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Die Leuenhofer

Ida Bindschedler: Die Leuenhofer - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
titleDie Leuenhofer
authorIda Bindschedler
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Das Treffen bei der Ferlikoner Brücke.

Schon seit langer Zeit standen die Ferlikoner Buben im Streit mit den Buben von Heimstetten. Es wusste niemand recht warum. Gustav Brenners Vater hatte gesagt, es sei schon so gewesen, als er noch in die Schule gegangen sei. Nett sei es nicht; man könnte jetzt einmal aufhören mit streiten. Aber anstatt, dass man aufhörte, war es an der Fastnacht von neuem angegangen.

Es war Brauch in der ganzen Gegend, dass man am Fastnachtsabend auf einer Anhöhe über dem Ort ein Feuer anzündete. Die jungen Burschen besorgten das, und schon tagelang vorher sammelten und erbettelten die Buben Holz und beigten es zum hohen Stoss auf. Die Sechstklässlerbuben vom Leuenhof durften dies Jahr auch mithelfen und hatten einen ungeheuren Eifer. Bei Herrn Eggenberg, Ottiliens Vater, hatten sie einen ganzen kleinen Wagen voll schöner Buchenscheiter.

»Letztes Jahr hat es überall herum geheissen, die Heimstetter hätten das schönste Feuer gehabt«, sagten die Buben zusammen, als sie den Wagen zum Riedenhügel hinaufzogen; »und mein grosser Bruder und die anderen aus seiner Klasse sagen, es müsse heuer wieder so sein«, rief Gustav Brenner.

Droben aber war ein lautes Getümmel und ein Wortstreit.

Den Heimstetter Buben gegenüber standen wohl ein Dutzend grosse Ferlikoner Burschen mit bösen Gesichtern und riefen: »Macht vorwärts und gebt die Scheiter heraus!«

»Wir geben euch nichts heraus; wir haben euch nichts genommen.«

»Jawohl habt ihr! Heinrich Lenz und der Joseph Ambühler haben vorgestern gesehen, wie ein paar von euch mit den schönsten Scheitern davon gerannt sind. So ist es dann freilich bequem, das schönste Feuer zu haben.« –

»Und wir haben nichts genommen. In Heimstetten stiehlt man nicht. Das ist eine unverschämte Beleidigung!« rief Gustav Brenner zurück; er sah sehr zornig aus, und alle Heimstetter Buben standen nah zu ihm, die Leuenhofer zuvorderst und ballten die Fäuste und machten grimmige, entschlossene Gesichter. Es war fein, wie Gustav Brenner es denen sagte. Ja, eine Beleidigung war’s!

Noch eine Weile lang flogen die Streitworte hin und her, und es war nur ein Wunder, dass keine Schlägerei entstand. Die Heimstetter umstanden mannhaft ihren Holzstoss. Die Ferlikoner waren zwar älter, aber eine kleinere Schar. Endlich als es stark dunkelte, zogen sie sich zurück.

Gustav Brenner meinte zwar, man könne ihnen nicht trauen; aber als es vom Städtchen herauf halb acht Uhr schlug, musste man sich doch entschliessen, heimzukehren.

Am anderen Morgen aber, am Fastnachtstag, fanden die Heimstetter Buben ihren Holzstoss zusammengerissen und der dicksten Scheiter beraubt.

Nicht dass am Abend das Heimstetter Feuer weniger schön gebrannt hätte.

»Aber stärker ist heuer doch das Feuer von den Ferlikonern gewesen«, sagten die Leute, als die Flammen an dem kühlen Februarabend langsam auf den Höhen über dem Städtchen verglühten.

»Ja, man weiss schon warum!«, brummten die Heimstetter Buben.

Das ganze Frühjahr und den Sommer hindurch herrschte also erneute Feindschaft zwischen den Ferlikonern und den Heimstetter Buben, und im Juli war es zu einer Schlägerei gekommen. Die Leuenhofer Buben waren nicht dabei gewesen.

»Leider!« sagten sie. »Wir hätten es ihnen gezeigt, denen!«

Die Ferlikoner waren übrigens auch ohne die kampffreudigen Leuenhofer Buben in die Flucht geschlagen worden, und sie warteten ihrerseits nun wieder auf eine Gelegenheit sich zu rächen. –

Der September ging zu Ende; es wurde Oktober, und das Obst reifte überall.

Der Vater der Imbachkinder hatte draussen am Groppenberg einen grossen Obstgarten mit schönen, alten Birnbäumen; die meisten trugen kleine Mostbirnen; aber es waren auch drei Bäume da mit Berlikonern und gar einer mit Träterbirnen, die aussahen wie rot unk gelb gefärbte Eier und so saftig und süss waren wie weit und breit keine Birnen.

Schon in den letzten Jahren hatten Eva und Martin ihre Leuenhofer Mitschüler einladen dürfen zur Birnenlese und nun hiess es auch heuer:

»Also, morgen um fünf Uhr! Und bringt dann wieder Körbchen mit oder Rucksäcke! Berlikonerbirnen darf jedes nehmen, so viel es will und von den Trätern sieben Stück, hat die Grossmutter gesagt!«

»Sind sie heuer so gross wie das letzte Jahr, Eva?« fragten Netti, Sara und Marie Hug, indem sie in der Vorfreude Eva umhüpften.

Alwine Gehring und Gritli Wegmann machten bedenkliche Gesichter. »Ich weiss nicht, ob ich mitgehe«, sagte Alwine. »Von Ferlikon zum Obstgarten ist es ganz nah, und unser Milchbub, der von Ferlikon ist, hat letzthin zu unserer Therese gesagt, wenn die Heimstetter einmal nach Ferlikon hinauskommen, so erleben sie dann etwas.«

»O, du Fürchtegret!« lachten Sara und Netti und die anderen Kinder. »Also bleib du daheim. Aber Träterbirnen bringen wir dir dann nicht extra, weisst du.«

Um fünf Uhr, als die Leuenhofer beim Doktorhaus an der Halderstrasse aufeinander warteten, standen Alwine Gehring und Gritli Wegmann trotz ihrer Bedenken mutig und mit ziemlich grossen Körbchen da.

Nichts begegnete auf dem Wege; nur an der Ecke, wo das Fahrsträsschen nach Ferlikon abbog, stand ein Bursche, der die Leuenhofer mit spöttischem Gesicht ansah, sich umdrehte und hinter den Reben verschwand. Nach einer Weile hörte man einen Pfiff.

Im Obstgarten waren schon zwei Männer. Der eine, der alte Salomon, den die Kinder kannten, wurde sofort von den Buben bestürmt.

»Salomon, ich darf doch hinauf; ich auch und ich – ich.«

»Ja, ja«, sagte Salomon und wählte die grössten Buben aus. Ein paar andere erhielten Stangen, und nun ging es los. Das gab ein Hallo und Gelächter, als der Birnensegen niederprasselte. Bald flüchteten die Mädchen schreiend, wenn eine der kleinen Birnen gar so gut gerade die Nase getroffen; bald stellten sie sich wieder dahin, wo es am dichtesten herunterkam.

In Körben wurden die Birnen zu den Wagen getragen, wo grosse Fässer standen. Hin und wieder, wenn man schon wusste, dass es eine Mostbirne war, biss man hinein. »Brrr! Etsch! Puh!« Wie das herb schmeckte und einem den Mund zusammenzog!

Dann aber ging es zu den Berlikonerbirnen. Wie die herrlich mundeten!

»Esst nur! Kinder! Nehmt so viel ihr wollt!« sagte Salomon und sah den Kindern vergnügt zu. »Die Bäume tragen ja heuer, dass man kaum weiss, wohin mit dem Obst.«

Nur die vornehmen Träterbirnen wurden etwas respektvoll behandelt; der Knecht breitete Stroh und Holzwolle unter den Baum, damit die Birnen im Auffallen nicht beschädigt würden. Und der alte Salomon, Ernst Hutter und Eva gaben acht, dass es beim Sammeln und Verteilen mit rechten Dingen zugehe.

Es war ein schöner Abend; auf den nächsten Wiesen weideten die Kühe; ihre Glocken bimmelten hell herüber, und jenseits der Strasse stieg von den Feldern der Rauch der Kartoffelfeuer in die Abendluft auf.

Die Mädchen assen und schwatzten, und die Buben brachte man gar nimmer von den Bäumen herunter. Jeder Ast wurde erklettert, und auf jedem fand man die Aussicht am allerschönsten. Zuletzt wollte das Kasperli durchaus auch auf einen Baum. Er war ein auffallend kleines, aber etwas freches Bürschlein. Die Leuenhofer verwöhnten das Kasperli und nannten es nur das Himperlein, weil es so schwächlich und zart war. Herr Schwarzbeck hatte die Kinder oft ermahnt, gut mit ihm zu sein. Der Kleine gab keine Ruhe, bis ihn die Buben heraufzogen und als er dann oben war, wollte er wieder herunter und fing an zu spektakeln, wie es seine Art war, bis ihn der alte Salomon am Krips fasste und ihn etwas derb auf seine dünnen Beinchen stellte.

»Jetzt aber mein ich, ihr solltet den Weg wieder unter die Füsse nehmen«, sagte er zu den Kindern; »es ist doch ein ordentliches Stück bis ins Städtchen hinunter, und man weiss ja etwa wohl, wie lang so Buben und Mädchen brauchen, bis sie daheim sind.«

Langsam und umständlich und sehr vergnügt machten die Leuenhofer Kinder sich auf und zogen den Fussweg hinunter. Kein einziges dachte an etwas anderes, als wie lustig es gewesen sei unter den Bäumen und auf den Bäumen und wie viel Birnen man daheim hergeben wolle und wie viele selber essen.

Da aber, als sie wieder zum Ferlikoner Strässchen kamen, schlüpfte hinter einem Holunderbusch ein Mädchen heraus und sah sich vorsichtig und etwas ängstlich um. Alwine kannte das Kind; es hiess Verena Lenzer und war die Schwester von dem Buben, der Gehrings die Milch brachte. Es kam manchmal zu Alwine, und Frau Gehring hatte ihm zu Neujahr eine kleine Puppe geschenkt.

Verena trat auf Alwine zu. »Alwine, ich muss dir etwas sagen.« Das Mädchen hielt einen Augenblick an und schaute zum Strässchen zurück. Man merkte, dass es etwas Widriges zu sagen hatte. Der ganze Zug der Leuenhofer hielt an.

»An der gedeckten Brücke passen euch Buben auf; es sind ganz grosse dabei; beide Berger, der Stäubi und der Heinrich Vollenweider. Der hat euch gesehen heraufkommen; hinter unserem Stall haben sie abfederte.«

Schnell huschte Verena wieder zum Holunderbusch hinüber, von wo ein Fussweg den Reben entlang nach Ferlikon hinaufführte.

»So«, sagte Alwine schon ganz weinerlich. »Jetzt habt ihr es! Ich hab es immer gesagt.«

»Ja, ja, aber die Birnen hast du doch wollen«, erwiderte Netti.

Die Knaben aber traten mit finsteren Gesichtern zusammen.

»Ein Überfall also!« sagte Ernst Hutter. »Das ist gemein!«

»Ja«, stimmten die anderen Buben ein. »Das ist miserabel. Das gleicht innen! Wo wir gar keine Waffen haben!«

»Wegen Waffen wüsst ich etwas!« sagte Walter Kienast. »Am Rebberg, grad nach Imbachs Baumgarten, habe ich eine ganze Beige Rebstecken liegen sehen. Der Rebberg gehört dem Vater von Karl Obrist. Es wäre Karl noch recht, wenn wir mit ihren Rebstecken auf die Ferlikoner losgingen.« –

»Ja, ja, wir nehmen die Rebstecken!« Die Buben rannten zurück, die Mädchen hintendrein.

»Eigentlich hat Herr Schwarzbeck einmal in der Klasse gesagt, das sei nicht schön, dieser Streit mit den Ferlikonern und er hoffe, die Leuenhofer machen nicht mit«, sagte Hedwig Bühler.

»Abe wenn sie uns angreifen! Wir müssen uns doch verteidigen!« erwiderte Netti.

»Ich – ich hab so Angst«, sagte Gritli Wegmann. »Ja, wir auch«, stimmten die anderen Fünftklässlerinnen bei. »Könnten wir nicht zurück zu Salomon und mit ihm dann heimgehen?«

»Nein, der ist mit dem anderen Knecht und den beiden Wagen schon die Fahrstrasse hinuntergefahren«, sagte Ottilie Eggenberg, worauf Alwine und einige von den Fünftklässlerinnen zu weinen begannen.

»So, da heulen sie wieder!« rief Netti. »Ihr seid grässlich! Da, nehmt Stecken.« Und sie griff mit Ottilie, Eva und Marie Hug nach den Rebstecken.

Da erhoben aber Ernst Hutter und Gustav Brenner Einspruch.

»Nein, das geht nicht. Ihr nehmt keine Waffen! Mädchen kämpfen nicht!«

»Warum nicht?« gaben die Mädchen zurück. »Früher haben manchmal die Frauen mitgekämpft; Herr Schwarzbeck hat es doch erzählt. – In der Schlacht am Stoss und dann in Nidwalden.« –

»Ja, und mein Vater hat einmal gelesen, dass die Japanerinnen auch oft den Männern beim Kampf geholfen hätten. Sollen wir etwa nur so uns prügeln lassen von diesen ... «

Bei dieser Aussicht brachen Alwine und ihre Genossinnen in erneutes Schluchzen aus. –

Ottilie Eggenberg gab ihr einen Puff. »Alwine, du bist eine Schande für die sechste Klasse.«

Aber Ernst Hutter bestand auf seiner Ansicht.

»Wenn ihr keine Waffen habt, so greifen sie euch nicht an. So miserabel werden sie denn doch nicht sein.« –

Schliesslich einigte man sich darauf hin, dass eine Reihe von Sechstklässlerinnen, mit Ausnahme der ganz unheldenhaften Alwine, als Waffenträgerinnen angestellt wurden, für den Fall, dass dem einen oder anderen Kämpfenden die Wehr entrissen werden sollte.

»Ihr habt die Stecken gesenkt zu tragen, und wenn sie Miene machen, auf euch loszugehen, werft ihr den Stecken weg zum Zeichen, dass ihr Nichtkämpfer seid. Verstanden?«

»Das ist dann die Frage, ob ich ihn gleich wegwerfe«, dachte Netti.

Auch das Himperlein, das zwar unter Nichtkämpfer gereiht wurde, schrie:

»Ich will auch kämpfen, ich auch. Ich weiss, wie ich’s mache; ich halte ihnen den Stecken vor die Füsse, dann fallen sie darüber.« –

»Ja, ja, Himperlein, du weisst immer die feinsten Listen«, sagte Ernst Hutter ruhig und steckte ihn zwischen Sara Wiebold und Marie Hug, die den sich Sträubenden fest an die Hand nahmen.

Nun marschierte man zu, vorn ein Trupp Buben und hinten ein Trupp, in der Mitte die Mädchen. Gustav Brenner und Ernst Hutter waren Anführer.

»Martin, du fürchtest dich doch nicht etwa?« flüsterte Eva Imbach, als ihr Bruder einen Augenblick neben ihr ging. Sie wusste, dass Martin Schlägereien gar nicht liebte.

Martin schüttelte den Kopf und eilte mit ernsthaftem Gesicht nach vorn zu Ernst Hutter, der ihn zu seinem Adjutanten gemacht hatte.

Nun sah man schon das dunkle Ziegeldach der alten Brücke.

Die Leuenhofer rückten ihre Reihen noch enger zusammen und marschierten fest im Takte. Das Plaudern hatte ganz aufgehört. Sogar Sara Wiebold hielt den Schnabel.

»Wir wollen singen! Wir wollen ein Lied singen, damit sie sehen, dass wir keine Angst haben«, rieten einige von den Knaben und Mädchen.

»Ja! – ein Kriegslied muss es natürlich sein –«

»Es geht bei gedämpfter Trommel Klang«, stimmten einige an. »Das geht so gut im Takt.« Aber bald brachen alle ab: »Nein, halt, das ist zu traurig.« –

»Lasst hören aus alter Zeit
Von kühner Ahnen Heldenstreit ... «

Prächtig, wie so ein Lied Mut machte und mit Siegeszuversicht erfüllte. Auch Gritli Wegmann, die geweint hatte und die unheldenhafte Alwine Gehring sangen fest mit:

»Man ziehet ins Schlachtgewühl,
Zum heissen Kampf; der Tag war schwül ...«

Nun war man der gedeckten Brücke schon auf etwa 300 Schritte nahe. Aber nichts war zu sehen, weder im Eingang der Brücke noch zu ihren beiden Seiten, wo der hohe, sehr steile Abhang zur Illig hinunterführte.

»Achtung – an Ort!« kommandierte Ernst Hutter, und die ganze kleine Kompanie sang an Ort das Lied zu Ende, während die beiden Anführer sich berieten. Es war jetzt die Frage, ob die Feinde den Angriff in der Brücke drin oder erst drüben im Sinn hatten. –

»Dort – dort –«, schrien auf einmal Felix Kleinhans und Hans Kündig in den Schluss des Liedes hinein. »Sie sind in der Brücke; sie haben die Köpfe herausgestreckt! Wartet nur, ihr!«

Mit Mühe hielt ernst die vordere Reihe zurück, die schon losstürmen wollte.

Er war ein besonnener Knabe und hatte als Anführer die ganze Verantwortung. Die Köpfe am Brückeneingang waren wieder zurückgefahren.

»Wartet, wartet!« sagte er.

»Wer hat ein grosses, weisses Taschentuch. Wir schicken einen Parlamentarier vor.«

»Einen – was?« fragten die Mädchen.

»Einen Parlamentarier, einen Sprecher.«

»Dazu würde Sara am besten passen«, sagte Walter Kienast.

Sara sah hinüber und wusste nicht recht, ob sie stolz oder beleidigt über diesen Vorschlag sein sollte.

»Nein, im Ernst! Man sollte, bevor es losgeht, ein Wort mit ihnen reden. In den Geschichtsbüchern steht, dass bei Belagerungen und Kämpfen den Frauen, Kindern und Greisen manchmal freier Abzug gewährt wurde.«

»Wir wollen gar keinen freien Abzug«, unterbrachen Ottilie, Netti, Eva und bei tapferen unter den Mädchen.

»Ja, doch wir möchten«, riefen bei anderen und hängten ihre Birnenkörbchen fester an den Arm im Gedanken daran, wie sie heimrennen wollten, wenn sie ungefährdet an diesen unheimlichen Ferlikonern vorbeikämen.

Rasch beschlossen bei Buben, dass Ernst Hutter selber den Parlamentarier machen sollte. Er knüpfte Eva Imbachs Taschentuch an seinen Stecken, trat zur Brücke vor und schwenkte bei Fahne.

Aufs äusserste gespannt folgte ihm seine ganze Schar nach und schaute durch den Eingang in das Dunkel der Brücke; am Ausgang erblickten sie die Feinde, eine ziemliche Anzahl Buben, ebenfalls mit Rebstecken. Aus ihrer Mitte tauchten ein paar Grosse auf, jedenfalls der Stäubi und bei beiden Brüder Berger.

Einen Augenblick guckten sich bei feindlichen Parteien stumm an durch das dunkle Loch.

»Nu! Was wollt ihr mit eurem weissen Fetzen an dem Stecken?« rief der grösste der Burschen mit grober Stimme herüber.

»Das ist unser Parlamentarier, ein Redner, wenn ihr wisst, was das ist«, schrie Sara vorlaut, wie sie eben war.

»Wir brauchen keinen Redner«, riefen bei Ferlikoner; »kommt ihr nur ohne Redner, wenn ihr Courage habt! Aber da wird’s fehlen!«

»Nein, da fehlt es nicht«, rief Ernst Hutter. »Ich wollte nur« –

Aber er kam nicht zum Sprechen; seine eigenen Leute überschrien ihn.

»Courage? – Hah, einmal am Siebenhügel, damals vor den Heuferien habt ihr nicht viel gehabt; da seid ihr davon gelaufen! Feiglinge, die ihr seid.«

»Aber diesmal lauft ihr, ihr blöden Stadtbüblein!«

Die Leuenhofer waren während des Hinüber- und Herüberrufens ein Stück weit in die gedeckte Brücke eingedrungen, und auch die Feinde waren vorgerückt. Man hatte das Gefühl, dass es jetzt jeden Augenblick Iosgehen könne. Die Buben hüben und drüben stampften in der Erregung auf den hölzernen Boden, wodurch in der Brücke ein dumpf widerhallendes Getöse entstand.

Da plötzlich erscholl ein Schreckensruf. »Das Himperlein! Um Gotteswillen! Ernst! Gustav! Das Kasperli!«

Zugleich hörte man ein Schreien, wie von jemand, der in Gefahr ist. Die Leuenhofer drängten zurück. Die Mädchen, die am Eingang geblieben waren, zeigten entsetzt den steilen Abhang hinunter.

Da hing das Kasperli, gerade noch sich haltend an einem Haselstrauch und entsetzlich schreiend. Unter seinen Füssen, die einen Stand suchten, rieselten Erde und Steine hinunter. Das törichte Himperlein! Es hatte sich ausgedacht, dass es da herunterklettern wollte, über die grossen, trockenen Steine des Flusses hinüber zum anderen Ufer steigen würde und dann, indem es die Ferlikoner tüchtig auslachte, heimrennen könnte. Da das Kasperli wenig hinauskam, kannte es die vielen Schwierigkeiten gar nicht: den steilen Abhang und dann die tiefe, wenn auch schmale Wasserrinne der Illig, und drüben, wie wäre es wieder hinaufgekommen! Und zehnmal hätten ihn die erbosten Feinde auf der Strasse nach Heimstetten erwischt.

Jetzt hing es da unten und schrie jämmerlich.

Ottilie, Netti und Eva hatten versucht hinunterzuklettern, indem sie sich am Erlengebüsch hielten; aber Netti glitt aus und konnte nur mit Mühe von Eva und Ottilie heraufgezogen werden.

Das Kasperli aber, das schon gemeint hatte, es erhalte Hilfe, rutschte unter einem gellenden Schrei jetzt noch um ein Stück tiefer. Wenn der Ast, an dem es sich hielt, brach, war es verloren.

Ratlos sahen seine Kameraden hinunter.

»Ein Seil – wenn man ein Seil hätte!« Dann wandten sie sich betroffen zurück; hinter ihnen standen die Feinde, die Ferlikoner Buben, voran der Stäubi und die beiden Berger.

»Was ist das für eine kleine Kröte da unten?« fragte Stäubi grob. »Gehört der zu euch?«

»Ja«, antworteten die Buben. »Es ist das Kasperli; er heisst eigentlich Leopold Braunmüller«, fügten die Mädchen hinzu. »Er macht manchmal so Sachen; aber sonst ist er recht artig!«

Stäubi und die Brüder Berger sahen sich an und zuckten die Achseln. Dann zog Stäubi die Jacke aus. »Das hätte ich jetzt auch nicht gedacht, dass ich zu dem dahergekommen sei. Seh – geht einem aus dem Weg!« Er schob die Leuenhofer Kinder weg und fasste mit einer Hand die Rechte vom älteren Berger.

Der, schnell begreifend, packte mit der Linken die Hand seines Bruders und dieser wieder die des Zunächststehenden. Eine ganze Kette wurde so gebildet, und langsam und vorsichtig suchte Stäubi den Abhang hinunterzukommen zu dem laut schreienden Kasperli. Auch die beiden Berger tauchten einer nach dem anderen am Rande unter.

Um ihr Leben gern hätten die Leuenhofer an der Kette mit angefasst; doch die Ferlikoner schoben sie weg; sie waren grösser und stärker. Aber als die Kette schon ein ganzes Stück über die Strasse und den Kartoffelacker weglief und die vordersten immer zurückriefen: »Festhalten! Fest! Sonst ist es gefehlt«, da bildeten die Leuenhofer noch einen Schwanz. Sogar die Mädchen packten an; eines fasste die Hand des anderen und hielt und zog nach Leibeskräften.

»Festhalten! Fest!« riefen sie sich gegenseitig über den halben Kartoffelacker zu.

Aber die Hauptsache hatte denn doch Stäubi zu tun und die beiden Brüder. Es war keine leichte Sache, bis Stäubi nur drunten war. Und bis er dann des Kasperlis habhaft geworden. Und nun, in einem Arm den kleinen Kerl, mit der anderen sich an Karl Berger haltend, der wiederum halb in der Luft hing; es war fast nicht zu machen, bis Stäubi an eine Stelle kam, wo er über einem festen Haselbusch ein bisschen Stand fassen und das Kasperli auf den Rücken nehmen konnte.

»Halten wirst dich wohl von selber!« Das tat denn auch das Kasperli. Fast ging Stäubi der Atem aus, so fest klammerten sich Kasperlis dünne Arme um seinen Hals.

Mühsam kletterte Stäubi aufwärts. Karl Berger, an ein Felsstück gestemmt, hielt und zog, halb an des Bruders Hand hängend.

»Jetzt – so! Halt, ein wenig links!« rief und schrie er dem Stäubi zu. »Oha! wieder gerutscht! So – jetzt – fein, jetzt nur noch! Nein, nicht an dem Boschen; der gibt nach. So – .« So und noch einmal so und noch eine letzte Anstrengung, die als Ruck und Zuck durch die ganze Kette lief.

»Loslassen! Man könne loslassen!« schrien die Buben und Mädchen zurück, und alles rannte nach vorn.

Eben wurde das Himperlein auf den Boden gestellt, zum zweiten Mal etwas unsanft heute.

Es war von dem Schrecken und der Angst, die es ausgestanden, gar noch nicht recht bei Besinnung. Weinend hielt es sich immer an Stäubis Arm fest.

»Jetzt lass einmal gehen – reissest mir noch den Ärmel zusammen«, sagte Stäubi.

Er keuchte; auch die beiden Brüder waren ausser Atem.

Sie zogen ihre Röcke wieder an und schnauften und sahen sich dann um. Ja – wie stand man jetzt denn? Eigentlich hatte man ja auf diese Heimstetter losgehen wollen. Die anderen Ferlikoner Buben scharten sich wieder um ihre Anführer, steckten die Hände in die Hosentaschen und machten Köpfe.

Die Leuenhofer traten auch zusammen und sahen verlegen einander an. Da stiess Eva Netti und Ottilie an: »Er blutet –! Ganz stark blutet er über’m Ohr.« –

Und Netti rief im Schrecken laut hinüber:

»Du! – du blutest ja!«

Stäubi fuhr sich mit der Hand durch’s Haar und besah sie! Sie war ganz rot; man sah auch, dass er jetzt, als die Aufregung sich legte, Schmerzen fühlte.

»An einem Steinblock bin ich halt angeschlagen«, sagte er – natürlich nicht zu Netti, sondern zu seinen Kameraden.

Netti war nicht beleidigt.

»Das Blut läuft ja nur so herunter. Es ist gewiss ein rechtes Loch. Man sollte es verbinden.« –

Stäubi zog sein Taschentuch heraus; es war blau und weiss gewürfelt und sehr schmutzig, da er es jedenfalls schon länger in mannigfacher Weise gebraucht hatte.

»Nein«, rief Eva Imbach, die von ihrem Onkel, dem Doktor, allerlei wusste. »Mit so einem Taschentuch darf man nicht verbinden. Da – du kannst meines haben.«

Und sie streckte ihm ihr sauberes Taschentuch hin, das heute schon als Parlamentarierfahne gedient hatte.

Stäubi zögerte einen Augenblick, halb verlegen, halb verächtlich.

»So Geschichten macht man sonst bei und nicht wegen einem Loch!« brummte er, immer gegen seine eigenen Leute gewendet.

»Ja – du, es ist aber ganz voll Erde und Moos«, sagte sein Freund. »Man sollte es doch ein wenig auswaschen.«

»Drüben, unten an der Scheune ist ein Brunnen«, schlug jetzt Walter Kienast vor.

Und nun, als ob es so verabredet wäre, zog die ganze Schar Leuenhofer und Ferlikoner, nicht einmal streng gesondert, durch die dunkle Brücke zu dem Brunnen. »Das hätte man vor einer halben Stunde nicht für möglich gehalten«, sagte Gritli Wegmann zu Alwine.

Als aber das Loch an Stäubis Kopf gewaschen und verbunden war, stand man wieder da und sah einander an und wusste nicht weiter.

»Am gescheitesten wäre gewesen, wir wären davongerannt, während sie alle am Brunnen standen«, flüsterte Walter Adorf seinem Freund Steininger zu.

»Ja, ja – davonrennen – das hab ich eben gemeint«, mischte sich das Kasperli hinein, das sich wieder erholt hatte.

Ernst Hutter hörte es.

»Das wäre gemein gewesen!« sagte er.

»Warum denn?« machte Walter Adorf.

»Ich weiss nicht; aber ich glaube, es wäre gemein gewesen!«

Ernst Hutter näherte sich etwas unsicher dem grossen Stäubi, dem Vollenweider noch das Blut von der Achsel wischte. Er hatte das Gefühl, dass man eigentlich danken müsste. Dieser Stäubi hatte doch das Himperlein unter grosser Mühe und Gefahr heraufgeholt. Ernst Hutter fasste Mut und räusperte sich.

»Es war fein, wie du da hinuntergestiegen bist«, sagte er und sah mit seinen braunen Augen den Stäubi anerkennend an.

»Ja, famos war’s!« stimmte Gustav Brenner bei. »Und erst, wie es wieder hinaufging mit dem Kasperli auf dem Rücken! Mein Bruder und ich sind auch einmal so geklettert; wir haben uns verstiegen, wie wir auf den Kienberg wollten vom Breitentobel aus.«

»Eine solche Dummheit! Man geht doch nicht durch das Breitentobel auf den Kienberg, wo von Aitingen ein ganz schöner Weg hinaufführt.«

So, jetzt hatte dieser Stäubi doch einmal etwas gesagt zu den Leuenhofern. Sehr liebenswürdig war es zwar nicht gerade gewesen. Aber, ehe die Buben sich auf eine Gegenrede besannen, ergriff nun plötzlich Sara, die nach ihrer Gewohnheit sich vornhin geschoben hatte, das Wort:

»Ja, ja, von Aitingen aus sind wir auch einmal auf den Kienberg gegangen. Mit dem Grossvater. Es ist lustig droben. Es hat eine Schaukel, und wir haben Straubenküchlein bekommen.«

»Wie die wieder schwatzt!« sagte Walter Kienast und stiess den Felix Kleinhans an.

»und Kaffee. Habt ihr auch Straubenküchlein und Kaffee gehabt?«

»Nein, Käse und Brot«, antwortete Stäubi. So eine kleine Schwatzmühle, wie das war, zog einen hinein, ohne dass man wollte.

»Und der Pfau – habt ihr ihn auch gesehen?«

Nein, von einem Pfau wisse er nichts, erwiderte Stäubi.

»So, dann ist er wahrscheinlich gestorben«, fuhr Sara unbeirrt weiter.

Und da sie so fortschwatzte, bekamen die anderen auch Lust, und Ottilie Eggenberg wusste etwas von einem weissen Pfau und einer von den Ferlikoner Buben berichtete von Perlhühnern, die sein Vetter habe, und von da kam man unversehens auf Kaninchen, was bei allen Buben in der Gegend ein sehr beliebtes und wichtiges Thema war.

Währenddessen wurden auch hinten Fädchen eines friedlichen Verkehrs angeknüpft. Gritli Wegmann und Alwine fingen, befreit von der Angst an, ihre Birnen herauszuziehen, um sich etwas zu stärken.

Nicht weit von Gritli stand einer von den Ferlikonern und schaute ihr zu.

Er hatte dicke, rote Backen und helle Augen und sah, in der Nähe betrachtet, ganz gutmütig aus.

»Willst du eine?« fragte Gritli und streckte ihm eine Berlikonerbirne hin.

»Wir haben sonst auch Birnen bei uns oben«, sagte der Bub noch mit einem Rest von Trotz.

»Ja, aber jedenfalls keine solchen –«, sagte Gritli, nun eine Träterbirne aus ihrem Körbchen nehmend. »Die zerschmelzen einem im Mund wie Butter und süss sind sie!«

Ein paar andere Ferlikoner Buben traten auch herzu, um zu sehen, was das für Extrabirnen seien, und nun teilte das gutmütige Gritli aus, und die anderen griffen auch in ihre Körbe und Säcke, und die Buben schmatzten die Birnen und erklärten, sie seien nicht übel und erzählten von den grauen Steinbirnen des Gemeinderats, die seien vielleicht noch besser; aber man kriege keine, ausser wenn man etwa ein paar stibitze.

Derweil war man vorn am Brunnen schon so weit gekommen, dass man über einen Tauschhandel beriet; Felix Kleinhans bot einem Ferlikoner einen hellgrauen Hasen »mit Löffeln so lang.« – Felix mass seinen halben Oberarm ab – gegen einen ... Engländer, der merkwürdig gescheit sei.

Dann aber sprangen Eva, Ottilie und Netti, die, auf dem Brunnenrand sitzend, den Verhandlungen zugehört hatten, auf:

»Horcht – ist das nicht unsere Betzeitglocke? Schon so spät ist es! Wir müssen heim!«

Ja, ja, es war Zeit. Es dunkelte; von den Wiesen stieg ein starker Nebel auf.

Die Leuenhofer Buben und Mädchen traten zusammen.

»So – und jetzt die Rebstecken, die hinauf in den Rebberg von Karl Obrists Vater gehören?« Und mit denen man hatte kämpfen wollen. Die Leuenhofer und Ferlikoner sahen einander an und lachten. So viele Rebstecken, die man alle gar nicht gebraucht hatte. Auch die Ferlikoner die ihrigen nicht.

»Gebt sie her! Wir tragen sie hinauf; wir haben näher als ihr!« schlugen die Ferlikoner Buben vor.

»Das gäbe ein ganz festes Feuer«, machte Arnold Zwickel und erinnerte damit an den Fastnachtsstreit, und es war fast ein wenig gefährlich, als Gustav Brenner zu Stäubi sagte:

»Gelt, das glaubt ihr aber, dass keiner von uns euch das Holz gestohlen hat?«

»Fang jetzt doch nicht noch einmal an«, flüsterte Ernst Hutter.

»He ja; wir wollen es jetzt glauben. Es können auch andere Buben gewesen sein; es war schon ziemlich dunkel. Gute Nacht also jetzt.«

»Gut Nacht! Gut Nacht«, rief man einander zu.

Sara schüttelte dem Stäubi die Hand, als ob sie beide zeitlebens in bester Freundschaft gestanden hätten.

Und das Himperlein, dem Eva bedeutet hatte, dass es besonders höflich danken und Gutnacht sagen müsse, streckte auch seine Hand.

»Ich danke, dass ihr mich geholt habt. Wenn ich grösser wäre, hätte ich vielleicht allein herauf können.«

»Ja, so probier es später noch einmal«, sagte Stäubi; »aber holen tun wir dich dann nicht mehr.« – Der dumme kleine Bub!

Vergnügt und wichtig zogen die Leuenhofer Kinder nun die Strasse hinunter, nach und nach immer schneller laufend, um nur ja erzählen zu können, wie das gegangen sei an der gedeckten Brücke und dass man Friede mit den Ferlikonern gemacht habe.

Und im Städtchen hatte man eine rechte Freude.

Es sei doch wahrhaftig vernünftiger und netter, im Frieden zu stehen.

»Es wäre gut«, sagten die Leute, als sie die Geschichte hörten, »wenn überall, wo Krieg in der Welt sei, so ein Kasperli ein bisschen irgendwo herunterrutschen und zum Friedensstifter würde«, bis schliesslich das Kasperli meinte, wunderwas es vollbracht habe, und man wieder wehren musste, dass es sich nicht zu viel einbilde auf seine Heldentat. –

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