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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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41.

Die Wolke, die schon so lange die Sonne verdunkelt hatte, war jetzt zu einer ungeheuren und undurchdringlichen Masse angewachsen und hatte alles in die schwärzeste Finsternis eingehüllt. Aber mit dieser Finsternis nahmen auch die Blitze um den Vesuv an blendendem Glanze zu. Ihre schreckliche Schönheit beschränkte sich jedoch nicht bloß auf die gewöhnlichen Erscheinungen des Feuers, kein Regenbogen konnte jemals ihrem mannigfaltigen und reichen Farbenspiel gleichkommen. Bald sah man ein dunkles Blau, wie das schönste Azur des südlichen Himmels, bald ein lebendiges Grün, welches wie die Schuppen einer ungeheuren Schlange sich hin und her bewegte, und dann wieder ein grelles Rot, das aus den Rauchsäulen hervorbrach und die ganze Stadt hell erleuchtete, und plötzlich, wie der Geist seines eigenen Lebens, in einem krankhaften, bleichen Schimmer dahinstarb!

In den Pausen zwischen den Aschen- und Regengüssen hörte man ein unterirdisches Getöse in der Erde und die wild brausenden Wogen des aufgeregten Meeres. An einigen Stellen lag die Asche schon knietief, und die heißen Wasserstrahlen drangen in die Häuser, einen erstickenden schwefligen Dampf verbreitend. An mehreren Punkten hatten ungeheure Felsenstücke, welche auf die Dächer gefallen waren, die Straßen mit Schutt und Ruinen erfüllt, wodurch mit jeder Stunde der Weg mehr versperrt wurde. Auch fühlte man immer mehr die Bewegung der Erde, der Fuß wankte und glitt aus, und selbst auf dem ebensten Boden konnte keine Sänfte oder kein Wagen im Gleichgewicht erhalten werden.

Trotzdem wurde die Finsternis stellenweise hell erleuchtet durch in Brand geratene Häuser. Auch hatten die Bürger auf öffentlichen Plätzen und in den Säulengängen der Tempel brennende Fackeln angebracht, die aber zum großen Teil durch die Windstöße immer wieder erloschen.

Oft begegneten sich Gesellschaften von Flüchtlingen bei dem Licht dieser Fackeln, von denen einige nach der See zu eilten, andere wieder von dort nach dem Lande zurückkehrten, denn das Meer war plötzlich aus seinen Ufern zurückgetreten, und auf die brausenden Wogen fielen Felsenstücke, Steine und der Aschenauswurf des Vulkans, ohne daß man dort den Schutz fand, den die Straßen und Dächer auf dem Lande noch teilweise gewährten. Die Menschen begegneten sich mit verstörten und totenähnlichen Gesichtern, durch einen panischen Schrecken geängstigt, und nahmen sich nicht Zeit, miteinander zu sprechen. Alles lief blind durcheinander. Der verwickelte Mechanismus des menschlichen Lebens war gänzlich zerstört, und man erkannte kein anderes Gesetz mehr an als das der Selbsterhaltung!

Durch diese Szene des Schreckens verfolgte der Athener mit Jone und dem blinden Mädchen seinen Weg. Plötzlich kamen Hunderte von Menschen, die nach der See zu eilten, bei ihnen vorüber. Nydia wurde von der Seite des Glaukus gerissen, der mit Jone schnell in dem Strome der Menge mit forttrieb, und erst als diese Menschen vorbei waren, vermißten sie immer noch Nydia. Glaukus rief laut ihren Namen, es erfolgte keine Antwort. Sie gingen zurück – vergebens, sie fanden sie nicht. Sie hatten ihre Freundin, ihre Beschützerin verloren! Und bis jetzt war Nydia auch ihre Führerin gewesen. Ihre Blindheit war ihr in der Dunkelheit am günstigsten. Gewohnt, in ewiger Finsternis in den Straßen der Stadt sich zurechtzufinden, hatte sie Glaukus und Jone sicher nach dem Ufer des Meeres geführt, wo sie beschlossen hatten, wenn es möglich wäre, sich einzuschiffen. Wohin sollten sie sich jetzt wenden? Sie befanden sich wie in einem Labyrinth, aus dem sie keinen Ausweg wußten. Aber sie setzten doch erschöpft und halb verzweifelnd ihre Wanderung fort, während die zerbröckelten Steine vor ihren Füßen niederprasselten und die Funken umhersprühten.

»Ach!« flüsterte Jone. »Ich kann nicht weiter, meine Füße erlahmen unter der heißen Asche. Fliehe, Geliebter, fliehe und überlasse mich meinem Schicksal.«

»Beruhige dich, meine Geliebte! –- Meine Braut! – Der Tod mit dir ist süßer, als das Leben ohne dich! – Aber wohin, oh, wohin können wir uns wenden durch die Finsternis? Oh, gesegneter Blitz! Sieh, Jone, sieh! Wir sind vor dem Säulengang des Tempels der Fortuna. Wir wollen eintreten, hier sind wir sicherer vor dem Aschenregen.«

Er trug seine Geliebte in den Tempel und brachte sie in den entfernteren und gesicherteren Teil des Portikus. Er stellte sich vor sie, damit er mit seinem eigenen Körper sie schützte vor dem hereindringenden Aschenregen.

»Wer ist da?« rief die zitternde und tiefe Stimme eines Mannes, der hier schon vor ihnen eine Zuflucht gefunden hatte. Jone wendete sich nach der Richtung, aus der die Stimme kam und schmiegte sich mit leisem Schrei wieder an Glaukus. Durch die Finsternis funkelten zwei feurige Augen – der Blitz erhellte einen Augenblick das Innere des Tempels, und Glaukus sah mit einem Schauer des Entsetzens den Löwen, welchem er vorgeworfen werden sollte, ruhig zwischen den Pfeilern liegen, und dicht dabei, dieser gefährlichen Nachbarschaft unbewußt, saß der riesenhafte Mann, der sie vorhin angeredet hatte, – es war der Gladiator Niger. Durch diesen Blitz hatten das wilde Tier und der Mensch sich gegenseitig erblickt, aber der Instinkt beider hatte seine Kraft verloren. Ja, der Löwe kroch sogar näher zu dem Gladiator, als suche er Gesellschaft, und dieser entfernte sich nicht und zitterte nicht.

Indem sie dieses furchtbaren Schutzes genossen, kam eine Gesellschaft, aus Männern und Frauen bestehend, die ihren Weg mit Fackeln beleuchteten, bei dem Tempel vorbei. Sie gehörten zu der Sekte der Nazarener, und eine erhabene und überirdische Begeisterung hatte ihre Furcht und ihren Schrecken besiegt. Sie waren schon lange nach der Ansicht der ersten Christen der Überzeugung gewesen, daß das jüngste Gericht bald bevorstehe. Sie glaubten nun, daß der letzte Tag gekommen sei.

»Wehe, wehe!« schrien mit durchdringender, ergreifender Stimme die Ältesten, die an der Spitze gingen. »Seht, der Herr steigt hernieder zum Gericht! Erläßt Feuer vom Himmel regnen vor den Augen der Menschen! – Wehe, wehe, ihr Starken und Mächtigen! Wehe euch, die ihr das Blut der Heiligen vergießet, und frohlockt über die Todesqualen der Söhne Gottes! Wehe! wehe!«

Die Nazarener zogen langsam vorbei, ihre Fackeln zitterten im Winde. Ihre Stimmen erhoben sich zu feierlicher Warnung und Drohung, bis sie sich in den Windungen der Straßen verloren und die Finsternis und Stille des Todes wieder eintrat. Die Aschen- und Wolkengüsse hatten jetzt etwas nachgelassen, und Glaukus ermutigte Jone, wieder weiterzugehen.

Leise sich fortschleichend, wie Menschen, die einem Gefängnis entfliehen wollen, setzten sie nun ihren unsicheren Weg fort. Jedesmal, wenn vulkanische Blitze die Straßen erleuchteten, konnten sie unterscheiden, wo sie sich befanden. Aber es war kein ermutigender Anblick, der sich ihnen dann darbot. Überall lagen Felsenstücke, sterbende und tote Menschen, man hörte Angst- und Schmerzgeschrei, und wenn die Winde heulend durch die Straßen jagten, führten sie scharfen, glühenden Staub und erstickende Dämpfe mit, so daß der Atem und das Bewußtsein für den Augenblick schwanden.

»Oh, Glaukus, mein Geliebter! Umarme mich noch einmal und laß mich sterben in dieser Umarmung. Ich kann nicht weiter!«

»Oh, ermutige dich, süße Jone – mit deinem Leben entflieht das meine. Aber sieh, Fackeln kommen auf uns zu! Es sind gewiß Flüchtlinge, die nach der See wollen. Wir können uns ihnen anschließen.«

Das wilde Toben in der Luft legte sich einen Augenblick, der Berg schien auszuruhen, vielleicht um für einen weiteren Ausbruch neue Wut zu sammeln. Die Fackelträger bewegten sich schnell vorwärts. »Wir nähern uns der See«, sagte mit ruhiger Stimme ein stattlicher Mann, der an ihrer Spitze ging. »Ich gewähre Freiheit und Reichtum jedem Sklaven, der diesen Tag überlebt! Mut! Ich versichere euch, die Götter selbst haben mir Rettung zugesagt. Vorwärts!«

Der rötliche Schein der Fackeln beleuchtete Glaukus, der die zitternde Jone in seine Arme schloß. Mehrere Sklaven trugen schwere Kisten und Koffer, und vor ihnen schritt, ein gezogenes Schwert in der Hand, Arbaces einher.

»Bei den Vätern!« sagte der Ägypter. »Das Geschick begünstigt mich selbst in dieser finsteren Stunde und verkündet mir mitten unter der Vernichtung und dem Tode Glück und Liebe. Fort, Grieche! Ich fordere meine Mündel Jone!«

»Verräter und Mörder!« schrie Glaukus, indem er wild seinen Feind anstarrte. »Die Nemesis hat dich meiner Rache übergeben, als ein würdiges Opfer für die Schatten des Hades, welche jetzt auf der Erde zu wandeln scheinen. Wage es, dich zu nähern, berühre nur die Hand der Jone, und deine Waffe wird sein wie ein leichtes Schilfrohr. Ich reiße dir die Glieder vom Leibe!«

Während er noch sprach, wurde der Platz durch eine rötliche, helle Glut erleuchtet. Der Berg erschien glänzend und gigantisch durch die Finsternis, welche ihn wie eine Mauer der Hölle umschloß, wie ein riesenhafter, brennender Scheiterhaufen. Nur der untere Teil des Berges war noch in Finsternis gehüllt – außer an drei Stellen, an denen in Schlangenwindungen Ströme geschmolzener Lava hinunterflossen. Sie schienen ihren feurigen Weg durch die finstere Umgebung nach der Stadt zu nehmen. Und durch die beruhigte Luft hörte man, wie die gewaltigen Felsenstücke aneinanderstießen, als sie, sich übereinander drängend, die steilen Katarakte hinunterschossen. Die Sklaven schrien laut auf, und der Ägypter selbst stand wie festgebannt, und das blendende Licht beschien seine gebieterischen Züge und das mit Juwelen besetzte Gewand. Hinter ihm erhob sich eine Säule, welche die bronzene Statue des Augustus trug, und das kaiserliche Standbild erglänzte wie im Feuer!

Glaukus stand trotzig dem Ägypter gegenüber. Mit dem linken Arm hielt er Jone umfaßt, in der rechten Hand erhob er drohend den Stilus, der in der Arena seine Waffe sein sollte und den er glücklicherweise noch bei sich trug, und alle Wut menschlicher Leidenschaften schien wie durch einen Zauber auf seinen Zügen gefesselt und gebannt zu sein.

Arbaces wandte seine Blicke jetzt von dem Berge auf Glaukus. »Weshalb«, murmelte er bei sich selbst, »soll ich noch zaudern? Sagten mir nicht die Sterne die einzige dringende Gefahr voraus, welche mir bevorstehe, und ist diese nicht vorüber? – Tretet vor, Sklaven! Widerstehst du mir, Athener, so komme dein Blut auf dein eigenes Haupt! Und so gewinne ich denn Jone wieder!«

Er trat einen Schritt vor – es war sein letzter auf dieser Erde! Der Boden erbebte unter ihm mit einer gewaltigen Erschütterung. Gleichzeitig hörte man in der ganzen Stadt ein furchtbares Geprassel, da überall Häuser und Pfeiler zusammenstürzten. Plötzlich wankte auch die hohe Säule hinter Arbaces und fiel mit einem fürchterlichen Geräusch auf das feste Pflaster. – Die Weissagung der Sterne war erfüllt! Der Fall und das Geräusch raubten dem Athener einige Augenblicke das Bewußtsein. Als er sich wieder erholte, war die Szene noch erleuchtet – die Erde wankte und zitterte noch! Jone lag ohnmächtig auf der Erde, aber er sah sie noch nicht – seine Augen starrten auf ein schreckliches Antlitz, das ohne Rumpf und Glieder aus den Fragmenten der zersplitterten Säule hervorzutauchen schien – ein Antlitz, in dem sich unaussprechliche Verzweiflung und Todesqual aussprach! Die Augen öffneten und schlossen sich schnell, als sei das Bewußtsein noch nicht entflohen, die Lippen zuckten und zitterten. Plötzlich deckte Ruhe und Finsternis diese Züge, die jedoch einen Ausdruck des Schreckens behielten, den Glaukus nie vergessen sollte.

Dieses Ende nahm der weise Magier – der große Arbaces – der Hermes mit dem flammenden Gürtel – der letzte Sprößling des königlichen Stammes von Ägypten! Glaukus aber nahm Jone wieder in seine Arme und floh durch Finsternis und Blitzesfunkeln weiter.

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