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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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40.

Glaukus, der kaum mehr wußte, ob er wache oder träume, war durch die Beamten der Arena in eine kleine Zelle des Amphitheaters geführt worden. Sie warfen ihm einen weiten Mantel über und drängten sich glückwünschend um ihn. Außerhalb der Zelle hörte man jetzt ein lebhaftes Geräusch, und das blinde Mädchen, durch eine freundliche Hand geführt, warf sich Glaukus zu Füßen.

»Ich habe dich gerettet«, sagte sie. »Jetzt will ich ruhig sterben!«

»Nydia, mein gutes Mädchen, ja, du hast mir das Leben gerettet.«

»Oh, laß mich deinen Atem fühlen. – Ja, du lebst! Wir kamen noch nicht zu spät. Ach, jene schreckliche Kerkertür, sie war so schwer zu öffnen, und Kalenus glich einem Sterbenden. Aber du lebst, du lebst noch – und ich habe dich gerettet!«

Diese Szene wurde durch das schreckliche Naturereignis, welches wir vorhin beschrieben haben, bald unterbrochen.

»Der Berg! Das Erdbeben!« ertönte es von allen Seiten. Die Beamten flohen mit den übrigen und überließen Glaukus und Nydia ihrem Schicksal.

Als der Athener der Gefahren sich bewußt wurde, die ihn umgaben, erinnerte sein edelmütiges Herz sich des Olinthus. Auch dieser war durch die Macht der Götter gerettet worden vor dem Tiger, sollte er einem nicht weniger schrecklichen Tode in der benachbarten Zelle ausgesetzt bleiben? Glaukus nahm Nydia bei der Hand und erreichte bald den Kerker des Christen. Er fand Olinthus betend auf den Knien.

»Stehe auf, mein Freund«, sagte der Athener. »Rette dich und fliehe! Sieh, die Natur selbst hat dich befreit!« – Er führte den erstaunten Christen an den Eingang seiner Höhle und zeigte ihm die Wolke, welche immer finsterer heranzog und aus deren Schoße Asche und Bimsstein herabströmte.

»Das ist die Hand Gottes! – Gott sei gelobt!« sagte Olinthus demütig.

»Fliehe zu deinen Brüdern! Bewerkstellige mit ihnen deine Flucht! Lebewohl!«

Olinthus antwortete nicht, erhabene und feierliche Gedanken erfüllten sein Gemüt, und in der Begeisterung seines aufgeregten Herzens frohlockte er über die Gnade Gottes.

Als er endlich hinausstürzte, erblickte er auf seinem Wege die offene Tür einer kleinen Zelle und sah darin in dem matten Schein einer Lampe drei nackte Leichen auf dem Boden liegen. Es war das Spolarium der Arena, und Olinthus blieb stehen, denn er hörte im Innern jemand den Namen Christi aussprechen.

»Wer«, sagte der Nazarener, »ruft den Namen des Sohnes Gottes an?«

Es erfolgte keine Antwort, und als Olinthus hineintrat, sah er beim Schein der Lampe einen alten Mann mit langem, grauen Bart auf der Erde sitzen und das Haupt einer der Leichen in seinem Schoße halten. Die Züge des Toten waren fest und entschlossen in den letzten Schlaf übergegangen, aber auf den Lippen lag ein stolzes Lächeln. Über sein Antlitz beugte sich ein anderes in unaussprechlicher Traurigkeit und Verzweiflung! Die Tränen des alten Mannes strömten heiß seine Wangen hinab, aber er fühlte sie nicht, und wenn er seine Lippen bewegte und mechanisch das Gebet seines beseligenden und hoffnungsreichen Glaubens aussprach, so schien es bloß ein unwillkürlicher Ausbruch der Lethargie seines Geistes zu sein. Sein Sohn war tot, und er war gestorben für ihn, und das Herz des alten Mannes war gebrochen!

»Medon!« sagte Olinthus mitleidig. »Stehe auf und fliehe! Der Allmächtige verkündet sich in den Schrecknissen der Elemente! Das neue Gomorrha geht unter! Fliehe, bevor das Feuer dich verzehrt!«

»Er war immer so lebenskräftig – er kann nicht tot sein! – Komm her! Lege deine Hand auf sein Herz! – Es schlägt gewiß noch!«

»Bruder, sein Geist ist entflohen, wir wollen seiner gedenken in unseren Gebeten! – Du kannst den toten Staub nicht wieder in das Leben zurückrufen! Komm, komm! Vergib, wenn ich dich fortziehe.«

»Was? Wer will den Vater trennen von seinem Sohn?« Und Medon schloß den toten Körper fest in seine Arme und bedeckte ihn mit Küssen.

»Geh!« sagte er, indem er sein Haupt einen Augenblick erhob. »Geh! Wir müssen allein sein!«

»Ach,« sagte der mitleidige Nazarener, »der Tod hat euch bereits getrennt.«

Der alte Mann lächelte ruhig. »Nein, nein, nein!« murmelte er, indem seine Stimme mit jedem Wort schwächer wurde. »Der Tod ist freundlicher gewesen!«

Er ließ seinen Kopf auf die Brust seines Sohnes sinken, seine Arme fielen erschlafft hinab. Olinthus faßte ihn bei der Hand, der Puls hatte aufgehört zu schlagen! Die letzten Worte des Vaters waren erfüllt worden: der Tod war freundlicher gewesen! Glaukus und Nydia eilten inzwischen schnell durch die gefährlichen Straßen. Der Athener hatte von seiner Retterin erfahren, daß Jone noch in dem Hause des Arbaces sei. Dorthin eilte er, um sie zu befreien. Die wenigen Sklaven, welche der Ägypter in seiner Wohnung zurückgelassen hatte, als er mit jenem langen Zuge sich nach dem Amphitheater begab, waren nicht imstande gewesen, den bewaffneten Begleitern des Sallust Widerstand zu leisten, und als später der Ausbruch des Vulkans erfolgte, hatten sie sich erschrocken in die innersten Gemächer des Gebäudes zurückgezogen. Glaukus, der Nydia vor der Tür zurückließ, ging durch die verlassene Halle, ohne jemand anzutreffen, der ihm hätte sagen können, in welchem Zimmer Jone sich befände. Auch wurde es plötzlich so finster, daß er sich nur mit Mühe zurechtfinden konnte. Die mit Blumen umwundenen Säulen schienen zu zittern und zu wanken, und der Aschenregen fiel prasselnd in das unbedeckte Peristyl. Atemlos tappte er umher, laut den Namen Jone rufend, bis er endlich in einem Gang eine Stimme hörte – es war ihre Stimme. Schnell hatte er jetzt das Zimmer erreicht, in dem sie sich befand, und die Tür gesprengt. Er nahm sie in seine Arme und trug sie hinaus. Kaum aber hatte er Nydia erreicht, da hörte er Schritte und erkannte die Stimme des Arbaces, der zurückgekehrt war, um seine Reichtümer und Jone zu retten und dann aus der unglücklichen Stadt zu entfliehen. Aber die glühende Luft war schon so dicht geworden, daß die beiden Feinde, obgleich sie einander so nahe waren, sich nicht sahen. Er eilte mit Jone und Nydia weiter, obgleich er jetzt kaum noch wußte wohin. Sie konnten jetzt nicht einen Schritt weit mehr vor sich sehen; sie waren umgeben von Zweifel und Schrecken. Und Glaukus schien der Tod, dem er entgangen war, bloß eine andere Gestalt angenommen und seine Opfer vermehrt zu haben.

Inzwischen hatte die schreckliche Katastrophe, die plötzlich über die Stadt hereingebrochen war, auch den Kalenus von der ihm durch den Prätor zugeteilten Wache befreit, und der Priester eilte sogleich mit schwankenden Schritten nach dem Tempel seiner Göttin. Als er noch umhertappte, ehe es vollkommen finster war, fühlte er sich plötzlich beim Gewande ergriffen, und eine Stimme flüsterte ihm ins Ohr: »Pst! Kalenus, es ist eine fürchterliche Stunde!«

»Ja, bei dem Haupt meines Vaters!– Wer bist du?«

»Ei, kennst du deinen Burbo nicht mehr? Weißt du, jetzt können wir unser Glück machen!«

»Ha!«

»Höre, der Tempel ist mit Gold und Kostbarkeiten gefüllt! Wir wollen, mit diesen Schätzen beladen, nach der Küste eilen und uns einschiffen. Niemand wird jemals Rechenschaft fordern über das, was heute geschah!«

»Burbo, du hast recht! Komm, folge mir in den Tempel! Wen kümmert es jetzt, und wer bemerkt es, ob du ein Priester bist oder nicht? Komm, und wir wollen teilen!«

In dem Vorhofe des Tempels waren mehrere Priester um die Altäre versammelt, weinend, betend und wehklagend. Waren sie auch Betrüger im Glück gewesen, so trat in der Gefahr der Aberglaube wieder in seine alten Rechte ein! Kalenus ging still an ihnen vorbei, nach der Kammer an der Südseite des Vorhofes. Burbo folgte, der Priester zündete ein Licht an. Auf dem Tische standen Speisen und Wein, die Überreste eines Opfermahls.

»Ein Mann, der achtundvierzig Stunden gehungert hat,« murmelte Kalenus, »fühlt selbst in solcher Zeit sich zum Essen aufgelegt.« Gierig stürzte er sich auf die Speisen. Plötzlich aber hielt er erschrocken inne. »Oh, Jupiter, was ist das für ein Geräusch! Es hört sich an wie das Zischen von siedendem Wasser? – Was? Strömt aus der Wolke Wasser und Feuer zugleich? Burbo, wie still ist jetzt alles! Sieh zu, was es war!«

Der furchtbare Berg warf jetzt auch kochendes Wasser aus. Mit der heißen Asche vermischt, wurden die Wassersäulen wie rauchender Schmutz von Zeit zu Zeit in die Straßen geschleudert. Und gerade auf den Punkt, wo die Priester der Isis sich um ihre Altäre versammelt hatten, war jetzt ein gewaltiger Strahl, vermischt mit Schlacken und großen Steinen herabgestürzt. Er hatte die knieenden Priester begraben.

»Sie sind tot«, sagte Burbo, den jetzt zum erstenmal der Schrecken überwältigte und der schnell in die Kammer zurücktrat. »Ich glaubte nicht, daß die Gefahr so nahe und so schrecklich sei.«

Die beiden Elenden starrten sich an, man hätte ihre Herzen schlagen hören können. Kalenus, der nicht so mutig, aber habgieriger als sein Genosse war, erholte sich zuerst. »Wir müssen an unser Geschäft, und dann fort!« sagte er mit leisem Flüstern, indem er über seine eigene Stimme erschrak. Er trat an die Schwelle, blieb einen Augenblick stehen, ging über den heißen Boden und über seine toten Gefährten nach der heiligen Kapelle und rief Burbo zu, ihm zu folgen. Aber der Gladiator zögerte und blieb zurück.

»Desto besser,« dachte Kalenus, »um so größer wird meine Beute sein.« – Schnell packte er die tragbarsten Schätze des Tempels auf und eilte fort, an seinen Genossen nicht mehr denkend. Ein plötzlich vom Berge zuckender Blitz zeigte Burbo, der bewegungslos an der Schwelle stand, den fliehenden und beladenen Priester. Er faßte Mut, er trat vor, um ihm zu folgen, als ein schrecklicher Aschenregen gerade vor seinen Füßen niederfiel. Der Gladiator wankte nochmals zurück. Finsternis umgab ihn. Aber die glühende Asche fiel immer schneller und schneller, immer höher bedeckte sie den Boden, und es drangen erstickende Dämpfe aus ihr hervor. Dem Unglücklichen verging der Atem – in seiner Verzweiflung suchte er wieder zu fliehen, aber die Aschenhaufen hatten bereits den Ausgang versperrt. Er schrie laut auf, als seine Füße die Glut fühlten. Wie konnte er jetzt noch entkommen. Er setzte sich hin, bis ihn die giftige Luft zu ersticken drohte. Mit der letzten Kraft seiner Verzweiflung ergriff er ein am Boden liegendes Beil und versuchte, sich einen Ausgang durch die Wand zu hauen.

Inzwischen waren die Straßen leer geworden, jeder hatte sich ein Obdach gesucht. Die Asche fing an, die niedrigeren Teile der Stadt auszufüllen, aber hier und da sah man noch Flüchtlinge ermattet durch den heißen Schlamm waten. Aber die Fackeln, die sie trugen, erloschen oft durch das herabströmende heiße Wasser oder durch plötzliche Windstöße.

In der Straße, die nach dem herkulanischen Tore führte, suchte jetzt Klodius verirrt und zweifelnd seinen Weg. »Wenn ich bis vor das Tor gelangen kann,« dachte er, »so werde ich gewiß Fuhrwerk finden, und Herkulanum ist nicht weit. Ich habe, dank dem Merkur!, wenig zu verlieren, und das wenige trage ich bei mir!«

»Holla! Hilfe – helft mir!« rief eine stöhnende Stimme. »Ich bin gefallen – meine Fackel ist ausgegangen, meine Sklaven haben mich verlassen. Ich bin Diomedes – der reiche Diomedes, ich zahle dem, der mich rettet, zehntausend Sesterzen.«

In demselben Augenblick fühlte Klodius sich am Fuße festgehalten. »Daß dich die Pest! – Laß mich gehen, Narr!« sagte der Spieler.

»Ist das Klodius? Ich kenne die Stimme! Wohin fliehst du?«

»Nach Herkulanum.«

»Gesegnet seien die Götter! Dann ist unser Weg wenigstens bis zum Tor derselbe. Weshalb willst du nicht in meiner Villa Schutz suchen? Du kennst die lange Reihe unterirdischer, gewölbter Keller, dort sind wir sicher vor der Verwüstung.«

»Du hast recht«, sagte Klodius nachdenkend. »Und wenn wir uns mit Nahrung versorgen, so können wir dort selbst einige Tage verweilen, wenn diese schrecklichen Stürme so lange anhalten sollten.«

Die Luft war jetzt einige Minuten still, und sie eilten gemeinsam weiter, bis sie schließlich glücklich an das Haus des Diomedes gelangten. Sie lachten laut, als sie die Schwelle überschritten hatten, denn sie glaubten, die Gefahr sei jetzt vorüber.

Diomedes befahl seinen Sklaven, in die unterirdischen Gewölbe eine Menge Nahrungsmittel und Öl für die Lampen zu schaffen. Und dort suchten Julia, Klodius, der größere Teil der Sklaven und einige erschrockene Bekannte und Klienten aus der Nachbarschaft Obdach und Schutz.

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