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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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38.

Der Zug des Ägypters bewegte sich langsam und feierlich bis an den Punkt, wo diejenigen, welche in Sänften oder Wagen gekommen waren, aussteigen mußten. Arbaces begab sich an den Eingang, der für die vornehmsten Zuschauer bestimmt war. Seinen Sklaven wurden durch Beamte, die ihre Billette in Empfang nahmen, Plätze in den für das Volk bestimmten Sitzen angewiesen. Arbaces überblickte jetzt von dem Orte aus, wo er saß, die ungeheure Volksmenge, die das geräumige Theater erfüllte.

Die Weiber saßen in den oberen Reihen, getrennt von den Männern, ihre bunten Kleider erschienen wie ein farbiges Blumenbeet. Es ist unnötig, zu bemerken, daß sie der redseligste Teil der Gesellschaft und viele Blicke auf sie gerichtet waren, besonders von den Bänken, wo die jungen und unverheirateten Männer saßen. Auf den niedrigsten Stufen rund um die Arena befanden sich die angesehensten und reichsten Zuschauer: die Behörden, Senatoren und alle Personen von ritterlicher Würde. Die Korridore, welche rechts und links zu diesen Sitzen führten, endigten an den schmalen Seiten der ovalen Arena, und dort waren auch die Eingänge für die Kämpfer. Hohe Palisaden verhinderten hier die wilden Tiere, auszubrechen, und beschränkten sie auf die ihnen angewiesene Beute. Durch das ganze Gebäude wanden sich Röhren, aus denen in der Hitze des Tages die Zuschauer mit kühlem und erquickendem Wasser besprengt wurden.

Das Spiel begann damit, daß die Gladiatoren in einem feierlichen Zuge unter dem Schmettern der Trompeten in die Arena rückten. Sie machten langsam und gemessen in dem ovalen Raum die Runde, damit die Zuschauer mit Muße ihre abgehärteten und furchtlosen Gesichter, ihre kräftigen Gestalten und muskulösen Arme betrachten und die Wetten eingehen konnten, welche die Laune und Aufregung des Augenblicks hervorriefen.

»Oh!« rief die Witwe Fulvia der Gattin des Pansa zu, als beide sich von ihrem Sitz herabbeugten. »Sahst du jenen riesenhaften Gladiator? Wie drollig er ausgestattet ist.«

»Ja«, sagte die Frau des Ädilen, die die Namen aller Kämpfer kannte. »Es ist ein Retiarius, und, wie du siehst, bloß mit einem dreizackigen Speer und mit einem Netz bewaffnet. Er trägt keine Rüstung, bloß die Binde und eine Tunika. Er ist ein starker Mann und wird mit dem Sporus, jenem stämmigen Gladiator mit dem runden Schilde und dem Schwerte, jedoch ebenfalls ohne Rüstung, kämpfen. Er hat den Helm jetzt nicht auf, damit man sein Gesicht sehen kann. Später wird er jedoch mit geschlossenem Visier auftreten.«

»Aber ein Netz und ein Speer sind doch gegen ein Schild und Schwert ungleiche Waffen.«

»Man sieht, wie unerfahren du noch bist, teure Fulvia; der Retiarius steht im Vorteil.«

»Aber wer ist jener schöne Gladiator, der fast nackt ist – es paßt sich doch eigentlich nicht! Bei der Venus, wie vollkommen ist er gebildet!«

»Es ist Lydon, ein junger Anfänger. Er ist so übermütig, es mit dem Tetraides aufnehmen zu wollen. Sie kämpfen zuerst nach der griechischen Art, mit Cestus, später in Rüstungen, mit dem Schild und Schwert.«

»Dieser Lydon ist ein hübscher Mann, und die Frauen sind ihm gewiß günstig.«

»Aber nicht die erfahrenen Wetter. Klodius bietet drei gegen eins auf ihn.«

»O Zeus, wie schön!« rief die Witwe, als zwei Gladiatoren, von Kopf bis zu Fuß bewaffnet, auf leichten und mutigen Pferden in die Arena ritten. Sie glichen den Rittern in den Turnieren im Mittelalter, trugen Lanzen und runde, schöne Schilde mit eingelegter Arbeit. Die starke, eiserne Rüstung bedeckte jedoch bloß die Lenden und den rechten Arm, die kurzen, bis auf den Sattel gehenden Röcke gaben ihnen ein malerisches Ansehen. An den Füßen trugen sie bloß Sandalen, die etwas über dem Knöchel befestigt waren. »Oh, wie schön! Wer sind diese?« fragte die Witwe.

»Der eine heißt Berbix – er ist zwölfmal Sieger gewesen; der andere führt den übermütigen Namen Nobilior. Es sind beides Gallier.«

Jetzt waren die ersten Einleitungen und Förmlichkeiten des Schauspiels vorüber. Darauf folgte ein Scheinkampf mit hölzernen Schwertern zwischen den verschiedenen Gladiatoren, die gegeneinander bestimmt waren. Unter diesen erregte die Geschicklichkeit zweier römischer Gladiatoren, welche für dieses Fest gemietet waren, besonderes Aufsehen, und nach ihnen wurde Lydon am meisten bewundert. Dieses Scheingefecht dauerte kaum eine Stunde. Die Kämpfer wurden jetzt, wie es vorher verabredet worden, in Paare gesondert, ihre Waffen untersucht, und die ernsteren Spiele des Tages begannen unter dem tiefsten Stillschweigen, welches nur durch die kriegerische Musik unterbrochen wurde, die zum Kampfe rief.

Es war beschlossen worden, daß die beiden Reiter die Szene eröffnen sollten, und auf ein von Pansa gegebenes Zeichen jagten sie gleichzeitig aufeinander los, jeder seine leichte, aber feste Lanze in der Luft wiegend. Aber als Berbix nur ungefähr drei Schritte von seinem Gegner entfernt war, hielt er plötzlich sein Pferd an, machte eine kleine Wendung, und da Nobilior bei ihm vorbeischoß, stieß er nach ihm. Nobilior fing jedoch mit zurückgehaltenem Schilde gewandt den Stoß auf, der sonst gefährlich gewesen sein würde.

»Bravo, Nobilior!« rief der Prätor.

»Brav gestoßen, mein Berbix!« sagte Klodius von seinem Sitz. Und die Aufregung des Volkes machte sich jetzt auch durch manches wilde Rufen und Jauchzen Luft. Die Visiere beider Reiter waren (wie später die der Ritter) vollkommen geschlossen, der Kopf war aber dennoch der Hauptangriffspunkt. Und Nobilior, der jetzt sein Roß mit nicht weniger Geschicklichkeit als sein Gegner wendete, richtete seine Lanze gerade auf den Helm seines Feindes. Berbix erhob seinen Schild, um sich zu decken, der scharfblickende Nobilior aber benutzte diesen Augenblick, um ihm seine Waffe plötzlich in die Brust zu stoßen. Berbix wankte und fiel.

Das Volk, welches noch zu keiner grausamen Stimmung aufgeregt war, machte das Zeichen der Gnade. Als aber die Beamten der Arena sich näherten, fanden sie, daß die Milde zu spät komme. Das Herz des Galliers war durchbohrt, und seine Augen waren schon gebrochen. Mit dem Blut, das so schwarz über den Sand der Arena strömte, war auch sein Leben entronnen.

»Es ist schade, daß es so bald vorbei war«, sagte die Witwe Fulvia.

»Ja, ich habe auch kein Mitleid mit dem Berbix. Man konnte leicht sehen, daß Nobilior bloß eine Finte machte.«

»Nun, wenn der Kampf so kurz war, so folgt wenigstens schnell wieder ein anderer. Sieh, da tritt mein schöner Lydon auf die Arena, und auch der mit dem Netz und dem Schwert. O vortrefflich!«

Es befanden sich jetzt sechs Kämpfer auf dem Platz – Niger mit seinem Netz gegen den Sporus mit dem Schilde und kurzem Schwert – Lydon und Tetraides, ganz nackt, außer daß sie einen Gürtel um den Leib trugen, jeder nur mit einem schweren griechischen Cestus bewaffnet – und zwei Gladiatoren aus Rom, ganz in Stahl gehüllt und mit großen Schilden und spitzen Schwertern.

Da der Kampf zwischen Lydon und Tetraides am wenigsten gefährlich war, so blieben, als diese in die Mitte der Arena getreten waren, die übrigen noch stehen, um diesen Kampf erst entscheiden zu lassen, bevor sie selbst ihre Feindseligkeiten begannen.

Es konnte wohl kaum zwei verschiedenartigere Gestalten geben als die beiden Kämpfer, die jetzt aufeinander eindrangen. Tetraides war gedrungen und stämmig, ein wahrer Koloß von Fleisch und Muskeln. Lydon aber war schlank und sehr ebenmäßig gebaut, und was vielleicht an Körperkraft fehlte, das ersetzte er durch seine außerordentliche Gewandtheit. »Nimm dich in acht!« schrie Tetraides, indem er seinem Feinde immer näher rückte, der zwar nicht zurückwich, aber sich mehr im Kreise um ihn bewegte.

Lydon erwiderte nur durch einen verächtlichen Blick. Tetraides schlug zu, es war ein Schlag wie der des Schmiedes auf den Amboß. Lydon sank plötzlich auf die Knie, und der Schlag ging über seinen Kopf weg. Er sprang schnell wieder auf und versetzte seinem Gegner einen gewaltigen Hieb auf die Brust. Tetraides wankte, das Volk jauchzte.

»Du bist heute unglücklich,« sagte Lepidus zu Klodius; »eine Wette hast du schon verloren, gleich wirst du auch die andere verlieren.«

»Wenn das geschieht, so muß ich, bei den Göttern!, meine Bronzen auf die Auktion schicken. Ich habe nicht weniger als hundert Sesterzen auf Tetraides gewettet, ha, ha! Sieh, wie er sich wieder aufrafft! Das war ein Meisterstreich, er hat dem Lydon die Schulter aufgehauen. Nur zu, Tetraides, nur zu!«

»Aber Lydon ist noch nicht entmutigt. Beim Pollux! Wie gut er aushält. Sieh, wie gewandt er jenen tüchtigen Fäusten entgeht. Bald hier, bald dorthin springend – immer seinen Gegner umkreisend. Ach, armer Lydon, er wurde wieder getroffen. Tetraides lacht laut, er stürzt auf ihn zu!«

»Der Narr! Sein Glück verblendet ihn, er sollte vorsichtiger sein. Lydon hat Augen wie ein Luchs!« murmelte Klodius zwischen den Zähnen.

»Ha, Klodius; siehst du? Tetraides wankt! Noch ein Schlag – er sinkt – er fällt!«

»Er springt wieder auf, aber das Blut strömt ihm das Gesicht hinunter!«

»Beim Donnerer! Lydon siegt. – Wie er ihn verfolgt! Der Schlag auf die Schläfe hätte einen Ochsen niederwerfen können, er hat den Tetraides niedergestreckt. Er kann sich nicht mehr rühren.«

»Er ist besiegt«, sagte auch Pansa. »Führt sie hinaus und gebt ihnen die Rüstung und die Schwerter.«

»Edler Editor,« sagte der Beamte, »ich fürchte, daß Tetraides sich nicht so bald wieder erholen wird, aber wir wollen sehen.« Nach einigen Augenblicken kehrten die Beamten, welche den Gladiator hinausgetragen hatten, mit bedenklichen Gesichtern zurück. Sie fürchteten für sein Leben, auf jeden Fall aber war er gänzlich unfähig, jetzt die Arena wieder zu betreten.

»Dann nehmt den Lydon«, sagte Pansa, »als Überzähligen, daß er die Stelle des ersten Gladiators vertrete, der überwunden wird.«

Das Volk jauchzte dieser Bestimmung Beifall zu, darauf wurde wieder alles still, bis die Trompeten ertönten. Die vier Kämpfer standen sich drohend gegenüber.

»Kennst du die Römer, mein Klodius? Gehören sie zu den berühmteren Gladiatoren?«

»Eumolpus führt das Schwert vortrefflich, mein Lepidus. Den kleineren Mann, Nepimus, habe ich früher nie gesehen, aber er hat eine gute Schule gehabt, es wird gewiß ein tüchtiger Kampf werden. Doch das Spiel macht mir kein Vergnügen mehr, ich kann mein Geld nicht wiedergewinnen. Verflucht sei jener Lydon, wer konnte glauben, daß er so gewandt oder so glücklich sein werde!«

Als der Kampf in dem Amphitheater begonnen hatte, befand sich ein Zuschauer in den oberen Sitzen, für den er das größte Interesse haben mußte. Der alte Vater des Lydon hatte, trotz seines Widerwillens gegen solche Schauspiele, in seiner innigen Teilnahme für das Schicksal seines Sohnes, dem Drange nicht widerstehen können, sich ebenfalls einzufinden. Mitten unter dem wilden Pöbel sah und hörte der alte Mann nichts, als was auf seinen Sohn Bezug hatte. Kein Laut war seinen Lippen entflohen, als er zweimal seinen Sohn hatte fallen sehen. Er war bloß bleicher geworden, und seine Glieder hatten gezittert. Aber als er ihn siegen sah, konnte er einen leisen Ausbruch der Freude nicht zurückdrängen. Der arme Greis wußte nicht, daß jener Sieg nur das Vorspiel zu einem noch schrecklicheren Kampfe sein würde.

Die Teilnahme der Zuschauer wandte sich jetzt dem Niger und Sporus zu, teils weil diese Art des Kampfes gewöhnlich die gefährlichsten Folgen hatte, teils weil sie eine große Gewandtheit voraussetzte. Die Gegner standen ziemlich weit voneinander. Der eigentümliche Helm, den Sporus trug, und dessen Visier hinabgelassen war, verbarg sein Gesicht, aber die Züge des Niger zogen durch ihre Wildheit aller Blicke auf sich. Sie standen einige Augenblicke still, sich gegenseitig beobachtend, bis Sporus langsam und mit großer Vorsicht sich näherte, sein spitzes Schwert gerade vor sich auf die Brust des Feindes gerichtet, während Niger, das Netz in der rechten Hand, sich langsam zurückzog. Plötzlich drang der Retiarius, als Sporus ihm ziemlich nahe war, vor, und suchte ihn mit dem Netze zu fangen. Der Gladiator entwich durch eine schnelle Bewegung seines Körpers, er stieß einen scharfen Ton der Wut und Freude aus und drang auf Niger ein. Dieser hatte jedoch sein Netz wieder zurückgezogen und lief jetzt mit einer Schnelligkeit im Kreise umher, so daß ihm sein Verfolger nur schwer nachkommen konnte.

Inzwischen waren aber auch die beiden römischen Gladiatoren näher aneinandergeraten und boten alle Künste auf, um sich gegenseitig einen Vorteil abzugewinnen. Plötzlich brachte Cumolpus, der ältere Gladiator, durch einen gewandten Seitenhieb dem Nepimus eine Wunde bei. Das Volk jubelte, Lepidus wurde bleich.

»Ho!« sagte Klodius. »Cumolpus hat so gut wie gewonnen, wenn er jetzt nur ruhig bleibt, denn der andere wird sich dann nach und nach verbluten.«

»Aber den Göttern sei Dank! Er bleibt nicht ruhig! – Sieh, wie er auf seinen Gegner eindringt. Beim Mars! Nepimus wehrt sich gut! Das war ein tüchtiger Hieb auf den Helm! Klodius, ich werde gewinnen!«

»Weshalb lasse ich mich auf ein anderes Spiel als die Würfel ein!« murmelte Klodius verdrießlich.

»Vorwärts, Sporus, vorwärts!« rief jetzt wieder das Volk, als Niger, der plötzlich stehengeblieben war, nochmals sein Netz vergeblich ausgeworfen hatte. Dieses Mal war er nicht schnell genug gewesen, es zurückzuziehen, Sporus hatte ihm eine tiefe Wunde in das rechte Bein beigebracht, und da er jetzt nicht mehr fliehen konnte, so rückte ihm sein wilder Gegner immer näher. Die Länge seines Arms und seine Größe gewährten ihm aber noch bedeutende Vorteile, und er hielt mit vorgestrecktem Dreizack seinen Feind noch einige Augenblicke zurück. Sporus suchte nun durch schnelle Bewegungen dem Niger in den Rücken zu kommen, weil dieser durch die Wunde unbehilflicher geworden war. Er näherte sich aber dem Riesen zu sehr, und als er seinen Arm zu einem gewaltigen Hiebe erhob, trafen ihn die drei Spitzen der gefährlichen Waffe mitten in die Brust! – Er sank auf die Knie. Im nächsten Augenblick war das Netz über ihn geworfen. Vergebens waren seine Bemühungen, es abzustreifen, und nochmals durchbohrte ihn der fürchterliche Trident! Sein Blut strömte durch das Netz und rötete den Sand! Er ließ die Waffen sinken, ein Zeichen, daß er sich für überwunden erklärte.

Der siegende Retiarius zog sein Netz zurück und erwartete den Beschluß der Menge, indem er sich auf seinen Speer lehnte. Der besiegte Gladiator ließ seine verzweifelnden Blicke in der Versammlung flehend umherirren, aber überall begegnete ihm nur der Ausdruck der Grausamkeit und Schadenfreude! Keine Hand, selbst keine weibliche, gab das Zeichen der Gnade und des Lebens! Das Volk war blutdürstig geworden; es verlangte ein Opfer!

Der Gladiator fühlte, daß seine Stunde gekommen sei, aber man hörte keinen Laut des Schreckens und der Todesangst. Ruhig bot er seinen Nacken dar. Und jetzt trat ein Mann in die Arena, der ein kleines, scharfes Schwert schwang und dessen Gesicht unter einem Visier verborgen war. Mit langsamen, gemessenen Schritten näherte sich dieser schreckliche Scharfrichter dem Gladiator, der noch auf den Knien lag, faßte mit der linken Hand die Spitze seines Helms, legte die scharfe Klinge an seinen Nacken und blickte noch einmal auf die Versammlung, ob sie vielleicht in diesem letzten Augenblick ihren Entschluß noch ändern werde. Aber es geschah nicht, die Klinge glänzte in der Luft und eine Sekunde später sank der Gladiator tot in den Sand.

Sein Körper wurde sofort durch die Pforte des Todes aus der Arena geschleift und in die finstere Höhle geworfen, welche man das Spolarium nannte. Noch ehe er diesen Ort erreicht hatte, war der Kampf zwischen den übrigen Gegnern schon entschieden. Eumolpus hatte seinem weniger erfahrenen Feinde die Todeswunde beigebracht, und ein neues Opfer wurde hinausgeschleift.

In der Versammlung bemerkte man jetzt eine allgemeine Bewegung. Man atmete wieder freier, und jeder ließ sich auf seinen Sitz nieder. Aus den verborgenen Röhren und Schläuchen wurde jede Bank mit einem erfrischenden Tropfregen besprengt. Man unterhielt sich ruhig und unbefangen über das eben beendete blutige Schauspiel.

Der Editor verkündete jetzt laut, daß, da Niger wegen seiner Wunde die Arena noch nicht betreten könne, Lydon den Kampf mit Eumolpus fortsetzen werde.

»Wenn du aber«, fuhr er, zu Lydon sich wendend, fort, »mit einem so tapferen und erfahrenen Gegner es nicht versuchen willst, so steht es dir vollkommen frei, zurückzutreten, da Eumolpus nicht ursprünglich für dich bestimmt war. Unterliegst du im Kampfe, so ist ein ehrenvoller Tod dein Los; siegst du aber, so will ich aus meiner eigenen Börse den festgestellten Preis verdoppeln.«

Das Volk klatschte Beifall. Lydon stand in den Schranken, er blickte umher in der Versammlung. Doch oben sah er das bleiche Antlitz, die ängstlichen Blicke seines Vaters. Er schien einen Augenblick unentschlossen. Aber nein, der Preis für seinen Sieg mit dem Cestus genügt noch nicht, sein Vater war noch ein Sklave!

»Edler Ädil,« erwiderte er mit fester und tiefer Stimme, »ich trete nicht zurück! Für die Ehre Pompejis verlange ich den Kampf mit diesem Römer!«

Das Volk jubelte noch lauter als vorher.

Gerade in diesem Augenblick wurde dem Prätor durch einen Beamten der Arena ein Brief übergeben. Er löste die Schnur von demselben, las ihn schnell durch, seine Züge verrieten Erstaunen und Verlegenheit. Er las den Brief nochmals, dann murmelte er: »Es ist unmöglich, der Mann muß schon am Vormittag betrunken sein, daß er sich solche Torheiten träumen läßt!« Mit diesen Worten warf er das Schreiben nachlässig beiseite und wendete wieder seine ganze Aufmerksamkeit auf die Spiele.

Die Teilnahme des Publikums war jetzt sehr gesteigert. Mit herabgelassenen Visieren und gezückten Schwertern standen sich die beiden Kämpfer gegenüber.

Eine Weile wogte der Kampf unentschieden hin und her. Wenn auch der Römer der überlegenere zu sein schien, so verteidigte sich doch Lydon ausgezeichnet. Plötzlich aber erhielt er durch Eumolpus einen gewaltigen Hieb auf den Kopf, daß er tief in die Knie sank.

Zwar raffte er sich noch einmal mit gewaltiger Willensanspannung aus, aber man merkte ihm nun doch an, wie er den kräftigen Angriffen des erfahrenen Römers immer mehr nachgeben mußte. Sein Arm erschlaffte, vor den Augen wurde es ihm schwindlig, er holte tief und schwer Atem. Die Kämpfer machten wieder eine kleine Pause, um sich auszuruhen.

»Junger Mann«, flüsterte Eumolpus leise seinem Gegner zu. »Ich will dich leicht verwunden, dann senke deine Waffen. Das Volk und der Editor sind dir gewogen, du wirst ehrenvoll aus dem Kampfe scheiden!«

»Und mein Vater wird ein Sklave bleiben!« murmelte Lydon. »Nein, den Tod oder seine Freiheit!«

Da er sich überzeugt hatte, daß die Ausdauer des Römers seine eigenen Kräfte überbot, so schien ihm alles noch von einem verzweifelten und plötzlichen Angriff abzuhängen. Er drang daher wild auf den Eumolpus ein, der Römer wich zurück. Lydon stieß zu, aber das Schwert glitt von dem Harnisch seines Gegners ab, und diesen Augenblick benutzte der Römer, um seine Waffe in die Gelenke der Rüstung des Lydon zu stoßen, indem er keine tiefe Wunde beabsichtigte. Aber Lydon wankte, schwach und erschöpft – sank vornüber, und das Schwert drang ganz in seinen Körper. Eumolpus zog die Klinge schnell heraus, Lydon suchte sein Gleichgewicht noch zu behaupten, aber das Schwert entsank seiner Hand, und er fiel auf die Arena. Der Editor und die ganze Versammlung gaben einstimmig das Zeichen der Gnade. Die Beamten der Arena näherten sich, sie nahmen dem Besiegten seinen Helm ab. Er atmete noch, seine Augen starrten wütend auf seinen Feind. Die Wildheit, welche er in seinem Berufe angenommen hatte, malte sich noch in den Zügen, auf welche bereits die Schatten des Todes herniedersanken, dann schlossen sich seine Augen, und sein Haupt sank zurück auf die Erde.

»Bringt ihn fort«, sagte der Ädil. »Er hat seine Schuldigkeit getan!«

Die Beamten trugen ihn fort nach dem Spolarium, während das Theater mit einem wohlriechenden Tropfregen besprengt wurde und die Diener frischen Sand auf die Arena streuten.

»Jetzt bringt den Löwen und Glaukus, den Athener«, sagte der Editor.

Und es bemächtigte sich der ganzen Versammlung ein Gefühl des Schreckens, das wie ein schwerer Traum alles in Spannung hielt.

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