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Die Leuenhofer

Ida Bindschedler: Die Leuenhofer - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
titleDie Leuenhofer
authorIda Bindschedler
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Der Examentag.

Es wurde immer mehr Frühling. Die ersten Schwalben waren angelangt. Mit ihrem schwirrenden fröhlichen »Kitt« schossen sie durch die klare Luft und um den Leuenhof herum. Die Stärlein auf den alten Birnbäumen hinter dem Hause schauten ihnen nach: »O herrje, wir sind schon lang gekommen. Wir haben schon angefangen, unsere Kinderstuben einzurichten!« Sie taten sehr geschäftig, drehten den Kopf nach links und nach rechts, schlugen mit den Flügeln und machten Kniebeuge und schwatzten aneinander hin.

»Also ja, jetzt muss ich wieder an die Arbeit. Drüben beim Fuhrhalter Blatter gibt es prächtiges Heu« – und schwatzten und hüpften dann immer noch eine Weile auf dem langen Birnbaumast herum.

Die Leuenhofer Kinder hatten auch alle Hände voll zu tun. Droben im Schättenwald gab es schon Anemonen und auf der Langwiese Schlüsselblumen und an der Riedauhalde Veilchen, und wie jedes Jahr im Frühling hatte das Stelzenlaufen und das Springseilen, das Marbel- und das Kreiselspiel begonnen. – Und in der Schule ging es auch eifrig und streng zu. In acht Tagen war ja das Examen. Es war überhaupt so eine volle, seltsame Zeit. Ernstes und Fröhliches kam da zusammen.

Gleich nach dem Examen war Ostern. Ostern mit seinen roten, gelben und blauen Eiern, feinen Gerstenzuckerhasen und Schokoladeschäfchen! In Gedanken daran hüpften und schwatzten die Kinder wie die Stare.

Aber Herr Schwarzbeck erzählte ihnen in diesen Tagen auch die Geschichte von Jesus. Von seinem Leiden und seinem Tod. Mit Herzklopfen hörten die Kinder zu. Die Nacht im Palast des Hohenpriesters! Wie Jesus mit todernstem, ruhigem Angesicht vor den Priestern stand, allein vor seinen Feinden. Und draussen im Hofe das Feuer, an den die Kriegsknechte am Boden sassen; denn die Nacht war kalt. Und Petrus bei ihnen. Und wie dann die Magd zu ihm sagte, er sei auch mit diesem Jesus gewesen, und er dreimal leugnete. Und kaum hatte er das dritte Mal geleugnet, so krähte der Hahn. Petrus erinnerte sich, wie er Jesus versprochen hatte, zu ihm zu halten. Er ging hinaus und weinte bitterlich.

Noch auf den Heimweg mussten die Kinder darüber nachdenken. Sie dachten sich aus, wie sie hätten mutig sein wollen. Sie hätten sich vor die Kriegsknechte und die Mägde hingestellt und mit lauter Stimme gesagt: »Ja, ich gehöre zu diesem Jesus! Nehmt mich nur auch gefangen!« Wenn schon ihnen Herr Schwarzbeck gesagt hatte, dass solch ein Mut schwerer sei, als man glaube. –

Auch der Gedanke an den Examentag hatte seine sehr ernsthafte und seine heitere Seite. Nuschka hatte noch kein Examen erlebt, und die Kinder schilderten ihr aufs ausführlichste, wie es da zu- und hergehe. Vor allem machte Sara eine ganz gefährliche Sache daraus:

»Denk nur schon alle die Herren in den schwarzen Röcken und mit furchtbar ernsthaften Gesichtern. Und ringsherum stehen sie, sogar hinten. Es ist schrecklich, man darf sich nicht ein bisschen bewegen. Und dann noch die vielen anderen Leute! Meine Mutter kommt und vielleicht auch der Vater. Und deine Tante gewiss auch?«

Nuschka nickte etwas beklommen.

»Also und wenn dann die Reihe an dich kommt und du aufstehst, dann schaut dich alles an, und vor lauter Angst sagst du etwas Falsches. Die Jakobine bei meiner Grossmutter hat gesagt, es seien vierzig Jahre seit ihrem letzten Examen; aber sie träume jetzt noch manchmal davon!«

Netti Tobel versuchte Nuschka zu beruhigen.

»Weisst du, man muss nur die Leute gar nicht ansehen, bloss den Herrn Schwarzbeck; der macht ein Gesicht wie sonst immer. Dann geht es schon.«

»Ja, und dann der Nachmittag, Nuschka«, fielen die anderen ein. »Da wirft du gucken. Ah!«

Ja, der Nachmittag eines Leuenhofer Examentages!

Aber als der Mittwoch kam, an den das Examen stattfand, handelte es sich vorläufig ganz allein um den Vormittag, und allen Kindern war sehr feierlich und etwas bänglich zumute, als sie in ihren Bänken sassen und auf den Anfang warteten; die Buben mit glatt gebürsteten Köpfen und frischen, weissen Kragen; die Mädchen mit schön geflochtenen Zöpfen und ebenfalls sonntäglich angetan. Ein ganz klein bisschen musste man auf die Seite schielen: das blau und grüne Kleid von Ottilie Eggenberg war ganz neu, und das von Marie Hug und Lena Kornmann mit den weissen Punkten kannte man auch noch nicht, und Nuschka hatte heute zum ersten Mal die Zöpfe um den Kopf gebunden. Dann aber sah man wieder geradeaus nach Herrn Schwarzbeck, mit dem der grosse Herr im schwarzen Bart leise sprach.

»Das ist der Herr Visitator!« ging es flüsternd durch die Bubenreihen.

Die Herren waren schon ringsum und sogar hinten. Sie besahen die Zeichnungen und die Aufsatzhefte, die aufgelegt waren. Und die Reiben der Zuhörerstühle füllten sich auch mehr und mehr.

Die Religionsprüfung hatte schon begonnen und immer wieder ging die Türe behutsam auf, und es kam wieder auf den Zehenspitzen ein Vater, eine Mutter oder eine ältere Schwester herein. Und jetzt erschien auch noch Herr Bezold und die Frau Wehrli und die Frau Ostermeier aus dem Spital, welche die Leuenhofer Kinder tags zuvor eingeladen hatten. Die beiden hatten Kapothüte auf, die eine mit braunen, die andere mit lila Samtblumen; der alte Bezold aber trug eine dunkelgrüne neue Krawatte mit roten Streifen.

Es war wirklich nicht leicht, nur Herrn Schwarzbeck anzusehen, wie Netti Tobel geraten hatte, und zu denken, es sei wie sonst.

Aber das Examen verlief im ganzen doch recht gut. Die Buben und Mädchen nahmen sich zusammen. Man musste das doch tun, wo die vielen Leute da extra gekommen waren. Selbst Nuschka fand ganz geschickt in dem Sätzlein, das sie zu lesen hatte, das Ausgesagte heraus, den Satzgegenstand, die Orts- und die Zeitbestimmung und sah dann vergnügt schnell nach ihrer Tante.

Nur Alwine Gehring, das Unglückskind, machte, als in der Geographie die Reihe an sie kam, ein Durcheinander. Den Tödi versetzte sie in die Walliseralpen und gar den Pilatus auch noch. Und dann merkte sie, dass sie etwas sehr Dummes gesagt hatte und wusste überhaupt nichts mehr weiter, keinen Monte Rosa und kein Matterhorn, nichts.

»Grässlich! Diese Alwine wieder!« dachten die anderen und warfen ihr empörte Blicke zu; denn es lag ihnen dran, dass die ganze sechste Klasse mit Ehren bestehe.

Herr Schwarzbeck aber hiess Alwine sich setzen und fuhr mit Hedwig Bühler und Ottilie Eggenberg in der Gebirgsreise weiter, bis er bemerkte, dass Alwine sich erholt hatte und sogar einmal schüchtern den Finger wieder streckte.

»So, Alwine, jetzt wollen wir’s noch einmal mit einander wagen«, sagte er und probierte behutsam, ob Alwine richtig vom Wallis ins Urnerland hinüber käme, und wahrhaftig, es geriet. Ganz vernünftig wusste sie zu sagen, dass man über die Furka herunter gelange zur Reuss und dass da die Schöllenenschlucht sei und die kühne Teufelsbrücke und tief im Berg drinnen der Eisenbahntunnel.

»Siehst du, wie gut das geht«, sagte Herr Schwarzbeck, und der Vater von Alwine, der sich vorhin recht geärgert hatte, dachte: »Am Ende gebe ich ihr den neuen halben Franken doch, den ich ihr versprochen habe, wenn sie mir keine Schande mache.«

»Wie die Kinder das alles so nett zu sagen wissen«, dachten Frau Ostermeier und Frau Wehrli. »Ja, wenn wir zu unserer Zeit so viel gelernt hätten, wären wir vielleicht auch weiter gekommen als ins Spital. Aber nun, man muss zufrieden sein.«

Und zuletzt kam noch das Singen; da hatte kein Leuenhofer Kinn mehr Angst, das war bloss Freude. Und dann war das gefürchtete Examen zu Ende, und die Kinder liefen fröhlich aufgeregt zur Begrüssung in den Zuhörerraum. Dann aber drängten sie hinaus.

»Man riecht sie schon!« riefen sie und klopften sich auf den Magen. »Ah!«

Ein schöner Duft von frischem Gebäck drang durch die offene Türe, und draussen stand Frau Beyel in frischer, weisser Schürze und mit feierlichem Gesicht und vor sich hatte sie einen grossen Korb voll prächtiger, goldbrauner, zweizipfliger Examenwecken.

Stolz nahmen die Buben und Mädchen den Wecken in Empfang und abrückten ihn an die Nase. Wie gross Herr Eggenberg sie heuer gemacht hatte!

Die schönen knusperigen Wecken leiteten gewissermassen hinüber zum zweiten Teil des Examentages.

Man wusste in Heimstetten eigentlich nicht recht, wie es gekommen war, dass im Leuenhof und sonst weit und breit nirgends in der Gegend der Examentag mit einer Kaffeegesellschaft im Schulzimmer schloss. Aber es war nun einmal so.

Und da jedes Heimstetter Kind zwei Schuljahre im Leuenhof verbrachte und also auch die Freuden dieses Kafeenachmittags zweimal erleben wollte, blieb es bei dem Brauch.

Den Kaffee – einen richtigen Kinderkaffee, gezuckert und mit viel Milch, lieferten die Kinder selber. Das heisst, ein paar gute Mütter. In Blechkannen, gut verpackt zwischen Decken und Kissen, damit er warm bleibe, wurde der Kaffee in zwei Kinderwagen von den Mädchen zum Leuenhof hinausgefahren. Auf beiden Wagen steckte, an einen Stab gebunden, ein grosser Buschen Dotterblumen. Das musste jedes Jahr so sein.

»Aha! Die Leuenhofer Kinder mit ihrem Examenkaffee!« sagten die Leute und schauten der Schar nach. »Bei denen ist immer etwas los. He nu, warum sollen sie nicht ihre Freude haben? Es sei gut gegangen in ihrem Examen.«

Mit Hallo wurden die Wagen von den Buben empfangen, ausgeladen und die Kannen ins Schulzimmer getragen. Damit es einigermassen vernünftig zugehe, war Frau Beyel da, noch immer mit ihrem Examengesicht. Sie wehrte: »Geratet nur nicht ganz aus Rand und Band! Geduld! Es kommt ein jedes dran.«

Aber im Grunde dachte sie wie die Leute vorhin auf dem Marktplatz.

Es war ja auch so furchtbar interessant und lustig, im Schulzimmer Kaffee zu trinken. Im Schulzimmer, wo man heut vormittag so ehrbar und ängstlich dagesessen. Jedes hatte seine Tasse mitgebracht, und je umständlicher es war, sich auf dem schiefen Schultisch einzurichten, desto mehr gab es zu lachen, und desto besser schmeckte der Kaffee mit dem Examenwecken. Denn das war das Hauptvergnügen, den Examenwecken behaglich hier zum Kaffee zu essen. Viele der Wecken waren zwar schon etwas angegriffen aus. Die knusprigen Zipfel waren gar so verführerisch gewesen.

Ein Jubelgeschrei erhob sich, als Herr Schwarzbeck eintrat. Er musste auch Kaffee trinken. Die Mädchen hatten ihm eine Tasse mit blau und goldenem Rand auf seinen Tisch gestellt, und so viele der schönsten WeckengipfeI wurden ihm angeboten, dass er gar nicht alle essen konnte.

Lustig wurde geschwatzt; das ganze Examen mit seinen Gefahren und Erlebnissen wurde durchgenommen.

»Und die Alwine, mit ihrem Pilatus in den Walliseralpen! Das war doch schauderhaft!«

Alwine sass vergnügt hinter ihrer Tasse. Das war jetzt vorbei.

»Ja, ja Alwine!« sagte Herr Schwarzbeck lächelnd, »und nach den Ferien geht es in die siebte Klasse, drunten im grossen Schulhaus. Gib acht! Da kommst du vom Regen in die Traufe.«

Alwine aber trank unbesorgt ihren Kaffee aus. Das war ja nach den Ferien erst. Da war man auch älter und vielleicht schon wieder ein wenig gescheiter.

Herr Schwarzbeck aber winkte Ernst Hutter und Walter Kienast herbei, und dann hiess es:

»Hinaus gehen sollen alle und draussen warten! Es gibt eine Vorstellung! eine Vorstellung!«

Draussen trieb Walter Kienast sie weit in den Gang vor, damit sie nicht sähen, was für geheimnisvolle Dinge ins Schulzimmer getragen würden.

Es dauerte eine gute Weile. Die Kinder verzappelten fast vor Erwartung.

Als Walter Kienast hineinrief, war das Zimmer nahezu dunkel. Alle Läden bis auf einen waren geschlossen, und der eine wurde, als die Buben und Mädchen in den Bänken sassen, auch noch zugezogen. So, jetzt war es stocknacht.

Was das wohl gab!

Hinten hörte man hantieren, flüstern und klappern. Es gab kleine Lichtscheine, und dann wurde es plötzlich vorn auf einem grossen weissen Leintuch blendend hell; ein Bild erschien, mit festen, schwarzen Strichen gezeichnet. Alles streckte den Kopf:

Mädchen waren es, die an etwas hin und herzogen. An einer Katze? Nein, ein Büblein war’s. – Laut auf lachten die Kinder.

»Das sind ja wir!« riefen Eva Imbach und Ottilie Eggenberg und die anderen Sechstklässlerinnen in höchstem Vergnügen.

»Das bist du, Hedwig, und das falsche Büblein von Frau Horber; nachher, weisst Du, hast du es gar nicht loslassen wollen.«

»Nein! – Wer hat denn das gemacht? – Am Ende der Ernst Hutter und der Gustav Brenner?« – Die zeichneten manchmal ganze Geschichten! Aber so grosse? Ja, das war da hinten die Maschine, die vergrösserte. Wie damals im Rathaus! Aber so lustige Bilder waren es nicht gewesen.

Das Bild verschwand. Es wurde dunkel, und alsbald erschien ein neues; und ein neuer Schrei der Überraschung ertönte.

Man erblickte ein Haus. Aus einem der Fenster beugten sich zwei Gestalten. Eine davon hielt eine grosse Giesskanne in der Hand, aus der ein gewaltiger Wasserstrahl sich ergoss auf die Buben und Mädchen unten.

»Der Herr Konrad und der Herr Rudolf!« lachten die Kinder auf.

»Unsere Katzenmusik! Und da steht der Lustige Herr Mössmer! Das ist ein Lärm gewesen!«

Und so ging es weiter. Unter immer neuem Freudengeschrei der Kinder zogen die Erlebnisse des Schuljahres an ihnen vorüber.

Auf dem dritten Bild war Herr Schwarzbeck selber zu sehen mit seinem grossen Hut. Rechts Buben und links Mädchen, und auf der Seite hinten ein Eisenbahnzug. An der rückwärts ziehenden, mächtigen Rauchwolke erkannte man, dass er in voller Fahrt davoneilte.

»Oh, oh, das ist, wo wir den Zug verfehlt haben!«

»Ja, und das da vorn bin ich!« schrie Sara. »Weisst du noch, Marie Hug, wie wir schrecklich geweint haben!«

Die weinenden Mädchen waren ungemein deutlich dargestellt. In vielen, dicken Tropfen fielen die Tränen von den vor Jammer vorgeneigten Gesichtern auf den Boden.

Es folgte ein Bild mit dem alten Mann und dem jungen Äffchen; der Mond stand über den Tannen, und das dünne Schwänzchen des kleinen Affen hing traurig über den Rücken seines Herrn herunter.

Dann kam die gedeckte Brücke. Es sah sehr kriegerisch aus: Die bewaffnete Schar der Leuenhofer. Von den Feinden sah man nur ein paar Köpfe aus der Brücke herauslauern.

Besonders schön war die Darstellung des Spiels im Spital: Die Wasserwogen, das Schiff mit dem »braven Mann« und die bedrohte Zöllnerfamilie, die die Hände zum Himmel emporstreckte.

Wirklich fein hatte Ernst Hutter das gezeichnet.

Das nächste Bild: eine Gasse; an der Mauerecke ein Laternenlicht, das lange Strahlen verbreitete und in der Gasse eine Frau und ein Kind, beide mit ausgebreiteten Armen. Am Boden stand eine Reisetasche.

»Anneli – das bist du!«

Anneli nickte glücklich im Gedanken daran, dass es in ein paar Tagen seine Mutter wieder habe und ganz bei ihr bleiben dürfe.

Dann kam Nuschka daran. Nuschka, im Laden hoch oben auf der Treppenleiter, mit ihrem grossen Federhut und dem Papagei auf der Hand und einem wilden Gesicht, für das Ernst Hutter sich besondere Mühe gegeben.

»Ja, da war ich noch ein ganz böses Kind«, bestätigte Nuschka lachend.

Der grösste Jubel aber entstand beim letzten Bild:

»Der Humpump! – Die Wiesenfrau! – Das Küchengeistlein! – wie greulich, wie komisch, wie grässlich, wie lustig –!« ertönte es durcheinander.

Ja, da standen sie in einer Reihe, die sämtlichen Fratzengestalten. Die Feuerköpfe mit ihren Glotzaugen bildeten links und rechts den Abschluss. Das Gelächter wollte gar nicht aufhören.

»Oh, halt! noch nicht weg, bitte, Herr Schwarzbeck! Wir haben es noch nicht recht gesehen – haha! Der Hals von der Wiesenfrau!«

Schliesslich aber machte Herr Schwarzbeck ein Ende, indem er die Läden aufstiess.

»Jetzt geht hinaus in die schöne Sonne. Nachher holt ihr hier noch eure Hefte und Zeichnungen!«

»Ja, hinaus in den Hof!« Das gehörte auch zum Examennachmittag. Alle Spiele noch einmal machen, die man das Jahr hindurch gespielt hatte. Die Buben ihre Ballspiele und die Mädchen ihre Versteckens und Eckenfangens und Ringelreihen.

Hoch flogen die Bälle in die klare Abendluft; hell klangen die Stimmen der Mädchen bei ihrem »König-, Königstöchterlein«, oder dem »Gling, Glang, Gloria.« –

Endlich aber schlug es sechs Uhr.

Eva Imbach, Ottilie Eggenberg und Netti Tobel setzten sich auf die Bank beim Leuen. Die anderen Mädchen traten herzu. Alle fühlten plötzlich, dass sie müde seien von der Luft und dem Spiel des Nachmittags. Auch die Buben hörten auf.

»Heut ist es das letzte Mal, dass wir als Leuenhofer da sitzen«, sagte Eva, und die Sechstklässler sahen sich an und wurden fast ein bisschen ernsthaft.

Ja, zum letzten Mal! Zum letzten Mal war man als sechste Klasse beisammen. Dann verteilte man sich in alle Winde. Die einen kamen in die Sekundarschule, ein paar in die siebte Klasse. Ernst Hutter und Gustav Brenner gar kamen fort nach Münsterau, ins Gymnasium.

Wie seltsam zu denken: ein anderes Schulhaus. Nicht mehr der alte, liebe Leuenhof. Neue Lehrer, neue, unbekannte Mitschüler und neue Lehrfächer.

»Jetzt müsst ihr dann Französisch lernen«, wandte sich Sara an die Sechstklässler. »Mit la plüm und la tabel und lö liwer fängt es an. Ich weiss es von meinem Bäschen, und dann kommt schäh, tü a, il a, nus awong ...«

»Lateinisch kannst du natürlich auch«, sagte Walter Kienast. »Du könntet uns ja Privatstunden geben über die Ferien.«

Gegen alle Gewohnheit erwiderte Sara nichts. Auch ihr kamen auf einmal so viele Gedanken. Wie oft hatten die grossen Buben sie geneckt, und wie oft hatte sie sich mit ihnen herumgezankt, und jetzt war die ganze sechste Klasse dann auf einmal nicht mehr da.

»Jetzt müssen wir dann die Grossen sein«, sagte Sophie Berchtold.

Das konnte man sich noch gar nicht vorstellen. Ohne Eva und Ottilie, die immer angaben, was zu tun war.

Und stiller und ruhiger als sonst gingen die Kinder mit Herrn Schwarzbeck heim.

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