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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 4
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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*

Am Sonntag sollte Daudat kommen. Richtig, es kam auch ein Mann angefahren. Aber bei näherem Zusehen war es nicht Daudat, sondern Herr Mathiessen, der junge Lehrer. Braungebrannt und ohne Hut kam er. Hier ist Thorde und hier ist das Meer. Man hätte sich wohl denken können, aus welchem Grunde Herr Mathiessen kam. Aber es war niemand auf der Strasse, als er vorüberfuhr. Manchmal ist die Strasse in Thorde so still wie die Kirche am Wochentag.

Herr Mathiessen stieg in dem Gasthaus ab und ging durch den Garten. Zwischen den Birken hing der zerfetzte gelbe Mond. Herr Mathiessen lächelte: Ich hätte ihr den Lampion schenken sollen. So wird sie nicht gewusst haben, für wen er bestimmt war.

Herr Mathiessen sah durch die Büsche. Die Schaukel war nicht mehr da. Nun, er war nicht der Schaukel wegen gekommen. Er trat in die Gaststube und setzte sich zu dem Wirt.

Sieh einer an, der Herr Lehrer! – Ja, dieses Mal ohne Kinder. – So gut also hat es Ihnen hier gefallen. – Jawohl, Thorde ist ein hübscher Ort. Auch will ich im Meer baden. – Natürlich, bei der Stadt gibt es nur den öligen Fluss. Seitdem die chemische Fabrik da ist, ist das Wasser nicht mehr zum Ansehen. Ich hab's bemerkt, als ich das letztemal da war. Ich hatte mit der Brauerei zu sprechen. Sie kommen per Rad, Herr Lehrer? Der Dampfer fährt also heute nicht. – Nein, der Dampfer fährt nicht. Eigentlich sollte er regelmässig verkehren, aber es finden sich nicht genug Passagiere. Was sollen sie schliesslich auch in Thorde. Die Leute wollen nicht am Strand liegen, sondern sitzen und Kaffee trinken.

Der Wirt runzelte die Stirn: »Wenn's sowas hier am Strande gäbe, würde auch keiner kommen. Das ist alles dummes Geschnack. Sie sehen ja, ich hab hier ein Ausflugslokal. Aber wer kommt aus der Stadt? Keiner kommt. Man ist auf die Stammgäste angewiesen.«

»Davon verstehe ich nichts«, antwortete Herr Mathiessen freundlich.

Der Wirt versuchte, ihm das auseinanderzusetzen. Jaja, was heute alles an so einem Betrieb hängt. Steuern, Pacht, Zinsen, du lieber Gott.

Herr Mathiessen musste das alles mit anhören. Nun ja, sagte er. Endlich konnte er den Wirt unterbrechen.

Nun ja, dann wolle er also gehen und sich das Meer ansehen. Übrigens wäre da auch der Leuchtturm. Ob der Wächter wohl da wäre?

Herr Mathiessen wollte nämlich seinen Schulkindern einen Vortrag darüber halten. Aber die Wahrheit gesagt, er wäre noch nie in einem Leuchtturm gewesen. Ob der Wächter wohl ein zugänglicher Mensch sei?

Ohlik? O ja. Man nennt ihn hier den Holzkapitän. Er hat auch einmal bessere Tage gehabt. Alles verloren. Seine Frau verstand durchzugehen. Doch, doch! Ohlik ist schon ein umgänglicher Mensch.

Dann ging Herr Mathiessen fort.

Er ging nicht gleich nach dem Leuchtturm. Vielleicht scheute er sich, den Zweck seines Kommens so schnell zu verraten. Er lag eine Weile im Sand. Eine ganze Weile lag er im Sand und sah auf das Meer und den Himmel. Wenn er den Kopf zur Rechten wandte, konnte er das kleine Haus sehen, das dem Leuchtturm gegenüber stand.

Schliesslich ging er auf den Leuchtturm zu. Da war nun die Pforte. Aber Herr Mathiessen blieb an der Mauer stehen. Er hatte Sand in die Schuhe bekommen und musste sie ausschütten. Über die Schulter weg schielte er nach dem kleinen Haus.

Es dauerte lange, bis Herr Mathiessen den Sand aus den Schuhen hatte. Immer war noch ein Steinchen, das ihn drückte. Es war schon lächerlich, wie lange er da stand und an dem Schuhzeug herumhantierte. Er merkte es wohl selber, aber nun gab er sich keine Mühe mehr, sein Spähen zu verbergen.

Schliesslich ging es doch nicht anders. Herr Mathiessen musste die Pforte öffnen. Aber dann hatte er einen Einfall. Er liess die Pforte zu und tat so, als wäre sie geschlossen, schüttelte den Kopf und klopfte bei Bieke an.

Es war ein wunderschöner Sommersonntag. In solchen leuchtenden Stunden hat der Himmel mit guten Menschen ein Einsehen. Darum war es wohl, dass Bieke nicht zu Haus war.

Eigentlich brauchte Herr Mathiessen gar nicht erst anzuklopfen.

Sein Pochen fiel gleichzeitig mit dem Öffnen der Tür.

Da stand nun Geesche.

Sie war schon ein Weilchen auf das Wiedersehen vorbereitet, denn sie hatte hinter der Gardine gestanden. Aber nun war sie doch verlegen und stellte sich recht dumm an.

»Guten Tag, Fräulein Geesche«, sagte der junge Lehrer. »Der Leuchtturmwärter – wie heisst er doch? –, Ohlik, richtig, Ohlik, ist wohl nicht zu Haus? Ich muss heute nämlich den Leuchtturm besichtigen. Ja, auf alle Fälle muss ich das.«

»Ich hab ihn nicht fortgehen sehen«, sagte Geesche. »Er muss zu Haus sein.«

Dann gingen sie beide die Schritte hinüber zum Leuchtturm. Geesche wollte die Pforte öffnen, doch Herr Mathiessen hielt sie zurück.

»Wie wäre es, wenn wir ein Stückchen spazieren gingen? Ich habe heute einen freien Tag. Eigentlich wäre ich schon gerne gestern gekommen. Aber da hatte ich noch eine Gesangstunde. Am Sonnabendnachmittag nämlich muss ich den Kindern das Singen beibringen. Sie können doch auch singen, Fräulein Geesche?«

Gott, war das eine dumme Frage. Wollte er vielleicht, dass Geesche gleich den Mund auftat und ein Liedchen trällerte?

Herr Mathiessen wünschte wohl auch gar keine Antwort. Er sagte:

»Natürlich können Sie singen. Ich hab Ihre Stimme noch im Ohr. Die hab ich in den acht Tagen nicht vergessen.«

Geesche war froh, dass sie nicht dazu kam, etwas zu sagen. So gesprächig war Herr Mathiessen vor lauter Fröhlichkeit.

Sie waren ein Stück den Strand entlanggegangen. Da fiel es Geesche ein, dass sie sich um das Essen kümmern musste.

Sie verabredeten, dass sie sich gegen Abend treffen wollten.

Dann ging Herr Mathiessen und besah den Leuchtturm. Ohlik war zu Hause. Er hatte den jungen Lehrer längst gesehen, aber er wunderte sich nicht darüber, dass er erst jetzt kam.

Da war auch der Mann mit dem Holzbein wieder, Boom Garde.

»Ja, das ist also hier der Leuchtturm«, sagte er.

Dann gab er einige Erklärungen, zu denen Ohlik nichts sagte. Überhaupt schien es, als könnte der Holzkapitän eine Unruhe nicht verbergen. Er trug eine Uhr in der Tasche, die seit einigen Tagen nicht mehr ging. Er hätte sie schon zu dem Uhrmacher nach Thorde gebracht, aber es war in diesen Tagen zuviel zu durchdenken.

»Hier schwebt nämlich ein Projekt«, sagte er zu Herrn Mathiessen. Dabei sah er auf die Uhr, die stehengeblieben war.

»Sie erwarten wohl Besuch?« fragte der junge Lehrer.

»Besuch«, wiederholte Boom Garde, »pah, Besuch!«

Hier ging es jetzt um andere Dinge, als um einen lumpigen Besuch. Was versteht schon ein junger Mensch aus der Stadt von einem Projekt.

»Sie hören doch, es ist ein Projekt«, sagte Ohlik. »Wir haben keinen Besuch zu erwarten. Das war früher einmal. Hier ist jetzt eine grosse Sache in Gang. Ich nehme an, dass es sich heute entscheidet.«

Herr Mathiessen war neugierig geworden, doch wusste er nicht, ob es anginge, eine Frage zu stellen. Er begnügte sich mit einem: »so so!«

Boom Garde sah ihn missbilligend an. Nun ja, was konnte man schon von einem Grünspecht an Interesse verlangen. Immerhin wäre es wohl schicklich gewesen, wenigstens eine Frage zu tun.

»Jawohl, es ist ein grosses Projekt«, sagte Boom Garde ärgerlich.

Ohlik blickte wieder auf die stehengebliebene Uhr.

Eigentlich sollte Herr Daudat schon am Vormittag kommen. Es war ausgemacht, dass sie dann Pagel Bescheid sagen wollten.

»Kennen Sie Herrn Daudat?« fragte Boom Garde. »Er wohnt auch in der Stadt.« Die grosse Angelegenheit, die in der Luft lag, machte ihn jetzt gesprächig.

»Sie kennen Herrn Daudat nicht? Er ist der Agent der Schiffahrtsgesellschaft. Ein tüchtiger Geschäftsmann. Er versteht sein Fach. Er versteht noch mehr. Wie heisst es doch?« sagte er zu Ohlik.

Der Holzkapitän hatte nicht hingehört. Er stand jetzt am Fenster und sah missmutig hinaus. Es ging auf zwei Uhr, und der Mann war noch nicht da.

»Ja, wie heisst es doch?« wiederholte Boom Garde. Er legte die Hand an die Nase und kramte in seinem Gesicht. »Reklame! Da haben wir's. Er hat was weg in Reklame! Wie ein Amerikaner! Ich bin in der Welt herumgekommen. Ich habe in Hamburg gearbeitet. Ja, da hörte ich das. Wie ein Amerikaner. Reklame! Das ist das Wort.«

Herr Mathiessen bedauerte, dass er Herrn Daudat nicht kannte.

»Haben Sie denn nicht mit ihm gesprochen wegen des Dampfers für Ihre Schule neulich?«

»Nein«, sagte Herr Mathiessen, »ich habe mit Konsul Klemm verhandelt.«

Ohlik sah auf.

»Kennen Sie den Konsul persönlich?« fragte er verwundert.

»Allerdings«, sagte Herr Mathiessen freundlich. »Ich gebe seinen Söhnen Nachhilfestunden.«

Nun hatte sich der Gast aufs beste ausgewiesen. Er kannte also den Konsul, den Hauptaktionär der Schifffahrtsgesellschaft, den behäbigen Herrn Klemm mit der trinklustigen Nase.

»Dann kann ich es Ihnen natürlich verraten«, sprach der Holzkapitän. »Wie gesagt, es ist ein grosses Projekt. Sie kennen also den Konsul? Ein freundlicher Herr. Wir haben früher zusammen verkehrt. Das ist schon Jahre her. Ich habe mich hier zurückgezogen. Kapitän Ohlik auf den Holmen. Jacob Eduard Ohlik, Holzhandel und Spedition. Ich weiss nicht, ob Ihnen das ein Begriff ist?«

Er machte eine kleine Verbeugung, die jedenfalls Herrn Mathiessen gelten sollte, oder war sie einer versunkenen Herrlichkeit bestimmt?

»Ich sehe Ihnen an, dass Sie nicht im Bilde sind«, sagte der Holzkapitän. »Nun, das liegt schon Jahre zurück. Sie sind ein junger Mann. Also Sie verkehren im Hause des Konsuls? Ein nobles Haus. Aber es hat keiner eine Ringmauer um den Kopf, wissen Sie?« Er fuhr mit der Hand durch die Luft.

»Wie gesagt, ich habe da eine Idee. Einen Augenblick, ich will die Zeichnung holen.«

Damit ging Ohlik in den Nebenraum, während Boom Garde andächtig dasass und Herrn Mathiessen geheimnisvolle Zeichen machte, als hätte er jetzt etwas ganz Besonderes zu erwarten.

Über dieser Einleitung hatten sie die Schritte im Flur überhört. Nun kam Herr Daudat ohne anzuklopfen herein.

Wenn er vor einigen Minuten gekommen wäre, hätte er wohl einen besseren Empfang gehabt. Jetzt aber hatte es sich herausgestellt, dass ein Mann anwesend war, der mit dem Konsul persönlich zu tun hatte. So konnte Ohlik es sich leisten, unwirsch zu sagen:

»Sie haben sich sehr verspätet. Wir wollten schon anfangen.«

Daudat sah Ohlik verwundert an. Dann blickte er auf den jungen Lehrer.

Ohlik erklärte:

»Das ist Herr Mathiessen, ein Freund von Konsul Klemm.«

Boom Garde setzte ein bedeutungsvolles Gesicht auf. Es war gut, wenn man von vornherein einen Trumpf in der Hand hatte. Jawohl, die beiden waren obenauf. Wer war schliesslich auf die Idee mit dem Logierhaus gekommen? Es war Ohliks eigene Idee. Zwar behauptete Herr Daudat, dass die Schiffahrtsgesellschaft schon lange mit dem Plan umginge. Aber schliesslich konnte das jeder sagen, denn man hatte bisher nichts davon gemerkt, dass die Reederei in dieser Angelegenheit sich rührte.

»Wir wollen Pagel herüberholen«, sagte Ohlik zu Boom Garde. Der Alte schickte sich an, der Aufforderung nachzukommen.

Aber nun erlitten sie eine Niederlage. Daudat sagte nämlich:

»Einen Augenblick. Ich muss zunächst noch etwas feststellen.«

Damit wandte er sich an Herrn Mathiessen und sagte:

»Sie wissen von dem Projekt? Sie sind eigens deswegen hergekommen? Herr Konsul Klemm hat Sie beauftragt?«

Diese Fragen sprudelte Herr Daudat in seiner schnellen Art hervor. Ein regelrechter Überfall war es, und Herr Mathiessen hatte ein betroffenes Gesicht.

»Also bitte«, rief Herr Daudat. »Wie bitte?« fügte er mit Nachdruck hinzu.

Ohlik nickte Herrn Mathiessen ein paarmal bedeutend zu. Es sollte wohl heissen, dass Herr Mathiessen einfach »ja« sagen sollte. Auch Boom Garde zwinkerte verschmitzt hinter Daudats Rücken.

»Ich weiss wirklich nicht, was hier vorgeht«, sagte Herr Daudat. Er blickte streng von einem zum andern. Seine Augen blitzten. Was wurde hier gespielt? Wollte man ihn, den bewährten Agenten, etwa hineinlegen? Haha, da hätten die Herrschaften früher aufstehen müssen.

»Bitte sehr wie?« fragte er noch einmal.

Aber nun lachte Herr Mathiessen. Er lachte Herrn Daudat fröhlich ins Gesicht:

»Ich kenne allerdings Konsul Klemm, aber keine Sorge, von dem Projekt weiss ich nichts.«

Boom Garde hustete. Er wollte wohl diese fatalen Worte weghusten. Das kommt davon, wenn alte Männer gerissen sein wollen. Daudat lachte ironisch. Ohlik versuchte, diesen Reinfall wettzumachen. Er sagte:

»Das ist auch Nebensache. Jedenfalls habe ich den zweiten Mann. Ein korrekter und zuverlässiger Mensch. Ich kenne ihn seit Jahren. Es ist der Seefahrer Pagel.«

»Auch eine Finte?« fuhr Daudat dazwischen. Er hatte jetzt Oberwasser und rückte mit seinen Spitzfindigkeiten dem Holzkapitän zu Leibe. Sie redeten sich die Köpfe rot.

Ohlik blieb dabei:

»Mein Wort. Pagel hat sich so gut wie entschlossen.«

Nun rückte Herr Daudat einen Stuhl an den Tisch.

Herr Mathiessen hielt es für angebracht, sich zu verabschieden. Obwohl er den Konsul persönlich kannte, bekam er von Ohlik doch nur einen kurzen Gruss. Herr Daudat nahm von ihm überhaupt keine Notiz mehr.

Boom Garde hatte sich schon auf den Weg gemacht, um Pagel zu holen.

Von der Einrichtung des Leuchtturms hatte Herr Mathiessen nicht viel zu sehen bekommen. Nun war er obendrein gewissermassen an die frische Luft gesetzt. Da stand er also am Strand und musste die Stunden hinbringen, bis er Geesche treffen würde.

Er ging zunächst in das Gasthaus und liess sich etwas zu essen geben. Er brachte das Gespräch auf Herrn Daudat, den er eben kennengelernt hatte.

»Ein Windbeutel«, knurrte der Wirt. »Ich mag ihm nicht über den Weg trauen.«

Was es denn für ein Projekt wäre? Ob der Gastwirt etwas davon wüsste?

Der Wirt lächelte geringschätzig:

»Man hat es mir auch angeboten. Eine faule Sache. Ich habe nicht Lust, daran pleite zu gehen.«

Was es denn wäre, fragte Herr Mathiessen.

»Nun, das Logierhaus«, erwiderte der Wirt wortkarg.

Der junge Lehrer gab das Fragen auf. Er merkte, dass der andere wenig Lust verspürte, darauf einzugehen. Sie sassen sich dann gegenüber und schwiegen. Es ist auch die schläfrige frühe Nachmittagsstunde. Vielleicht ist der Wirt auch ungehalten, dass der Gast ihn um sein Schläfchen bringt. Schliesslich meint er aber doch:

»So, also Daudat ist gekommen. Alles Hirngespinste. Verlassen Sie sich darauf. Sie werden keinen finden, der sich daran beteiligt.«

Doch, ein Name wäre gefallen, erwiderte der Lehrer. Pagel oder so ähnlich.

»Unsinn«, sagte der Wirt.

Dann schlief das Gespräch wieder ein. Nach einer Weile ging Herr Mathiessen.

Der Wirt war nun doch unruhig. Beim Abschied fragte er:

»Pagel, sagten Sie. Haben Sie das auch genau gehört?«

Herr Mathiessen zuckte die Schultern: »Ja, so war doch wohl der Name.«

»So so«, meinte der Wirt nachdenklich.

Nun stand Herr Mathiessen an dem leeren Strand. Er setzte sich in eins der heraufgezogenen Boote. Ein paar kleine tote Fische lagen auf dem Boden, mager und eingetrocknet. Der schwere Geruch der geteerten Planken machte ihn noch müder. Vielleicht wäre es gut, ein Stündchen zu schlafen. Doch daraus sollte nichts werden. Ein kleines Mädchen kam angelaufen, blieb am Boot stehen und fragte den fremden Mann:

»Wer bist du?«

Es war Dole.

Herr Mathiessen hatte seinen Spass an dem Kind und sagte:

»Ich bin Onkel Ferdinand mit den blauen Hosen.«

Da hatte er nun was angerichtet, denn Dole stellte sofort fest, dass die Hosen nicht blau, sondern gelb waren. Ja, Herr Mathiessen trug gelbe Sommerhosen. Sie stritten sich ein Weilchen herum. Schliesslich versprach Herr Mathiessen, das nächste Mal die blauen Hosen anzuziehen. Nun war der Friede wieder hergestellt und sie sangen zusammen. Dann sang Herr Mathiessen allein. Dole konnte nicht genug bekommen. Es war auch erstaunlich, wie viele Lieder Herr Mathiessen kannte.

»Da ist Mama«, rief Dole plötzlich und zeigte auf eine Frau, die den Strandweg entlang kam.

»Mama«, rief Dole und zog Herrn Mathiessen mit.

»Das ist Onkel Ferdinand«, erklärte sie.

Melitta horchte verwundert.

Nun lachte Herr Mathiessen und stellte sich vor.

»Lehrer Mathiessen«, sagte er.

»Aus der Stadt?« fragte Melitta.

»Ja, aus der Stadt, von der fünften Gemeindeschule. Ich war neulich mit den Kindern hier.«

»Ach ja, der Dampfer«, sagte Melitta, »ich entsinne mich. Es war vor acht Tagen.«

Dann schwieg sie betroffen. Es war ihr wohl eingefallen, was jener Tag noch gebracht hatte.

»Den Kindern hat es viel Spass gemacht«, sagte Herr Mathiessen. »Die Dampferfahrt und dann das Fest mit den Lampions. Einer hängt noch im Garten. Ich sah ihn vorhin, aber er ist entzwei gegangen.«

»Ja«, sagte Melitta.

Sie sah auf einmal traurig aus.

»Ja, es ist schade«, sagte Herr Mathiessen. »Es war eine hübsche gelbe Laterne, ein Mond. Aber es tut nichts. Es gibt viele Lampions.«

»Da haben Sie recht«, antwortete Melitta. Sie schien erleichtert zu sein. Das machte wohl Herr Mathiessens freundliche Art zu sprechen. Sie sah ihn prüfend an. Sie genierte sich gar nicht, dass sie ihn musterte.

»Sie haben einen Ausflug gemacht?« fragte sie dann.

Herr Mathiessen erzählte, wie es ihm in dem Leuchtturm ergangen wäre.

»Ja, nun werden die Schulkinder mit der Beschreibung warten müssen. Ich bin zu ungelegener Zeit gekommen. Da ist eine Besprechung, ein Projekt, wie sie sagten.«

»Ich weiss«, antwortete Melitta. »Sie haben meinen Mann dazu geholt. Ja, das ist eine besondere Sache. Ich weiss nicht, ob ich darüber sprechen darf.«

Melitta tat geheimnisvoll. Es war ihr eine Genugtuung, dem Herrn aus der Stadt klarzumachen, dass auch in dem kleinen Thorde wichtige Dinge vor sich gingen.

»Ich glaube, mein Mann wird sich heute entscheiden«, sagte sie.

Auf einmal hatte Herr Mathiessen seinen Spass, Melitta irrezuführen. Er erinnerte sich des Gesprächs mit dem Wirt und sagte leichthin: »Ja, das Logierhaus.«

Melitta fragte überrascht: »Sie wissen Bescheid?«

Nun hätte Herr Mathiessen sich schnell eine Geschichte zusammenreimen können. Aber da stand eine Frau vor ihm, der diese Angelegenheit eine ganze Welt zu bedeuten schien. Darum sagte Herr Mathiessen ernst:

»Nein, ich habe das nur so im Gespräch aufgeschnappt.«

Jetzt war einmal davon gesprochen worden. Melitta hatte das Bedürfnis, mehr darüber zu reden.

Ja, es handelte sich um ein grosszügiges Logierhaus am Strande. Eine Art Hotel, wie man es in den grossen Seebädern hätte. Es war verständlich, dass man einen Mann dazu holte, der sich in der Welt umgesehen hatte.

»Ja, mein Mann kennt Welt und Menschen«, sagte Melitta. »Er hat die ganze Welt bereist. Solche Erkenntnisse sind Gold wert.«

Ob Herr Mathiessen auch schon weit herumgekommen wäre, fragte sie.

O doch, Herr Mathiessen hatte schon einige Reisen gemacht.

»Dann kennen Sie vielleicht auch Juliusbad, das Stahlbad in den Bergen?« sagte Melitta. »Meine Mutter wohnt dort.«

Herr Mathiessen sollte wissen, dass Melittas Kreis sich nicht bloss auf das armselige Thorde beschränkte.

»Natürlich kenne ich Juliusbad«, antwortete Herr Mathiessen. »Es ist ein Erholungsheim dort. Vor zwei Jahren habe ich ein paar Schulkinder hinbringen müssen. Sie waren lungenkrank. Sie weinten, als sie die hohen Berge sahen.«

»Ja, in Juliusbad wohnt meine Mutter«, sagte Melitta. »Sie besitzt eine Villa gegenüber dem Schloss. Ich weiss nicht, ob Sie das Schloss gesehen haben?«

»Es ist ein entzückendes Schloss aus der Barockzeit«, sagte Herr Mathiessen. »Es gehört dem Grafen von Erwinsrode.«

»Ja ja«, antwortete Melitta.

»Es muss ein reiches wundervolles Land sein«, sagte sie nach einem Weilchen.

Sie waren ins Erzählen gekommen und hatten sich auf die Bank gesetzt. Dole spielte im Sand.

Ja, Juliusbad wäre schön, sagte Herr Mathiessen. Aber das Land sei arm. Gepflegte Wege gäbe es in Juliusbad, und auf den Höhen in den Tannenhainen stünden Freundschaftstempel und Liebesurnen. Das alles stamme aus einer Zeit, in der die Menschen noch mehr Gefühl hatten. Heute sind die Freundschaftstempel morsch geworden, und man kann sie nur mit Gefahr betreten.

Es wäre schön, auf den hohen Bergen bei Juliusbad zu stehen. Wie ein Teppich läge das Land einem zu Füssen.

Melitta hörte zu und seufzte. Sie vergass, dass sie eben noch mehr hatte vorstellen wollen. Sie war die sehnsüchtige Frau geworden, die über den Lichtschein des Leuchtturms von Thorde nicht hinausgekommen war.

Ach ja, Herr Mathiessen sollte noch mehr erzählen.

»Ich habe Schmucksteine aus jenem Land«, sagte sie. »Meine Mutter hat sie mir mitgebracht. Braune Edelsteine. Katzenaugen heissen sie im Volksmund.« Ob Herr Mathiessen die kenne?

Herr Mathiessen lächelte. Er dachte wohl: Was für Edelsteine! Aber er sagte: »Ja, ich kenne sie. Seltsame braune Steine sind es. Ach ja, das Land ist reich an Steinwundern.«

Auch Silber gäbe es in den Bergen. Ihre Mutter habe viel davon erzählt. Grosse Klumpen Silber fördere man zutage.

Herr Mathiessen schüttelte den Kopf.

»Das ist wohl gewesen«, sagte er. Aber jetzt lägen die Silberminen still. Es lohne wohl nicht mehr. Ja, leider ruhe der Bergbau. Darum gäbe es auch viele arme Leute.

Melitta sah ihn ungläubig an. Arme Leute in dem reichen Land in den Bergen? Nein, Herr Mathiessen wusste es wohl nicht. Ein Land mit Wohlstand war es.

»Sie irren sich«, sagte Melitta.

Nun wollte Herr Mathiessen wissen, dass es auch früher, ja, dass es dort immer arme Menschen gegeben hätte. Hungrige Taglöhner, elende Bergleute und armselige Bauern, die Frondienste leisten mussten.

»Denken Sie«, erzählte Herr Mathiessen, »da ist vor Hunderten von Jahren einmal ein Mann gewesen. Er war in der Gegend geboren und wollte diesen armen Menschen das Glück bringen. Er zog mit einer Fahne in die Welt, darauf ein Regenbogen gemalt war. Viele der Unglücklichen scharten sich um ihn. Aber der Himmel hatte seinen eigenen Regenbogen herausgestellt und hatte sie verlassen. Es war wohl noch nicht die Zeit.«

Sie sassen auf der Bank und sprachen von dem Land in den Bergen. Zwischendurch lauschten sie auf den gleichmütigen Wellenschlag der See oder sie blickten zu den Booten hinüber, an denen sich jetzt die Fischer zu schaffen machten.

Ja, das ist Thorde, denkt Melitta.

Der einförmige Sand. Die dunklen Boote. Die Männer mit den schweren Stiefeln und das Wasser, das endlose Wasser.

Aber in dem Land in den Bergen rauschen die Wälder.

»Ja«, sagt Herr Mathiessen, »immer rauschen die Wälder. Es ist kaum etwas von Wind zu merken, aber eine dunkle Tanne rauscht und rauscht.«

»Zwei riesige Tannen stehen am Eingang von Juliusbad«, erzählt Herr Mathiessen. »Abends sieht man das Feuer aus dem Ofen der Giesserei schlagen. Es ist nämlich ein Hüttenwerk ganz in der Nähe. Gusseisen stellt man dort her. Früher gab es darin eine besondere Kunst. Hirsche, Zwerge, ja, allerlei Tiere stellte man sorgfältig aus Gusseisen her. Das hat sich jetzt überlebt. Man ist auf das Praktische hinaus.«

Herr Mathiessen dachte nach. Ja, jetzt fiel es ihm ein, was er alles in dem kleinen Museum der Eisenhütte gesehen hatte. Zierliche Vignetten, kleine Schränkchen und Reliquienkästen. Eine Uhr, die ein Schmiedewerk darstellte. Bei den halben Stunden zog der Lehrjunge den Blasebalg, die vollen Stunden aber schlug der Schmied mit dem Hammer. An der Decke hing ein Baum, aus dessen herzförmigem Laubwerk Kerzen wuchsen. Ein Kronleuchter war es. Das Wundervollste aber war eine Nachbildung des heiligen Abendmahls.

»Und denken Sie«, sagte Herr Mathiessen, »das war alles aus gegossenem Eisen. Da musste der Modellschneider die Form zuerst in Gips schneiden, dann kam der Handformer mit Sand und dann wurde gegossen. So hat man es mir erzählt. Es ist eine Kunst, die uns verloren ging. Eine grosse Handfertigkeit gehörte dazu.«

»Meine Mutter brachte mir eine Hexe mit, die ist in Holz geschnitten«, sagte Melitta. »Ja, die Menschen müssen dort geschickte Hände haben.«

Herr Mathiessen war jetzt so von seinen Erzählungen befangen, dass er begeistert rief:

»Ja, die Hexen. Oben hinaus und nirgend an!« Er kannte den alten Hexenruf.

Melitta musste lachen. Es war drollig, wie Herr Mathiessen von den Hexen redete. Er tat, als wären es alte Weiber, die aus dem Schornstein flögen, auf dem Besen oder auf der Katze ritten oder gar auf einem Ziegenbock.

»Die Hexe in unserer Stube ist jung«, sagte Melitta. »Sie hat ein hübsches Gesicht.«

Ja, es gäbe auch junge Hexen, lachte Herr Mathiessen. Aber bei Licht besehen und wenn man sie in den Armen hielte, wären sie doch alt wie die Welt. Da sei einmal zum Grafen Erwin ein zartes Fräulein gekommen. Es habe weder Heimat noch Namen gewusst. So schön sei sie gewesen, dass der Graf sie mit Freuden bei sich behalten hätte. Nun wäre die ewige Jugend bei ihm eingekehrt, hätte er geglaubt. Schliesslich habe er sie zum Weibe genommen. Da sei ihm seine Freude bald vergangen. Nach den durchherzten Nächten habe das schöne Fräulein immer uralt und grau in seinen Armen gelegen. Erst wenn er seine Lippen auf das Mal gedrückt hätte, das sie unter dem Herzen trug, wäre sie wieder jung und schön geworden.

Sie sassen auf der Bank und sprachen von dem Land in den Bergen. Von den Hexen sprachen sie, von den ewig jungen, den ewig alten. Von dem eisgrauen Männlein am Wege und von dem armen törichten Mann mit der Regenbogenfahne.

Das alles wusste Herr Mathiessen. Ach ja, er kannte das Land in den Bergen. Er kannte die Wälder. Melitta war noch nie in einem Wald gewesen. Sie hatte noch nie auf einem Berge gestanden, zu dessen Füssen das Land wie ein Teppich liegen sollte.

Sie sassen auf der Bank an dem kargen Strandweg, und der Wind bog die grauen harschen Gräser.

Die Fischer schoben die dunklen Boote ins Wasser. Sie hatten die Netze hineingeworfen. Sie setzten die grauen vielfach geflickten Segel. Sie verschwanden über dem Wasser. Einige Möwen begleiteten sie. Gott segne uns den Fischzug in der süssen und in der salzigen See.

Der Strand war wieder leer. Der Sand wehte. Die niedrigen Gräser bogen sich. Ein Steinanker lag da, nackt, das Kreuz aus Holz, das Weidengeflecht verschüttet.

In dem Land in den Bergen aber rauschten die Wälder.

Sie hatten lange auf der Bank gesessen und erzählt. Nun standen sie auf und gingen davon. Jeder für sich und jeder in seinen Gedanken.

Auf einmal war die Zeit so vergangen, dass Herr Mathiessen sich beeilen musste, um rechtzeitig an der Düne zu sein, wo Geesche auf ihn warten wollte.

Ein letzter Fischer kam über den Weg. Er trug den Segelbaum auf der Schulter. Es war Holms mit seinem langsamen erfahrenen Schritt.

Melitta stand in der Stube. Sie hatte die Arme ineinandergelegt. Sie hielt den Kopf gesenkt. Sie stand mitten in der Stube und bewegte sich nicht. Vielleicht wollte sie die Worte nicht vertreiben, die noch in ihren Ohren waren.

Es war still in der Stube. An den klappernden Schlag der Uhr gewöhnt, würde Melitta nur aufhorchen, wenn er einmal verstummte. Zur Rechten stand der Schrank mit dem Segelschiff darauf und der reitenden Hexe darüber aus dem prächtigen Juliusbad.

Melitta stand unbeweglich. Gleichmässig ging die See.

Am Abend kam Pagel von der Besprechung zurück:

»Es ist nun entschieden. Ich habe zugesagt. Morgen fahren wir in die Stadt zum Rechtsanwalt. Da wird der Vertrag gemacht.«

Er wartete, dass Melitta sich dazu äussern würde. Sie kam ihm nicht mit grosser Freude entgegen. Das war auch verständlich, denn es war ein ernster Entschluss.

Sie sagte:

»So? Also zum Rechtsanwalt müsst Ihr damit.«

Die Tatsache, dass ein Rechtsanwalt hinzugezogen werden musste, schien der Angelegenheit für sie die rechte Bedeutung zu geben. Ja, nun war der Schritt getan. Pagel sagte:

»Um Haaresbreite hätte es sich zerschlagen. Als ich herein kam, meinte Daudat: Ja, nun kommen Sie. Jetzt will der Konsul persönlich einspringen. Ich sagte: daran könnte man nichts ändern und wollte gehen. Bleiben Sie, sagte Daudat. Mir ist es schon lieber, Sie sind es als der Konsul. Das Geld allein entscheidet nicht. Hier wird auch eine Arbeitskraft gebraucht. – Ja, um Haaresbreite wäre ich gegangen. Aber dann dachte ich: vielleicht ist es doch besser, du bleibst. Was meinst du dazu?«

Ja, es wäre so schon richtig gewesen, antwortete Melitta. Man könnte natürlich nie wissen! Vorhin wäre ihr schon eingefallen, ob es nicht besser gewesen wäre, mit dem Geld nach Juliusbad zu gehen.

»Nach Juliusbad?« fragte Pagel befremdet. »Wie kommst du jetzt darauf?«

Ja, sie hatte vorhin mit einem Lehrer aus der Stadt gesprochen. Mit Herrn Mathiessen, der neulich mit der Schule hier gewesen wäre. – Nein, du kennst ihn nicht. – Ja, also mit diesem Lehrer wäre sie in ein Gespräch gekommen. Sie hätten auch von Juliusbad gesprochen. Herr Mathiessen wäre da zur Erholung gewesen. – Ich bin weit herumgekommen, habe er gesagt, aber ich muss sagen, es geht nichts über Juliusbad.

Pagel begriff das nicht. Er sagte:

»Was sollen wir in Juliusbad?«

Dann fiel ihm erst ein, dass Emita dort wohnte. Vielleicht wollte Melitta gern näher zu ihrer Mutter wohnen. Pagel hatte zwar solche Regungen noch nie bei ihr bemerkt. Aber der Mensch ändert sich oft von einem Tag zum andern. Ja, vielleicht hatte Melitta bei dem Gespräch allzusehr an ihre alte Mutter gedacht. Da war nun dieser Wunsch gekommen. So mochte es zusammenhängen.

Darum tat Pagel es nicht geringschätzig ab, sondern bemühte sich, es ihr auszureden.

Ja, nun wäre es zu spät. Man hätte vorher darüber nachdenken müssen. Aber Melitta hätte nur hören sollen, wie Daudat, der doch ein erfahrener Kaufmann sei, über die Zukunft Thordes dächte.

Risiko? Unsinn! Überhaupt kein Risiko, hatte Daudat gesagt. Glauben Sie, dass ich mich bei einer faulen Sache engagieren würde? Nein, Herr Pagel. Ich sage Ihnen, Seebäder werden die grosse Mode. Fragen Sie mal in der Stadt nach! Wohin fahren die reichen Leute? In ein Seebad! In ein grosses feudales Seebad fahren sie. Nun, wir wollen hier nicht die reichen Leute haben. Thorde soll die Erholung werden für solide Menschen. Reiche Leute, wissen Sie, kosten einen Haufen Geld. Da muss alles Plunder und Wunder sein. Aber der solide Mensch, sehen Sie: er hat das ganze Jahr gearbeitet, nun bekommt er Urlaub. Er kann das Geld nicht mit vollen Händen hinauswerfen. Aber er will in seiner Ferienzeit auch nicht wie ein Bettler leben. Sehen Sie: auf solche Menschen reflektiere ich. Die sind das gesunde Publikum. Sie wollen keinen pompösen Badeort, sie wollen die Natur. Für sie ist Thorde! Hier ein Logierhaus mit fünfzig Betten. Später wird man anbauen. Eine Dependance, verstehen Sie? Es spricht sich herum. Der Dampfer bringt uns noch Ausflügler aus der Stadt. Wir bauen eine grosse Glasveranda. Gut geheizt, dass die Leute auch im Winter auf das Meer blicken können. Das ist eine Sache, meine Herren! Was sagen Sie dazu, Ohlik?

Ohlik sagte gar nichts dazu, aber man hatte ihm angemerkt, wie er in begeisterten Träumen schwamm. Ja, dieses Logierhaus! Er würde nicht bloss der Leuchtturmwächter von Thorde sein. Nein, er würde die begehrte Persönlichkeit werden, mit der jeder Gast sich unterhalten will. Keine langweiligen Tage würde es mehr geben. Kein graues Alter. Nein, es könnte wieder ein Leben sein wie damals auf den Holmen.

Ach ja, der Holzkapitän war schon weit über diese Besprechung hinaus. Er baute in Gedanken schon das grosse Haus. Das Strandschloss mit dem Teepavillon und mit den hundert Zimmern, deren helle Fenster abends mit dem Leuchtturm von Thorde in Konkurrenz treten würden.

»Ja, du hättest hören sollen, was so ein kluger Kopf wie Daudat über die Zukunft Thordes denkt«, sagte Pagel zu Melitta.

»Ihr mögt schon recht haben«, antwortete sie. »Ich komme wohl auch nur darauf, weil ich vorhin mit Herrn Mathiessen darüber gesprochen habe. Ja, sonst wäre es mir wohl gar nicht eingefallen.«

So vernünftig war Melitta. Pagel strich ihr über die Hand.

»Wenn wir hier etwas weiter sind«, sagte er, »kannst du nach Juliusbad fahren. Du musst deine Mutter einmal besuchen.«

»Nein«, sagte Melitta.

Pagel schwieg.

Es war nie eine Einladung von Emita gekommen. Ja, vielleicht hätte sie schreiben können: Besucht mich einmal. Vielleicht hätte sie auch Melitta auffordern sollen, zu ihr zu kommen, wenn Pagel längere Zeit auf See war. Das hatte sie nie getan.

Nein, hatte Melitta gesagt. Also war es wohl nicht die Mutter, die sie nach Juliusbad zog.

Nein, es war nicht die Mutter, es war nicht Emita. Der Zauber war es, der Zauber eines verheissungsvollen Landes, das in Melittas Stunden der Nachdenklichkeit schon die Grenzen überirdischer Vorstellung streifte.

Aber davon wusste Pagel nichts.

In dieser Nacht träumte Melitta von dem Land in den Bergen. Sie ging durch die Strassen einer reichen Stadt, die in einem Tale gebettet war. In dem stürzenden Wildbach sprangen die zierlichen Fische. Vor den Häusern rauschten die hohen Tannen. Jeder Stein, auf den Melitta trat, war in Silber gefasst. Hinter dem Schloss aber war das grosse Feuer des Giessofens, und als Melitta nun ihre Blicke dahin richtete, sah sie den wilden Schwall jagender Hexen, die aus dem Feuer empor brennende Regenbogen warfen.

Pagel jedoch schlief in dieser Nacht nicht. Der Schritt, zu dem er sich nun entschlossen hatte, scheuchte den Schlaf. Es war ein Widerstreit von Zweifel und Zutrauen.

Er stand auf und setzte sich auf die Bank vor dem Hause. Unter freiem Himmel sass Pagel in dieser Nacht, so wie er es von vielen Schiffsnächten her gewöhnt war.

Langsam zogen die Lichter eines späten Dampfers vorüber. Er verliess den Fluss, um die nächtliche Strasse der Schiffe zu ziehen. Schliesslich war nur noch ein gelbes, gleitendes Licht zu sehen, nicht anders als trüge ein Unsichtbarer einen Stern über das Wasser.

Am nächsten Tage fiel es Pagel ein, dass er Ohlik das Messer zurückbringen müsste, nun, wo er bleiben würde und den alten Kapitän nicht wieder zu Gesicht bekäme.

Er suchte das Messer überall, aber er fand es nicht. Doch kam ihm bei diesem Suchen der Geldschein in die Hand, den Melitta unter der Mehlkruke versteckt hielt. Das also war der Schein, der soviel Ungemach heraufbeschworen hatte.

Nun war der Himmel klar geworden. Das böse Wetter war gnädig vorübergezogen.

Pagel legte den Geldschein wieder an seinen Ort. Und um anzudeuten, dass alles gut wäre und dass man von allem nunmehr in Frieden reden könnte, suchte er ein blankes Geldstück aus der Tasche und tat es auf den Schein.

Dann setzte er in gutmütiger Hast das Gefäss wieder darauf. Er hatte Melitta singend über den Weg kommen hören. Alles war in Ordnung. Er stand schmunzelnd in der Türe.

Nun hätte Melitta wohl eine lustige Bemerkung machen können. Es war kein Zweifel, dass sie öfter nach ihrem Geldschein sah. Also gegen Abend hätte sie wohl sagen können: Sieh einer an, da habe ich Heckgeld in der Küche. Ein blankes Talerstück ist angekommen!

So ähnliches hätte sie wohl sagen können. Pagel wartete darauf. Er hatte sich eine gute Antwort schon zurechtgelegt. Er wollte sagen: Weil der Geldschein keine Stimme hat, darum ist der Taler gekommen. Er hat einen guten Klang.

Das wollte er sagen, und er wollte Melitta an sich ziehen und keine Frage weiter tun.

Aber was denkt sich ein Mensch nicht alles aus.

Da stand nun Pagel und wartete. Doch Melitta schwieg.

Als auch die nächsten Tage so vergingen, wusste Pagel, dass sie den Mund des Geldes wegen nicht auftun wollte.

Er ist verwundert darüber. Es geschieht, dass er Melitta nicht versteht. Sie will nicht reden, denkt er. Vielleicht ist es Angst. Vielleicht ist es Trotz. Aber sie brauchte sich doch nicht zu fürchten. Wie wenig kennt sie mich doch. Nein, ich verstehe sie nicht. Wie fremd ist sie mir geworden.

Darüber dachte Pagel viel nach. Auf einmal stand wie eine Sorge sein Entschluss vor ihm, in Thorde zu bleiben.

Er war mit Daudat beim Rechtsanwalt gewesen. Der Vertrag war unterzeichnet. Es war nichts mehr daran zu ändern.

Nun, dieser Vertrag wäre keine Fessel. Wer könnte mich hindern, wieder auf See zu gehen? fragte sich Pagel. Ja, wer könnte mich hindern? Auch darüber sann er viel.

Es geschah öfter als eine Nacht, dass er auf der Bank vor dem Hause sass, ohne dass Melitta es merkte. Er ging leise an ihrem Lager vorbei ins Freie. Manchmal war es tief in der Nacht, manchmal schon mehr zum Morgen. Wenn es dunkel und tief in der Nacht war, hatte er noch lange Zeit ihr ruhiges Atmen im Ohr. Wenn es hell war und gegen Morgen, hatte er ihr Bild vor sich, so, wie er sie im Bett hatte liegen sehen, die Augen geschlossen und um den Mund einen kindhaften Schlaf.

Ja, Melitta hatte vielerlei Gesichter.

Dann sass Pagel auf der Bank vor dem Hause und dachte: Nun ist es doch gut, dass ich zu Hause bleibe.

Und eines Nachts, als ein Sturm sich aufmachen wollte und die Fischer gestikulierend am Strande standen, neben den Booten, weil sie nicht wussten, ob sie herausfahren sollten, und als dann der Sturm in ersten Stössen daherfuhr, die Fischer ihre Boote tiefer auf den Sand gezogen hatten, und als der Sturm dann schon mit aller Macht kam, und die Fischer vom Strande fort waren, sagte Pagel: Ja, es ist am besten, wenn ich bleibe.

Damit hatte er sich auf alle Zweifel Antwort gegeben.

Nun war nicht mehr daran zu rütteln.

Der Sturm heulte vorüber. Er erschütterte das Haus nicht. Pagel hatte die Türe verschlossen.

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