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Die Leuenhofer

Ida Bindschedler: Die Leuenhofer - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
titleDie Leuenhofer
authorIda Bindschedler
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Der Schulausflug.

Am fünften September hatte Herr Schwarzbeck mit seinen zwei Klassen den Schulausflug gemacht. Das Wetter war schön gewesen. Aber Herr Schwarzbeck sagte nachher noch öfter, einen so abenteuerreichen Schulausflug habe er noch nie erlebt, so oft er auch schon mit seinen Schülern ausgezogen sei.

Zuerst ging alles genau so, wie es bei Leuenhofer Schulreischen von alters her gegangen war:

Herr Schwarzbeck hatte den Kindern eingeschärft, dass der Zug nach Erisbühl um 7 Uhr 58 abfahre, dass es also keinen Sinn habe, wenn man schon um 7 Uhr auf der Station stehe. Das hinderte nicht, dass ein Viertel vor sieben Uhr das erste Trüpplein ankam und nun jedes folgende begrüsste mit einem triumphierenden:

»Wir sind schon lang da! Wir waren die ersten! Wir haben schon einen Güterzug vorbeifahren sehen mit 26 Wagen!«

Die meisten Leuenhofer Kinder kamen nicht oft zum Reisen.

Das Warten in der nebligen Herbstfrühe gehörte schon zu den vielen Freuden des schönen Tages. Nun schlug es halb acht, und alle waren da, nur Herr Schwarzbeck noch nicht; wenn er nur nicht zu spät kam, oder der Zug zu früh. Als Herr Schwarzbeck um die Ecke in das Bahnhofsträsslein einbog, liefen die Kinder ihm mit Jubel entgegen. Nun war man beisammen; nun konnte nichts mehr schief gehen! Endlich ertönte auch das Klingelzeichen, dass der Zug komme; mit ernsthaft geschäftigem Gesicht eilte der Stationsvorstand in der roten Mütze hin und her. Dann hörte man das sehnlichst erwartete Pusten und Rollen. Die Buben und Mädchen zappelten und hüpften vor Vergnügen, und Herr Schwarzbeck hatte einige Mühe, sie in Reih und Glied zu halten, bis der daherkommende Zug still stand.

Fröhlich und lärmend drangen die Kinder in das für sie leergehaltene Abteil ein. Die, welche vorläufig keinen Fensterplatz eroberten, trösteten sich. Herr Schwarzbeck sorgte dann schon dafür, dass abgewechselt wurde.

Nein, wie das herrlich war, so in die weite Welt hinauszufahren!

Wie der Zug dahinsauste – jetzt durch den Wald, der Schättenwald war’s!

Die jungen Tannen hart an der Bahn schienen zu tanzen; wie im Kreise drehten sie sich, während weiter zurück hohe Buchen ruhig standen und dem Tanz der Baumkinder da vorn zusahen. Nun fuhr der Zug einer Landstrasse entlang, auf der gingen Kinder mit Schultaschen. Wie seltsam, die mussten in die Schule und hatten einen ganz gewöhnlichen Tag. Und jetzt ging es hoch über die Illig hinweg. Man wusste nicht, was am schönsten war, hinaussehen, oder recht schwatzen und lachen, oder ein wenig von seinem Proviant auspacken. Eigentlich war ausgemacht, am Gumpenwasserfall als frühes Mittagessen die schönen Sachen, die man gestern abend mit Wichtigkeit eingekauft und in die Botanisierbüchse und den Rocksack gepackt hatte, zu verzehren. Aber das Reisen machte hungrig, und man musste doch zeigen, was man alles mithatte und sehen, was die anderen hatten und austauschen.

Herr Schwarzbeck liess seine vergnügten Leutchen machen; nur ein bisschen mahnte er da und dort zur Mässigkeit.

»Pfeffermünz und Käse, dann eine Pflaume darauf, Cervelatwurst und Lebkuchen – Kinder, Kinder, was wird der Magen dazu sagen?... und nicht wahr, das begreift ihr? Was ihr jetzt esst, das habt ihr am Gumpenfall dann nicht mehr.«

»Ja, Herr Schwarzbeck! Wir probieren nur ein wenig!« riefen Sara Wiebold und Marie Hug und schwenkten ihre schon bis zur Hälfte herunter probierten Landjäger.

Also vorläufig ging es zu wie bei jedem Leuenhofer Schulausflug. Auch als dem Gritli Wegmann ein Windstoss plötzlich den Hut wegriss und ihn auf den Bahndamm schleuderte, rechnete Herr Schwarzbeck dies noch nicht zu den Abenteuern. Fast allemal, wenn er mit der Schule reiste, hatte etwas fliegen müssen, eine Mütze, ein Hut oder ein Taschentuch.

Die Kinder schrien zwar laut auf, und Gritli weinte, aber nur bis zur nächsten Station, wo Herr Schwarzbeck das Unglück anzeigte. Der Herr Vorstand mit der roten Mütze versprach, dafür zu sorgen, dass der Hut im Laufe des Tages nach Heimstetten zurückreise.

»Die werden sehen im Städtchen, wenn Gritlis Hut allein ankommt«, lachten die Kinder, und Gritli lachte auch wieder, besonders als die Mädchen ihr der Reihe nach ihre Hüte aufsetzten und ihr anboten, sie dürfe jeden eine Stunde lang aufhaben.

Es war ein gemütlicher Zug, der fast alle fünf Minuten anhielt und da und dort ein wenig rangierte. Nach anderthalb Stunden Bahnfahrt kam die Wanderung zum Gumpenfall. Von dem Morgennebel war nur noch ein feiner Duft geblieben; heller Sonnenschein lag über der Landschaft. Von den frisch gepflügten Äckern stieg ein frischer Erdgeruch auf, und die Krähen spazierten gemächlich über die Schollen und duckten sich zum Flug, als die Kinderschar daher kam.

Dann ging’s bergan durch den Wald. Einen fremden Wald, wo man noch nie gewesen, wo an den Weisstannen Efeu emporkletterte, mit dem man sich bekränzen konnte und wo herzige Blaumeisen, die die Leuenhofer Kinder sonst nur im Winter sahen, herumflatterten. Auch die Brombeeren schmeckten süsser in diesem Wald; Sara Wiebold behauptete sogar, die Eichhörnchen hier hätten andere Schwänze.

Und dann bog der Weg in eine Schlucht ein, und bald hörte man den Gumpenfall brausen, und es war ein Jubel und ein Staunen, als man ihn erblickte.

Von hoch oben sprang er hervor und stürzte wild tosend über die Felswand herunter.

Viele der Kinder hatten noch nie einen Wasserfall gesehen.

»Nein! Das – das ist gar kein Wasser; das ist wie Milch, die herunter braust!«

Es war prachtvoll, dem weissen Gischt in seinem Sturze zuzusehen, bis er unten zerfloss. Dann kam ein neuer und wieder einer, unaufhörlich; wie wilde weisse Schleier, die dichter wurden und sich wieder lösten. Zu denken, dass das den ganzen Tag so fortstürzte und die Nacht und all die Jahre her, ohne Ende! –

Dann aber versuchte man über die Steinblöcke des Bachbettes dem schönen Naturwunder so nah als möglich zu kommen und den Sprühregen, der in allen Regenbogenfarben funkelte, einzuatmen und – hui! wie das lustig war, sich von dem Gischt bespritzen zu lassen, immer noch einmal und noch einmal, bis man troff.

Dann kam das Mittagessen auf einer Waldlichtung, und es ergab sich glücklicherweise, dass doch noch eine ansehnliche Menge von Wurst, Speck, Kümmelwecken, Schokolade, Lebkuchen, Pflaumen und Birnen bewahrt geblieben war und nun unter Heiterkeit verspeist wurde. Wer Durst hatte, lief über den Abhang zurück und liess sich vom Gumpenfall die Feldflasche oder den Trinkbecher füllen, und wenn er dabei noch einmal nass wurde, trocknete ihn die Sonne, die strahlend heruntersah, noch einmal.

Herr Schwarzbeck führte seine Leutchen an einem Waldwirtshaus vorbei, wo er sich den Schlüssel zum Aussichtsturm geben liess.

Dann ging’s weiter hinan zur Gumpenbergruine, dem Hauptziel der Reise. Die Ruine war einst eine Burg gewesen, von der die Ritter mit ihren Knechten zum Kampf und zu Raubüberfällen ausritten. Jetzt war nur noch ein halbzerfallenes Mauerwerk zu sehen, auf dem lustig junge Ahorne, Tännchen, Holunder und Hartringelbüsche sich breit machten, als ob diese einst so stolzen Mauern nun eben für sie da wären.

Die Leuenhofer Kinder dachten mit Hurrageschrei die nächste Mauer zu erstürmen, die ihnen wie zum Spielplatz gemacht schien; aber Herr Schwarzbeck rief sie und führte sie durch einen noch zur Hälfte dastehenden Torbogen zu dem Turm.

Ja, ja natürlich! Zuerst auf den Turm! Drei steile, dunkle Treppen führten auf die Plattform.

»Ah! Oh!« Die Kinder waren ganz benommen. »Wie schön! Nein, wie schön! Gewiss die halbe Welt sieht man da!«

Die Kinder hatten gar nicht gewusst, wie hoch sie gestiegen waren.

Die Schlucht mit dem Gumpenfall lag tief unten, und über den Wald hinweg sah man Felder und Dörfer und darunter wieder blaue Waldberge und zwei – nein, drei Seen und fern, fern im Duft die lange Kette der Schneeberge.

Es gab ganz von selber eine schöne, kleine Geographiestunde.

Die Kinder waren stolz, dass sie die Seen und einige der Berge nennen konnten.

Aber lauter Jubel entstand, als Herr Schwarzbeck den Kindern rechts über den Tannen die Turmspitze von Heimstetten zeigte.

Das war nun doch das Schönste und Interessanteste von der ganzen weiten Aussicht. Jedes zappelte darnach, durch Herrn Schwarzbecks Feldstecher zu sehen; es war nicht ganz leicht, mit dem merkwürdigen Instrument zurechtzukommen. Aber keines gab nach, bevor es nicht Heimstetten erkannt hatte.

»Ja, ja! Es ist unser Kirchturm, und das Dach vom Staffelhaus sieht man auch, das ist das höchste! – Wie lustig, jetzt wissen sie gar nicht, dass wir zu ihnen hinüber schauen! Was tun sie wohl jetzt grad daheim?« So ging es durcheinander!

»Bei uns muss um die Zeit das Anneli ins Bett; es muss immer ein wenig schlafen nach dem Essen.« »Und bei uns kommt der Vater jetzt grad schnell aus der Werkstatt herauf zum Kaffee«; »und bei uns geht um die Zeit die Mutter zur Grossmutter; sie wollen Bohnen abfädeln zum Dörren.« – »und wir alle wären jetzt in der Schule.« – »Herr Schwarzbeck, wohnten da oben auf dem Schloss auch Kinder?« fragte Gritli Wegmann dazwischen, und auf einmal fiel allen wieder die Ruine ein.

»Ja, so seht euch jetzt recht um«, sagte Herr Schwarzbeck. Er wusste, dass es seinen Kindern nun ein Hauptvergnügen war, da herum auf alle die Mauern zu klettern, und durch alle Löcher zu schlüpfen.

Bald war man denn auch in den schönsten Ritterspielen. Dort in der Ecke kämpfte eine Gruppe Sechstklässler unter Anführung von Hans Kündig gegen eine feindliche Schar, die, befehligt von Walter Adorf, herangeschlichen war, um den Wall zu erstürmen. Drüben langte unter Hallo eilt Jagdzug an, wobei Arnold Zwickel als erbeuteter Hirsch unter vielen Schwierigkeiten zum Schlosstor hereingetragen wurde.

Die Mädchen aber hatten ein Loch entdeckt, das sich prächtig dazu eignete, die Geschichte der Rosa von Tannenburg aufzuführen. Sie brauchten aber einen Ritter, und Eva Imbach holte kurzerhand ihren Bruder Martin herüber.

Das ging so eine gute Stunde oder mehr.

Mitten hinein in das Getümmel erscholl dann aber Herrn Schwarzbecks Stimme: »So, wer von den Rittern, Knappen, Edelfrauen und Kerkermeistern Lust hat zu einem Abendessen, der komme.« Da entstieg die heldenhafte, mutige Rosa von Tannenburg ihrem Ziehbrunnen, und der Hirsch rutschte vom Rücken der Jagdgesellen herunter, und in Eile ging’s hinunter zum Gumpenberger Wirtshaus. Unter den breiten Ahornbäumen, durch deren Zweige die Abendsonne schien, waren zwei grosse Tische gedeckt.

»Speckkuchen – Zwetschgenkuchen! Wie fein!« riefen die Kinder in hellem Entzücken und schwangen sich über die langen Holzbänke an die Tische, wo prächtige, mächtige Stücke Speck- und Zwetschgenkuchen hochgebeigt auf vier oder fünf Platten prangten.

»Und jetzt esst nur unbekümmert; es ist dann nicht etwa, dass keiner mehr drinnen wäre. Man weiss wohl, was so Kinder zwingen mögen«, sagte die freundliche Wirtin, die mit der Magd den Tee in die Tassen goss, einen rechten guten Kindertee mit viel Milch und viel Zucker.

Nun begann das lustigste, übermütigste Schnabulieren, das man sich denken konnte. Wie das schmeckte!

»Der Tausend! Der Tausend! man kommt kaum nach mit Einschenken«, lachte die Magd, während die Wirtin mit einer neugefüllten Kuchenplatte daherkam.

»Heut ist es den ganzen Tag so«, rief Sara vergnüglich kauend dazwischen, »heut ist es den ganzen Tag so, dass man immer meint, grad jetzt sei es am allerschönsten, und dann kommt immer noch etwas Neues!«

»Ja!« stimmten hie anderen Saras etwas verwickeltem Satz zu. »Und jetzt kommt noch der Tiergarten, nicht wahr, Herr Schwarzbeck, der Tiergarten?«

Der Tiergarten, ein ziemlich grosses, eingehegtes Stück Wald, lag gleich hinter dem Gasthaus. Die Leuenhofer Kinder waren sehr gespannt:

Der Garten enthielt ein paar Rehe, drei junge Füchslein, einen Dachs und einen Fischotter, ein paar Ringelnattern und sogar einen Wolf und auch die berühmte Gumpenbergergrotte.

So stand man denn, als alles wirklich und endlich satt war, von den Tischen auf und ging zum Tiergarten hinüber, wo die Kinder in Gruppen von einer Merkwürdigkeit zur anderen liefen. Herr Schwarzbeck spazierte mit dem Wirt plaudernd hintendrein.

Nur einer ging nicht mit. Das war Ernst Hutter. Er hatte einen Plan gefasst. Auf dem Turm hatte Herr Schwarzbeck gesagt, die Aussicht da oben gäbe ein hübsches Bild; links und rechts die Tannen, vorn unten das Gasthaus mit dem steilen Giebel und dahinter die Hügel und die Schneeberge. Ernst, der ein geschickter Zeichner war, hatte ein Skizzenbuch im Rucksack. In einer Stunde erst musste man aufbrechen zur Bahnstation. Er hatte selbst den Schlüssel zum Turm in das Haus getragen, wo die Wirtin ihn an die Küchentüre gehängt hatte. Ernst sah in die Küche. Am Herde stand die Köchin.

»Darf ich den Turmschlüssel noch einmal haben?«

Die Köchin nickte und sah gar nicht von ihren brodelnden Töpfen auf. Zum Nachtessen erwartete man noch eine Gesellschaft, die auf einer Holzgant war.

Ernst eilte mit dem Schlüssel zur Ruine hinauf. Um viertel vor sechs, hatte Herr Schwarzbeck gesagt, werde man vom Wirtshaus wegmarschieren. Zehn Minuten vor dem Aufbruch wollte er wieder dort Sein. Ernst kannte den Tiergarten; er war gross; da merkte gewiss niemand, dass einer von der klasse fehle.

Rasch entwarf Ernst die Zeichnung. Die Sache geriet gut. Im Zeichnen merkte ernst sich die Farben. Zu Haus wollte er es noch etwas ausmalen und vielleicht einrahmen.

Recht hübsch musste es werden. In vierzehn Tagen war Herrn Schwarzbecks Geburtstag.

Während er so in seine Arbeit vertieft war, stapfte durch den Wald herunter der alte Knecht vom Gumpenberger Wirtshaus. Als er gegen die Ruine kam, fiel ihm ein, dass das Geländer über dem Felsen schadhaft war; er wollte sehen, was er an neuen Stangen brauche. Er ging beim Turm vorbei und sah den Schlüssel an der offenen Türe.

»Das ist mir auch eine Sache«, brummte er. »immer lassen die Leute den Schlüssel stecken.« Er drehte ihn um, schob ihn in die Tasche und ging weiter zum Wirtshaus hinunter.

Ernst Hutter zeichnete und zeichnete. Den Kirchturm von Heimstetten hätte er gern auch auf dem Blatt angebracht; aber es war nicht leicht, mit einem Bleistift den Strich fein genug herauszubringen, und Herr Schwarzbeck hatte einmal gesagt, man dürfe nie alles anbringen wollen, was man sehe. Ernst übersah das Blatt, dann zog er die Uhr; er hatte keine vierzig Minuten gebraucht und konnte noch gut in den Tiergarten; eilends stieg er die drei Treppen hinunter. Die Türe war zu. Er hatte sie doch weit offen gelassen. Er drückte die Klinke; sie ging nicht auf. Ernst erschrak. Wie war das möglich? Es ging kein Wind, der die Tür hätte zuschlagen können. Er drückte wieder mit aller Kraft. Dann auf einmal sah er etwas Licht durch das Schlüsselloch eindringen. Der Schlüssel war weg! Jemand hatte den Schlüssel abgezogen. Jetzt ging ein Lächeln über Ernst Gesicht. Natürlich, die Kameraden Sie hatten gemerkt, dass er da oben war und neckten ihn jetzt; es waren mehrere, die den Tiergarten schon kannten; vielleicht hatten sie sich in einer Höhle versteckt, die in der Nähe war.

»Ja, ja, ich merke euch schon! Macht nur auf jetzt; macht auf, ich möchte auch noch schnell den Wolf sehen und den Fischotter! Hört jetzt auf mit den Dummheiten!«

Aber draussen blieb es still.

Ernst rüttelte noch einmal. Dann eilte er die Treppen hinauf auf die Plattform und spähte hinunter. Niemand war da, weit und breit niemand. Also eingeschlossen! In zehn Minuten sammelte man sich drunten vor dem Wirtshaus. Und er war nicht da. Würde man ohne ihn zurückkehren?

Nun hatte er Herrn Schwarzbeck eine Freude machen wollen! – Er biss sich auf die Lippen. War denn keine Möglichkeit, aus dem Turm zu kommen? Er eilte wieder zwei Treppen hinunter. Dort war eine grosse Fensterluke. Konnte er vielleicht von da hinunterspringen? Sein Bruder hatte erzählt, dass sie im Turnverein manchmal unglaubliche Tiefsprünge machten. Aber als er auf das Gesimse der Luke trat, schwindelte ihm, trotzdem er ein unerschrockener Knabe war. Nein, es war zu hoch. Ja, wenn eine Strickleiter da wäre. In den Geschichten fanden die Leute in der Not dann allemal irgend etwas, ein Seil oder sie knüpften sich Leintücher zusammen, um zu entkommen. Aber er hatte nichts, nichts. Ratlos drückte er die Faust an den Mund.

Drunten stellte sich Felix Kleinhans auf den Platz vor dem Wirtslaus und blies auf seiner Trompete, die er mitgenommen hatte, drei helle Töne zum Zeichen, dass man sich sammle. Von allen Seiten kamen die Buben und Mädchen. Die Sträusse wurden am Brunnen noch angefeuchtet und in die Botanisierbüchsen gepackt; man suchte seine Jacken, Hüte und Schirme zusammen und schwatzte von dem Fischotter, der so lustig geschwommen in seinem Teichlein, vom Dachs, der einen gar nicht angeschaut habe, und von der Grotte.

Dann kam Herr Schwarzbeck.

»Antreten!« Die Kinder stellten sich rasch in eine Reihe, wie in der Turnstunde. Aber dann entstand eine Unruhe und ein Hin- und hergucken:

»Wo ist der Hutter? – Herr Schwarzbeck, der Hutter fehlt!«

Alles wunderte sich. Ernst Hutter, der sonst der Pünktlichste war!

»Wer hatte ihn denn zuletzt gesehen?«

Die im Tiergarten gewesen waren, behaupteten, er sei mit zur Grotte gegangen, und die von der Grotte sagten, er sei jedenfalls im Tiergarten gewesen. Sara, die immer alles wusste, meldete, sie habe gesehen, wie Ernst Hutter dem Hirsch Brot gegeben habe. Aber es kam darauf heraus, dass es Gustav Brenner gewesen war, der den gleichen gelben Strohhut wie Hutter hatte. Wo war Ernst Hutter geblieben? Herr Schwarzbeck wurde auf einmal ängstlich. Ernst hatte eine Uhr; er wusste, dass man um viertel vor sechs aufbrechen wollte. War dem Knaben etwas zugestossen?

Felix Kleinhans nahm noch einmal die Trompete und blies mit Anstrengung seiner ganzen Kraft nach allen vier Windrichtungen.

Man fragte im Haus, in der Wirtsstube; bis zum Taubenschlag hinauf polterten die Kinder. Nur in die Küche kam man nicht. Was hätte denn Ernst t Hutter in der Küche zu tun gehabt?

Felix Kleinhans blies und blies. Die Buben kehrten ohne Ernst Hutter aus dem Tiergarten zurück. Der Wirt und Herr Schwarzbeck blickten sich ratlos an. Der Wirt sah auf seine Uhr. Um halb sieben ging der Zug ab in Mooswieden, es war der letzte. Aber das war jetzt Nebensache, wenn nur der Bub zum Vorschein kam.

»Siehst du, Sara«, sagten Netti und Ottilie, »jetzt grad kann man dann nicht sagen, es sei am allerschönsten.«

»Ja«, meinte Hedwig Bühler und machte ein weises Gesicht, »meine Grossmutter sagt immer, man soll nicht rühmen, bevor es Abend sei.«

»Wie wir dort oben standen, haben wir nicht gedacht, dass noch so etwas begegne«, sagte Eva Imbach und deutete auf den Turm, der hinter dem Wirtsbaus und den Tannen sichtbar war. Plötzlich bekamen ihre hellen blauen Augen einen gespannten Ausdruck:

»Ich möchte wissen, was da Schwarzes immer so flattert an der Seite vom Turm« –

Die Mädchen sahen alle hin. »Herr Schwarzbeck, ist das dort ein Vogel?«

Herr Schwarzbeck nahm seinen Feldstecher, sah hindurch, drehte, sah noch einmal.

»Das ist kein Vogel! Das ist ein Kleidungsstück, mit dem jemand winkt« – rief er aufgeregt und reichte dem Wirt den Feldstecher hin. »Könnte das Ernst Hutter sein?« –

»Wir rennen hinauf, Herr Schwarzbeck«, schrien die Buben und Mädchen; sie schossen davon durch den Wirtsgarten und prallten da an den alten Knecht.

»Wohin so eilig?« »Auf den Turm«, schrien die hintersten, währen die ersten den Wald hinanstürmten.

»Habt ihr den Schlüssel? Zieht ihn dann aber wieder ab!« rief der Knecht.

Also zurück zum Schlüssel und dann in atemlosem Lauf den anderen nach. Zeit, über den Zusammenhang von Turm und Ernst und Schlüssel nachzudenken, hatte man nicht.

»Hurra!« empfingen die Buben ihren Kameraden, als Felix Kleinhans die Türe aufschloss.

»Ja Ernst! Hutter! Warum bist du nicht gekommen, wo Felix so geblasen hat? Was hat du denn da oben getan? Wie bist du denn hereingekommen ohne Schlüssel?« bestürmten ihn alle.

Ernst Hutter gab keine Antwort.

»Was hat Herr Schwarzbeck gesagt? Kommen wir noch auf die Bahn?« war alles, was er hervorstiess. Dann drängte er zum Tor hinaus, und alle rannten ihm nach den Berg hinunter. Im Obstgarten standen Herr Schwarzbeck und der Wirt bei dem alten Knecht.

»Ernst, Ernst. Was machst du uns für Geschichten!« rief Herr Schwarzbeck.

Ernst Hutter weinte nicht leicht; aber jetzt liefen ihm die Tränen über’s Gesicht.

»Herr Schwarzbeck, es tut mir leid; ich wollte« – er musste jetzt sein Geburtstagsgeheimnis preisgeben – »ich wollte die Aussicht droben zeichnen für Sie und dann« – Herr Schwarzbeck fuhr dem Knaben über das braune Haar. »Und dann wurdest du eingeschlossen. Du hast nicht begriffen, und wir haben nicht begriffen. Aber jetzt ist für Erklärungen keine Zeit. Vorwärts Kinder, vorwärts! Wenn wir laufen, was wir können, geht es vielleicht noch.«

»Gewöhnlich hat der Zug Verspätung!« rief der Wirt den Davoneilenden nach. »Dort unten bei den Ebereschen biegen Sie in den Fussweg ein, der ist kürzer!« Im Laufschritt ging es bergab. Es waren immerhin gute fünfundzwanzig Minuten bis zur Station Moosrieden. Alle Augenblicke zogen die drei oder vier, die Uhren besassen, diese heraus. »Jetzt noch 17 Minuten. Jetzt noch 13!«

Die kleinen, Marie Hug, Gritli Wegmann und Lena Bartenfeld wurden von den anderen nachgereisten und flogen nur so über das Stoppelfeld, das eine weitere Abkürzung bot.

»Noch 6 Minuten!« Die Sechstklässlerbuben rannten voraus. Wenn nur sie zur Station hinunterkamen; dann würde der Zug wohl schon ein paar Augenblicke warten. Nun ging es über den letzten kleinen Hügel.

»Wenn er nur vier Minuten Verspätung hat, so kommen wir noch hin, Kinder«, ermutigte Herr Schwarzbeck.

Abe nein, gerade heute hielt der Zug die Zeit genau ein!

»Er kommt, er kommt«, schrie die Vortruppe zurück und sauste den Hügel hinunter, dass es stob. Schon bremste der Zug, um langsam an der Station anzufahren. »Vielleicht hängt man noch einen Wagen an«, keuchte Gustav Brenner neben Ernst Hutter, der gar nichts sagte, nur rannte, rannte.

Aber nichts geschah an der Moosriedener Station. Kein Wagen wurde angehängt, kein widerspenstiges Kalb eingeladen. Zwei Frauen waren ausgestiegen; vier Männer stiegen ein. Der Vorstand mit der roten Mütze winkte; der Kondukteur tat einen boshaften kleinen Pfiff . –

Jetzt stürmten die Buben an der Halde daher.

»Halten, halten!« schrien sie. »Herr Schwarzbeck hat gesagt, man solle halten!«

Pschtsch – pschtsch – zischte die Lokomotive und setzte sich langsam in Bewegung.

»Halten, halten!« schrien die Buben und schwenkten die Stöcke und Schirme. Aber weder der Zugführer noch der Vorstand mit der roten Mütze achteten auf die Daherstürmenden. Buben machten ja meistens Lärm. Und die Mitfahrenden dachten, das Winken und Rufen gelte ihnen und lachten und liessen ihre Taschentücher flattern, umso mehr, als oben an der Halde nun noch eine ganze Schar Buben und Mädchen sichtbar wurde, die ebenfalls winkten und riefen. – So, da stand man nun! Um drei Minuten zu spät! Das Rufen der Kinder verstummte. Sprachlos schauten sie dem davoneilenden Zuge nach. Dann brachen die Fünftklässlerinnen samt und sonders in ein lautes Weinen aus. Das war jetzt doch zu schrecklich! Und die Sechstklässlerinnen weinten nur deshalb nicht, weil sie, wie Herr Schwarzbeck oft sagte, um ein Jahr vernünftiger sein mussten als die Fünftklässlerinnen.

Ernst Hutter stand etwas abseits; er sah so unglücklich aus, dass keiner ihm hätte Vorwürfe machen wollen. Eigentlich war ja der alte Knecht schuld. Und der auch wieder nicht. –

»Ja, Kinder, das nennt man nun eine Verkettung von unglücklichen Umständen«, sagte Herr Schwarzbeck. »Verschnauft erst einmal. Und ihr«, wandte er sich an die schluchzenden Mädchen, »trocknet jetzt eure Tränen.«

Sara Wiebold war die erste, die das zustande brachte. Und Netti meinte: »Müssen wir jetzt im Heu übernachten wie die Soldaten, Herr Schwarzbeck?« Man sah, dass diese Aussicht etwas Verlockendes für sie hatte, während Gritli Wegmann in erneutes Schluchzen ausbrach. Nachts ohne die Mutter sein und ohne das Brüderlein!

Herr Schwarzbeck überlegte. Er zog die Landkarte heraus, sah auf seine Schülerschar und wieder auf die Karte.

»Ihr Buben und ihr Mädchen«, sagte er, »wollen wir recht tapfer sein zusammen? Wollen wir etwas ganz Ausserordentliches vollbringen? Etwas, das neuen Ruhm auf die im Städtchen schon so berühmten Leuenhofer häufen würde?« Herrn Schwarzbecks Augen lachten.

»Ja«, schrien die Kinder und lachten auch.

»Könnt ihr noch ein wenig marschieren?«

»Ja!«

»Ein wenig viel? Es sind drei Stunden nach Heimstetten.«

Jetzt blieb aber das Ja den Kindern doch im Munde stecken. Drei Stunden! Das war ja eine Ewigkeit lang!

»Ja, und dabei ist’s noch ein Glück, dass wir den ganzen Tag schon in der Richtung nach Heimstetten zurückgewandert sind! Wie wir in Erisbühl ausstiegen, waren wir sechs Stunden von Heimstetten entfernt. Denkt, wie gut; die Hälfte des Wegs haben mir also schon gemacht.«

Das gab Mut. Neben den sechs Stunden kamen die drei einem schon weniger furchtbar vor.

»Also, Kinder? Marschieren wir einmal die zwei Stunden bis nach Gräbelfingen. Wenn dann die kleinsten Leute ganz und gar nimmer können, so gibt es dort vielleicht einen Leiterwagen. – Wollen wir es wagen?«

»Ja, ja, Herr Schwarzbeck!« Mutig rückten die Kinder ihre Mützen und Hüte, Rucksäcke und Botanisierbüchsen zurecht, während Herr Schwarzbeck ins Stationsgebäude ging, um nach Heimstetten zu telegraphieren.

Als er herauskam, marschierten seine Leutchen schon ganz tatenlustig im Takte an Ort und sangen das Wanderlied: »Wer recht in Freuden wandern will.«

Die erste halbe Stunde ging ganz prächtig. Bis man nur von Ernst Hutter, der sich allmählich erholte, seine ganze Geschichte herausgefragt und das Rennen zur Station genugsam durchgesprochen hatte.

Die Sonne war jetzt am Untergehen. Rotgolden glühte sie durch die Buchen, während drüben im Osten am graublauen Himmel der blasse Mond aufstieg. Wie schön das war! Herr Schwarzbeck erzählte ein wenig von den beiden Gestirnen und von der Grösse und Unendlichkeit des Himmels; es wurde den Kindern für eine Weile ganz andächtig zumute. Dann stimmten die Mädchen der sechsten Klasse der Frau Heuerlein ihr Lieblingslied: »Guter Mond, du gehst so stille«, an.

Nun ging es eine Höhe hinan; es bildete sich ein Trüpplein Nachzügler, und Alwine Gehring fragte, ob auch solche aus der sechsten Klasse auf den Leiterwagen dürften. Um die Nachzügler vorwärts zu locken, begann Herr Schwarzbeck ein lustiges Gedicht von einem kleinen Buben, der überall hat mitgenommen sein wollen: »Wenn nur was käme und mich mitnähme«, hiess es immer wieder.

Da musste man doch nah neben Herrn Schwarzbeck hergehen, um alles zu hören, und man vergass ein bisschen seine müden Beine.

Und allemal, wenn sie einem wieder einfielen und man meinte, man könne und könne nicht mehr, wusste Herr Schwarzbeck eine neue Unterhaltung: Er liess die Kinder schätzen, wie viel Schritte es seien bis zum nächsten Baum oder Gebüsch. Das war lustig; immer riet man zu wenig, fünfzig, wenn es achtzig waren und hundert statt hundertneunzig.

Es wurde allmählich Nacht, aber eine helle, schöne Mondnacht; man sah weit über die Felder und Wiesen, aus denen ein weisser, feiner Nebel aufstieg.

Dann kam’s zum Rätselraten.

»Was geht Tag und Nacht und kommt doch nicht vom Fleck?« fragte Herr Schwarzbeck. Das war die Uhr. »Was hat Zähne und kann doch nicht beissen?« Das war der Kamm. »Nun kommt aber ein schwereres; nun passt auf:

Mein Erstes ist nicht wenig,
Mein Zweites ist nicht schwer,
Mein Ganzes lässt sich hoffen,
Doch trau ihm nicht zu sehr!«

Nach langem Besinnen rief Ernst Hutter: »Vielleicht.«

Die Kinder kamen ganz in Eifer.

»Immer wenn man hie Lösung hört, dann war’s eigentlich furchtbar leicht, und doch findet man’s nicht«, riefen die Kinder und wollten neue Rätsel hören, und einige wussten auch welche, und schliesslich fingen sie selber an, Rätsel zu machen. Eva Imbach brachte eines zusammen über den Fingerhut, Walter Kienast über den Rittersporn und Netti Tobel über den Regenbogen. Nun wurden alle angesteckt und fabrizierten drauf los, die wunderlichsten, ungeheuerlichsten Rätsel. Bald war niemand mehr zum erraten als der gute Herr Schwarzbeck. Schliesslich griff er sich an den Kopf und rief:

»Halt, halt, Kinder! Es geht nicht mehr. Es ist zu schwierig. Mir wird ganz wirr!«

Im stillen indessen freute er sich und dachte: Wenn es so weiter geht, so bringe ich sie gut nach Gräbelfingen und wer weiss, vielleicht noch bis nach Heimstetten.

Aber auf einmal fing Alwine Gehring an zu stöhnen. »Wie weit ist es noch bis Gräbelfingen?« fragte sie im jämmerlichsten Ton. Man hörte, dass sie nahe am Weinen war. Sie stand still und zog an ihrem Schuh, der sie drückte. Und wie hie anderen Kinder jetzt auch anhielten, merkten sie, wie müde sie waren. Und endlos lief die Strasse in gerader Linie fort und immer fort. – Die Rätsellust war auf einmal verflogen.

Herr Schwarzbeck nahm Alwine an der Hand.

»Jetzt noch tapfer zehn Minuten; dann, mein ich, müssten wir die Lichter von Gräbelfingen sehen!«

In dieser Erwartung ging’s dann wieder zu; Netti Tobel, Ottilie Eggenberg und Eva voraus.

Plötzlich ertönte ein Schreien.

»Herr Schwarzbeck, Herr Schwarzbeck, ein Gespenst, ein Gespenstlein –!« rief Netti zurück.

Die Buben lachten.

»Was, ein Gespenst!« entgegnete Herr Schwarzbeck.

»Ja, etwas ganz Sonderbares ist über den Weg gesprungen«, versicherten die Mädchen. »Etwas ganz Unheimliches. Wie ein dünnes Zwerglein.«

»Es wird eine Katze gewesen sein oder ein Eichhörnchen«, machte Walter Kienast trocken.

»Katzen und Eichhörnchen gehen doch nicht aufrecht«, erwiderten die Mädchen. »Und es war, als ob es ein Röcklein angehabt hätte –!«

»Was ihr nicht sagt«, lachte Herr Schwarzbeck; aber die ganze Schar eilte vorwärts.

Da – wahrhaftig, ein ganz seltsames winziges Wesen, vom Mondlicht beleuchtet und einen zittrigen Schatten werfend, huschte quer über die Strasse.

Die Kinder rannten hin zu dem Busch, bei dem das Gespenstlein verschwunden war. Vor dem Busche stand an der Strasse eine Bank; auf der sass ein Mann, und auf der Achsel des Mannes sass das Gespenstlein. Es hatte ein rotes Röcklein an, mit Goldflitterchen benäht, die im Mondschein glänzten.

»Ein Äffchen – nein, wie herzig –! Wie nett! Herr Schwarzbeck, es ist ein Äffchen!«

Die Kinder umdrängten den alten Mann, der seinen Schlapphut zog, während das Äffchen mit seinem mageren, kleinen Gesicht ernsthaft die Kinder besah, die versuchten es zu streicheln und es auf den Arm zu nehmen. Es liess sich aber nicht anfassen, sondern hüpfte von der Achsel auf den Hut seines Herrn.

»Schön grüssen die Errschaften, Nina«, sagte der alte Mann und zog das Äffchen an seinem dünnen Schwanz herunter. »Sein manierlich, geben die And!«

Das Äffchen streckte sein bräunliches Händchen mit den feinen Fingerchen hin. Dann aber war’s, als ob es sich auf etwas besänne; die Hand sank herab, und Nina legte den kleinen Kopf auf die Seite.

»Ist ein Elend, ist ein Elend«, jammerte nun der alte Mann, indem er seinen Schlapphut noch einmal zog, weil Herr Schwarzbeck jetzt vor ihn hintrat.

»Seit Nina hat verloren seine Kamerad, seine Paolo, ist nichts mehr zu mach mit Nina. Will nicht mehr sein öflich, nicht mehr lustig; will nicht mehr tanzen, nicht mehr machen sein schöne Kunststück und nicht mehr essen. Wird noch sterben und lassen allein sein alte arme Err.«

Der Alte fuhr sich mit dem Ärmel übers Gesicht, und dann kam die ganze Geschichte von den zwei Äffchen Paolo und Nina, die einander zärtlich liebten, die nie anders schliefen als eng aneinander gekauert. Und auf der Welt gab es keine so geschickten Äffchen mehr wie Paolo und Nina. Sie konnten tanzen – der Alte zog aus einem Rock, den er umhängen hatte, eine Okarina und blies ein paar Töne. Nina horchte; aber sie blieb unbeweglich sitzen. – Sie konnten selber Musik machen; der Mann zeigte ein winziges Glockenspiel und eine kleine Trommel, dann eine kleine Wiege mit einem Püppchen und ein Kaffeemühlchen und noch allerlei kleine Gerätschaften.

Ums Leben gern hätten die Kinder gesehen, wie Nina gewiegt, gesägt und die kleine Kaffeemühle gedreht hätte. Aber Nina sah mit kummervollem, nachdenklichem Gesichtchen zum hellen Mond hinauf, als verstünde sie, was ihr Herr erzählte:

Vor drei Monaten war das Unglück gekommen. Der Alte war krank geworden und im Krankenhaus gelegen und dann in einem Gasthaus. Und den Wirt hatte er nicht bezahlen können, und da hatte der ihm den Paolo genommen. Den kleinen Paolo, Ninas geliebten Kameraden. Und der Alte versuchte nun, seine Vorstellungen im Lande herum mit Nina allein zu geben.

»Aber die Leute gehen weg und geben kein Geld, wenn Nina nur sitzt auf mein Achsel und tut nichts als denken an Paolo. Ist ein Elend.«

Dem alten Mann liefen die Tränen über das Gesicht. Es war sehr traurig anzusehen. Er stand auf, da er auch noch nach Gräbelfingen wollte.

Herr Schwarzbeck ging neben ihm her und hörte, was er weiter von seinem Leben erzählte, und die Kinder bildeten einen ganzen Schwarm um den alten Mann. Jedes wollte möglichst nahe bei dem Äffchen sein. Alle Müdigkeit, der ganze Tag mit seinen Herrlichkeiten und Merkwürdigkeiten, mit dem Gumpenfall, der Ruine, dem Speckkuchen, dem Abenteuer Ernst Hutters war vergessen; alle hatten sie nur das Äffchen Nina im Kopf.

Das arme Äffchen! Der arme alte Mann! Der böse Wirt! Ja, der wollte halt zu seinem Geld kommen! Drei Wochen, so erzählte der alte Mann Herrn Schwarzbeck weiter, hatte er versprochen, das Äffchen zu behalten. Wenn der Alte 57 Franken brachte, konnte er Paolo wieder haben. Morgen waren die drei Wochen verstrichen, da verkaufte der Wirt das Äffchen; er wusste schon jemand, der es haben wollte. 8 Franken 60 Rappen hatte der Alte, aber nicht mehr.

»57 Franken weniger 8 Franken 60, das macht 49 Franken 40«, rechnete Eva.

»Ich wollte gleich die 6 Franken, die ich in meinem Sparhafen habe, hergeben«, sagte Ernst Hutter.

»Ja, 6 Franken sind noch lang nicht 48.40«, sagte Walter Kienast.

»Wenn wir sammeln würden in der Schule?« schlug Ottilie Eggenberg vor.

»Bis wir 48 Franken beisammen hätten, wäre der Paolo längst verkauft«, erwiderte Eva. »Man müsste das Geld gleich haben. Jetzt gleich.« –

»Herr Schwarzbeck hätte schon Geld«, meinte Gustav Brenner. »Zwei Banknoten hatte er noch, als er den Wirt bezahlt hatte.«

»Ja natürlich. Die braucht er in Gräbelfingen; er hat ja gesagt, wir bekommen dann im Adler jedes noch ein Butterbrot mit Käse und wenn es möglich sei, ein Glas Milch.«

»Und der Leiterwagen kostet auch noch etwas«, rief Alwine, der sehr viel an dem Leiterwagen lag.

»Hört – ich wüsste etwas«, sagte Ernst Hutter. »Etwas Feines – wenn wir Herrn Schwarzbeck sagen würden, wir wollen kein Käsebrot und keine Milch und auch den Leiterwagen nicht. Wir wollen das Geld dem alten Mann geben.« –

»Kein Käsebrot und keine Milch, wo wir so Hunger haben –«, rief es ihm entgegen.

Es waren ziemlich viele Stimmen und nicht nur von Mädchen. »Aber nett wäre es schon, wenn der Alte das andere Äffchen Paolo wieder kaufen könnte. Er hat so ein trauriges Gesicht gemacht«, sagte Martin Imbach, der ein sehr weiches Herz hatte.

»Und den Leiterwagen auch nicht?« fragte Alwine in sehr jämmerlichem Ton, und fast alle Fünftklässlerinnen fielen ein.

»Wo wir so müde sind! Noch eine ganze Stunde sei es von Gräbelfingen bis heim. Einmal ich kann nicht mehr! Und ich auch nicht.« –

Sogar Sara war dabei. »Ich glaube, ich würde sterben, wenn ich nur noch eine Viertelstunde gehen müsste.«

»Ach bewahre«, machte Walter Kienast in seiner trockenen Art; »wenn es mit dem Fusswerk nicht mehr geht, so geht’s mit dem Mundwerk.«

»Dann natürlich, wenn wir noch zu Fuss heimgingen, dann wären wir erst ganz so tapfer, wie Herr Schwarzbeck gesagt hat«, meinte Eva Imbach, und Ottilie und Netti stellten sich mit eifrigen: »Ja, natürlich!« neben sie.

»Wenn man aber einfach nicht mehr kann?« –

Während es so hin und herging zwischen den Leuenhofer Kindern, waren die beiden Männer etwas vorausgekommen. Der alte Mann erzählte Herrn Schwarzbeck viel aus seinem bewegten Leben. Einmal hatte er ein ganzes kleines Affentheater gehabt und einmal mit seinem Vetter zusammen ein Karussell; aber das war abgebrannt.

»Immer hab ich gehabt Unglück, mein Err, viel Unglück!«

Herr Schwarzbeck hörte teilnehmend zu. Wenn der Mann jünger gewesen wäre, hätte Herr Schwarzbeck ihm geraten, dies Leben zu lassen und eine richtige Arbeit zu tun. Aber jetzt war es zu spät dazu.

Plötzlich kam die ganze Schar der Buben und Mädchen nachgerannt.

»Herr Schwarzbeck, Herr Schwarzbeck, wir haben etwas ausgemacht.« –

Herr Schwarzbeck blieb stehen.

»Wir haben ausgemacht, dass wir kein Käsebrot brauchen und keine Milch in Gräbelfingen, Herr Schwarzbeck und auch den Leiterwagen nicht. Dann könnte man dem Mann das Geld geben.« Alle redeten im Eifer und in der Freude des Entschlusses auf einmal.

»Wie nett, wenn dann Nina den Paolo hat und wieder lustig wird. Ja und die Kaffeemühle wieder dreht. Wie schade, dass wir es nicht sehen. Ist der Paolo wohl auch so niedlich? Nicht wahr, Herr Schwarzbeck? Sie geben dem Mann das Geld?«

Herr Schwarzbeck überlegte. – »Ja – Kinder! – Halt! Das muss man doch erst bedenken«; man merkte aber schon, dass er einverstanden war. »Könnt ihr wirklich noch eine Stunde marschieren?«

»Wir können eigentlich nicht; aber wir wollen«, rief Sara halb kläglich, halb tapfer. Dann aber rannte sie den anderen nach zu dem alten Mann. Er war trübselig weiter gegangen mit dem Äffchen auf der Achsel, das sich dunkel und winzig abhob von der hellen Mondscheinluft.

Die Kinder umringten ihn und schrien auf ihn los. Es dauerte eine ganze Weile, bis er aus dem Käsebrot und der Milch und dem Leiterwagen und dem Schulreischengeld herausbekam, dass er seinen Paolo wieder erhalten solle.

Dann aber fingen die Tränen wieder an über sein runzliges Gesicht zu laufen.

»O, o, gute Kind, gute Kind! Aben Mitleid mit alte Mann! Brave Kind! Danke, danke.«

Er wendete sich nach allen Seiten, um jedem die Hand zu drücken.

Dann zog er Nina von der Schulter herunter. »Nina, Nina! freue dir! Sieh diese Kind geben dir deinen Paolo wieder!« Wie umgewandelt war der Alte und fing nun an in fremder Sprache auf das Äffchen einzureden. Die Kinder verstanden bloss immer das eine Wort Paolo. Sie standen vor ihm und meinten, es müsste nun dann ein Lächeln über das ernsthafte kleine Gesicht des Äffchens gehen, das seinen Herrn aufmerksam anschaute. Doch so weit ging halt Ninas Klugheit doch nicht, dass es verstand, was sein Herr ihm aufgeregt und glücklich erzählte.

»Aber morgen – morgen wird es dann Augen machen! Ob es wohl dann weint vor Freude? Können Äffchen auch weinen, Herr Schwarzbeck?«

Aber Herr Schwarzbeck hatte nicht Zeit, auf diese interessante Frage einzugehen.

Man war in Gräbelfingen angekommen. Gleich links stand breit und behäbig das Gasthaus zum Adler!

Herr Schwarzbeck trat hinein, um an den Wirt zu telephonieren, der den Paolo zurückbehalten hatte.

»Es nimmt mich doch wunder?«, sagte Herr Schwarzbeck im Eintreten vor sich hin, »ob das heute jetzt doch das letzte Mal ist, dass ich telephoniere.«

»Ja, ja«, hiess es am Telephon zurück. Der kleine Affe sei noch da; es sei aber höchste Zeit. Der Mann, der ihn kaufen wolle, habe schon zweimal nachgefragt.

Derweil hatten die Kinder einen Brunnen entdeckt neben dem Hause, und es entstand ein grosses Gedränge und Geplätscher; denn was für einen Durst hatte man!

Ah, noch einen Becher voll und noch einen von dem schönen, starken Wasserstrahl, der im Mondschein flimmerte. –

Da trat aus dem Hause die Wirtin heraus: »Ja was ist mir denn das für ein Einkehren? Grad nur Wasser begehrt ihr?«

»Ja, wir haben kein Geld zum Einkehren«, erklärten die Kinder im Chor. »Wir hätten schon; aber wir brauchen es zu etwas; wir brauchen es für das Äffchen, für das andere Äffchen; es heisst Paolo.«

Die Wirtin hatte drinnen schon etwas gehört von der Geschichte.

Sie lachte freundlich.

»Das ist recht von euch. Das gefällt mir. Von Heimstetten seid ihr? So, so, gibt’s dort so brave Kinder? Aber ein Stück Brot werdet ihr denn doch nicht verschmähen – oder?«

Sie ging hinein und kam mit einem mächtigen Laib Brot zurück, von den sie jedem der jungen, hungrigen Wanderer ein ansehnliches Stück herunterschnitt. Und als es nicht reichte, holte sie noch einen zweiten Laib. Noch nie hatte den Kindern ein Brot so gut geschmeckt.

»So, so, euch geht’s ja nicht so schlimm«, sagte Herr Schwarzbeck.

»Jetzt aber wollen wir den Weg unter die Füsse nehmen. Vorwärts! So! Die Kleinen voran. Alwine an die Spitze, das ist die Tapferste!«

Und wahrhaftig, es ging, ging ganz gut von neuem durch die stille Mondnacht. Alle waren gehoben durch das Gefühl einer guten Tat.

Der Alte mit dem Äffchen schritt mitten unter ihnen. Sie sangen ihm ihre Lieder vor, und er musste sagen, welches ihm am besten gefalle. Und er versicherte, dass ihm alle »serr, serr« gut gefallen und dass die Kinder in seinem Lande nicht so gut singen könnten. Es kostete freilich etwas Mühe, die Kleinen vorn zu behalten; sie behaupteten »die Sechstklässler messen ihnen immer Schuhe an.«

»Horcht!« rief Herr Schwarzbeck, als Gritli Wegmann aufs neue zu jammern begann. – »Horcht, das ist ja unsere Turmuhr.«

Die Kinder lauschten; ganz deutlich hörte man die neun Schläge durch die Nacht herüber klingen. Nun war man ja schon fast wie zu Haus!

Und nach weiteren zehn Minuten kam eine neue Hilfe: Von der Illig her, die man auch schon rauschen hörte, kamen ein paar Männer; es waren Väter, die beschlossen hatten, der Wanderschar entgegenzugehen.

»Vater! Papa! Vater! Das war schön und merkwürdig!«

»Lauter Geschichten sind begegnet.« – Zum Glück war Gritli Wegmanns Vater auch dabei. Nun verschwand alle Müdigkeit. Jeder der Väter ward alsbald umringt und in Beschlag genommen von sieben oder acht Erzählern.

»Denk nur. – Denken Sie nur« – ging es los. Das einzig Schwierige war, dass man gar nicht wusste, womit man anfangen sollte. Am leichtesten war es, mit dem Äffchen Nina zu beginnen. Aber dazwischen schwatzten die anderen vom Turm und vom Schlüssel, dem Fischotter und dem davonfahrenden Bahnzug.

»Wenn ihr nicht alle sieben zu gleicher Zeit reden wolltet, würde man’s natürlich besser verstehen«, wehrte Gritlis Vater. Aber es war wirklich nicht zu verlangen, dass auch nur eines der Kinder schwieg; wo so schrecklich viel zu sagen war.

Jetzt aber kam man über die Brücke. Oben im Doktorgarten hörte man noch sprechen. Der Herr Doktor beugte sich über die Mauer:

»So, so, da kommen sie ja! Na, bringt ihr alles gut mit, Arme, Beine und Köpfe? Gibt’s nichts zu flicken?« Im Mondschein erblickte er das Äffchen auf des alten Mannes Schulter – »Der Kuckuck! Was bringt ihr denn da mit? – Einen neuen Mitschüler? Soll er in die fünfte oder sechste Klasse eintreten?« –

Die Kinder riefen und lachten hinauf. Dann ging es durch die Halderstrasse zum Marktplatz. Aus den Häusern traten die Leute.

»Da sind sie endlich«, riefen ein paar Frauen. »Nein, ihr armen Kinder, den ganzen Weg zu Fuss! Ist es auch möglich? Ihr seid ja gewiss halb tot!«

»Bewahre«, sagten Sara und die anderen Fünftklässlerinnen stolz und wollten beginnen zu rühmen, wie es ihnen gar nicht weit vorgekommen sei. Nun trieb aber Herr Schwarzbeck zum Abschiednehmen. Im Hui ging das nicht. Drei-, viermal musste er mahnen; immer wieder fiel einem ein, dass es dem nicht Gutnacht gesagt habe und jenem nicht. Und immer wieder lief man zu dem alten Mann, um ihm die Hand zu schütteln und das winzige Händchen der kleinen Nina, die allein in dem fröhlichen Getümmel stumm und ernsthaft blieb.

Ein Trüppchen hatte denselben Weg wie Herr Schwarzbeck.

»Jetzt war’s doch gut, dass alles so gegangen ist, nicht wahr, Herr Schwarzbeck?« sagten die Kinder. »Wenn Ernst nicht noch einmal auf den Turm gegangen wäre und der Knecht nicht den Schlüssel abgezogen hätte und wir nicht zu spät gekommen wären, dann hätten wir den alten Mann mit dem Äffchen nicht angetroffen und der Wirt hätte den Paolo verkauft, und Nina wäre vielleicht gestorben!«

»Ja, ja«, erwiderte Herr Schwarzbeck;»unsere Verkettung der Umstände war AlF schliesslich noch eine recht glückliche. Und jetzt gut nacht, gut Nacht, Kinder!«

Als aber Herr Schwarzbeck schon in dem Schatten des Rosengässchens verschwand, rannten Eva und Martin Imbach, Gustav Brenner, Hedwig Bühler und ein paar andere noch einmal zu ihm hinüber:

»Herr Schwarzbeck, das Schönste, nicht wahr, das Schönste vom ganzen Tag war, wie der alte Mann so eine Freude hatte, dass er den Paolo wieder bekomme!«

»Gut Nacht, gut Nacht, Herr Schwarzbeck!« –

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