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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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42.

Inzwischen hatte Nydia, als sie im Gedränge von Glaukus und Jone getrennt war, sich bemüht, sie wieder aufzufinden. Vergebens rief sie nach ihnen, ihre schwache Stimme verlor sich in dem allgemeinen Tosen und Schreien. Mehrere Male kehrte sie zu dem Orte zurück, wo sie getrennt worden waren. Jeden, dem sie begegnete, fragte sie, ob er Glaukus nicht gesehen habe, aber alle eilten in der Ungeduld und Verzweiflung stumm an ihr vorbei. Wer dachte in jener Stunde an etwas anderes, als an sich selbst?

Endlich fiel Nydia ein, daß Glaukus beschlossen hatte, die Flucht auf der See zu versuchen, und daß sie ihn in jener Richtung am wahrscheinlichsten wieder auffinden könne. Indem sie mit dem Stabe, den sie immer trug, ihren Weg verfolgte, vermied sie mit unglaublicher Gewandtheit den Schutt und die Ruinen, welche überall in den Straßen umherlagen, und fand, ohne sich zu irren, den nächsten Weg nach dem Ufer des Meeres. Das Schicksal selbst schien dem armen Mädchen wohlgesinnt zu sein. Die heißen Wasserstrahlen trafen sie nicht, außer in dem allgemeinen Regen, der dieselben begleitete. Die niederstürzenden Schlacken und Steine rissen das Pflaster um sie her auf und verschonten ihre zarte Gestalt. Und wenn die leichtere Asche auf sie fiel, schüttelte sie dieselbe schnell ab und verfolgte unerschrocken ihren Weg.

Sie begegnete jedoch fortwährend Unglücksgenossen, die bald im Finstern umhertappten, bald bei dem Schein der Blitze vorbeieilten. Und plötzlich wurde sie durch mehrere Fackelträger, die ihr entgegenkamen, mit einiger Heftigkeit niedergeworfen.

»Was?« rief eine Stimme aus der Gesellschaft. »Ist dies das brave, blinde Mädchen? Beim Bacchus! Wir dürfen sie hier nicht umkommen lassen! Steh auf, meine Thessalierin, gib mir die Hand! So! Du bist doch nicht verletzt? Komm mit uns, wir eilen nach der Küste!«

»Oh, Sallust, ist es deine Stimme? Den Göttern sei Dank! Glaukus! Habt ihr ihn nicht gesehen?«

»Ich nicht, er ist wahrscheinlich jetzt schon aus der Stadt. Die Götter, welche ihn von dem Löwen befreiten, werden ihn gewiß auch vor dem feuerspeienden Berge retten.«

Der gutmütige Epikureer zog Nydia, indem er sie tröstete, mit sich fort und mußte ihre Bitten, noch etwas zu verweilen, um Glaukus aufzusuchen, unberücksichtigt lassen. Sie fuhr aber fort, jenen geliebten Namen, der ihrem Herzen mitten in dem Aufruhr aller Elemente wie Musik ertönte, laut auszurufen.

Als sie die von der Stadt nach dem Hafen führende Straße erreicht hatten, wurden sie durch eine ungeheure Volksmenge, durch mehr als die halbe Bevölkerung der Stadt, aufgehalten. Tausende und aber Tausende irrten unentschlossen, wohin sie fliehen sollten, auf den Feldern außerhalb der Stadt umher. Das Meer hatte sich weit von seinen Ufern entfernt, und diejenigen, welche dort ankamen, wurden durch das gewaltige Toben des Elements, durch die häßlichen Gestalten der unförmigen Seetiere, die die Wellen auf dem Sande zurückgelassen hatten und durch die in die brausenden Wogen hinabstürzenden Felsenstücke so erschreckt, daß sie schnell wieder umkehrten, da sie auf dem Lande doch eine größere Sicherheit zu finden hofften. Unterwegs trafen sie dann mit anderen zusammen, die nach dem Strand hin eilten, und keiner wußte mehr Rat, und alle waren verzweifelt.

»Die Welt wird durch Feuer zerstört werden«, sagte ein alter Mann in einem weiten Gewände, ein Philosoph aus der stoischen Schule. »Die stoische und die epikurische Weisheit haben es längst vorausgesagt, und die Stunde ist gekommen!«

»Ja, die Stunde ist gekommen!« rief eine Stimme feierlich, aber unerschrocken.

Die Umstehenden schauten sich verwundert um. Die Stimme kam von oben. Es war die des Olinthus, der, umgeben von seinen christlichen Brüdern, auf einer steilen Anhöhe stand, auf welcher die früheren griechischen Ansiedler einen dem Apollo geweihten Tempel erbaut hatten, der jetzt halb verfallen und in Ruinen lag.

Indem er noch sprach, trat jene blendende plötzliche Erleuchtung ein, welche ein Vorbote des Todes des Arbaces gewesen war, und die jetzt jene erschrockene Menge in einem grellen Licht erscheinen ließ. Niemals auf der Erde hatte man wohl so viele unheimlich-düstere Gesichter vereinigt gesehen, noch nie war wohl eine menschliche Versammlung in dieser Erhabenheit des Furchtbaren zu schauen gewesen! Und über ihnen erhob sich mit ausgestrecktem Arm und prophetischem Antlitz die Gestalt des Olinthus, der in lebendigem Feuer glänzte. Und das Volk erkannte jetzt das Antlitz dessen, der verurteilt worden war, dem Tiger vorgeworfen zu werden. Damals war er ihr Opfer, jetzt ihr warnender Prophet. Und seine verhängnisvolle Stimme sprach wieder: »Die Stunde ist gekommen!«

Die Christen wiederholten den Ruf. Wie ein Echo wurde er weitergetragen, von Weibern zu Männern, von Kindern zu Greisen, nicht laut, aber in einem dumpfen Geflüster: »Die Stunde ist gekommen!«

In diesem Augenblick drang ein wildes, wehklagendes Geheul durch die Luft, und der fürchterliche Tiger der Wüste sprang mitten unter die Menschen und rannte, nur auf seine Flucht bedacht, durch die auseinandergesprengten Reihen. Und jetzt kam das Erdbeben, und Dunkelheit verhüllte wieder die Erde. Es kamen neue Flüchtlinge an. Die Sklaven des Arbaces trugen noch die Schätze, welche nicht mehr für ihren Herrn bestimmt waren. Von ihren Fackeln brannte nur noch eine. Sie wurde von Sosia getragen, und als ihr flackernder Schein auf das Antlitz der Nydia fiel, erkannte er die Thessalierin.

»Was nutzt dir jetzt deine Freiheit, blindes Mädchen?« sagte der Sklave.

»Wer bist du? Hast du Glaukus nicht gesehen?«

»Ja; ich sah ihn erst vor einigen Minuten.«

»Gesegnet sei sein Haupt! Wo?«

»Er lag unter dem Bogen auf dem Forum – tot oder sterbend, dem Arbaces folgend, der auch nicht mehr unter den Lebenden ist.«

Nydia sprach kein Wort. Sie stahl sich von der Seite des Sallust fort, schlich schweigend durch die Menge und schlug wieder den Weg nach der Stadt ein. Sie erreichte das Forum, den Bogen. Sie beugte sich nieder, sie fühlte umher, sie rief den Namen des Glaukus.

Eine schwache Stimme antwortete: »Wer ruft mich? Ist es die Stimme der Schatten? Gut, ich bin bereit!«

»Stehe auf, Glaukus! Folge mir, gib mir deine Hand. Du sollst gerettet werden.«

Erstaunt und plötzlich wieder Hoffnung und Mut fassend, stand Glaukus auf.

»Nydia«, rief er. »Du lebst, du bist gerettet worden?«

Die Zärtlichkeit und das freudige Entzücken, mit dem er diese Worte sprach, durchdrangen wohltätig das Herz der armen Thessalierin, und sie segnete ihn, daß er ihrer gedacht habe.

Glaukus folgte seiner blinden Führerin, indem er Jone halb trug, halb ihre wankenden Schritte unterstützte. Nydia vermied mit bewundernswürdiger Vorsicht den Weg, der durch so viele Menschen ungangbar gemacht wurde, und suchte das Meeresufer in einer anderen Richtung.

Nachdem sie sich oft ausgeruht, erreichten sie mit fast unglaublicher Ausdauer die See und schlossen sich einer Gesellschaft an, die, kühner als die übrigen, beschlossen hatte, lieber jeder neuen Gefahr zu trotzen, als in dieser Szene der Verwüstung noch länger zu verweilen. In der Finsternis schifften sie sich ein, als sie aber vom Lande abstießen, warfen die feurigen Ströme des Berges wieder einen rötlichen Schimmer auf die Wogen.

Jone schlummerte, gänzlich erschöpft und ermattet, an der Brust des Glaukus, und Nydia lag zu seinen Füßen. Der Staub- und Aschenregen fiel in die Wellen und bedeckte das Verdeck. Dieser weißliche Regen wurde durch die Winde an die entferntesten Küsten getragen. Verwundert erblickte ihn der schwarze Afrikaner, und selbst an den Küsten Ägyptens und Syriens bemerkte man ihn.

So verging eine bange Nacht, und als die Dämmerung den Himmel wieder erhellte, da hatten sich die Winde gelegt, und der rosige Osten verkündete den herannahenden Aufgang der Sonne. Aber dicht und dunkel schwebte noch in der Entfernung die zerstörende Wolke, in welcher rötliche Streifen, die aber immer trüber brannten, Kunde gaben, daß das Feuer des Berges noch nicht erloschen sei. Die weißen Mauern und die schimmernden Säulen, welche die anmutige Küste geschmückt hatten, waren verschwunden. Öde und einsam lagen die Ufer da, auf denen noch gestern die Städte Herkulanum und Pompeji sich erhoben. Die Günstlinge der See waren entrissen ihrer Umarmung, traurig bespülten die Wogen die Grabstätten der Verlorenen.

Und die Menschen sahen sich an und lächelten. Sie faßten neuen Mut, sie fühlten, daß das Leben ihnen noch einmal freundlich lächeln würde. Und die am meisten Ermüdeten fielen jetzt, da sie wußten, daß die Gefahr vorüber sei, in einen tiefen Schlaf. Sie genossen nun bei Tage der Ruhe, die sie in dieser fürchterlichen Nacht entbehrt hatten, und die Barke glitt sanft über die stillen Wogen. Man sah in der Entfernung einige andere Schiffe, die wahrscheinlich ebenfalls Flüchtlinge trugen, und der Anblick dieser schlanken Masten und weißen Segel gewährte ein beruhigendes Gefühl der Sicherheit. Wie viele geliebte Freunde, die man schon aufgegeben hatte, konnten dort nicht auch noch sich gerettet haben!

Während der Ruhe des allgemeinen Schlafes stand Nydia leise auf. Sie neigte sich über das Antlitz des Glaukus, sie fühlte seine tiefen Atemzüge. Furchtsam und traurig küßte sie seine Stirn, seine Lippen, sie fühlte nach seiner Hand; aber diese lag in der Hand Jonens. Nydia seufzte tief auf, und ein düsterer Geist zog über ihre Züge. Nochmals küßte sie die Stirn des Glaukus. »Mögen die Götter dich segnen, Athener!« flüsterte sie. »Mögest du glücklich sein mit deiner Geliebten! Mögest du dich bisweilen der Nydia erinnern! Ach, ihr Leben hat jetzt keinen Zweck mehr auf der Erde!«

Mit diesen Worten wandte sie sich fort. Sie kroch langsam längs des Schiffsrandes bis an das andere Ende der Barke und lehnte sich über die Tiefe. Der kühle Schaum sprühte empor an ihre heiße Stirn!

»Es ist der Todeskuß!« sagte sie. »Er ist willkommen!«

Die milde Luft spielte in ihren wallenden Locken. Sie strich sie sich aus dem Gesicht und erhob ihre blinden Augen zu dem Himmel, dessen blaues Gewölbe sie nie gesehen hatte.

»Nein, nein!« sagte sie halblaut. »Ich kann es nicht länger ertragen. Meine eifersüchtige, leidenschaftliche Liebe würde ihn von neuem beleidigen. Oh, ich Arme. Ich habe ihn gerettet, zweimal gerettet, aber jetzt muß ich sterben. Seine Rettung ist der einzige beglückende Gedanke, der mich begleitet. Ob ich ihm wohl im Jenseits begegne? Nein, ich möchte ihm dort nicht begegnen, denn er würde noch immer bei ihr sein! Ruhe! Ruhe! Ruhe! Weiter gibt es kein Elysium für ein Herz wie das meine!« Ein Schiffer, der auf dem Verdeck eingeschlummert war, hörte ein leises Geräusch im Wasser. Noch schlaftrunken erhob er sich, und es schien ihm, als sehe er etwas Weißes über den Wogen, die das Schiff jetzt schneller durchschnitt, schweben, aber es verschwand sogleich wieder. Er legte sich nochmals zur Ruhe und träumte von seiner Heimat und seinen Kindern.

Als die Liebenden erwachten, vermißten sie bald das blinde Mädchen. Sie war nirgends zu finden, niemand hatte sie seit der Nacht gesehen. Jeder Winkel des Schiffes wurde durchsucht, aber man fand keine Spur von ihr. Geheimnisvoll in ihrer ganzen Erscheinung bis zu ihrem Ende, war die Thessalierin für immer verschwunden aus dem Reiche der Lebenden! Sie errieten schweigend ihr Schicksal, und Glaukus und Jone rückten sich näher und weinten wie über eine gestorbene Schwester.

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