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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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8.

Kalenus, der Priester der Isis, der heimlich und verkleidet durch die Hintertür zu Burbo gekommen war, stammte von der niedrigsten Herkunft ab. Sein Vater war ein befreiter Sklave gewesen, hatte aber dem Sohn eine gute Erziehung gegeben. Doch dieser verpraßte das ererbte kleine Vermögen und wählte dann als letzte Zuflucht vor der Not den Priesterstand. Wenn auch die festen Einkünfte dieses heiligen Amtes damals im allgemeinen nur geringe waren, so konnten doch die Priester eines beliebten Tempels sich nicht beklagen. Keine Beschäftigung bringt so viel ein als die, welche den Aberglauben der Menge in Anspruch nimmt.

In Pompeji lebte nur ein Verwandter des Kalenus, und dieser war Burbo. Dunkle und unehrenwerte Bande, stärker als die des Blutes, vereinigten ihre Herzen und ihre Interessen. Oft entzog sich der Isispriester verkleidet und insgeheim der angeblichen Strenge seiner Andachtsübungen und schlich sich durch die Hintertür in das Haus des ehemaligen Gladiators, eines Menschen, den seine Laster und seine Beschäftigungen gleich sehr der Verachtung preisgeben mußten. Dort legte er den letzten Rest jener Scheinheiligkeit ab, die einer, selbst für die Nachäffung der Tugend zu rohen Seele jederzeit drückend sein mußte, und der er sich bloß unterwarf, weil seine Hauptleidenschaft, der Geiz, ihn dazu antrieb.

In einen jener großen Mäntel gehüllt, die bei den Römern Mode wurden, je mehr sie die Toga ablegten, und dessen weiter Faltenwurf die Gestalt ganz verhüllte, so wie die hinzugefügte Kapuze auch die Gesichtszüge verbarg – saß jetzt Kalenus in dem kleinen Wohnzimmer des Burbo, von wo aus ein kleiner Gang zu der Hintertür führte, die man fast in allen Häusern Pompejis fand.

Ihm gegenüber saß Burbo und zählte wohlgefällig auf einem Tische eine kleine Summe Geldes, welche der Priester eben aus der Börse genommen hatte.

»Du siehst,« sagte Kalenus, »wir zahlen gut, und du bist mir Dank schuldig, daß ich dir zu einer solchen guten Kundschaft verholfen habe.«

»Allerdings, Vetter, ich bin dir sehr dankbar«, erwiderte Burbo, indem er das Geld in ein ledernes Beutelchen steckte, das er in den Gürtel schob, worauf er den Gurt um seinen hervorstehenden Bauch enger anzog, als er es gewöhnlich in den Stunden häuslicher Beschäftigungen zu tun pflegte. »Und bei der Isis, Pisis, Nisis, oder welche Gottheiten es sonst noch in Ägypten geben mag, meine kleine Nydia ist ein wahres Hesperien, ein goldener Garten für mich.«

»Sie singt schön und spielt wie eine Muse. Dieses sind Talente, die der, dem ich diene, stets freigebig bezahlt.«

»Er ist ein Gott,« rief Burbo begeistert aus; »jeder reiche Mann, der freigebig ist, verdient angebetet zu werden. Aber komm, alter Freund, trinke ein Glas Wein mit mir und erzähle mir mehr davon. Was tat sie dort? Sie ist ängstlich, spricht von ihrem Eid und offenbart nichts.«

»Ich ebensowenig, bei meiner rechten Hand. Auch ich habe den schrecklichen Eid der Verschwiegenheit geleistet.«

»Eid! – Was sind Eide für Männer wie wir?«

»Allerdings – gewöhnliche Eide! – Aber dieser?«. Und der in Lastern abgehärtete Priester bebte, indem er sprach. »Doch«, fuhr er fort, und leerte dabei einen großen Becher ungemischten Weins, »ich muß dir gestehen, daß ich nicht so sehr den Eid als die Rache dessen, dem ich ihn geleistet, scheue. Bei den Göttern! Er ist ein mächtiger Zauberer und vermöchte mein Geständnis selbst vom Monde herabzuziehen, wenn ich es diesem abgelegt hätte. Sprich nicht mehr davon! Wenn ich aber auch, beim Pollux, herrliche Feste mit ihm feiere, so ist mir doch dort nie recht behaglich. Eine frohe Stunde mit dir und mit einer jener einfachen, kräftigen Mädchen, die ich in diesem Zimmer finde, ist mir lieber, als ganze Nächte in so glänzenden Ausschweifungen zugebracht.«

»Ach, das kannst du gerne haben, und wenn es den Göttern gefällt, so wollen wir zu morgen abend wieder ein hübsches Fest veranstalten.«

»Das soll mir lieb sein«, sagte der Priester, indem er sich die Hände rieb und sich mehr dem Tische näherte.

In diesem Augenblick hörten sie ein leichtes Geräusch an der Tür, als ob jemand die Klinke umfaßte. Der Priester zog schnell seine Kapuze über den Kopf. »Sei ruhig,« lispelte der Wirt, »es ist die Blinde«, als Nydia die Tür öffnete und in das Zimmer trat.

»He, Mädchen, was willst du? Du siehst bleich aus; auch bist du so lange ausgeblieben. Nun, nun, jung bleibt immer jung!« sagte Burbo lachend.

Das Mädchen erwiderte nichts, ließ sich aber auf einem der Sitze nieder und schien sehr ermüdet zu sein. Ihre Gesichtsfarbe wechselte schnell, sie stieß ungeduldig mit ihrem kleinen Fuß auf den Boden und sagte mit entschlossener Stimme: »Niemals werde ich wieder an jenen schrecklichen Ort gehen; mögt ihr mich auch schlagen, mich hungern lassen, mir selbst mit dem Tode drohen.«

»Was! Du törichtes Ding!« rief Burbo, der schnell in Wut geriet. Seine Augenbrauen zogen sich finster über die wilden, rollenden Augen. »Was, du willst nicht gehorchen? Nimm dich in acht!«

»Ich kann es nicht«, erwiderte das arme Mädchen, indem es traurig die Hände über die Brust kreuzte.

»Was, mein Zierpüppchen, du willst im Ernst nicht mehr hingehen? Na, ich werde dich schon mit Gewalt hinbringen lassen.«

»Ich werde schreien, daß man es in der ganzen Stadt hört«, sagte sie heftig, und das Blut stieg ihr in das Gesicht.

»Das wollen wir auch schon verhindern; wir werden dir den Mund stopfen.«

»Dann mögen die Götter mir beistehen,« sagte Nydia, indem sie aufstand; »ich werde mich bei der Obrigkeit beschweren.«

»Erinnere dich deines Eides!« sagte Kalenus jetzt mit dumpfer, tiefer Stimme.

Bei diesen Worten ergriff ein Schauder das arme Mädchen, sie faltete, um Hilfe flehend, die Hände. »Ach, ich Unglückliche«, seufzte sie, und fing an zu weinen.

Jetzt erschien plötzlich die abschreckende Gestalt der Stratonice, wahrscheinlich durch das Geräusch, welches diese Szene verursachte, herbeigerufen, in dem Zimmer.

»Was gibt es hier?« sagte sie wütend zu Burbo. »Was beginnst du wilder Mensch mit meiner Sklavin?«

»Sei ruhig, Weib!« erwiderte er in einem halb ängstlichen, halb grimmigen Tone. »Du kannst doch wohl hübsche Kleider und einen neuen Gürtel gebrauchen, nicht wahr? Nun, so gib acht auf deine Sklavin, sonst wirst du noch lange darauf warten müssen. Der Fluch auf dein Haupt, du Ungehorsame!«

»Was bedeutet das?« sagte die alte Hexe, indem sie bald den einen, bald die andere ansah.

Nydia stand schnell auf, warf sich der Stratonice zu Füßen und schluchzte, indem sie ihre Knie umfaßte: »O meine Gebieterin, du bist ein Weib, du hast Schwestern gehabt, du warst jung wie ich. Erbarme dich meiner, beschütze mich! Ich will jenen schrecklichen Festen nicht mehr beiwohnen.«

»Einfältiges Mädchen!« sagte die Hexe, indem sie ungestüm eine jener zarten Hände faßte, die an keine härtere Arbeit als an das Flechten von Blumenkränzen gewöhnt waren. »Dummes Ding! Eine Sklavin darf solche Gewissensbisse nicht haben!«

»Hörst du«, sagte Burbo, indem er seinen Geldbeutel hervorzog und dessen Inhalt erklingen ließ. »Hörst du diese Musik, Weib? Wenn du jenes dumme Kalb nicht mit einem tüchtigen Riemen züchtigst, so wirst du diese Musik bald nicht mehr hören.«

»Das Mädchen ist müde und erschöpft«, sagte Stratonice, indem sie dem Kalmus zuwinkte. »Das nächste Mal wird sie euch folgsamer sein.«

»Euch! Euch! Wer ist hier?« rief Nydia mit so ängstlichem Wesen, daß der Isispriester beunruhigt aufstand, als ihre blinden Augen in ihren Höhlen rollten.

»Sie muß mit diesen Augen sehen!« flüsterte er.

»Wer ist hier? In des Himmels Namen sprecht! Ach, wäret ihr blind, wie ich, so würdet ihr nicht so grausam sein«, sagte sie und brach wieder in Tränen aus.

»Bringe sie fort«, sagte Burbo ungeduldig. »Ich hasse dieses Gejammer!«

»Komm«, sagte Stratonice, indem sie das arme Kind an der Schulter faßte.

Nydia entzog sich ihr mit einer Miene, der die Entschlossenheit Würde gab.

»Höre mich,« sagte sie, »ich habe dir treu gedient, ich, die ich zu einem ganz anderen Leben erzogen wurde. Ach, meine arme, arme Mutter, ließest du dir wohl jemals träumen, daß es noch so weit mit mir kommen würde?« – Sie trocknete sich die Tränen und fuhr fort: »Befehlt mir alles andere, ich will gehorchen, aber ich erkläre euch jetzt, euch, so strenge, hart und unerbittlich ihr auch seid, daß ich dort nicht mehr hingehen, oder daß, wenn ich dazu gezwungen werde, ich den Schutz des Prätors selbst anflehen will. Ich habe es gesagt. Hört mich, ihr Götter, ich schwöre!«

Die Augen der alten Hexe fingen jetzt an zu glühen wie Feuer. Sie ergriff das Kind mit der einen Hand bei den Haaren, und erhob die andere in die Luft – jene schreckliche rechte Faust, deren geringster Schlag hingereicht hätte, um das zarte und schwache Mädchen zu töten. Dieses schien sie auch wohl zu bedenken, denn sie änderte ihren Vorsatz, und indem sie Nydia nach der Wand hinzog, nahm sie von einem Haken einen Strick, der schon oft zu diesem Zweck gedient haben mochte, und in dem nächsten Augenblick ertönte das Angstgeschrei und Hilferufen des armen, blinden Mädchens.

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