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Die Liebe des Ulanen

Karl May: Die Liebe des Ulanen - Kapitel 1
Quellenangabe
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publisherKarl-May-Stiftung
copyrightKarl-May-Stiftung
authorKarl May
titleDie Liebe des Ulanen
typefiction
senderredaktion@karl-may-stiftung.de
firstpub1885
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Fortsetzung 45

7. Verarmt.

Seit den letzterzählten Ereignissen war eine Reihe von Jahren vergangen. Noch lebte Hugo von Königsau, der einstige Liebling des alten Feldmarschalls »Vorwärts«, in stiller Zurückgezogenheit auf seinen beiden, nebeneinander liegenden Gütern. Er genoß an der Seite seiner treuen Margot ein Glück, wie es nur wenigen Irdischen beschieden ist.

Ein einziges Mal wurde dasselbe getrübt, als Margots Mutter, Frau Richemonte, starb. Wäre außerdem eine Trübung desselben möglich gewesen, so hätte das nur dadurch sein können, daß er sich noch immer mit jener leeren, dunklen Stelle beschäftigte, welche in Folge des empfangenen Hiebes in seinem Gedächtnisse zurückgeblieben war.

Fast so alt geworden wie der treue Kutscher Florian Rupprechtsberger, der ihm aus Jeanette nach Preußen gefolgt war, saß er mit diesem stundenlang beisammen, um über diesen unaufgeklärten Punkt zu verhandeln; aber vergebens: denn es war und blieb ihm unmöglich, sich auf den Ort zu besinnen, an welchem er die Kriegskasse vergraben hatte. Wenn dann Margot dazu kam, so ahnte sie stets, welches der Gegenstand des Gespräches gewesen war. Sie legte ihm den Arm um den Nacken und meinte dann gewöhnlich in bittendem Tone:

»Ich vermuthe, daß Du wieder über diese böse Kriegskasse nachgedacht hast. Ist es nicht so, lieber Hugo?«

»Leider ja!« pflegte er dann entweder trübe oder ärgerlich zu antworten.

»Laß das doch endlich auf sich beruhen! Wie oft habe ich Dich schon darum gebeten, und doch willst Du mir nicht diesen einzigen Gefallen thun!«

»Ich möchte wohl gern, das darfst Du mir glauben; aber wenn der Gedanke kommt, so habe ich doch nicht die Macht ihn von mir zu weisen.«

»Es ist aber überflüssig und vergeblich. Selbst wenn Du Dich auf den Ort besinnen könntest, dürftest Du den Schatz ja doch nicht haben.«

»Warum nicht, meine Liebe?«

»Weil die Kriegskasse eine französische ist. Ihre Aneignung würde ja ein Diebstahl sein. Anders wäre es allerdings, wenn sie deutsches, oder überhaupt Eigenthum der Verbündeten gewesen wäre.«

»Ich kann Dir nicht Unrecht geben. Aber wenn wieder einmal ein Krieg zwischen den Deutschen und Franzosen ausbrechen würde, wenn wir jene Gegend occupirten, dann hätten wir das Recht, uns der Beute, welche uns damals entgangen ist, zu bemächtigen.«

»Hoffen wir nicht, daß sich jene Zeit des Blutvergießens wiederhole.«

»Ich stimme Dir bei. Aber auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen würde es vortheilhaft für mich sein, wenn ich mich auf den Ort besinnen könnte. Ich könnte eine bedeutende Gratification von Frankreich erlangen, wenn ich anzugeben vermöchte, wo eine solche Summe zu finden ist.«

»Laß das gut sein, lieber Hugo! Wir sind ja nicht in der bedrängten Lage, eine Gratification zu bedürfen.«

Auf diese Bemerkung pflegte der alte Rittmeister nicht zu antworten; er that, als sei er beruhigt, aber im Stillen sann und grübelte er weiter.

Margot hatte sehr Recht, wenn sie sagte, daß sie sich nicht in einer bedrängten Lage befänden. Ihre beiden Güter brachten ihnen ein, was sie brauchten. Uebrigens hatten sie ja den großen Meierhof Jeanette von der verstorbenen Baronin de Sainte-Marie geerbt. Diesen Besitz hatten sie im Laufe der Jahre sehr verbessert und dann einem tüchtigen Pächter übergeben. Er stand jetzt viel höher im Werthe als vorher, obgleich sie dort, da der Hof ja in Frankreich lag, sich nur äußerst selten sehen ließen.

Ihr Sohn Gebhardt war glücklich aus Afrika zurückgekehrt. Er hatte seine Forschungen veröffentlicht und sich dadurch einen ehrenvollen Ruf erworben. Das veranlaßte ihn, auf diesem Felde weiter zu arbeiten. Er nahm zunächst Urlaub, um sich an weiteren Expeditionen zu betheiligen, welche ihm neue Ehren einbrachten. Darum kam er endlich um seinen Abschied ein. Da nicht die mindeste Aussicht auf einen Krieg war, so konnte er dies, ohne sich eine Blöße zu geben oder einen unwürdigen Verdacht auf sich zu laden. Er erhielt ihn sofort, da man gar wohl wußte, daß er dem Allgemeinen durch seine jetzige Thätigkeit weit mehr Nutzen bringe, als wenn man ihn auf eine enge Garnison beschränke. Und so war er von da an im Dienste der Wissenschaft oft lange Zeit von seinem Vaterlande abwesend.

Ida de Rallion war seine Frau geworden. Sie liebten sich von ganzem Herzen und fanden in ihrer Ehe ganz dasselbe Glück, welches Gebhardts Eltern in ihrer Vereinigung gefunden hatten. Freilich sah Ida es nicht gern, daß Gebhardt so oft und lang von der Heimath entfernt war; aber sie freute sich seines Ruhmes und fühlte doppelte Seligkeit, wenn er einmal zu ihr zurückkehrte. Während er in fernen Zonen weilte, fand sie ja Trost bei den geliebten Schwiegereltern, und als sie nun gar die Wonne hatte, erst einen Sohn und dann später auch eine Töchter zu haben, so pflegte ihr die Zeit des Wartens nicht mehr so lang zu werden wie früher.

Ihr Sohn war Richardt genannt worden. Vater und Mutter hingen in vereinter Liebe an ihm und dem kleinen Schwesterchen, und doch schien es beinahe, als ob ihre Zärtlichkeit von derjenigen der Großeltern fast noch überboten werde. Natürlich erhielt der Knabe die Bestimmung, einst Officier zu werden, und seine Erziehung erhielt eine streng nach diesem Ziele visirte Richtung. Bei der reichen Begabung, durch welche er sich auszeichnete, brachten die Bemühungen seiner Großeltern, Eltern und Lehrer überreichliche Früchte, und es ließ sich hoffen und erwarten, daß er einst dem Stande, für welchen man ihn bestimmt hatte, alle Ehre machen werde. –

Während so die Familie Königsau sich eines reinen und beinahe ungetrübten Glückes erfreute, zog sich im Südwesten von ihnen eine schwere Wetterwolke gegen sie zusammen.

Napoleon der Dritte war erst Präsident und dann Kaiser von Frankreich geworden. Dieses Ereigniß kam Zweien sehr gelegen, welche bisher vergeblich auf eine Erfolg versprechende Gelegenheit gewartet hatten, ihre Pläne in Ausführung zu bringen: Capitän Richemonte und sein Verwandter und Adoptivsohn, welcher sich in Afrika Ben Ali genannt hatte.

Sobald der Neffe des Onkels Kaiser geworden war, ließ sich annehmen, daß für alle Diejenigen, welche an den Traditionen des ersten Kaiserreiches festgehalten hatten und Anhänger des Kaisers gewesen waren, nun endlich die längst ersehnte Zeit gekommen sei, sich geltend zu machen. Und sie hatten Recht. Der Neffe, welcher keineswegs den gewaltigen Geist des Onkels hatte, suchte doch, ein Portrait desselben zu sein. Er schmeichelte sich in seine Fußtapfen treten zu können, und war doch nichts als ein Nachäffer der äußeren Eigenthümlichkeiten und Gepflogenheiten des großen Corsen.

Aber der Stand der Dinge in Europa war ihm günstig. Das Flittergold seiner Krone schien echtes Metall zu sein, und die Glasflimmer, mit denen er sich schmückte, warfen einen Glanz, welchen man für die Brillanz echter Diamanten hielt. Hatte der Onkel durch die Gewalt seines Genies sich zum Schiedsrichter der halben Welt gemacht, so gelang es dem Neffen, durch verschlagene Taschenspielerstückchen die Völker und sogenannten Diplomaten zu täuschen. Man staunte, man war verblüfft; man bewunderte ihn sodann, und das war es ja, was er beabsichtigte; denn vom Angestaunt- und Bewundertwerden bis zur wirklichen Herrschaft ist ja nur ein kleiner Schritt, und diesen Schritt zu thun, säumte er nicht.

Hatte Napoleon es verstanden, das Genie zu sich emporzuziehen, selbst wenn er es in der niedersten Klasse des Volkes zu suchen hatte, so äffte ihm auch hier der Neffe nach, indem er es nicht versäumte, sich Kreaturen zu schaffen, welche er für geeignet hielt, zu dem falschen Glanze seines Thrones einen kleinen Strahl hinzu zu fügen. Welchen Werth diese Männer hatten, zeigte sich erst, als dieser Thron zusammenbrach. Und vielleicht gab es nur zwei Männer, welche diesen Werth oder vielmehr Unwerth erkannt hatten und richtig zu beurtheilen verstanden – Bismarck und Moltke, welche es ja waren, unter deren Fausthieben der ganze Kartenbau des Kaiserreiches später zusammenfiel.

Seit einiger Zeit gehörte zu jenen Günstlingen des Kaisers und der Kaiserin ein Mann, der uns bereits begegnet ist, nämlich Graf Jules Rallion, welcher zu wenig Ehre besessen hatte, auf die Forderung Gebhardts von Königsau mit der Waffe in der Hand zu antworten.

Er war damals feig entflohen, hatte sich aber nach Gebhardt's Entfernung sofort wieder eingefunden, um seine Bewerbung um seine Cousine Ida fortzusetzen. Er war aber mit Verachtung zurück- und zurechtgewiesen worden und hatte mit Grimm sehen müssen, daß der Deutsche seine schöne Verwandte als Frau in sein Vaterland führte.

Seit jener Zeit haßte er Königsau noch mehr als früher, und dieser Haß erstreckte sich auch auf Kunz von Goldberg, welcher es verstanden hatte, die zweite Cousine und ebenso auch die alte, strenge Tante zu gewinnen. Wie gern hätte er sich an diesen beiden Deutschen gerächt! Aber leider fand sich keine Gelegenheit dazu. Und eine solche herbeizuführen, dazu war er weder muthig noch erfinderisch genug.

Obgleich ihm diese beiden Eigenschaften entgingen, gelang es ihm dennoch, sich bei Hofe einzubürgern. Eine Grafenkrone giebt Relief genug, um die Blicke von Schwächen abzuziehen, welche nicht geeignet waren, den Träger dieser Krone zu Ehren zu bringen. In Folge seines unterthänigen Wesens und anderer negativen Eigenschaften, welche aber von einem glanzsüchtigen Fürsten lieber bemerkt werden als positive Vorzüge, wußte er sich besonders in die Gunst der Kaiserin einzuschmeicheln, und bald war es allgemein bekannt, daß die Stimme des Grafen Rallion das beste Mittel sei, sich das Kaiserpaar geneigt zu machen.

Capitän Richemonte hörte davon. Schlau und rücksichtslos, wie er war, fand er bald Gelegenheit, sich dem Grafen auf eine verbindende Weise nützlich zu machen. Er erhielt Zutritt in dessen Gemächer, und seiner diabolischen Natur wurde es nicht schwer, bald einen gewissen Einfluß auf den schwachen Günstling zu gewinnen.

Nun erzählte er ihm von dem Baron de Sainte-Marie, welcher als Marabut gestorben sei und einen Sohn hinterlassen habe, welcher im Besitze der nöthigen Papiere sei, sich als den rechtmäßigen Besitzer des Meierhofes Jeanette auszuweisen.

Der Graf nahm diese Erzählung mit Verwunderung entgegen. Als aber Richemonte erzählte, daß Bonaparte eine Nacht auf jener Besitzung zugebracht und dabei sein Herz verloren habe, fragte er schnell:

»An wen, lieber Capitän?«

»An meine Schwester.«

»Wie? Sie haben eine Schwester?«

»Ja, gnädiger Herr.«

»Eine Schwester, welche von Bonaparte geliebt wurde? Und Sie haben mir dieselbe noch nicht vorgestellt? Das muß ich sehr übel vermerken, Capitän. Eine Dame, welche die Zuneigung des großen Kaisers besessen hat, würde persona grata am hiesigen Hofe sein. Sie haben da eine Unterlassungssünde begangen, welche ich Ihnen fast gar nicht verzeihen darf.«

»Ich hätte das, was Sie eine Unterlassungssünde nennen, sicherlich nicht begangen, Verehrtester, wenn es mir überhaupt möglich gewesen wäre, die Schwester Ihnen vorzustellen. Sie lebt nicht in Frankreich, sondern in Deutschland.«

Rallion blickte den Capitän erstaunt an.

»In Deutschland?« fragte er. »Wie kommt es, daß sie es sich bei den Feinden ihres kaiserlichen Geliebten gefallen läßt?«

»Sie würde sich die Anwendung des zärtlichen Wortes, welches Sie soeben in Anwendung brachten, wohl verbitten. Sie ist der Zuneigung des Kaisers nicht werth gewesen; sie hat sich ablehnend verhalten und ihm einen deutschen Lieutenant vorgezogen, dessen Frau sie geworden ist.«

»Ah, sie ist in Deutschland verheirathet?«

»Ja, leider!«

»Welch ein Unsinn! Welch eine Dummheit! Welch ein Verrath an dem Lande, in welchem sie geboren wurde!« rief der Graf. »Aber ich habe freilich auch andere Mädchen gekannt, von denen diese ungeleckten deutschen Barbaren uns vorgezogen wurden. Man sollte diese Art von Frauenzimmern mehr als mit bloßer Verachtung strafen. Ich sage dies, obgleich Diejenige, von welcher soeben die Rede war, Ihre Schwester ist. Dem Patriotismus dürfen Sie das nicht übel nehmen!«

»Daran denke ich nicht im Entferntesten! Diese Abtrünnigkeit der Schwester ist es ja gewesen, welche veranlaßt hat, daß ich mich von der Letzteren vollständig losgesagt habe.«

»Ah! Sie verkehren gar nicht mit ihr?«

»Nein. Ich denke aber, jetzt wenigstens aus der Ferne und durch den Advocaten mit meinem Herrn Schwager in Verhandlung zu treten; denn diese verhaßte Familie ist es ja, welche sich unrechtmäßiger Weise in den Besitz jenes Meierhofes Jeanette gesetzt hat, dessen rechtmäßiger Eigenthümer eigentlich der Baron de Sainte-Marie ist, von welchem ich Ihnen erzählte.«

Der Graf machte eine Bewegung der Ueberraschung und sagte:

»Ah, wirklich? Ist es so? Das wäre ein Umstand, welcher hier sehr in Betracht zu ziehen sein dürfte. Wie heißt jener Schwager?«

»Königsau.«

Der Graf trat unter allen Zeichen der höchsten Ueberraschung einen Schritt zurück und rief:

»Königsau? Wäre das möglich?«

»Ist Ihnen der Name bekannt?« fragte der Capitän, jetzt ebenso überrascht, wie vorher, der Graf.

»O, mehr als bekannt!« antwortete dieser. »Wie ist der Vorname jenes Königsau?«

»Hugo.«

Der Graf sann einen Augenblick nach und meinte dann:

»Ich lernte einst bei meiner Tante einen Lieutenant von Königsau kennen, welcher erzählte, daß sein Vater viel mit diesem alten Barbaren, dem Marschall Blücher, verkehrt habe.«

»So hat er Hugo von Königsau gemeint und ist sein Sohn gewesen.«

»Er nannte sich Gebhardt.«

»Das stimmt. Ich bin zwar jetzt nicht in Deutschland gewesen, aber ich habe Erkundigungen über die Familie eingezogen. Hugo von Königsau hat einen Sohn, welcher Gebhardt heißt.«

»Und jetzt besinne ich mich, bei meiner Tante gehört zu haben, daß Königsau, der Vater, eine gewisse Margot Richemonte geheirathet habe.«

»Das eben war meine Schwester. Sein Sohn, jener Gebhardt, hat eine Dame Ihres Namens, welche Französin ist, eine gewisse Ida de Rallion, zur Frau genommen.«

Das Gesicht des Grafen verfinsterte sich. Es war darin der Ausdruck eines tiefen, unversöhnlichen Hasses zu erkennen.

»Diese Ida de Rallion war meine Cousine,« sagte er.

Der Capitän warf einen forschenden Blick auf den Grafen. Seinem Scharfsinne fiel es nicht schwer, das Richtige zu errathen. Ein solcher Haß konnte nur entweder ein verlorenes Erbtheil oder verschmähte Liebe, vielleicht auch Beides zugleich, zum Grunde haben.

»Ich hoffe nicht, daß Sie diese Cousine, welche nun ich eine Abtrünnige zu nennen mir erlaube, vermißt haben?« fragte er schlau.

Der Graf ballte die Faust und antwortete:

»Wir waren so viel wie versprochen mit einander,« sagte er. »Aber wenn Ihre Schwester einen deutschen Lieutenant dem Kaiser vorgezogen hat, so darf ich mich nicht wundern, wenn es meiner Cousine eingefallen ist, mich gegen einen eben solchen Menschen zurückzusetzen. O, wie hasse ich diese Deutschen! Und wie erst hasse ich Alles was Königsau heißt und mit dieser Sippe in Verbindung steht!«

Der Capitän nickte mit dem Kopfe. Er ließ jenes Fletschen der Zähne sehen, welches bei ihm in Augenblicken des Aergers, des Grimmes zu bemerken war. Doch dabei spielte ein Zug um seinen Mund, welcher es einem aufmerksameren Beobachter, als der Graf war, leicht hätte errathen lassen, daß ihm der Zorn desselben ganz willkommen sei.

»Mein Haß begegnet sich mit dem Ihrigen,« sagte er, Rallion mit verstecktem Blicke beobachtend. »Ich gäbe viel darum, wenn ich ein Mittel wüßte, diese ganze Brut zu verderben!«

Der Graf ging sofort in die Falle, indem er eifrig zustimmte:

»Das ist ja auch mein Wunsch! Leider reicht mein Einfluß nicht weit genug. Man darf eine Faust in der Tasche machen, weiter nichts.«

»Und doch hätten wir gerade jetzt die beste Gelegenheit, diesen Königsaus einen prächtigen Streich zu spielen,« meinte er nachdenklich.

»Wieso?«

»Indem wir sie zwingen, Jeanette herauszugeben.«

»Ah, wirklich! Das ist ja wahr!! Aber dann müßte Ihr Schützling vorher als Baron de Sainte-Marie anerkannt sein!«

»Dem steht nichts im Wege. Wir haben ja die klarsten Beweise in den Händen.«

»Darf ich dieselben sehen?«

»Wenn Sie erlauben, werde ich sie Ihnen vorlegen und Ihnen dabei auch Den vorstellen, welchen Sie meinen Schützling nennen.«

»Ich bitte Sie darum! Es wird mir nicht schwer werden, den Kaiser für ihn zu interessiren. Ja, ich hoffe sogar, daß dieser mit ihm und Ihnen zu sprechen verlangen wird. Er wird sofort auch für Sie Theilnahme empfinden, wenn ich ihm erzähle, daß Ihre Schwester schön und interessant genug war, die Augen Bonaparte's auf sich zu ziehen. Um dies zu können, muß ich aber besser unterrichtet sein, als dies jetzt der Fall ist. Wollen Sie mir nicht erzählen, auf welche Weise Ihre Schwester dem Kaiser begegnete?«

Richemonte folgte dieser Aufforderung. Seinem Berichte lag jener Ueberfall im Walde und der Aufenthalt Napoleons auf dem Meierhofe Jeanette zu Grunde. Dies war aber auch das einzige Wahre daran. Er fügte Ausschmückungen und Episoden hinzu, welche nur zu dem Zwecke erfunden waren, ihn selbst in einem günstigen Lichte, die Königsaus aber in einem desto gehässigeren erscheinen zu lassen. Als er geendet hatte, meinte der Graf:

»So also ist es gewesen! Interessant, höchst interessant! Ich will Ihnen gestehen, lieber Capitän, daß Sie mir gleich im Augenblicke unserer ersten Begegnung eine warme Sympathie eingeflößt haben. Jetzt verstehen wir einander noch besser, und ich denke, daß eine Gelegenheit kommen werde, den Gefühlen, welche wir gleicherseits hegen, einen Ausdruck zu geben, welcher dieser deutschen Familie nicht angenehm sein wird. Ich bin nicht der Mann, der eines Menschen Verderben will, aber einem Königsau werde ich niemals verzeihen können, daß er diesen Namen trägt. Reichen wir uns die Hand zu dem Uebereinkommen, uns gegenseitig zu unterstützen, wenn es gilt, denen, welche uns auf eine solche Weise beleidigten, zu zeigen, daß ein Franzose sich wenigstens von einem Deutschen nie ungeahndet beleidigen läßt!«

Nichts konnte dem Capitän willkommener sein als diese Aufforderung. Er schlug sofort in die dargebotene Hand des Grafen und sagte:

»Ich bin von ganzem Herzen bereit, auf ein solches Bündnis einzugehen. Es liegt ja in der menschlichen Natur, ja, es ist sogar die heiligste Pflicht eines Jeden, der sich einen Mann nennt, keine Beleidigung ungerächt zu lassen. Wir erfüllen also nur diese Pflicht, indem wir die Absicht, welche Sie andeuteten, zur Wirklichkeit werden lassen.«

»Sie haben Recht. Ich bin heute zur Kaiserin befohlen und werde nicht versäumen, die Angelegenheit des Barons de Sainte-Marie zum Vortrag zu bringen. Daß Baron Alban de Sainte-Marie der Mörder seiner Frau gewesen ist, darf der Sohn nicht entgelten. Und daß dieser Letztere zugleich der Sohn eines Mädchens ist, welches nicht zum Adel gehörte, kann auch kein Hinderniß sein, die Rechte, welche sein Vater beanspruchen durfte, auf ihn übergehen zu lassen. Bringen Sie ihn sofort unverweilt zu mir, und dann werde ich Ihnen morgen am Vormittage mittheilen, welche Hoffnungen wir hegen dürfen!«

Diese für den nächsten Morgen angekündigte Unterhaltung fand statt, und es stellte sich heraus, daß Richemonte allerdings große Hoffnungen hegen durfte, seinen Plan in Erfüllung gehen zu sehen. Der Kaiser hatte verlangt, ihn in einer Privataudienz zu empfangen, bei welcher auch die Kaiserin zugegen sein sollte. Diese Letztere, die einstige Dame des im höchsten Grade schlüpfrigen spanischen Hofes, gutirte gewisse Dinge, welche sonst nicht vor das Ohr einer Dame zu gehören pflegen. Sie war neugierig, Etwas über die letzte Liebe Napoleons zu erfahren, und interessirte sich daher schon im Voraus lebhaft für den Mann, welcher ihr diesen Genuß bereiten sollte.

Die Audienz fand statt. Richemonte verstand es, diese Gelegenheit zu benutzen. Er stellte seine damaligen Erlebnisse und Thaten in ein möglichst vortheilhaftes Licht, gab sich so zu sagen als Märtyrer, und als er entlassen wurde, ging er mit der Gewißheit von dannen, daß er, der einst aus der Armee Gestoßene, rehabilitirt werde. Und was den angeblichen Sohn des in Afrika verstorbenen Barons de Sainte-Marie betrifft, so hatte Napoleon der Dritte sich alle auf ihn bezüglichen Legitimationen und Documente vorlegen lassen und dann nach Durchsicht derselben sich befriedigt erklärt und das Versprechen gegeben, diese Angelegenheit sofort in die besten Hände niederzulegen.

Um diese Zeit befand Gebhardt von Königsau sich in der Heimath, und so war es die vollzählige Familie, welche von der amtlichen Mittheilung getroffen wurde, daß ein Sohn des einst verschwundenen Sainte-Marie erschienen sei und die Rückgabe des ihm rechtmäßiger Weise zukommenden Erbes verlange.

Es wurde sofort der Rath eines tüchtigen Juristen eingeholt; er bestand in einem Achselzucken. Die Achseln anderer Sachverständigen wurden ebenso gezuckt. Darauf ging die Nachricht ein, daß die betreffende Person sich vollständig als der Sohn des Barones ausgewiesen habe und selbst vom Kaiser als derselbe anerkannt worden sei. Sollte man einen langwierigen Actenkampf beginnen, dessen Ende gar nicht abzusehen sei? Nein! Königsau, Vater und Sohn, entschlossen sich, den Meierhof abzutreten, und in Wahrheit mußten sie noch froh sein, daß ihnen nicht auch noch zugemuthet wurde, für die Zeit, während welcher derselbe in ihrem Besitze gewesen war, Entschädigung zu zahlen.

Es war das kein geringer Verlust, welcher sie traf; aber sie verschmerzten ihn doch bei dem Gedanken, daß sie durch ihn noch lange nicht verarmt seien. Besaßen sie doch ihre zwei Güter, welche ihnen Niemand nehmen konnte.

Niemand? Wie leicht ist oft etwas möglich, was unmöglich scheint! Der erste Blitz, welchen die im Südwesten aufgegangene Gewitterwolke entsendete, hatte getroffen, wenn auch nicht zerstörend gewirkt. War aber dadurch die electrische Spannung ausgeglichen worden?

Der falsche Baron de Sainte-Marie hatte den Besitz der Meierei angetreten, aber nicht selbstständig, sondern unter der heimlichen Bevormundung des alten Capitäns. Dieser hatte ein doppeltes Ziel erreicht. Er war, wenn auch nicht der nominelle, aber doch der thatsächliche Gebieter von Jeanette geworden und hatte sich zugleich an seinem Todfeinde gerächt.

Der Baron spielte in jeder Beziehung eine jämmerliche Rolle, freilich ohne sich derselben zu schämen. Ein einziges Mal hatte er es gewagt, dem Capitän Widerstand leisten zu wollen, war aber auf das Energischeste zurückgewiesen worden. Der Capitän hatte ihm erklärt, daß er hier auf dem Meierhof nichts zu sagen habe.

»Aber wer ist der Herr?« hatte der Baron gefragt. »Du oder ich?«

»Ich!« hatte die feste und bestimmte Antwort gelautet.

»So? Ah! Und wer ist der Baron? Du oder bin ich es?«

»Du bist es; aber durch einen Mord. Du hast den Sohn des Einsiedlers erschossen und Dich an seine Stelle gesetzt. Ich will Dir ein für alle Male sagen, daß Du mir nicht dominiren kannst. Hüte Dich, mich zu reizen! Der Versuch dazu würde Dich Deine Baronie kosten.«

»Willst Du etwa damit sagen, daß Du mich als Mörder anzeigen willst?«

»Ja, nichts Anderes.«

»Du hast mir dabei geholfen!«

»Beweise es!«

»So beweise, daß ich der Mörder war, ohne daß Du dabei gezwungen sein wirst, Deine Mitthäterschaft einzugestehen!«

»Rede nicht kindisch! Ich werde es Dir natürlich nicht sagen, wie ich es anfangen würde, Dich unschädlich zu machen. Du weißt ganz genau, daß Du mir nicht gewachsen bist, und das ist genug. Sei froh, daß Du, der einstige Spion, Baron de Sainte-Marie genannt wirst und ein behagliches, ruhiges und sorgenfreies Leben führen kannst, und sei ferner froh, daß ich Dir Deinen glühendsten Wunsch erfüllt habe, das schönste Weib der Erde zu besitzen!«

»Du meinst Liama?«

»Wen sonst?«

»Die ist ja nicht mein Weib!«

»Das ist nicht meine Sache, sondern die Deinige. Bist Du so dumm, sie nicht factisch als Frau zu besitzen, so ist das Deine eigne Schuld.«

»Ich bin ja nicht mir ihr getraut. Sie ist Muhammedanerin geblieben.«

»Das braucht kein Mensch zu wissen!«

»Und sie läßt sich von mir nicht berühren.«

»So handelst Du eben geradezu lächerlich. Du bist in sie verliebt noch weiter als bis zu den Ohren; Du girrst um sie wie ein Tauber um sein Täubchen; sie befindet sich vollständig in Deiner Gewalt, und doch wagst Du es nicht, sie anzurühren. Das verstehe, wer es verstehen kann; ich aber vermag nicht, es zu begreifen!«

Und doch war es sehr leicht zu begreifen. Einer reinen keuschen Weiblichkeit gegenüber fühlt ein muthloser Bösewicht sich ohne Macht. Das konnte der Capitän, welcher doch ein Menschenkenner war, sich leicht sagen.

Diese beiden Menschen hatten Liama aus ihrer Heimath durch einen gräßlichen Betrug hinweggelockt. Sie hatte ihnen vertraut und war ihnen in der Ueberzeugung gefolgt, dadurch ihren Vater und den geliebten Mann zu retten. Später hatte sie Gelegenheit gehabt, ihr Thun und Treiben zu beobachten, und war sie mißtrauisch geworden. Es war ihr der Zweifel gekommen, ob das ihr gegebene Versprechen erfüllt worden sei. Sie hatte nach Beweisen verlangt, daß ihr Mann und Vater am Leben geblieben seien, und diese Beweise waren ihr aber nicht geliefert worden. Hatte sie die beiden bereits früher gehaßt, so haßte sie dieselben jetzt noch viel mehr. Es kam ihr der Gedanke an Flucht; aber wie sollte sie diese bewerkstelligen? Sie verstand kein Wort Französisch; sie wurde in Jeanette fast wie eine Gefangene gehalten und bemerkte, daß sie keinen einzigen Augenblick ohne Aufsicht gelassen wurde. Der Capitän war von allem Anfange an gegen die wahnwitzige Liebe seines Verwandten gewesen; er hatte dennoch Gründe gehabt, derselben zu willfahren; aber er sah gar wohl ein, in welcher Gefahr er Liama gegenüber sich stetig befand, und so war es kein Wunder, daß er ihr feindlich gesinnt blieb und sie fest im Auge behielt.

Dennoch aber hätte das arme, betrogene Weib ihren Entschluß, zu fliehen, ausgeführt, wenn nicht ein Ereigniß eingetreten wäre, welches sie zwang, noch auszuhalten. Sie wurde nämlich Mutter und gab einem Mädchen das Leben, in dessen lieben Gesichte sie die Züge ihres Saadi wiederzusehen glaubte. Dieser ihr von dem Kadi angetraute Mann war der Vater des lieblichen Kindes. Alle ihre Liebe, welche sie dem Ersteren nicht mehr zu widmen vermochte, concentrirte sich auf das Letztere. Sie vergaß ihr Elend und lebte nur in dem Wesen, welchem sie das Leben gegeben hatte.

Diese Liebe war es auch, welche ihr die Kraft und Ausdauer verlieh, sich den Ansprüchen und Liebkosungen des Barons zu widersetzen. Er besuchte sie täglich wiederholt in den Räumen, welche ihr ausschließlich angewiesen waren und welche sie nicht verlassen durfte. Er knüpfte an die Erhörung seiner Wünsche die Erlaubniß zu einer freieren Bewegung; aber mit dem Scharfsinne des Naturkindes erkannte sie seine Schwäche und errieth, daß er dem Capitän gegenüber vollständig machtlos war, während dieser Letztere es eigentlich war, in dessen Händen sie sich befand.

Je länger und fester sie widerstand, desto mehr steigerte sich die Gier des Barones. Es gab Augenblicke, in denen er sich fast sinnlos geberdete. Dazu kamen Bilder aus der Vergangenheit, welche ihn des Nachts beängstigten. Finstere, drohende Schatten bewegten sich in seinen Träumen; Schüsse knallten, blutige Tropfen umspritzten ihn, und wenn er dann erwachte, war es ihm, als ob er mit wirklichen Gestalten zu kämpfen gehabt hatte; er stöhnte und wimmerte leise vor sich hin, und es gab nur Einen, der ihn zum Schweigen brachte – der alte Capitän, welcher erst zu Drohungen, dann aber zu Thätlichkeiten griff, um die Geister zu bannen, die sich des Barons bemächtigt hatten.

Diese Anfälle traten je länger desto öfterer ein. Es kam vor, daß der Baron selbst durch die angegebenen Mittel nicht zur Ruhe und zum Schweigen gebracht werden konnte. In diesem Zustande der Angst, Furcht und Verzweiflung verlangte er nach Liama, und der alte Richemonte war klug genug, sich diesem Wunsche nicht zu widersetzen. Liama, die Betrogene, wurde die Trösterin des Betrügers. Ihr bloßer Anblick genügte, ihn zu beruhigen und ihm den Gebrauch seiner Sinne zurückzugeben.

Dies rettete ihr vielleicht das Leben. Der Capitän kannte ihren glühenden Wunsch nach Befreiung aus ihren Fesseln. Ihr Entkommen aber wäre sein Verderben gewesen, und da ihre immerwährende und unausgesetzte Bewachung keine leichte war, so ließ sich bei seiner Rücksichts- und Gewissenslosigkeit wohl vermuthen, daß er zu dem Entschlusse kommen könne, sich durch eine Gewaltthat seine Sicherheit wiederzugeben. Aber ebenso gefährlich war ihm der Wahnwitz des Barons, und da die Ausbrüche desselben nur durch Liama gemildert und beruhigt werden konnten, so war es nothwendig, sie leben zu lassen.

Das Kind der Baronin, von welchem der Baron wohl wußte, daß es nicht das seinige sei, wurde schweigend von ihm anerkannt und auf den Namen Marion getauft. Sein junges Leben bildete die Kette, durch welche die unglückliche Mutter in ihrer Gefangenschaft festgehalten wurde. Es wäre ihr niemals in den Sinn gekommen, ohne dasselbe zu fliehen; das erkannte der Capitän, und daher bewachte er die kleine Marion noch sorgfältiger als ihre Mutter, und bedeutete die Letztere übrigens noch, daß der geringste Ungehorsam gegen ihn dem Mädchen das Leben kosten werde. Das war mehr als genug, jeden Fluchtgedanken von Liama fern zu halten.

Was die Bevölkerung der Umgegend betrifft, so war derselben wohl bekannt geworden, daß der Baron verheirathet sei; das Weitere ging ja keinem Menschen etwas an. Zwar gelang es zuweilen zufälliger Weise einem Auge, die schöne, geheimnißvolle Frau zu erblicken; aber warum dieselbe sich in so außerordentlicher Verborgenheit halte, das versuchte man gar nicht, zu ergründen. Vornehme Herrschaften haben ja ihre Schrullen.

Selbst wenn Graf Rallion, welcher hier und da einmal nach Jeanette kam, zugegen war, wurde Liama nicht zur Gesellschaft gezogen. Ein kleiner Umstand hätte ja leicht Alles verrathen können. Daß der Graf einmal energisch nach der Baronin verlangen könne, stand gar nicht zu erwarten. Er erkundigte sich in zwar höflicher aber gleichgiltiger Weise nach ihr, wenn er kam; er ließ sich ihr dann empfehlen, wenn er wieder abreiste; das war Alles, was er that.

Dieses Verhalten war zwar seltsam, aber dennoch leicht zu erklären.

Die Beiden, er und der Capitän, hatten sich nach und nach einander immer besser kennen gelernt. Jeder erblickte ein höchst brauchbares Werkzeug in dem Andern. War der Graf feig und gewissenlos, so war der Capitän feig und rücksichtslos. Der Erstere hielt es am Liebsten mit der weniger gefährlichen Hinterlist, während der Letztere vor keiner Gefahr, vor keiner That zurückbebte, wenn es galt, seinen Zweck zu erreichen. So ergänzten sich Beide, sobald ihre Zwecke dieselben waren, und dieser Fall kam nicht sehr selten vor.

Wenn sie bei einander saßen, kam die Rede stets auch auf die Familie Königsau. Beide fühlten sich sehr befriedigt darüber, daß es ihnen gelungen war, ihr den Meierhof Jeanette zu entreißen; aber noch weit größere Freude hätten sie empfunden, wenn ihnen die Mittel geworden wären, diese verhaßte Familie ganz und vollständig zu verderben.

So befanden sie sich einst bei einer abermaligen Anwesenheit des Grafen in dem Zimmer des Capitäns und unterhielten sich über dieses Thema. Sie suchten mit wahrhaft diabolischem Scharfsinne nach einem Wege, auf welchem es möglich sei, eine vollständige Rache auszuüben, aber all ihr Sinnen und Forschen führte zu keinem befriedigenden Resultate. Darum gingen sie mißmuthig auseinander, um sich schlafen zu legen.

Der Capitän hatte die Gewohnheit, stets, bevor er sich zur Ruhe begab, seine geschäftlichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Er hatte heute von einem Getreidehändler eine größere Summe Geldes geschickt bekommen, welche von ihm noch nicht gebucht und nachgezählt worden war. Darum schloß er den Laden, setzte sich an den Schreibtisch und zog das Geld hervor.

Die leichte Arbeit war bald gethan, und eben hatte er das Geld wieder verschlossen und den Schlüssel zu sich gesteckt, als es ihm war, als ob er draußen auf dem Gange leise Schritte vernehme.

Er lauschte. Ja, wirklich! Da draußen schlich sich Jemand näher, und hielt vor seiner Thüre an. Wer war das? Was wollte man? Kam ein Diener, um ihm noch etwas Nothwendiges mitzutheilen? Das war sehr unwahrscheinlich. Er hatte Geld gezählt; der Gedanke an einen Dieb lag ihm daher nahe. Rasch entschlossen, wie er stets war, löschte er sein Licht aus, nahm das Terzerol, welches stets geladen neben seinem Bette hing, und legte sich in das Bett. Er deckte sich so zu, daß nur sein Kopf zu sehen war, so, daß man nicht bemerken konnte, daß er noch angekleidet sei.

Das Terzerol schußbereit haltend, wartete er still und bewegungslos der Dinge, die da kommen sollten.

Er brauchte nicht lange zu warten. Er bemerkte, daß fast unhörbar, wie von der Hand eines Fachkundigen, von Außen ein Schlüssel angesteckt wurde. Er hatte den seinigen von Innen abgezogen und dann den Nachtriegel vorgeschoben. Nach seiner Ansicht war es also unmöglich, in das Zimmer zu gelangen, da der Nachtriegel ja nicht mittelst eines Schlüssels zurückgeschoben werden konnte. Aber er täuschte sich. Zu seinem Erstaunen hörte er, daß der Riegel leise, ganz leise sich bewegte, und ein kühler Luftzug, welcher hereindrang, verrieth ihm trotz der Dunkelheit, daß die Thür geöffnet worden sei.

Er lauschte in athemloser Spannung. Eine ganze Weile lang war nicht der Hauch eines Geräusches zu vernehmen. Es stand fest, daß Derjenige, welcher geöffnet hatte, unter der Thüre stand und horchte, um zu hören, ob der Capitän fest schlafe. Dieser ließ daher jetzt die ruhigen, gleichmäßigen Athemzüge eines Schläfers hören, welcher im ersten Schlummer liegt.

Diese Manipulation war von Erfolg. Fast unhörbare Schritte nahten sich langsam bis in die Nähe des Bettes. Abermals wurde gelauscht, und dann erhellte ein plötzlicher Lichtstrahl das ganze Zimmer.

Der Capitän hielt das eine Auge fest geschlossen; das Lid des anderen aber, welches mehr im Schatten war, öffnete er ein ganz klein wenig und gewahrte so einen Mann, welcher ungefähr drei Fuß vor seinem Bette stand und den Schein einer rasch geöffneten Blendlaterne auf das Letztere fallen ließ. Eine Waffe war nicht zu sehen. Er hatte eine Maske vor das Gesicht gebunden und beobachtete den Capitän, ob derselbe wirklich fest im Schlafe liege.

Richemonte setzte sein ruhiges Athmen fort, war aber bereit, bei der geringsten, gefährlich erscheinenden Bewegung des Eingedrungenen die Hand mit dem Terzerole unter der Bettdecke hervorzustrecken.

Der Verlarvte schien befriedigt zu sein. Er wendete sich ab und trat völlig unhörbar zum Schreibtische. Dabei fiel der Schein der Laterne auf die Thür, und der Capitän bemerkte, daß dieselbe zugeklinkt worden sei. Der Dieb schien in seinem Handwerke außerordentlich gewandt und erfahren zu sein.

Er griff in eine Tasche und zog einen Schlüssel hervor. Es zeigte sich, daß derselbe ganz genau in das Schloß jenes Faches passe, in welchem das Geld lag. Der Mann öffnete, zog den Kasten auf und steckte das Geld zu sich, und zwar mit einer Sicherheit, als ob er von den Verhältnissen auf das Genaueste unterrichtet sei. Dann schloß er das Fach wieder zu, steckte den Schlüssel ein und schickte sich an, sich ebenso leise zu entfernen, wie er gekommen war.

Ihm dies zu gestatten, lag aber ganz und gar nicht in der Absicht des Capitäns. Dieser war schlau genug, einzusehen, daß er sich vor allen Dingen der brennenden Laterne bemächtigen müsse, wenn es ihm gelingen solle, sich des Diebes zu bemächtigen und einen jedenfalls gefährlichen Kampf im Finstern zu vermeiden. Er fuhr daher in dem Augenblicke, an welchem der Mann sich vom Schreibtische abwendete, aus dem Bette empor und mit einem raschen Sprunge an dem Diebe vorüber, welchem er dabei die Laterne entriß. Sich zwischen ihn und die Thür stellend, ließ er den Schein des Lichtes auf ihn fallen und hielt ihm zugleich das Terzerol entgegen.

»Halt!« gebot er ihm in nicht zu lautem aber doch befehlendem Tone.

Der Mann war so überrascht, so erschrocken, daß er einige Augenblicke lang wie erstarrt stehen blieb. Dann aber drehte er sich, da ihm die Flucht durch die Thür unmöglich schien, nach dem Fenster um.

»Abermals halt!« gebot der Capitän. »Auch dort lasse ich Dich nicht durch, mein Bursche!«

Da zog der Mensch ein langes Messer aus der Tasche und machte Miene, sich den Ausgang mit demselben zu erzwingen.

»Stecke das Messer ein, Kerl, sonst drücke ich los!«

Dieser Befehl war in einem so nachdrücklichen Tone gegeben worden, daß der Dieb die Hand mit dem Messer sinken ließ.

»Weg das Messer, sage ich; sonst schieße ich!« wiederholte Richemonte. »Eins – zwei – – dr – – –!«

Er kam nicht dazu, die »Drei« auszusprechen. Der Dieb mochte immerhin ein verwegener Kerl sein, aber er mußte doch einsehen, daß eine Kugel schneller ist als eine Messerklinge. Er steckte also das Messer langsam wieder zu sich.

»Lege das Geld wieder hin auf den Schreibtisch!«

Der Mann schien zögern zu wollen, als aber Richemonte ihm mit dem erhobenen Terzerole drohend einen Schritt näher trat, wendete er sich nach dem Tische, zog die Beutel, in denen sich die Summe befand, hervor und legte sie an den angegebenen Ort.

»Nun die Maske ab!« befahl der Capitän.

»Das thue ich nicht!«

Das waren die ersten Worte, welche er hören ließ. Bei dem Tone dieser Stimme zuckte der Capitän zusammen.

»Alle Teufel! Höre ich recht?« fragte er. »Du willst Dein Gesicht also nicht sehen lassen, mein Bursche?«

»Nein!«

»So weiß ich gar wohl, warum!«

Der Mann schwieg; darum fuhr Richemonte fort:

»Du schämst Dich, Dein Gesicht zu enthüllen, weil es jedenfalls schmachvoller ist, seinen Herrn zu bestehlen als einen Fremden. Habe ich Recht, Henry?«

Er erhielt keine Antwort.

»Nun,« meinte der Capitän, »wenn Du weder sprechen, noch Dich demaskiren willst, so ist das um so schlimmer für Dich. Ich werde Leute herbeirufen, während ich im andern Falle vielleicht geneigt sein dürfte, diese Angelegenheit unter vier Augen mit Dir in Ordnung zu bringen.«

Er war sonst ganz und gar nicht der Mann, eine solche Milde walten zu lassen; aber es war ihm im gegenwärtigen Augenblicke ein Gedanke gekommen, welcher mehr werth war, als die Genugthuung, einen Dieb bestraft zu sehen.

»Ist das wahr?« fragte jetzt der Mann.

»Ja.«

»So versprechen Sie es mir mit Ihrem Ehrenworte!«

»Unsinn! Einem Spitzbuben giebt man kein Ehrenwort. Das merke Dir! Ich habe ja noch gar nicht gesagt, daß unter dem Ordnen unter vier Augen eine Straflosigkeit gemeint sei; aber es ist dennoch möglich, daß dieser Fall eintritt, wenn Du mir nämlich unbedingt gehorchst. Versprechen aber werde ich nichts.«

»Nun ich bin ja doch in Ihrer Hand. Diese verdammte Pistole hatte ich in meinem Programme nicht mit aufgeführt. Ich muß mich also auf Gnade oder Ungnade ergeben.«

»Gut! Also fort mit der Larve!«

Jetzt gehorchte der Mann. Er nahm die Larve ab, und nun kam ein Gesicht zum Vorscheine, welches einem vielleicht noch nicht ganz dreißig Jahre alten Manne gehörte. Dieses Gesicht hätte keineswegs den Verdacht erregt, einem Spitzbuben anzugehören. Die Züge waren regelmäßig und beinahe hübsch zu nennen. Freilich weiß man ja, daß gerade solche Gesichter am Meisten täuschen.

»Henry!« sagte der Capitän. »Also habe ich mich doch nicht getäuscht, als ich glaubte, Dich an der Stimme zu erkennen. Mein eigener Diener bricht bei mir ein!«

Es mochte in dem Tone, oder aber in dem Gesichte des Alten etwas für den Dieb Beruhigendes liegen, denn die Züge des Letzteren nahmen einen frivolen Ausdruck an, indem er antwortete:

»Aber er wird dabei erwischt!«

»Ja, Mensch! Das Erwischen ist schlimmer als das Einbrechen. Ich wenigstens rechne Dir das Erstere viel mehr an, als das Letztere. Du hast Dich da ganz schauderhaft blamirt!«

»O, Herr Capitän, ich werde es nicht wieder thun!«

»Was? Das Einbrechen oder das Erwischenlassen?«

»Das weiß ich nicht genau!«

Der Alte bemühte sich, ein grimmiges Gesicht zu ziehen, und doch vermochte er es nicht, ein befriedigtes Zucken zu verbergen. Das grimmige Zähnefletschen, welches man jetzt hätte erwarten sollen, war ganz und gar nicht zu bemerken.

»Bist Du toll!« meinte er. »Ist das die Stimme eines Spitzbuben, welcher auf der That ertappt worden ist?«

»Nein,« lachte der Mann. »Es sind vielmehr die Worte eines ehrlichen Menschen, welcher offen sagt, was er denkt.«

»Du weißt also wirklich noch nicht genau, ob Du nach der Lehre, welche Du gegenwärtig empfängst, das Einbrechen lassen wirst?«

»Nein, ich weiß es nicht.«

»Donnerwetter! Kerl! Mensch! Was soll ich da von Dir denken? Hast Du nicht bereits in der Schule gelehrt bekommen, daß nur die wahre Reue Rücksicht und Begnadigung verdient?«

»Ja; aber ich glaube nicht daran.«

»Henry, Du bist wirklich ein ganz und gar schlechter Kerl!«

»Das ist vielleicht recht gut für mich. Ich habe sehr oft gesehen und erfahren, daß es den schlechtesten Menschen am Besten geht, während die Guten elend und unglücklich sind.«

»Das ist aber nicht der regelrechte Verlauf der Dinge, und eine Ausnahme darf man sich doch nicht zur Richtschnur dienen lassen!«

»O doch! Die Ausnahme, welche ich mir zum Vorbilde genommen habe, werden Sie jedenfalls gelten lassen!«

»Ah! Welche wäre das?«

»Sie selbst!«

»Ich? Tausend Donner! Mensch, werde um Gotteswillen nicht frech! Das könnte Dir bei mir sehr üble Früchte bringen.«

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