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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 33
Quellenangabe
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110719
projectid31dba37b
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*

Bis zum September hatten die Köhler im Obertal zu tun. Die letzten Meiler sollten ausbrennen. Sie waren im weiten Umkreis um die Hütte errichtet.

Wenn der Nachbar die Scheibensuppe gekocht hatte, wenn er den Kessel von dem niedrigen Ufen nehmen konnte, schlug er die Hillebille.

Dann kamen die Männer, setzten sich zueinander und assen.

Was sie sprachen, war nicht viel.

Oft assen sie schweigend.

Manchmal aber erzählten sie dieses oder jenes, was sich, gerade ereignet hatte, kleine Geschehnisse, so wie der Nachbar sie einmal durch das Land trug, damals, als er noch mit dem Planwagen fuhr.

Manchmal erzählten sie auch von der Frau, die in den Wäldern verschwunden war.

Der Nachbar sass zwischen ihnen. Er hielt den Napf auf den Knien und führte einen Holzlöffel in der Hand.

Der Löffel war ungeschickt geschnitzt. Ein Löffel war es, wie die Waldarbeiter ihn mitnehmen. Ein Löffel, von dem die Köhler essen. Ein Löffel, wie er auf dem Wachstuch des Grubenfahrers liegt.

Ein armer nackter ausgehöhlter Löffel.

Den trug er seit Jahren bei sich. Ein kleines Mädchen hatte ihn einmal geschnitten. Er wusste ihren Namen nicht mehr.

Aber er entsann sich oft noch ihrer Fröhlichkeit.

Da sass er unter den anderen und hörte zuweilen, was sie über die verwirrte Frau dachten, die durch die Wälder lief.

Wenn die Männer dann gegangen waren, blieb er oft in Gedanken zurück.

Seit Meister Freilich ihn aufgesucht hatte, war vieles wieder gegenwärtig geworden.

Fahles gewann Gestalt.

Verblichenes wurde lebendig.

Eines Tages, als er die Hillebille schlug, trat eine Frau aus den Büschen.

Es war eine alte Frau, das Haar verweht, die Kleider zerfetzt, das Schuhzeug zerrissen.

Sie war elend, sie wankte, sie hielt sich kaum auf den Füssen.

Da stand sie nun vor dem Nachbar.

Er hatte den Schlag der Köhlerglocke unterbrochen.

Seine Blicke lagen gross auf der Frau.

Er wunderte sich nicht.

Er stützte sie und geleitete sie sanft in die Hütte.

Er bettete sie auf das Moos der Pritsche.

Sie lag regungslos da.

Er hielt ihre Hand.

Als sie sich dann rührte, füllte er schnell den Napf mit Suppe, legte seinen Arm unter ihren Kopf und flösste ihr einen Löffel voll ein.

Sie schlürfte es gierig.

Dann fiel ihr Kopf zurück.

Sie hatte einen Beutel in der Hand getragen, und als er ihn nun öffnete, war eingeknotet in ein Tüchlein der Sterbetaler darin und ein zerknitterter Geldschein.

Er strich den Schein mit zitternden Händen glatt.

Ach, er streichelte den grauen, vergilbten.

Er sagte leise einen Namen, und die Frau regte sich ein wenig.

Aber ihre Augen blieben geschlossen.

Die Frau war so schwach, dass man ihr nur noch ein paar Tage geben konnte.

Der Nachbar wich nicht von ihrem Lager.

Eine Stunde ging um die andere.

Und jede Stunde war wie viele Jahre.

Und der Nachbar ging durch all diese Jahre, ging noch einmal durch das lange Leben.

Er hielt ihre Hand, und er glaubte, an einem Anfang zu stehen.

Ein milder Tag schien heraufzuziehen.

Die Wälder waren versunken, das Meer war verrauscht.

Es war nichts als eine grosse sachte Helligkeit.

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