Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
Schließen

Navigation:

6.

Der Abend lag über der lebenerfüllten Stadt, als Apäcides seinen Weg nach dem Hause des Ägypters nahm. Er vermied die volkreichen Straßen, und indem er mit verhülltem Haupt und das Gewand um sich geschlagen einherschritt, lag etwas Auffallendes in dem Gegensatz, den sein feierliches Wesen zu der fröhlichen Ausgelassenheit derer bildete, die ihm begegneten.

Bald aber berührte ein Mann von gesetzterem und stillerem Äußern, der schon zweimal mit neugierigem, doch zweifelndem Blick bei ihm vorbeigegangen war, seine Schulter.

»Apäcides«, sagte er, und dabei machte er ein schnelles Zeichen mit der Hand, es war das des Kreuzes.

»Was willst du, Nazarener?« erwiderte der Priester, indem sein Antlitz noch blässer wurde.

»Nun,« entgegnete der Fremde, »ich will dich in deinen Betrachtungen nicht stören. Aber als wir uns zuletzt begegneten, schien ich dir willkommener zu sein.«

»Auch jetzt bist du mir willkommen, Olinthus, doch ich bin müde und traurig und heute abend unfähig, über deinen Lieblingsgegenstand mich mit dir zu unterhalten.«

»Oh, wie töricht ist dein Herz!« sagte Olinthus voller Eifer. »Gerade, weil du müde und traurig bist, solltest du den heilenden Strom nicht verschmähen, der dich allein erquicken kann.«

»Der Himmel helfe mir!« rief der junge Priester und schlug sich an die Brust. »Wohin soll ich meine Blicke wenden, um den wahren Olympus zu sehen, wo die Götter wirklich wohnen. Soll ich mit diesem Manne glauben, daß keiner der Götter, die meine Vorfahren so viele Jahrhunderte lang verehrten, ein Wesen oder einen Namen hat? Soll ich dieselben Altäre, die ich so lange für heilig hielt, als Gotteslästerungen umstürzen? Oder soll ich mit Arbaces glauben?«

Er schwieg und beschleunigte seine Schritte, gequält von der Unruhe eines Menschen, der sich selbst entfliehen will.

Doch der Nazarener war einer jener kühnen, kraftvollen und enthusiastischen Männer, die das Schicksal zu allen Zeiten als Werkzeuge gebraucht hat, um neuen Religionen ihren Weg zu bahnen. Er war einer von jenen, die durch ihre Ausdauer geeignet sind, andere zu bekehren; die durch nichts entmutigt oder zurückgeschreckt werden, und begeistert von der Kraft ihres Glaubens auch andere begeistern. Ihre Vernunft wirkt zuerst auf ihre Einbildungskraft, und diese ist zugleich das Werkzeug, dessen sie sich bedienen. Gewaltsam dringen sie in die Herzen der Menschen ein, während sie bloß ihr Urteil in Anspruch zu nehmen scheinen. Nichts teilt sich so leicht mit, als die Begeisterung; dies ist die wahre Allegorie in der Fabel des Orpheus – sie setzt Steine in Bewegung, sie bezaubert wilde Tiere. Der Geist der Wahrheit offenbart sich durch die Begeisterung, und ohne sie feiert die Wahrheit keine Siege.

Olinthus ließ den Apäcides nicht so leicht fort. Er blieb ihm zur Seite und begann von neuem auf ihn einzureden. »Ich wundere mich nicht, Apäcides,« sagte er, »daß meine Gegenwart dir unangenehm ist und daß ich dein Gemüt verwirre. Du wandelst im Zweifel, du treibst auf dem weiten Ozean der Ungewißheit und der Finsternis einher. Dies alles befremdet mich nicht. Doch harre etwas aus mit mir, wache und bete! Die Dunkelheit wird verschwinden, der Sturm sich legen, und Gott selbst wird, wie er einst die See von Samaria beruhigte, wachen über den empörten Wogen, um deine Seele zu retten. Unser Glaube ist streng in seinen Forderungen, aber wie freigebig in seinem Segen! Die Schmerzen einer Stunde werden belohnt durch das ewige Leben.«

»Solche Versprechungen,« sagte Apäcides mit heftigem Tone, »sind jene Spiegelfechtereien, durch welche die Menschen von jeher getäuscht wurden. Oh, wie herrlich waren die Zusagen, die mich in den Tempel der Isis führten!«

»Befrage deine Vernunft,« entgegnete der Nazarener, »kann jene Religion die wahre sein, die alle Sittlichkeit verletzt? Man gebietet euch, eure Götter zu verehren? Wer sind diese Götter nach eurem eigenen Geständnis? Wie handelten sie, welches sind die Beweise ihrer Gottheit? Werden sie euch nicht alle wie die schwärzesten Verbrecher dargestellt? Und doch verlangt man, daß ihr sie wie die heiligsten Gottheiten anbetet! Selbst Jupiter ist ein Vatermörder und Ehebrecher. Und die geringeren Götter, sind sie nicht bloß Nachahmer seiner Untugenden? Man untersagt euch den Mord, aber ihr betet Mörder an; ihr sollt nicht ehebrechen, aber ihr richtet eure Gebete an einen Ehebrecher. Heißt dieses nicht Spott mit dem Heiligsten des Menschen, mit dem Glauben treiben? Wende dich daher zu dem einen und wahren Gott, vor dessen Altar ich dich führen will. Scheint er dir zu erhaben, zu wesenlos für die menschliche Fassungskraft, die rührende Sehnsucht des Geschöpfes nach seinem Schöpfer, welcher das schwache Herz sich hingibt – so schaue ihn an in seinem Sohne, der ein sterblicher Mensch wurde wie wir. Seine Sterblichkeit zeigte sich aber nicht, wie die eurer fabelhaften Götter, durch die Mängel unserer Natur, sondern durch die Ausübung aller Tugenden. In ihm war die strengste Sittlichkeit mit der duldendsten Sanftmut vereinigt. Wäre er auch nur ein Mensch, so hätte er verdient, ein Gott zu werden. Ihr ehrt den Sokrates – er hat seine Anhänger und seine Schüler. Was sind aber die zweideutigen Tugenden des Atheners gegen die unleugbare, sich selbst hingebende Heiligkeit Christi? – Ich spreche jetzt bloß von seinem Charakter als Mensch mit dir. Er kam zu uns als das Zeugnis für künftige Jahrhunderte, um uns die Mensch gewordene Tugend darzustellen, wie Plato sie zu schauen dürstete. Dieses ist das wahre Opfer, welches er den Menschen brachte. Der Jubel aber, der in seiner Todesstunde erschallte, verklärte nicht allein die Erde, sondern gestattete uns auch einen Blick in den Himmel! – Du bist gerührt, du fühlst dich beseligt! Gott wirkt in deinem Herzen; sein Geist ist mit dir! Darum entziehe dich nicht dem heiligen Feuer, komme mit mir, komme sofort. Gerade jetzt sind einige der Unsrigen versammelt, um das Wort Gottes auszulegen. Laß mich dein Führer sein zu ihnen. Du bist müde, du bist traurig. So höre denn auf die Worte Gottes. Kommt her zu mir, sagte er, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.«

»Nein, ich kann jetzt nicht«, sagte Apäcides. »Vielleicht ein andermal.«

»Gerade jetzt mußt du kommen«, rief Olinthus und ergriff ihn am Arm.

Aber Apäcides war noch nicht so weit, um jenem Glauben, dem er schon so viel geopfert hatte, zu entsagen. Es klangen ihm auch noch die Versprechungen des Ägypters im Ohre; und um die Unentschlossenheit zu überwinden, die die Beredsamkeit des Christen in seinem erhitzten, fieberhaften Gehirn erregt hatte, riß er sich gewaltsam los. Er schlug sein Kleid zurück und floh so schnell, daß er nicht mehr einzuholen war.

Atemlos und erschöpft gelangte er endlich in einen entfernten und einsamen Teil der Stadt, und das düstere Haus des Ägypters stand vor ihm. Als er, um sich zu erholen, stehen blieb, trat der Mond hinter einer silbernen Wolke hervor, und sein Schein fiel auf die Mauern jenes geheimnisvollen Gebäudes.

Kein anderes Haus stand in der Nähe. Es wurde durch die Reben eines dicken Weinstocks umrankt, und hinter demselben erhob sich eine Gruppe hoher Waldbäume, die das melancholische Mondlicht beschien. Weiterhin sah man die entfernteren Berge, und unter ihnen den Vesuv, der damals noch nicht so hoch war, als der Wanderer jetzt ihn schaut.

Apäcides trat in den breiten und geräumigen Säulengang ein. Vor ihm, zu beiden Seiten der Treppe, ruhte das Steinbild einer ägyptischen Sphinx, und das Mondlicht erhöhte den feierlichen Eindruck jener harmonischen und leidenschaftslosen Züge, in denen die Künstler, welche jenes Sinnbild der Weisheit darstellten, das Symbol der Schönheit und des Geheimnisvollen zu verewigen suchten. Mitten auf den Stufen standen Aloepflanzen mit ihren dunkelgrünen und dicken Blättern, und der Schatten der morgenländischen Palme malte ihre langen und regungslosen Zweige auf den marmornen Boden.

Es lag etwas in der Einsamkeit des Ortes und dem eigentümlichen Anblick der Sphinxe, welches das Blut des Priesters in unheimlicher Furcht erstarren ließ, und er sehnte sich selbst nach einem Echo, als er die Stufen hinaufstieg.

Er klopfte an die Tür, über welcher eine Inschrift, in Charakteren, die ihm unbekannt waren, sich befand. Sie wurde geöffnet, und eine schlanke, äthiopische Sklavin winkte ihm, ohne Frage oder Gruß, einzutreten.

Die geräumige Halle war durch hohe, kunstreich gearbeitete Kandelaber von Bronze erleuchtet, und die Wände waren mit großen Hieroglyphen in dunklen Farben bemalt, welche einen seltsamen Gegensatz zu den anmutigen und glänzenden Gemälden bildeten, die man gewöhnlich in den Häusern der damaligen Italiener fand. An dem Ende der Halle empfing ihn eine Sklavin, deren Gesichtsfarbe, wenn auch nicht afrikanisch, doch um einige Schatten dunkler war als die der Römer.

»Ich suche Arbaces«, sagte der Priester mit zitternder Stimme.

Die Sklavin nickte schweigend mit dem Kopfe und führte Apäcides durch einen Flügel des Gebäudes eine schmale Treppe hinauf. Darauf gingen sie noch durch mehrere Zimmer, in denen die ehrwürdige und gedankenvolle Schönheit der Sphinxe wieder die Augen des Priesters besonders auf sich zog, und jetzt stand er in einem schwach erleuchteten Zimmer vor dem Ägypter.

Arbaces saß vor einem kleinen Tisch, auf dem mehrere Papyrusrollen lagen, mit ähnlichen Buchstaben beschrieben, als die in der Inschrift über der Haustür. Unweit davon stand ein kleiner Dreifuß, aus dem sich der Weihrauch langsam erhob. Daneben war ein großer Globus mit den Himmelszeichen aufgestellt, und auf einem anderen Tische lagen mehrere eigentümlich geformte Instrumente, deren Gebrauch Apäcides unbekannt war. Die andere Seite des Zimmers verbarg ein Vorhang, und durch ein längliches Fenster in der Decke drangen die Strahlen des Mondes, sich mit denen der einzigen Lampe vereinigend, die in der Mitte des Zimmers düster brannte.

»Setze dich, Apäcides«, sagte der Ägypter, ohne aufzustehen. Der junge Mann gehorchte.

Nach einer kurzen Pause, während der er in tiefe Gedanken versunken schien, wandte sich Arbaces seinem Besucher zu. »Du willst mich,« begann er, »nach den tiefsten Geheimnissen befragen, die der Geist des Menschen zu erfassen vermag. Du wünschest, daß ich das Rätsel des Lebens selbst dir lösen möge. Wir bilden uns, wie die Kinder im Dunkeln, und nur auf kurze Zeit, in diesem beschränkten, ärmlichen Dasein unsere Gespenster in der Finsternis. Bald sinken unsere Gedanken schreckhaft in sich selbst zurück, bald stürzen sie sich in die bodenlose Leere, während wir erforschen wollen, was sie enthalten. Und so stolpern wir, indem wir mit unseren hilflosen Händen um uns tasten, zuletzt über einer verborgenen Gefahr. Wir kennen die Schranken nicht, die unsere irdische Existenz begrenzen, und glauben bald, das Vordringen sei uns nicht weiter gestattet, dann wieder, es sei uns der Fortschritt bis in die Unendlichkeit des Raumes gewährt. In dieser Lage der Dinge besteht notwendigerweise alle Weisheit in der Beantwortung der beiden Fragen: »Was sollen wir glauben, und was sollen wir nicht glauben?« Du wünschest von mir die Auflösung dieser beiden Fragen zu hören?«

Apäcides nickte bejahend mit dem Kopfe.

»Der Mensch muß glauben«, fuhr der Ägypter mit trauriger Stimme fort. »Er muß seine Hoffnung an etwas fesseln, dieses ist das Erbteil unserer Natur. Wenn du, erschrocken und entsetzt, den Gegenstand deines Glaubens dir entrissen zu sehen, in einem finsteren und uferlosen Ozean der Ungewißheit treibst, rufst du um Hilfe und sehnst dich nach einer Planke, an die du dich halten könntest, um ein, wenn auch entferntes und ödes Land zu erreichen. Nun, so höre denn! – Du erinnerst dich noch unserer heutigen Unterredung?«

»Wie sollte ich sie vergessen haben?«

»Ich sagte dir, daß alle diese Gottheiten vor deren Altären so viele Opfer rauchen, Erfindungen der Menschen sind. Ich gestand dir, daß unsere gottesdienstlichen Gebräuche und Zeremonien bloße Mummereien seien, erfunden jedoch für das eigene Beste der rohen Menge. Ich zeigte dir, daß diesen Täuschungen die Bande der Gesellschaft, die Ruhe und Ordnung der Welt, die Macht der Weisen zu verdanken seien; jene Macht gründet sich auf den Gehorsam der Menge. Setzen wir daher diese heilsamen Täuschungen fort – wenn der Mensch einen Glauben haben muß, so möge er den seiner Väter behalten, und den, welchen die Gottheit heiligt und kräftigt. Indem wir für uns, deren geistige Bedürfnisse ausgebildeter sind, einen anderen Glauben suchen, wollen wir anderen jene Stütze nicht rauben, die für uns selbst zu schwach ist. Dieses ist weise, dieses ist eine Wohltat.«

»Fahre fort.«

»Nachdem dieses festgestellt ist,« sprach der Ägypter weiter, »und die alten Grenzsteine für diejenigen, welche wir verlassen wollen, unverletzt geblieben, gürten wir unsere Lenden, um ein neues Gebiet des Glaubens zu suchen. Jetzt vernichte gänzlich in deinem Gedächtnis und in deinem Herzen alles, woran du früher geglaubt hast. Dein Geist werde, wie eine unbeschriebene Papyrusrolle, geeignet, ganz neue Eindrücke aufzunehmen. Schaue dich um in der Welt, betrachte ihre Ordnung, ihre Regelmäßigkeit, ihre Größe. Etwas muß sie erschaffen haben, das Geschöpf setzt einen Schöpfer voraus – mit dieser Wahrheit betreten wir zuerst festen Boden. Doch was ist dieses Etwas? – ›Ein Gott!‹ sagst du; aber das ist zunächst ein verwirrender Name. Von dem, was die Welt erschuf, kennen wir nichts als seine Eigenschaften: eine ewige Macht und eine ewige Regelmäßigkeit. Es ist eine strenge, vernichtende, rastlose Regelmäßigkeit, die keine Rücksicht auf einzelne Fälle nimmt, die über Böses und Gutes wie ein gewaltiges Rad hinwegrollt. Diese Mischung von Gut und Böse, das Vorhandensein von Schmerz und Krankheit hat zu allen Zeiten die Weisen in Verlegenheit gesetzt. Es widersprach der Annahme eines guten und gerechten Gottes. Um dieses zu erklären, dachte sich der Perser noch einen Geist, dessen Natur böse ist, und nimmt einen ewigen Kampf zwischen diesem und dem Gott des Guten an. Wir Ägypter setzen in unserem furchtbaren Typhon einen ähnlichen Dämon voraus. Ein verwirrender Irrtum, der uns nur noch mehr irreführt! Nein, wir wollen dieser Macht einen Namen geben, der keine Verwirrung der Begriffe zuläßt, dieser Name ist: die Notwendigkeit. Die Notwendigkeit, sagen die Griechen, regiert die Götter – wozu denn die Götter? – ihre Hilfe wird zwecklos – gib sie ein für allemal auf. – Die Notwendigkeit regiert alles, was wir sehen, Macht und Regelmäßigkeit, diese beiden Eigenschaften bilden ihr Wesen. Willst du mehr wissen? Weiter kannst du nichts erfahren! Wir wissen nicht, ob jene Notwendigkeit ewig ist, ob sie uns, ihren Geschöpfen, nach jener Finsternis, die wir Tod nennen, eine neue Laufbahn anweist. Wir vermögen nicht weiter einzudringen in das Wesen dieser uralten, unsichtbaren, unergründlichen Macht – und müssen uns zu jener wenden, die, nach unseren Erfahrungen, ihr großes Werkzeug ist. Diese können wir näher beobachten, von ihr können wir mehr lernen – sie umgibt uns: es ist die Natur. Hier befinden wir uns auf festem Boden, denn die Natur ist der große Geist des äußeren Daseins, die uns selbst die Fähigkeit gewährt, durch die wir sie beobachten. Diese Fähigkeiten sind die Neugierde und das Gedächtnis, ihre Vereinigung ist die Vernunft, deren Vervollkommnung die Weisheit. Durch diese Kräfte unterstützt, beobachte ich die unerschöpfliche Natur, die Erde, die Luft, das Meer, den Himmel. Ich überzeuge mich, daß alle in einer geheimnisvollen Verbindung stehen, und lerne so, wenn auch nicht das Wesen der Notwendigkeit, so doch ihre Gesetze kennen. Und hieraus schaffe ich mir auch eine Religion, denn ich glaube an zwei Gottheiten, an die Natur und an die Notwendigkeit. Ich verehre diese durch Ehrfurcht, jene durch eigene Forschung. Aus dieser Religion folgt auch meine moralische Anschauung. Sie ist für die Moralität der unabänderlichen Gesetze, welche die Welt regieren. Diese Moralität bekenne ich auch als die meinige. Ich möchte die Täuschungen der Priester aufrechterhalten – denn sie sind der Menge nützlich; ich möchte den Menschen die Künste mitteilen, die ich entdeckte, die Wissenschaften, die vervollkommnete; ich möchte den Fortschritt der Bildung befördern. Darin diene ich dem Ganzen, ich erfülle das allgemeine Gesetz, ich übe die großen moralischen Gebote aus, welche die Natur selbst predigt. Für mich aber nehme ich die individuelle Ausnahme in Anspruch. Ich fordere sie für den Weisen. Ich gebe der Welt Weisheit, mir selbst Freiheit. Ich erleuchte das Dasein anderer und genieße mein eigenes. Ja, unsere Weisheit ist ewig, aber unser Leben ist kurz. Benutze es, solange es währt. Vergönne deiner Jugend das Vergnügen und deinen Sinnen den Genuß. Bald kommt die Stunde, wo der Becher nicht mehr winkt und die Kränze nicht mehr blühen. Freue dich des Lebens, solange es dir möglich ist! Stille! O Apäcides, mein Pflegekind und mein Schüler! Ich will dich den Mechanismus der Natur in ihren düstersten und wildesten Geheimnissen kennen lehren – das Wissen, welches Toren Magie nennen – und die bedeutungsvollen Mysterien der Sternenwelt. Dadurch wirst du deine Pflichten gegen das Ganze erfüllen und deine Mitmenschen aufklären. Aber ich will dich auch Genüsse kennen lehren, von denen sich die Menge nichts träumen läßt; und wenn du den Tag den Menschen gewidmet hast, so soll die süße Nacht dir selbst vorbehalten bleiben.«

Als der Ägypter seine Rede schloß, ertönte von allen Seiten die lieblichste Musik, welche Lydien jemals erfand oder Ionien vervollkommnete. Sie drang ein wie ein Strom der Töne – die Sinne unbewußt einwiegend, übertäubend und mit Entzücken beseligend. Es schien die Melodie unsichtbarer Geister zu sein, so wie der Schäfer sie in der goldenen Zeit gehört haben mochte in den Tälern Thessaliens oder in den kühlen paphischen Hainen. Die Worte, welche Apäcides als Antwort auf die Trugschlüsse Arbaces erwidern wollte, erstarben auf seinen Lippen. Er hielt es für eine Entheiligung, diese bezaubernden Töne zu unterbrechen – die Empfänglichkeit seines aufgeregten Gemüts, die griechische Wärme und Milde seiner angeborenen Natur, wurden durch jene Überraschung entbunden und entfesselt. Er sank mit offenen Lippen und horchendem Ohr auf einen Sitz – während ein Chor von Stimmen, schmelzend und süß wie jene, die einst Psyche in dem Tempel des Amor erweckten, eine Hymne an Eros sangen. Als der Gesang beendet war, faßte der Ägypter den überraschten und etwas widerstrebenden Apäcides bei der Hand und führte ihn dem Vorhang an der anderen Seite des Zimmers zu. Und jetzt schienen tausend funkelnde Sterne hinter demselben hervorzuleuchten, der bis dahin dunkle Vorhang glänzte in dem zartesten Himmelblau. Er stellte den Himmel selbst dar – einen Himmel, wie er in den mildesten Juninächten über den Strömen Kastiliens ausgespannt ist. Hier und da erschienen rosige Wolken, aus denen durch die Kunst des Malers Antlitze von göttlicher Schönheit hervorschauten und auf welchen die Gestalten ruhten, von denen Phidias und Apelles träumten. Und die leuchtenden Sterne in dem glänzenden Azur rollten schnell einher, während die Musik, die in leichteren und lebhafteren Tönen sich hören ließ, mit der Harmonie der Sphären im Einklang zu sein schien.

»Oh, welche Wunder sind dieses, Arbaces?« sagte Apäcides mit stammelnder Zunge. »Willst du mir, nachdem du die Götter verleugnet, jetzt –«

»Ihre Genüsse zeigen!« unterbrach ihn Arbaces mit einer von seiner gewohnten Kälte und Ruhe so abweichenden Stimme, daß Apäcides staunte und den Ägypter für verwandelt hielt. Und jetzt, als sie dem Vorhang sich näherten, drang eine milde, laute, entzückende Melodie hinter demselben hervor. Er schien darauf in der Luft zu verschweben, und es bot sich den Blicken des jungen Priesters eine Szene dar, wie ein Sybarit selbst sie kaum sich zu denken vermocht haben würde.

Vor ihm lag ein großer Festsaal, durch unzählige Lichter erleuchtet. Der Duft von Weihrauch, Jasmin, Veilchen und Rosen erfüllte den Raum. Alles, was die wohlriechendsten Blumen und die kostbarsten Gewürze darbieten konnten, schien in eine Essenz vereinigt. Von den schlanken Säulen, die sich bis zu der hohen Decke erhoben, hingen weiße Draperien, mit goldenen Sternen besät, herab. An dem Ende des Saales erhoben zwei Springbrunnen ihre Strahlen, die in dem glänzenden Licht wie unzählige Diamanten herabfielen. In der Mitte erhob sich langsam, als sie eintraten, unter den Tönen unsichtbarer Musik eine lange Tafel aus dem Boden, die mit den köstlichsten Speisen besetzt war. Aus durchsichtigen, glänzenden Vasen erhoben sich seltsame Blumen des Morgenlandes. Die Ruhebetten, welche diesen Tisch umgaben, waren mit blauen, goldgestickten Kissen belegt, und aus unsichtbaren Röhren in der gewölbten Decke verbreitete sich wohlriechendes Wasser, welches die köstliche Luft abkühlte und das herrlichste Farbenspiel in den Strahlen der Lampen bildete, so daß die Elemente des Wassers und Feuers sich zu überbieten schienen. Plötzlich traten hinter den Draperien himmlische Gestalten hervor, wie sie Adonis erblickte, als er im Schoße der Venus ruhte. Einige trugen Blumenkränze, andere eine Leier in ihren Händen. Sie umringten den Jüngling und führten ihn zu dem Tische, indem sie ihn mit rosigen Ketten umwanden. Die Erde, selbst der Gedanke an sie, verschwand aus seiner Seele. Er glaubte zu träumen und hielt den Atem an, um nicht zu schnell zu erwachen. Die Sinne, welche ihn bis jetzt noch nie überwältigt hatten, regten sich in seinen schlagenden Pulsen und verblendeten seine umherschwärmenden, irren Blicke. Und nochmals erhob sich, während er sich wie bezaubert fühlte, in schnellem und bacchischem Tonmaß der Gesang, und ein anakreontisches Lied ertönte.

Als es beendet war, erschien eine Gruppe von drei Mädchen, die durch Blumengewinde verbunden waren und an Schönheit den Grazien ähnlich waren. Sie näherten sich in dem Takte des ionischen Tanzes, so wie die Nereiden an den Gestaden der Ägäischen See, oder wie Cytherea ihre schönen Begleiterinnen auf dem Vermählungsfest der Psyche und ihres Sohnes es lehrte.

Die eine derselben setzte Apäcides einen frischen Kranz auf das Haupt, und die jüngste reichte ihm kniend den Becher dar, in dem der feurige Wein von Lesbos glühte und schäumte. Der Jüngling widerstand nicht länger; er trank, und das Blut rollte ihm wild durch die Adern. Er sank an den Busen der Nymphe, die neben ihm saß, und indem seine schwimmenden Augen Arbaces suchten, den er in der Aufregung seiner Gefühle aus dem Gesicht verloren hatte, erblickte er ihn an dem oberen Ende des Tisches auf einem Ruhebette, wie er mit einem aufmunternden Lächeln ihn betrachtete. Er sah ihn dieses Mal anders, als er es sonst gewohnt war, weder im dunklen und einfachen Gewande, noch mit feierlicher und ernster Stirn. Ein schneeweißes Kleid, mit Gold gestickt und mit Edelsteinen besetzt, umgab seine ehrwürdige Gestalt; sein Haupt war mit einer Art von Tiara von Smaragden und Rubinen gekrönt und seine rabenschwarzen Locken mit einem Kranze von weißen Rosen umgeben. Er schien, wie Ulysses, verjüngt worden zu sein – seine Züge hatten mehr den Ausdruck der Schönheit als den der Gedankenfülle angenommen, und er zeichnete sich in der ihn umgebenden anmutigen Szene wie ein olympischer Gott aus.

»Trinke – liebe – freue dich, mein Pflegesohn!« sagte er. »Schäme dich deiner Jugend und deiner Neigungen nicht. Was du bist, das fühlst du in deinen Adern – bedenke, was du einst werden wirst!«

Bei diesen Worten zeigte er nach einer Nische, und Apäcides erblickte auf einem Piedestal ein Skelett zwischen den Statuen des Bacchus und der Idalia.

»Erschrick nicht!« fuhr der Ägypter fort. »Jener düstere Gast soll uns nur an die Kürze des Lebens erinnern. Ich höre eine Stimme aus seinem lippenlosen Munde, die uns zuruft: Genieße!«

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.