein bildschönes Mägdlein, die kleine Donna Sol, nach der Tochter des Cid so benamst.

Die Kinder wuchsen miteinander auf und spielten täglich zusammen in einem mit hohen Bäumen bestandenen, gartenähnlichen Säulenhof, der die beiden Paläste durch kleine Seitentore verband. Dem Mendoza wurden dann mit der Zeit noch weitere Kinder geboren, die alle in dem Hofraum spielten, wogegen die Ehe des Navarro fernerhin unfruchtbar blieb. Aber die zwei zuerst Dagewesenen hielten sich nahe zusammen, sie hatten nicht nur all ihr Spielzeug 9 gemeinsam, während die jüngeren davon ausgeschlossen waren, sondern errichteten auch aus zusammengewälzten Steinen einen kleinen Wall, der ihre Burg vorstellte. Hinter diesen Steinen hielten sie als Schloßherr und Schloßherrin abgesondert Hof, und niemand durfte ohne ihre Erlaubnis den Raum 10 betreten. Die Kleinen wußten nämlich, daß sie seit ihrer Geburt verlobt waren: ihre schwatzhaften Wärterinnen hatten ihnen das verraten. Wer nun dächte, sie hätten bei ihren zarten Jahren die Bedeutung dieses Wortes nicht verstanden, der würde irren, denn die Kinder südlicher Zonen bringen die Vorstellung der Geschlechtsliebe mit zur Welt – wie die der kälteren vermutlich auch. Don Ferrantino und Donna Sol wuchsen also im Spiel unvermerkt in die Liebe hinein. Der kleine Gatte betrug sich zart und ritterlich gegen die Gattin, hielt aber auch auf seine Rechte und Würden, und wenn sie sich veruneinigten, sagte er: Du hast mir zu gehorchen, denn ich soll dein Herr sein. – Dafür verstand es sich von selbst, daß er ihr die besten Leckerbissen brachte und alle ihre Wünsche erfüllte. Und es mußte ein sehr schwarzer Tag im Kalender sein oder sie an diesem Tage sehr eigensinnig, wenn er sich einmal im Zorn so weit vergaß nach ihr zu schlagen. Das bereute er auch gleich bitterlich, küßte sie und half ihr weinen.

Don Alonzo und Don Pedro hatten in ihrer Frühzeit gemeinsam als Pagen am Hofe gedient und 11 folgten erwachsen den Fahnen ihres Königs. so oft es gegen die Lilien von Frankreich ging. Sie halfen dem Marchese Pescara Mailand zurückerobern, und zwei Jahre später fochten sie vor Pavia mit, wo sie die Ehre hatten, den König Franz von Frankreich nach seiner Gefangennehmung zu bewachen. Bevor sie aber diesmal ins Feld aufbrachen, wollten sie die Verschwägerung auf alle Fälle sicherstellen und ließen ihre Kinder feierlich vor geladenen Zeugen die Ringe wechseln, was nach der Sitte der Zeit soviel war wie ein gültiger Eheschluß. Die kleine Braut sah entzückend aus, wie sie in der Hauskapelle neben dem Bräutigam vor dem Altare stand in dem langen goldgestickten Röckchen, das ihr nach damaliger Kindermode bis zu den in roten Atlasschuhen steckenden Füßchen reichte, den dunklen Krauskopf mit Perlenschnüren durchflochten. Don Ferrantino, der gleichfalls ein schönes Kind war, stellte mit dem langen, gescheitelten Haar, das ihm auf den Spitzenkragen niederfiel und mit seinem kleinen Degen an der Seite einen ihrer würdigen Gesponsen dar. Damit waren die Kleinen also jetzt rechtskräftig verbunden. Der 12 Knabe zählte wenig über sieben Jahre und Donna Sol stand zwischen dem vierten und fünften. Die Zeremonie machte besonders auf Donna Sol einen unauslöschlichen Eindruck und brachte ihr Köpfchen auf sonderbar verfrühte Gedanken. Sie gab sich den Anschein, als wollte sie jetzt in ihrer ›Burg‹ mit dem 13 kleinen Gatten ein fürstliches Beilager halten, und da Ferrantinos Mutter zur Zeit neuen Familienfreuden entgegensah, reizte der Anblick die Kleine zur Nachahmung, daß sie sich auf den Leib eine Puppe band, ihr langes Röckchen darüber hinunterzog, um den nötigen Umfang herzustellen, und erklärte, sie sei gleichfalls guter Hoffnung.

Die Kinderfrauen lachten sich Tränen über diesen Spaß und erzählten ihn den Müttern, die nicht wenig erschraken und in Abwesenheit der Väter nicht wußten, wie die Kinder künftig auseinanderhalten. Es wurde beschlossen, die Zugänge zu dem gemeinsamen Spielplatz abzusperren und beiderseits die Kinder im eigenen Hause zu beschäftigen. Um aber auch ihre Gedanken voneinander abzulenken, erhielt Donna Sol ein allerliebstes kleines Hündchen mit langen schwarz und weißen Haaren und einem bunten Band um den Hals, das sie den ganzen Tag auf dem Arm herumschleppte und des Nachts in ihrem Bettchen schlafen ließ. Don Ferrantino wurde beseligt durch das Geschenk eines kleinen, aber feurigen Zwergpferdchens, auf dem er unter Anleitung eines 14 Stallmeisters innerhalb eines abgesteckten Rasenplatzes den ersten Reitübungen oblag. Eine Weile hielt der Reiz des Neuen vor, dann aber trat die alte Gewohnheit in ihre Rechte. Die Kinder verlangten wieder miteinander zu spielen, Donna Sol wollte dem kleinen Gemahl ihr Hündchen, das schon allerlei Künste von ihr gelernt hatte, vorführen, er vor ihr als Reiter glänzen. Nun gab es von beiden Seiten Bitten und Tränen, und die Mütter wußten nicht mehr, wie die Absperrung aufrechterhalten, die ohnehin von den Kinderfrauen heimlich umgangen wurde.

Mittlerweile kamen die Väter sieggekrönt aus dem Felde zurück, und als sie von der neuen Hausordnung und ihrer Ursache hörten, fanden sie die Besorgnisse der Mütter übertrieben und nahmen den verfrühten Liebesdrang des kleinen Ehepaars von der scherzhaften Seite. Um nicht durch das Verbot den Anreiz zu vermehren, entschieden sie, daß der gemeinsame Tummelplatz wieder geöffnet werden und den Kindern das Beisammensein gestattet sein solle, jedoch unter vermehrter Obhut. Don Ferrantino brachte sein Pferdchen mit und Donna Sol ihren Hund; er machte ihr 15 seine Reiterkünste vor und setzte sie auch dann und wann selber auf den Rücken seines Tieres, wobei das Hündchen auf ihrem Schoß nicht fehlen durfte. So hatten sie Kurzweil genug und genossen Tage glückseliger Kindheit.

Doch nicht lange hatten die vereinigten Familien sich der Wiederkehr ihrer Häupter zu erfreuen, da ging der Friede der Halbinsel aufs neue in die Brüche.

16 Der unglückliche Papst Clemens VII., dem alles mißlang, was er einfädelte, hatte in dem neuaufgeflammten Ringen zwischen Karl V. und Franz I. die falsche Karte ausgespielt und sollte es furchtbar büßen. Der Kaiser sandte seine Heere gegen ihn, und in dem Rachezug, der sich unter dem Konnetabel von Bourbon auf die Ewige Stadt heranwälzte, befanden sich auch die beiden spanisch-neapolitanischen Edelleute Don Pedro und Don Alonzo. Sie zogen ungern gegen das Oberhaupt der Christenheit ins Feld, denn sie waren beide gehorsame Söhne der Kirche, aber die Lehenspflicht gegen den beleidigten Kaiser ging allem vor. Sie kämpften wieder Seite an Seite, und wie sie lebenslänglich alle Geschicke teilten, so teilten sie jetzt auch den Tod. Ein Falkonettschuß von der Mauer riß beide zugleich, da sie beieinander standen, nieder. Don Alonzo blieb auf der Stelle tot. Don Pedro lebte noch lange genug, um ein Paternoster zu sprechen und um Verzeihung seiner Sünden zu beten, dann verstummte auch er für immer.

Beide Häuser waren nun verwaist, aber ganz verschieden wirkte der Verlust der Väter auf die 17 Schicksale der Hinterbliebenen. Donna Sols Mutter war einst wider ihre Neigung auf elterlichen Befehl in die Ehe mit dem Navarro getreten, denn ihr Herz hatte anders gewählt. Da ihr die Großmut ihres Gatten im Testament die zugebrachte Mitgift auf das Doppelte erhöht hatte, genoß sie als Witwe die Freiheit, über ihre Hand zu verfügen, und schenkte sie nunmehr dem einst Geliebten, der unterdessen von einer gleichfalls nicht beglückenden Ehe wieder frei geworden war. Bis zu Donna Sols Verheiratung, die Don Alonzos einzige Erbin war, durfte die Mutter deren große Einkünfte mitgenießen.

Anders stand es um die Witwe und die Kinder Don Pedros. Für diese wurde der Verlust des Familienhauptes verhängnisvoll. Verwandte stellten sich mit unerwarteten Erbansprüchen ein, es kam zu langwierigen Prozessen, die einen großen Teil des Vermögens verschlangen, Güter mußten verkauft werden, der Vormund selbst riß unter allerlei Vorwänden einen Teil der Habe an sich, und der Rest war nicht mehr ausreichend, alle Söhne und Töchter standesgemäß zu versorgen.

18 Der Nächste, der den Wandel des Geschicks zu spüren bekam, war der Erstgeborene, Don Ferrantino. Er hatte nie anders gewußt, als daß er bei Eintritt in die reiferen Knabenjahre wie einst sein Vater am spanischen Hof Pagendienst nehmen sollte, um seine ritterliche Ausbildung zu vollenden und sich zugleich dem Thronerben als Jugendgespielen für spätere Tage zu empfehlen. Da rief ihn eines Tages sein Vormund zu sich und kündigte ihm an, daß die Mittel zu dem bisher verfolgten Erziehungsplan erschöpft seien, daß man den Hauslehrer, einen Gelehrten von Ruf, habe entlassen müssen, und daß er jetzt seine Ausbildung in minder kostspieliger, aber fruchtbarerer Weise vollenden müsse. Es sei ja ebenso ehrenvoll, seinem Landesherrn mit dem Kopf wie mit der Faust zu dienen, und Don Ferrantino mit seinen vortrefflichen Gaben werde es nicht schwer fallen, sich ein hohes Staatsamt zu erwerben, das ihn berechtige, seine Ansprüche an Donna Sol geltend zu machen, ohne als Bettler neben ihr zu stehen; alsdann würde er mit dem Erbe der Navarro den vorigen Glanz des Hauses Mendoza wiederherzustellen in der Lage sein.

19 Diese Mitteilungen, die alle Aussichten auf eine ritterliche Laufbahn vernichteten, trafen den Sohn des kriegerischen Geschlechtes schwer. Allein sein durchdringender Verstand übersah die Lage vollkommen, mit starkmütigem Entschluß begrub er die lockenderen Wünsche und erklärte, daß er bereit sei, sich der Fügung des Schicksals zu unterwerfen.

Um die Zeit, wo das geschah, hatte Ferrantino das dreizehnte Jahr vollendet, und Donna Sol, die zwischen dem zehnten und elften stand, wohnte im Palast ihres Stiefvaters, des Grafen Angravalle. Dieser, der keine Verschwägerung mit dem verarmten Haus Mendoza wollte, hatte den ferneren Verkehr der beiden Kinder für unstatthaft erklärt, weil Donna Sols Ruf bei ihrem Heranwachsen darunter leiden würde. Die zwei liebten sich aber noch so leidenschaftlich wie je und fanden trotz ihrer Jugend Mittel und Wege, das Verbot zu umgehen. Der Palast Angravalle lag mit der Rückseite in einem wenig begangenen Gäßchen. Dort hinaus ging ein niedriges Gelaß, das zum Aufbewahren von Holz und leeren Fässern diente. An dem einzigen Fenster, das leider vergittert war, 20 erwartete die kleine Verliebte ihren Ritter allabendlich zu einer Plauderstunde. Ihre ehemalige Wartefrau, eine getaufte Mohrin, die ins Haus Angravalle mitgenommen worden war, stand den Kindern bei und trug die Zettelchen hin und her, worin sie sich die Stunden der Zusammenkunft und ihre 21 frühzeitigen Liebesergüsse, die durch die Trennung noch feuriger geworden waren, mitteilten. Denn Don Ferrantino war schon ein halber Gelehrter und wußte sich trefflich mit der Feder auszudrücken, Donna Sol ging zwar nicht auf die Erlangung von Wissen aus, war aber doch geweckten Geistes und lernte gleichfalls mit Feuereifer Lesen und Schreiben, um sich mit dem kleinen Gemahl, den man ihr fernhielt, wenigstens schriftlich unterhalten zu können. Ihr Äußeres übertraf im Heranwachsen noch die Erwartungen, die ihre reizende Kindheit erregt hatte, und man konnte wohl sehen, daß sie in Bälde zu den schönsten Frauen ihrer Zeit gehören würde.

Sie tauschten also am Fenster ihre Gefühle aus, die der vulkanische Boden, der Blumen und Früchte im Übermaß zeitigte und dann und wann unter ihren Füßen schütterte, so früh gereift hatte. Und nie verließ der junge Liebesritter das Gäßchen, daß er nicht, behende wie er war, zu dem vergitterten Fenster emporkletterte, wo alsdann das Pärchen seine Gesichter durch das Eisengitter zwängte, um sich Küsse zu tauschen, die immer zärtlicher und immer feuriger 22 wurden. Und hätten die verwünschten Stäbe nicht allem Rütteln und Schütteln widerstanden, so wäre Don Ferrantino mit Donna Sols Hilfe längst in das Gelaß eingestiegen, und alsdann hätte das Haus Angravalle seltsame Überraschungen erleben können.

Don Ferrantino hatte einen mütterlichen Oheim in Bologna, unter dessen Obhut er sich auf einer der dortigen Schulen zum Studium der Rechte an jener hochberühmten Universität vorbereiten sollte. Ohne alles Schwanken hatte er diese Berufswahl getroffen, denn sein Dichten und Trachten ging darauf aus, die Prozesse um seine und seiner Geschwister Erbgüter, deren Gang er trotz seiner großen Jugend ganz wohl verfolgt hatte, wieder aufzunehmen, sobald er mit genügender Gesetzeskenntnis ausgerüstet wäre, und auch dem ungetreuen Vormund seinen Raub wieder abzujagen.

Der Abschied von Donna Sol ging unter heißen Küssen und Tränen vor sich. Sie drängten ihre Köpfe so nahe zusammen, daß er hernach den seinen kaum mehr aus dem Gitter zurückziehen konnte, und benetzten sich gegenseitig mit dem strömenden Wasser 23 ihrer Augen. Bevor sie sich trennten, verabredeten sie, sich häufig zu schreiben. Die Mohrin und ein zuverlässiger Diener des Hauses Mendoza, einer der wenigen, die ihnen geblieben waren, sollten die Briefe befördern. Schon seit längerer Zeit hatte Ferrantino eine Geheimschrift ausgedacht, mittels deren er unter den landläufigen Worten und Wendungen einen besonderen Sinn verstecken konnte, Donna Sol hatte den Schlüssel von ihm empfangen, der leicht zu handhaben und schwer zu entdecken war, denn er bestand nur in der ganz unauffälligen Kennzeichnung einzelner Wörter im Satze. Die Kinder hatten ja nur kindische Angelegenheiten miteinander zu verhandeln, aber des Knaben erfindungsreicher Geist empfand ein Bedürfnis nach verwickelten und spitzfindigen Dingen, woran er sich üben konnte, und beide dünkten sich mit ihrer Geheimschrift sehr erwachsen und wichtig. In dieser führten sie ihren ganzen Briefwechsel, so daß, falls jemals der eine oder andere ihrer Zettel im Haus Angravalle abgefangen würde, doch niemand aus dem Inhalt einen geheimen Nebensinn entnehmen konnte.

24 In Bologna setzte der Knabe Lehrer und Mitschüler durch die Schnelligkeit und Schärfe seiner Auffassung in Staunen. Worüber andere mit Seufzen saßen und büffelten, das erschloß sich ihm von selbst und klammerte sich wie mit Widerhaken in seinem Gedächtnis fest. Es war nicht, als ob er die Studien suchte, sondern als suchten sie ihn. Niemals sah man ihn träge und verdrossen, die schwierigsten Aufgaben waren just die, denen er am liebsten zu Leibe ging, und er ruhte nicht, bis er sie bezwungen hatte. Damit erfüllte er nicht nur ein stilles Gelöbnis, das er sich selber abgelegt hatte, sondern befriedigte ebensosehr einen Zwang seiner eigenen Natur. Die Schnelligkeit, womit er die Vorschule durchlief, erlaubte ihm schon nach zwei Jahren als jüngster Student der Universität von Bologna die Hörsäle zu besuchen. Ebenso eifrig widmete er sich aber den ritterlichen Künsten und versäumte nichts, was den natürlichen Anstand einer edelgeborenen Persönlichkeit erhöhen konnte. Vor allem war er sehr gewandt mit dem Stoßdegen, welche Waffe der Behendigkeit seiner Glieder ebenso entsprach wie der Klugheit und 25 Schlagfertigkeit seines Geistes, daher seine Klinge bald zu den gefürchtetsten unter der Studentenschaft gehörte. Auch gestatteten ihm die noch verbliebenen Mittel, mit Dienern und Pferden in einer Weise aufzutreten, die zwar, an dem ehemaligen Reichtum der Familie und dem neapolitanischen Luxus gemessen, bescheiden war, ihm aber in dem viel einfacheren Bologna den Ruf eines vollendeten jungen Edelmanns erwarb. Manche junge Schönheit sah ihm mit stillen Wünschen und Hoffnungen durchs Fenster nach, ohne zu ahnen, daß er schon in den allerfrühsten Kinderjahren den Ring einer anderen empfangen hatte.

Es war ein verwirrender Augenblick, als das junge Paar sich bei einem Ferienbesuch des Jünglings zum erstenmal erwachsen wiedersah. Donna Sol begab sich eben an der Seite ihrer Mutter zur Messe, und da sie nur ein paar Schritte bis zur Kirche hatten, gingen die Damen, von einem Dienstmann gefolgt, zu Fuße. Beide trugen nach spanischer Sitte den Schleier, aus dem die vollerblühte Schönheit der Mutter und die erst halberschlossene, noch vom Frühhauch umwehte der Tochter wie zwei Rosen an einem 26 Stengel leuchteten. Don Fernando – er hatte jetzt die ortsübliche Verkleinerungsform seines Namens abgelegt und trug statt des Spieldegens einen richtigen an der Seite – kam ihnen in Begleitung seines jüngeren Bruders entgegen. Er war bildschön geworden und erinnerte mit seinem knappsitzenden Seidenwams und dem modisch kurz geschnittenen Haar in nichts an einen Scholaren. Donna Sol erwiderte seinen Gruß mit niedergeschlagenen Augen, indem ihr ganzes Gesicht sich mit plötzlichem Purpur färbte. Donna Eleonora dankte nur obenhin mit einem hohen Blick, der ihn in der Entfernung hielt. Er durfte sich den Damen nicht nähern, denn die spanischen Familien hielten eine viel strengere Etikette aufrecht als die einheimischen, und besonders seitdem der steife Don Pedro di Toledo Vizekönig von Neapel geworden war, legte sich ein Hauch von Förmlichkeit erstarrend auf allen gesellschaftlichen Verkehr. Don Fernando geriet ganz außer sich über den Hochmut der Gräfin, und Donna Sols Benehmen, die ihn nicht einmal angeblickt hatte, stürzte ihn in ein Meer von Zweifeln. Aber durch die Mohrin, die ihm nachging, 27 erfuhr er, daß ein Aufpasser den brieflichen Verkehr der jungen Leute verraten habe und daß es dem Mädchen verboten war, ein Zeichen mit ihm zu wechseln, daß aber Donna Sol ihn auf jede Gefahr hin sehen und sprechen wolle. Die mondlose Nacht begünstigte das Stelldichein, während von innen die Mohrin, von außen Fernandos Vertrauter Wache hielten. In der bergenden Dunkelheit erhitzten sich die frühen südlichen Flammen bis zur Siedeglut, die zwei gaben sich keine anderen Namen mehr als Gattin und Gatte, und nie wurde das trennende Gitter mehr 28 verwünscht als an jenem Abend. Da die Überwachung, in der Donna Sol gehalten wurde, keine Möglichkeit befreiten Beisammenseins gewährte, kamen sie überein, daß Fernando so schnell wie möglich sein Studium vollende und nach erlangtem Doktorgrad ungesäumt seine Rechte auf die angetraute Gattin geltend mache. So schieden sie im seligen Rausch, der ihnen die nahe volle Vereinigung vorspiegelte.

Jedoch im Spätherbst, der auf diese Begegnung folgte, trat ein Ereignis ein, das alle ihre Hoffnungen zuschanden machte. Kaiser Karl V. kehrte von seinem Rachezug gegen den räuberischen Herrscher von Tunis zurück, nachdem er diesen entthront und Tausende von Christensklaven befreit hatte, und landete mit großem Siegesgepränge in Neapel. Ein glänzendes Fest fand im Palaste des Vizekönigs statt, das die schönsten Frauen und Jungfrauen der neapolitanischen Gesellschaft mit ihrer Gegenwart schmückten. Auch Donna Eleonora und Donna Sol waren unter den Geladenen. Als das Auge des Kaisers auf diese letztere fiel und man ihm sagte, daß sie die Tochter des vor Rom gefallenen Herrn Navarro und eine 29 der reichsten Erbinnen Neapels sei, begann in ihm ein Plan zu keimen, der noch desselben Abends zur Reife kam. Dieser gewaltigste Monarch seiner Zeit, in dessen Reich, wie er sich zu rühmen pflegte, die Sonne nicht unterging, hatte neben den großen Leidenschaften des Staatenlenkers und Kriegsherrn noch eine kleine recht sonderbare, die eher einem alten Weiblein als einem Kaiser geziemte: er liebte es, Ehen zu stiften, besonders in Fällen, wo er selber seinen Vorteil dabei fand. In dieser Liebhaberei duldete er keinen Widerspruch und fragte wenig, wie die Betroffenen mit seiner Wahl zufrieden waren. Ja, ein Großer konnte sich seiner Huld kaum besser empfehlen, als indem er ihn um Zuweisung einer Lebensgefährtin bat, die er dann als kaiserliches Gnadengeschenk in Empfang nahm. Nun befand sich eine Anzahl Herren in seinem Gefolge, die während des Feldzuges teils seiner Sache, teils seiner Person wichtige Dienste erwiesen hatten und eines kaiserlichen Danks gewärtig waren. Solchen gab er gerne ein kleines Lehen mit großem Titel und dazu eine Braut mit Riesenmitgift, die dem Titel das rechte Gewicht 30 verlieh: so brauchte er sich aus Eigenem nicht allzusehr anzustrengen. Er warb unverzüglich bei dem Grafen Angravalle um die Hand seiner Stieftochter für einen gewissen Don Ramon di Almeyda, den er besonders auszuzeichnen gedachte. Don Ramon war zwar mindestens doppelt so alt wie Donna Sol und auch sonst nicht geschaffen um die Augen einer so glänzenden Schönheit zu befriedigen, aber nach dem persönlichen Geschmack wurde in jenen Tagen, wo man oft genug auch Kinder mit Erwachsenen vermählte, am allerwenigsten gefragt. Hätte der Angravalle dem hohen Freiwerber mitgeteilt, daß Donna Sol seit ihren frühen Kinderjahren dem jungen Mendoza zugesagt und sogar schon durch den Ring vermählt war, so würde er wohl seinen Antrag zurückgezogen haben, denn auch die Mendoza hatten ihm treu gedient und zwar von lange her, darum konnte er dem Jüngling, dessen Vater auf kaiserlicher Seite gefallen war, nicht den Wiederaufstieg aus seiner Verarmung verlegen, wenn auch die Herzensfrage nicht für ihn vorhanden war. Allein der Angravalle, so ungern er überhaupt die Mitgift herausgab, 31 beugte sich der allerhöchsten Werbung wie einem unwidersprechlichen Befehl, denn eher noch gönnte er dem Almeyda das Geld als dem Hungerleider von Mendoza, weil er durch diese Heirat sich wenigstens eine Brücke zu der Gunst des Monarchen baute. Seine Gattin war gleichfalls einverstanden, da ihr auf die Länge der Vergleich mit der aufblühenden Schönheit der Tochter nicht behagte.

Nur Donna Sol wehrte sich mit allen gegebenen Mitteln. Das eindringlichste und gewichtigste waren die Gewissenszweifel wegen der früher schon durch Ringwechsel geschlossenen ehelichen Verbindung, neben der eine zweite wie Ehebruch erscheinen mußte. Der Beichtvater, der dem Grafen nicht mißfallen wollte und dem Kaiser noch weniger, gab sich alle Mühe ihr die religiösen Bedenken auszureden, indem er ihr vorhielt, daß der Ringwechsel ja nicht durch nachfolgenden Vollzug der Ehe seine wahre sakramentale Bindung erlangt habe, und suchte, als sie nicht zu überzeugen war, die Frage auf ein anderes Gebiet zu spielen, indem er ihr vorhielt, daß in einem Zweifelsfalle für sie als oberstes Gebot zu gelten 32 habe: Du sollst Vater und Mutter ehren, wobei die geistliche Verantwortung für einen von diesen anbefohlenen und von der Kirche gutgeheißenen Schritt von ihrer Seele weg auf die Seelen derjenigen falle, die durch Alter und Weisheit besser als sie befähigt seien, die Tragweite ihrer Handlungen zu prüfen.

Zu seinem Erstaunen gab sich aber Donna Sol mit seinen Beweismitteln nicht zufrieden, sondern sagte:

Vater und Mutter zu ehren war von klein auf mein Bestreben. Mein Vater war der edle Don Alonzo Navarro, der keinen höheren Herzenswunsch kannte, als mich dem Sohn seines Freundes vermählt zu sehen, und der mich deshalb in zarter Kindheit vor dem Angesicht Gottes und der hierzu bestellten Zeugen durch einen gültigen Eheschluß an diesen band. Ich ehre also sowohl meinen verewigten Herrn Vater, Don Alonzo Navarro als auch meine Mutter Donna Eleonora, die mit Freuden ihre Zustimmung gab, wenn ich, was diese beiden verfügten, höher stelle als den Willen des Grafen Angravalle, den ich gleichfalls jederzeit zu ehren bereit bin, außer da, wo er dem früher ausgesprochenen, wahren und 33 eindeutigen Willen meines rechten, mir von Gott gegebenen Vaters widerspricht.

Der Beichtvater war einer von der friedlichen Gattung, die gern im Schutz eines hohen Hauses ein sicheres Einkommen verzehrten, ohne sich in dessen Händel zu mischen, und sein Pulver war schnell verschossen.

Meine Tochter, meine Tochter, sagte er entsetzt, indem er mit aufgehobenen Händen den Rückweg antrat, durch deine Zunge spricht der Geist der Sophistik und des Ungehorsams. Dein ungelehrter Beichtvater ist auf solche Wortgefechte nicht eingerichtet, er wird deine Einwände vor seinen geistlichen Vorgesetzten bringen und es ihm überlassen, deine Scheingründe niederzuschlagen und deinen Scheinpflichten die rechten Pflichten christlicher Unterwerfung und Demut entgegenzusetzen.

Diese Form des Rückzugs war zwischen ihm und dem Grafen Angravalle verabredet für den Fall, daß es ihm nicht gelingen sollte, selber den Widerstand seines Beichtkindes zu brechen. Der Geist aber, der durch Donna Sols Zunge sprach, war der Geist Fernandos, welcher schon längst mit ihr die 34 Möglichkeit, daß man sie einem andern könnte geben wollen, besprochen hatte, und auch die Haltung, die sie beide in diesem Falle einzunehmen hätten. Eine theologische Leuchte, die dem Haus Angravalle befreundet war, übernahm es nun, Donna Sols Einwände gegen die Vermählung mit dem Marchese d'Almeyda zu untersuchen und fällte ein sehr gelehrtes Gutachten, das sich vorzugsweise auf den Entscheid Clemens VII. in der berühmten Scheidungssache Heinrichs VIII. von England stützte: wie damals der Heilige Vater die nachträglichen Gewissensbisse des Königs wegen der früheren, in Kinderjahren geschlossenen Ehe der Königin mit seinem verstorbenen Bruder für eitel und unstichhaltig erklärte und das darauf begründete Scheidungsgesuch verwarf, so sei auch das zwischen Donna Sol und Don Fernando di Mendoza getauschte Ehegelöbnis nicht bindend und vor Gott und seiner heiligen Kirche kein Hindernis der vom Kaiser gewünschten und von den Eltern gebotenen Heirat mit dem d'Almeyda. Donna Sol, deren Mut und Entschlossenheit mit der Gefahr wuchsen, bekämpfte den Vergleich mit 35 staunenswerter Gesetzeskenntnis, allein ihr Stiefvater bedeutete sie ohne weiteres, daß man ihren eigenwilligen Einwänden durch Einholung eines theologischen Gutachtens schon zu weit entgegengekommen sei, und daß es einer Leuchte des Glaubens nicht zugemutet werden könne, mit einem Kind über kirchliche Fragen zu streiten. Der empfangene Spruch sei für das Gewissen der Eltern entscheidend, und von fernerem Widerstreben gegen den ausgesprochenen kaiserlichen Wunsch könne gar keine Rede sein.

Gegen solchen Machtentscheid war nicht mehr aufzukommen, und bei der überstrengen Aufsicht gab es kein Mittel zur Flucht. Donna Sol fügte sich scheinbar in das Unvermeidliche, sandte aber heimlich an den Vertrauten Fernandos ein kostbares Schmuckstück und den Auftrag, mit dem Erlös ungesäumt und ohne Aufenthalt nach Bologna zu fliegen, um Don Fernando von den Vorgängen zu benachrichtigen, damit er selbst in Neapel erscheine und vor der kaiserlichen Majestät seine älteren Rechte geltend mache. Sie werde bis dahin suchen, durch Vortäuschung einer Krankheit den Vollzug der Hochzeit hinauszuschieben.

36 Der treue Diener gehorchte, aber er kam nicht ans Ziel. Denn durch übergroße Eile stieß ihm auf den schlechten damaligen Reisewegen mit dem Pferd ein schwerer Unfall zu, und er starb im Spital einer fremden Stadt, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben.

Unterdessen spielte Donna Sol ihre vergebliche Rolle so geschickt, daß man sie von einer gerade in Neapel umgehenden Krankheit befallen glauben mußte und ihr gestattete auf ihrem Zimmer zu bleiben. Sie bezeugte zwar noch ein großes Wohlgefallen an ihrem Hochzeitskleid, erlitt aber einen Ohnmachtsanfall um den anderen, und da sie wie eine Schwerkranke die Nahrung zurückwies, war sie auch wirklich bald nicht mehr imstande, auf den Füßen zu stehen. Allein die Zurüstungen zur Hochzeit gingen unaufhaltsam weiter, und die Tage verflossen zwischen Hoffnung und Verzweiflung, ohne den Erwarteten zu bringen. Und endlich kam die Stunde, wo man sie trotz ihrer Schwäche auf die Füße stellte, in das unterdessen viel zu weit gewordene Brautkleid steckte und in die blumengeschmückte, von Kerzen strahlende Hauskapelle 37 führte, wo die Trauung stattfinden sollte. Vor ihren Augen stand jener andere Altar in ihrem väterlichen Palast, vor dem sie einmal mit Don Ferrantino auf dem Teppich gekniet hatte; überwältigt von Jammer und betäubt vom Weihrauch und Blumenduft, der für die geschwächten Sinne viel zu stark war, sank sie – diesmal ohne Gaukelspiel – wie entseelt zu Boden.

Es war aber noch einer, der dem Kaiser für seine Freiwerbung keinen Dank wußte, nämlich der Bräutigam selbst. Don Ramon hatte in Catania, wo seine von einer sizilianischen Mutter stammenden Erbgüter lagen, eine Geliebte zurückgelassen, an die er mit allen Banden der Leidenschaft gefesselt war. Sie war betörend schön und von edler Abkunft, aber so arm, daß er nicht daran denken konnte, sie als Gattin heimzuführen, solange sein Vater lebte. Denn die Söhne des Adels waren bei der Eheschließung dem väterlichen Machtwort ebenso unterworfen wie die Töchter. Er hatte sie aber durch den Ring und durch das Gelöbnis sie zu ehelichen, sobald sein Erzeuger die Augen geschlossen habe, gewonnen und zu der Seinen gemacht, und dem Bunde war bereits ein 38 kleiner Ramon entsproßt. Vor Donna Diana als Meineidiger zu stehen, war ihm ganz unerträglich, auch fürchtete er sie mindestens ebensosehr, wie er sie liebte, denn er wußte wohl, daß ihr Stolz und ihre unbändige Eifersucht ihn lieber in Stücke geschnitten als in den Armen einer anderen gesehen hätte. Aber die kaiserliche Gnade zurückzuweisen, war ein Schritt, der gar nicht in Frage kam. Also unterwarf er sich gleichfalls, haßte aber von vornherein die Braut, die ihm so unversehens in die Quere kam, als ob sie sich ihm mit Willen aufgedrängt hätte, und würdigte die blasse, fieberzitternde Gestalt, die ihm am Hochzeitstag zugeführt wurde, kaum eines Blickes. Als man sie vom Teppich aufgelesen und ihre kalte Hand in die seinige gelegt hatte, nahm er sogleich Abschied und ließ die Angetraute im Hause seiner Schwiegereltern zurück unter dem Vorgeben, daß er den Kaiser, der unterdessen nach Rom aufgebrochen war, auf der Weiterreise einholen müsse. Statt dessen segelte er nach Catania, um sich zuerst mit der Dame seines Herzens zu verständigen. Er erlangte ihre Verzeihung nur gegen das Versprechen, 39 daß er niemals das Schlafgemach Donna Sols betreten und daß er bei der ersten günstigen Gelegenheit das neue, unerwartete Hindernis ihres Glücks aus dem Wege räumen werde. Der ganz von Leidenschaft verblendete und verhexte Don Ramon gelobte alles was sie wollte. Er durfte auch seine junge Gemahlin nicht in Person heimholen, weil Donna Diana fürchtete, daß bei dem engen Zusammensein während der Seefahrt die beiden sich näherkommen könnten als ihr lieb war. Statt seiner erschien ein Verwandter, um in Don Ramons Namen die Braut in Empfang zu nehmen und mit allen herkömmlichen Förmlichkeiten nach ihrem neuen Wohnsitz zu führen. Ein Lustschloß außerhalb der Stadt, das in Don Ramons Jagdrevier lag und wo er gelegentlich die Herbstmonate verbrachte, war zu ihrem Empfang hergerichtet, und die sizilianische Sitte, die unter der Nachwirkung morgenländischer Gewohnheiten der Frau keinen Bruchteil gesellschaftlicher Freiheit, ja kaum einen Schritt aus dem Hause verstattete, erleichterte ihm sein frevlerisches Vorhaben. Von Donna Sols ganzer weiblicher Begleitung durfte nur die 40 Mohrin um sie bleiben, von deren armseliger Person keine Einmischung zu fürchten war. Eine alte Verwandte des Hauses d'Almeyda war ihr als Hofmeisterin bestellt, um ihre kirchlichen Übungen zu leiten und sie in weiblicher Arbeit zu unterrichten, während der Gatte, wie er vorgab, durch Geschäfte in der Stadt verhindert war, ihr Gesellschaft zu leisten. Welcher Art diese Geschäfte waren, wußte in Catania jedermann, obgleich nicht laut darüber geredet wurde. Da er nach den Anschauungen der Zeit sein natürliches Söhnchen ohne Nachteil für seinen Ruf im eigenen Hause großziehen konnte, hatte er ihm auch gleich die beste Pflegerin ausgesucht in Gestalt der Donna Diana selbst, die den Titel einer Hofmeisterin führte und dem Gesinde gegenüber schon die Stellung der Herrin einnahm. Nur um vor der Welt die Form zu wahren, ritt Don Ramon einmal in der Woche nach dem Schloß hinaus, sich nach Donna Sols Befinden zu erkundigen, vermied es aber, eine Nacht unter dem gleichen Dache mit ihr zu verbringen.

Donna Diana hatte ein langsam aber sicher 41 wirkendes Pülverchen bereitet, das eine von Donna Sols Dienerinnen, die sie zuvor in Pflicht und Sold genommen hatte, der Unglücklichen beibringen sollte, sobald der alte d'Almeyda, der siech in seinem Palaste zu Valencia lag, aber die Rechte des Familienoberhauptes noch mit allem Nachdruck ausübte, zu seinen Vätern gegangen wäre. Vorher konnte sie ja doch nicht an den Eheschluß mit Don Ramon denken, und unterdessen war Donna Sols Dasein ein Schutz gegen andere Heiratsgefahren. Nur im Falle einer unerwarteten Annäherung zwischen den beiden Gatten hatte das Mädchen den Auftrag schnell zu handeln.

Das Leben Donna Sols wäre jetzt einzig von dem Leben des alten Mannes in Valencia abgehangen, hätte nicht der Geiz des Grafen Angravalle ihr eine zweite Sicherung geschaffen. Er hatte dem Schwiegersohn bei der Hochzeit nur einen Teil von Donna Sols Mitgift ausgehändigt, der Rest sollte bei der Abholung der Braut teils in bar, teils in Anweisungen auf die ersten Banken des Königreichs nachgezahlt werden. Allein als der Kaiser außer Hörweite war, besann er sich eines anderen und wollte nur noch 42 von halbjährigen Ratenzahlungen wissen, womit Don Ramons Abgesandter sich bescheiden mußte. Am Ende zahlte er aber auch die Raten nicht und erklärte, zu keiner weiteren Leistung verpflichtet zu sein, weil das Testament seines Ehevorgängers, das etwas unklar abgefaßt war, der Witwe den Genuß des Vermögens bis zu ihrem Lebensende zuspreche. Diese Enttäuschung vermehrte Don Ramons unvernünftigen Groll gegen seine angetraute Gemahlin. Von Donna Dianas verbrecherischem Anschlag wußte er indessen nichts und hatte auch seine Zusage, daß er sie aus der Welt befördern wolle, nicht ernstlich gemeint. Er machte sich nur insofern mitschuldig, als er sie in einer seelentötenden Einsamkeit und in wenig gesunder Umgebung gefangenhielt, mit dem heimlichen Hintergedanken, daß sie im Falle ihres Hinscheidens an einer von ihm nicht unmittelbar verschuldeten Ursache keinen untröstlichen Witwer zurücklassen würde. Donna Diana aber stachelte seinen langsamen Geist unablässig zur Aufnahme eines Rechtsverfahrens wegen der vorenthaltenen Mitgift und wollte bis zu dessen Entscheidung auch nach dem 43 Hingang des alten d'Almeyda der Eingedrungenen eine weitere Frist gönnen.

Die unglückliche Donna Sol lebte in ihrer Gefangenschaft nur noch ein halbes Leben; daß auch die Mörderhand über ihr schwebte, ahnte sie freilich nicht. Von all ihrem früheren Glück war ihr nur die Schönheit geblieben, aber sie glich jetzt der Sonne, wenn sie durch Wolkenschleier scheint. Don Ramons Zurückhaltung, die ihr gestattete der ersten Liebe treu zu bleiben und eine, wenn auch noch so ferne Hoffnung auf Wiedervereinigung mit dem, der in ihren Augen noch immer ihr Gemahl war, zu nähren, war ihr hochwillkommen, aber ihre feurige Jugend verzehrte sich in Einsamkeit und Lebensdurst. Sie saß halbe Tage an ihrem Fenster, das auf die See ging, und schaute nach Osten, wo das Festland lag, von wo das Heil, wenn es noch eines für sie gab, kommen mußte.

In dem Schlosse wohnte außer Donna Sol und ihrem Haushalt noch ein jüngerer Bruder des d'Almeyda, der von kleinauf schwachsinnig war, den aber alle seiner Harmlosigkeit und Gutmütigkeit wegen gern 44 leiden mochten. Er hatte ein heiteres Kindergemüt, lachte und war guter Dinge und pflegte nur zu ergrimmen, wenn er glaubte, daß die seinem Range gebührende Ehrerbietung vernachlässigt werde. In gewissen Nächten jedoch, wenn der Mond hell schien, kam eine Unruhe über ihn, die ihn hinaustrieb, wo er zum Ergötzen der Begegnenden die wunderlichsten Dinge anstellte. Er lärmte und focht mit seinem Schatten, von dem er sich verfolgt glaubte, oder redete ihm gütlich zu ihm vom Leibe zu bleiben und gab ihm Wein zu trinken, wobei er sich vor Lachen ausschütten wollte, und am Ende stieg er auf einen Baum, um kühler zu übernachten. Niemand stellte sich ihm dabei in den Weg, denn er hatte beträchtliche Körperkräfte, und das Gesinde war es gewöhnt, daß man ihm zu allen Nachtstunden das Tor öffnen mußte, um ihn aus- und einzulassen, weil er bei jedem Versuch ihn zu behindern oder gar einzuschließen, in Wutanfälle geriet, sich Fäuste und Arme zerbiß und auch andere bedrohte. Dieser Unglückliche, der nichts von seinem Unglück wußte, empfand eine feurige Bewunderung für seine schöne Schwägerin und gab 45 allen Schloßbewohnern durch die Ungereimtheit seiner Huldigungen zu lachen, womit er ihr selber zuweilen die Schwermut verscheuchte. Gern saß er zu ihren Füßen und sang zur Laute, auf der er einige Griffe gelernt hatte, wobei seine Stimme in ungeordneten heulenden Tonfolgen auf- und niederging. Die Hofmeisterin zog sich dann schleunig zurück, und das Gesinde draußen auf dem Gang hielt sich die Seiten vor Lachen, aber die eine oder die andere von den jungen Edelfräulein, die Donna Sol zur Gesellschaft gegeben waren, sagte sicher jedesmal mit einem Knicks: Heute hat Don Jaimé – so hieß der Ärmste – wieder ganz wunderschön gesungen, worüber er vor Freude strahlte, und Don Ramon, wenn er dieses Treiben mitansah, gönnte seiner Gemahlin gern das unschuldige Spielzeug.

Unterdessen hatte Don Fernando mit höchster Auszeichnung seine juristischen Studien beendet und den Doktorgrad summa cum laude erlangt. Wie er der jüngste Student gewesen, war er nun der jüngste Doktor in Bologna und wurde für seinen Scharfsinn und seine Kenntnisse in so frühem Alter wie ein 46 Wunderkind, ein zweiter Pico von Mirandola gefeiert. Die Bentivoglio, die in Bologna herrschten, boten ihm gleich ein hohes Staatsamt an, wenn er seine Gaben in ihren Dienst stellen wolle. Aber der Jüngling hatte nur das eine Ziel vor Augen, so schnell und mit so viel Glanz wie möglich in die Vaterstadt zurückzukehren und die Geliebte heimzuführen. Daß er von dieser seit lange keine Nachricht erhielt, erregte ihm keine Sorgen, er wußte ja, wie streng sie überwacht wurde. Darum schrieb er auch jetzt nicht an sie, sondern kündigte nur der eigenen Familie sein Kommen an, indem er sich zugleich der ehrwürdigen Universität von Neapel erbot, eine Reihe neuer und schwieriger Thesen gegen die Häupter der Fakultät öffentlich zu verfechten. Es war dies der erste Schritt, mit dem sich ein hoffnungsreicher Anwärter auf hohe Staatsämter in der Öffentlichkeit einzuführen pflegte.

Bei der ersten Ankunft in der Heimat überfiel ihn die Nachricht von Donna Sols Vermählung wie ein Keulenschlag. Der leidenschaftliche Jüngling verlor auf einmal seine sonst so sichere Selbstbeherrschung 47 und rannte ein paar Tage wie ein Wahnsinniger durch die Stadt, um den Grafen zu stellen und Rechenschaft zu fordern. Zum Glück befand sich dieser gerade auf dem Land, wodurch Don Fernando vor einer schlimmen Übereilung bewahrt wurde. Nach und nach erfuhr er dann auch den Zusammenhang, und seine erste Wut flaute ab, als er erkannte, daß es der Wille des Kaisers war, dem er sein Unglück verdankte. Um so wütender krallte sich aber der Schmerz in sein Gemüt, da ihm der Gegenstand seines Zornes entglitt, er verwünschte die leichtherzige Gläubigkeit, mit der er seine Ansprüche an Donna Sol auf die Zukunft zurückgestellt und ohne Nachrichten aus der Heimat in törichter Sicherheit hingelebt hatte. Wenn er dachte, daß sie dem neuen Gatten vielleicht mit Neigung gefolgt sei oder doch unterdessen in seinen Armen die erste noch kindliche Liebe vergessen habe, so erfaßte ihn ein wahrer Sturm von Verzweiflung. Und wie konnte es anders sein, da Donna Sol feurig war wie der Berg, zu dessen Füßen ihre Wiege stand, und schon in den zartesten Kinderjahren an Liebes- und Hochzeitsfreuden gedacht hatte? 48 Stündlich zermarterte er seine Phantasie mit der Vorstellung ihres vermeintlichen Glücks, daß ihm Schlaf- und Eßlust schwanden und er schon nach wenigen Tagen sich selbst nicht mehr ähnlich sah. Hätte er geahnt, daß auch Donna Sols Schönheit in Gram und Sehnsucht hingewelkt war, so würde er einen schmerzhaften Trost daraus gesogen haben. So aber beschloß er kurzerhand der Not ein Ende zu machen, sich ganz von der Welt abzuwenden und im Kloster den Frieden zu suchen. Er kannte einen ehrwürdigen Franziskanerpater, der ihm wohlwollte; diesem teilte er seine Absicht und den Grund, der ihn dahin gebracht hatte, mit.

Allein der Pater, der nicht nur ein frommer, sondern auch ein kluger Mann war, erkannte gleich, daß diese Weltflucht nichts mit Glaubenseifer zu tun hatte, und widerriet ihm dringend sein Vorhaben.

Ich sehe wohl, mein Sohn, sagte er, daß dich nicht himmlische sondern irdische Liebe zu uns treibt. Aber glaube mir, du bist nicht für die Beschaulichkeit geboren und würdest nur in der Enge des Klosters das Übel, das dich umtreibt, vermehren.

49 Ich hasse die Welt, sie hat mir alles gestohlen, knirschte Fernando. Ich stoße sie mit Füßen von mir.

Aber du hast ja eine öffentliche Disputation angekündigt, mein Sohn. Willst du dir nachsagen lassen, daß dir der Mut entfallen sei und daß du dich vor der Ausführung deiner kühnen Ansage in die Mönchskutte verkrochen habest?

Don Fernandos verweinte Augen flammten auf, und er fuhr in die Höhe. Nein, das wollte er wahrlich nicht. Die Disputation war ihm in seiner Herzensnot ganz aus dem Sinn geschwunden. Zu der Disputation wollte er sich stellen, wollte siegen und mit diesem glänzenden Anfang zugleich seine Laufbahn beenden und der Gesellschaft, die ihn dann umschmeicheln würde, seine ganze Verachtung ins Gesicht schleudern, indem er sich in der Klosterstille vergrub. Der Pater lächelte, denn er wußte zuvor, daß ein Liebesschmerz nicht ausreicht, um für die Kutte der Demut reifzumachen. Aber er sagte nur:

Was du tust, tu es aus voller Seele.

Die feine Welt Neapels sprach wochenlang von dem schlanken jungen Edelmann, der im Doktortalar das 50 siegreiche Turnier gegen die Häupter der Wissenschaft ausgefochten hatte, denn wegen des Rufes, der ihm voranging, hatte die Fakultät ihm ihre erprobtesten Kämpen entgegengestellt. Don Fernandos Kenntnisse und Geistesgegenwart und seine lavaströmende Beredsamkeit, nicht zum mindesten aber seine jugendliche Schönheit machten solchen Eindruck, daß der Glanz seines Namens weit über die Kreise der Fachgenossen hinausdrang. Allgemein hieß es, daß die ganze Halbinsel keinen größeren Rechtsgelehrten aufzuweisen habe als den jungen Mendoza. Er erhielt die ehrenvolle Aufforderung, über einen seit vielen Jahren schwebenden Grenzstreit zwischen zwei großen Gutsherrn, der schon viel Ärgernis erregt hatte, sein Gutachten abzugeben und widmete sich dem Fall mit so viel Gründlichkeit und Scharfsinn, daß er einen Vergleich zustandebrachte, der beide Teile befriedigte. Von da an war seine Stellung gemacht. Er warf nicht die Welt, wie er gedacht hatte, sondern den Klostergedanken hinter sich; die Liebe konnte er zwar nicht gleichfalls hinter sich werfen, aber er begrub sie im untersten Grunde seines 51 Herzens und wandte alle Gedanken seinem Berufe zu. Bald gelangte der Ruhm des jungen Rechtsgelehrten, dem kein Fall zu schwierig war, auch nach Sizilien und an das Ohr des Don Ramon. Und eines Tages erschien bei ihm ein Abgesandter des d'Almeyda, der ihn bat, den Prozeß seines Gebieters um die Mitgift der Donna Sol zu übernehmen.

Als Fernando diesen Namen hörte, stand sein Herz einen Augenblick still, und er erbleichte bis unter seinen dunklen Stirnschopf. Aber er beherrschte sich und sammelte rasch seine Gedanken. Jetzt oder nie konnte er erfahren, wie Donna Sol gesinnt war. Jetzt konnte und mußte er die Gelegenheit finden, sie zu sehen und zu sprechen. Daß der d'Almeyda ihm diesen Antrag machte, bewies zur Genüge, daß er nichts von den ehemaligen Beziehungen zwischen ihm und seiner Gattin ahnte, was ein zweifelhaftes Licht auf das gegenseitige Verhältnis des Paares warf. Er, der sie so gut kannte, war gewiß, beim ersten Blick in ihr Angesicht zu ergründen, ob sie dem d'Almeyda gegen ihren Willen gefolgt war und mit dem Herzen noch an der alten Liebe hing, oder ob sie sich 52 willig mit ihrem Schicksal abgefunden hatte, in welchem Fall er die Kraft erschwingen mußte, auch seinerseits zu vergessen. Aber wenn sie in ihrer Ehe unglücklich war, wenn sie ihren Fernando noch liebte, wenn man sie über ihre Einsprache weg mit Zwang dem anderen gegeben hatte, was dann? Sein Herz tat einen gewaltigen Sprung, der den umgelegten Eisenreif zerbrach, und rief jubelnd: Dann, ja dann steht Recht gegen Recht und das ältere ist das bessere. Dann muß gekämpft werden auf Tod und Leben.

Er hielt aber seine jungen Züge unbeweglich in den frühreifen rechtsgelehrten Falten und antwortete dem Besucher trocken und sachlich, daß es sein Grundsatz sei, niemals den Fall eines Unbekannten zu führen. Bevor er eine Zusage gebe, müsse er sowohl mit Don Ramon d'Almeyda wie mit dessen Gemahlin Rücksprache nehmen und ersuche sie daher, sich persönlich bei ihm einzufinden oder ihm einen dritten Ort zu mündlicher Besprechung zu bezeichnen. Don Ramon fand die ihm gemeldete Zumutung anmaßend, aber sie erhöhte zugleich seinen Glauben an den Wundermann, der sich so viel herausnehmen durfte, und er 53 wollte keinesfalls auf einen solchen Sachwalter verzichten. Aber mit Donna Sol auf Reisen zu gehen gestattete ihm die Eifersucht seiner Geliebten nicht, die jeden Augenblick in wilder Flamme aufprasseln konnte, auch fand er soviel Entgegenkommen von seiner Seite unstatthaft. Daher erging an Don Fernando die schmeichelhafte Einladung, nach Catania zu reisen und sich als Gast im Hause d'Almeyda zu betrachten.

Die Leute im Schloß machten große Augen, als eines schönen Tages Don Ramon mit größerem Gefolge angeritten kam und sich in dem Flügel, wo er sonst nur flüchtig abzusteigen pflegte, wohnlich niederließ. Er befahl unverzüglich eine Zimmerflucht instand zu setzen und sagte seiner Gemahlin, die er zu sich in den Empfangsraum bat: Donna Sol, bereitet Euch, einen Gast zu empfangen, der einige Tage bei uns verweilen wird. Er ist ein berühmter Rechtsgelehrter aus Neapel, also ein Landsmann von Euch, Don Fernando di Mendoza, dessen Beistand wir in der Klagesache gegen Euren Stiefvater bedürfen.

Als er bemerkte, daß Donna Sol totenblaß wurde 54 und gleich darauf wie in Flammen stand, setzte er schnell hinzu:

Ihr braucht an der Einladung kein Ärgernis zu nehmen, ich habe damit meiner und Eurer Würde nichts vergeben. Ich fand es zwar überheblich von einem Manne der Feder, daß er einen Granden Spaniens nebst Gemahlin in seine Schreibstube bescheiden wollte wie den ersten besten Käsehändler. Aber man sagt mir, dieser große Rechtsgelehrte stamme selbst aus einer Adelsfamilie, die sich an Rang und Alter neben die d'Almeyda stellen kann. Ich wünsche, daß Ihr Don Fernando für die Zeit, wo er unsere Gastfreundschaft genießt, mit aller Auszeichnung begegnet und ihm den Aufenthalt so angenehm wie möglich machen helft. Die Sache liegt so, daß wir ohne ihn Eure Mitgift schwerlich herausbekommen, denn der Kaiser ist fern, und die Gerichte in Neapel halten zu den Einheimischen.

Soviel hatte Don Ramon noch nie zu seiner Gemahlin gesprochen. Und während der langen ungewohnten Rede entging es ihm ganz, daß Donna Sol sich gegen den Tisch lehnen mußte, um nicht umzusinken.

55 Des andern Tages erschien Don Fernando mit einem einzigen Diener, von dem d'Almeyda mit großen Ehren schon am Schiff empfangen. Nun kam der von beiden Seiten mit jagenden Pulsen erwartete Augenblick, wo die Liebenden sich gegenüberstanden. Don Ramon, der gern für die wenigen Tage vor dem Fremden die Rolle des regelrechten Ehemanns gespielt hätte und alles vermeiden wollte, was auf ein Mißverhältnis zu seiner Gattin deutete, sah mit Verdruß, daß diese ein dunkles tiefernstes Gewand angelegt hatte, aus dem ihr schmalgewordenes Gesicht mit ergreifender Blässe leuchtete und das eher einer Witwe anstand als einem glücklichen jungen Weib im ersten Ehejahr. Don Fernando im langen dunklen Talar zuckte mit keiner Wimper und begrüßte die Schloßfrau mit einer tiefen stummen Verbeugung, die von ihr ebenso stumm und feierlich erwidert wurde. Auch bei Tische sprach sie kein Wort; sie hätte ihre Stimme nicht in der Gewalt gehabt und wollte auch dem Ankömmling sogleich zu verstehen geben, daß kein inneres Band sie an den Schloßherrn knüpfte. Dieser dagegen bezeigte seiner Gemahlin eine 56 auffallende Beflissenheit, er suchte erlesene Bissen für sie aus, die sie nur zum Schein berührte und ungenossen wieder abtragen ließ. Don Fernando nahm, ohne daß es so schien, jede Bewegung der beiden Gatten wahr und zerbrach sich den Kopf, sie zu deuten, während auch ihm der Bissen nicht hinunterwollte, was er vor seinem Gastgeber mit Nachwirkung der Seekrankheit entschuldigte.

Beim Eintritt ins Haus hatte der Gast lebhaften Sinn für dessen bauliche Schönheiten geäußert, daß Don Ramon nicht umhin gekonnt hatte, ihn durch 57 den Säulenhof zu führen, um den die Innenräume gelagert waren, wobei Fernando gleich einen Übersichtsplan gewann. Im Hofe war dem Ankömmling eine bellende Meute entgegengestürzt, die vor dem Zuruf des Gebieters nicht kuschen wollte, aber Fernando fuhr den ärgsten Kläffern ruhig mit der Hand über den Kopf und sprach dazu ein paar begütigende Worte, worauf das Geheul wie durch Zauber verstummte.

Man sieht, Ihr versteht mit den Tieren umzugehen, sagte Don Ramon verbindlich, und Don Fernando entgegnete mit höflicher Sicherheit:

Ich bin von kleinauf an sie gewöhnt.

Dies alles sah und hörte der Schloßherr mit Wohlgefallen: in der Baukunst hielt er sich selber für einen Kenner, und aus der Hundefreundschaft schloß er auf Jagdliebhaberei. Da er leidenschaftlicher Jäger war, nahm er sich sogleich vor, den anziehenden Gast, wenn irgend möglich für eine Reihe von Tagen festzuhalten und in das eintönige Leben, das ihm Donna Dianas Herrschsucht auferlegte, durch gemeinsames Weidwerk etwas Abwechslung zu bringen. Er 58 verschob also von vornherein die geschäftlichen Erörterungen auf den nächsten Tag, und Fernando, dem nicht weniger daran lag, Zeit zu gewinnen, ließ sich den Aufschub gefallen und ging auf die Neigungen Don Ramons ein, ohne im übrigen seine ernsthafte Doktormiene abzulegen; auch schien er die aufmunternden Blicke der beiden Edelfräulein, zwischen die man ihn bei der Tafel setzte, nicht zu sehen.

Nachdem er ein wenig geruht hatte, ließ er sich von dem Hausherrn, der es nicht erwarten konnte, ihm seine Gemälde und Waffensäle zu zeigen, vollends über Treppen und Gänge mit dem ganzen Bauplan bekanntmachen. Etwas später schlug ihm Don Ramon einen Spaziergang ins Freie vor, wobei des Gastes schneller Blick sich auch die Umgebung des Schlosses und seine Zugänge zu eigen machte. Donna Sol fieberte unterdessen auf ihrem Zimmer. Wieder und wieder sandte sie die Mohrin aus, sich dem Gaste in den Weg zu stellen und ein Zusammensein herbeizuführen, aber unter den Augen so vieler Menschen war keine Annäherung möglich, und Fernando selbst, dem Don Ramons Eifer verdächtig war, hielt 59 die Botin durch eine kalte, abweisende Miene in der Entfernung.

Des anderen Tages saßen sich die dreie in Don Ramons nie benütztem Arbeitszimmer unter Papieren und aufgeschlagenen Rechtsfolianten, die der Gast mitgebracht hatte und die seiner Jugend ein ehrwürdiges Ansehen gaben, gegenüber. Er redete allerlei in Fachausdrücken, die dem Schloßherrn unverständlich waren, und richtete einige belanglose Fragen an die schweigende Donna Sol, worauf diese kurze und zurückhaltende Antworten gab, weil sie abwarten wollte, worauf er eigentlich abzielte und weil ihr das starke Herzklopfen die Stimme verschlug. Fernando hatte gleich begriffen, daß er bei der starren Etikette des Hauses d'Almeyda und bei der Menge des Gesindes, dem er überall begegnete, schwer Gelegenheit finden würde, mit Donna Sol unter vier Augen zu reden, und daß ein Gespräch mit der Mohrin höchst bedenklich gewesen wäre. Und da es zwecklos war, sich weiterhin wie Bildsäulen gegenüber zu sitzen, beschloß er mit grimmiger Lust, den wenig aufgeweckten Don Ramon selber zum Vermittler eines 60 heimlichen Verkehrs zu machen. Er sagte daher mit ausgesuchter Förmlichkeit zu Donna Sol:

Frau Marchesa, ich habe jetzt hinlänglich die Gerechtigkeit von Euer Gnaden Sache erkannt, aber ich brauche einige Zeit, mich in diese Schriftstücke noch besser einzuarbeiten und werde mir danach gestatten, Eurer Herrlichkeit einige schriftliche Fragen vorlegen zu lassen, die ich Sie bitte, ebenso zu beantworten, damit ich Eure Gnaden nicht noch einmal persönlich bemühen muß und auch Hochderen Antwort gleich bei den Akten habe.

Donna Sol stand auf, verneigte sich vor dem Gast und ihrem Gatten, und Don Ramon geleitete sie feierlich bis zum Eingang ihrer Gemächer. Er war mit dem Gang der Dinge sehr zufrieden: das Betragen des Gastes fand er ebenso ehrerbietig wie würdevoll, darum ganz und gar untadelig; die Haltung Donna Sols aber, die sich bei ihrer klösterlichen Ehe so viel Stolz bewahrt hatte, daß sie eine so anziehende Erscheinung wie diesen Edelmann im Talar, nach dem die ganze Weiblichkeit des Schlosses die Hälse verdrehte, eher zu meiden als zu suchen schien, 61 erfüllte ihn geradezu mit Hochachtung. So wurde Fernando die unfreiwillige Ursache, daß der d'Almeyda seine unerwünschte Gattin zum ersten Male mit günstigeren Augen betrachtete.

Don Fernando nahm einen großen Bogen, den er ganz vollschrieb in der schwerfällig gewundenen, dem gesunden Menschenverstand undurchdringlichen Sprache der Rechtsgelehrsamkeit, um eine Reihe überflüssiger und sinnloser Fragen zu stellen, die aus einer Häufung von Worten herausgeschält, etwa folgenden Inhalt hatten:

Steht es fest, daß der Erblasser (hier waren alle Namen und Titel, die eine halbe Seite füllten, sorgfältig angeführt) nicht vielleicht noch kurz vor seinem an dem und dem Tage infolge eines Kanonenschusses unter den und den Umständen eingetretenen Ablebens eine zweite letztwillige Verfügung getroffen hat, die der Witwe auch im Fall einer eigenen Heirat den Weitergenuß des Vermögens sichert und damit das frühere Testament nichtig erklärt? Hat in diesem Falle die Marchesa Donna Sol Navarro d'Almeyda (hier waren wiederum alle Titel angeführt und 62 füllten wiederum eine halbe Seite) Kenntnis vom Verbleib und Wortlaut fraglichen zweiten Testaments und besitzt sie irgendwelche Handhabe, um fragliches zweites Testament, bei dem mutmaßlicher- und vorauszusetzenderweise die eine oder andere vom Gesetze vorgesehene Förmlichkeit vergessen sein dürfte, vor den Gerichten Seiner Apostolischen Majestät Karls V. wegen Formfehlers anzufechten?

Von dem ganzen drei Seiten umfassenden Wortdunst blieben nach Anwendung des gewohnten Schlüssels nur sechs Stichworte übrig: Zweite . . Heirat . . nichtig . . hat . . Sol . . vergessen?

Don Ramon war ein tapferer Degen, aber er führte keine gelenke Feder und war auch im Lesen nicht behende. Als er sich durch den ersten der langgesponnenen, mit vielen ›Sintemal‹ und ›Wasmaßen‹ verschönten Sätze durchgewunden hatte, kroch es ihm schon wie Ameisen im Gehirn, und er faßte eine ungemessene Bewunderung für den ritterlichen Doctor juris, der sich bei seinen jungen Jahren so überaus gelehrt zu fassen wußte, und eine kaum geringere für seine Gemahlin, der zugemutet werden konnte, daß 63 sie diese Sprache verstand. Er begehrte jedoch nicht tiefer in das Schriftstück einzudringen, sondern legte es Donna Sol zur Beantwortung vor. Und während er dies tat, betrachtete er sie mit Blicken, als würde er zum erstenmal ihre Schönheit gewahr, wodurch er sie in nicht geringe Verlegenheit setzte. Sie empfing den Bogen mit mühsam verhaltener Erregung, die sie noch schöner machte, die aber Don Ramon auf sich selbst und seine körperliche Nähe bezog, weshalb er sich in einer seltsamen aber angenehmen Verwirrung entfernte. Ihren geübten Augen leuchtete aus dem Schriftstück gleich beim ersten Durchfliegen der liebende Vorwurf entgegen, der sich in all dem wüsten Wortkram wie eine Perle in geheimer Auster vor unberufenen Blicken barg. Sie nahm nun ihrerseits einen Bogen und zermarterte sich fieberhaft das Hirn, um auf seine Scheinfragen eine Scheinantwort zusammenzubringen, durch die sie ihm ihr unverändertes Herz enthüllen konnte. Die Leidenschaft machte sie erfinderisch, daß sie noch den Meister aller Fünde durch ihre Antwort übertraf. Sie schrieb, daß sie die erste Frage nicht mit 64 Bestimmtheit beantworten könne, daß aber bei der großen gegenseitigen Liebe der Ehegatten ihr Vater gewiß nicht an eine Wiederverheiratung der Witwe gedacht habe und sie daher berechtigt sei, sich als einzige Erbin und Nutznießerin des Vermögens zu betrachten. Da es jedoch ihrer kindlichen Liebe widerstrebe, mit der eigenen Mutter Prozeß zu führen, wäre sie, die Zustimmung des Marchese d'Almeyda vorausgesetzt, gerne zu jedem Vergleich, der sie vor dem schmerzlichen Schritte bewahren könnte, bereit. Den Bogen sandte sie offen ihrem Gemahl, der ihn selber auf Don Fernandos Zimmer trug. Dieser legte seine junge Stirn in strenge juristische Falten, während er las:

Erste – Liebe – einzige Liebe – zu – jedem – Schritte – bereit –

Er verleibte die Züge der geliebten Hand seinem Aktenbündel ein, indem er gewichtig sagte:

Der Vorschlag der erlauchten Frau Marchesa entspricht den Umständen und einem lebendigen Pflichtgefühl, er verdient aufs reiflichste in Erwägung gezogen zu werden.

65 Don Ramon erklärte sich mit allem einverstanden, was der Scharfsinn seines berühmten Anwalts und die Einsicht seiner Gemahlin für richtig erkennen würden. Er dachte jetzt vor allem daran, sich ein paar ergötzliche Tage in der einnehmenden Gesellschaft zu sichern, denn bei ihm überwog die Rücksicht auf das augenblickliche Behagen bei weitem die Geldgier. Durch des Gastes gründliche Anstalten und das Gewicht seines Namens sah er sich jedem eigenen Nachdenken überhoben und in seinen Ansprüchen aufs allerbeste gesichert; von Donna Dianas Oberherrschaft vorübergehend befreit zu sein, war an sich schon ein Genuß, darum lag ihm für jetzt die Veranstaltung eines Jagdvergnügens, womit er den Gast zu ehren gedachte, näher am Herzen, als das Eindringen in schwierige Rechtslagen, die er gern dem andern überließ. Er hielt im Schloß neben der Meute erlesener Hunde, mit denen Fernando gleich beim Eintritt Bekanntschaft gemacht hatte, auch eine Anzahl trefflich abgerichteter Raubvögel, auf die er besonders stolz war. Als er sie dem Gaste vorwies und ihm dabei bezüglich der Jägerei auf den Zahn fühlte, gab sich 66 dieser gleichfalls als Freund des Weidwerks zu erkennen, jedoch in zurückhaltender Weise, wie einer, der zwar dieser wie jeder anderen standesgemäßen Beschäftigung kundig ist, der aber seiner ernsten Gemütsart wegen weltlichen Freuden nur mit Maß nachhängt. Im stillen jedoch war er hoch befriedigt, daß Don Ramon gleich für die nächste Frühe ein Jagen anordnete, denn das gab ihm Gelegenheit, Lage und Umgebung des Schlosses unauffällig näher zu erforschen und sich zugleich mit den Hunden, deren Wachsamkeit ihm gefährlich werden konnte, noch mehr zu befreunden. Diese waren ihm schon so anhänglich, daß sie bei seinem Vorübergehen wedelten statt zu knurren. Da war aber einer, Don Ramons Lieblingshund, der seinem Herrn nicht von der Seite ging und noch immer gegen den Gast, wenn er sich näherte, die Zähne fletschte. Diesem war augenscheinlich in Güte nicht beizukommen, und Fernando überlegte hin und her, wie er ihn unschädlich machen könne.

Unterdessen hatte auch Renzo, der flinke neapolitanische Diener, die Weisungen seines Herrn bestens besorgt. Er drehte in Küche und Gesindestube das 67 Unterste zu oberst und machte den ernsthaften Sizilianern solche Possen vor, daß sie aus dem Lachen nicht herauskamen. Das gab ihm die Freiheit, das Schloß nach allen Richtungen zu durchstreifen, sich die Räumlichkeiten aufs genaueste einzuprägen und alle Gewohnheiten der Insassen auszuspähen. Er hatte auch den geistesschwachen Don Jaimé, den man von den Augen des Gastes entfernt hielt, kennengelernt, und vor allem gewann er durch seine Vertraulichkeit mit den Mägden in die ehelichen Verhältnisse des Hauses d'Almeyda eine Einsicht, die die Erwartungen seines Gebieters weitaus übertraf. Nun galt es zunächst, mit der Mohrin in Verbindung zu treten, die im Vorzimmer ihrer Herrin schlief und nur selten deren Gemächer zu verlassen pflegte, um in die große Küche zu kommen, wo das Gesinde beisammen war. Er beklagte sich gegen die Mägde, daß er unter so vielen Schätzchen keine Landsmännin finde, mit der er seine neapolitanischen Tänze tanzen könnte und die ihm auf seine Lieder Antwort gäbe. Da holten die Mädchen lachend die alte Cinzia herunter, bei deren Anblick der hübsche Bursch wie von plötzlichem 68 Liebespfeil getroffen laut aufstöhnend die Hand ans Herz drückte. Er lief ihr wackelnd entgegen, umsprang sie dann mit einem possenhaften Werbetanz, durch den er sie weiter und weiter von den Mägden hinwegdrängte, bis er sie glücklich in eine dunkle Ecke getrieben hatte, um ihr unter dem schütternden Gelächter des Gesindes ein Küßchen zu rauben, wobei er ihr ein paar Worte ins Ohr flüsterte. Die Mohrin antwortete mit ein paar noch leiser geflüsterten Worten und einer Ohrfeige, dann entfloh sie laut schimpfend. Der Renzo aber setzte sein närrisches Komödienspiel fort, verrückte allen Mägden die Köpfe, und niemand hatte ein Arges dabei, wenn man ihn künftighin mit der schnellversöhnten Schwarzen beisammenstehen und in ihrer heimischen Mundart sich unterhalten sah. Dabei wurden unter den Augen des ganzen Schlosses die heimlichen Anstalten für ein Zusammensein der Liebenden festgesetzt.

Um die Mittagszeit lagerten die beiden jungen Männer vom Jagen erhitzt am Waldrand, während die Pferde auf einer weiten Lichtung grasten und die Diener beschäftigt waren, die gefiederte Beute 69 jagdgerecht aufzureihen. Don Ramon war durch das unverhofft große Jagdglück des Tages in freudige Erregung versetzt, und in diesem Zustand gönnte er einem jeden das Beste. Daher suchte er den Gast wegen seiner auffallenden Weiberscheu auszuhorchen.

Ihr seid noch so jung, Don Fernando, sagte er, und wie man sieht, seid Ihr für die Welt erzogen. Die freie Luft hat Euch heute einmal fröhlich gemacht und mitteilsamer als ich Euch die Tage her kannte. 70 Wollt Ihr nicht meine Neugier befriedigen und mir sagen, wie es kommt, daß ein junger Mann von Euren Anlagen und Eurer Erscheinung gar kein Auge für das schöne Geschlecht zu haben scheint? Wer Euch in Frauengesellschaft sieht, der könnte zu dem Schluß kommen, daß sich unter der Toga des Rechtsgelehrten wie unter dem ritterlichen Gewande, das Ihr heute tragt, ein Mönch verberge.

Er würde auch nicht allzuweit fehlgreifen, Don Ramon, antwortete Fernando mit einem Seufzer. Ein frühes Liebesunglück hat mich ins Kloster getrieben, und nur auf Wunsch meiner Oberen bin ich vor Ablegung der Klostergelübde in die Welt zurückgekehrt, um die besonderen Gaben, die mir Gott verliehen hat, in den Dienst des bedrängten Rechts und der verfolgten Unschuld zu stellen. Darum übernehme ich auch keinen Prozeß ohne mich von der Würdigkeit meines Klienten persönlich überzeugt zu haben. Mein Sinn aber steht mir immerdar nach dem Klosterfrieden, und wenn ich auch nicht dazu kam, meine Gelübde vor dem Altar abzulegen, so gelten sie doch vor mir selbst als bindend.

71 So hat Euch der Tod die Frau Eures Herzens geraubt? fragte Don Ramon teilnehmend.

Viel, viel schlimmer als das. Die Braut, die mir von Jugend auf zugedacht war und nach der es für mich keine zweite geben kann, ist die Gattin eines anderen geworden.

Don Ramon brach bei diesen in niedergeschlagenem Ton gesprochenen Worten in eine helle Lache aus:

Mein verehrter Don Fernando! Deshalb sehnt Ihr Euch nach der Kutte und spinnt Eure schönsten Jahre in Trübsal hin! Sitzt denn Eure Schöne im Harem des Großsultans, wo niemand eindringen kann? Gibt es keine Schlosser mehr, die einen Nachschlüssel fertigen können, keine Duennen, die sich erkaufen lassen, keine Strickleitern, womit man die Fenster der Schönen erklimmen kann? Muß ich Eurem findigen Kopf die allereinfachsten Lehren der Liebes- und Lebenskunst beibringen?

Das Gesicht des Gastes verdüsterte sich noch mehr.

Zu solchen Fünden, Herr Marchese, würde freilich mein eigener Verstand ausreichen. Aber es entspricht nicht meinem Geschmack, in der Liebe mit einem anderen zu teilen.

72 Und wie um das Gespräch abzubrechen setzte er hinzu:

Da jetzt meine Aufgabe hier beendet ist, gestattet mir, Euch den Dank für Eure Gastfreundschaft auszusprechen und mir von Euch und der Frau Marchesa Urlaub zur Heimkehr zu erbitten. Morgen mittag geht, wie ich höre, ein Schnellsegler nach Kalabrien ab, den ich nicht versäumen möchte, da mich meine Geschäfte rufen.

Don Ramon wollte von einem so raschen Abschied nichts wissen, er hatte sich bei dem herbstlich schönen Wetter auf eine Reihe gemeinsamer fröhlicher Jagdtage Hoffnung gemacht und begriff nicht, daß der Gast schon nach dem ersten genug hatte. Er drang in ihn, nur wenigstens einen Tag noch zuzugeben, aber Fernando blieb mit stiller und sanfter Hartnäckigkeit dabei, des anderen Mittags reisen zu müssen, weil seine Angelegenheiten in Neapel keinen weiteren Verzug litten.

Als Don Ramon sah, daß gegen diesen entschlossenen Willen nicht aufzukommen war, bat er ihn mit ritterlich spanischer Gastfreundschaft, das schönste Pferd 73 aus seinem Stalle sowie einen gut abgerichteten Falken, welcher ihm am besten gefiele, als Andenken auszuwählen.

Fernando dankte; er sei mit Pferden reichlich versehen und wüßte mit einem Jagdfalken nichts anzufangen, da er das Weidwerk nicht von sich aus betreibe, sondern nur, wenn er geladen sei, und auch dann nur ausnahmsweise, an einem Jagdvergnügen teilnehme. Während seiner Rede knurrte der Hund des d'Almeyda, der zu Füßen seines Herrn lag, so drohend, daß dieser ihn nur durch ein wiederholtes Kusch dich, Moro! Willst du wohl! niederhalten konnte.

Das höre ich sehr ungern, sagte jetzt Don Ramon. Aber Ihr werdet mir nicht zumuten wollen, daß ich Euch ganz unbeschenkt nach Hause entlasse. Das wäre gegen alle Gepflogenheiten des Hauses d'Almeyda. Ich bitte Euch also, aus dem Bildersaal oder aus der Bücherei des Schlosses ein Andenken auszuwählen, das Eurem Geschmacke besser zusagt.

Abermals bat Fernando ihn zu entschuldigen. Bei meiner Einkleidung in das Gewand des Novizen, sagte er, tat ich alles Überflüssige von mir, und auch als 74 ich aus dem Kloster wieder austrat, was, wie Ihr wißt, gegen meinen Wunsch geschah, nahm ich mir fest vor, allen weltlichen Besitz, soweit ich seiner nicht von Berufs wegen bedarf, zu meiden, um dem vor Gott und meinem eigenen Herzen abgelegten Gelübde der Armut wie der Enthaltsamkeit treuzubleiben.

Das Hin- und Widerreden, das dem Hunde wie ein Streit erscheinen mochte, entlockte dem Tier ein immer drohender werdendes Knurren.

Ihr habt da einen wunderschönen, äußerst wachsamen Begleiter, Don Ramon, sagte Fernando verbindlich.

Er ist Euer, fuhr der d'Almeyda bedachtlos heraus, indem er die Formel anwandte, womit der Spanier auf jedes Lob eines ihm gehörenden Gegenstandes zu antworten pflegt.

Don Fernando war von seiner spanischen Abkunft her mit dieser Sitte wohlbekannt, aber er stellte sich, als nehme er das Geschenk ernst, und sagte mit einer erfreuten Verbeugung:

Mit diesem Anerbieten hat Eure Herrlichkeit meinen Grundsatz, niemals von einem Klienten ein Geschenk 75 anzunehmen, über den Haufen geworfen. Ein Hund wie dieser war schon lange mein Wunsch, denn ich bin vielen Feindseligkeiten ausgesetzt von seiten aller Erbschleicher und Vormünder, die ihre Mündel bestehlen wollen, und anderer Schurken auf der Halbinsel. Da hat mir ein Wächter wie dieser bisher gefehlt. Wenn Ihr mir also wirklich die Freude machen wollt, Don Ramon, so nehme ich das prächtige Tier an und werde es im Gedenken an Eure Großmut immer hoch in Ehren halten.

Don Ramon verwünschte seine Unvorsichtigkeit und die Einfalt des Gastes, denn das ganze Schloß mit allem, was es enthielt, Donna Sol inbegriffen, hätte er lieber hergegeben als diesen Hund, der an Abrichtung und Wachsamkeit alle anderen übertraf und ihm anhing wie sein Schatten. Er sagte daher in großer Verlegenheit:

Mein ganzer Zwinger ist zu Eurer Verfügung, Don Fernando, und Ihr werdet mir eine hohe Ehre erweisen, wenn Ihr daraus wählen wollt, was Euch am besten ansteht. Nur mit dem Moro würdet Ihr, fürchte ich, keine Freude erleben, wenn Ihr ihn 76 mitnähmet. Er ist äußerst bissig und hat noch nie einem Menschen gehorcht als mir. Selbst der Hundewärter getraut sich nur mit Vorsicht in seine Nähe, und Ihr seht ja selbst, wie er jeden Augenblick bereit ist auf Euch loszufahren, während alle seine Kameraden sich von Euch streicheln und füttern lassen.

Es ist mit den Hunden genau wie mit den Menschen, Don Ramon, antwortete der Mendoza. Der Allerweltsfreund ist niemands Freund und geht dahin, wo er seinen Vorteil sieht. Ich kann nur einen scharfen Hund brauchen, denn zum bloßen Vergnügen mag ich mich nicht mit dem Getier beschleppen.

Man wird den Moro, wie ich fürchte, gar nicht dahinbringen, Euch auf das Schiff zu folgen, meinte der d'Almeyda, der noch immer Ausflüchte suchte.

Das müßte freilich Euer Gnaden Sorge sein. Aber ich sehe schon, daß Euch Euer Anerbieten reut und daß Ihr mir das edle Tier nicht gönnen möget. So laßt uns denn nicht weiter von der Sache reden, und ich bitte nur, daß Ihr mir kein anderes Gastgeschenk aufzudringen sucht, da ich, wie Ihr schon wißt, nur dieses oder keines annehmen werde.

77 Jetzt blieb dem d'Almeyda als wohlerzogenem Mann aus altspanischem Geblüt nichts übrig, als dem Gast zu versichern, daß er mit tausend Freuden das wackre Tier in den Besitz eines so edlen Herrn übergehen sehe, und da dieser sich nun kostbar machte und tat, als schlüge er das Geschenk aus, mußte er am Ende alle Überredung ausbieten, ihn zur Annahme zu bewegen. Währenddessen schien der Hund lauersam dem Gespräch zu folgen, als spürte er, daß über sein Schicksal verhandelt wurde, und ein paarmal bellte er heftig seine Einsprache dazwischen.

Als die Herren sich dem Schlosse wieder näherten, tönte ihnen von weitem lautes Geschrei entgegen. Haltet ihn! Haltet ihn! Da ist er schon wieder! O du Halunke! Willst du wohl stehen? und ähnliche Rufe, wie man sie einem Einbrecher nachsendet, aber von Gelächter und Hundegekläff unterbrochen.

Don Ramon erkannte die Stimme seines irren Bruders, und aus dem Walde hervorreitend sah er Don Jaimé mit blankem Degen hinter seinem Schatten herrennen, der von der schrägstehenden Sonne ins Riesenhafte verlängert vor ihm herschoß, dann mit der 78 Bewegung seines Verfolgers schwenkte, verschwand und an einer andern Stelle wieder zum Vorschein kam, was den Kranken in immer größere Aufregung trieb, daß er wilde Streiche nach ihm führte. Man wußte nicht, ob er dieses Turnier als ritterliches Waffenspiel betrieb, oder ob er einen wirklichen Gegner vor sich zu sehen glaubte. Die Hunde jedenfalls nahmen es als Kurzweil auf, denn sie rannten mit ihm um die Wette, sprangen an ihm empor und 79 verführten ein Getümmel, in das sich auch der grimme Moro mit wilden Sätzen mischte.

Schämt Euch, Don Jaimé, was treibt Ihr wieder für Blödsinn? rief der Marchese entrüstet dem Herumfuchtelnden entgegen. Wollt Ihr den Degen weglegen! Ziemt es sich in einem friedlichen Haus und vor den Augen eines Gastes die Waffe blank zu machen?

Er blickte grimmig, denn im Zorn über den unglücklichen Bruder suchte der Schmerz um den Verlust des treuen Tieres eine Entladung.

Jener stand wie ein gescholtenes Kind, ließ sich auch von den Leuten Don Ramons ohne Widerstreben entwaffnen und saß dann, ehe man sich's versah, in den Ästen eines Eichbaums, um da oben die Nacht zu verbringen.

Des anderen Tages nahm Don Fernando zeitig Abschied, ohne Donna Sol wiederzusehen, der er durch den Marchese seine Ehrerbietung zu Füßen legen ließ. Dieser begleitete ihn mit vieler Dienerschaft zum Hafen und ließ es sich nicht nehmen, ihn bis aufs Schiff zu bringen, was sich auch als notwendig erwies, weil 80 der Hund ohne seinen Herrn die Planken nicht betreten hätte. Dort wurde das schöne Tier alsbald in einen Lattenverschlag gesperrt, wo es sich auch ruhig verhielt, solange es die Stimme Don Ramons vernahm. Jetzt aber eilte Fernando die Abschiedshöflichkeiten abzukürzen, und sobald Don Ramon mit seinen Leuten außer Sehweite war, begab er sich zusamt dem flinken Renzo in die für ihn belegte Koje, wo er schnell mit dem Diener die Kleider wechselte. Dann lief er in Renzos Gestalt über das Deck und die Brücke an Land zurück, als ob er etwas vergessen hätte, das er schnell noch für seinen Herrn bestellen müsse. Die Matrosen riefen ihm nach sich zu sputen, da sie in wenigen Minuten die Anker lichten würden. Er winkte aber nur mit der Hand ab und lief schneller, gefolgt von dem wütenden Geheul des Moro, der zu merken begann, daß er auf dem Schiffe ein Gefangener war. Als er den Hafen im Rücken hatte, änderte er seine Richtung und bog in eine Gasse ein, die ins Herz der Stadt führte. Dort trat er in ein Verkaufsgewölbe und ließ sich einige Ellen graues Tuch von derselben Farbe abschneiden, wie sie der 81 tolle Don Jaimé trug. Denn bei dem wunderlichen Gehaben des Geistesschwachen, der ungefähr vom gleichen Wuchs und Alter war wie er selber, war ihm ein Gedanke aufgestiegen, der ihm bei seinem Vorhaben förderlich sein konnte und den er auch gleich durch den Renzo der schnell dafür gewonnenen Mohrin mitteilen ließ. Mit seiner Rolle Tuch ging er nun ungesäumt zu einem Schneidermeister und bot ihm eine sehr beträchtliche Belohnung, wenn er ihm das Kleid nach einem Schnitt, den er genau vorzeichnete, noch bis zum Abend fertig liefern würde. Der geschickte Meister rief alle seine Gesellen zusammen, gab dem einen einen Ärmel, dem andern einen Aufschlag, dem dritten ein Knopfloch zu fertigen und brachte richtig kurz nach Sonnenuntergang ein Gewand zustande, das dem Mendoza wie angegossen saß und einem der Gesellen den verwunderten Ausruf entlockte:

Jetzt gleicht der Herr auf ein Haar dem tollen Bruder des Marchese d'Almeyda.

In dieser Kleidung, mit ins Gesicht gekämmten Haaren, wie sie der Irre trug, verließ Fernando die Stadt vor Schluß der Tore und wartete im Freien unter 82 Bäumen, bis der frühe Mond untergegangen war. Dann öffnete er mit dem Nachschlüssel, den Renzo besorgt hatte, ein Pförtchen in der Mauer, dessen Schloß und verrostete Angeln sorgfältig von der Mohrin eingeölt waren, und innen empfing ihn die alte Vertraute seiner Liebesschmerzen. Sie ging ihm leise über den Hof voran, dann durch das Erdgeschoß an der in Finsternis liegenden Küche und den Gesinderäumen vorüber, die Treppe hinauf, über deren erstem Absatz unter einem Muttergottesbild das ewige Lämpchen brannte. Bei dem schwachen Lichtschein fuhr sie zusammen und hätte fast einen Schrei getan, denn sie glaubte, den tollen Don Jaimé in Person vor sich zu sehen. Fernando machte ihr ein erschrockenes Zeichen, und lautlos wie Schemen glitten sie die Treppe vollends hinauf und in den linken Flügel zu den Gemächern Donna Sols hinüber. Die Hunde gaben bei ihrem Vorüberhuschen Laut, aber nur so, wie sie es zur Nachtzeit bei den Hausgenossen zu tun pflegten und verstummten gleich wieder.

Im Vorzimmer, wo die Mohrin schlief und wo wie im ganzen Schloß tiefe Finsternis herrschte, bat ihn 83 diese, sich ganz stille zu verhalten, was auch geschehen möge.

Wenn Ihr einen Lärm vernehmt, so braucht Ihr nicht zu erschrecken, es ist der Tolle, der Einlaß begehrt. Aber schwört mir, Euch nicht zu verspäten. Wenn Ihr nicht zeitig das Schloß verlaßt, lauft Ihr 84 dem Marchese in die Hände, der in aller Frühe die Knechte weckt, um auf die Jagd zu reiten. Ist das Haus einmal wach, so kommt Ihr nicht mehr ungesehen hinaus, und dann sind wir alle verloren.

Im gleichen Augenblick preßte sich schon ein geschmeidiger Frauenleib im Dunkeln gegen den seinigen, zwei fiebernde Hände tasteten die Linien seines Gesichts, der Schultern und Arme ab, und Donna Sol jubelte leise: Er ist es! Er ist es!

Ja, er ist es, du sollst ihn an seinen Küssen erkennen, antwortete Fernando, seine Worte zugleich wahrmachend.

Cinzia, sagte Donna Sol, bevor sie sich dem Sturm seines Entzückens überließ, ich nehme dich und Gott zum Zeugen, daß dieser mein erster und einziger Gatte ist.

Mohrin, sagte nun auch der Jüngling, wie du Zeugin unserer ersten Vermählung warst, nehme ich vor dir und Gott diese zum zweitenmal zum Weib und schwöre, daß ich sie stets als meine einzige und rechtmäßige Gattin betrachten werde, möge nun kommen, was da wolle.

85 Beim ersten Hahnenkraht weckte die Getreue, die die ganze Nacht im Vorzimmer gewacht hatte, die Liebenden und drängte Fernando zum schleunigen Aufbruch. Dieser durchglitt leise wie ein Windhauch die schlafenden Räume, die schon in Dämmerung lagen, und hatte bereits das Pförtchen wieder hinter sich verschlossen, als er von weitem eine Stimme singen und lachen hörte. Es war der Irre, den die Tollheit wieder einmal die ganze Nacht im Freien umgetrieben hatte und der jetzt bei Tagesanbruch seine Schlafstelle aufsuchen wollte. Fernando drückte sich, so sehr er konnte, in den Schatten, um ungesehen an ihm vorüberzugleiten, doch schon war Jaimé mit dem Degen über ihm her, blieb aber gaffend stehen, als er eine Gestalt erblickte, die der seinen völlig gleich war. Er mochte glauben, daß es sein alter Gegner, der Schatten sei, der nun plötzlich aufrecht geworden, denn er schrie aus Leibeskräften:

Hab' ich dich endlich, Halunke? und wollte ihn fassen, aber Fernando duckte sich und entglitt. Er schoß vor ihm her, wie es der Schatten, der in solcher Frühe noch nicht sichtbar war, zu tun pflegte, während jener 86 schreiend nachlief, blieb stehen, wenn der andere stehenblieb, und floh weiter, sobald er sich wieder in Bewegung setzte. Erst als er ihn durch seine schattengleiche Flucht soweit bergauf gelockt hatte, daß man sein Geschrei und seine Klopffechterei im Schloß nicht mehr hören konnte, machte Fernando plötzlich kehrt und riß den Degen aus der Scheide. Es zeigte sich, daß der Gegner unerwartet stark, aber zum Glück im Fechten wenig geübt war, daher der viel gewandtere Fernando, nachdem er ihm schonend etliche flache Hiebe versetzt hatte, ihn glücklich unterlaufen und ihm den Degen aus der Hand schlagen konnte, daß er weit hinwegflog. Und während jener schreiend nach seiner Waffe lief, verschwand er spurlos.

Ganz zerrauft und zerbeult und aus einer leichten Hautwunde blutend, die ihm Fernando ungern und nur, um sich selbst zu schützen, beigebracht hatte, hinkte er ins Schloß zurück und lief gerade seinem Bruder in den Weg, der mit Hunden und Knechten zum Jagen auszog.

Was ist Euch geschehen, Don Jaimé, fragte dieser, als er den armen Irren in so üblem Zustand erblickte.

87 Jener sah ihn kummervoll an, ohne zu antworten, denn er wußte den seltsamen Vorgang mit dem grimmigen Doppelgänger nicht zu erklären.

Nun, mit wem habt Ihr Euch so früh schon herumgeschlagen? Wer hat Euch so zugerichtet?

Don Jaimé, antwortete der Schwachsinnige.

Der Marchese, der gewohnt war, den Unglücklichen von sich selber in der dritten Person reden zu hören, dachte, jener sei wie schon öfter mit der Weinflasche im Arm ausgezogen und vielleicht in benebeltem Zustand mit dem Gesicht in die Scherben gefallen; deshalb sagte er ärgerlich:

Geht nach Hause und laßt Euch verbinden und seht zu, daß Ihr Euren Rausch ausschlaft.

Er war seit Fernandos Abreise in schlechter Laune. Seine ganz verfahrene Eheangelegenheit wollte ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er begann zu denken, daß er eine große Torheit begangen habe, eine so reizende Frau zu verschmähen und sich ganz in die Hände einer ehrgeizigen und eifersüchtigen Buhlerin zu begeben. Wenn es dem Monarchen zu Ohren kam, daß er die Gabe seiner Huld so wenig geachtet hatte, so war 88 ihm die kaiserliche Ungnade gewiß. Daneben brannte ihn auch der Verlust seines treuen Hundes empfindlich, seit der Gast, der ihn mit sich genommen, mit seiner seltsamen Anziehungskraft nicht mehr gegenwärtig war. Gegen diesen doppelten Herzstich wußte er sich keinen besseren Balsam als die frische Morgenluft und das fröhliche Jägerhorn.

Gegen Abend setzte sich der Schwachsinnige, wie es seine Gewohnheit war, in die Küche zu dem Gesinde, das ihn mit vielen Ehrfurchtsbeweisen empfing und ihm durch teilnehmende Fragen eine Schilderung seines seltsamen Abenteuers ablockte. Mit der großen Mühe, die ihm das Sprechen verursachte, und ganz zusammenhangslos, erzählte der Ärmste, wie um die frühe Morgenstunde Don Jaimé von Don Jaimé überfallen worden sei, wie einer den andern gejagt habe, wie sie am Ende handgemein geworden und wie zuletzt Don Jaimé den armen Don Jaimé auf den Kopf geschlagen und der Waffe beraubt habe. Man wußte aber nicht, wie weit er selber glaubte, was er sagte, weil er seine stockenden Angaben immer von Zeit zu Zeit durch ein Lachen ergänzte, das die 89 verhaltene Heiterkeit der Zuhörer zum Sturm entfesselte. Das laute Wesen zog auch den Falkenier herbei, der in einem anstoßenden Gelaß mit seinen Vögeln hauste. Er brachte einen wunderschönen Habicht mit, den der Marchese erst seit kurzem besaß und der zuerst ein wenig getrauert hatte, jetzt aber unter den Händen seines Pflegers prächtig gediehen war.

Als er das Prachtstück herumzeigte, sagte der Koch mit dummem Scherz:

Euer Vogel ist so fett, daß man ihn nächstens braten könnte.

Ich werde ihn selber braten, erklärte Don Jaimé ernsthaft, aber niemand achtete auf diese neue Tollheit.

Als an diesem Abend der Mond den zwei Verliebten endlich den Gefallen getan hatte unterzugehen, schlich Fernando wiederum in seiner Verkleidung durch das Pförtchen ins Schloß. Diesmal lag die Treppe im Stockfinstern, aber aus der Küche, deren Tür angelehnt stand, fiel ein Lichtschein heraus. Fernando spähte im Vorüberhuschen hinein. Da sah er innen den Geistesschwachen, der seine Jacke abgelegt und über den Stuhl gehängt hatte, bei einer sonderbaren Tätigkeit. 90 Er war ganz leise in das Gelaß des schlafenden Vogelwärters geschlichen und hatte flink wie eine Katze den schönen Habicht von der Stange geholt, nachdem er ihm mit einem Griff den Hals abgedreht und das kleine Füßchen von der Kette losgebrochen hatte. Dann war er mit seiner Beute in die Küche zurückgekehrt und hatte sich mit aller Ruhe daran gemacht, den Vogel zu braten, wie er es dem Falkenier zuvor angekündigt. Um bei seinem Geschäft zu sehen, hatte er der Muttergottes ihr Lämpchen genommen und es auf den Herd gestellt. Von den Kohlen hatte er die Asche geblasen und neue Glut zugelegt, nur das Rupfen und Ausnehmen hatte er vergessen. Und jetzt war er eben dabei, das ganze Tier an den Spieß zu stecken, bloß die Flügel, die ihm hinderlich waren, hatte er abgerissen.

Fernando schlich kopfschüttelnd vorüber; daß die Tollheit des armen Don Jaimé soweit ginge, einen Habicht mit allen Federn zu braten, hatte er nicht erwartet.

Kaum hatten sich die zwei Liebenden ihrer weltentrückten Seligkeit überlassen, als sich aus den unteren 91 Räumen des Schlosses ein Schelten und Hilferufen erhob, zugleich mit einem durchdringenden Brandgeruch, der von den versengten Federn des Habichts herkam. Dieser Geruch hatte den Koch geweckt, der aus Furcht, er habe vielleicht ein Küchentuch zu nahe den glimmenden Kohlen liegen lassen und dadurch einen Brand entfacht, schnell aus dem Bette gesprungen war, um nach dem Feuer zu sehen. Bei seinem plötzlichen Erscheinen geriet der Irre in Wut, weil er glaubte, der Koch wolle ihm den Braten streitig machen. Er knurrte wie ein Hund, dem man den Knochen nehmen will, und fuhr plötzlich mit dem Bratspieß, woran der Vogel mit den brennenden Federn hing, auf den Übelangekommenen los, der gerade noch eine in der Ecke stehende Eisenstange fassen konnte, um den Hieb abzuwehren. Da er aber Don Jaimés beträchtliche Körperkräfte kannte, stieß er zugleich ein lautes Hilfegeschrei aus, gewann die Tür und rannte im Flug die Treppe hinauf, Don Jaimé mit dem Bratspieß und dem Vogel hinter ihm her.

Bei dem Lärm öffnete die Mohrin leise die Tür des Vorgemachs, um zu sehen, was es gebe. Sie hatte 92 aber in jener Nacht unvorsichtigerweise ein Ampelchen neben ihrer Schlafstätte brennen lassen, um sich besser wachzuhalten. Als der Schein auf den Korridor fiel, stürzte der Verfolgte atemlos zur Tür herein, die er gewaltsam aufstieß, hinter ihm her der Irre mit Schelten und Toben. Beide rissen die Mohrin, die sie aufhalten wollte, nieder und stürmten einer hinter dem anderen in das unverschlossene Gemach Donna Sols. Fernando, der sogleich aufgesprungen war, hatte eben noch Zeit unter dem Bette zu verschwinden.

Der Koch, in dem die Todesangst alle Rücksicht auf seine Herrin überwog, stieß ein lautes Hilfegeschrei aus und machte Miene gleichfalls sein Heil unter dem Bette zu suchen. Allein Donna Sol war mit großer Geistesgegenwart auf die Füße und den zwei Tobenden entgegengesprungen. Barfuß und im Nachtgewand stand sie da und scheuchte den Verfolgten wie den Verfolger von ihrem Lager hinweg:

Was fällt Euch ein, Don Jaimé? Ist das Rittersitte, bei Nacht im Zimmer der Damen einzubrechen? Und du, Fortunato, wie kannst du dich unterstehen? 93 Macht, daß Ihr fortkommt, alle beide, und fechtet Eure Händel anderswo aus.

Trotz seiner Geistesschwäche regte sich in Don Jaimé das altkastilische Ritterblut, das zur Ehrerbietung vor den Damen erzogen war. Er ließ alsbald vom Zürnen ab und stand mit gesenktem Bratspieß demütig vor der schönen Schwägerin. Seine Augen hingen aber mit brennender Bewunderung an ihren nackten Schultern, daß sie schnell ein Gewandstück umwarf, dessen Ärmel sie unter dem Kinn verknüpfte.

Unterdessen hatte der Lärm das ganze Schloß geweckt, von allen Seiten hörte man Türen schlagen und den Ruf: Es brennt! Es brennt! Die erschrockenen Insassen strömten allmählich alle in Donna Sols Gemach zusammen, aus dem die Mohrin sie umsonst zu entfernen suchte. Endlich erschien, von dem Lärm herbeigezogen, Don Ramon selbst, einen silbernen Kandelaber in der Hand, der die ganze Nacht an seinem Bett zu brennen pflegte, und fragte gebieterisch, was hier vorgehe. Der Koch begann zu erzählen, der Irre auf seine Weise ebenfalls, Donna Sol aber stützte sich halb ohnmächtig vor Schreck auf den 94 Bettpfosten, denn beim hellen Licht der dicken Wachskerze in Don Ramons Hand hatte sie Fernandos Jacke erblickt, die noch über der Truhe hing, weil er keine Zeit mehr gefunden hatte, sie an sich zu raffen. Die Mohrin sah sie nun gleichfalls und gab sich alle Mühe, die Blicke des Marchese anderswohin zu lenken, indem sie heftig auf den Koch einzuschelten begann. Der Schutzgott der Liebenden kam zu Hilfe und ließ Don Jaimé früher als alle anderen des gefährlichen Gewandstücks ansichtig werden. Im Glauben, daß es das seine sei, schoß er wie ein Blitz darauf zu, fuhr mit beiden Armen zugleich hinein, nahm seinen Spieß wieder auf und entglitt in die Dunkelheit. Auch der Koch und die anderen Dienstleute suchten auf Befehl des Herrn ihre Betten wieder auf. Dieser allein machte keine Miene sich zu entfernen, sondern blickte unverwandt auf die Reize, die der eilig aufgeraffte Umwurf nicht ganz zu verhüllen vermochte. Er begriff nicht, wie es zuging, daß ihre Schönheit, die bisher wie eine Blume im Schatten getrauert hatte, mit einemmal so berauschend herrlich aufgeblüht war.

Donna Sol hielt ihre Augen wie schamhaft 95 abgewendet, denn sie fühlte, daß sie ihren Glanz nicht dämpfen konnte, der den Rausch der Liebesstunde verriet, aber Don Ramon empfand ihn doch und bezog ihn auf sich selber.

Donna Sol, sagte er bebend, indem er auf sie zutrat, ein Narr hat Euch heute um Eure Nachtruhe gebracht, aber ein noch viel größerer Narr hat Euch solange eine Nachtruhe gelassen, die Eure Schönheit beleidigen mußte. Ich bin dem ersten Narren dankbar, daß er mir die Augen öffnete für ein solches Götterbild. Der zweite Narr legt sich heute zu Euren Füßen als ein reuig Liebender, der dieses Zimmer nicht verlassen wird, bevor er Eure Verzeihung erlangt und seine Torheit in Euren Armen abgebüßt hat.

In dieser entsetzlichen Bedrängnis wußte sich Donna Sol keinen Rat, als daß sie einen hilfesuchenden Blick auf die Mohrin warf und mit einem plötzlichen Schrei in die Arme ihrer Vertrauten sank.

Geht, geht, um Gottes willen, wollt Ihr sie töten? schrie diese, die nicht auf den Kopf gefallen war, und wehrte die Hände ab, die sich mit ihr um die Bewußtlosgewordene bemühen wollten. – Ich beschwöre 96 Eure Gnaden, das Zimmer zu verlassen, wenn Ihr nicht wollt, daß sie vor Euren Augen stirbt.

Aber was ist denn geschehen? Was habe ich ihr denn getan? fragte Don Ramon, dem das alles unverständlich war.

Was Ihr getan habt? – Verachtet habt Ihr sie und verstoßen und ihre Jugend in ewiger Witwenschaft gehalten, da Ihr in all den Monden, seit sie Euer 97 Weib geworden ist, keinen Blick für sie hattet. Wie soll das arme Herz den plötzlichen Übergang aus dem tiefsten Kummer in das höchste Glück ertragen?

Liebt sie mich denn so sehr? fragte Don Ramon erschüttert.

Die Mohrin verdrehte die Augen, daß nur noch das Weiße sichtbar war, um das Übermaß dieser Liebe auszudrücken, und sagte nur: Ob sie Euch liebt? O Ihr verblendeter Mann!

Da er ihr aber helfen wollte, den zuckenden Leib aufzurichten und auf dem Lager zu betten, stieß sie ihn erschrocken weg:

Ihr mordet sie. Seht Ihr diese Herzstöße nicht? Das ist der Tod.

Nun verlor Don Ramon völlig den Kopf. Er irrte trostlos durchs Zimmer und jammerte:

Sie stirbt, die süße Donna Sol, und kein Arzt zur Stelle!

Geht, geht. Wir brauchen keinen Arzt. Ich kenne diese Anfälle. Sie kommen bei jeder großen Gemütsbewegung, aber diesmal ist der höchste Grad erreicht. Da kann kein Arzt helfen, da hilft nur sich ausweinen 98 und ruhen lassen. Wenn der Gegenstand ihrer Leidenschaft aus ihren Augen ist, wird sie sich fassen, und ich schwöre Euch, daß sie nach Ablauf von vierundzwanzig Stunden wieder frisch und gesund sein wird und fähig die Annäherung eines Liebenden zu ertragen. So brachte sie ihn dahin, daß er seine Kerze wieder aufnahm und nach tausend Verwünschungen über seine eigene Torheit und flehentlichen Bitten an die schluchzende Donna Sol sich zu beruhigen, weil künftig nichts zu ihrem vollen Glück fehlen solle, sich in seine Gemächer zurückbegab.

Als sein Schritt verhallt und die Tür hinter ihm verschlossen war, kam Fernando aus seinem Versteck hervor, wo er jeden Augenblick darauf gelauert hatte, hervorzuspringen und den Marchese zu erwürgen. Alle drei waren einig, daß Donna Sol keine weitere Nacht im Schloß verbringen dürfe, wenn er sein Kleinod vor den Händen des unrechtmäßigen Besitzers retten wollte. Sie entwarfen und durchdachten ihren Fluchtplan, bis er ihnen völlig reif und sicher schien. Dann brach Fernando aus und durchglitt die dunklen Gänge so leise, daß nicht einmal die Hunde erwachten. 99 Als er an der Küche vorüberkam, wo noch immer das Ampelchen der Muttergottes brannte, nahm er blitzschnell die Jacke des Narren mit, die noch über der Stuhllehne hing, so daß niemand etwas von dem Tausch ahnen konnte.

Des anderen Tages kam Don Ramon unzählige Male, sich nach dem Befinden seiner Gemahlin zu erkundigen, aber die Mohrin wußte ihn jedesmal geschickt durch das Vorgeben, daß Donna Sol schlafe und noch tiefer Ruhe bedürfe, zu entfernen. Sie machte ihm dabei so ergreifende Schilderungen von Donna Sols ausgestandenen Liebesschmerzen, daß er vor Reue zerschmolz und wie Wachs in den Händen der Vertrauten wurde, die ihm bald eine genesene, vergebende und noch immer liebeglühende Gattin zuzuführen versprach. So bändigte er seine Sehnsucht, um diesen glücklichen Augenblick nicht durch eine Unbedachtsamkeit zu verzögern. Auch Don Jaimé und der Koch entgingen jeder Schelte wegen ihres unziemlichen Eindringens in das Schlafzimmer der Herrin, wodurch diese außerordentliche Wendung herbeigeführt worden war.

100 Der Seelenzustand des Schloßherrn blieb der Späherin Donna Dianas nicht verborgen, und jetzt hing Donna Sols Leben an einem Haar. Denn schon Don Ramons längeres Verweilen auf dem Schlosse widersprach dem zwischen ihm und seiner Geliebten geltenden Vertrag; Diana sandte heimlich Boten auf Boten, um von allen Vorgängen Kenntnis zu erhalten, und die Nachricht von Don Ramons häufigem Anklopfen an den Frauengemächern brachte ihre Eifersucht zum Rotglühen. Nur die Umsicht der Mohrin, die ohne von dem Pülverchen etwas zu wissen, bloß um die Täuschung besser durchzuführen, alle heraufgebrachten Speisen unverkostet zurücksandte und mit eigenen Händen für die Herrin etwas Krankenkost zubereitete, während sie selber in der Küche stehend einen Bissen aß, vereitelte den Anschlag. Als die Tagesglut vorüber war, kam Donna Sol, wankend vor Schwäche am Arm der Mohrin aus ihren Gemächern, um im Freien Luft zu schöpfen. Die Gesellschaft der Edelfräulein lehnte sie als zu ermüdend ab, und auch der Hofmeisterin konnte sie sich glücklich erwehren, denn Don Ramon hatte Befehl gegeben, ihr 101 in allem zu Willen zu sein, daß nichts ihre Genesung verzögere. Das Gesinde blickte ihr bedauernd nach, denn ihre Blässe schimmerte durch die Dämmerung, so geschickt hatte ihr die Mohrin das Gesicht mit feinem Reismehl bestäubt und eingerieben. Man sah die beiden den gewohnten Weg nach den Vignen einschlagen, die sich sachte den Berghang hinunterzogen. Aber es war das letztemal, daß die Augen der Dienerschaft die junge Herrin erblickten.

Erst spät am anderen Vormittag, als die aufwartenden Mägde auf wiederholtes Klopfen und Anrufen keine Antwort erhielten, und man die Zimmer Donna Sols leer fand, wurde ihr Verschwinden ruchbar. Man wußte nicht, wie sich zu der Sache stellen, denn man nahm an, daß der Herr, dessen Irrwege allen bekannt waren, selber ihre Entfernung veranlaßt habe. Dieser, den die Mohrin noch kurz vor ihrem Weggang in völlige Sicherheit gewiegt hatte, erschrak bei der Nachricht in den Tod; er fürchtete einen Gewaltstreich Dianas. Er sandte seine Leute in der ganzen Nachbarschaft umher, nach Donna Sol zu forschen, er selber suchte mit den Hunden, denen er zuvor ein 102 Gewandstück der Vermißten unter die Nase gehalten, die nächste Umgebung ab. Die Hunde rannten bellend nach der Vigne, schossen dort hin und her und endlich auf die Landstraße hinaus, machten aber alle schnobernd an ein und derselben Stelle halt, winselten wie um anzuzeigen, daß sie am Ende ihrer Spürkraft seien, und schnüffelten sich wieder in die Vigne und ins Schloß zurück. Fernando, der an alles dachte, hatte nämlich an der Stelle, wo der Weg sich gabelte, das junge Weib auf den Arm genommen und eine weite Strecke getragen, weil er wohl wußte, daß die Hunde nur auf die Spur der Füße wittern. Und Don Ramon, dessen Licht nicht allzuweit reichte, hatte versäumt, sie auch auf die Fährte der Mohrin zu hetzen. Auch seine Abgesandten brachten keine Nachricht von der Verschwundenen mit. Nur ein Bauer, der in der Dämmerung mit einem neugekauften Ochsen des Wegs gekommen war, meinte, zwei Frauen, von denen die eine ihm als dunkelfarbig erschien, im Gespräch mit Don Jaimé gesehen zu haben.

Man befragte diesen. Aber der Ärmste war seit dem bewaffneten Zusammenstoß mit dem Doppelgänger 103 verwirrter als je und obendrein verängstet, so daß sein ganzes Wesen einen verdächtigen Eindruck machte. Er gab zu Donna Sol gesehen zu haben, doch war aus seinen verdrehten Reden nichts zu entnehmen, als daß Don Jaimé sie weggetragen habe. Und daß Don Jaimé sehr böse sei, wenn er den Degen ziehe. Immer siedender stieg die Angst in Don Ramons Seele auf, Donna Diana habe sich des unglücklichen Irren bedient, um die gefährlich werdende Nebenbuhlerin zu beseitigen. Er fragte die Gebilde seiner Furcht in den geistesschwachen Bruder hinein und wieder aus ihm heraus, denn jener konnte die beiden Begegnungen mit dem Doppelgänger schon nicht mehr auseinanderhalten, und seine wilden Armbewegungen, durch die er den Kampf mit dem Gefährlichen auszudrücken suchte, wurden von Don Ramon als mimische Darstellungen des Mordes an Donna Sol und ihrer Dienerin aufgefaßt. Als er gar in plötzliche Tränen ausbrach und schluchzend wiederholte: Donna Sol – nicht mehr da – Don Jaimé schlimm – schlimm! bestärkte sich in Don Ramon immer mehr die schreckensvolle Annahme, der Irre habe die 104 beiden Frauen erschlagen und halte die Leichen irgendwo an unzugänglicher Stelle unter Geröll und Buschwerk versteckt. Er sperrte den Unglücklichen ein und befahl dem Gesinde strengste Verschwiegenheit über dessen geheimnisvolle Reden an, aber das Gerücht von diesen Vorgängen kam dennoch auf, und da der d'Almeyda als Ausländer und seines hochmütigen Wesens halber unbeliebt war, stand man nicht an, ihn der Mitschuld zu bezichtigen. Bis zu den Ohren des Vizekönigs von Sizilien, der in Palermo Hof hielt, drang das Gerede, Don Ramon d'Almeyda habe seiner Buhlerin zuliebe die angetraute Gemahlin mit Hilfe eines geistesschwachen Bruders aus dem Wege geräumt, worauf der kaiserliche Statthalter eine strenge Untersuchung anordnete. Und jetzt wäre Don Ramon und mit ihm die erschrockene Donna Diana übel gefahren, hätte nicht ein Schneidermeister die Anzeige erstattet, daß er ganz kurz vor dem Verschwinden der Marchesa d'Almeyda für einen Fremden einen Anzug habe fertigen müssen, der in Schnitt und Farbe ganz genau mit den Kleidern Don Jaimés übereinstimmte, und daß der Fremde darin dem 105 bedauernswerten Herrn zum Verwechseln ähnlich gesehen habe. Jetzt erinnerten sich auch einige Hafenarbeiter, daß ihnen am Tage, wo Donna Sol verschwand, drei Mönche mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen aufgefallen waren, die sich auf einem nach Kalabrien bestimmten Lastschiff eingeschifft hatten. Der kleinste von ihnen habe aber sein Gesicht nicht so weit unter der Kapuze verstecken können, daß man ihn nicht als einen Schwarzen erkannt hätte, was jedoch den Leuten nicht verdächtig erschien, da in jener Zeit viele Ungläubige zum Christentum übertraten.

Don Ramon ließ das langsam fahrende Lastschiff 106 verfolgen, aber dieses hatte schon an seinem Bestimmungsplatz angelegt, wo die drei Mönche ausgestiegen waren. Dort endeten die Spuren, und alles Nachforschen, wohin die drei sich gewandt, blieb vergeblich. Einer von ihnen hatte den Matrosen auf der Überfahrt erzählt, sein schwarzer Mitbruder sei von Kaiser Karl in Tunis gefangen, bekehrt und getauft worden, und das Christentum habe an ihm einen so feurigen Bekenner gefunden, daß er in den Orden des heiligen Franziskus eingetreten sei, um seine großen gegen das Kreuz begangenen Frevel zu sühnen. Aber reden konnte man nicht mit ihm, da er der Landessprache nicht mächtig war und nur immerzu den Rosenkranz betete, wie auch der kleinere von den zwei weißen Brüdern die Augen nicht von seinem Brevier erhob und keine Silbe sprach. Die Verfolger konnten nicht zweifeln, daß von den beiden verschwundenen Frauen und ihrem Entführer die Rede war, aber wer dieser gewesen und wohin er sie gebracht, darüber vermochten sie keine Aufklärung zu schaffen. Doch genügten diese Entlastungsgründe, um das gegen den d'Almeyda eingeleitete Verfahren rückgängig zu machen.

107 Erst einige Monate später erhielt der Marchese ein sehr förmliches, mit den Floskeln des Zeitstils geschmücktes Schreiben seines Rechtsanwalts:

Don Fernando di Mendoza sendet Don Ramon d'Almeyda seinen Gruß.

Hochedler, erlauchter, wie ein Bruder zu verehrender Herr!

Euer Gast hat die Lehren Eurer Erfahrung beherzigt und ist in das Gemach gelangt, wo das Kleinod seiner Seele wohnte. Er hat nur an sich genommen, was ihm von je gehörte, denn Donna Sol war ihm verlobt, bevor sie geboren war, und wurde schon in Kindertagen mit ihm vermählt. Er hat nicht Worte genug Euch zu danken, daß Ihr den köstlichen Schatz unberührt für seinen rechtmäßigen Eigentümer aufbewahrt habt.

Wollt Ihr wegen der Entführung einen Rechtsstreit beginnen, so steht es Euch frei, aber als Euer Anwalt kann ich Euch dazu nicht raten. Es würden da Dinge zur Sprache kommen, die Euch unlieb zu hören sein möchten. Auch dürfte Seine Apostolische Majestät Kaiser Karl V. sowie sein Statthalter, der 108 erlauchte Don Ferrante Gonzaga, nicht gerne vernehmen, wie wenig Ihr das Geschenk seiner Huld zu schätzen wußtet. Indem ich aufrichtig Euer Bestes suche, schlage ich Euch vor:

Ihr behaltet den Teil von Donna Sols Mitgift, der Euch schon ausbezahlt wurde, und tretet einem Scheidungsgesuch an den Heiligen Vater bei, der gern eine zweite, nur zum Schein bestandene Ehe auflösen und die zuerst beschworene, unterdessen de facto vollzogene, bestätigen wird. Als Anwalt, der Euren Vorteil wahrnimmt, kann ich Euch nur zu diesem Vergleiche raten, wodurch Ihr einer unbequemen Fessel ledig und aus einer Lage, die keinen Ausgang hatte, befreit werdet. Als Edelmann bin ich Euch aber auch zu jeder anderen Genugtuung, die Ihr fordern könnet, erbötig. Bis zum Austrag bleibt Donna Sol in sicherer Bewahrung, wo ihr Ruf nicht leidet und wo weder Eure noch ihrer Eltern Macht hinreicht.

Den trefflichsten aller Hunde sende ich Euch durch eine sichere Person zurück. Ihr hattet recht, daß er keinem neuen Herrn gehorcht, und ich bin seiner nicht mehr benötigt, seitdem mein Ziel erreicht ist.

109 Indem ich Euch dem ferneren Schutze Gottes und mich Eurer Gunst empfehle, verbleibe ich immerdar Euer Herrlichkeit Diener

Don Fernando di Mendoza

Don Ramon, dem über dem ausgestandenen Schrecken das jähe Liebesfieber für Donna Sol schon längst vergangen war, gab sich mit dem Geld und der wiedererlangten Freiheit zufrieden. Er ehelichte seine Geliebte, die nach den Ängsten der gegen sie eingeleiteten Untersuchung viel von ihrem hochfahrenden Wesen aufgegeben hatte, und entzog sich den Sticheleien der Catanier, indem er nach seiner spanischen Heimat zurückkehrte.

Don Fernando, der mit Glanz die Streitsache gegen seinen nunmehrigen Schwiegervater gewann, wurde in jungen Jahren zu der obersten Richterstelle im Land berufen, wo er das Recht beschützte und den Verbrechern furchtbar war, und er lebte hochgeehrt und glücklich an der Seite Donna Sols, die ihm die schönsten und trefflichsten Kinder schenkte.

 


 








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