Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
Schließen

Navigation:

4.

Leuchtend schien die Sonne in das üppige Zimmer im Hause des Glaukus, und durch die Fenster drangen die wohlriechenden Düfte aus dem Garten herein. Die Bilder an den Wänden leuchteten in den lebhaftesten Farben. Außer dem Hauptgemälde, die Leda und den Tyndarus darstellend, wurde das Auge noch durch einige andere Gemälde von ausgezeichneter Schönheit entzückt. In dem einen sah man Kupido, wie er sich an die Venus schmiegte, in einem anderen Ariadne, am Ufer schlafend, noch unbekannt mit der Treulosigkeit des Theseus. Die Sonnenstrahlen spielten lustig auf dem mit Mosaik ausgelegten Fußboden und an den glänzenden Wänden – und zugleich durchdrangen die Strahlen der Freude das Herz des jungen Glaukus.

»Ich sah sie also,« sagte er, indem er in der kleinen Stube auf und ab ging, »ich hörte sie, ich sprach selbst wieder mit ihr – ich horchte auf die entzückenden Töne ihres Gesanges, und sie sang vom Ruhme und von Griechenland. Ich habe das Ideal meiner Träume endlich entdeckt, das ich so lange suchte, und es wurde mir, dem zyprischen Künstler gleich, gewährt, dem Werk meiner eigenen Einbildungskraft Leben einzuhauchen.«

Glaukus hätte sich wohl noch länger seinen Liebesgedanken hingegeben, aber in diesem Augenblick trat ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, in das Zimmer. Sie war einfach, in eine weiße Tunika gekleidet, die vom Nacken bis auf die Füße reichte, unter dem Arme trug sie ein Körbchen mit Blumen, und in der anderen Hand hielt sie eine bronzene Wasservase. Ihre Gesichtszüge waren für ihr Alter schon sehr ausgebildet, doch sanft und weiblich, und wenn sie auch nicht für schön gelten konnten, so wurden sie es fast durch die Schönheit ihres Ausdrucks. Es lag in ihrer Erscheinung etwas Mildes, man konnte fast sagen, Geduldiges – ein Zug duldender Trauer, ruhiger Ergebung hatte das Lächeln, aber nicht die Anmut von ihren Lippen verbannt. Etwas Ängstliches und Vorsichtiges in ihrem Gange ließ das Unglück erraten, welches sie seit ihrer Geburt kannte – sie war blind. Aber an den Augen sah man es ihr nicht an, ihr melancholischer und schüchterner Blick war klar und heiter.

»Man sagt mir, Glaukus sei hier,« sagte sie, »darf ich eintreten?«

»Ach, meine Nydia,« erwiderte der Grieche, »bist du es? Ich wußte wohl, daß du kommen würdest.«

»Du bist erst seit kurzem zurückgekehrt?«

»Seit sechs Tagen bin ich wieder in Pompeji.«

»Und du befindest dich wohl? Ach, ich brauche nicht zu fragen, denn wer, der die Erde sehen kann, die, wie man mir erzählt, so schön sein soll, kann sich schlecht befinden?«

»Ich befinde mich wohl – und du, Nydia? – Wie du gewachsen bist! – Im nächsten Jahre wirst du wohl daran denken müssen, welche Antworten du deinem Geliebten zu geben hast.«

Nochmals errötete Nydia. »Ich habe dir einige Blumen gebracht«, sagte sie, ohne auf eine Bemerkung etwas zu erwidern, die ihr zu mißfallen schien, und sie tastete im Zimmer umher, bis sie den Tisch fühlte, an dem Glaukus stand. Indem sie ihr Körbchen dorthin setzte, sprach sie: »Die Blumen sind nicht schön, aber sie sind frisch gepflückt.«

»Von der Flora selbst würden sie mir nicht lieber sein,« sagte er freundlich; »und ich erneuere nochmals den Grazien mein Gelübde, daß ich keine anderen Kränze tragen will, solange deine Hände mir sie winden.«

»Und wie gedeihen die Blumen in deinem Viridarium? Ich kam in deiner Abwesenheit, so oft ich konnte, um sie zu begießen.«

»Wie soll ich dir danken, schöne Nydia?« sagte der Grieche. »Glaukus ließ es sich nicht träumen, daß seine Blumen eine so sorgsame Pflegerin gefunden hätten.«

Die Hand des Kindes zitterte und ihr Herz klopfte. Verlegen trat sie zurück. »Die Sonne ist heute etwas heiß für die armen Blumen. Ich will hingehen und nach ihnen schauen.« Sie machte eine leichte Verbeugung mit dem Kopfe und begab sich in das Viridarium, wo sie sich mit der Wartung der Blumen beschäftigte.

»Arme Nydia,« sprach Glaukus, indem er ihr nachsah, »dein Los ist hart. Du siehst nicht die Erde – noch die Sonne – noch das Meer – noch die Sterne – vor allem aber kannst du Jonen nicht sehen.«

Bei diesem Gedanken erinnerte er sich wieder des vorigen Abends, wurde aber nochmals in seinen Träumereien gestört, indem Klodius eintrat. Es war merkwürdig und ein Beweis, wie sehr ein Abend die Liebe des Atheners gesteigert hatte, daß, obgleich er dem Klodius das Geheimnis seines ersten Zusammentreffens mit Jonen mitgeteilt hatte und die Wirkung, die ihr erster Anblick auf ihn machte, er jetzt eine unüberwindliche Abneigung fühlte, selbst ihren Namen zu erwähnen. Er hatte Jonen mitten unter den ausgelassensten und verderbtesten Stutzern Pompejis rein und unschuldig wiedergesehen – die Achtung der Kecksten mehr durch Anmut als zurückstoßendes Wesen gewinnend. Diejenigen, welche ihren Geist nicht verstanden, wurden durch die Magie ihrer Schönheit dem Materiellen entrückt – die für die Reize der Poesie Gefühllosen hatten wenigstens Ohren für den Wohlklang ihrer Stimme. Glaukus fühlte zum erstenmal, als er durch ihre Gegenwart alles zu fleckenloser Reinheit erhoben sah, die Würde seiner eigenen Natur. Er fühlte, daß seine Gefährten und sein Treiben der Göttin seiner Träume nicht entsprächen, er wurde begeistert durch ein Gefühl seines Mutes, indem er es wagte, nach dem Besitze Jonens zu streben. Sie war nicht länger das nur einmal gesehene und in der Erinnerung lebende schöne Mädchen, sie war bereits die Gebieterin, die Gottheit seiner Seele.

Als Klodius mit erheucheltem Entzücken von der Schönheit der Jone sprach, fühlte Glaukus Mißmut und Widerwillen, daß solche Lippen sie zu loben wagten. Er antwortete einsilbig und kalt, und der Römer glaubte, die Leidenschaft des Griechen sei bereits wieder verflogen. Dieses mißfiel dem Klodius durchaus nicht, denn er wünschte, Glaukus möchte noch eine reichere Erbin heiraten, nämlich Julia, die Tochter des Diomedes. Der Spieler hoffte, auch dessen Gold leicht für sich zu gewinnen. Die Unterhaltung zwischen den beiden Freunden verlief nicht so lebhaft und unbefangen als gewöhnlich, und kaum hatte Klodius ihn verlassen, als Glaukus sich auf den Weg nach dem Hause der Jone begab. An der Schwelle seiner Wohnung begegnete ihm wieder Nydia, die ihr anmutiges Geschäft vollendet hatte. Sie erkannte ihn gleich an seinem Gange.

»Du gehst früh aus«, sagte sie.

»Ja, der kampanische Morgen bestraft den Trägen, der ihn versäumt.«

»Ach, könnte ich ihn doch auch genießen!« flüsterte das blinde Mädchen, doch nur so laut, daß Glaukus ihre Klage nicht überhören konnte.

Die Thessalierin blieb noch etwas stehen; darauf suchte sie ihren Weg mit einem langen Stab, dessen sie sich mit großer Geschicklichkeit bediente. Sie verließ bald die besuchteren Straßen und trat in einen Teil der Stadt, der meist nur durch Trunkenbolde und entartete Menschen besucht wurde. Doch ihr Unglück schützte sie vor der Gemeinheit und dem Laster, welche sie umgaben.

Sie klopfte an die Hintertür eines kleinen Wirtshauses; sie ward geöffnet, und eine rauhe Stimme forderte Rechenschaft von ihr über die eingenommenen Sesterzien. Bevor sie noch antworten konnte, sagte eine etwas weniger gemeine Stimme:

»Kümmere dich nicht um diese kleinen Vorteile, mein Burbo. Auf den Festen unseres reichen Freundes wird man der Stimme des Mädchens wieder bedürfen, und er bezahlt, wie du weißt, seine Nachtigallenzungen teuer genug.«

»Oh, ich hoffe nicht – ich denke nicht«, sagte Nydia zitternd. »Ich will betteln vom Morgen bis zum Abend, aber schickt mich nicht wieder dorthin.«

»Und weshalb nicht?« fragte dieselbe Stimme.

»Weil – weil ich jung bin und gut erzogen, und die Mädchen, die ich dort finde, keine geeignete Gesellschaft für mich sind, die – die –«

»Eine Sklavin im Hause des Burbo ist«, erwiderte die Stimme ironisch und mit heiserem Gelächter.

Die Thessalierin setzte ihr Blumenkörbchen nieder und weinte, indem sie sich das Gesicht mit den Händen bedeckte.

Während dieses vorfiel, trat Glaukus in das Haus der schönen Neapolitanerin. Er fand Jone bei ihrer weiblichen Dienerschaft sitzend, die mit Arbeiten beschäftigt war. Zur Seite stand ihre Harfe, denn Jone selbst war an diesem Tag ungewöhnlich untätig, vielleicht ungewöhnlich nachdenkend. Sie schien ihm sogar schöner in dem Morgenlicht und in ihrer einfachen Kleidung, als unter den glänzenden Lampen und mit den kostbaren Edelsteinen, wie in der vorigen Nacht, geziert, und um so mehr, da die blasse Farbe ihrer durchsichtigen Haut bei seiner Annäherung sich in ein hohes Rot verwandelte. Glaukus verschmähte es, die Unterhaltung mit ihr in dem schmeichelnden Ton zu führen, der damals Mode war. Er sprach mit ihr über Griechenland, über ihre gemeinsame Heimat, und Jone horchte still und nachdenkend auf seine Worte. Diese Beschreibungen hatten mehr Wert für sie, als die feinsten Schmeicheleien ihrer zahlreichen Anbeter. War es eine Sünde, ihren Landsmann zu lieben? – Sie liebte in ihm Athen – die Götter ihres Stammes, das Land ihrer Träume, redeten zu ihr in seiner Stimme!

Von jetzt an sahen sie sich täglich. In der Kühle des Abends machten sie Spaziergänge an die herrliche Küste. Ihre Liebe war ebenso innig, als sie schnell sich entzündet hatte, sie füllte alle Ansprüche ihres Lebens aus. Das Herz, der Verstand, das Gefühl, die Einbildungskraft, jede geistige und moralische Eigenschaft wurden zum Priester und Gehilfen dieser Liebe. Es war ganz natürlich, daß sie sich so lieben mußten, sie glaubten, der Himmel selbst billige ihre Neigung. Da sie beide jung, schön und reich waren, so sahen sie nichts, was ihrer Verbindung im Wege stehen könnte. Sie hielten den Altar ihrer Liebe für ein Asyl vor den Sorgen der Erde und wußten nicht, welche Schlangen unter diesen verborgen lagen.

An einem Abend, dem fünften nach ihrem ersten Zusammentreffen in Pompeji, kehrten Glaukus und Jone mit einer Gesellschaft auserlesener Freunde von einer Gondelfahrt längs der Bai zurück. Das Schiffchen flog leicht über die Wellen, deren durchsichtige Fläche nur durch die Ruder in Bewegung gebracht wurde. Während die übrige Gesellschaft sich munter unterhielt, lag Glaukus zu den Füßen Jonens, und er würde in ihr Antlitz geschaut haben, aber er wagte es nicht. Jone brach zuerst das Stillschweigen.

»Mein armer Bruder!« sagte sie seufzend. »Wie würde er sich einst dieser Stunde gefreut haben.«

»Dein Bruder!« sagte Glaukus. »Ach, ich wollte dich schon einmal fragen, ob es nicht dein Bruder war, in dessen Begleitung du vor dem Tempel der Minerva vor Neapel dich von mir trenntest.«

»Ja, er war es«, antwortete Jone etwas traurig. »Und er weilt hier, er ist ein Priester der Isis.«

»Noch so jung, und diese Priesterschaft ist, wenigstens nach ihren Gesetzen, so strenge!« sagte der Grieche verwundert und mitleidig. »Was konnte ihn dazu veranlassen?«

»Er war immer enthusiastisch in seinen religiösen Ansichten, und die Beredsamkeit eines Ägypters – unseres Freundes und Beschützers – erweckte in ihm das fromme Verlangen, dem geheimnisvollen Dienst der mystischen Göttin sich zu widmen.«

»Hoffentlich bereut er nicht diese Wahl?«

Jone seufzte und bedeckte das Antlitz mit ihrem Schleier.

»Ich wünschte,« sagte sie nach einer Pause, »er hätte nicht so übereilt gehandelt. Vielleicht fühlt er sich, wie alle, die zu viel erwarten, zu bald enttäuscht!«

»Er ist also nicht glücklich in seinem neuen Stande – und dieser Ägypter, war er selbst ein Priester? War er dabei interessiert, neue Mitglieder für die Gesellschaft zu werben?«

»Nein, es geschah nur aus reiner Teilnahme für unser Schicksal. Wir verloren früh unsere Eltern, und Arbaces bestrebte sich, uns diesen Verlust zu ersetzen.«

»Arbaces! Ich kenne ihn. Wenigstens sprechen wir zusammen, wenn wir uns begegnen. Aber deines Lobes ungeachtet verlange ich nicht, ihn näher kennenzulernen. Dieser stolze Ägypter, mit seinem finsteren Blick und dem kalten Lächeln, macht einen unheimlichen Eindruck auf mich.«

»Seine Ruhe, seine Kälte«, sagte sie, »sind vielleicht nur die Folgen früherer Leiden, sowie es bei jenem Berge der Fall ist – und sie zeigte auf den Vesuv –, der uns in der Ferne finster und ruhig erscheint und einst das für immer erloschene Feuer nährte.«

Sie blickten beide nach dem Berge, als Jone diese Worte aussprach. An dem Himmel glänzte ein rosiges Farbenspiel, doch über jener grauen Spitze, die sich aus den Wäldern und Weingärten erhob, welche damals die halbe Höhe erreichten, hing eine schwarze und verhängnisvolle Wolke als das einzige düstere Bild in der ganzen Landschaft. Eine plötzliche, unwillkürliche Schwermut bemächtigte sich ihrer, als sie dorthin blickten, und in jener Sympathie, welche die Liebe sie bereits gelehrt hatte, und die bei der geringsten Äußerung, dem kleinsten Vorgefühl eines Unglücks, in gegenseitiger Teilnahme sie Schutz suchen ließ, begegneten sich ihre Blicke zugleich voll unaussprechlicher Zärtlichkeit. Bedurfte es wohl der Worte, um sich zu sagen, dass sie sich liebten?

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.