Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ida Bindschedler >

Die Leuenhofer

Ida Bindschedler: Die Leuenhofer - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
titleDie Leuenhofer
authorIda Bindschedler
created20001101
senderh.guhl@bluewin.ch
Schließen

Navigation:

Das verschwundene Reisszeug.

In der sechsten Klasse war ein blasser, magerer, ein wenig kränklicher Bub mit Namen Georg Hammerbach, den die anderen nicht recht leiden mochten. Er schaute so von unten herauf, sprach wenig und machte oft, wenn die Kinder etwas Lustiges unternahmen, nicht mit.

»Es ist gar kein rechter Leuenhofer«, sagten manchmal die Buben. »Und dann – wenn man daran denkt –«

Herr Schwarzbeck hatte zwar die Kinder ermahnt, nicht mehr daran zu denken. Das sei jetzt vergangen und verziehen und Georg Hammerbach werde nie mehr so etwas tun. Aber ganz vergessen konnten die Kinder es doch nicht.

Es war vor ungefähr einem Jahr gewesen. Das Bilderstechen war damals ein besonders beliebtes Spiel. Solche Spiele kamen bei den Leuenhofer Kindern auf und verloren sich wieder. In jenem Frühjahr also trieben die Buben und Mädchen alle in der freien Zeit das Bilderstechen.

Es ging so: Jedes der Kinder hatte zwischen die Seiten irgend eines alten Buches eine Anzahl von Bildchen verteilt; bunte Blumen, Landschaftsbildchen, auch etwa Ausschnitte aus Katalogen oder Zeitschriften, selbstgefertigte Lesezeichen und Sterne aus farbigem Papier oder getrocknete aufgeklebte Blumen oder blaue und rote durchsichtige Blättchen, die sich bogen, wenn man darauf hauchte und die man Menschenhaut nannte.

Bevor das Spiel begann, beschaute man sich die Gewinne, und bei dem, dessen Buch kein schön gespicktes war, bei dem stach man nicht.

Das Spiel bestand nämlich darin, dass man mit einem Falzmesser oder einer starken Stecknadel zwischen die Blätter des vom Gegner zugehaltenen Buches stach. Was man zwischen den aufgeschlagenen Seiten fand, das hatte man gewonnen. Der Augenblick des Stechens war sehr spannend.

Nun hatte Netti Tobel ein besonders reichgefülltes Buch besessen. Ihre Tante hatte ihr eine Menge Bilder aus einem alten Stammbuch geschenkt. Man stritt sich darum, in Nettis Buch zu stechen.

Eines Morgens kam Netti Tobel jammernd daher; sie habe ihr Stechbuch nicht mehr. Gestern nachmittag, im Schopf bei Hedwig Bühler, habe sie es noch gehabt und dann zu Hause sei es auf einmal nicht mehr in ihrem Korb gewesen.

Die Buben und Mädchen, etwa ein Dutzend, die auch im Schopf von Hedwigs Vater gewesen waren, besannen sich.

Ja, zuerst hatte man Bilderstechen gemacht und dann noch auf den Brettern geschaukelt.

»Du wirft es halt auf dem Heimweg verloren haben«, sagten sie.

Nein, beteuerte Netti, das sei nicht möglich; sie habe es nach dem Stechen in ihren Korb gesteckt.

»Dann hat zu Hause deine kleine Schwester es vielleicht herausgezogen und irgend wohin verschleppt.«

Netti schüttelte den Kopf, suchte aber dich zu Hause, und am Abend suchten die Leuenhofer eifrig im Schopf und fragten in der Schreinerei nach. Alles war aber umsonst. Das Buch kam nicht zum Vorschein.

Eines Abends, zwei Tage später, als ein Teil der Leuenhofer Kinder am Wendeltor Laufball spielte, kam ein Bursche auf sie zu. In der Hand hielt er ein Buch. Er war Lehrling in Bühlers Schreinerei.

»Ist das hier das Buch, von dem seit vorgestern immer die Rede ist?«

Wahrhaftig, es war das Buch, Nettis verschwundenes Stechbuch. Und dann erzählte er, er habe zum Schlosser Salzmann müssen; weil es pressiert habe, sei er durch das Petersgässchen gegangen; von da könne man über die niedere Mauer springen und komme dann durch das Höflein der Frau Hammerbach und von dort in ein paar Sätzen zum Schlosser.

Wie er aber von der Mauer heruntergesprungen sei, habe er den Georg gesehen in dem Gartenhäuschen, der sei zusammengefahren, und er, der Fritz, habe zu ihm gesagt: »Brauchst nicht zu erschrecken, ich bin’s bloss!«

Aber der Georg habe nicht aufgeschaut, sondern habe rasch ein Buch vom Tisch gezogen und habe drauf sitzen wollen, um es zu verstecken. Das Buch sei aber heruntergefallen.

»He, was hast du da zu verbergen?« habe er gefragt. Aber wie er sich hinter die Bank bückte, sei der Georg ohne Antwort zu geben ins Haus gerannt und habe die Türe zugeschlagen.

Nettis Buch ging von Hand zu Hand. Die Bilder waren alle noch darin. Aber der Georg, – also so einer war er! –

Herr Schwarzbeck war sehr betrübt, als er am anderen Morgen die Geschichte hörte.

Georg machte zuerst ein verstocktes Gesicht. Aber als Herr Schwarzbeck allein mit ihm sprach, da fing der Bub an zu weinen. Mit vielem Fragen brachte Herr Schwarzbeck endlich mühsam aus dem Buben heraus, er habe der Mutter wollen eine Schachtel machen zum Geburtstag und die Bildchen darauf kleben.

»Aber Georg«, sagte Herr Schwarzbeck, »wie konnte dir so etwas einfallen! Wenn deine Mutter am Geburtstag sich über die Schachtel gefreut hätte, so hättest du ja heimlich dich schämen müssen und Angst haben. Und jedesmal, wenn die Mutter die Schachtel hervorgenommen hätte, so würde es dir einen Stich gegeben haben im Herzen, und hundertmal würdest du gedacht haben, wenn ich doch dem Netti das Buch nicht genommen hätte.« –

Herr Schwarzbeck redete dem Georg noch recht zu, dass er so etwas nie mehr tun solle. Er gab ihm auch eine Strafe. Dann aber war er wieder gut mit ihm, wie mit allen anderen Kindern.

Das war vor einem Jahr gewesen.

Da, Ende Januar, gab es wieder etwas.

Auf einmal hatte Gustav Brenner sein Reisszeug nicht mehr. Das schöne Reisszeug, das er von seinem Paten bekommen hatte. Inwendig war das Etui mit dunkelblauem Samt ausgeschlagen, und da lagen verschiedene Zirkel, eine Reissfeder, ein kleines Lineal, ein Transporteur und ein niedliches Winkelmass, auch ein Stückchen Tusch und zwei Porzellanschälchen. Herr Schwarzbeck sagte immer, es sei viel zu schön für einen Sechstklässler. Aber es machte Gustav Brenner doch Freude, es in der Geometriestunde zu brauchen.

Da – an einem Dienstagnachmittag war das Reisszeug nicht mehr da! An der Seitenwand des Schulzimmers stand ein grosser Schrank; er war alt und etwas baufällig, aber Herr Schwarzbeck mochte ihn gern, weil er aus schön gemasertem, dunklem Nussbaumholz war und allerlei Fächer und Schubladen hatte.

In eine der Schubladen durften die Buben und Mädchen manchmal einen Teil von ihren Schulsachen legen. Gustav Brenner meinte sicher, er habe sein Reisszeug am Samstag da hinein getan. Aber als er es herausnehmen wollte, war es nicht mehr da. Nicht da und auch sonst nirgends. Man suchte und suchte. Es war umsonst.

Herr Schwarzbeck und die Kinder besannen sich: Es war am Samstag am Schluss der Zeichenstunde etwas stürmisch zugegangen.

Alwine, das Unglückskind, hatte ein grosses Glas mit blauer Wasserfarbe umgestossen, gerade über einen Stoss fertiger Zeichnungen. Da war ein Tumult und eine Unordnung entstanden. Aber geradezu vom Erdboden verschwunden konnte das Reisszeug deswegen doch nicht sein. Man fragte Frau Beyel, die seit mehr als dreissig Jahren die Schulstube besorgte. Sie wusste auch nichts.

Herr Schwarzbeck machte ein sehr ernstes Gesicht.

»Kinder«, sagte er, als die Buben und Mädchen vom Suchen ganz aufgeregt endlich an ihren Plätzen sassen, »Kinder, – die Sache ist ganz unbegreiflich, aber nicht wahr, das ist doch sicher – ich hab’ doch lauter ehrliche, brave Leute vor mir. Ich muss doch nicht denken, dass eines unter euch sei, das etwas nähme, was ihm nicht gehört?«

»Nein, Herr Schwarzbeck, nein«, riefen die Buben und schüttelten ihre Köpfe, aber alle Buben und Mädchen sahen zurück, wo auf der hintersten Bank Georg Hammerbach sass und jetzt den Kopf senkte.

»Ganz rot wird er«, tuschelten die Buben und Mädchen. »Sehr einmal, ganz rot!«

»Das will nichts sagen«, wehrte Herr Schwarzbeck. »Es kann jemand ein gutes Gewissen haben und doch rot werden, besonders, wenn alle Blicke sich auf ihn richten. Lasst das! Plagt ihn nicht!«

Die Kinder drehten ihre Köpfe wieder, versuchten aber nach links und rechts den Nachbarn bedeutungsvoll zuzunicken.

Herr Schwarzbeck trat vor Georg Hammerbach: »Georg, hast du das Reisszeug genommen?«

Georg schüttelte den Kopf und sah dann scheu zu den Kindern hinüber.

»Gelt, wenn du es genommen hättest, würdest du es mir tapfer sagen?« Zweimal wiederholte Herr Schwarzbeck die Frage.

»Ich hab es nicht genommen«, sagte Georg und neigte den Kopf und sah wieder so von unten herauf, wie es seine Gewohnheit war.

»Ich möchte dir gern glauben, Georg«, sagte Herr Schwarzbeck. »Es wäre sehr, sehr schlimm und du würdest mir von Herzen leid tun, wenn du mir eine Unwahrheit gesagt hättest. Wir reden später noch einmal zusammen.«

Mit einem heimlichen Seufzer begann Herr Schwarzbeck den Unterricht.

Am Abend hiess es auf dem Spielplatz, Herr Schwarzbeck sei bei Frau Hammerbach gewesen, die mit ihrer älteren Tochter eine Krawattennäherei hatte. Er habe lange mit Georg geredet und mit Frau Hammerbach; sie habe geweint und auch auf den Georg eingeredet und gesagt, er sei ein so seltsamer Bub. Aber sie hoffe doch zu Gott, dass er das Reisszeug nicht genommen habe. Die Geschichte mit dem Buch von Netti Tobel habe ihr schon Kummer genug gemacht.

»Gelt, Georg, du wirft doch nicht so eine Schande über uns bringen? Gelt, Georg, du hast es nicht getan?«

Georg schüttelte wieder nur den Kopf und machte seinen Arm los, den die Mutter gefasst hatte.

Oft während des Unterrichts in den nächsten Tagen sah Herr Schwarzbeck den Georg an. Wenn er es doch getan hätte –? Dann aber schlug er sich den Gedanken gleich wieder aus dem Sinn. Nein, so kann der Georg mich nicht anlügen. Nein, er hat es nicht getan. Er ist sicher unschuldig, der arme Bub!

»Der arme Bub«, sagte er auch zu den Kindern. »Denkt euch doch, wie arg es euch zumute wäre, wenn man von euch etwas Böses dächte und euch nicht glauben wollte, wenn ihr schon immer sagt, ihr habt es nicht getan.«

»Ja, Herr Schwarzbeck«, sagte Gustav Brenner, »aber weil er halt jenes Mal das Buch von Netti Tobel genommen hat.«

Die Buben und Mädchen standen, wie oft vor dem Beginn des Unterrichts, um Herrn Schwarzbeck herum und dann durfte man ganz frei plaudern.

»Das ist nun schon lange her; seitdem ist Georg klüger geworden und, denk ich, auch besser. Die Sache mit dem Buch war ihm sicher arg und da hat er sich gewiss vorgenommen, er wolle nie mehr so etwas tun.«

Ganz konnte aber Herr Schwarzbeck nicht verhindern, dass die Kinder gegen Georg ihr Misstrauen merken liessen. Früher beim Spiel hatten sie doch manchmal dem Georg, wenn er auf der Seite stand, zugerufen: »Komm, mach mit! Wir können noch einen brauchen zum Schwarzen Mann.« Das geschah jetzt nie mehr.

Oft, wenn er an ihnen vorbeiging, schaute der eine oder andere absichtlich und naserümpfend weg. Einmal, als Kienast sein neues Notizbüchlein auf der Bank hatte liegen lassen, rief das freche Kasperli: »Gib acht, Kienast! Weisst, in dieser Stube kommen manchmal Sachen weg!«

Ganz aufgebracht aber wurden die Leuenhofer Kinder, als auf der Strasse die Sekundarschüler anfingen, sie zu necken: »Ihr habt nette Leute unter euch! Wohl! Ihr braucht euch etwas darauf einzubilden, Leuenhofer zu sein!«

»Er nimmt unserer ganzen Schule die Ehre!« sagten die Sechstklässler. »Man kann sich bald nicht mehr zeigen im Städtchen.«

»Wenn er es aber nicht getan hat!« erwiderten Eva Imbach und Ottilie Eggenberg. »Herr Schwarzbeck sagt immer, er glaube es nicht.«

So ging es hin und her. Auch im Städtchen sprach man von der Sache und zuckte die Achseln.

Eines Tages kam Georg Hammerbach nicht zur Schule. Er sei krank, erzählte seine Schwester Berta dem Herrn Schwarzbeck auf dem Marktplatz. Er habe es wieder auf der Lunge wie die letzten Jahre auch im Februar und März. Er müsse im Bett bleiben.

Fast war es Herrn Schwarzbeck recht, dass die Krankheit, wenn sie doch sein musste, gerade in diese Zeit fiel. In ein paar Wochen, wenn Georg dann gesund wieder komme, würde die Sache doch etwas vergessen sein oder, was Herr Schwarzbeck immer noch hoffte, das Reisszeug wieder aufgefunden. Man hörte ja oft, wie verlorene Sachen auf ganz merkwürdige Weise wieder zum Vorschein kamen.

Nach einigen Tagen aber hiess es, diesmal habe es den Georg stärker gepackt. Er habe Fieber und huste die Nacht hindurch und wolle nicht essen.

Herr Schwarzbeck ging hin, um ihn zu besuchen. Frau Hammerbach empfing ihn an der Haustüre und sagte, dass Georg eine schlechte Nacht gehabt habe und jetzt schlafe.

»Ich komme ein anderes Mal«, entgegnete Herr Schwarzbeck und zog ein paar Orangen aus der Rocktasche.

»Wie der Georg sich freuen wird, wenn ich ihm erzähle, der Herr Schwarzbeck habe ihn besuchen wollen«, sagte Frau Hammerbach, indem sie die Orangen entgegennahm. »Er sagt immer, der Herr Schwarzbeck glaubt es, dass ich das Reisszeug nicht genommen habe, der glaubt es.«

»Denkt denn Georg jetzt in seiner Krankheit noch an die Geschichte?«

»Ach, die ganze Zeit, Herr Schwarzbeck! Die ganze Zeit! Er schwatzt jetzt überhaupt viel mehr, als wo er noch gesund war. Da hat man manchmal die längste Zeit kein Wort aus ihm herausgebracht. Jetzt geht es oft Viertelstundenlang fort, und immer halt das schreckliche Reisszeug. Man solle es den Kindern in der Schule sagen, so fängt er immer wieder an, dass er das Reisszeug nicht genommen habe, besonders dem Himperlein, damit es nicht mehr so Grimassen mache. Und den Sekundarschülern müsse man es auch sagen, damit sie ihm nicht mehr nachrufen, wenn er wieder in die Schule gehe.« –

»Aber Georg, hab ich heut morgen wieder gesagt, lass das jetzt einmal sein; es glaubt ja niemand mehr, dass du das Reisszeug genommen hast. Ich sage ihm das immer zum Trost. Ich weiss wohl, dass geredet wird im Städtchen. Vorgestern ist die Berta heimgekommen und hat geweint. Sie ist zu Frau Haldenreuter in den Laden gegangen wegen Seife, und da seien Emilie Rott und Anna Pilgerstein dort gewesen, mit denen sie konfirmiert worden ist, und die haben auf einmal aufgehört zu reden und die Berta so sonderbar angesehen; sie habe gut gemerkt, dass man von der Sache gesprochen habe.«

»Und der Bub lässt es sich auch nicht ausreden?« fragte Herr Schwarzbeck.

»Mutter«, sagt er immer wieder, »solange das Reisszeug nicht zum Vorschein komme, könne man mir nicht glauben, haben sie in der Schule gesagt.«

Die Mutter wischte sich die nassen Augen. »Dass er jetzt zur Krankheit auch noch das haben muss!«

Herr Schwarzbeck schüttelte den Kopf.

»Das darf nicht sein! Nein! Das darf nicht so weitergehen. Der arme, arme Bub!«

»Nicht wahr?« Frau Hammerbach sah Herrn Schwarzbeck dankbar an. »Er ist wohl ein eigener, der Georg; aber bös ist er nicht. Er hilft mir, wo er kann. Er wischt den Hausgang und putzt die Schuhe; und Kaffee machen kann er auch schon ganz nett. Ich hab manchmal so eine Angst, Herr Schwarzbeck. Es wird mir mit dem Georg doch nicht gehen wie mit dem Mimeli selig; es war grad so alt, wie es gestorben ist.«

Herr Schwarzbeck suchte sie zu beruhigen und drückte ihr die Hand. Dann ging er nachdenklich davon.

Frau Hammerbach machte sich an ihren Krawattenkorb und nähte eifrig. Von Zeit zu Zeit sah sie hinüber zu Georg.

Nach kaum einer halben Stube erwachte er und sie ging mit den Orangen zu ihm hin.

Georg wurde rot vor innerer Freude, als er hörte, dass Herr Schwarzbeck ihn habe besuchen wollen; er behielt die Orangen in der Hand und roch daran.

»Am Abend zerschneidet die Berta dann eine, weisst du, so künstlich in einen Stern«, sagte die Mutter.

»Ja«, erwiderte Georg. »Einmal hat Eva Imbach in der Pause auch eine so zerschnitten.« Er sah vor sich hin und sein Gesicht bekam auf einmal wieder einen sorgenvollen Ausdruck.

»Weisst, Mutter – es ist halt wegen – wegen dem Buch von Netti Tobel, dass sie mir nicht glauben. Wenn das nur nicht gewesen wäre – gelt, Mutter.«

Die Mutter seufzte. »Du musst nicht immer daran denken, Georg!« wehrte sie.

»Ja, weisst Mutter, ich muss halt«, sagte Georg. »Das denkt immer so von selber in meinem Kopf. Immer weiter, wenn ich schon nicht will. Weisst, so ringsum, immer das Reisszeug und dann dem Netti Tobel sein Stechbuch und dann wieder das Reisszeug.«

»Probier manchmal ein wenig zu rechnen«, riet die Mutter: »Das sei gut für’s Einschlafen, hat mein Vater immer gesagt. Sag einmal das Einmaleins auf!«

Die Mutter ging an ihren Nähtisch zurück und arbeitete beruhigt weiter, als sie aus dem Kämmerlein halblaut hörte: fünf mal sieben ist fünfunddreissig, sechs mal sieben ist zweiundvierzig. Nach einer Weile hörte es aber wieder auf.

Frau Hammerbach sah mit der Arbeit in der Hand hinüber.

»Das hilft mir nichts, Mutter; das ist zu leicht«, sagte Georg.

»So probier es mit dem grossen Einmaleins«, schlug die Mutter vor. »Ich kann es nicht. Aber ich habe schon gehört, es gebe ein grosses.«

»Das haben wir noch nicht gehabt«, erwiderte Georg.

»Oder dann ein Gebet! Ein Gebet ist immer das Beste. Das ist so ein schönes:

Müde bin ich, geh zur Ruh
Schliesse meine Augen zu« –
– »Vater lass das Auge dein
Über meinem Bette sein«

fuhr Georg willig fort:

»Hab ich Unrecht heut getan« ...

Leise sagte er das ganze Gebet zu Ende. Als die Mutter wieder hereinsah, hatte er die Augen geschlossen. Sie wusste nicht recht, ob er schlafe; aber sie war so froh, dass er ruhig war und winkte Berta, die hereinkam, recht still zu sein.

In der Nacht jedoch ging es wieder an.

»Mutter« – flüsterte Georg von seinem Bett herüber – man merkte an seiner Stimme, dass er ganz hell wach war – »Mutter, gelt, aber der liebe Gott weiss, dass ich das Reisszeug nicht genommen habe?«

»Der liebe Gott –?« Die gute Mutter war gerade eingeschlafen. »Ja, ja. Der liebe Gott weiss es ganz gewiss.« –

»Ich möchte halt nicht, dass, wenn ich etwa sterben würde und in den Himmel käme, dass es der liebe Gott nicht wüsste« – fuhr Georg fort.

»Was redest du auch vom Sterben«, sagte die Mutter erschrocken. »Behüte uns! Du stirbst nicht, Georg, du wirst bald wieder ganz gesund. Und dann sind wir wieder vergnügt zusammen, du und die Berta und ich. Und dann gehen wir im Sommer zum Vetter nach Weltishofen und die Base bäckt uns von ihren Salbeiblättern Mäuslein.«

»Ich mag keine Mäuslein.«

»Ja im Sommer, wenn du wieder gesund bist, magst du sie ganz sicher. Wie hast du doch schnabuliert letztes Jahr. Und in die Erdbeeren gehen wir dann! Weisst du noch, den Wald ganz in der Nähe von Weltishofen –?«

»Ja«, sagte Georg jetzt, einen Augenblick erfasst von der schönen Erinnerung. »Ja, der Bub vom Vetter, der Konrad, ist auch dabei gewesen. Er hat die besten Plätze gewusst. Er geht in die Sekundarschule. Er –« Georg stockte, als ob er sich auf etwas besänne – »Du, Mutter, er hat fast ein gleiches Reisszeug wie Gustav Brenner –«

Der Mutter gab es einen Stich. Jetzt war man auf einmal wieder bei dem unglücklichen Reisszeug.

»Ich glaube gar nicht, dass es gleich war. Ich erinnere mich nicht«, suchte sie abzulenken. »Aber eine Armbrust hatte der Konrad, du weisst doch noch die Armbrust? Ihr habt hinter dem Haus geschossen –«

»Ja«, sagte Georg, aber man merkte, dass er nicht an die Armbrust dachte.

Die Mutter seufzte schwer. Das war doch zum Verzweifeln. Kummervoll horchte sie noch lange nach Georgs Kämmerlein, bis sie doch wieder einschlief, ermüdet von der schweren Tagesarbeit.

Herr Schwarzbeck schloss heute morgen seine Sprachstunde etwas früher. Er wollte mit den Kindern reden und winkte sie zu sich her. Sie stellten sich in dichtem Kreis um sein Pult herum.

»Es ist wegen Georg«, sagte Herr Schwarzbeck, und erzählte ihnen von seinem Besuch gestern bei Frau Hammerbach, und wie sehr der kranke Georg darunter leide, dass man ihn für einen Dieb halte.

»Das ist ganz furchtbar für ihn; das ist viel ärger als die ärgste Krankheit und als alle Schmerzen«, fuhr Herr Schwarzbeck fort. »Das geht an die Ehre. Ihr wisst doch, was das ist, «Ehre»? Ihr habt doch auch eine?«

Die Buben und Mädchen besannen sich. –

Ehre? Ja, das ist, wenn man es schrecklich ungern hat, dass die Leute etwas Unrechtes von einem glauben.

Herr Schwarzbeck lächelte: »Ja, so ungefähr. Die Hauptsache ist allerdings, dass man nichts Unrechtes getan hat. Dann hat man die inwendige Ehre und das gute Gewissen nicht verloren. Das hat ja auch unser Georg, das gute Gewissen; denn er ist unschuldig. Er hat das Reisszeug nicht genommen; davon bin ich fest überzeugt.«

Herr Schwarzbeck sagte das mit sehr ernster Stimme, und die Kinder hörten ihm ernsthaft zu.

»Wenn man aber mit anderen Menschen zusammenlebt, möchte man auch die äussere Ehre, den guten Ruf, besitzen. Es ist schrecklich, wenn man einem beides nimmt. Viel lieber um Geld und Gut kommen als um die Ehre. Georg ist bitter unglücklich, dass man sie ihm genommen hat. Wir müssen ihm helfen; er soll sie wieder bekommen. Wir müssen sehen, wie wir das anfangen.«

In diesem Augenblick klopfte es an die Türe, und der Herr Pfarrer trat herein. Er hatte mit Herrn Schwarzbeck etwas zu besprechen.

So schickte dieser denn die Kinder hinaus in den Hof zur Pause. Nachher könne er ja weiter mit ihnen reden.

Einen Augenblick sahen die Buben und Mädchen sich draussen an; es war eine so seltsame und wichtige Sache.

Dann aber ging es los. Sara Wiebold gewann zuerst die Rede wieder.

»Ja, das ist schrecklich, das weiss ich, wenn man in der Nacht immer an etwas denken muss! Einmal bin ich krank gewesen und habe Fieber gehabt und habe immer an eine grosse, grüne Eidechse denken müssen, und habe gemeint, ich sehe sie, wie sie über die Bettdecke zu mir herkroch. Immer, wenn ich noch so wollte nicht an sie denken, kam sie. Hu!« –

»Ach, Sara! Wie kannst du jetzt das vergleichen; die dumme Eidechse und das Reisszeug!«

»Das ist doch ganz etwas anderes für den Georg«, erwiderten die Kinder.

»Ja«, sagte Eva Imbach, »das ist doch tausendmal ärger für den Georg. Mich erbarmt er recht. Denn er ist unschuldig. Ihr habt gehört, wie es Herr Schwarzbeck wieder gesagt hat.« –

»Wenn jetzt nur das Reisszeug auf einmal zum Vorschein käme«, sagte Hans Kündig; »dann könnte man es machen wie in der schönen Geschichte, die ich einmal gelesen. Sie hiess «Der Ring des Königs.»Da ist auf einmal ein kostbarer Ring verschwunden, den der König besonders liebte, und man hatte Verdacht auf seinen Schreiber Theophilos. Der kam ins Gefängnis, wenn schon er immer sagte, er sei unschuldig. Da, nach vielen Wochen fand ein Edelknabe des Königs im Nest einer Elster den Ring. Der König beschloss nun den Schreiber besonders zu ehren, und als eines Tages Theophilos traurig in seinem Kerker sass, da ging die Türe auf, und der König kam mit seinen Hofleuten und brachte ihm Geschenke. Er wurde befreit; und der König machte ihn zu seinem ersten Vertrauten« –

»Ja«, sagte einer der Buben. »Wenn man jetzt nur auch das Reisszeug so fände.«

»Ja«, meinte ein anderer. »Aber mein Vater sagt allemal, es gehe halt im Leben nicht immer wie in den Geschichten« –

Die Buben und Mädchen sahen einander an. »Hört«, sagte dann aber Ernst Hutter, »Hört! Man könnte doch eine Ehrenrettung machen! Das würde den Georg noch mehr freuen, wenn man ihm sagen würde, auch ohne dass das Reisszeug gefunden sei, glaube die ganze Klasse an seine Unschuld.«

»Man müsste zuerst abstimmen, ob die ganze Klasse es glaubt«, warf Walter Kienast ein, die Hände nach seiner Gewohnheit in den Hosentaschen.

»Also! Stimmen wir ab!« rief Ernst Hutter.

»Wer es glaubt, der kommt daher zum Leuen«, schlug Eva Imbach vor und stellte sich mit ihren Freundinnen an die alte Steinsäule, wo Ernst Hutter und Nuschka schon standen.

Einige der Buben und Mädchen traten rasch herzu – auch das Himperlein – ohne sich zu bedenken; wenn doch Herr Schwarzbeck es so fest glaubte, und wenn doch der Georg in seinem Bett so traurig war!

Andere überlegten einen Augenblick, kamen dann aber auch. Es war doch eigentlich viel schöner, das Gute zu denken von jemand; man kam sich selber dabei wie besser und viel tapferer vor.

Als letzter blieb noch Walter Kienast drüben.

»Natürlich – das ist wieder der Kienast!« riefen alle hinüber.

»Es ist nur – wenn man halt an das Stechbuch denkt« sagte Kienast.

»Ach du!« rief Eva Imbach zornig. »Sei du nur nicht so. Jedes hat doch einmal etwas Unrechtes getan. Das wäre schön, wenn man dann immer fortfahren müsste! Es ist einem doch allemal leid, und dann tut man es eben grad nicht mehr. Jetzt komm nur auch hinüber!«

Walter Kienast kam.

»Aber du musst es fest glauben«, sagte Ernst Hutter, der die Sache recht haben wollte.

»Wenn ich’s nicht glaubte, käme ich nicht«, machte Kienast trocken.

Jetzt sahen die Kinder erst, dass Herr Schwarzbeck am Fenster stand und sie hereinrief. Der Herr Pfarrer schritt das Strässchen hinunter dem Wendeltor zu.

Die Kinder stürmten ins Schulzimmer. »Herr Schwarzbeck«, riefen sie, »wir haben eine Abstimmung gehalten! Alle sind auf der Seite von Georg Hammerbach, dass er unschuldig sei! Wir möchten eine Ehrenrettung machen, ja, wie in der Geschichte von dem Schreiber Theophilos. Erzähl doch Herrn Schwarzbeck die Geschichte vom Theophilos, Hans!«

Hans Kündig suchte sich vorzudrängen; aber er kam nicht recht zu Wort; alle redeten ihm drein und erzählten auch.

»Halt, nicht alle auf einmal. Nicht so hitzig!« mahnte Herr Schwarzbeck. Innerlich aber freute er sich über seine Leutchen.

Auf einmal fiel Walter Kienast dazwischen.

»Herr Schwarzbeck«, sagte er, »jetzt fällt mir’s ein, es nützt nichts; man kann doch nichts machen!«

Die Kinder schwiegen betroffen. Felix Kleinhans gab ihm einen Puff, wenn er auch noch nicht wusste, ob er ihn verdiene oder nicht.

»Herr Schwarzbeck«, sagte Walter Kienast und gab heimlich den Puff zurück. »Wenn bloss wir glauben, dass Georg Hammerbach das Reisszeug nicht genommen hat, aber die Sekundarschüler nicht und die Leute im Städtchen herum nicht« –

Die Buben und Mädchen sahen Herrn Schwarzbeck an. Hatte Walter Kienast recht? Nützte es nichts?

Aber Herr Schwarzbeck lächelte. »Wir werfen die Flinte nicht gleich ins Korn. Wenn im Städtchen die Meinung noch gegen unfern Georg ist, so müsst ihr nun euch für ihn wehren. Durch euer Gerede ist er eigentlich in Verdacht gekommen; jetzt müsst ihr ihn wieder heraushauen, wie man im Krieg sagt.«

Die Buben machten entschlossene Gesichter. Sie wussten noch nicht genau, wie Herr Schwarzbeck es meine; aber »wehren« und »heraushauen« und ein bisschen »Krieg«, das war immer etwas Feines.

»Die meisten von euch haben ein recht gutes Mundstück«, – aller Augen richteten sich auf Sara Wiebold, – »jetzt wendet es einmal einen Abend lang an. Sagt überall, wo ihr nur hinkommen könnt, was wir im Leuenhof von unserem Georg halten. Lasst nicht locker, bis ihr das ganze Städtchen auf unserer Seite habt. Ist das nicht ein schöner Kampf, einem Kameraden seinen guten Namen zurückzuerobern?«

»Ja, ja!« riefen alle, Mädchen wie Buben.

»Wir hauen ihn heraus! Wir hauen ihn heraus!«

Mit etwas Mühe ging es nun durch die zwei noch folgenden Stunden, und um zwölf Uhr rannten die Leuenhofer heim, als ob sie noch vor dem Mittagessen zum Sturm gegen die Meinung im Städtchen anlaufen wollten.

Und nun ergab sich, dass der Kampf gar nicht so schwer war. Schon um zwei Uhr, vor der Nachmittagsschule, konnten einige von gutem Erfolg berichten.

»Einmal bei uns in der Bäckerei und im ganzen Haus glaubt es niemand mehr«, erzählte Ottilie Eggenberg.

»Für die Sekundarschule haben es meine beiden Brüder übernommen«, meldete Felix Kleinhans. »Ja, und meine Schwester«, fügte Ernst Hutter bei. »Sie sagen es ihnen schon recht. Vielleicht stimmen sie auch ab. Und der Herr Labhart wird dann wohl auch helfen.«

»Ich werde sein den ganzen Abend im Laden«, erklärte Nuschka, »und jedem sagen, dass Georg es nicht getan hat und dass der serr schlecht ist, der es glaubt.«

Sara Wiebold kam erhitzt, aber mit wichtiger Miene als letzte in der Schule an. Sie hatte schon die ganze Mahlergasse und die kleine Rosengasse abgemacht.

»Ich hab es ja heut auf dem Heimweg gesagt«, hänselte Walter Kienast. »Wir brauchen uns gar nicht so zu bemühen; die Sara bringt’s allein zustande!«

Sara konnte ihm grad noch, bevor Herr Schwarzbeck den Unterricht begann, halb stolze, halb beleidigte kleine Grimassen schneiden.

Es war noch nicht sieben Uhr abends, als im Städtchen schon niemand mehr war, der nicht an Georg Hammerbachs Unschuld geglaubt hätte.

Zuerst fragte man noch ein bisschen hin und her. Woher man denn jetzt auf einmal so sicher sei? Ob das Reisszeug gefunden sei? Das nicht, hiess es dann; aber die Leuenhofer Kinder stehen wie ein Mann dafür ein, dass der Bub unschuldig sei, und der Herr Schwarzbeck sage es auch, und er und die Leuenhofer werden es wohl wissen; die kennen ja den Georg am besten. Nun, also dann werde es so sein, sagten die Dritten. Es sei überhaupt nicht recht gewesen, dass man den armen Buben in Verdacht gehabt habe. Er sei noch dazu so krank. Es sei überhaupt die Frage, ob er durchkomme. Freilich, es sei da einmal etwas gegangen mit einem Buch; aber das sei jetzt schon lange seither, und Hammerbachs seien sonst so brave Leute. Die Berta habe letzthin geweint. »Einmal ich habe gar nie daran geglaubt«, sagte Frau Haldenreuter.

»Ich auch nicht, ich eigentlich auch nicht!« stimmten ein paar andere Frauen ein, die auch dabei standen.

Schliesslich wollte gar niemand je einen Verdacht gehabt haben. Und alles bedauerte den Georg und seine Mutter und sagte, es sei doch nicht recht, jemand so ins Gerede zu bringen.

Es war grade zwölf Uhr. Georg sass aufrecht in seinem Kissen und löffelte langsam und etwas widerwillig die Griesssuppe, die Berta ihm gebracht hatte. Da ging die Haustüre, und Georg hörte draussen sprechen. Er horchte. Dann machte jemand leise die Türe seines Stübchens auf. Herr Schwarzbeck trat herein und hinter ihm die Mutter. Georg war es, als ob sie wieder weine.

Herr Schwarzbeck trat an Georgs Bett.

»Aha«, sagte er scherzend, »Jetzt hat er die Augen offen. Das letzte Mal wollte er nichts von mir wissen! Guten Tag, Georg! Wie geht es denn?«

Georg sah etwas verlegen nach der Mutter.

Herr Schwarzbeck aber setzte sich ans Bett.

»Jetzt horch, Georg«, sagte er. »Jetzt hab ich dir etwas ganz Prächtiges zu erzählen. Denk, die ganze Klasse lässt dir sagen, sie seien jetzt alle ganz, ganz sicher, dass du unschuldig seist. Und die Sekundarschule auch; sie lassen es dir extra sagen durch mich.«

Georg sah Herrn Schwarzbeck mit grossen Augen an, als ob er noch nicht recht begriffe.

»Ja, denk, das ganze Städtchen ist überzeugt von deiner Unschuld. Denk, Georg – kein einziger mehr weit und breit, der noch glaubte, dass du etwas Böses getan habest. Ich bin gestern abend noch im «Bären»gewesen; da hab ich den Herrn Pfarrer getroffen und den Herrn Gemeindepräsidenten; sie lassen dich beide grüssen, Georg. Denk, der Herr Pfarrer und der Herr Gemeindepräsident! Dass du mir jetzt nur nicht stolz wirst!« –

Georg war dunkelrot geworden; seine Augen leuchteten.

»Mutter!« rief er und richtete sich in die Höhe. »Mutter, keines im Leuenhof glaubt mehr, dass ich’s getan habe. Und in der Sekundarschule auch nicht mehr und im ganzen Städtchen niemand mehr, Mutter!«

»Ja, ja, ich weiss«, sagte die Mutter und trat ans Bett.

»Dann musst du aber nicht weinen«; Georg begriff nicht, dass die Mutter aus Freude weinte.

»Berta«, rief er dann. »Wo ist die Berta? Weiss sie es schon? – Man muss es ihr sagen!«

Georgs Stimme zitterte; man merkte, wie ihm das Herz klopfte. So gross war seine Freude, dass seine arme kleine Ehre nun wieder hergestellt war.

Herr Schwarzbeck legte die Hand auf Georgs Arm. »Nur gemach, lieber Bub. Du hast jetzt alle Zeit, dich zu freuen.«

Und dann erzählte Herr Schwarzbeck ihm von der Abstimmung im Leuenhof. Und wie alle auf Ernst Hutters Seite hinüber getreten seien.

»Der letzte, das kannst du dir denken, ist Walter Kienast gewesen. Der muss sich immer am längsten besinnen.«

»Ja«, sagte Georg. »Aber im Winter, beim Schlittschuhlaufen, hat er mich gelehrt Bogen fahren.«

»Eben«, nickte Herr Schwarzbeck. »Er meint’s ganz gut. Also kurz, eine glänzende Abstimmung war es. Und wenn der Leu hätte können, er wäre er auch noch von seiner Säule heruntergekommen und wäre auf Ernst Hutters Seite getreten.«

Georg lachte. Es war seltsam, wie das magere, kleine Gesicht, das so lange nicht mehr gelacht hatte, sich verzog.

»So«, schloss Herr Schwarzbeck, »und jetzt isst man ganz ruhig seine Griesssuppe und den schönen Spinat mit dem Ei, den die Berta da bringt, und dann legt man sich aufs Ohr und schläft ein langes Nachmittagsschläfchen, wie ein alter Ratsherr.«

Georg sah Herrn Schwarzbeck glücklich an.

»Ja, jetzt muss ich nicht mehr immer an das Reisszeug denken«, sagte er behaglich. Und während Herr Schwarzbeck draussen mit der Mutter noch sprach, atmete Georg ein paar Mal tief auf, als ob er versuche, ob es ihn nicht mehr drücke auf dem Herzen. Nein, die Last war fort.

Am Nachmittag schien die Märzsonne hell in Georgs Stübchen. Die Mutter kam leise herein und sah, dass Georg erwacht war. Er lag ganz wohlig da und blinzelte mit den Augen.

»Was ist doch das für ein Glück«, dachte sie vor sich hin. »Nein, der liebe Gott meint es dann allemal doch wieder gut mit einem. Ganz ein anderer Bub ist er, der Georg.«

Sie überlegte, ob sie ihm schon die Milch bringen wolle.

»Einmal zu Mittag hat es ihm geschmeckt. Seit er krank ist noch nie so. Vielleicht kommt jetzt der Appetit wieder!«

Da ertönte von der Gasse herauf ein Gesang. Ein Gesang von Kinderstimmen. Es war das liebe einfache:

»Weisst du, wie viel Sternlein stehen
Dort am blauen Himmelszelt.« ...

Was war doch das?

»Mutter! Horch«, rief Georg.

Von draussen aber kam Berta herein.

»Die Leuenhofer sind es! Sie singen dir! Damit du eine Freude habest. Und weil es ihnen so leid sei.« –

»Extra wegen mir sind sie gekommen – .«

Wieder stieg eine Röte in Georgs Gesicht auf.

»Horcht – jetzt kommt die zweite Strophe! Man hört ganz gut den Arnold Zwickel und den Robert Kaiser; das sind die besten in der zweiten Stimme«, flüsterte er.

Er lauschte. Es wurde ihm ganz seltsam ums Herz. In die Augen kamen ihm Tränen. Er merkte jetzt auf einmal, dass man weinen könne, wenn einem sehr wohl zumut sei. Dann lächelte er wieder vor sich hin.

Drunten begann ein neues Lied.

»Das ist der Butzemann! Das ist furchtbar lustig. Horcht.« –

»Es geht ein Butzemann in unserm Haus herum, didum ...«

Leise summte Georg mit. Dann sah er wieder die Mutter an.

»Du – wegen mir extra sind sie gekommen!«

Das Lied drunten war zu Ende. Es klopfte an die Türe. Als Berta aufmachte, traten Eva Imbach und Ottilie Eggenberg, Ernst Hutter und Walter Kienast herein. Eva trug einen schönen, gelbblühenden Tulpenstock. Ottilie hatte einen Strauss Märzenglöcklein, Ernst eine kleine Flasche Himbeersaft und Walter ein dunkelblaues Mäppchen.

Etwas verlegen blieben die Kinder an der Türe stehen. Georg sah doch recht fremd aus in seinen weissen Kissen.

Frau Hammerbach aber kam ihnen entgegen.

»Nein aber, was denkt ihr auch! Nein, so schöne Tulipanen und Märzenglöcklein. Sieh doch, Georg! Und der prächtige Saft und das nette Mäppchen!«

»Es sind Bildchen drin«, erklärte Ottilie. Eva Imbach aber trat zu Georg.

»Die ganze Klasse lasse dich grüssen«, richtete sie aus, »und es sei ihr schrecklich leid, dass man nicht nett gegen dich gewesen sei, und du sollest nicht mehr bös sein.« –

Georg war bei allem Glück doch auch ein wenig verlegen.

»Ich lasse auch alle grüssen«, sagte er. »Ich bin nicht bös. Ich weiss schon«, sein Gesicht bekam noch einmal ein bisschen einen schmerzlichen Ausdruck, »es ist halt wegen dem Netti Tobel seinem Buch, dass ihr es gemeint habt.« –

Die Kinder wussten nicht recht, was sie sagen sollten.

Aber Herr Schwarzbeck war auch eingetreten.

»Das ist jetzt vorbei«, sagte er. »Das hast du hundertmal gebüsst. Das hat der liebe Gott dir längst verziehen, und Netti und wir alle haben es vergessen, und du denkst nun auch nimmer dran und tust heut und morgen und übermorgen bloss dich freuen.«

Georg lächelte wieder glücklich und nahm den Strauss Märzenglöcklein in die Hand und roch daran, während Ernst Hutter und Walter Kienast die Bilder vor ihm ausbreiteten.

»Siehst du«, sagten sie, »alle haben ihre Namen hingeschrieben, damit du weisst, von wem jedes Bild ist.«

Und nun begann eine lebhafte Unterhaltung über die Bilder.

»Sieh, wie hübsch die Tellskapelle im Mondschein; die ist von Robert Kaiser – und da, die Eidgenossen mit Hans von Hallwyl vor der Schlacht bei Murten; das ist von mir. Und das nette Kränzchen von getrocknetem Moos hat Hedwig Bühler selbst gemacht. Und da, das feine Normannenschiff . – Nein, und sieh einmal, das Bildchen von Nuschka kann man aufmachen; dann sieht man eine Taube drin auf einem roten Abendhimmel. – Und da, auf dem sind die Schweizer Kantonswappen – kennst du alle, Georg? Weisst du überhaupt die Kantone der Reihe nach?«

»Halt, halt«, wehrte nun aber Herr Schwarzbeck. »Heute hält man keine Geographie- oder Geschichtsstunde. Sonst zankt uns der Herr Doktor. Ein knappes Viertelstündchen hat er erlaubt. Das ist jetzt um. Sagt eurem Kameraden Leb wohl und singt unten noch ein Schlusslied. Was möchtest du gern hören, Georg?«

Georg besann sich.

»Morgenrot, Morgenrot hab ich am liebsten.«

»So etwas Ernstes? Nun also! Gelt, wenn man froh ist, sind gerade die ernsten Lieder die schönsten.«

Die vier Kinder gingen. Und das alte Reiterlied klang herauf. Georg legte seinen Kopf etwas müde, aber mit glücklichem Gesicht in die Kissen und lauschte. Die Mutter und Berta standen unter dem Fenster, und die Nachbarn auf der Gasse und in den Häusern hörten zu und nickten freundlich zu Frau Hammerbach hinüber.

Am anderen Tag sprachen die Leuenhofer Kinder die Pausen hindurch fast nur von Georg, wie er sich gefreut habe über die Blumen und die Bilder und wie er ganz anders dreingeschaut habe, viel freundlicher. Wenn er gesund sei, wolle man dann recht nett mit ihm sein.

»Ja, er muss immer mitspielen; er mag gewiss gern. Er ist nur manchmal so sonderbar gewesen und hat gemeint, man möge ihn nicht. Beim Laufball schlägt er famos.« –

»Ja, und wenn er zum ersten Mal wieder in die Schule kommt, machen wir um seinen Platz einen Kranz und ein weisses Schildchen mit «Willkommen»drauf! Ernst Hutter muss es machen oder Eva Imbach, so mit Gold und Schwarz. – Oder wir hängen es an die Türe und den Kranz drum herum.«

»Ja, da wird der Georg gucken! Da bekommt er dann wieder so rote Backen, wie gestern, wo wir ihm die Sachen gebracht haben!«

Die Buben und Mädchen konnten es kaum erwarten, bis Georg wieder komme.

Am ersten und zweiten Tag hiess es, es gehe Georg besser; er möge essen und sei so munter. Als aber am dritten Tag wieder ein paar Kinder kamen und fragten, ob sie ein wenig herein dürften, schüttelte Frau Hammerbach den Kopf.

»Leider nein. Der Herr Doktor erlaubt’s nicht. Georg hat mehr Fieber. Will’s Gott, ist’s morgen dann wieder besser.«

Es wurde morgen aber nicht besser und auch die folgenden Tage nicht. Es war, als ob Georgs Lebenslichtlein nur an dem schönen Tag seiner Ehrenrettung noch einmal aufgeflackert hätte, um dann umso rascher herunterzubrennen.

Er liege matt und fiebrig in seinem Bett, erzählte Frau Hammerbach bekümmert Herrn Schwarzbeck. Man wisse manchmal nicht, ob er schlafe oder nicht. Auf einmal zwischenhinein werde er wieder munterer, und dann müsse sie ihm allemal die Bilder herholen und er blättere sie durch: »Das ist von Eva Imbach«, sage er, »und das von der Nuschka, das von Arnold Zwickel und das von Walter Kienast.«

Bald aber schiebe er sie wieder weg und sehe so ins Leere hinaus und murmle allerlei, was man nicht verstehe.

»Wenn ich ihn dann frage, so sieht er mich so fremd an. Er ist manchmal nicht ganz bei sich selber. Gestern nacht hat er auf einmal wie vor sich hin gelacht und dann leis das Lied da von dem Butzemann zu singen angefangen. Es war unheimlich, so in der Nacht das lustige Lied. Das Stimmlein war so zittrig und schwach. Aber lieber doch das hören, als wenn dem armen Buben jetzt immer das Reisszeug in das Fieber hineinkäme. Wissen Sie, Herr Schwarzbeck, wie es vorher war, immer das Reisszeug! Gott sei Lob und Dank, das ist jetzt vorbei.«

Herr Schwarzbeck trat sachte ins Stübchen an Georgs Bett, fasste des Buben Hand und strich ihm über das Haar. Einen Augenblick schien der Bub ihn zu kennen und lächelte. Dann machte er ein ernsthaftes Gesicht, wie wenn er sich auf etwas besänne. »Alle zwölf Schritte ein Bäumchen«, sagte er, »wie viel Bäumchen braucht es, wenn die Strasse – wenn die Strasse « ... Georg stockte und drehte sich und schien wieder einzuschlummern.

Herr Schwarzbeck ging mit Frau Hammerbach hinaus und kehrte dann betrübt heim. Der Herr Doktor hatte ihm heute gesagt, dass er Georgs Zustand für hoffnungslos ansehe.

Und schon am Samstag darauf ging es mittags durchs ganze Städtchen, dass Georg Hammerbach gestorben sei.

Jedes der Leuenhofer Kinder, das am Nachmittag auf den Spielplatz vor dem Wendeltor ging, wollte die Kunde hinbringen. Aber jedes dort wusste sie schon.

Bestürzt und ernst sahen die Buben und Mädchen einander an. Gestorben war der Georg. Tot – wie traurig das war und wie seltsam! Dort auf den Brettern hatte er immer gesessen, wenn er nicht mitspielte und hatte zugeschaut. Jetzt kam er nie mehr daher vors Wendeltor – und nie mehr in die Schule. Und das Aufsatzheft, das er noch am letzten Tag angefangen hatte, schrieb er nie mehr fertig. Mit geschlossenen Augen lag er jetzt auf seinem Bett in der kleinen Stube. Und übermorgen legte man ihn ins dunkle, tiefe Grab.

»Das ist schrecklich, schrecklich«, sagte Ottilie Eggenberg schaudernd. »Er war so nett zuletzt, der Georg – Wisst ihr noch, wie er sich gefreut hat über die Bildchen! Mein Vater hat vorgestern noch gesagt, wenn es dem Georg besser gehe, dürfe ich ihm einen kleinen Gugelhopf bringen.« Ottiliens Augen füllten sich mit Tränen.

»Ob Herr Schwarzbeck schon weiss, dass Georg gestorben ist?« fiel es jetzt den Kindern ein.

»Ich gehe hin – ich auch!« Die ganze Schar nahm den Weg durch die Wendeltorgasse.

Herr Schwarzbeck stand in seinem Gärtchen. An seinem ernten Gesicht sahen die Kinder, dass er die Kunde vernommen hatte.

»Unser armer, guter Georg«, sagte er, als die Kinder ihm die Hände entgegenstreckten. »Wie traurig, dass wir ihn verlieren mussten! Ihr habt euch gefreut auf die Zeit, da er wieder in die Schule kommen würde. Ihr habt wollen recht gut und freundlich mit ihm sein –«

Betrübt sahen die Buben und Mädchen Herrn Schwarzbeck an.

»Jetzt können wir seinen Platz nicht bekränzen. Eva hat schon an dem «Willkommen»angefangen, und drum herum wäre eine Girlande gekommen.«

»Nein, seinen Platz könnt ihr ihm zum Willkomm nun nicht mehr schmücken; aber einen Kranz zum Abschied wollt ihr ihm doch noch schenken?«

»Ja, o ja! einen Kranz auf seinen Sarg! Gritli Wegmanns grosse Schwester kann so schöne Kränze machen. Die macht ihn uns gewiss, gelt, Gritli? Wir holen im Schättenwald Weissnen- und Rottannenzweige.«

»Wir haben im Garten Bux«, rief Walter Kienast. »Und wir Taxus und Zypressen –«

Die Kinder liefen eifrig davon. Einen recht schönen, grossen, dicken Kranz musste der Georg gekommen. –

Auf dem Tisch im Hausgang bei Wegmanns häufte sich das Grün. Und immer aufs neue kamen die Kinder mit Armen und Schürzen voll Zweigen.

Gritlis grosse Schwester und ihre Freundin wählten die Zweige aus und banden sie zu einem prächtigen festen Kranze. Und die Leuenhofer Kinder sahen zu und sprachen leise miteinander. Sophie Berchtold, die in der Nähe von Hammerbachs wohnte, erzählte, Georgs Mutter habe gesagt, sie dürften kommen und Georg noch einmal sehen.

»O, ich fürchte mich vor toten Menschen«, sagte Nuschka, die auch dabei stand, und hielt die Hände vors Gesicht.

Aber das sonst so stille Anneli Hertig versicherte, sein Vater, als er im Sarg lag, habe nicht zum Fürchten ausgesehen. Die Mutter sei lange mit ihm davor gestanden und habe gesagt, es solle ihn nur noch recht ansehen und ihn sein Leben lang nicht vergessen, den guten Vater. –

»Einmal wir gehen hin«, sagten die Buben. »Wir auch«, rief Eva, und Nuschka entschloss sich ebenfalls dazu, als Eva ihr sagte, sie fände es feig, nicht noch zum letzten Mal zu dem armen Georg zu gehen.

Dann waren die Kinder wieder still. Der Kranz wurde immer dichter; dunkelgrüne Büschel wechselten ab mit hellen. Die Zypressen verbreiteten einen starken Geruch.

»Es riecht von Tod« sagte Netti Tobel leise.

Endlich war der Kranz fertig.

Es wurde beschlossen, dass die vier Buben, die in der Schule Georg am nächsten sassen, ihn zu Hammerbachs tragen sollten, und zwar vorsichtig auf einem Brett. Die anderen gingen hinten drein. Es wollte schon dunkel werden.

Unter der Türe stand Berta Hammerbach. »Wie schön! wie schön!« sagte sie, als sie den grossen Kranz sah, den die Buben im Hausgang niederlegten. »Wie würde er sich freuen, der Bruder!«

»Ihr wollt ihn noch sehen«, schluchzte sie. Ernst Hutter hatte angeordnet, dass sie sich in zwei Gruppen teilen. Die ersten folgten Berta Hammerbach. Die Türe von Georgs Stube stand offen. Das Bett war in die Mitte gerückt; links und rechts brannten Kerzen, und auf dem weissen Kissen lag Georg. Auf den Zehenspitzen traten die Kinder hinzu. Anneli Hertig hatte recht. Gar nicht zum Fürchten sah er aus, der Georg. Er hatte den Kopf ein wenig zur Seite geneigt und die Augen wie im leichten Schlaf geschlossen. Die Hände lagen gefaltet auf der weissen Decke.

Frau Hammerbach stand am Bette. Sie nickte den Kindern zu und drückte dann wieder beide Hände ans Gesicht. Sagen konnte sie nichts.

Den Mädchen kamen die Tränen in die Augen. Die Buben meinten, ihnen stehe es nicht an, zu weinen, aber dem weichmütigen Martin Imbach flossen die Tränen übers Gesicht, und Ernst Hutter und ein paar andere griffen nach ihren Taschentüchern.

»Wenn jetzt der Georg aufwachen würde, wie damals Ottilie«, flüsterte Netti Tobel so leise sie konnte, Eva zu.

Aber Georg erwachte nicht. Er sah aus, als ob er ganz zufrieden da im Rode läge.

Und wie die Kinder so vor ihrem blassen, stillen Kameraden standen, fühlten sie, wie der Tod etwas Geheimnisvolles war, etwas Feierliches. So einen eigenen Zug hatte Georg um den Mund, wie ein ernstes Lächeln. Er sah aus, wie wenn er älter geworden wäre, klüger, wie wenn er nun etwas wüsste, was sie alle nicht wussten.

Leise brachte Berta Hammerbach mit den vier Buben den Kranz herein und legte ihn nun Georg auf das Bett. Wie schön und ernst das aussah! Frau Hammerbach drückte schluchzend jedem der Kinder die Hand.

Still verliessen sie das Haus und gingen beim. So still waren die Leuenhofer Kinder noch nie durch das Städtchen gegangen.

Am Montag wurde Georg begraben. Herr Schwarzbeck hatte am Sonntag in der Schule ein Grablied geübt. Und der Herr Pfarrer ordnete an, dass die ganze Leuenhofer Klasse ihrem Kameraden das letzte Geleite gebe. Gesetzt, wie sie es bei Leichenbegängnissen an den grossen Leuten gesehen hatten, schritten die Kinder hinter dem schwarz behängten Leichenwagen daher. Nur hin und wieder schaute eines oder das andere ein wenig auf die Seite, was für Leute vor den Häusern ständen und ob die Grossmutter oder die Schwester herunterschaue. Aber dann fiel ihm schnell wieder ein, dass sich das nicht schicke, und es schritt ernsthaft mit den anderen weiter.

Der Trauergesang tönte feierlich und rein über das offene Grab hin. Es war ein milder Märzabend. Die frische Erde roch wie nach Frühling. Und als der Herr Pfarrer eine kurze, schöne Rede hielt, in der er Georgs Mutter und Schwester Trost zusprach, begann auf der Tanne eines nahen Gartens eine Amsel zu singen, als ob auch sie die Betrübten trösten wollte. –

In den nächsten Wochen wurde in der Schule sehr fleissig gearbeitet, besonders in der sechsten Klasse, die im April aus der Leuenhofer Schule austrat. Zwei oder drei Buben sollten ins Gymnasium nach Münsterau kommen, und Herr Schwarzbeck fand, dass es bei ihnen noch ziemlich hapere in der Grammatik.

»Nehmt euch zusammen, ihr künftigen Lateiner!« rief er manchmal. »Wer eine fremde Sprache lernen will, muss in der eigenen Bescheid wissen!«

An einem Mittwoch um halb zwölf Uhr, als die Geographiestunde zu Ende war, trat Frau Beyel ein. Es sei heut ein so schöner, sonniger Tag; sie möchte gerne ein wenig mit Ausputzen anfangen.

»Aber Frau Beyel«, sagte Herr Schwarzbeck, »das haben wir doch immer erst in den Ferien getan –«

»Was gemacht ist, ist gemacht«, meinte die alte Frau. Sie war etwas eigensinnig. »Einmal den Schrank da hätte ich gerne genommen.«

»Also«, gab Herr Schwarzbeck nach. »Dann könnten ein paar von den Buben grad noch ausräumen«, schlug Frau Beyel vor.

Und unter Herrn Schwarzbecks Obhut wurden die alten Hefte und Bücher, fertige Zeichnungen und Mappen aus den Fächern und Schubladen genommen.

Felix Kleinhans und Ernst Hutter machten sich daran, unten die breiten, schweren Schubladen herauszuziehen.

Frau Beyel kniete auch nieder.

»Das ist eine ganz seltsame Schublade«, sagte sie. »Meines Bruders Ältester ist Schreiner; der hat gesagt, wer sie gemacht habe, werde ein Geheimfach oder so etwas im Sinn gehabt haben, den Boden kann man herausziehen.«

»Herausziehen?« fragte Herr Schwarzbeck und bückte sich ebenfalls. »Davon habe ich nie etwas gewusst –«

»Ich hab es auch erst diesen Winter einmal beim Abstauben gemerkt. Da – es geht schwer. Man muss den Vorteil wissen.«

Frau Beyel suchte mit den Fingern an der Kante. »Aber seit ich’s weiss, ziehe ich am Samstag, wo mir alles sauber sein muss, das Brett ein Stücklein heraus, weil ich dann –«

»Sie ziehen das Brett heraus –? am Samstag?« – unterbrach Herr Schwarzbeck sie. Eine Ahnung durchfuhr ihn.

»He ja«, sagte Frau Beyel. »Das wird etwa nichts Böses sein –«

Herr Schwarzbeck schob sie weg und zog die Schublade heraus. Die Kinder standen um ihn herum.

»Da –« sagte er zu den zweien, die zunächst waren. Sie stellten die Schublade auf den Boden. Herr Schwarzbeck griff hinein in das leere Fach, dessen Boden aus zwei Brettern gestand. Er fühlte hinten eine Lücke. Er streckte sich, um hinunter zu tasten.

Wortlos sahen die Kinder zu.

»Du« – flüsterte Ernst Hutter Gustav Brenner zu.

»Ich weiss, was Herr Schwarzbeck denkt.«

Herr Schwarzbeck richtete sich auf. In der Hand hielt er Gustavs verschwundenes Reisszeug.

»O«, rief Gustav und wollte sich freuen. Aber Herr Schwarzbeck sah so ernst aus.

»Der arme Bub! Der arme Georg!« sagte er. »Aber wie konnte man denken, dass der Schubladenboden sich verschieben lasse. Frau Beyel – warum haben Sie an jenem Dienstag, da ich Sie nach dem Reisszeug fragte, nichts von dem Brett gesagt –?«

Frau Beyel war sehr beleidigt. So hatte Herr Schwarzbeck noch gar nie mit ihr geredet.

»He, ich hab halt nicht dran gedacht. Du liebe Zeit!«

»Sie haben doch hören müssen, dass da hinten etwas hinuntergefallen ist –«

Frau Beyel schlug die Hände zusammen ob dieser Zumutung. »Hören –? Wo der alte Kasten beständig auf alle Arten kracht, wenn man nur an ihn hinkommt –! Die Hauptsache ist jetzt doch, dass das Reisszeug wieder da ist – .«

»Es wäre viel Leid und Kummer erspart geblieben, wenn wir es damals gleich gefunden hätten!« Herr Schwarzbeck wendete sich an die Kinder:

»Was hat er durchgemacht, der Georg, in jenen Tagen! Und hat sich gar nicht wehren können. Immer nur hat er sagen können: ich hab es nicht getan. Wie muss es ihm zumute gewesen sein, als man ihm immer nicht recht glauben wollte. Wie froh wollen wir sein, dass wir mit der Ehrenrettung noch zur rechten Zeit kamen!«

»Ja«, sagten die Kinder. »Wenn wir gewartet hätten wie in der Geschichte vom Schreiber Theophilos –! Der hat noch gelebt, als der Edelknabe den Ring fand. Aber bei Georg wäre es nun zu spät.«

»Ja, zu spät!« wiederholte Herr Schwarzbeck, »und das ist in solch ernsten Dingen ein schreckliches Wort. Vergesst euer ganzes Leben diese Geschichte mit dem Reisszeug nicht. Tausendmal besser, wir denken einmal von einem Menschen zu gut, als dass wir einen, der ehrlich ist, mit Verdacht und Verachtung quälen!«

»Wenn man es doch dem Georg noch erzählen könnte!« meinten die Kinder.

»Ja,« sagte Eva Imbach und sah zu Walter Kienast hinüber. »Da würde er sagen: Gelt Kienast und du hast immer nicht glauben wollen –!«

Walter Kienast schwieg und schlug die Augen nieder, was er sonst nicht oft tat.

»Herr Schwarzbeck«, riefen nun aber Ottilie Eggenberg, Netti Tobel und Hedwig Bühler. »Wir gehen heut nachmittag auf den Friedhof zu Georgs Grab und bringen ihm wieder Blumen.«

»Ja, tut das, Kinder!« sagte Herr Schwarzbeck. Und Eva war gleich auch dabei.

»Meine Grossmutter hat eine Menge Blumen. Primeln und Hyazinthen. Sie gibt mir gewiss davon. Aber –« sie kehrte nochmals um, »weisse hat sie nicht. Sie sind rot und blau. Macht das nichts?«

»Nein, das macht nichts«, sagte Herr Schwarzbeck freundlich. »Schmückt es nur recht schön mit den roten und blauen Blumen, das Grab von unserem Georg!«

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.