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Die Leuenhofer

Ida Bindschedler: Die Leuenhofer - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
titleDie Leuenhofer
authorIda Bindschedler
created20001101
senderh.guhl@bluewin.ch
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Das neue Kind.

»Was habt ihr denn da? Warum guckt ihr immer da hinein?« fragten Eva Imbach, Netti Tobel, Ottilie Eggenberg und Hedwig Bühler, als sie an einem Abend am Laden von Frau Haldenreuter vorbeikamen und fast die ganze Schar der Fünftklässlerinnen dort stehen sahen. Eva, Netti, Ottilie und Hedwig waren beisammen gewesen, um miteinander Weihnachtsarbeiten zu beraten; denn es war schon November und also höchste Zeit.

»Ja, seht nur; kommt doch her; da zwischen den Seifen durch kann man ein bisschen hineinsehen« – riefen die Fünftklässlerinnen und abrückten ihre Nasen an das Ladenfenster.

Neugierig kamen die vier Mädchen herbei. Es war nicht leicht, Einblick zu gewinnen in das Innere des Ladens, der durch eine Petroleumlampe sparsam beleuchtet war.

Neben den Seifen machten sich links und rechts Säckchen mit Griess, Erbsen, Reis und weissen Bohnen breit, und gleich darüber kam ein Gestell mit Zitronen und Lebkuchen, mit Gläsern voll Waschbläue und Büchschen, die allerlei Wichse enthielten, Stärke, braunen Gerstenzucker und Fruchtzeltchen.

»Da – jetzt hab ich den Hut wieder gesehen. Einen blauen Hut hat es auf mit grossen Federn« – rief eines der Mädchen.

»Wer hat einen blauen Hut auf?« fragte Eva, die umsonst zwischen den Zitronen und der Waschbläue hindurchspähte.

»Ein Kind – ein ganz merkwürdiges Kind ist es! Ein rotes Kleid hat es an, mit grossen schwarzen Sammetzacken drauf und weisse Schuhe – und Augen macht es! Marie Hug hat es grad noch hineingehen sehen mit einer fremden Frau!« erzählten die Fünftklässlerinnen und stiessen sich aufs neue um den Platz am Fenster und an der Türe, deren Glasscheibe leider verhängt war.

Plötzlich wurde der Vorhang zurückgeschoben. Der Kopf eines etwa elfjährigen Mädchens zeigte sich, auf dessen schwarzem, krausem Haar der besprochene blaue Hut sass, und auf ihrer Schulter sah man einen Papagei. Als das Mädchen die Kinder bemerkte, streckte es blitzschnell seine rote, spitze Zunge heraus und verschwand wieder.

Die Neugierde der Leuenhofer Kinder stieg aufs höchste.

Wenn man nur hinein könnte!

»Ich hab einen Fünfer!« fiel es Eva ein. »Ich gehe hinein und kaufe Pfeffermünzzeltchen.«

»Und ich geh mit! – ich auch!« riefen die anderen.

Eva wählte aber nur ihre drei Freundinnen aus.

»Mehr als vier«, sagte sie, »können für fünf Rappen nicht in den Laden.«

Als die vier eintraten, sass das merkwürdige Kind zu ihrem erneuten Erstaunen auf der obersten Stufe der Treppenleiter und sah herunter wie eine zornige Katze vom Baum.

Von hinten aber hörte man die aufgeregte Stimme der Fremden und der Frau Haldenreuter, die gar nicht auf die Leuenhofer Mädchen achtete.

»Bei dir wäre halt das Kind versorgt, Base!« sagte die Fremde. »Unsere Mutter hat immer gesagt, du habest ein so gutes Herz.«

»Ja, ja«, machte Frau Haldenreuter. »Aber das ist eine Sache! Denk auch in meinem Alter. Und eigentlich, Hermine – es ist doch das Kind von deiner Schwester.« –

»Aber was soll ich auch mit ihm anfangen? Ich kann doch seinetwegen meinen guten Dienst nicht aufgeben! Noch im Sterben hat die Mutter gesagt, wenn wir einmal recht in Not kommen, so sei denn immer noch die Base Haldenreuter da.« –

Die Fremde, die also Hermine hiess und offenbar eine Stelle als Dienstmädchen hatte, fing an zu weinen.

Frau Haldenreuter schüttelte ratlos den Kopf. Dabei fiel ihr Blick auf die vier Leuenhofer Mädchen.

»Was solltet ihr haben?«

»Guten Abend, Frau Haldenreuter«, sagte Eva. »Wir hätten gern für fünf Rappen Pfeffermünzzeltchen!«

»So – ja, wartet einen Augenblick.«

Man merkte, dass Frau Haldenreuter mit ihren Gedanken gar nicht bei den Pfeffermünzzeltchen und den vier Mädchen war.

Warten, ja das wollten sie schon. Noch nie hatten sie ein so merkwürdiges Kind gesehen.

Es sass und nagte, ohne sich um das, was dort hinten gesprochen wurde, zu bekümmern, mit seinen festen, weissen Zähnen an einer Handvoll getrockneter Zwetschgen. Flink löste es das Fleisch von den Steinen und zielte dann mit geschicktem kurzem Schwunge nach Frau Haldenreuters schöner, weisser Angorakatze, die im Strickkorb auf dem Ladentisch sass und ärgerlich den Platz wechselte.

So – und nun bekam Hedwig Bühler, die staunend zur Leiter hinaufstarrte, einen Zwetschgenstein mitten auf die Nase.

Ziemlich unartig war es, das fremde Kind, aber im höchsten Grade interessant.

»Dass aber auch eure Anna diesen Mann geheiratet hat – einen Kunstreiter oder Seiltänzer oder was er war!« hörte man Frau Haldenreuters bekümmerte Stimme wieder.

»Ja eben! es ist uns arg genug gewesen; aber die Anna hat immer so sonderbare Sachen im Kopf gehabt.« –

Die Stimme wurde jetzt leise; man hörte nur noch abgebrochene Worte, etwas von »lange krank« und »vor zwei Jahren in Wien beerdigt« und dann etwas von »abgestürzt.«

»Jedenfalls er, der Vater von dem Kind!« flüsterten die Mädchen zusammen. Nettis grosser Bruder war einmal in einem Zirkus gewesen und hatte Wunderdinge davon erzählt ...

»Ob der Kunstreiter wohl von einem Pferd oder vom Seil abgestürzt?« –

In diesem Augenblick aber ging unter dem üblichen Klingeln die Ladentüre wieder auf, und der Rest der Leuenhofer Mädchen, angeführt von Sara Wiebold, kam in den Laden. Sara hatte von irgendwoher ebenfalls einen Fünfer erbeutet, ihn in der Eggenbergschen Bäckerei in fünf Einer umgetauscht und diese grossmütig unter ihre Kameradinnen verteilt. Wenn Frau Haldenreuter besonders guter Laune war, so gab sie für einen Einer ein Stück Süssholzsaft. Wer keinen Einer erwischt hatte von den Fünftklässlern, drückte sonst herein.

Triumphierend sah Sara die Grossen an.

»Guten Abend, Frau Haldenreuter, wir hätten gern –« Das Wort blieb Sara im Munde stecken; das Kind da zu oberst auf der Leiter mit dem Papagei! Wie das Augen heruntermachte! Und die wilden schwarzen Haare und die blauen Federn!

»Süssholzsaft, jedes für einen Einer hätten wir gern –« Sara bog rasch den Kopf. Fast wäre ihr ein Zwetschgenstein in den Mund geflogen.

Klingling, ging die Tür wieder, und Doktors Köchin trat herein.

»Guten Abend, Frau Haldenreuter. Ein Paket Soda sollte ich haben und ein halbes Pfund Emmentaler. Ach, herrjeh! So viel Kinder! Und eins gar da auf der Leiter oben! Wem gehört denn das –?«

Frau Haldenreuter kam hervor. Erst jetzt schien sie zu bemerken, dass ihr ganzer kleiner Laden voll Kinder war.

»Ja, was wollt ihr denn alle miteinander?« fragte sie aufgeregt, »wo man sonst nicht weiss, wo einem der Kopf steht. – Wie? Für einen Einer Süssholzsaft. Wie oft hab ich euch schon gesagt, dass ich für einen Rappen keinen geben kann – .«

Klingling, läutete die Ladentüre wieder, ging aber vor lauter Kindergedräng nicht mehr recht auf, und der alte Häberli, der Zündholzschächtelchen, Schuhwichse und Essig hätte haben wollen, konnte nur mit seinen grossen Brillengläsern erstaunt durch die Türspalte hereinsehen.

Jetzt machte aber Frau Haldenreuter kurzen Prozess. »Ist auch das eine Manier! Nicht einmal mehr herein können die Leute. Jetzt macht, dass ihr hinauskommt. Alle samt und sonders!« –

»Für einen Fünfer Süssholzsaft...«, versuchte Sara noch einmal, die schnell ihre Einer wieder gesammelt hatte.

»Und für einen Fünfer Pfeffermünzzeltchen«, fügte Eva hinzu. Aber schon wurde sie mit ihren Freundinnen von Frau Haldenreuter zur Tür hinausgeschoben.

»Heut nacht braucht ihr keinen Süssholzsaft und keine Pfeffermünzzeltchen mehr. Vorwärts jetzt.« – Sie schon und schon. »So, Herr Häberli, was wäre gefällig?« Sie spedierte Sara und Marie Hug als letzte hinaus. »Einen schönen Boden habt ihr mir gemacht.« – Damit schloss sie die Türe, und die Mädchen standen wieder draussen, ohne dass sie recht wussten wie. Furchtbar schade, dass man so schnell hatte hinaus müssen! Ob der reden konnte, der Papagei, und singen? Was für einen dicken Schnabel er aber auch hatte und die Zunge! Netti versuchte ihre Zunge so dick und kurz zu machen und so kleine Äuglein. Und das Kind! Wie es wohl hiess und ob es wohl deutsch redete? Und ob es wohl in einem gelb oder blau angestrichenen Komödiantenwagen herumgefahren war, mit Blumen an den kleinen Fenstern und weissen Vorhängen? Schwatzend gingen die Kinder auf den Marktplatz; dann aber liefen sie fast plötzlich auseinander; jedes eilte heim.

Hoffentlich war die Mutter zu Hause oder die Geschwister oder die Grossmutter. Man hatte schrecklich viel zu erzählen.

In den nächsten Tagen redete man im Städtchen fast nur von dem fremden Kind. Die gute Frau Haldenreuter wolle es also wirklich behalten, hiess es. Aber den Papagei nicht. Den wolle der Herr Doktor kaufen. Und das sei gut. Denn Frau Haldenreuter werde eine schöne Mühe haben mit dem Kind. Was das schon alles am Vormittag angestellt habe! Den Strickstrumpf, den Frau Haldenreuter ihm gegeben – denn ein elfjähriges Mädchen konnte doch sonst stricken – habe es dem Papagei ausgeliefert und die Puppe, die es unter Frau Haldenreuters alten Spielsachen gefunden, habe es der Angorakatze auf den Rücken gebunden, so dass diese ganz wild das Haus hinauf- und hinuntergerannt sei. Am Nachmittag sei die Katze dann verschwunden gewesen; erst als Frau Haldenreuter im Laden die Schublade mit Erbsen aufgezogen, sei ihr die Katze mit einem empörten Miau entgegengeschossen. Am Abend habe Frau Haldenreuter dem Kind im Ladenstübchen gezeigt, wie es Bindfaden erlesen und zusammenknüpfen solle und die Türe zugeschlossen, damit sie etwas Ruhe habe. Aber als sie nach zehn Minuten hineingeschaut habe, sei kein Kind mehr dagewesen. Und das kleine Fenster oben, das auf die Treppe gehe, sei offengestanden. Da habe Frau Haldenreuter Angst bekommen, das Kind sei wieder fortgelaufen, wie vor dem Essen, wo Doktors Babette es gerade noch an der Brücke erwischt habe. Und da der Schneider Holderberg gegenüber gesagt habe, zur Haustür hinaus sei es nicht, habe Frau Haldenreuter es alle Stockwerke hinauf gesucht.

»Fast ist mir das Herz stillgestanden vor Schrecken«, habe Frau Haldenreuter erzählt, »wie ich vom hinteren Dachfenster her den schrecklichen Vogel schreien hörte. Als ich hinaussehe, sitzt das Kind auf dem Dach vom Schreiner Kündig droben beim Kamin. Und der Vogel auf seiner Achsel. Es hat schon stark gedunkelt und ein Wind ist gegangen; und geschrien hat der Vogel und mit den Flügeln geschlagen; etwas so Unheimliches hab ich noch gar nicht erlebt. Kündig ist mit mir hinauf gegangen; aber er traute sich nicht das Kind zu holen, er wolle den Dachdecker rufen. Aber wie ich unter der Haustüre hinausgesehen habe, ob er komme, höre ich auf einmal ein Gekreisch im Ladenstübchen, und da sitzt – ich habe meinen Augen nicht getraut – da sitzt das Kind am Tisch an der Bindfadenschachtel!« –

Die Leuenhofer Kinder sassen still und fleissig in ihrer Schulstube und schnupperten hin und wieder ein bisschen mit der Nase. Man hatte heute zum ersten Mal geheizt und Herr Schwarzbeck hatte erlaubt, dass man ein paar Äpfel in die Röhre des alten braven Ofens lege, das roch so nett winterlich; es erinnerte an den Schnee, der bald kommen musste. Es war eine Geometriestunde. Die fünfte Klasse zeichnete Winkel. Den Sechstklässlern zeigte Herr Schwarzbeck an der Wandtafel, wie man den Mittelpunkt eines Kreises finde. Das war nett und seltsam, wie die zwei Linien ganz sicher in der Mitte zusammentrafen, wenn man recht genau umging mit dem Zirkel und dem Bleistift.

Da klopfte es. Herr Schwarzbeck ging an die Türe, um nachzusehen, und herein trat Frau Haldenreuter, das fremde Kind an der Hand.

Ein Flüstern ging durch alle Bänke. Aha, also zu uns kommt es in die Schule! Und alle, die hinten sassen, streckten die Hälse.

Der berühmte, blaue Federnhut war allerdings nicht mehr zu sehen. Frau Haldenreuter hatte sich bemüht, das Kind nach Heimstetter Art herzurichten; die krausen, wilden Haare waren in zwei Zöpfe geflochten; eine grosse dunkelblaue Schürze deckte den roten Rock mit den Sammetzacken, und statt der weissen Schuhe hatte das Kind ein Paar feste, schwarze an.

»Das ist doch gar nichts Besonderes«, flüsterte Walter Kienast zu den Mädchen hinüber.

Aber dann geriet er mit allen anderen gleich in ein grosses Erstaunen. Herr Schwarzbeck wollte das Kind an der Hand zu sich heranziehen; aber es drehte sich auf die Seite und zog die linke Achsel trotzig und abwehrend in die Höhe.

»Eben so macht sie es«, sagte Frau Haldenreuter bekümmert.

»Sei doch nicht so unartig gegen den Herrn Lehrer, Nuschka!«

Ein neues Flüstern in den Bänken der Mädchen. Nuschka! Was für ein ganz aparter Name! Gritli Wegmann und Sophie Berchtold, die noch mit Puppen spielten, nahmen sich vor, ihre Elsa und ihre Kamilla in Nuschka umzutaufen.

»Es ist mir gar nicht recht, dass das Kind Nuschka heisst«, sagte Frau Haldenreuter entschuldigend. »So heisst ja weit und breit kein Mensch. Wenn es sich dann ein wenig angewöhnt hat, dann will ich ihm Anna sagen, wie meine Mutter geheissen hat.«

»Ja, ja, zurechtfinden und angewöhnen muss das Kind sich«, sagte Herr Schwarzbeck freundlich. »Es hat schon viel Trauriges erlebt. Aber wir wollen schon sehen, dass wir gut Freund zusammen werden.«

Nuschka sah ihn von der Seite an und schob trotzig die Unterlippe vor.

Frau Haldenreuter verabschiedete sich etwas erleichtert, nachdem sie Herrn Schwarzbeck noch allerlei Papiere übergeben hatte. Jetzt war das Kind doch für ein paar Stunden im Tag versorgt.

Herr Schwarzbeck übersah seine drei Reihen Fünftklässlerinnen.

»Herr Schwarzbeck« – Sara streckte ihren Zeigfinger und ihre ganze kleine Person, so weit sie konnte – »neben mir wäre Platz!«

Herr Schwarzbeck ordnete aber an, dass Nuschka sich zu Sophie Berchtold setze; das war seine vernünftigste Fünftklässlerin.

Nuschka besann sich, ob sie gehorchen wolle; mit einem widerspenstigen Hin und Her der Achseln schob sie sich dann in die Bank und legte beide Ellenbogen auf den Tisch.

Die Kinder warteten gespannt, was Herr Schwarzbeck dazu sage. Er tat aber, als sehe er die Ellbogen gar nicht.

»So, jetzt wollen wir weiter arbeiten«, sagte er und ging zur sechsten Klasse hinüber, um dort die Geometrieaufgabe zu Ende zu führen.

Natürlich ganz so fleissig, wie sie es sonst getan, konnten die Fünftklässler ihre Winkel nicht weiterzeichnen. Hin und wieder musste man das neue Kind ansehen, das die neugierigen Blicke mit bösen Augen erwiderte. Dem Paul Grossberger und dem Arnold Zwickel, die von der Bubenabteilung herüberschauten, machte sie eine fürchterliche Grimasse.

»Wenn sie uns noch einmal so kommt«, flüsterte Arnold seinem Freund zu, »so soll sie sehen. Wir wollen ihr dann in der Pause lehren, wie man sich aufführt!«

Nach einer Weile kam Herr Schwarzbeck zu Nuschka zurück.

»So, Nuschka, nun musst du mir zeigen, was du so ungefähr kannst.«

Die Ellbogen tat Nuschka herunter; aber sonst sah sie nicht eben bereitwillig drein.

»In Wien bist du in die Schule gegangen? Und in Brünn wart ihr auch?«

»Und in Budapest, in Temesvàr und in Pressburg und Prag und in Debreczin«, antwortete Nuschka und richtete sich auf.

So, das war das erste Wort, das man von dem fremden Kind hörte. Die Buben und Mädchen horchten hoch auf. In all den fremden Orten war die schon gewesen. Sara Wiebold probierte schnell für sich die seltsame Sprache, das harte r und das langgezogene i nachzumachen, damit sie zu Haus zeigen könne, wie das fremde Kind rede. Herr Schwarzbeck aber war froh, dass es überhaupt den trotzigen Mund einmal aufmachte.

»Ei, ei, so weit herumgekommen sind wir«, sagte er. »Und da bist du überall in die Schule gegangen?«

»Manchmal ein wenig –«, sagte Nuschka und zuckte mit der Achsel, als ob sie vom Schulbesuch nicht gerade viel hielte.

»Sieh einmal daher« – Herr Schwarzbeck zeigte auf die verschiedenen Winkel an der Wandtafel.

»Weisst du, was das ist? Hast du noch nie so etwas gezeichnet? Noch keinen Geometrieunterricht gehabt?«

Auf alle drei Fragen schüttelte Nuschka den Kopf .

»Nun, das ist kein Unglück«, sagte Herr Schwarzbeck. »Aber rechnen kannst du sicher. Und da ist deine Tante Haldenreuter in ihrem Laden gewiss froh.«

Nuschka schob trotzig wieder die Unterlippe vor.

»Gib einmal acht: Wenn das Pfund Reis« – Herr Schwarzbeck besann sich, dass Nuschka mit ihrem Vater die letzten zwei Jahre in Österreich gewesen war – »wenn das Pfund Reis sagen wir 40 Heller kostet, wie viel kosten dann sechzehn Pfund – wie fangen wir es nun an, das am besten heraufbringen?«

»So leicht«, dachten die Fünftklässlerinnen und Marie Hug, die sonst gar keine gute Rechnerin war, streckte die Hand.

Aus Nuschkas Gesicht konnte man nicht recht erkennen, ob sie sich besinne oder nicht.

»Wie viel kosten dann sechzehn Pfund?« wiederholte Herr Schwarzbeck.

»Etwa vier Kronen«, sagte Nuschka plötzlich. »Oder vielleicht etwas mehr«, fügte sie nach einem Augenblick hinzu, gleichgültig mit den Achseln zuckend.

Die Kinder warfen einander Blicke zu: »Etwa! Vielleicht! So sagte man doch nicht in der Rechnungsstunde!«

»Ja, Nuschka, das müssen wir schon etwas genauer nehmen!« sagte Herr Schwarzbeck lächelnd. »Denk einmal, wenn deine Tante beim Verkaufen den Leuten sagen würde, das kostet ungefähr vier Franken. Vielleicht etwas mehr!« Er versuchte es dann mit zehn Pfund, und Nuschka schien einzusehen, dass die zehn Pfund gradaus vier Kronen machten. Aber als sie 6 x 40 rechnen sollte, kam es heraus, dass Nuschka wahrhaftig im Einmaleins ganz unsicher war. Zuerst machte 6 x 5 = 25, dann 27 und zuletzt gar 33!

Die Buben und Mädchen waren starr und bezähmten nur mit äusserster Mühe ihr Erstaunen. Mit elf Jahren das Einmaleins noch nicht können!

Herr Schwarzbeck versuchte es noch ein wenig weiter. Auf einmal gab Nuschka zwischenhinein auf eine schwierigere Frage Bescheid. »9 x 9 ist 81« sagte sie ganz flink. Dann aber wusste sie von der ganzen neuen Multiplikation, ob Herr Schwarzbeck herauf- oder herunterfragte, gar nichts mehr, wurde zuletzt wieder verstockt, und es war gut, dass es von der Kirche her zehn Uhr schlug und die Stunde zu Ende war.

Herr Schwarzbeck rief Eva Imbach und noch ein paar von den Grossen herzu und sagte ihnen, sie sollten sich der Nuschka annehmen und freundlich mit ihr sein.

Leicht war das nicht. Nuschka stand in der Fensterecke und sah die Mädchen böse an, als sie auf sie zukamen. Sie versuchten mit ihr zu plaudern. Ob Budapest grösser sei als Münsterau, fragten sie. Ob sie keine Schwester habe und ob der Papagei überall mit ihr herumgereist sei?

Nuschka schüttelte kaum hin und wieder den Kopf und als Hedwig Bühler ihr ihren gebratenen Apfel hinstreckte, wehrte sie verächtlich mit dem Ellbogen ab und drehte sich gegen das Fenster.

Der laute Gesang der Fünftklässlerinnen tönte herein.

»Jammer in der Grube
Sitzt und weint,
Jammer ist so müd und krank,
Dass er nimmer springen kann,
Spring, spring, spring.«

Beim letzten »spring« sprang der in der Mitte zusammengekauerte Jammer auf; der Kreis löste sich fliehend, und der Jammer suchte eines der Davonlaufenden zu fangen.

»Willst du mitmachen?« fragten Sophie Berchtold und Marie Hug herein. »Willst du der «Jammer in der Grube»sein?«

»Nein, ist ein dummes Spiel«, antwortete Nuschka.

»Herr Schwarzbeck«, klagten die Mädchen, als die Pause zu Ende war, »es ist fast nicht möglich, dass man artig mit ihr ist!« Und sie wollten erzählen.

Aber Herr Schwarzbeck wehrte ab: »Nur nicht gleich nachlassen; nur den guten Willen und die Geduld nicht verlieren«, mahnte er.

Es folgte eine Sprachstunde.

Die fünfte Klasse hatte ein Aufsätzlein zu machen über die Katze. Wenn das Äussere der Katze beschrieben war, so durften die Kinder von der eigenen Katze oder von der Katze der Grossmutter oder Nachbarin etwas schreiben, was sie so den ganzen Tag tue, was sie gern habe und was sie nicht leiden möge, was sie könne und was sie etwa angestellt habe.

»Ja, ja«, dachte jedes der Kinder eifrig und vergnügt, »da weiss ich ganz viel.«

»Und Nuschka schreibt mir auch ein paar Sätze über die Katze«, sagte Herr Schwarzbeck und legte ein Heft vor das Mädchen. »Das trifft sich ja gut. Deine Tante hat ja eine schöne, wackere Katze. Von der weisst du gewiss schon allerlei zu erzählen.«

Herr Schwarzbeck ging hinüber zur sechsten Klasse.

Nuschka machte zuerst wieder ein gelangweiltes Gesicht, drehte die Feber und stocherte in der Tinte vor ihr. Dann setzte sie sich auf einmal zurecht und schrieb ein Weilchen drauf los, dass es kratzte.

Herr Schwarzbeck kam vor elf Uhr nicht dazu, die Aufsätze der Fünftklässler durchzusehen; die meisten Kinder waren auch noch gar nicht fertig mit ihren interessanten Katzenabenteuern und so wurden denn, als die Stunde aus war, die Hefte in die Schultaschen und Tornister gesteckt. Und da Herr Schwarzbeck im Seitenbau drüben, wo er einen kleinen Vorratsraum hatte, noch mit ein paar Buben eine Sendung Hefte und Zeichnungspapier auspackte und ordnete, ging das Zusammenräumen und Abrücken recht laut und langsam von statten.

Nuschka kam mit ihrem Schulsack, den die Tante Haldenreuter ihr gekauft, noch nicht recht zu stand; als sie weggehen wollte, fielen ihr all ihre Sachen über die Bank auf den Boden. Die Mädchen sprangen hilfsbereit hinzu. Nuschka bekümmerte sich nur um einen grossen, buntseidenen Beutel, der zu unterst gesteckt hatte; den nahm sie schnell an sich. Die anderen Sachen liess sie von den Kindern aufheben. Das Aufsatzheft lag aufgeschlagen da. Walter Adorf, der in der Mitte stand, nahm es auf.

»Zeig, was hat sie geschrieben?« sagte Arnold Zwickel und sogleich war Walter Adorf umringt von Buben und Mädchen, die neugierig in das Heft guckten.

Nuschka untersuchte ihren seidenen Beutel, als ob das Heft sie gar nichts anginge.

»Wie grässlich! Wie greulich! Solche Buchstaben!« entsetzten sich die Kinder.

Nuschka verzog geringschätzig ihren Mund und band den Beutel zu.

Ja, was waren das für Buchstaben! Die einen fielen fast hintenüber auf den Rücken, die anderen nach vorn auf die Nase. Das eine Wort war über die Linie hinuntergestolpert, das nächste tat einen Sprung in die Luft. Die Abstriche waren so dick geraten, dass das darauf gedrückte Fliesspapier jedes Mal einen dicken Klex gemacht hatte.

»Nein!« – erklärten Walter Adorf und Paul Grossberger, »Marie Hug schreibt ja auch miserabel! Aber so schauderhaft!« Und nun der Aufsatz selbst. Fast noch schauderhafter war er als die Buchstaben:

»Die Kadze hat fir bein und ein Schwantz. Und ein runten Kopff und schbizige Zähn und ein rote Zunge wen sie drinkd siht man die Zunge milch mag si Und Fleisch. Brod nicht birnen auch nicht. Ich mag die kadze von Tante Haldenraider nich. Ist jetzt genuhg.«

Die Leuenhofer Kinder wussten nicht, ob sie eher lachen oder sich entsetzen wollten über diese Arbeit.

»Greulich, greulich!« wiederholten sie. »Schbizige Zähn und Kadze – dz, Kopff mit zwei ff, drinkd mit d und genuhg mit – hahaha, nein, es ist zu arg, als dass man lachen könnte.«

Nuschka knackte eine von den Haselnüssen auf, die auch aus der Schultasche gerollt waren und tat, als kümmerte die Sache sie gar nicht.

»Und die will in der fünften Klasse sein!« –

»Ich will gar nicht in eurer Klasse sein«, fuhr Nuschka nun plötzlich herum. »Bei so dummen Buben.«

»Sag noch einmal dumme Buben!«

»Dumme Buben!« –

Paul Grossberger fasste sie am Arm, um sie zu schütteln – aber blitzschnell fuhr sie ihm mit ihren scharfen Fingernägeln über die Hand, so dass vier rote Striemen entstanden.

»Herrschaft! ist das eins!« rief Arnold Zwickel und wollte sie an der Schulter packen. Aber nun wandte sich Nuschka gegen ihn. Ehe er sich’s versah, fühlte er einen festen Biss im Handgelenk.

»Au!« rief er vor Schmerz.

In dem Augenblick trat Herr Schwarzbeck herzu. Die Kinder fuhren auseinander. Nuschka blieb an ihrer Bank stehen und schaute drein wie ein zorniges kleines Wildtier.

Herr Schwarzbeck war recht böse, als er erfuhr, was vorgegangen war. Er zankte die Buben und Mädchen:

»Fein ist das nicht, alle gegen eins zu stehen und sich lustig zu machen. Wenn Nuschka so viele Jahre wie ihr regelmässig in die Schule gegangen wäre, so würde sie wohl rechnen und schreiben können wie ihr!«

Dann trat er aber auch zu Nuschka und sagte ihr, dass sie nie wieder kratzen und beissen dürfe. Ein elfjähriges Mädchen! Das sei nirgends in der Welt Sitte, weder in Wien, noch in Prag, Budapest oder Temesvàr!

Als er dann freilich später den Aufsatz las, entsetzte er sich darüber, fast wie seine Buben und Mädchen.

Eigentlich hätte Nuschka zur Not in die dritte Klasse gepasst. Aber der Herr Pfarrer, der Präsident der Schulpflege war, und ein anderer Herr vom Schulvorstand fanden, dass es nicht gut wäre, das grosse Mädchen zu den kleinen Kindern zu tun.

»Ich bringe sie schon nach«, sagte Herr Schwarzbeck zum Herrn Pfarrer, während die beiden Herren beratend vor dem Pfarrhaus auf und abgingen. »Ich brächte sie mit einigen Hilfsstunden leicht nach, wenn sie nur erst sich bei uns im Leuenhof eingewöhnt hat und Lust zum Lernen und zur Schule bekommt.«

Aber eben das wollte nicht werden.

Am dritten Tag war Nuschka überhaupt nicht in der Schule erschienen. Als gegen neun Uhr vor der Türe ein lautes Hin und Her von Stimmen hörbar wurde und Herr Schwarzbeck aufmachte, standen Frau Haldenreuter und Nuschka draussen.

»Was ich jetzt für eine Mühe hatte, das Kind da herauszubringen«, klagte Frau Haldenreuter. »Es hat gar keine Begriffe! Die Woche – und es ist doch erst Donnerstag – gehe es nicht mehr in die Schule, hat es heute morgen gesagt. Vielleicht nächste Woche wieder ein wenig. Hat man schon so etwas gehört!«

Es vergingen fast zwei Wochen und Nuschka sass noch so verdrossen, trotzig und gleichgültig an ihrem Platze wie am ersten Tag.

In der Arbeitsstunde klagte Frau Silberschmid: »Weder eine Idee vom Saum, Hinter- noch Steppstich hat sie; von einer Rollnaht nicht zu reden. Sie kann rein gar nichts, und die Kinder haben recht, wenn sie sagen, Nuschka sei eine Schande für den Leuenhof.«

Nicht einmal an der Turnstunde zeigte sie etwas Freude oder Eifer.

Herr Schwarzbeck hatte gehofft, dass sie an der Kletterstange, am Reck und am Barren sich hervortue, und dachte an Nuschkas kühne Dachpartie und dass ihr Eifer vielleicht erwache. Aber mit spöttisch gesenkten Mundwinkeln sah sie den Bemühungen ihrer Klassengenossinnen zu, kletterte an der Stange bis zur Mitte herauf und rutschte ohne jeglichen Ehrgeiz wieder hinunter.

Einmal um elf Uhr ging das Trüpplein Fünftklässlerinnen auf dem Heimweg hinter Nuschka her. Bevor man zum Wendeltor kam, war da zwischen zwei Häusern ein länglicher Hof. Nuschka sah vorsichtig nach rechts und links, ob jemand sie beobachte. Dann schlüpfte sie in den Hof.

»Da ist sie gestern auch schon hineingegangen«, sagte Marie Hug. »Ich hab aber noch zum Schuhmacher müssen, sonst hätte ich geschaut, was sie da tut. Kommt, wir wollen doch sehen.« –

Als sie in den Hof traten, verschwand Nuschka gerade in der Türe einer Art Scheune oder Werkstätte. Die Kinder schlichen nach und guckten vorsichtig durch die Türspalte hinein. Es war ein grosser, leerer Raum; an der Wand standen leere Kisten und Bretter, und von einer Wand zur anderen waren zwei lange Stangen waagrecht gezogen, wie wenn da etwas zum Trocknen aufgehängt worden wäre. Die Kinder sahen mit Erstaunen, wie Nuschka eine der leeren Kisten zu der Stange zog und mit Anstrengung eine andere darauf stellte.

Da die Mädchen sich alle an die Türspalte drängten, gab es einen Knack. Nuschka drehte sich; die Kinder fuhren zurück.

»Kommt, ich weiss, wo wir hineingucken können«, flüsterte Sophie Berchtold, die früher hier herum gewohnt und oft mit Nachbarskindern um die Werkstätte Eckenfangens gespielt hatte. Die Kinder liefen ihr nach an die andere Seite des Gebäudes. Ein neues Trüpplein heimkehrender Buben und Mädchen schloss sich ihnen neugierig an. Und hinten, vom Schulhaus her kam noch ein Schärchen, das die Fährte verfolgte.

»Ssst! still – still!« mahnten die Fünftklässlerinnen, und alle schlichen in einen dunklen Nebenraum, an eine Lattenwand, um in die Werkstätte zu gucken.

Da war etwas ganz Seltsames zu sehen.

Nuschka stand, die Arme leicht nach beiden Seiten erhoben, aufrecht und zierlich auf der Stange. Man fühlte es, ganz schwindelfrei. Die Schuhe hatte sie ausgezogen. Sie drehte das Köpfchen ein wenig nach links und rechts; aber die Kinder am Lattenzaun sah Nuschka nicht. Oben fiel durch ein grosses Fenster das Mittagslicht herein und liess die Lattenwand ganz im Dunkeln. Nun fing Nuschka in ihren schwarzen Strümpfen an, auf der Stange zu gehen; frei auf der schmalen, glatten, hohen Stange. Erst langsam in bedächtigen Schritten, dann rascher, kaum dass der Körper sich, das Gleichgewicht haltend, etwas nach links oder nach rechts bog.

Die Kinder waren ganz benommen; einige von ihnen hatten schon Seiltänzer und ihre Kunststücke gesehen. Aber Nuschka – Nuschka, die nun schon zwei Wochen neben ihnen in der Schule sass! Von neuem kam sie ihnen ganz fremd und wundersam vor.

Als Nuschka am Ende der Stange angekommen war, stand sie still; dann drehte sie sich und lief zurück; es war, als ob sie schweben würde, als ob sie gar nicht daran dächte, dass man fallen könnte.

»Nein«, dachte Ernst Hutter, der zu hinterst bei seinem Freund Gustav Brenner stand, »das ist zu merkwürdig. Das muss doch Herr Schwarzbeck auch sehen«; er schlich hinaus und rannte die paar hundert Schritte ins Schulhaus zurück.

Das dritte Mal machte Nuschka den Weg mit leichtem Hüpfschritt; das vierte Mal kehrte sie auf der Mitte der Stange um und ging den Rest des Weges rückwärts.

»Man kann fast nicht mehr zusehen«, flüsterte Alwine und fasste ängstlich Ottilie Eggenbergs Arm.

Nuschkas Kunststücke aber wurden immer tollkühner; sie hüpfte nun mit auf den Rücken gelegten Armen; dann vollführte sie einen wirklichen Tanz, indem sie sich nach je zwei Hüpfschritten umdrehte. Es schien nichts zu geben, was ihr zu schwer gewesen wäre.

Jetzt sprang Nuschka leichtfüssig hinunter auf die Kiste und von da auf den Boden. Sie lief zu ihrem Schulsack und holte aus dem Seidenbeutel eine Anzahl bunter kleiner Lederbälle heraus. Sie setzte sich wie eine kleine Türkin auf den Boden und begann alsbald ein sehr hübsches kunstvolles Spiel. Sie warf einen Ball ein paar mal hoch in die Luft und fing ihn fast nachlässig auf, so leicht war ihr das. Dann griff sie, während der erste Ball in die Luft flog, rasch, blitzschnell nach dem zweiten, warf ihn nach, fasste den ersten, der herunterfiel, schnellte diesen wieder in die Höhe; so ging das ein kurzes Weilchen; dann kam ein dritter Ball hinzu und zuletzt wahrhaftig noch der vierte. Es war reizend zu sehen, wie die bunten Bälle, rot, blau, gelb und weiss; von einem Sonnenstrahl beleuchtet, stiegen und wieder fielen; blitzschnell und doch in ruhiger Regelmässigkeit. Und immer, immer fingen Nuschkas Hände sie auf; immer im rechten Augenblick fassten sie zu.

»Netti, das ist fast wie Zauberei«, flüsterte Ottilie Eggenberg.

Jetzt aber brach Nuschka das Ballspiel ab, sprang auf die Füsse und holte aus ihrem Beutel ein kleines, sonderbares Messer mit gelbglänzender Klinge. Sie bog den Kopf weit in den Nacken zurück und setzte das Messer behutsam auf die kleine Nase.

»Jetzt, das ist nicht möglich«, dachten die Kinder und ihre Spannung stieg aufs höchste. »Das ist nicht möglich, dass das Messerchen da stehen bleibt.« –

Aber es blieb stehen. Vorsichtig wiegte Nuschka den Kopf hin und her, immer die Augen gespannt auf das Messerchen gerichtet; sie gab mit dem ganzen Körper nach, halb vor, halb zurück, machte ein paar Schritte zur Seite nach der einen Richtung, dann nach der anderen. Das Messer blieb wie angewachsen auf Nuschkas Nädchen, dass man schliesslich das Gefühl bekam, es könne gar nicht herunterfallen. Das vorwitzige Kasperli, das auch dabei war beim Zusehen, zog sein Taschenmesser heraus und versuchte, es auf seine Nase zu setzen. Natürlich fiel das Messer sogleich auf den Boden, und Walter Kienast, der neben ihm stand, gab ihm schnell eine Ohrfeige, weil er fürchtete, Nuschka könnte das Geräusch gehört haben.

Nuschka aber drehte sich jetzt vorsichtig im Kreise, kniete mit ausgebreiteten Armen, sprang plötzlich in die Höhe, dass das Messerchen aufschnellte und fing es mit einer geschickten Bewegung auf und stand rasch atmend da; ihre sonst blassen Backen waren rot geworden.

Schon lange hatte Herr Schwarzbeck hinter den Kindern gestanden. Jetzt trat er schnell hervor und machte die Türe der Lattenwand auf. Nuschka wandte sich und erblickte ihn. Sie fuhr zurück. Verlegen senkte sie den Kopf, und auf ihrem Gesicht erschien wieder der trotzige, ernste Ausdruck.

»Bravo, Nuschka, bravo!« rief aber Herr Schwarzbeck, indem er näher trat. »Das waren Meisterstücke. Was für eine kleine Tausendkünstlerin haben wir bei uns im Leuenhof! Ganz stolz können wir sein. Bravo, Nuschka!«

Und »Bravo, bravo« fielen nun die Buben und Mädchen ein, die aus dem Lattenverschlag hervorkamen, und klatschten in die Hände, eines lauter als das andere.

Da blickte Nuschka auf. Erst ganz erstaunt. Dann kam ein Lächeln auf ihr Gesicht. Zum ersten Mal in den zwei Wochen sah man Nuschka lachen. Ganz anders sah sie aus als sonst.

»Jetzt mag ich sie aber!« flüsterte Gritli Wegmann Sophie Berchtold zu. »Jetzt holen wir sie am Morgen dann immer ab!« Und voll Bewunderung fing sie mit Sophie noch einmal an zu klatschen.

»Ja, ihr dürft eurer Kameradin wohl Beifall spenden«, sagte Herr Schwarzbeck. »Was für schwierige Dinge hat sie da ausgeführt! Und jetzt habe ich auch gar keine Angst mehr, dass Nuschka nicht bald eine ganz wackere Fünftklässlerin werde. Welche Ausdauer, welchen Eifer hat sie angewendet, um all das zu lernen. Hundertmal sind die Bälle und das Messer auf den Boden gefallen, und hundertmal hat sie von neuem anfangen müssen. Und die Schritte auf dem Seil! Was braucht das für einen Mut! Wie muss man sich da zusammennehmen! Die Zähne aufeinander beissen und denken, ich will und ich will! Da ist doch die schwerste Rechnungsaufgabe nur ein Kinderspiel dagegen. Und ich weiss doch Leute, die gleich immer sagen: Herr Schwarzbeck, ich komme gar nicht draus! Herr Schwarzbeck, ich weiss gar nicht, wie man das macht!«

Alwine Gehring, Marie Hug und ein paar Buben sahen verlegen auf die Seite.

Nuschka aber sah ganz glücklich drein.

»Wer hat dich denn all die Künste gelehrt?« fragte Herr Schwarzbeck.

»Papa und Zinetto«, sagte Nuschka. »Der alte Zinetto. Er hat immer gesagt, heut geht es vielleicht nicht, aber morgen.«

»Das waren geschickte Lehrmeister, der Papa und der alte Zinetto«, sagte Herr Schwarzbeck. »Nun probieren wir es zusammen, Nuschka. Willst du?«

Herr Schwarzbeck streckte dem Kind die Hand hin, und frisch und zutraulich legte es die seine hinein.

Von diesem Tag an war Nuschka ein anderes Kind; nicht zwar, dass ihre Buchstaben nun stramm wie die Soldaten dastanden, und mit dem Einmaleins ging’s noch eine Weile gar nicht so sicher wie mit den bunten Bällen. Aber Nuschka hatte guten Willen.

Ganz vergnügt schwatzend kam sie am Morgen mit Gritli Wegmann und Sophie Berchtold daher. Und wenn Eva Imbach, die Herr Schwarzbeck hin und wieder als Hilfslehrerin anstellte, neben ihr sass, so stiess sie nicht mehr mit dem Ellbogen nach ihr.

Ja, Herr Schwarzbeck musste jetzt sogar etwa den beiden mit den Augen zuwinken, damit es nicht gar zu lustig und gemütlich hergehe.

Bei den Buben galt Nuschka etwas. Wie die zielen und werfen konnte und rennen, jetzt wo sie in den Pausen auf der Schulwiese oft mitmachte, und als einmal Hans Oberdorfer aus der Sekundarschule ihr »Komödiantenkind!« nachrief, wurde er von den Leuenhofer Buben durchgeprügelt.

»Ich hätte nicht gedacht, dass das Kind so artig würde«, sagte denn auch Frau Haldenreuter eines Abends zu Herrn Schwarzbeck, als er bei ihr einkaufte. »Es hilft mir so nett im Laden, und gestern abend hat es mir vorgelesen: «Kann sein, s’ist auch so recht», von der Ottilie Wildermuth. Ich würde es nicht mehr hergeben, das Kind, um keinen Preis.« –

Die Leuenhofer Kinder bettelten manchmal, dass Nuschka ihnen erzähle, wie es gewesen sei, wenn sie ihre Kunststücke vor den Leuten aufgeführt habe. Ob das nett sei oder ob sie Angst gehabt habe, ob sie nie heruntergefallen sei, ob sie ein weisses Kleid angehabt habe und einen Goldreifen im Haar?

Und dann liessen sie Nuschka keine Ruhe, bis sie ihnen noch einmal auf der Stange in der leeren Werkstätte lief und tanzte und ihre anderen Kunststücke vormachte.

Aber bald wollte Nuschka nicht mehr viel von diesen Dingen wissen.

Der »Jammer in der Grube« und die anderen Spiele, die im Leuenhof Brauch waren, gefielen ihr besser, und sie wollte nichts anderes mehr sein als ein fröhliches, rechtes Leuenhofer Kind. –

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