Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ida Bindschedler >

Die Leuenhofer

Ida Bindschedler: Die Leuenhofer - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
titleDie Leuenhofer
authorIda Bindschedler
created20001101
senderh.guhl@bluewin.ch
Schließen

Navigation:

Die Theatervorstellung.

Wenn die Leuenhofer auf dem Schulweg am Spital beim Wendeltor vorbeikamen, schaute manchmal einer von den alten Männern oder eine alte Frau heraus.

»Was die dort für eine Hakennase hat!« flüsterte Sara ihrer Freundin Marie Hut zu.

»Ja – wie die Hexe im Märchen von Jorinde und Joringel. Grässlich!«

Die zwei und mit ihnen noch ein paar andere blieben stehen und guckten lachend durch die Scheiben hinein.

Die alte Frau mit der Nase machte ein böses Gesicht, und hinter ihr erschienen noch einige alte Frauen und Männer.

»Hu«, rief Sara, »jetzt rennen wir; sonst verwandelt sie uns noch in Vögel, wie im Märchen, und sperrt uns ein –«; lachend liefen die Mädchen davon.

In den nächsten Tagen machte Sara sich den Spass, jedesmal hinaufzugucken. Ja, sie stieg auf einen vorspringenden Mauerstein, um besser zu sehen und schoss dann, wenn die Gesichter her alten Leute erschienen, blitzschnell wieder herunter.

Die anderen Leuenhofer Kinder taten nicht alle mit. Aber ein wenig Spass machte es ihnen doch, wenn die Hakennase auftauchte und die Frau mit ihrer grossen, magern, gelben Hand ihnen drohte.

Als Herr Schwarzbeck von der Sache hörte, zankte er die Kinder. »Wie unartig und wie dumm!« sagte er. »Wie könnt ihr denn die alten Leute ärgern! Sie haben es sowieso nicht zu gut; manche von ihnen sind vielleicht traurig und denken, wie sie es früher anders hatten, und langweilig ist es ihnen gewiss allen. Geht manierlich vorbei, und wenn ihr jemand am Fenster seht, dann grüsst freundlich hinauf.«

»Ja«, meinte Hedwig Bühler verlegen, »wenn wir jetzt grüssen, so nehmen sie es am Ende übel und werden erst recht bös.«

»Eben«, sagte Herr Schwarzbeck, »schnell ist etwas verdorben; das wieder gutzumachen, ist dann nicht so einfach. Streckt der alten Frau einmal ein paar Blumen hinein! Versucht Freundschaft mit ihr zu machen!«

Die Kinder lachten: »Freundschaft!«

Aber am anderen Tag brachte Hedwig Bühler ein nettes Sträusschen mit. Im Garten hatte sie, wenn schon es bereits November war, noch eine Rose gefunden und ein paar lila Astern.

Wie stellte man es jetzt an, um der Frau mit der Hakennase die Blumen zu übergeben? »Dich darf sie nicht zuvorderst sehen, Sara, sonst wird sie gleich bös.«

Hedwig Bühler getraute sich nicht recht. So übernahm Eva die Aufgabe.

Sie trat behutsam hinzu, streckte sich und legte das Sträusschen auf das Steingesimse.

Das Fenster ging auf. Die gelbe Hakennase wurde sichtbar.

»Was ist jetzt das für ein Wisch! Könnt ihr einen nicht in Ruhe lassen!«

Zornig schob die alte Frau das Sträusschen, ohne es anzusehen, vom Sims.

Eva hob es vom Boden auf und bot es der Frau hin.

»Es ist kein Wisch«, sagte sie freundlich. »Haben Sie nicht gern Blumen? Die Rose riecht gut.« – Ohne etwas zu sagen nahm die Frau das Sträusschen und machte das Fenster zu.

»Besonders nett ist sie nicht«, sagte Netti Tobel.

Als die Kinder am anderen Morgen wieder gegen das Spital kamen, schaute die Frau schon nach ihnen aus. So bös wie gestern sah sie nicht mehr aus.

»So, aha, heut habt ihr keine Blumen! Die Frau Ostermeier und die Frau Andrian meinen durchaus, sie müssten auch ein Sträusschen haben.«

»Also – wir bringen dann am Abend zwei«, riefen die Kinder. –

»Seht«, sagte lachend Herr Schwarzbeck, »nun hat sich der Verkehr ja schon angebahnt. Also heut abend macht man einen Besuch im Spital.«

Die Mädchen sahen Herrn Schwarzbeck etwas bedenklich an.

»Doch, doch, geht nur tapfer. Das ist für die alten Leute an einem so trübseligen Novemberabend eine kleine Unterhaltung. Sagt einen freundlichen Gruss von mir!«

Abends um halb fünf Uhr stand denn wirklich ein Trüpplein von sieben oder acht Mädchen am Spitaltor.

»Also, Sara, das sage ich dir«, ermahnte Eva, bevor sie anläutete, »gelacht wird nicht! Warum kommst du eigentlich mit? Auf dich kann man sich ja nie verlassen!«

»Doch, doch«, versprach Sara. »Und wenn ich nimmer kann, so nehme ich das Taschentuch heraus.«

»So, so«, sagte die Frau Spitalverwalter, als sie auf Evas Läuten aufgemacht und vernommen hatte, was die Kinder wollten. »So, so, das ist ja nett von euch, geht nur hinein.«

Sie schob die Kinder in die grosse Stube, wo hinten über dem langen Esstisch schon die Lampe brannte. – Die alten Männer und Frauen, die noch am dämmerigen Fenster sassen, schauten auf.

»Aha – Frau Andrian, Frau Ostermeier, da bekommt ihr nun auch Blumen.«

Netti Tobel und Sophie Berchtold übergaben ihre Sträusschen von farbigen Strohblümchen.

»Frische haben wir keine mehr«, sagte Netti entschuldigend.

Die zwei Frauen freuten sich aber sehr über die Strohblümchen. »Die halten recht lang und sind allerliebst«, sagten sie.

Sara, die sich durch einen Büschel Zittergras das Recht erworben hatte, mitzukommen, streckte es einem alten Manne hin.

»Zittergras«, sagte er und schüttelte das Büschelchen. »Ja, ja, das pflückt man so als Kind im Sommer am Weg und weiss nicht, was dann später alles über einen kommt.«

Dann entstand eine Stille. Die Kinder räusperten sich. »Der Herr Schwarzbeck lässt sie alle freundlich grüssen«, fiel es Ottilie Eggenberg glücklich ein, zu sagen.

»So, der Herr Schwarzbeck, das ist euer Lehrer«, sagte die Frau mit der Hakennase. Sie hiess Frau Kradolfer. »Er wird eine schöne Mühe mit euch haben. Das ist etwas, so Kinder!«

Die Mädchen wussten nicht recht zu antworten.

Wieder wurde es still. Die Kinder standen noch immer in einer Reihe an der Türe. Was redete man jetzt auch so, wenn man auf Besuch war –? besann sich Eva Imbach. Der alte Vetter Julius kam manchmal zur Mutter; dann redete er immer zuerst vom Wetter. Also: »Heut morgen hat es geregnet«, sagte sie, sich zu den Männern wendend, die ihr zunächst auf einer Bank sassen.

»Ja«, sagte der eine, »im November regnet es gern.«

Eva sah zu Sara hinüber, ob sie etwas wisse; die wusste doch sonst immer etwas. Da gewahrte sie, wie es in Saras ganzem Gesicht zuckte vor verhaltenem Lachen. Und Gritli Wegmann, Netti Tobel und Ottilie Eggenberg bissen sich auf die Lippen und zogen die Achseln herauf und waren dunkelrot vor Anstrengung. Sara griff nach ihrem Taschentuch. Nein, wenn die jetzt alle losbrechen vor Lachen!

Frau Kradolfer machte immer noch ein so strenges Gesicht und die alte Frau neben ihr, die an einem Strickzeug herumbohrte, auch.

In diesem Augenblick aber tat sie einen tiefen Seufzer: »Zz, zz! Wieder eine herunter; das ist doch ein Unglück, wenn man so die Gicht in den Händen hat und nichts mehr sieht! Zz, zz!«

Rasch trat Eva zu ihr hinüber: »Soll ich Ihnen helfen?«

Sie nahm das Strickzeug und sah es prüfend an. »Oh«, sagte sie, »da ist noch eine Masche drunten, ganz tief. Und da noch zwei! Und da ist ein ganzes Nest.« –

»So, so! Frau Wehrli, Sie machen scheint’s eine schöne Strickerei«, sagte einer der alten Männer, »gelt und jetzt ist die Lehrerin dahinter gekommen, und es gibt am Ende noch Tatzen!« Er lachte laut auf über seinen Spass, und die anderen Männer und die Frauen lachten mit. Sogar Frau Kradolfer lachte.

Und welche Erlösung für die Mädchen an der Türe. Nun konnte man ohne Gefahr herauslachen: Hahaha und Hihihi!

Der alte Mann nickte ihnen zu: »Ja, ja, Tatzen!« Er war ganz stolz, dass er mit seinem Spass ein allgemeines Vergnügen bereitet hatte. Und wie es geht: wenn Leute einmal herrlich miteinander gelacht haben, so sind sie auf einmal vertraut.

Frau Kradolfer rückte näher und sah zu, wie Eva geschickt das Nest auseinander löste.

»Wenn ihr wieder einmal kommt, so hole ich meine braune Kapuze herunter. Ich möchte einen neuen Rand anstricken und bringe es nicht zusammen. Ihr habt scheint’s keine üble Lehrerin.«

»Ja, in der Arbeitsstunde bei Frau Silberschmid ist es sehr nett«, begann nun Sara Wiebold, indem sie mit den anderen herzutrat. Da sie sich ausgelacht hatte, konnte sie jetzt wieder reden.

»ManchmaI dürfen wir, wenn wir grad so an langen Nähten sind, ihr Gedichte aufsagen. – Haben Sie gern Gedichte?« fragte sie den weisshaarigen Mann, dem sie das Zittergras geschenkt hatte.

»Gedichte?« besann er sich. »Ja, in der Schule haben wir auch Gedichte gelernt. Eins habe ich besonders mögen und ein Stück weiss ich noch davon:

Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,
Zu tauchen in diesen SchIund?
Einen goldenen Becher werf ich hinab – –
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund«, –

fielen die Mädchen im Chor ein. »Das haben wir ja den Sommer gelernt. Sollen wir es ihnen aufsagen?«

»Ja, das möcht ich wieder einmal hören«, nickte der alte Gschwantner. Und die anderen rückten auch zusammen und hörten zu, wie die Mädchen das schöne Gedicht von Schiller aufsagten. Immer eines eine Strophe.

»Das habt ihr brav gemacht«, sagte Gschwantner bedächtig und befriedigt. »Wenn ihr wieder kommt, müsst ihr mir’s noch einmal aufsagen.«

»Ja, ja! Wir bringen unser Lesebuch mit, da hat’s auch Geschichten drin. Sollen wir Ihnen dann eine vorlesen?«

Die alten Leute nickten. Ja, freilich, das wäre kurzweilig. Man wisse nie recht, wie man den Abend herumbringe, bis um sechs Uhr die Suppe komme.

So war nun wirklich eine Art Freundschaft geschlossen.

Oft schlüpfte ein Trüpplein Leuenhofer Mädchen nach der Nachmittagsschule noch ein wenig zu den Spitalleuten hinein. Einen ganzen Eifer hatten die Kinder, zorzulesen und sie brachten alle möglichen Bücher mit. »Heidi« und »Schweizersagen«, »Heinrich von Eichenfels«, »Tausend und eine Nacht« und den »Lederstrumpf.« Die Spitalleute wussten gar nicht, was sie zuerst wählen sollten. Und allerlei Anliegen gab’s neben der braunen Kaputze von Frau Kradolfer und dem Strumpf von Frau Wehrli.

»Wenn ihr so gut lesen könnt«, sagte Gschwantner eines Abends, »so geht euch gewiss auch das Schreiben von der Hand. Mir ist das mein Lebtag das Widerwärtigste gewesen, das Schreiben. Da – ein Böglein hätte ich.«

Und als der Brief unter Ottilie Eggenbergs Hand zu grosser Zufriedenheit geriet, bekamen die anderen auch Lust, solch eine Briefschreiberin anzustellen. Die Gedanken hätten sie schon, sagten sie; aber mit dem Buchstabieren kämen sie nicht mehr so recht zuweg. –

Die Buben bekümmerten sich zuerst nicht um diese Spitalbesuche. Als sie aber von den Mädchen hörten, dass da ein alter Mann sei mit dickem, Weissem Haar, der zuerst gar nichts gesagt habe, aber jetzt anfange zu erzählen von seinem Leben, er sei in Amerika gewesen vor fünfzig Jahren in einer wilden Gegend; da habe er noch mit Indianern gejagt, mit wirklichen lebendigen Indianern, da horchten die Buben auf.

Ja und einmal – das war schrecklich – da sei eine furchtbar grosse Büffelherde auf die Reisenden losgesprengt als sie gerade in einer Wiese Kaffee kochten. »Sie konnten nickt mehr entfliehen und meinten schon, sie würden zertrampelt und von den schrecklichen Hörnern zerrissen. Aber ein alter Indianer wusste ein Mittel. Im letzten Augenblick warf er sein Pulverhorn ins Feuer; die Büffel erschraken und teilten sich in zwei Teile Und die Jäger blieben ruhig in der Mitte.« –

»Herrschaft! Fein!« backten die Buben. Das musste man von diesem Mann selber hören. Und so fingen verschiedene von den Buben an, im Spital Besuch zu machen. Der alte Besohlt wusste Sachen, eine famoser als die andere. Eine Zeitlang war er Goldwäscher gewesen und einmal Matrose, und im Eismeer war das Schiff eingefroren. –

Die Buben fühlten sich ganz heimisch bei den Spitalleuten.

»Aha, da ist der kleine Fratz«, wurde Sara von Frau Kern begrüsst, als sie eines Abends wieder mit den anderen Mädchen eintrat. Sie erklärte, sie habe auch am Dienstag wollen mitkommen; aber da sei dem Grossvater sein Namenstag gewesen. »Er heisst Martin. Wie heissen Sie?« fragte sie die alte Frau, an die sie hinschwatzte. »Tut man Ihren Namenstag auch feiern?« –

»Nein«, sagte die alte Frau. »Aber bald jetzt dann haben wir da im Spital den Katharinentag. Eine Katharine Finkler hat das Spital gestiftet. Und da gibt’s zur Erinnerung jedesmal ein Festessen. Da haben wir Gänsebraten und Erdäpfelsalat und Apfelkuchen.«

Die anderen Kinder horchten: »Und vorher? und vorher? Macht ihr Euch da lustig? Was tun Sie vorher? Weil es doch ein Fest ist?« –

»Ja, was sollen wir alten Leute tun? – Vorher ist es wie sonst. Nur dass man sich halt recht aufs Essen freut.« –

Wer dann zuerst den Gedanken gehabt hatte, wusste man später nicht mehr. Aber in der Vormittagspause des folgenden Tages stand bei den Leuenhofer Kindern fest, dass man den Spitalleuten eine Aufführung geben wolle. Und am Nachmittag brachten Ernst Hutter und Gustav Brenner schon einen prachtvollen Plan.

»Also – es gibt drei Teile: zuerst« – Ernst Hutter wandte sich zu den Mädchen: »Ihr könnt doch den Reigen noch vom Sommer?« –

»Turnerinnen frisch und frei,
Holt den Wanderstab herbei!«-

»Ja, ja«, riefen die Mädchen und fingen gleich an, im Takt zu treten und zu summen.

»Scht!« machte Ernst Hutter, »also mit dem Reigen geht es an. Dann machen wir die Stabübungen, die wir jetzt grad haben. Herr Schwarzbeck hat gesagt, sie gehen flott. Vielleicht – vielleicht kommt Herr Schwarzbeck und hilft uns.« –

»Ja, wir bitten und betteln recht!«

»Dann kommt die zweite Abteilung: Gesang. Drei ernste Lieder und drei lustige.«

Für die lustigen machten die Kinder gleich eine Menge Vorschläge.

»Und zum Schluss kommt ein Theaterstück, ein – ein Schauspiel. Da wissen wir noch nicht was.« –

»So – und in fünf Tagen ist das Fest«, warf Walter Kienast ein.

»Hört!« sagte Sara plötzlich mit wichtigem Gesicht: »Wir führen die Johanna Sebus auf!«

»Was dir doch alles einfällt!«

»Ja, ja«, fielen nun aber ein paar der Mädchen ein. »In den Sommerferien haben wir Johanna Sebus aufgeführt, auf der gemähten Wiese hinter den Präsidentengarten.« »Das Haus haben wir aus einem Tisch und ein paar Stühlen gemacht«, bestätigte Sara; »und Marie Hug und ich waren die Ziegen und meckerten.«

»Mit meckern bringt man noch kein Theaterstück zusammen«, sagte Walter Kienast.

»Es war aber auch sonst schön«, verteidigte Sara das Stück, »Sophie Berchtold hat die Johanna Sebus vorgestellt und ist durch das Wasser gewatet.«

»Durch das Wasser. Was habt ihr denn für ein Wasser gehabt?« fragte Walter Kienast.

»Ach, wir haben natürlich nur so getan. Eine Wassernot kann man doch nicht darstellen auf einer Wiese und noch weniger im Spitalsaal.«

»Das ist noch die Frage«, sagte Ernst Hutter und machte ein nachdenkliches Gesicht. »Mir fällt etwas ein. Man müsste lange Tücher haben, so hellbräunliche wie trübes Wasser, und die müsste man zusammennähen. Und ein paar Buben müssten drunter liegen und sich immer so auf- und abwälzen und dazu zischen und heulen wie ein grosser Wasserstrom!«

Nein, das war eine Idee!

»Fein, Hutter! Ja – so machen wir’s. Ja – wir führen die Johanna Sebus auf!« –

Ein Trüpplein der Kinder stürmte zum Spital, um der Frau Verwalter den Plan vorzulegen. Sie hatte einige Mühe, bis sie das Wichtigste herausbekam.

»Und dann?« fragte die Frau Verwalter. »Sie kommen doch hoffentlich alle davon, die arme Frau mit den Kindern und der Ziege und besonders diese tapfere Johanna Sebus selber?«

»Nein – sie versinken in dem furchtbaren Wasser, Johanna auch.«

»Dann geht es nicht, Kinder. Das mit den Tüchern, da hätte ich euch geholfen. Bei meinem Vetter gibt es einen ganzen Ballen Packtuch. Aber der traurige Schluss – nein ... «

»Der ist aber grad so schön«, sagten die Mädchen.

»Ja, das findet man, wenn man jung ist! Aber meine alten Leute würden sagen: Trauriges haben wir schon genug gesehen und erlebt. Nein, Kinder, besinnt euch bis morgen. Es gibt ja gewiss noch allerlei, was man aufführen könnte.« –

Die Leuenhofer Kinder gingen nachdenklich auseinander. Das stand bei allen fest: es musste und musste ein Wasserstück sein. Auf die braunen Fluten, die sich hin und her wälzten, wollte man nicht verzichten. –

»Wir haben etwas!« verkündeten am anderen Vormittag Ernst Hutter und Gustav Brenner. »Wir haben etwas mit Wasser. Es kommt ein Graf drin vor und eine Brücke mit einer Zöllnerfamilie darauf. Die werden alle fast weggerissen von dem furchtbaren Strom. Aber sie werden alle gerettet von einem braven Bauersmann.«

»Das lasse ich mir gefallen«, sagte die Frau Verwalter, als man ihr den neuen Plan vorbrachte. »An der Geschichte kann jeder seine Freude haben. Ist es nicht übrigens ein Gedicht?« »Ja, ja«, bestätigten Ernst Hutter und Gustav Brenner. »Das Lied vom braven Mann«, heisst es.

Die Frau Verwalter erinnerte sich jetzt deutlich.

»In der Sekundarschule haben wir es auswendig gelernt; ich weiss noch den Anfang:

Hoch klingt das Lied vom brauen Mann
Wie Orgelton und Glockenklang«

Sie stockte.

Ernst Hutter half:

»Wer hohen Muts sich rühmen kann,
Den lohnt nicht Gold, den lohnt Gesang.«

Dann fuhr die Frau Verwalter fort:

»Gottlob, dass ich singen und preisen kann,
Zu singen und preisen den brauen Mann!«

»Wie das schön ist! Wie das kräftig tönt! Ja, führt das auf! Was an mir liegt, das soll geschehen. Die werden Augen machen, meine alten Leute!«

Nun hatten die Leuenhofer Kinder furchtbar zu tun in den fünf Tagen. Der Turnreigen und die Stabübungen mussten noch einmal durchgenommen werden und die Lieder. Herr Schwarzbeck versprach zu kommen und den Ton und Takt anzugeben, ganz unauffällig.

»Wollen Sie lieber, dass wir ihnen sagen, wie wir alles machen, oder möchten Sie eine Überraschung?«

»Natürlich eine Überraschung!« sagte Herr Schwarzbeck lustig. »Ich bin ganz ungeheuer gespannt auf eure Künste!«

Und ungeheuer gespannt waren auch die Spitalleute. Sie merkten an allerlei Andeutungen der Kinder und der Frau Verwalter, dass es am Katharinentag noch etwas über den Gänsebraten und den Apfelkuchen hinaus gebe, und konnten den Abend fast nicht erwarten.

Im Hof des Spitals aber wurde gezimmert und gehämmert. Der Herr Verwalter war auch dabei und gab Ratschläge.

Es handelte sich drum, aus Kisten und Brettern eine Brücke darzustellen. Links und rechts musste die Brücke schon zum Teil zertrümmert sein. Ein paar recht schmale Kisten bildeten die stehengebliebenen Pfeiler. »Und die müssen im Stück von den Stromwellen weggerissen werden«, erklärte Ernst Hutter.

»Ja! Fein!« schrien die Buben begeistert. »Wir wollen das grad probieren!« –

Die riesengrosse, braungelbe Decke, die von der Frau Verwalter aus ein paar Streifen Packtuch zusammengenäht worden war, wurde hergeschleppt; in den vier Ecken waren Schnüre angebracht, an denen man die Decke halten konnte. Fast gab es eine Schlägerei unter den Buben; jeder wollte unter die Decke, um da als Welle sich zu wälzen. Glücklicherweise war das Kies des Hofes trocken, und die Werktagshose war dauerhaft und an allerlei Strapazen gewöhnt.

Die Probe fiel prachtvoll aus. Die Wogen des gelbbraunen Stromes bäumten sich auf und sanken zurück, um sich aufs neue hoch zu erheben. Manchmal prallten zwei Wogen aneinander; das sah nur umso natürlicher aus.

Schliesslich wälzten sich verschiedene Wogen gegen die vorn aufragenden Brückenpfeiler, und unter fürchterlichem Gepolter stürzten sie ein, der eine nach dem anderen.

»Famos, famos!« riefen die Mädchen, »und im Saal auf dem Holzboden poltert es dann noch lauter!«

Ernst Hutter stand vorn, um das Ganze zu beaufsichtigen und zu prüfen.

Nur mit Mühe gelang es ihm, die Wassergeister hervor zu bekommen. Immer wieder tosten sie wild nach links und rechts und gegeneinander.

»Vorwärts jetzt einmal«, schrie er. »Ihr habt keinen Begriff, was es noch alles zu tun und auszudenken gibt. Wir haben die Personen noch nicht verteilt! Und dann die Kostüme. Und jeder«, – er zog ein Heft hervor, – »muss sich ausdenken und lernen, was er zu sagen hat, und morgen und übermorgen müssen wir Proben halten.«

Ernst Hutter hatte recht; was gab es noch alles auszudenken! –

Nur schon, bis man das Schiff, in dem der Retter zum Zollhaus fuhr, hatte. Was für Beratungen kostete das!

Von der hinteren Seite musste er herkommen. Dort konnte man die Stromwellen weglassen, ohne dass die Zuschauer das wahrnahmen. Auf zwei kleine niedrige Handwagen band man ein langes breites Brett; auf dem stand der Retter mit einer Stachelstange. Eine schwierige Sache! Aber je schwieriger sie sich stellte, desto eifriger sannen und probten und hantierten die Leuenhofer.

Der Abend des Katharinentages kam. Die Spitalmägde hatten den Saal schön sauber geputzt und vier Reihen Stühle hereingestellt. Der Herr Verwalter zündete die Lampe an, und der Saal füllte sich allmählich. Die vordersten zwei Sitzreihen waren für die Spitalleute; denn die waren die Hauptpersonen. Dahinter setzte sich der Vorstand, der Herr Pfarrer, der Herr Doktor, der Herr Präsident und ein paar andere Herren; weiter hinten standen verschiedene Väter und Mütter. Die hatten die Erlaubnis erhalten. Und eine weitere Anzahl von Leuten kam ohne Erlaubnis. »Es wird wohl noch ein Plätzchen für mich geben«, sagte jeder, der hineindrückte. Und der gutmütige Herr Verwalter liess herein, was nur hereinging.

Die Leuenhofer waren bald hinten, bald vorn im Saal; sie flüsterten geheimnisvoll zusammen, verschwanden durch die Tür, kamen wieder und machten ungeheuer wichtige Gesichter. Einige der Mädchen verteilten Programme unter das Publikum und warfen dabei stolze Blicke auf die Sekundarschüler, die sich auch hereingedrängt hatten und hinten an der Wand auf einer im Hof erbeuteten Bank postiert waren.

Das Programm lautete in seinem zweiten Teil besonders verheissungsvoll:

Das Lied vom braven Mann.

Schauspiel in einem Aufzug.

Der Graf Ernst Hutter

Der brave Mann Gustav Brenner

Der Zöllner Hans Kündig

Die Zöllnersfrau Netti Tobel

Die Zöllnerskinder Einige von der 5. Klasse und kleinere Kinder

Volk 6. und 5. Klässler

»Grossartig!« sagte einer der Sekundarschüler, das Programm halb spöttisch, halb neugierig lesend. »Mich nimmt nur wunder, wie sie das machen, diese Leuenhofer Knirpse!«

Die Leuenhofer Knirpse, wie sie oft von den Sekundarschülern genannt wurden, machten ihre Sache ausgezeichnet.

Punkt halb sechs traten sie zusammen, Herr Schwarzbeck stand ganz unauffällig auf der Seite, gab leise den Ton an und ein wenig den Takt.

Frisch und hell klang das Lied zum Beginn:

»Ich bin ein Schweizerknabe und hab die Heimat lieb.«

Dann folgte die Stabübung der Buben. Das ging stramm und taktfest wie bei den Soldaten.

»Man meint grad, man werde wieder jung«, brummten und nickten die alten Männer und stampften mit ihren grossen Pantoffeln im Takte mit: »Eins zwei drei vier, eins zwei drei vier« ...

Hierauf traten die Mädchen zum Reigen zusammen:

Es sah sehr hübsch aus, wie sie sich drehten und neigten und bald drei Schritte nach links, drei nach rechts taten, dann, wie die einen vorwärts, die anderen zurück hüpften, so dass ein zweiter Kreis entstand, der sich drehte, wieder auflöste und noch einmal erschien. Und dazu das muntere Lied:

»Turnerinnen frisch und frei
Holt den Wanderstab herbei.«

»Wie herzig, wie allerliebst!« flüsterten die Frauen. »Seht, wie unser kleiner Fratz dort niedliche Sprünge macht!«

Alles klatschte in die Hände, als der Reigen zu Ende war. Und der alte Bezold, der sich nicht nur unter Büffeln und Walfischen auskannte, sondern überhaupt wusste, was Brauch war, rief: »Da capo, da capo!« Das hiess: »Noch einmal.«

»Ja, noch einmal!« stimmte alles ein. »Aber die Buben auch!« Also wurden die beiden Turnübungen wiederholt.

Und als die Gesangsvorträge an die Reihe kamen, gab es wieder lebhaftesten Beifall. Das letzte der drei lustigen Lieder war:

»Es fing ein Knab ein Vögelein,
Hahaha, Hahaha!

Das sperrt er in den Käfig ein
Hahaha, Hahaha!«

Das Hahaha klang so ansteckend – der ganze Saal lachte mit: »Hahahahahaha!«

»Nein, das hätten wir nicht gedacht, dass wir noch so lachen könnten«, sagten die alten Leute, und noch einmal ging es los mit Hahaha und Hihihi.

Dann aber kam der zweite und noch viel glanzvollere Teil der Festaufführung. Es wurde ein Vorhang quer durch den Saal gezogen; der Herr Verwalter hatte ihn am Vormittag hergerichtet. Und hinter diesem Vorhang begann nun ein geheimnisvolles Treiben. Man hörte ein Rücken von allerlei Gegenständen, ein Poltern, Kichern, ein aufgeregtes Flüstern und zwischenhinein ein lautes »au« oder »oha« und »gebt doch acht!« »Halt, daher! Nein – weiter zurück! – Sara, wenn du nur dummes Zeug machst, tut man dich hinaus!«

»Was das nur gibt? Was das nur gibt?« sagten die alten Frauen in höchster Spannung. –

Jetzt wurde es stiller hinter dem Vorhang; nur noch ein paar letzte, leise Zurufe und ein Hin- und Herhuschen.

Dann ertönte eine Glocke.

»Jetzt geht’s los«, sagten die Sekundarschüler hinten und reckten sich, dass die Bank ins Schwanken kam.

Hinter dem Vorhang aber trat Walter Kienast hervor:

»Hoch klingt das Lieb vom braven Mann«,

begann er mit lauter Stimme, der man die Begeisterung anmerkte:

»Hoch klingt das Lied vom braven Mann
Wie Orgelton und Glockenklang.
Wer hohen Muts sich rühmen kann,
Den lohnt nicht Gold, den lohnt Gesang.
Gottlob, dass ich singen und preisen kann,
Zu singen und preisen den braven Mann!«

»Gut! gut ausgedacht!« sagte halblaut der Herr Pfarrer und nickte Herrn Schwarzbeck zu.

Der Vorhang wurde auseinandergezogen.

Man sah auf eine gelbgraue Fläche, die sich hob und senkte.

»Aha, aha – der Strom, der Po«, sagten die Herren beifällig.

Die Sekundarschüler hinten streckten sich in höchstem Interesse und Staunen:

»Herrschaft! Es bewegt sich wahrhaftig wie Wasserwellen! Es sind ein paar drunter, unter dem Tuch!« flüsterten sie; »wie ihnen das nur eingefallen ist!«

In der Mitte aber sah man, gut aufgebaut aus Kisten und Brettern das Zöllnerhaus und rechts und links die schon halb zertrümmerte Brücke.

Die Wogen fingen an stärker zu fluten unter lautem Gedröhne und Sturmesheulen. Rrrr! Rrrr! Uiiii! Uiiii! Bum!

Eine starke Welle stürzte gegen einen der Brückenpfeiler.

Auf dem Dache aber des Zöllnerhauses wurde jetzt der Zöllner sichtbar; er schaute sich um und rang die Hände.

»Um Gottes Willen!« rief er. »Rings um uns ein wilder See, und die Brücke ist schon halb weggerissen. Barmherziger Himmel! Erbarme dich; wir sind verloren; wir müssen ertrinken! Wer rettet uns?«

Neben dem Zöllner erblickte man jetzt Netti Tobel als Zöllnersfrau und vier oder fünf Kinder. Netti hatte ihre zwei kleinen Schwesterchen mitgebracht, damit Kinder von allen Grössen da seien.

»Barmherziger Himmel!« begann nun auch die unglückliche Zöllnersfrau zu jammern. »Hilfe, Hilfe! Wer rettet uns, wer rettet uns?«

Die drei älteren Kinder stimmten ein in die Jammerrufe der Eltern, während die zwei kleinen erstaunt auf die sich wälzenden Wogen blickten.

Rrrr! rollten sie daher, uiiii! uiiii! heulte der Wind.

Am Ufer aber sammelte sich nun das Volk. Eva Imbach und Hedwig Bühler hatten sich als wirkliche Italienerinnen verkleidet mit roten Röcken und schwarzen Sammetmiedern. Alle Mädchen hatten weisse Tücher um den Kopf gebunden, um Landfrauen darzustellen. »Oh! Seht doch, seht!« begann Eva als Wortführerin. »Die arme Zöllnersfamilie da draussen. Die Leute können nicht mehr über die Brücke; denn das Wasser hat sie schon zum Teil weggerissen! Die armen Leute, wie schrecklich« –

»Wie schrecklich! Die armen Leute«, wiederholten die Frauen. »Oh, oh!«

»Zu Hilfe! Zu Hilfe! Rettet uns!« rief die unglückliche Zöllnersfamilie. »Oh! Oh!«

Rrrr! brausten die Wellen, uiiii, uiiii! heulte der Wind.

Bum! stürzte polternd wieder einer der Pfeiler zusammen.

»Man bekommt fast Herzklopfen«, sagte Frau Ostermeier zu Frau Wehrli; »aber es ist prachtvoll!« –

Jetzt sahen die Leute nach rückwärts. Mit langen Schritten trat Ernst Hutter als Graf herein.

Auf hohem Ross, wie es im Gedichte stand, konnte er leider nicht auf der Bühne erscheinen. Aber um anzudeuten, dass er eben vom Pferd gestiegen sei, rief er, wie wenn ein Knecht hinter ihm wäre: »Carlo, halte mir meinen Rappen!« Und einer der Buben, der als Halter des Wellentuches tätig war, wieherte laut und sehr natürlich.

»Das ist der Kienast!« flüsterte vernehmlich einer der Sekundarschüler. »Mein Bruder hat’s ihn gelehrt.« »Ich kann’s auch«, wollte er sagen. Aber er erhielt von seinem Nachbarn einen Puff, dass er schweige. Denn der Graf stand nun mitten unter dem Landvolke. Er sah sehr vornehm aus mit seinem Sammetbarett, auf dem eine weisse Feder steckte. Den langen, blauen Mantel hatte er zurückgeschlagen, so dass man den Degen mit dem glänzenden Knauf sah. Er hielt die Hand über die Augen, um nach dem Zöllnerhäuschen zu sehen.

»Wie schrecklich! Dort sind noch Menschen! Und jeden Augenblick kann das Haus zusammenstürzen! Die Leute müssen gerettet werden! Wer wagt es hinauszufahren?«

»Zu Hilfe, zu Hilfe!« begannen die Zöllnersleute aufs neue zu schreien, während die Wellen fürchterlich sich bäumten und donnerten.

Der Graf zog einen ledernen Beutel heraus und hob ihn hoch empor.

»Wer es wagt, der erhält zum Lohne diesen Beutel voll Gold« –

Er sah ringsum; aber die Landleute schüttelten die Köpfe. »Es ist nicht möglich hinauszufahren, Herr Graf!« sagte ein alter Mann; – es war Martin Imbach, dem man einen grauen Bart umgehängt hatte. »Das Wasser tobt zu stark.«

»Zu Hilfe! zu Hilfe!« jammerte von neuem die Zöllnersfamilie.

Besonders Sara, die das älteste der Zöllnerskinder darstellte, wusste die Verzweiflung durch immer neue Jammertöne auszudrücken.

»Ssst«, der Zöllnervater zupfte sie am Ärmel; denn es kam nun der allerschönste und spannendste Teil des Schauspiels:

Ein Mann erschien, ein einfacher Wanderer in grauem Kittel, in der Hand einen Stab.

Er stutzte, als er das fürchterliche Wasser sah. Die Bäuerin Eva aber trat auf ihn zu, zeigte nach dem Zöllnerhaus und sagte ihm, dass der Graf für die Rettung einen Beutel voll Gold biete.

»Man kann die Leute nicht umkommen lassen. Mit Gottes Hilfe will ich es wagen!« sagte der Mann und eilte zu dem Kahn im Hintergrund.

»Es wird doch geraten«, flüsterte Ernst Hutter als Graf leise der Eva zu, die neben ihm stand.

»Gebt gut acht!« mahnte er die unsichtbaren Schiffzieher durch die offene Türe hinaus.

Sie ging prachtvoll von statten, die Fahrt. Aufrecht, mit mutigem Gesicht, stand der Mann auf dem Brett, mit seiner Stange bald rechts, bald links stachelnd, um den Kahn nach dem Zöllnerhaus zu lenken. Langsam bewegte sich der Nachen vorwärts, von den hochgehenden Fluten halb verdeckt.

Die Bank hinten, wo die Sekundarschüler standen, krachte wieder; es war zu interessant, diese Schiffahrt. Die Buben stiessen und stemmten gegen einander.

Die Zöllnersleute aber erblickten nun den kühnen Schiffer.

»Gott sei Lob und Dank!« riefen sie alle. »Gott sei Lob und Dank. Die Rettung naht! Willkommen, du braver Mann, willkommen!« –

Und der Zöllner kletterte vom Haus herunter, um bei der Anfahrt zu helfen. Wie es im Gedichte stand, war der Nachen zu klein, um die Familie auf einmal zu retten. Zuerst sollte die Zöllnersfrau mit den zwei kleinsten Kindern drankommen.

Das Berteli und das Luisli schrien mörderlich, als man sie von der Kiste herunterzog und in das Schiff lud; aber das machte sich nur um so natürlicher.

Mit schwerer Mühe stachelte der brave Mann den kleinen Kahn durch die Flut.

»Ich – ich will nicht auf dem Wagen fahren«, heulte das Luisli, wurde aber übertönt von dem Brausen und Heulen der Wellen, die mit erneuten Brrr und Uiiii das Schiff bedrohten.

Auf der zweiten Fahrt wurden die zwei anderen Kinder geholt.

Der Zöllner und die älteste Tochter Sara warteten tapfer bis zuletzt; kaum hatten sie das Ufer erreicht, prallte eine heftige Welle an die noch stehenden Brückentrümmer, und das Haus stürzte zur Hälfte zusammen.

»Gottlob, gottlob, dass sie alle draussen sind«, sagte Frau Ostermeier mit einem lauten Seufzer. Sie war mit einem solchen Eifer dabei; sie vergass, dass es nur ein Schauspiel war.

»Ssst, ssst«, mahnte der alte Bezold hinter ihr.

»Heil, Heil dem Retter! Heil dem wackeren, braven Manne!« rief jetzt das ganze Volk und drängte sich zu dem Wandersmann, um ihm die Hand zu schütteln.

Der Graf aber streckte ihm den goldgefüllten Beutel entgegen:

»Hier, mein wackerer Freund«, sprach er. »Da ist dein Preis! Komm, nimm ihn!«

»Verdient hat er’s«, sagte Frau Ostermeier, wurde aber durch ein erneutes »Ssst!« zum Schweigen ermahnt.

Denn der Wandersmann, der vor dem Grafen stand, schüttelte den Kopf.

»Mein Leben ist nicht für Gold feil. Ich bin zwar arm, aber zum Leben besitze ich genug. Herr Graf; gebt lieber das Gold der armen Zöllnerfamilie, die ihre ganze Habe verloren hat!«

Es war sehr schön, wie Gustav Brenner das so stolz und zugleich bescheiden sprach und dann rasch verschwand.

Frau Ostermeier und ihre Nachbarinnen wischten die Augen, was ja weiter nicht störte, umso weniger, als das Schauspiel jetzt zu Ende ging. Rasch traten Volk, Graf und Zöllnersfamilie vorne hin, und – das hatten sich Gustav Brenner und Ernst Hutter als schönen Schluss ausgedacht – nun erscholl noch einmal die Strophe von allen zusammen im Chore aufgesagt!

»Hoch klingt das Lied vom braven Mann,
Wie Orgelton und Glockenklang.
Wer hohen Muts sich rühmen kann,
Den lohnt nicht Gold, den lohnt Gesang.
Gottlob, dass ich singen und preisen kann,
Zu singen und preisen den braven Mann!«

»Sehr gut! Ausgezeichnet!« riefen die Herren. »Bravissimo, bravissimo«, rief der alte Bezold. »So schön! nein aber auch so schön«, rühmten die Frauen, und die alten Männer und Frauen klatschten mit ihren welken Händen, und das ganze Publikum klatschte begeistert mit. Am allerlautesten aber waren die Sekundarschüler, und damit es noch lauter töne, trampelten sie auf ihrer Bank.

Und dann lief man zu den Eltern und zu den SpitalIeuten, und die sollten sagen, was ihnen am besten gefallen habe. Aber die schüttelten die Köpfe: Das könne man nicht. Es sei alles gleich prachtvoll gewesen, und die alten Leute hatten Rühmens ohne Ende. –

Alles im Saal schwatzte laut und vergnügt durcheinander, und der Tumult wurde immer grösser; denn die Sekundarschüler waren längst von ihrer Bank heruntergestiegen und besichtigten die Bühne. Schon der Vorhang war äusserst interessant. Und dann das Wellentuch!

»Das habt ihr fein gemacht. Man muss es sagen«, und schon waren ein paar Sekundarbuben darunter, während sich die anderen an das Schiff und die Trümmer machten.

Und die Leuenhofer erklärten mit überlegenen Mienen, wie sie alles ersonnen und hergestellt hatten, und es fehlte nicht viel, so hätte das ganze Spiel unter Hallo und Spektakel noch einmal begonnen: Wellengang, Sturmgeheul, Schiffahrt und Zerstörung der Brücke.

Dreimal musste Herr Schwarzbeck mahnen: »Schluss jetzt, Schluss! Alles muss einmal ein Ende nehmen. Jetzt geht es heim!« –

So recht unerbittlich streng tönte allerdings Herrn Schwarzbecks Mahnung nicht. Er hatte selber Freude an der Freude und dem Eifer seiner kleinen Leute. –

Erst als die zwei handfesten Spitalmägde mit den langen Tischen hereindrangen und die Trümmer des Zöllnerhauses kurzer Hand beiseite schoben und das gelbe Powasser aufrollten, kamen die Kinder zur Besinnung, umso mehr als von der Küche drüben der kräftige Duft des Gänsebratens hereinzog.

Und auf einmal merkten die Kinder, dass sie einen gehörigen Hunger hatten.

Also: »Gut Nacht!« So verabschiedeten sie sich von den alten Leuten. »Gut Nacht! Und guten Appetit!« Sie hoben ihre kleinen Nasen: »Fein riecht’s!«

Zu Hause gab es vielleicht nur eine gebrannte Mehlsuppe oder ein Griessmus. Aber es schmeckte auch gut. Heute besonders gut. War das fein gewesen! Alles so gut geraten; und der Ruhm! Und die Spitalleute, wie hatten die eine Freude gehabt!

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.