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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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*

Am Eingang von Juliusbad stehen zwei grosse Tannen. Abends sieht man das Feuer aus dem Ofen der Giesserei schlagen. Drei Stockwerke hoch ist dieses Hüttenwerk, aus blaugrauen Bruchsteinen erbaut, mit dunklem Mörtel beworfen. Die beiden vierkantigen Türme tragen welsche Hauben. Die Säulen am Portal sind aus Eisen gegossen.

Aus Eisen sind die Dachplatten, aus Eisen die Tore, aus Eisen der Obelisk, das dreimannshohe Wahrzeichen des Werkes.

Viele Geschlechter von Hüttenleuten haben hier in Lohn und Brot gestanden, haben mit Bedacht den weissglühenden Eisenfluss geregelt, damit Reihe um Reihe die Masselformen sich füllen konnten mit dem erstarrenden Metall. Wenn sie das Wasser über die heisse Sandrinne leiteten, sahen sie wallende Dämpfe aufsteigen, hörten das gewaltige Zischen, waren geblendet von dem zauberischen Licht der feurigen Eisenbarren.

Was sie meistern durften, war ein wildes Element.

Es ist stiller geworden in dem Eisenwerk. Die Berge wurden geizig.

Man hat die Gruben verfallen lassen. Die Eisenwege verkamen. In der Steigerhütte wird nun das Vieh geschlachtet, ja, man wandelte sie um zu einem Schlachthof. Wo einst klingend der Eisenstein vom Fels brach, hört man heute das Röcheln der verendenden Tiere.

Aber noch immer schlägt abends die Flamme aus dem Ofen der Giesserei.

Wenn man von Erwinsrode kommt, hat man ihren hohen Schein vor Augen.

Es ist spät schon, als Pagel in Juliusbad ankommt.

Das Schloss liegt dunkel, die Strassen sind leer. Nur die steile rote Flamme des Werkes zuckt über den schwarzen Himmel.

Er weiss nicht, ob er um diese Stunde Emita noch aufsuchen kann. Dann aber sieht er in dem Hause ein Fenster noch hell. Auch in den Nachbarhäusern brennt überall Licht.

Er versucht es. Er läutet.

Das sind dieselben Stufen, auf denen er vor langen Jahren gestanden hatte. Emitas hartes Wort fällt ihm ein. Ein Bettler, nichts weiter. Noch vor Tagen wäre er zornig davongegangen. Heute tut er das Wort beiseite. Seufzt nur, seufzt und geduldet sich.

Es dauert lange, bis eine alte Frau öffnet.

Sie fragt auch zuvor, wer da wäre.

»Ich komme von dem Maler«, antwortet Pagel. »Er war vorgestern hier. Er schickt etwas.«

Dann darf er eintreten. Die alte Frau betrachtet ihn lange. Pagel hält den Kopf gesenkt.

Sie treten in die Stube. Sie setzen sich.

Das also ist Emita?

Die schwarze Bluse, die sie anhat, sitzt unordentlich. Sie ist ihr auch zu weit. Der Kragen hängt faltig um den armen dürren Hals.

»Ja, der Maler schickt mich«, sagt Pagel.

Er kramt in seiner Tasche. Er holt ein Päckchen hervor, legt es auf den Tisch.

Emita greift danach. Sie macht gar keine Umstände. Sie reisst es auf. Sie ist hastig. Sie wühlt das Papier auseinander. Es ist Geld.

Sie blickt das Geld an, sie starrt den Nachbar an. Sie fragt, etwas misstrauisch. Sie weiss nicht, was sie daraus machen soll. Dann entschliesst sie sich. Sie sagt:

»Geld ist Geld«, und faltet die Hände.

So, der Maler schickt es. Sie liesse dem Maler danken. Warum er nicht selber käme.

Er wäre abgereist, sagt Pagel. Sie würde ihn wohl nicht so bald wiedersehen.

Wenn er zurück wäre, sollte er nicht vergessen, bei ihr vorzusprechen. Sie selber könne ja keinen Menschen mehr besuchen.

»Ich warte auf jemand«, sagt Emita.

Richtig, der Maler hätte es ihm erzählt. Ihre Enkelin wolle ja kommen.

»Dorothee? Nein, auf Dorothee warte ich nicht«, antwortet Emita.

Allerdings hätte sie geschrieben. Da läge der Brief. Ja, sie hätte sich auch angekündigt.

Emita erhebt sich rasch und holt den Brief.

»Ich hatte es ganz vergessen«, murmelt sie und sucht in der Handschrift.

»Am Sonnabend«, sagt sie erschrocken.

Sie reicht Pagel den Brief.

»Lesen Sie. Nicht wahr, da steht Sonnabend. Meine Augen haben nachgelassen. Ich habe die Brille verlegt.«

Sie entschuldigt sich, dass sie den Herrn belästigen muss.

Pagel hält Dorothees Brief in der Hand. Das also ist ihre Schrift.

Seine Hand zittert.

»Schlecht leserlich«, sagt Emita. »Sie war in Aufregung.«

Ja, sie kommt am Sonnabend.

»Sie hat viel durchgemacht«, sagt Emita. »Sie hat sich von ihrem Mann getrennt. Darum kommt sie.«

»Ach, es passt mir jetzt gar nicht«, setzt sie seufzend hinzu.

»Da ist übrigens ihr Bild. Damit ich sie wiedererkenne. Ich habe sie seit Jahren nicht gesehn. Wann kommt man schon zum Reisen.«

Sie schiebt Pagel eine Photographie hin.

Er streift die Hände erst über das Hosenbein, ehe er das Bild anfasst.

Dorothee? Eine junge Frau. Wie viele junge Frauen. Sie sieht ihrer Mutter kaum ähnlich.

»Sie hat viel vom Vater«, sagt Emita.

Sie blickt den Gast nachdenklich an. Sie blickt ihn lange Zeit an. Der Nachbar betrachtet noch immer das Bild.

»Er war Kapitän«, sagt Emita. »Er ist vor vielen Jahren ertrunken.«

»Das ist schlimm für sie gewesen«, erzählt sie nun. »Das Mädchen wäre wohl sonst nicht in dem Nest aufgewachsen. Sie haben da ein Hotel, aber wenn der Vater leben geblieben wäre, würden sie wohl in eine Stadt gezogen sein.«

Ja, nun wäre alles schief gegangen.

Jetzt wollte sie kommen, um sich etwas zu erholen.

»Aber es passt mir gar nicht«, sagt Emita.

Sie nimmt das Geld und zählt es langsam.

»Das kommt gerade zurecht«, sagt sie.

Dann schüttet sie ihr Herz aus. Ach, sie ist so lange allein gewesen. Sie hat keinen Menschen mehr. Der Millionär ist tot.

»Er hat unser Geld verspekuliert«, sagt sie. »Oh, es hätte ein grosses Geschäft werden können. Eine Millionensache. Aber er hatte eine unglückliche Hand.«

Ihre dünnen Augen leuchten auf einmal. Sie gaukelt sich eine grosse Tragödie vor. Sie sagt:

»Ich habe ihm alle meine Ersparnisse gegeben. – Er wollte nicht, er war ein edler Mensch. Aber ich habe darauf gedrängt.«

Er ist wie ein unglücklicher Feldherr aus dem Leben gegangen. Er hatte die grosse Schlacht verloren. Er sah die Freundin vor dem Nichts. Er konnte solchen Anblick nicht ertragen.

Sie hat Vertrauen zum Nachbar. Sie legt ihr ganzes Leben vor ihm hin. Sie spricht von ihrer Tochter.

»Ich konnte mich wenig um sie kümmern. Ich war Tänzerin. Ich gehörte der Welt. Es war nicht möglich, sie bei mir zu haben. Das war der grösste Schmerz meines Lebens.

Emita presst das Taschentuch gegen die Augen.

»Ich habe ihr einen guten Mann gesucht. Sie konnte keinen besseren finden. Er war fleissig und ordentlich. Er hat das Hotel gebaut. Er wollte nicht mehr auf See fahren. Aber das steckt im Blut. Er konnte nicht von der See lassen. Er ist ertrunken.«

Der Nachbar sitzt reglos. Schwerflüssiges Eisen, so fliessen die Worte vorüber. Er kann ihren Fluss nicht regeln. Sie verbrennen sein Herz.

Emita steht auf.

»Ich weiss nicht, ich habe Vertrauen zu Ihnen. Ja, vielleicht können Sie mir raten.«

Sie schiebt einen Vorhang beiseite.

Eine wunderliche Maschine steht da.

Dünne blanke Drähte, über Eisenstangen gespannt. Ein Gewirr von Drähten und Stangen.

Emitas Gesicht war blass bisher. Nun haben ihre Wangen sich gerötet. Ihre Augen sind unruhig. Ihre Hände huschen über das Drahtgewirr. Sie flüstert.

Der Nachbar rührt sich nicht.

Er weiss nicht, was solche Sonderlichkeit bedeutet.

Er fragt nicht. Er würde kein Wort über die Lippen bekommen. Er sitzt reglos.

Emita bedeutet ihn, zu schweigen.

Sie hat ein kleines Rad in Bewegung gesetzt. Einer der Drähte klingt leise.

»Der Millionär«, haucht Emita. »Ich spreche jeden Abend mit ihm.«

Sie hat das Taschentuch wieder gegen die Augen. Sie schluchzt.

Ein zweiter Draht schwingt. Sie erschrickt. Sie beugt sich vor. Sie zittert. Sie starrt den Gast angstvoll an. Sie kann es nicht deuten.

»Wer ist das?« fragt sie furchtsam.

Der Draht schwingt und schwingt.

Emita hat sich in einen Sessel gekauert.

Der Nachbar sucht nach einem Wort. Sie schüttelt den Kopf. Dann schweigt der Draht.

Es dauert lange, bis sie sich beruhigt hat.

»Ja, sie sollten mir helfen«, sagt sie endlich zu Pagel. »Es waren zwei Drähte ineinander. Ich bekam sie nicht frei. Vielleicht hätten Sie es gekonnt.«

»Ich habe mich so erschrocken«, sagt sie. »Wir wollen es lassen.«

Sie schüttelte sich wieder. Sie atmet hastig.

»Wer ist es gewesen?« flüstert sie.

Sie beachtet den Gast nicht mehr. Sie ist ganz in sich.

Es sind dunkle Küchen in dem Land in den Bergen. Die Wände verräuchert, der Herd voll Span. In den Töpfen brodeln uralte Salben. Im Rauchfang sieht man zur Nacht die Toten. Sie hocken im Ofenloch, knistern im Holz. Sie schütteln die Kohlen, klappern die Löffel. Sie stehen draussen am dunklen Fenster. Das Fenster flackert. Sie starren herein.

Sie kommen aus den versunkenen Gruben. Sie kommen aus den finsteren Wäldern. Sie kommen aus Höhlen.

Sie setzten über den Höhlensee, des kaltes Wasser den Himmel nie sieht. Sie kamen in Scharen herüber.

Nun huschen sie durch das dunkle Land. Der Mond ist fort und der Stern ist fort. Sie tragen selber ihr Lichtlein.

Ihr Lichtlein ist ein weinendes Kind. Das tragen sie vor sich her.

Wer kein Kindlein findet, darf nicht zur Welt.

Darum laufen die Toten und balgen sich, sie zerren sich und sie stossen sich. Man sieht oft die streitenden Schatten.

Wer kein Kindlein findet, fährt heulend zurück.

Darum ist oft gewaltig ein Schrei in der Nacht.

Stösst auf einmal der Wind an dem Fenster vorbei. Kratzt ein Baum an die Scheibe.

Emita erschrickt.

Sie starrt nach dem Fenster, das Fenster bleibt leer.

Er fand noch kein Kind – ach, das Fenster ist stumm. Emita sagt:

»Nein, er fand noch kein Kind. Nun muss er zurück in den Höhlensee. Er wird schon kommen. Ich warte auf ihn.«

Der Nachbar nimmt ihre zitternden Hände. Da sind sie für Augenblicke einander ewig lange bekannt.

Er sagt:

»Mach's gut. Es geht schon auf Nacht.«

Das sind freundliche Worte. Sie weint auf einmal. Sie klammert sich an ihn.

Sie lässt ihn los.

Der Nachbar schreitet die Stufen hinab.

Sie hält die Lampe. Sie bittet:

»Komm wieder.«

Am nächsten Tage holte Pagel den Planwagen, den er in dem Gasthaus zwischen den Chausseen untergestellt hatte, um in die Stadt zu fahren. Er wollte Dorothee von der Bahn abholen. Er hatte sich Tag und Stunde gemerkt und er vertraute darauf, dass es so gut sein würde.

Der Trompeter Jakob Rauchmaul hielt sich noch immer in dem Gasthof auf. Er hatte wohl vor, dort sein Winterquartier aufzuschlagen.

Alles ist anders ausgegangen, als man es sich im Kopfe zurechtgelegt hatte. Jakob hört noch immer Alines scheltende Stimme, als er ihr mit der Nachricht ins Haus fiel, dass der Nachbar längst eine Frau hätte und dass sie bald selber nach Erwinsrode kommen würde.

»Sie hat mir böse aufgespielt«, sagte er zu Tante Riekchen. »Sie behauptete, ich hätte sie in diese Verdriesslichkeit gebracht.«

Auch Frau Hosang war bestürzt gewesen über die Nachricht. Dann fasste sie sich aber und lachte über die reingefallene Aline.

»Wenn die Jungfern bloss immer warten wollten, bis der Kuchen gar ist«, sagte sie bissig.

Nun kam der Nachbar nach seinem Wagen.

Der Trompeter setzte sich zu ihm. Auch Tante Riekchen schob ihren Stuhl hinzu.

Sie sagte:

»Ja, die Menschen. Da machen sie sich Pläne. Ach, was wollte ich nicht alles einmal haben. Nicht mal den Balkon hab' ich bekommen.«

Der Bruder ihres Vaters war Zimmermann gewesen. Er hatte Kirchtüren gemacht und Kanzeln, Lauben und Erker. Er war ein kunstverständiger Mensch gewesen. Aber er war nie dazu gekommen, der Familie den versprochenen Balkon an das Haus zu bauen. Riekchen hatte ihn oft darum gebeten. Er hatte sie immer vertröstet.

Nein, sie hatte nicht wie ihre Freundinnen auf einem Balkon sitzen dürfen.

Dabei hat er eine so prächtige Stimme gehabt, der Zimmermann.

»Ein schönes, tiefes Solo«, sagte Riekchen. »Er wollte in jungen Jahren an das Theater.

Nein, den Menschen werden die liebsten Wünsche bloss selten erfüllt.

Der Trompeter stand herum, als Pagel das Pferd anschirrte. Er hatte all die Tage Wasser getragen und Kartoffeln geschält. Er hielt den Stall in Ordnung und reinigte das Gastzimmer. Er wollte sich ja nützlich machen, denn die Tage nahmen schon erheblich ab.

Nun sagte er zum Nachbar:

»Ja, du fährst fort. Du willst wohl in die Stadt. Da ist viel Leben.«

Er wäre wohl am liebsten mitgefahren. Abends stand er immer an den Wegen und sah dem blinkenden Zug in der Ferne nach. Er erwähnte Aline mit keinem Wort, und der Nachbar erkundigte sich nach ihr. Über das freundliche Fenster, in das man allzu gerne zu seinem Empfang ein Lichtlein gestellt hätte, war ein Vorhang gefallen.

Riekchen brachte das Paket mit dem Mundvorrat. Es wurde unter dem Wagensitz verstaut.

Dann kam auch Frau Hosang hinzu.

»Lasst euch bei mir sehen, wenn ihr zurückfahrt«, sagte sie, im Glauben, der Nachbar hole seine Frau von der Bahn.

Sie war etwas traurig, die gute Frau Hosang. Aber sie winkte dann doch.

Der Gasthof verschwand wie eine kleine Welt hinter den Bäumen. Das Pferd ging gleichmütig.

Der Nachbar beugte sich zur Seite und grüsste zurück.

Dann kamen sie sich aus den Augen.

In Sorgenstein hielt Pagel vor der Nagelschmiede. Wilhelm war in der Ortschaft im Grunde. Auch der Blasjunge war mit. Das Gitter um den Brunnenquell sollte aufgestellt werden.

Der Nachbar traf den Meister Freilich allein.

Sie gingen in die Stube. An der Wand hing ein leerer Käfig.

»Ich hab' die Finken verkauft«, erklärte Meister Freilich kurz.

Wie es sonst ginge?

Nun ja, es gehe eben seinen Gang. Malwines Mutter käme und sähe nach dem Kind. Sie hätte es überhaupt mit herübernehmen wollen, aber Wilhelm wolle sich nicht von dem Kleinen trennen. Freilich fehle die Mutter sehr.

»Ich hab' schon gedacht, Wilhelm müsste wieder raten, wenn das Jahr um ist. Freilich, man müsste die rechte Frau finden. Das ist ein schweres Stück Arbeit, Nachbar.«

Meister Freilich überlegte. Dann sagte er nach einer Weile:

»Du kommst weit herum, Nachbar. Dir kommen viele Menschen vor die Augen. Du hast einen guten Blick. Wenn du eine ausfindig machen könntest, dann würdest du dir hier wohl einen Dank erwerben.«

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