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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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9.

»Holla, ihr braven Burschen!« sagte Lepidus, indem er sich bückte, als er in die niedrige Haustür des Burbo eintrat. »Wir sind gekommen, um zu sehen, wer von euch eurem Lanista am meisten Ehre macht.« Die Gladiatoren standen ehrerbietig vor den drei jungen Männern auf, die mit als die reichsten und freigebigsten in Pompeji bekannt waren und deren Urteil für den amphitheatralischen Ruf sehr wichtig war.

»Was für derbe Kerls«, sagte Klodius zu Glaukus. »Sie sind würdig, Gladiatoren zu sein!«

»Es ist schade, daß sie nicht Soldaten sind«, erwiderte Glaukus. Es war merkwürdig, jetzt den üppigen Lepidus zu beobachten, den bei den Festlichkeiten ein Strahl des Tageslichtes zu blenden schien, in den Bädern ein Luftzug ungeduldig machte, in dem die männliche Natur gänzlich entartet war und den Weichlichkeit und übertriebener Luxus zu einem Zwittergeschöpf machten. Es war merkwürdig, diesen Lepidus jetzt voll Leben und Tätigkeit zu sehen, wie er die breiten Schultern der Gladiatoren mit seiner kraftlosen, weibischen Hand betastete, die gedrungenen, gebräunten Muskeln befühlte, ganz verloren in Bewunderung jener Mannhaftigkeit, die er so sorgfältig stets von sich selbst entfernt zu halten sich bemühte.

»Ha, Niger, wie willst du kämpfen,« sagte Lepidus, »und mit wem?«

»Sporus hat mich herausgefordert«, sagte der wilde Riese. »Ich hoffe, es soll auf Tod und Leben gehen.«

»Ah, gewiß«, erwiderte Sporus, indem er mit seinen kleinen Augen blinzelte.

»Er nimmt das Schwert und ich das Netz und den Dreizack. Es wird ein herrlicher Kampf werden. Ich hoffe, der Überlebende wird genug bekommen, um die Würde seines Standes zu behaupten.«

»Wegen des Geldes mach dir keine Sorgen, mein Hektor, darauf kommt es uns nicht an«, sagte Klodius. »Also du kämpfst gegen Niger? Glaukus, willst du mit mir wetten? Ich halte auf Niger.«

»Sagte ich es nicht?« rief Niger freudetrunken. »Der edle Klodius kennt mich. Zähle dich nur schon zu den Toten, mein Sporus!«

Klodius zog eine Wachstafel hervor. »Eine Wette um zehn Sesterzien. Was meinst du?«

»Es sei«, sagte Glaukus. »Doch wer ist das? Ich sah diesen Helden noch nie«, und er zeigte hierbei auf Lydon, dessen Glieder schlanker waren als die seiner Genossen, und der etwas Angenehmes, selbst Edles in seinen Zügen hatte, das seine Beschäftigung noch nicht hatte verwischen können.

»Es ist Lydon, ein Anfänger, der sich bis jetzt bloß mit dem hölzernen Schwert geübt hat«, antwortete Niger. »Doch er hat wahres Gladiatorenblut in sich und forderte schon den Tetraides heraus.«

»Er forderte mich heraus«, sagte Lydon. »Ich gehe auf den Kampf ein.«

»Und wie wollt ihr fechten?« fragte Lepidus. »Übrigens, solltest du nicht lieber noch etwas warten, ehe du es mit Tetraides aufnimmst?«

Lydon lächelte verächtlich.

»Strecke deinen Arm aus, mein Lydon«, sagte Lepidus mit Kennermiene.

Der Gladiator streckte, mit einem bedeutungsvollen Blick auf seine Genossen, einen Arm aus, der, wenn auch nicht so dick und fleischig wie die ihrigen, doch von so festem Muskelbau und so regelmäßig in seinen Verhältnissen war, daß die drei jungen Männer gleichzeitig einen Ausruf der Bewunderung hören ließen.

»Nun gut,« sagte Klodius, »und welche Waffe wählst du?«

»Wir werden zuerst mit dem Cestus, und wenn wir darauf beide noch leben, mit Schwertern kämpfen«, erwiderte Tetraides mit einem neidisch-schielenden Blick.

»Mit dem Cestus?« sagte Glaukus. »Daran tust du unrecht, Lydon. Der Cestus ist eine griechische Kampfart, ich kenne sie gut – du mußt dafür noch etwas stärker werden. Du bist zu mager dazu – gib den Cestus auf.«

»Ich kann nicht«, sagte Lydon.

»Und weshalb nicht?«

»Ich habe es schon gesagt, weil er mich darauf herausgefordert hat.«

»Aber er wird nicht gerade auf dieser Waffe bestehen.«

»Meine Ehre besteht aber darauf«, erwiderte Lydon stolz.

»Ich wette auf Tetraides, zwei gegen eins, auf den Cestus«, sagte Klodius. »Soll es gelten, Lepidus? – Und mit Schwertern auf gleiche Wette.«

»Wenn du auch drei gegen eins setzest, so nehme ich es nicht an«, entgegnete Lepidus. »Lydon wird mit dem Schwert ihm nicht gewachsen sein. – Du meinst es sehr gut mit mir.«

»Was meinst du dazu, Glaukus?« fragte Klodius.

»Ich will auf die Wette drei gegen eins eingehen.«

»Also zehn Sesterzien gegen dreißig?«

»Ja.«

Klodius schrieb auch diese Wette auf seine Tafel.

»Entschuldige, mein edler Beschützer,« sagte Lydon leise zu Glaukus, »wieviel glaubst du, daß der Sieger gewinnen wird?«

»Wieviel? – Nun, vielleicht sieben Sesterzien.«

»Bist du gewiß, daß es soviel sein wird?«

»Sicher wird es soviel sein. Aber schäme dich! Ein Grieche würde an die Ehre, nicht aber an das Geld denken. Die Römer bleiben sich doch immer gleich!«

Die braune Wange des Gladiators errötete, und er sprach: »Verkenne mich nicht, edler Glaukus, ich denke an beides. Doch würde ich kein Gladiator geworden sein, wenn es nicht des Geldes wegen wäre.«

»Oh, du Unwürdiger, mögest du unterliegen! Noch nie war ein Geldhungriger ein Held.«

»Ich bin nicht geldhungrig«, sagte Lydon mit Stolz und entfernte sich nach der anderen Seite.

»Aber ich sehe Burbo nicht; wo ist er? Ich muß mit ihm sprechen«, sagte Klodius.

»Er ist da drinnen«, sagte Niger, indem er auf die entgegengesetzte Tür zeigte.

»Und wo ist die Stratonice, die gute Alte, wo ist sie?« fragte Lepidus.

»Sie war soeben noch hier, ehe ihr eintratet, doch sie hörte da drinnen etwas, das ihr mißfiel, und ist hineingegangen. Beim Pollux! Dem alten Burbo ist vielleicht in dem Hinterzimmer ein Mädchen in die Hände gefallen. Ich hörte eine weibliche Stimme kreischen, die Alte ist eifersüchtiger als Juno.«

In diesem Augenblick hörte man einen lauten Schrei des Schmerzes und Entsetzens.

»Oh, schone mich! Ich bin ja nur ein Kind, ich bin blind – ist das nicht Strafe genug?«

»O Pallas! Jene Stimme ist mir bekannt, es ist mein armes Blumenmädchen!« rief Glaukus und stürzte sogleich nach der Stube, aus welcher das Geschrei kam. Er sprengte die Tür und sah Nydia unter den Mißhandlungen der alten Hexe sich winden. Der bereits mit Blut gefärbte Strick schwebte schon wieder in der Luft.

»Furie!« sagte Glaukus, indem er ihr mit der einen Hand Nydia, mit der anderen den Strick entriß. »Wie kannst du ein Mädchen, ein Kind so mißhandeln? Meine Nydia, mein armes Mädchen!«

»Oh, bist du es? Ja, es ist Glaukus!« rief das Blumenmädchen mit freudiger Stimme. Sie hörte auf zu weinen, sie schmiegte sich lächelnd an seine Brust und küßte sein Gewand.

»Und wie kannst du es wagen, voreiliger Fremdling, einer freien Frau zu gebieten, wie sie ihre Sklavin behandeln soll? – Bei den Göttern, trotz deiner feinen Tunika und deinen Parfüms zweifle ich noch sehr, ob du ein römischer Bürger bist, mein Männchen!«

»Nicht so ungestüm, meine Alte, nicht so hitzig«, sagte Klodius, der jetzt mit Lepidus eintrat. »Dies ist mein Freund, du darfst nicht so bissig gegen ihn sein! Sonst geht es dir schlecht.«

»Gib mir meine Sklavin!« kreischte die Amazone, indem sie mit kräftiger Faust den Griechen an der Brust faßte.

»Ich lasse sie nicht, und wenn alle Furien, deine Schwestern, dir beiständen. Fürchte nichts, süße Nydia, ein Athener schützt stets die Unglücklichen!«

»Holla!« schrie Burbo, indem er sich erhob. »Was für ein Lärmen ist das um eine Sklavin? Lasse den jungen Herrn gehen, Weib, laß ihn gehen. Aus Rücksicht für ihn soll das einfältige Ding diesmal noch verschont werden.« Indem er dieses sagte, zog er das wilde Weib zurück.

»Es schien mir, als wir eintraten,« sagte Glaukus, »daß noch jemand hier gewesen sei.«

»Er ist fortgegangen.«

Und allerdings hatte der Priester der Isis es für angezeigt gehalten, sich zu entfernen.

»Oh,« sagte Burbo unbefangen, »das war ein Freund von mir, ein Bruder Saufaus, ein stiller Kauz, der solche Zänkereien nicht liebt. – Doch geh', Kind, du wirst die Tunika des jungen Herrn zerreißen, wenn du sie so festhältst. Geh'! Es soll dir dieses Mal verziehen sein.«

»Oh, verlasse mich nicht – verlasse mich nicht!« sagte Nydia, indem sie sich noch fester an den Athener schmiegte.

Der Grieche fühlte sich gerührt durch ihre verlassene Lage und war auch etwas geschmeichelt, weil sie ihn so um Hilfe anflehte. Er setzte sich auf einen der roh gearbeiteten Stühle, hielt sie auf seinen Knien und küßte ihr die Tränen von den Wangen. Er flüsterte ihr wie einem Kinde beruhigende Worte zu, und so schön erschien er in diesem Augenblick selbst der wilden Stratonice, daß auch ihr hartes Herz gerührt wurde. Seine Gegenwart schien jene finstere Herberge zu veredeln. Weich und edelmütig, wie er war, schien er so recht geschaffen zu sein, dieses schöne und unglückliche Wesen zu unterstützen.

»Wer hätte sich denken sollen,« sagte die Alte, indem sie sich die Schweißtropfen von der Stirn wischte, »daß unsere blinde Nydia noch so geehrt werden würde.«

Glaukus wendete sich zu Burbo und sagte: »Mein guter Mann, dieses ist deine Sklavin. Sie singt gut, sie ist geschickt in der Pflege der Blumen, ich wünsche, solch eine Sklavin einer Dame zum Geschenk zu machen. Willst du sie mir verkaufen?« – Indem er diese Worte sprach, fühlte er, wie ein Schauer des Entzückens durch die Glieder des armen Mädchens zuckte. Sie sprang auf, strich sich die Haare aus dem Gesicht und blickte mit den blinden Augen umher, als ob sie sehen könne!

»Unsere Nydia verkaufen? – Nein, das geschieht nicht«, sagte Stratonice trotzig. Nydia sank mit einem tiefen Seufzer zurück und schmiegte sich wieder an ihren Beschützer.

»Dummes Zeug!« sagte Klodius gebieterisch. »Ihr müßt mir den Gefallen tun. Was, Burbo – was, Alte? Wenn ihr mich beleidigt, so ist es mit eurem Geschäft zu Ende. Ist nicht Burbo der Klient meines Vetters Pansa? Bin ich nicht das Orakel des Amphitheaters und seiner Helden? Wenn ich ein Wort spreche, so ist eure Schenke geschlossen, und ihr verkauft nichts mehr. Glaukus, die Sklavin ist dein.«

Burbo kratzte sich, offenbar in großer Verlegenheit, hinter den Ohren.

»Das Mädchen ist mir so viel wert, als sie in Golde wiegt«, sagte er.

»Nenne den Preis,« entgegnete Glaukus, »ich bin reich.«

Der alte Schankwirt war kein Mann, dem etwas unverkäuflich war. Am wenigsten ein armes, blindes Mädchen.

»Sie kostet mich sechs Sesterzien, jetzt ist sie zwölf wert«, sagte Stratonice.

»Ihr sollt zwanzig haben. Kommt sogleich zum Richter, und dann nehmt das Geld in meinem Hause in Empfang.«

»Ich würde das gute Mädchen nicht für hundert Sesterzien verkaufen,« sagte Burbo weinerlich, »wenn es nicht dem edlen Klodius zu Gefallen geschähe. Du mußt aber auch beim Pansa mir behilflich sein wegen der Stelle eines Designators im Amphitheater, edler Klodius. Sie wäre gerade passend für mich.«

»Du sollst sie haben«, entgegnete Klodius, indem er Burbo leise zuflüsterte: »Jener Grieche kann dein Glück machen, das Geld läuft bei ihm wie durch ein Sieb. Bezeichne diesen Tag mit weißer Kreide, mein Priamus!«

»Also abgemacht?« fragte Glaukus den früheren Gladiator.

»Abgemacht!« erwiderte Burbo.

»Ach, welch ein großes Glück!« murmelte Nydia. »Ich werde also zu dir gehen?«

»Ja, mein süßes Kind; und künftig soll dein Geschäft nur darin bestehen, der liebenswürdigsten Dame in Pompeji griechische Lieder vorzusingen.«

Das Mädchen sprang auf, ihre Züge, die den Augenblick vorher ein so freudiges Entzücken aussprachen, nahmen einen anderen Ausdruck an. Sie seufzte tief und sagte, indem sie seine Hand ergriff: »Ich glaubte, ich würde mit nach deinem Hause gehen.«

»Für jetzt soll dieses auch geschehen; komm, wir verlieren die Zeit.«

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